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Full text of "Ethnologisches Notizblatt"

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Case 



Shilf 



HARVARD UNIVERSITY. 




LIBRARY 



OF THE 



PEABODY MUSEUM OF AMEEIOAN 
AEOKEOLOGYAND ETHNOLOGY. 



Ay MAi -^^t^^^c^ - 



Received 




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Ethnologisches Notizblatt. 



Herausgegeben 



von der 



Direktion des Königlichen Museums für Völkerkunde 

in Berlin. 



Heft L 



Mit 41 in den Text gedruckten Abbildungen und einer 
farbigen Tafel. 




BERLIN 1894. 
Verlag von Emil Felber. 



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^uS.^S" 



,r.i O) 



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Inhalt. 



8«h* 

Vorbemerkungen V 

König Manama 1 

Über eine chinesische Bildrolle 7 

Nene Erwerbungen aus Hinter-Indien 11 

yDie grossen Steinskulpturen des Museo Nacional de Mexico 19 

Ober die Pfeifen der Bali 32 

Ein Bronzeger&t aus China 85 

Die Dolmen auf Tonga 36 

Pnrrah-Maske 37 

MiszeUen 39 

Bücherschau 45 

Betreffs der Ethnologischen Sammlung des Kamerun-Comit^s 66 



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Königliches Museum far Völkerkunde. 



Direktor: A. Bastian. 



Ethnologische Abteilung. 



Prof. Dr. A. Grünwedel 
Prof. Dr. W. Grube 
Dr. F. von Luschan 
Dr. W. Seier 



Direktorial -Assistenten . 



Dr. P. W. K. Müller 
Dr. Weule 



Hifsarbeiter. 



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Vorbemerkungen. 



Im Anschluss an die »Veroffeutlichangen des Königlichen Museums 
für Völkerkundec liegt es in Absicht, in zwanglosen Heften, je nachdem 
das Bedürfnis hervortritt, Notizen über neue Erwerbungen herauszugeben 
für vorläufig kurze Kenntnisnahme, vorbehaltlich späterer wissenschaft- 
licher Durcharbeitung, wofür die Hefte der seit dem Jahre 1889 heraus- 
gegebenen Museumsschrift bestimmt sind. 

Eine Vermehrung periodisch erscheinender Publikationen für litte- 
rarische Besprechung beeinträchtigt leichtlich die Bequemlichkeit des 
sachlich interessierten Leserkreises, da Abhandlungen, deren er zum Nach- 
schlagen bedarf, aus unübersichtlicher Zerstreuung zusammenzusuchen, mehr 
kostbare Zeit oft kostet, als der Mühe wert war, (wie experientia docet). 

Betreffs litterarischer Nachweise ist der Ethnologie eine ausnahmsweis 
weite Umschau aufgezwungen über fast sämtliche geographische Zeit- 
schriften, viele medizinische, die biologischen und anschliessenden unter 
den Naturwissenschaften, die philologisch-linguistischen und archäologischen 
für mancherlei Rücksichtnahmen, kunstkritische, technische, volkswirt- 
schaftliche, die der vergleichenden Rechtsknnde u. s. w. um so mehr 
wird in fachgenossentlich engerem Kreis eher Hinneigung zur Konzen- 
trierung gefühlt werden, oder eine Fusion, wie sie neuerdings zwischen 
leitenden Blättern sich vollzogen hat, zur Empfehlung kommen (für 
die Benutzung). Gleichem Zwecke dienlich, ist von den beiden Or- 
ganen, welche die zugehörige Fachwissenschaft vertreten, — in ihrem all- 
gemeinen Charakter und dem hiesig lokalen Zweig (das Archiv für An- 
thropologie und die Zeitschrift für Ethnologie), — von deren Gründungsbe- 
ginn ab ein (durch das Korrespondenzblatt vermitteltes) Zusammenarbeiten 
hergestellt und festgehalten worden für die deutschen Mitglieder und 
deren Leserkreis, während durch das internationale Archiv (auf dem 
neutralen Boden eines Koloniallandes) weitere Vereinigungen ange- 
bahnt sind; obwohl daneben dann allerdings der ethnische Poly- 
glottismus zur Aussprache kommt in den vielsprachigen Zeitschriften, 
die durch die Bedürfnisse der Zeit aus jedem Kulturlande der beiden 
Hemisphären hinzugezogen werden müssen, und auf dem neuen Boden der 
Neuen Welt besonders einen rasch erstarkenden Litteraturzweig hervor- 



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VI 

gerufen haben, der alljährlicli mit reichen Gaben wohlausgereifter 
Früchte die Forscherthatigkeit ernährt (aus den auf heimischem Boden 
gefüllten Speichern). 

Bei derartig, aus der Sachlage, unvermeidlichen Zersplitterung der 
periodischen Publikationen liegt kein Verlangen vor nach mehr, ausser, wenn 
sich im Hinblick auf die internen Angelegenheiten der Museen untereinander 
ein Sprechsaal errichten Hesse für Mitteilungen über Dublettenaustausch, 
Eatalogisierungsweisen, Kundgebung von Novitäten etc., und es wird der 
geeignete Zeitpunkt, einem solchen Unternehmen näher zu treten, in der 
Hauptsache von der Fertigstellung der im Bau begrififenen Museen ab- 
hängig zu bleiben haben. In der Zwischenzeit wäre eine provisorische 
Aushilfe geboten durch Ausgabe loser Blätter, je nach dem lokalen Be- 
dürfnisse der einzelnen Museen. 

Der Pflicht prompter Mitteilung über neu einlaufende Erwerbungen, 
deren Kenntnisnahme den auf gleichem Forschungsfelde beschäftigten 
Mitarbeitern dienlich sein würde, kann selten nur nach Wunsch genügt 
werden; denn selbst hier in Berlin, wo bei dem Bestände unserer an- 
thropologisch-ethnographischen Gesellschaft die Vorlage in den Monats- 
sitzungen ermöglicht bleibt, stösst der direkte Anschluss der Publikationen 
aus redaktionellen Gründen manchmal auf Schwierigkeiten, die der Sach- 
lage nach nicht wohl zu mindern sind. 

Solch' unvermeidliche Hinzogerungen kommen besonders störend zur 
Empfindung, so oft durch wertvolle Erwerbungen die Verpflichtung zu 
baldiger Rücksichtnahme auferlegt ist, zumal wenn es gilt, hochsinniger 
Gönnerschaft die Anerkennung zu zollen, die für Förderung wissenschaft- 
licher Bestrebungen möglichst unverzüglich geschuldet wird. Im Unter- 
schied von solchen Instituten, die sich in der Hauptsache durch ge- 
schäftliche Ankäufe zu komplettieren pflegen, sind die ethnologischen 
Museen, gleich anschliessend naturhistorischen, auf die wohlgeneigte Thätig- 
keit der Sammler vornehmlich hingewiesen, da nur durch ihre, aus eigenem 
Antrieb geleistete, Mithilfe die für den induktiven Aufbau der Menschen- 
und Völkerkunde benötigten Materialien unter den, deren Brauchbarkeit 
für wissenschaftliche Verwertung garantierenden, Kautelen sich beschaffen 
lassen. 

Bei dem in rapiden Progressionen gesteigerten Hinschwinden der 
ethnischen Originalitäten kann nicht offc genug der Mahnruf wiederholt 
werden an rasche Handanlegung, um wenigstens das in letzter Stunde 
noch zu retten, was hier uud da aus der fortbrausenden Zerstörung übrig 
sein mag, um dann das glücklich etwa Gesicherte fernerem Risiko zu 
entheben und ohne Zeitverlust dort niederzulegen, wo (vor Verzettelung 
und Verschleppung durch Aussenstehende, die den intrinseken Wert der 



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vn 

Sammlung nicht kennen, geschützt) solche Wertstücke, ihres Wertes 
würdig, unter kompetente Hut gestellt sind, — in denjenigen öffentlichen 
Anstalten nämlich, welche zu dem Zwecke errichtet sind, um diese Doku- 
mente der Menschheitsgeschichte in ihren Schatzhäusem dauernd zu 
bewahren. Was seitens des Eigentümers für Reiseerinnerung gern bewahrt 
zu werden pflegt, wird eine wesentliche Beeinträchtigung nicht zu fürchten 
haben, da die derartige Wünsche befriedigenden Schaustücke den Museen 
durchschnittlich bereits genugsam in Besitz sind. Stets aber ist es ratsam, 
die heimgebrachten Privatsammlungen Sachkundigen zur Durchsicht zu 
unterbreiten, weil gerade ein für Laienaugen unscheinbarstes Stück 
Kleinodien kostbarster Art oftmals einschliessen mag für wissenschaft- 
liche Ausbeutung. 

So oft ein Beisender als Pfadfinder auf neuen Entdeckungsbahnen 
in ein, ethnographischer Kunde bisher entzogenes, Terrain gelangt, muss 
er voll und ganz von der Bedeutung der Aufgabe durchdrungen bleiben, 
deren Lösung durch die Gunst des Geschickes in seine Hände gelegt 
ist. Im Augenblicke des Kontaktes entscheidet dort das Schicksal, 
welcherlei Kunde über den neu entschleierten Teil der Erde den Annalen 
des Menschengeschlechtes für künftighin einverleibt bleiben wird, ob der 
Völkergedauke in typisch echter Prägung oder einer Entstellung, die 
niemals wieder in integrum restituiert werden kann. Denn der Beisende, 
der als erster Weisser unter einem })isher al^eschlossenen Wildstamme 
erscheint, hat in das, was er als organisch sprossendes Naturprodukt 
psychischer Schöpfungen vor sich sieht, mit der für den Zweck seiner 
Sammelthätigkeit beginnenden Berührung nun auch schon den Zersetzuugs- 
keim hineingeworfen, sodass es fortab dahin ist auf immer, wenn an 
dem Massstab ursprünglicher Originalität geprüft, auf ungetrübte Echtheit 
hin. Es handelt sich vom Standpunkt arischer Kultur vornehmlich darum, 
dass dieser einverwachsen angehörige Leitungsrichtungen in einen 6e- 
daukengang hineingetragen werden, der dadurch in demjenigen typischen 
Charakter geschädigt wird, unter welches Fortbewahrung, als reines Ver- 
gleichungsobjekt, der komparativen Methode wertvollste Dienste hätten 
geleistet werden können. 

Mit einer in ürsprungsfragen verlaufenden Ursprünglichkeit hat solche 
Betrachtungsweise nichts zu thun; ob und welcherlei Wandlungen der 
von dem Entdeckungsreisenden (in bisher dem Gesichtskreis entrückter 
Abgelegenheit) angetroffene Stamm bereits eingegangen haben mag, bleibt 
vorläufig, insofern (unter allen Vorbehalten) noch indifferent bei der Moment- 
aufnahme des Gesamtverhaltes zur Zeit einer ersten Begistrierung des psychi- 
schen Barometerstandes, wie aktuell vorgefunden. Von der Zuverlässigkeit 
solcher Notierungen wird es dann unabänderlich abhängig bleiben, ob und 



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VIII 

inwieweit weiterhin den Deutungen im Detail wird nachgegangen werden 
können, bei richtiger Führung. 

Unter solchen Gesichtspunkten haben ethnologische Studien yoroehm- 
lich dem ersten Pionier auf wissenschaftlichen Fahrten die höchste Befrie- 
digung zu gewähren« 

Was der Entdeckungsreisende aus dem von ihm erschlossenen For- 
schungsgebiete als Erstlinge seiner Ernte heimbringt, wird in der Republik 
naturwissenschaftlicher Disziplinen überall ehrfurchtsvoll eni^egen genommen 
und als Weihgeschenk niedergelegt werden in den Sammlungen der 
Zoologie, der Botanik, der Mineralogie oder welch anderer. Erklärlicher- 
weise wird jedoch der Nachfolger dessen, der die erste Lichtung geschlagen 
hat, bequemere Wege, unter Erleichterung der Transportmittel, bereits 
vorfinden und also, wie zu vermuten steht, Gelegenheit haben, zoologische, 
phytologische, mineralogische, geologische Sammlungen auf umfang- 
reicherer Grundlage und in sorgfältigerer Präparierung zu beschaffen als 
sein Vorgänger, der mit grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte für 
ersten Fussauftritt. unter den Sammlungen der Museen werden also die 
späteren zur Unterlage wissenschaftlicher Bearbeitung vorzugsweise heran- 
gezogen werden müssen, und obwohl die frühesten Originalstücke in 
pietätvoller Erinnerung stets und gern bewahrt bleiben werden, haben 
sie betreffs praktischer Benutzung doch zurückzutreten vor den jüngeren 
Ankömmlingen, die mit jedem folgenden Schübe sich verbessern werden, 
durch Ausbesserung soweit vorhandener Defekte. 

Für ethnologische Sammlungen gilt das Gegenteil. So gering sie 
dem Umfange nach auch scheinen sollten, werden die ersten stets die 
wertvollsten, vielleicht die einzig wertvollen überhaupt im Sinne der 
Originalität, zu verbleiben haben und für immer unschätzbar da stehen 
ihrem Eigenwerte nach, weil alles später Hinzugekommene überragend, 
obwohl wahrscheinlich zurückstehend bezüglich des Umfanges und der Viel- 
seitigkeit der Beschaffung. Hierauf hat nun das weitere Augenmerk der 
Sammelthätigkeit sich zu richten, (zumal wenn bei längerem Aufenthalt 
auf Stationen eine systematisch geordnete Durchforschung eintreten kann), 
daraufhin nämlich, dass die Einsendungen unter genauen Detailangaben 
notiert und mit b\V den Erkundigungen versehen sind, die zu ihrer 
Illustrierung dienen können, in alF ihre kleinsten Einzelheiten hinein, 
um dem ethno-psychischen Bildungsprozesse bis in seine äussersten Ver- 
stecke nachspüren zu können. 

Um die verschiedentlichen Hinweisungen, die hier vornehmlich zur 
Betrachtung kommen, im konkreten Falle zu verdeutlichen, wird bei der 
gegenwärtig beabsichtigten Veröffentlichung geeignete Gelegenheit ge- 
boten sein, durch Anknüpfung an konkrete Falle, besser als durch Frage- 



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IX 

bogen, bei welchen, wenn nicht mit behutsamster Vorsicht ausgefertigt, 
leicht die Gefahr »leitender Fragen« sich einschleicht (für praktisch noch 
ungeschulte Reise-Erfahrung). 

Mit ähnlichen Flugschriften oder Extrablättern ist bereits das 
Leydener Museum vorangegangen, dem aus holländischem Kolonialbesitz 
reichste Quellen fliessen und somit am häufigsten Veranlassung gegeben 
ist, an zuströmendem Überfluss auch ferner Stehende partizipieren zu 
lassen. In dankbarer Erinnerung solcher Gaben mag auch bei hier ge- 
botener Gelegenheit die Hoffiiung aufgefrischt werden, dass dem wieder- 
holt ausgedrückten Wunsche Gerechtigkeit widerfahre und den kostbaren 
Schätzen, die auf jenem ethnischen Stapelplatze lagern, das monu- 
mentale Gebäude errichtet werde, dessen sie würdig und bedürftig sind. 
Kein anderes Arbeitsfeld in der Ethnologie verspricht so ergiebige Ernten 
wie der indische Archipel, wo auf deutlich umschriebener Räumlichkeit die 
insularen Differenzierungen zusammengedrängt sind, hinauserstreckt in die 
Weiten ozeanischer Inselwelt, während sie anderseitig (infolge lang 
andauernden Verkehrs) mit archäologischen Erinnerungen, die aus 
ältesten Kulturzentren hineingeblitzt haben (aus Indien und China), in 
ihren monumentalen Werken durchzogen stehen, und so die ethno-anthro- 
pologische Forschung naturwissenschaftlicher Disziplinen mit den historisch- 
philologischen zusammenführen auf gemeinsamem Arbeitsfeld, zu gegen- 
seitiger Ergänzung ihrer Studien (unter wechselweiser Kontrolle). 

Denkmale, die aus der Vorzeit ihre Zerstörung überdauert haben, 
sollten, da solche jederzeit hereinbrechen kann, in methodischer Forschung 
unverzüglich diejenige Niedernahme finden, deren Bedeutung, auf gegen- 
wärtigem Standpunkt wissenschaftlicher Studien, denselben zum vollen Ein- 
druck gelangt ist, und ebenso thut Eile not bei den Kryptogamen des Men- 
schengeschlechts, bei den Wildstämmen, hier mehr noch fast bei unvermeid- 
lichem Austilgen^) du];ch rapide Steigerung des internationalen Verkehrs. 

So hängt an einem schwachen Fädchen manches von dem, was über 
die künftige Ausgestaltung der Kulturgeschichte zu entscheiden hat, und 
einer kritischen Phase unterliegt die heutige Ethnologie insofern gemde, 
als sie der Theorie nach auf treu echte Originalitäten hingewiesen ist, 
in Wirklichkeit aber fast überall nur Zersetzungsstadien eines schon ein- 
getretenen Verlaufes ab- oder aufwärts antrifft. Auch diese können 
willkommene Objekte des Studiums bieten, aber, für nutzbare Auswertung, 



') ^When a species has once disappeared from the face of the earth, we have no 
reason to believe that the same identical form ever reappears** (s. Darwin), und so ist 
jeder Untergang einer ethnischen Originalität als Total vejrlust zu beklagen, wenn nicht 
rechtzeitig fixiert, weU dann eine Lücke klaffen bleibt, in dokumentarisch zu begründender 
Geschichte des Menschengeschlechts (zum Abschluss der „Gedankenstatistik*'). 



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X 

dann erst, wenn sie an mustergfiltigen Standardtypen zu rektifizieren sind, 
um sie in den Verbältniswerten des jedesmalig erreichten Niveaus abzu- 
schätzen; sonst sind sie häufig kaum mehr als nutzloser Überschuss, »Neger- 
plunder und Indianertand«, wie einer Beachtung nicht wert, oder doch 
ihrer Kuriositäten wegen nur, in den früheren Raritätenkabinetten, aus 
denen sich ein junger Phönix entpuppt hat, seitdem die Ethnologie zum 
Bewusstsein ihrer Aufgaben erwacht ist Wie die Ammenmärchen der 
Kinder dem Erwachsenen nicht schmecken, aber einen bedeutsamen 
Rang unter den Gegenständen historisch -philologischer Gelehrsamkeit 
beanspruchen dürfen, wenn sich Von dem Hintergrunde altersgrauer Edden 
abhebend, so misst sich der Wert einer Sammlung in der Hauptsache 
danach, ob und wie sie in der Fixierung eines bestimmt definierbaren 
Entwicklungsgrades zu datieren bleibt, und dann ausserdem zugleich nach 
der Autorität dessen, der sie überbracht hat. Sorgloses Sammeln kann 
mancherlei Unheil anrichten, denn überall bereits droht die Gefahr der 
Fälschung, indem nicht nur in Europa, sondern auch in Australien, Amerika, 
Neuseeland, Indien, China die Zahl der für Anfertigung von Falsifikaten 
bestimmten Fabriken stetig wächst und wachsen muss, da in gleichem 
Progressionsindex, wie die Museen wachsen, die Originalitäten (mit welchen 
sie gefüllt sein sollten) verschwinden, in entgegengesetzten Raten des Zu- 
und Abnehmens demnach, sodass also aus Notwendigkeit gewissermassen 
billiger Ersatz geschafft werden muss (bei voraussichtlich unerschwing- 
licher Steigerung der Kennerpreise). Wieweit diesem Notstand viel- 
leicht durch gegenseitigen Verkehr der Museen untereinander mag ab- 
geholfen werden, bleibt der Überlegung anheimgestellt, in welcher Aus- 
dehnung Nachbildungen in Anspruch zu nehmen seien neben denjenigen, 
die bisher zweckmässigerweise für Gipsabgüsse üblich gewesen oder, um 
das bei dem Ankauf lahm gelegte Kapital zu sparen, für Objekte aus Edel- 
metallen (in bereits wohlbewährter Technik, naturgetreuer Reproduktion). 

Eine eigentlichste Lebensfrage der Ethnologie liegt deutlich genug in der 
gesicherten Begründung derjenigen Stützen, die ihr künftiges Lehrgebäude 
tragen sollen, also in zuverlässig fest bestimmten Sammelstücken, be- 
sonders auf solchen Arealen, die bei dem vollzogenen Untergange der 
psycho -ethnischen Originalitäten von nachträglich späterer Verbesserung 
ausgeschlossen bleiben« Der Stolz der ethnographischen Museen muss 
nicht in der Quantität der Sammlungen, sondern ihrer Qualität gesucht 
werden, in qualitativ echt bewährter Güte, zumal die quantitative Massen- 
haftigkeit ohnedem von selbst schon aufgedrängt ist, aus der noch fast 
unübersehbaren Vielfachheit bunt zersplitterter Arbeitsfelder. 

In den unsicher und unbestimmt, häufig genug positiv falsch oder 
verfälscht (einer Kontrolle entzogen), notierten Sammlungen, wie sie 



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XI 

aus Rückwirkung früher mangelnder Detailkenntnis in den Museen durch 
die älteren Kataloge derselben umherschwirren, von Händlern angekauft, 
im Geschäftsbetrieb (ohne sachkundige Aufsicht) oder durch touristische 
Reisende für Beschenkung aufgerafft hier und da (vielleicht aus dritter 
oder vierter Hand, sodass der Faden der Tradition abgerissen oder doch 
nicht bis zum Urquell verfolgbar ist), bedroht ernstliche Gefahr, der es 
im allseitig gemeinsamen Interesse ratsam gilt durch Ummauerung mit 
den angezeigten Kautelen beizeiten vorzubauen, da, wenn zweifelhaft 
unsicheres Schwanken in einer noch in dem Entwickelungsstadium be- 
findlichen Periode bereits einzureissen beginnt, die Eonsequenzen in 
Weiterfolgung von vorn herein zu chronischer Krankheitsanlage entartet 
sein würden (in Permanenz). 

Die ethno- historischen Areale, wie zu kartographischer Illustration 
dienlich, haben im jedesmalig zusammengehörigen Komplex die Territorien 
geographischer Provinzen, im Umkreis der dieselben nach verschiedenen 
Richtungen hin durchziehenden Geschichtswege, einzubegreifen unter 
engeren und weiteren Begrenzungen des Horizonts, je nach der lokal- 
typischen Bedingung geographisch - historischer Ursächlichkeiten. Der 
Ansatzpunkt ist in dem vorhandengegebenen Angetroffenen zu nehmen, 
unter Ausschluss zugleich jeglicher vorgefassten Theorie, und Absehen 
vornehmlich also von »qualitates occultaec, wie sie in der Rassenfrage 
noch verschleppt werden, oder für die hypothetischen Ursprungsherde in 
deren Ur- und »Ungrundc stecken, da solcher in der Wurzellosigkeit seiner, 
zum Ausgangsthor gewählten, Wurzel blossgestellt steht und sie durch 
das Spinngewebe mythischer Dichtung nicht länger versteckt halten 
kann, wenn der im Laufe der saecula saeculorum aufgehäufte Staub 
weggefegt wird durch die Arbeit am hellen Tageslicht (und die dafür 
verlangte Säuberung der Beobachtungsobjekte). Leicht föhrt der Finger 
über die Landkarte dahin, um den Ausgangspunkt der Wanderungen 
anzudeuten; aber um den Nagel auf den Kopf zu treffen, würde er 
passlich genau in dasjenige Loch hineinzugleiten haben, aus dem der 
erste Mensch, oder Itsikamakidis (gleich Jarbas oder Tuisco), herauf- 
gestiegen sei (aus Höhlen der Navajos oder anderer Troglodyten), oder wenn 
es sympathischer anmutet: auf denjenigen Fleck, wo er (oder sie, eine iroke- 
sische Ata-ensik oder die auf Hawaii Gefallene) aus dem Himmel ge- 
fallen, und zwar dem blauen, seitdem Trennung ausgesprochen ist, um 
die Umarmung mit der Erde (einer Gäa oder Papa) endgültig zu lösen, 
und da, wenn sie sich dreht in ihrem Rund, alle Wanderungsrichtungen 
über den rundlich rollenden Globus schliesslich auf den Anfang wieder 
zurückzuführen hätten, bei konsequentem Ausverfolgen, dürfte es kaum 
der Mühe lohnen, air den Irrgängen hinterher nachzutraben, da sie 



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XII 

schliesslich auf deu Standort des Ausgangs zarückzukommen hätten. 
Nicht auf frei (im Schwang der Phantasie) gezeichneten Luftwegen sind 
die Völker gewandert, sondern überall und stets längs der geographischen 
Geschichte wege einzig und allein, wie sie unabänderlich dem Globus 
eingegraben sind (oro- und hydrographisch). 

Wenn in deduktiver Vergangenheit rationellerweise nach dem Zentrum 
gesucht werden konnte, um fär systematisch weiterverfolgbare Sonder- 
richtungen den aus generalisierenden Abstraktionen hergeleiteten Ursprung 
einer arischen oder semitischen Rasse etwa [soweit unter kritischen Prü- 
fungen die Wechselbeziehungen unter ihren (philologischen oder kranio- 
logischen) Gleichungsformeln proportionsgemäss sich bewährt erwiesen 
hätten] zu überschauen, würde dagegen, in naturwissenschaftlicher Sprech- 
weise, (um auf keinen Widersinn zu stossen) untersagt bleiben müssen, von 
einem Ursprungsort solcher Rasse zu reden, sowenig der landwirtschaft- 
liche Zoologe nach dem der das Rennpferd (oder das Elektoral-Schaf) charak- 
terisierenden Vollblutrasse suchen (oder fragen) würde, statt dies kom- 
plizierte Züchtungsprodukt auf die Stammbäume seiner Komponenten 
zurückzuführen (und diese für ihre Ineinanderwirkungen durchzuprüfen). 
Was, unter Rückweisung auf Dishley, aus »smalU, »large white« und 
»middle breed« heryorgegangen, kann der Kultur für ihre Mitbethätigung 
die gebührenden Anteilscheine ausstellen, versenkt sich aber vor dem 
darüber hinausschauenden Blick in die, im Wildstand eingebetteten, 
Wurzelfasern (und deren Einverwebung in meteorologische und tellurisch- 
klimatische Agentien). Erst mit historischen Ansätzen beginnt die Chrono- 
logie ihre Zahlenreihen zeitlicher Datierung, welche in der Ewigkeit der 
Natur entschwinden, wenn deren Schöpfungen dem Studium vorliegen (auf 
ethno-anthropologischem Arbeitsfelde oder welch' anderem). 

Indem vorläufig, um das vor dem Entdeckungsalter versagte Gleich- 
gewicht herzustellen, der Induktion eine zeitweise Hegemonie zugestanden 
werden muss, bleibt jede Ineinandermengung induktiver und deduktiver 
Terminologie behutsam zu vermeiden, weil dadurch diametrale Gegensätze 
beim Widerspiel kontradiktorischer Aufbebung miteinander (unter Simul- 
taneität addierender und subtrahierender Rechnuugsoperationen) in einen 
unentwirrbar durcheinanderplappernden Jargon geführt sein würden, der 
erst, wenn der Zeitpunkt der Reife gekommen, zu verständlichem Aus- 
druck sich klären könnte, und dann allerdings zu höchst ofienkundig 
deutlichstem, weil in Prüfung durch doppelte Kontrolle apodiktisch be- 
währt (im Zusammenarbeiten von Deduktion und Induktion). 

Dass durchschnittlich die Mehrzahl der Kunstausdrücke ihre deduktive 
Färbung fortzubewahren haben, zumal wenn das psychische Gebiet ge- 
streift wird in den Naturwissenschaften, ist eine aus dem überkommenen 



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XIII 

Erziehungskarsus unabweisiich fliessende Folge, ümsomehr jedoch wird man 
sich die Ambiguit'ät der Wori^ebilde und sprachlichen Hilfsmittel, deren 
nicht entraten werden kann (und die Zweischneidigkeit des Schwertes, 
womit man ficht, in Wortfechtereien allzu oft), dauernd vergegenwärtigt 
zu halten haben, so oft induktive Gesichtspunkte als leitende gelten sollen 
auf dem eingeschlagenen üntersuchungsgange, und hier allein zunächst 
die soweit gültigen Richtungsweisen vorschreiben. 

Der Volks- oder Völkergedanke, wie einfach durchsichtig markiert 
innerhalb der geographischen Provinzen (nach allgemein durchgehenden 
Grundzügen psychischer Primärorgane), kommt in den durch Wechselbe- 
ziehungen eingeleiteten Völkerverwandtschaften für die im historischen 
Wachstum gezeitigten Manifestationen zum nationalen Ausdruck, nachdem 
das Kulturvolk im engeren Kreisbezirk der ihm zugehörigen Weltgeschichte 
mit volkstümlich geprägten Charakterzügen sich umschrieben hat, und 
eingeschrieben in die Universalgeschichte einer international -kosmo- 
politisch anzubahnenden Zivilisation für die Aufgaben (des Menschenge- 
schlechtes oder) der Menschheit in ihrer »Humanitas«, ein »communis 
humanitatis corpus«, für jeden einzelnen zugleich denjenigen Gesellschafts- 
kreis (um- und) begreifend, worin er sich selbst zu integrieren hat (zum 
eigenem Verständnis). 

Wie auf dem geographischen Areal der ethno- geographischen Pro- 
vinzen die im Gesamtbegriff des Klimas zusammentreffenden Faktoren 
ihre Effekte zeugen, bieten für die Völkerbeziehungen unter- und mit- 
einander die im Gezimmer des Erdballs vorveranlagten Geschichtswege 
zuverlässige Leitungsfaden für ein komparativ-genetisches Studium, das 
bei den durch Ähnlichkeiten veranlassten Fragestellungen, nachdem das 
in dem psychischen Wachstumsprozesse voraus bedinglich Gleichartige 
eliminiert ist, prüfend sodann fortzuschreiten hat, um für rückbleibende 
Analogien die gemeinsame Herkunft aufzusuchen; denjenigen Bahnen 
folgend, welche mit wohlkonstatierten Thatsachen gangbar gepflastert 
sind. Und wo solch bequemer Strassenbau noch nicht gelungen sein 
sollte, mögen (und müssen oft) für Seitenwege experimentelle Lichtungen 
geschlagen werden, nicht jedoch, wie ratsam bleibt, allzuweit in den Ur- 
wald hinein aufs Geratewohl, sondern unter stetigem Festhalten der 
Orientierungsrichtungen, damit (wenn es allzu wild und bunt werden 
sollte in verführerischen Hypothesen) der Bückgang auf die offene Heer- 
strasse offen und ermöglicht bleibt, um mit frischen Atemzügen am 
hellen Tage diejenige Nüchternheit wiederzugewinnen, die bei streng 
exakten Untersuchungen nicht entbehrt werden kann, (wenn brauchbar 
verwendliche Resultate in Absicht stehen). 

Wenn nach dem Forschungsgang der phyto -physiologischen aus- 



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XIV 

verfolgt, haben die psychischen Wachstumsvorgänge, die auf der Sphäre 
der (die Individualitäten einbegreifenden) Gesellschaftswesenheit in deren 
Denkreflexen entfaltet stehen, mit ihren Endwurzeln auf psycho-physische 
Verflechtungen zurückzuführen, (für anthropologisch anknüpfende Frage- 
stellungen, und für erdkundliche weiterhin, auf dem Mutterboden der 
Erde — die gemeinsame Basis sämtlicher Forschungszweige in natur- 
wissenschaftlicher Ausgestaltung). 

Unter den Aufgaben der Gegenwart ergiebt sich als brennendste 
Fragestellung die soziologische, die aus der Gesellschaftswesenheit des 
Menschen auf die Individualität zurückführt und so jeden einzelnen auf 
sich selbst in letzter Instanz. 

Hier ist es, wo die in einem bestimmten Rahmen umschlossenen Arbeits- 
grenzen der Ethnologie und Anthropologie binüberstreifen in die »Lehre vom 
Menschen«, um an deren induktivem Aufbau zur Abrundung einer momentan 
zerrissenen Weltanschauung mitzuhelfen, sofern nun dem naturwissen- 
schaftlichen Zeitalter, durch Zutritt einer ethnisch-naturwissenschaftlichen 
Psychologie, die mangelnde Ergänzung gewährt werden könnte: auf no- 
etischer Sphäre, wo jeuer Logos redet, der bald in religiösen bald in 
philosophischen Ausdrucksweisen sich gekündet hat, je nach den Phasen 
des Geschichtslaufs. 

Indem nun derartige Probleme — (wie alle, die für deduktive Herleitung 
sich einst gestellt fanden) — seitens der Induktionsmethode in Angriff zu 
nehmen waren, hatten auf dem dahin eingeschlagenen Wege Allgemein- 
begriffe hervorzutreten, die der Sprache ihrer »termini technici« nicht ent- 
raten können, der »vocabula quibus utuntur artifices quasi privatis ac suisc 
(ciceronianisch), sodass sie in diesem Falle, wie in jedem andern, mit 
mehrweniger befremdlichem Klange dasjenige Ohr zu treffen pflegen, das 
sich mit dem, was sie sagen wollen, noch nicht befreundet hat und dafür 
weder Veranlassung noch Neigung finden sollte, wenn durch die Eunst- 
ausdrücke eigener Disziplin genugsam bereits beansprucht. 

Für die in näherer Vertrautheit Beteiligten handelt es sich darum, 
innerhalb solcher Allgemeinbegriffe, soweit sie sich in prinzipieller Verwen- 
dung bewährt haben, genauere Erklärung in Einzelheiten zu schaffen 
durch Austausch der Ansichtsverschiedenheiten in den Kontroversen, die 
sich stellen. 

Und hierbei empfiehlt es sich, die Grenzen der Arbeitsteilung durch 
Umziehungslinien zu markieren, damit nicht bei undeutlichem Verwischen 
der Teilstriche Forschungsweisen, die getrennt zu halten wären, inein- 
ander verlaufen mit den daraus folgenden Missverständnissen. 

Es gilt dies vornehmlich für dasjenige Studium, worein die Ethnologie 
mit dem rasch gesteigerten Entwicklungsgange der jüngst verflossenen 



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XV 

Dezennien, eingetreten ist and wo vielfach neue Perspektiven auf ver- 
wandtschaftlich benachbarte Arbeitsfelder ausgeöffnet sind, ohne dass 
sich die Tragweite derselben bereits ermessen Hesse, weil eben mit un- 
ermessbarer Steigerungsfähigkeit geschwängert für die seit dem Ent- 
deckungsalter eingeleitete Umgestaltung der Weltanschauung, wie von 
den Bedürfnissen der Neuzeit verlangt» 

Wenn hier, zum Anschlnss an die Naturwissenschaften, die Psycho- 
logie den Ausgangspunkt zu bilden hätte^ in ethnologischer (oder ethnischer) 
Fassung der Geselischaftsgedanken, unter Fortführung derselben auf 
historisch- geographische Modifikationen in den Yölkergedanken (und deren 
Konstituenten in gleichartig durchgehenden Elementargedanken), so ver- 
bleibt alles dieses allerdings in unauflöslich innigster Beziehung zur 
Ethnologie, (durch welche die thatsachlichen Unterlagen der Belegstücke 
beschafft worden sind), darf jedoch mit den lockenden Verführungen 
zu einem ßloQ ^ewpTjrocÖQ nicht von demjenigen ablenken, was der 
Ethnologie oder Ethnographie zur Bewältigung ihrer Arbeitslast für 
lange hinaus noch obliegt in nüchtern strenger Detailforschung, 
9twprjTtx9jQ /jkv yap riXoq dkij^siay npatxva^ 9 Ipyov (bei damalig peri- 
patetischer Fundamentierung des Wissensgebäudes), und erst, wenn das 
Werk, (das Ipifov)^ gethan, kann Lohn einstens winken in dlißtia^ oder 
doch eine Annäherung dahin sich merkbar machen, (soweit die Alyta 
und Adyta sich zugänglich erweisen). 

Dieser praktische Charakter der Ethnologie tritt am überzeugendsten 
vor Augen innerhalb der für ihre Zwecke begründeten Museen, wo das 
vergleichungsföhige Material aufgehäuft liegt, um durch die komparative 
Methode in gegenseitigen Bestätigungen sicher Gefestigtes zum Einschlag 
zu benutzen, für Fortwebung an jenem fdpoQpiya re xai xaX6v {ice7t(Hxdpivoy\ 
der über die Eiche (oder einen mit Yggdrasils Wurzeln im Weltenbau ein- 
geschlagenen Schöpfungsbaum) gebreitet, besungen worden ist, die psychi- 
schen Wachstumsprozesse hervortreibend, das All zu umgreifen (mit dem 
Verständnis, soweit es reicht). Was hier melodisch einst gesummt hat 
zum Klange orphischer Leier, leiert sich ab im Bänkelsängerton auf dem 
Tagesmarkt im Geschäftsbetrieb des Lebens, wo das Gebot der Arbeit 
herantritt, wie zugefallen im Erdenlos, — eine hart saure bei soziali- 
stischen Schäden, aber eine fröhlich lustige für den Arbeitslustigen, der 
in ihr seine Lust zu finden weiss (aus der Arbeit Lohn). 

Je scharf bestimmter die monographischen Detailarbeiten sich ab- 
grenzen, desto reichbelohnender wird die Forschung sein beim Nieder- 
graben in die Tiefen der abstufenden Schichtungen. Die mustergültigen 
Abhandlungen, die in solcher Hinsicht während der letzten Jahre hervor- 
getreten und in steter Mehrung begriffen sind, legen genügendes Zeugnis 



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XVI 

ab, dass in Deutschland vor allem eine wohlgerüstete Streiterschaft fertig 
steht, eine Phalanx gründlich geschulter und durcherprobter Forscher, um auf 
dem Bereiche der Geisteswissenschaften der Induktionsmethode ihre Bechte 
zu erkämpfen im ununterbrochen allmählichen Fortgang, wo mit jedem 
weiteren Schritt neues Terrain hinzugewonnen ist für den Siegeszug der 
neuen Weltanschauung, wie er sich auf dem Gebiete der Kunst, der ver- 
gleichenden Rechtskunde, der Technik u. s. w. in glänzenden Erfolgen 
bereits proklamiert hat und so von allen Seiten her der Ethnologie 
wiederum zu gute kommt (zum besten ihrer eigenen Arbeiten, in besitz- 
ständiger Fachdisziplin). Und vor allem markiert sich diese in dem 
altüberlieferten Charakter der Ethnographie, als Hilfswissenschaft; zur 
Geographie und Geschichte, in politischer Geographie (oder biologischer 
neben Pflanzen- und Tiergeographie), um innerhalb chorographischer 
Umrisse die rechtlichen, religiösen, technischen und sonst soziologischen 
Bilder zu schildern, unter welchen das jedesmalige Volksleben verläuft, 
im engeren oder schon entfernten Anschluss an die Naturheimat, die 
»tellurische Lebensmitte des individuellsten Gedeihens, gewissermassen das 
Paradiesesklimac (s. K. Ritter), je nach den geographischen Provinzen 
(in der Umkreisungssphäre ihres geschichtlichen Horizontes). 

Ähnlich wie die Anthropologie der naturgemässen Verflechtung mit 
der medizinischen Fachwissenschaft ihre verhältnismässig frühere Pflege 
verdankt, die wiederum eine sekundäre Stütze für die Ethnologie geliefert 
hat, wird sich diese zur Ausverwertung auf diejenigen Leitungsbahnen 
hingewiesen finden, auf welchen ihr aus bereits begründeten Fachwissen- 
schaften der Linguistik die Einströmung ernährungsfähiger Lebenssäfte in 
Erwartung stehen darf. Dadurch wird die indische Abteilung der ethno- 
logischen Museen mit einem hervorragend beachtenswerten Charakter be- 
kleidet; weil die, aus den (mit philologischer Kritik durchsichteten) Texten 
entnommenen, Kulturergebnisse sich einerseits in den Abstufungen graduellen 
Ausentwicklungsganges zurückprüfen lassen bis auf die den gleichen Boden 
noch bewohnenden Wildstämme und andrerseits aus den, durch Ein- 
wanderung angepflanzten, Abzweigungen fortverfolgt werden können bis 
auf den Grundstamm fremder Zivilisationen, woraus entsprossen. So 
schürzen sich hier aus einer Vielfachheit der Faktoren komplizierte Pro- 
bleme, deren Rätsellösung, wenn glücklich gelungen, mit einer Flut neuer 
Belehrungen mehrfach bereits überschüttet hat. 

Auch für Chinas uralte Kultur gewährt die sinologische Fachwissen- 
schaft eine festbegründete Unterlage, um daraufhin in den chinesischen 
Sammlungen eines ethnologischen Museums die sozialistischen Bilder des 
Mittelreiches in ihren verschiedenen Schattierungen vorzuführen (nicht nur 
auf dem herrschenden Niveau der Gegenwart, sondern auch aus den Epochen 



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XVII 

historischer Vergangenheit) und einen Anhalt zugleich für die Verzwei- 
gungen längs derjenigen Leitungsfäden, welche über die Grenzmauern 
hinaus in die fernen Weiten Zentralasiens verlaufen, auf dortige Zivili- 
sationen hin (oder deren Trümmerreste oftmals nur), bis in unterste 
Schichtungen primären Wildzustands (unwirtlicher Öden). 

Überall, wo es sich um schriftlose Wild- oder Naturstämme handelt, 
fallt deren Behandlung, ihrem Gesamtumfange nach, in die Domäne der 
Ethnologie, da bei ihnen die im Museum vereinigten Sammlungen die 
Texte repräsentieren und also alles dasjenige, was sich überhaupt an 
Hilfsmitteln bietet, um daraus das ethnische Geistesleben herauszulesen 
unter EntziflFerung der symbolisch verkörperten Völkergedanken. 

Eier gewährt Ozeanien den Vorzug insularer Differenzierungen, gruppen- 
weise zerstreut über einen weitesten Flächenraum hin, während in Afrika 
kulturhistorische Abscheidungen und Rückwirkungen statthaben, wie bei 
den Küstenländern des Mittelmeerlandes, in den vom Nil bewässerten 
Kulturarealen ebenfalls auch, oder bei denen, welche im Flussgebiete des 
Nigers (und am Südrande der Wüste) Keimansätze für kulturellen Geschichts- 
beginn aufweisen, hervortauchend aus dem mehr weniger gleichähnlich 
gebreiteten Niveau der Unkultur (weitesten Unterbaus). 

Unter einem eigenartig gedoppelten Charakter treten im ethnologischen 
Museum die amerikanischen Abteilungen auf, gedoppelt in nördliche und 
südliche Hemisphäre und auf jeder derselben gedoppelt wieder in Wild- 
stämme und Kulturvölker, wobei hier nun auch die letzteren für die 
Totalität ihrer Beziehungen in den Bereich der Ethnologie hineingehören, 
da die Deutungen der in Hieroglyphen verschlossenen Bilderschriften (oder 
sonstigen Schriftsubstitute) nur innerhalb des ethnologischen Studienkreises 
ihre wissenschaftliche Behandlung soweit erfahrenp haben. 

Für die Probleme, die in menschlicher Kulturgeschichte gestellt sind, 
werden wichtigste Hilfsmittel geliefert sein, durch die in historisches 
Werden vertieften Einblicke, welche aufzuöffnen beginnen, mit zunehmen- 
der Einzelkenntnis derjenigen Kulturen, die durch die Entdeckungsschiffe 
auf transatlantisch isolierter Welt angetroffen wurden, um — auf diesem 
Boden einer neuen, unserer alten daheim — objektiv reingezüchtete Seiten- 
und Gegenstücke zu liefern: in komparativer Methode also verwendbare 
Parallelen, wie für den Fortgang auf induktivem Forschungsweg in Vor- 
bedingung verlangt (zu gedeihlicher Förderung desselben). 

Die Verquickung der in Menschen- und Völkerkunde neu entfalteten 
Lehren mit einer Neuen Welt liegt offenkundig zu Tage, da sie erst seit 
Entschleierung derselben ihren Geburtstag datieren und nun auf solchem 
Boden neuerdings zuerst genügend ausgestattet worden sind, auf Grund eines 
durch Staatsdotierung selbständig gemachten Wissensfaches in der res- 

ILflV. g 



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XVIII 

pablica eradita, als »bnrean of etbnology«, dem gleichwertige Parallelen 
die Alte Welt noch keine aufweist, abgesehen vom Anschluss anthropo- 
logischer oder ähnlicher Institute an wissenschaftliche Vereine (privater 
Initiative). 

Darin liegt, im übrigen, der naturgemässe Gang der Dinge aus- 
gesprochen, wie er nach Natur derselben nicht anders sein konnte, da 
in amerikanischer Naturgeschichte der Mensch ebenfalls als Naturobjekt 
figuriert, soweit innerhalb der Kulturstaaten im Wildzustande noch 
überlebselnd, und deshalb auch vom Staatshaushalt diejenigen Bücksicht- 
nahmen heischend, wie sie in den Ländern europäischer Kultur nur bei 
den transmarin kolonialen Filialen in Betracht kommen könnten. 

Die überall dem Menschen als Endziel der Forschung hingestellte 
Kenntnisnahme von seiner eigenen Wesenheit setzt für ihre Inangriffnahme 
eine über die Gesamtfläche des Globus gebreitete Basis voraus, da der 
Mensch über fünf Kontinente dahin wohnt und deshalb das in ihm (sich 
selbst) gestellte Problem nicht in dem bruchstückartigen Teilganzen gelöst 
werden konnte, worin es bisher die einzelnen Kulturvölker, ein jedes für 
sich, gesucht haben (innerhalb jedesmalig zugehörigem orbis terrarum). 
Um nun zugleich nach dem Postulat der genetischen Methode, beim An- 
setzen vom Einfachen für den aufklärenden Fortschritt zum Zusammen- 
gesetzten, den primärst gegebenen Ausgangspunkt zu gewinnen, bieten 
sich, in den Kryptogamen des Menschengeschlechtes, die Wildstämme, deren 
Behandlung der Ethnologie oder Ethnographie erbeigentümlich übertn^en 
worden ist, seitdem sie zuerst als Hilfswissenschaft der Geographie und 
Geschichte anerkannt wurde, um die der üniversalhistorie bedürftige 
Arbeitsteilung vorzubereiten. Unter den Aspekten ihrer heutigen Epi- 
phanie steht sie auf dem Boden der geographischen Provinzen, um längs 
der geographisch dem Globus eingegrabenen Geschichtswege die organischen 
Wachstumsprozesse der Kultur auszuverfolgen, wie sie zu wechselnden 
Entfaltungen gelangt ist, in sämtlichen Wandlungen des Menschen- 
geschlechts auf dem Erdenrund (unter gleichartig durchgehenden 
Grundzügen biologisch psychischer Gesetzlichkeiten). 

Betreffs ihrer Aufstellung *) haben die ethnographischen Museen, vorder- 
hand, die topographische festzuhalten für Unterbreitung faktisch gesicherter 
Grundlagen, während kulturhistorische Gruppierungen innerhalb scharf 



Unter den durch die Schrankanordnung gebotenen Ausnutzungen kommt (soweit die 
Ranmverhältnisse erlauben) eine Trennung der Sammlungsobjekte nach dem Stoffmaterial zur 
Empfehlung, auch in Anbetracht der Konservierungsmethoden, worüber experimentell bewährte 
Erfahrungen willkommenen Anlass zu Erörterungen bieten werden, um die praktisch er- 
langten Resultate in Vergleich zu stellen. In älteren Beständen der Museen hat manch' 
kostbares Wertstück derartigen Verfall erlitten, um eine Ausrangierung zu benötigen, 



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XIX 

umgrenzter und streng durchsichteter Areale mitunter (auch jetzt bereits) 

haben gewagt werden dürfen, und hier möchten besonders Erleichterungen 

sich anbahnen lassen durch Austausch der Erfahrungen (und hervor- 

genifenen Ansichten) mittelst litterarischer Erörterungen in dem Sprechsaal 

einer gemeinsamen Museumsschrift, oder, ehe eine solche bereits zu 

praktischer Ausführung gelangen kann, in den lokalen Publikationen der 

einzelnen Museen (wie oben bemerkt). 

Und so mag die vorliegende YeröfiFentlichung als Experiment dienen; 

denn »Probieren geht über Studierenc. 

A. B. 



und indem jetzt cbemiscbe Künste zn verbessernden Aushüfen herbeigezogen werden, 
bliebe zugleich in Betracht zu ziehen, wieweit momentan gfinstig erwiesene Praparie- 
mngen eine Garantie bieten für die Zukunft. Neben den archäologischen Gegenständen 
monumentalen Dauerbestandes erweisen sich die dem Tagesleben entnommenen (in der 
Ethnologie) als mehrweniger ephemere Gebilde, — Eintagsfliegen, die gehascht sein 
müssen, wie sie vorüberstreifen, gleich den psychischen Originalitäten der Wildstämme, 
(und abzuheben mit zarter Hand, damit nicht im Akt des Sammeins selber schon das 
feinere Geäder geschädigt sei). Für Kostümfiguren wird die anatomisch richtige Unterlage 
des Gerüsts durch zunehmende Geübtheit anthropologisch geschulter Reisender in Her- 
stellung Ton Abgussformen verbessert werden, und was durch die Verbesserung der 
photographischen Verfahrungsweisen erreicht ist, verbleibt mit lebhaften Bildern in Er- 
innerung derer, welchen die Rückschau bis auf erste Anfänge hinausreicht Wenn, wie 
in Aufträgen für die Reisenden bereits in Betracht genommen war (obwohl ohne prak- 
tisches Resultat bis soweit), ein Schrank mit Phonogrammen sich den ethnologischen 
zwischenfügen Hesse, würde dies auch der Linguistik zu gute kommen. Die europäische 
Abteilung der ethnologischen Museen führt auf das Kapitel der Volkstrachten, als 
anachronistisch verknöcherter Moden, und die Aufschlüsse, die dadurch im Geschichts- 
gewoge des Kulturlebens gewährt werden, über die Stimmungslaunen der ihren Gischt 
an&pritzenden Tageswellen, worüber die Geschichtswogen gesetzmässig geregelt dahin- 
rollen. Für geeignete niustrierungen haben die Etikettierungsweisen an den gesamten 
Schrankinhalt sowohl, wie an die Einzelstücke sich anzuschliessen , unter zugefügten 
Erklärungen, zur Vervollständigung der Angaben im «Führer*, (bis zur Herstellung eines 
nCatalogne raisonnö*). Die geographische Orientierung wird durch Einlegen von topo- 
graphisch lokalen Kärtchen erleichtert werden, und die Welt- oder Erdkarte muss stets 
in der Aula ausgehängt sein (bei dortigen Demonstrationen). In der angeschlossenen 
Bibliothek bedarf es neben den zur Hand gestellten Hand- und Lehrbüchern (und eines 
Aufliegens der für die verschiedenen Fachabteilungen massgebenden Zeitschriften) aus- 
reichender Vorsorge, um mit den im Fortgang neuer Entdeckungen hervortretenden Pu- 
blikationen gleichen Schritt zu halten und (innerhalb der Sammlungen für deren Anord- 
nungen) auf dem Laufenden zu bleiben, während (und solange) direkt persönliche 
Auskunft von den Gewährsmännern noch erlangbar ist, damit die aus bisher unbekannten 
Regionen hinzutretenden (oder verbleibenden) Fragestellungen rechtzeitig sogleich richtig 
gestellt werden können, zumal wenn die Reise-Ergebnisse unter verschiedenen Ankäufen 
vielleicht verteilt und zersplittert worden sind. Für all' diese und ähnlich anschliessende 
Punkte dürfte es sich als angezeigt erweisen, dass, seitdem die Fundamentierungsarbeiten 
eines neuen Wissensgebäudes begonnen haben, die dafür Berufenen in das Konklave ihrer 
sobezüglichen Bau-Kommission zusammentreten, sei es in Jahresversammlungen oder beim 
Zusammentreffen in dem Sprechsaal einer periodischen Publikation, die den inneren Ange- 
legenheiten der Museen im besonderen gewidmet ist (und zwar je eher, desto besser). 

2* 



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's^\fll'^rA''Afl^fll'^li*trn^f^^ ^^^ ^♦^ ^♦^ ^V 




J^f^^f^S^f^^f^l^f^^W^^jfp^fp^^^^rp^T^^T^^ 



König Manama. 



Manama ist nach Orientalist I, 1884, S. 184 ff« der Name eines 
sinhalesischen Königs, welcher in einer Episode des Eölan-kavipota 
eine Rolle spielt. An der genannten Stelle wird der ganze Vorgang aus- 
führlich erzählt; ganz kurz ist es etwa folgendes: König Maname und 
seine erste Königin yerirren sich auf der Jagd. Sie geraten in das Gebiet 
der Yäddä (Vädirata), der König derselben kommt hinzu und tötet den 
Manama während die Königin sich in ihn yerliebt* Sie folgt ihm, aber 
auf ihrem Wege nach der Höhle der Yäddä treffen sie auf einen Flnss, 
welchen sie überschreiten müssen* Der Väddä-König beredet die Königin, 
ihm Kleider und Schmuck zu geben, er werde sie hinüber tragen, dann 
zurückkehren und sie selbst holen. Aber der Yäddä lässt die Königin 
auf dem anderen Ufer sitzen und flieht mit dem Schmuck und den Kleidern 
in den Wald. Während die untreue Königin im Grase sitzt, kommen 
Qakra, Mätali und noch ein D^ya yom Himmel herab; Mätali in Gestalt 
eines Habichts, ^akra in Gestalt eines Fuchses mit einem Stück Fleisch 
im Maule und der dritte Deva in Gestalt eines Fisches. Der Fuchs 
lässt das Fleisch fallen und springt ins Wasser, den Fisch zu holen. 
Das Fleisch fasst der Habicht und fliegt fort damit; der Fisch entkommt 
dem Fuchse leicht. 

Yom Fuchse yerspottet, stirbt die Königin am »gebrochenen Herzenc* 
Unter den zum Kölannatanayä gehörigen Masken, welche das 
Königliche Museum für Völkerkunde besitzt, — die Erwerbung derselben 
wurde angebahnt bei Gelegenheit der Reisen des Direktors — durften nun 
die nebenbei abgebildeten Masken zur Darstellung der beschriebenen Scene 
dienen. Die Nummern 2, 3, 5, 7, 10 bilden eine ältere, gut bezeichnete 
Gruppe, welche durch gütige Vermittlung des Herrn Freudenberg erworben 
wurde, die Nummern 1, 4, 6, 8, 9 eine jüngere, yon weniger guter Aus- 



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— 2 — 

stattung, welche Herr Dr. Riebeck dem Königlichen Museum überwies. 
Ob die Nummern 5, 8 der Legende zuzuweisen sind, ist, wie mir scheint, 
weniger sicher, als . es bei den anderen Nummern ist. Die Riebeckschen 
Masken waren ursprünglich nicht benannt, die Bezeichnungen erhielten 
sie nachträglich durch freundliche Beihilfe des Herrn Freudenberg 
durch nach Ceylon gesandte und dort etikettierte grosse Aquarelle. 





Fig. 1. Nachträglich in Ceylon als »the Queen c bestimmt, vgl. unter 
Fig. 4 Ein Sinhalese der Karawane Hagenbeck benannte die Maske 
»Vesi-munac. 

Höhe des Originals: 28 cm. 

Farben: Gelb: Gesicht, die untersten Gehänge der Ohren (mit 
hochrotem, kreisförmigem Fleck), die Ränder der ausgehängten Ohrlappen 
(mit dunkelblauer Perle), das herzförmige Ornament in der Krone (mit 
hochroter Mittelspange). Hochrot: der Mund, Ränder und Lappen der 
weissen Ohren, die Konturen der schwarzen Bügelverzierungen der Krone. 



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— 3 — 

Fig. 2. Ursprungliche Bezeichnung: >Maname rajjuruvoc = »King 
Maname«. 

Höhe der Maske : 62 cm. 

Farben: Gelb; Gesicht und Ohren, die breiten, aufwärtsstehenden 
Blatter der Erone, der darunter liegende mit rotem Blattmuster verzierte 
Stirnreif, die freigelassenen Parallelstreifen in der Eronenkappe (die 
schraffierten sind grün), die kugelförmigen Ornamente auf den Wülsten 
unter der hochroten, knospenförmigen Eronenspitze; die Folie dieser 
Wülste ist rot, die Punkte der Engeln grün. Hochrot: die breiten, auf- 
steigenden Hohlkehlen der Eronenkappe, die Konturen des unteren 
(weissen) Stirnbandes. Die darin erscheinenden Eugelornamente sind 
dunkelblau. 




/T^) 




^Q 



Fig. 3. Originalbezeichnung: »The Queen of Eing Manamec. 
Höhe des Originals: 37 cm. 

Farben: Gelb: Gesicht (mit roten Eonturen), Ohrringe (mit roter 
spitzer Perle), der ganze untere Teil der Erone ist gelb mit roten Eon- 
turen; ferner die Blattomamente in den Zacken der Erone. Grün: die 
Zacken der Erone (mit zwei gelben Strichen). Hochrot: die kleinen 
schwarzgeranderten Zacken unter den grünen. 

Fig. 4. Nachti^lich in Ceylon bezeichnet: »Maname-raja saha 
devi-ge kölamc = »Eing Maname and Queenc (Fig. 1). 
Höhe des Originals: 29 cm. 

Farben: Gelb: das Gesicht, die Mittel-Ornamente der Erone, 
Hochrot: der Mund. Alles übrige: weiss. 



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— 4 — 





^ ep) Jen?P 



Fig. 5. ürsprüDgliche Bezeichnung: »Säkkramuna, the Indrac, ^akra. 
Höhe des Originals: 24 cm. 

Farben: Gesicht hochrot mit dunkelblauen (fast schwarzen) und 
gelben Strichen, welche neben den dunkelblauen herlaufen. Augen (Iris) 
Haar, Brauen dunkelblau, Augenwinkel hochrot. 

Fig. 6. Nachträglich in Ceylon bestimmt: »Amäptyayä (vgl. Fig. 9) des 
Yäddä-Eönigsc. 

Höhe des Originals: 27 cm. 

Farben: Grün: Gesicht; Hochrot: Mund, die Konturen der auf die 
drei Blätter der Krone gezeichneten Schlange, der schraffierte Rand der 
Kronenblätter. Weiss: die Schlange, die Ränder der Krone. 

Fig. 7. Ursprüngliche Bezeichnung »Narimuna Maske (»Gesichte) des 
Fuchses €. 

Länge des Originals: 23 cm. 

Farben: rotbrauner Kopf; Gelb: zwei Querstriche auf der Zunge, 
der schmale Rand des Rachens und drei (aufgemalte) Nasenborsten; rot: 
Rachen, Zunge, Adern im Auge. 

Fig. 8. ünbezeichnet, vermutlich identisch mit Fig. 9 und 10. 
Höhe des Originals: 55 cm. 

Farben: Grün: das Gesiebt. Weiss: die Ornamente des Stimreifs 
(mit dunkelblauen und roten Linien), die Füllungen der Kronenblätter über 
der kahnartigen Unterlage ebenfalls rot gegliedert mit dunkelblauen ösen- 
formigen Zeichnungen ; weiss ferner die kahnförmigen Ornamente über dem 
Mittelreif der Krone, die Füllungen über den Blättern sind dunkelblau. 
Hellblau mit dunkelblauen und roten Strichen: der Reif in der Krone. 
Gelb: die kahnförmigen Ornamente der unteren Kronenblätter, die auf- 
steigenden, schotenförmigen Blätter, sämtlich mit hochroten Konturen; 
die Spitze der Krone mit roter Folie der schwarz gestilten Ornamente. 



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— 5 





iL 



Fig. 9. Nachträglich bezeichnet mit Fig. 6 als »The Veddah kiDg 
and his ministerc: »Vädiraja saha amäptyayä«. 
Höhe des Originals: 58 cm. 

Farben: Orün: das Gesicht, die äussere Hälfte der beiden grossen 
Blatter der Krone, die beiden pyramidal aufsteigenden Blätter z?rischen 
den vorigen; die äussern Konturen der auf dem Stimreif gebildeten 
Muster. Gelb: der Stirnreif, die grossen Seitenklappen, die Mittelteile 
der grossen Blätter und die spiraligen Seitenbügel der Krone, ferner das 
muschelförmige Ornament über dem Stirnreif. Hochrot: Mund und 
Ohrrand, die gitterformigen Ornamente der Ohrklappen (dazwischen 
schwarze Punkte), die Spitzen der gelben Kronenblätter, die Konturen der 
grünen Blätter und der linearen Ornamente des Stirnreifs; die Adern 
im Auge. 

Fig. 10. Original bezeichnung: »The king of the archers Vädirajjuruvoc. 
Hohe des Originals: 68 cm. 

Farben: Grün: das Gesicht, die über dem Stimreif stehenden 
Klappen, das grosse Mittelstück der Krone, welches mit Gitteromamenten 
verziert ist; Gelb: die Grundfarbe der Krone, die Striche unter den 
Augenhöhlen, unter der Nase und auf dem Kinn, die Ränder der Ohren, 
die Ornamente auf der grünen Kuppel. Hochrot: Mund, Linien im 



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— 6 




f- 



^•^ 




Weissen des Auges, OrDamente auf dem Stinireif, den Ohrenplatten, den 
nicht schwarz aasgedeckten Teilen des Eronenkegels, femer der innere 
breite Randstreif des RQckenschildes. Blangrün: die dunkel gezeichneten 
Schuppen auf den Seitenklappen, die dunkel gezeichneten Kugelfelder auf 
dem Stimreif, der Rand des ßückenschildes. Hellblau: die Iris der 
Augen. 

Die oben erwähnte Erzählung mit der Einschaltung (Fuchs und 
Fleisch) ist eine in Ceylon lokalisierte Variante einer in der indischen 
Litteratur vielfach ausgeführten Fassung der alten Fabel; vgl. die achte 
Erzählung des Pantschatantra (in Benfeys deutscher Übersetzung I. S. 310 
und n. § 191 S. 468). Hierher gehört auch die von A. Schiefner aus- 
führlich behandelte nordbuddhistische Fassung (Sufröni) in Melanges 
Asiatiques, St-P^tersbourg 1876, VII. 737. 

Albert Grunwedel. 



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über eine chinesische Bildrolle. 



Unter den im Jahre 1889 von dem damaligen kaiserliehen Gesandten 
in Peking, Herrn von Brandt, erworbenen chinesischen Bildern befindet 
sich eine Rolle, welche durch das hohe Alter des Originals, durch das 
kulturgeschichtliche Interesse des dargestellten Gegenstandes , sowie 
durch die Feinheit und Schönheit der Ausführung besondere Beachtung 
verdient. Das Bild ist auf Seide gemalt und diese auf weisses Papier 
aufgezogen; einschliesslich der Montierung hat es eine Länge von 
11,72 m und eine Breite von 40 cm; das Bild selbst (excl. Montierung) 
ist 6,15 m lang und 29 Vs cm breit. Es tragt die Aufschrift: »Nach 
dem Originale des Tse-tuan^) kopiert von Ch'ou Ying Shih-fuc. Dem 
Bilde ist eine Nachschrift beigefügt, welche nicht nur durch die Person 
des Verfassers, sondern auch durch die in derselben berichteten Schicksale 
des Originales von Interesse ist. 

Das Schriftstück lautet in deutscher Übersetzung folgendermassen. 

»Der Flussverkehr am Ch*ing-mlng-Fe8te')€. 

Das von dem Meister der Akademie der Sung-Dynastie Chang Tse- 
tuan gemalte Bild: »Der Flussverkehr c stellt eine Sitte jener Zeit dar, 
welche dem heutigen Brauche des Gräberbesuohes entspricht; daher die 
lebendige Fülle. Das Bild, welches keinen vollen Fnss breit und 
3 Klafter lang ist, ist bewundernswert; die Menscbenfiguren erreichen 
kaum einen Zoll, die kleinsten darunter nur 1 bis 2 fen, und alle übrigen 
Gegenstände sind in entsprechendem Verhältnis gehalten. Nach Mass- 
gabe der grösseren oder geringeren Entfernung ist die Zeichnung bald 
in Umrissen, bald in detaillierter Ausführung gehalten. Von den Vor- 
orten und Feldern führt sie auf den Marktplatz der Stadt Die Berge 
sind teils gewaltig und hoch, teils sanft geneigt und niedrig, teils ausge- 
waschen und gehöhlt; von den Gewässern sind einige sanft und ruhig 

') Ich bediene mich der fOr die Aussprache des Pekinger Dialektes gemeinhin adop- 
tierten Schreibweise. 

') »Ch'ing-ining shang-hö'. Shang-hö bedeutet hier sowohl den Verkehr auf 
dem Flosse als auch an demselben. 



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— 8 — 

dahinfliessend, andere ausgedehnt und tief, manche in Windungen lang 
sich hinziehend, manche rasch strömend und sich überstürzend; die 
Bäume sind bald kahl und ohne Laub, bald in reichem Blütenschmuck, 
bald so hoch und üppig, dass man ihr Ende nicht zu erblicken vermag. 
Was die Menschen und Tiere anlangt, so sind da Beamte, Gelehrte, 
Ackerbauer, Händler, Ärzte, Wahrsager, Bonzen, Tao-sse, Schreiber, 
Ruderer, Bootsleute, welche ihre Fahrzeuge an Tauen ziehen, Frauen und 
Mädchen und Sklaven; die einen gehen, andere sitzen, fragen, antworten, 
geben oder nehmen etwas, rufen hin und wieder, reiten im Trab oder 
im Galopp, tragen Lasten auf dem Kopf oder auf dem Rücken, ziehen 
oder schleppen; einige rufen ihre Vordermänner an, andere tragen Äxte 
und Sägen, fegen Unrat in Körben zusammen, tragen Becher und Krüge; 
andere wiederum halten die entblösste Brust dem kühlenden Winde, ent- 
gegen; diese sind ermüdet und haben sich zum Schlafe niedergelegt, 
während jene erschöpft die Glieder recken; da wärmen sich einige an 
Kohlenbecken, und andere lugen hinter Vorhängen hervor; diese schieben 
auf dem Festlande den räderlosen Karren vor sich her, während jene 
die schwerbeladene Barke stromaufwärts ziehen und mit äusserster An- 
spannung ihrer Kräfte nur Zoll für Zoll vorwärts dringen. Auf der 
hohen Böschung der rundgewölbten Brücke staut sich die gaffende Menge 
zu beiden Seiten: Alles scheint zu drängen und zu lärmen, und aus 
hundert Kehlen gemeinsames Geschrei zu schallen. Da giebt es Esel, 
Maultiere, Pferde, Ochsen, Kamele: die einen liegen und schlafen, andere 
ziehen Fuhrwerke; diese trinken, jene treten an die Futtersäcke heran 
und kauen ihr Heu, den Kopf bis zur Hälfte in den Sack hineinsteckend. 
Unter den Bauwerken finden sich die Gebäude der Behörden, Dorfhütten, 
Tempel buddhistischer und taoistischer Klöster; da sind Thüren und Fenster 
mit Schirmen und Vorhängen, Einfriedigungen von Zäunen und Mauern, 
die,' wenn man zwischen ihnen hindurchblickt, reihenweise vortreten. Die 
Verkaufsläden, in denen Wein, Ess waren, Spezereien, Heilmittel, ver- 
mischte Waren und allerhand Sachen feilgeboten werden, tragen sämtlich 
Aufschriften und Firmenschilder, und die Pinselstriche sind so fein, dass 
man sie kaum unterscheiden kann, — selbst einem Kenner wäre es 
kaum möglich, sie zu unterscheiden. Die Pinselführung ist leicht, die 
Ausdrucksweise lebendig, und bei den mannichfaltigen Gestalten des Ver- 
deckten und des Hervortretenden, bei der gleichmässigen Behandlung der 
Vorder- und Rückseite (der Figuren) ist keine Beeinträchtigung durch 
Spuren von Änderungen oder Korrekturen bemerkbar, — »es bleibt nicht 
um eines Haares Breite ein Gefühl der Unzufriedenheit zurückc, mit Tu 
Shao-ling ^) zu reden. Hätte er nicht Tag für Tag geschaffen und Nacht 

') Der unter dem Namen Tu Fu berühmte lyrische Dichter aus der Zeit der T'ang- 
Dynastie (714-774). 



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— 9 — 

für Nacht gegrübelt — er wäre nicht imstande gewesen, diesen Höhe- 
punkt der Vollendung zu erreichen. Sollte man das nicht als eine 
schwierige Lefstung bezeichnen dürfen? 

Das Bild muss vor der Regiemngsperiode Hsüan-cheng (578) ent- 
standen sein, im Zeitalter des Feng-tiug und Yü-ta^). Die am Anfange 
der Rolle stehenden fünf (sie!) Zeichen: yü Ifng shöa chin^), sowie 
das kleine Siegel mit dem Drachenpaar') sind in dem Hua-p'ü (einem Traktat 
über Malerei) nicht enthalten. Während der Begierungsperiode Ta-ting 
der Chin (Ein)-D7nastie (1161—1190) kam das Bild in die Schatzkammer 
(chen-tsäng, Raritätensammlung) des Ghang-chu in Yen-schan. Das Shü- 
hua-chi des Ho-shi sagt, derselbe gehöre samt dem Hsi-h^ü cheog-piäo- 
t^n (Darstellung des Gefechtes auf dem See Hsl-hu) zu der Elasse der 
genialen Werke (shen-p'ln). Unter der Yüan (d. h. Mongolen)-Dynastie 
kam das Bild wieder in die Kaiserliche Bibliothek (pi-fü), aber während 
der Regierungspenode Ghih-cheng (1341 — 1368) wurde es von einem 
Beamten, der es aufzuziehen hatte, durch ein gefälschtes ersetzt und an 
einen hochgestellten Beamten namens Ch^en Yen-lien aus Wu-ling ver- 
kauft. Diesem war es sehr um dasselbe thun; als er jedoch erfuhr, dass 
der Leiter (sc. der Bibliothek) wieder zurückgekehrt sei, geriet er in 
Angst und wagte nicht, es zu behalten. Darauf erwarb Yang Ghun das 
Bild für einen hohen Preis. Zugleich will ich berichten, dass sich aus 
den Stempeln des Wu-shi und Ghou-shi (späterer Besitzer des Bildes) 
keine Ortsangaben entnehmen lassen. Im Jahre h^n-mäo der Regierungs- 
periode Ghia-ching (1535) habe ich gemeinsam mit meinem Freunde 
Shih-fn das Original kopiert, um das berühmte Kleinod der Nachwelt zu 
überliefern. Ist das nicht erfreulich? Hiermit habe ich das wichtigste 
zusammengefasst. 

Wen Gheng-ming aus Gh^ang-chou.» 

Aus der obigen Darstellung geht zunächst hervor, dass die in Rede 
stehende Kopie nicht, wie man nach der Aufschrift annehmen sollte, von 
Ch'ou Ying Shih-fu allein, sondern unter Mitwirkung seines Freundes 
und Berufsgenossen, des berühmten Kalligraphen Wen Gheng-ming 
(1470 — 1559), des Verfassers der Nachschrift, angefertigt worden ist. 
Über das Alter des Originales scheinen sichere Angaben zu fehlen, 
da nur gesagt wird, es sei vor der Regierungsperiode Hsüan-cheng 



') Über diese beiden^ Namen vermag ich keine Auskunft zu geben. 

^ Hier liegt offenbar ein Schreibfehler vor, da das Gitat nur aus vier Worten be- 
steht Übrigens ergeben die Worte auch keinen zusammenhängenden Smn. 

') Sonst die angeführten Zeichen, als auch das Siegel fehlen auf der vorlegen- 
den Kopie. 



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- 10 — 

entstanden, welche der nördlichen Ghon- Dynastie angehört und dem 
Jahre 578 n. Chr. entspricht. Da jedoch esT-tuan gleich zu Beginn 
des Textes als Mitglied des Süng-h^än-ltn bezeichnet wird (es ist hier 
natürlich die kurzlebige Sang-Dynastie des Hauses Liu gemeint), so kann 
man jener allgemeinen Angabe die nähere hinzufügen, dass das Bild vor 
dem Jahre 479 entstanden sein müsse. Demnach wäre das Original bereits 
über 1000 Jahre alt gewesen, als unsere beiden Maler dasselbe kopierten. 
Es fragt sich nunmehr jedoch, ob die vorliegende Kopie echt, d. h. ob 
sie die im Texte erwähnte, im Jahre 1535 angefertigte ist. Leider lässt 
sit^h diese Frage keineswegs ohne weiteres bejahen; die im Texte zitierten 
vier Worte verraten sich schon durch die Bezeichnung >fünf Worte« 
als ein bedenklicher lapsus calami, der wohl eher auf einen flüchtigen 
Kopisten als auf den Verfasser des Nachwortes zurückzuführen sein dürfte. 
Auch ist das kurze Oedicht, welches auf das Nachwort folgt und aus 
gereimten Versen von je sieben Worten resp. Silben besteht, nicht gerade 
geeignet, unsem Glauben an die Echtheit der Kopie zu stärken, denn 
gleich im zweiten Verse ist dem Schreiber das Missgeschick widerfahren, 
den Reim an die vorletzte Stelle zu setzen, und wenn schliesslich die 
verschiedenen der Bildrolle aufgedrückten Siegel eine auffallende Ähnlich- 
keit in Stil und Farbe zeigen, so ist auch dieser umstand nicht ganz 
unverdächtig, selbst wenn man zugeben will, dass hier vielleicht der 
Zu&ll mitgespielt habe. Natürlich wird durch die hier geltend gemachten 
Bedenken der Inhalt des Textes keineswegs entwertet; vielmehr liefert der- 
selbe einen durchaus nicht uninteressanten Beitrag zu unserer leider noch 
sehr lückenhaften Kenntnis der Geschichte der chinesischen Malerei. Dass 
wir es übrigens in keinem Falle mit einer modernen Fälschung zu thun 
haben, dafür bietet der Zustand des Bildes sowohl wie der Montiernng 
die sicherste Gewähr. 

In betreff des dargestellten Gegenstandes sei zum Schlüsse noch er- 
wähnt, dass das Gh'ing-miug-Fest in China bis auf den heutigen Tag 
als Frühlings- und zugleich Totenfest in voller und allgemeiner Geltung 
ist. Eine lebendige und anschauliche Schilderung dieses in die erste 
Hälfte des dritten Monates fallenden Festes giebt de Groot in den Annales 
du Mus^e Guimet, t. XI, S. 230 flgde. 

W. Grube. 



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Neue Erwerbungen aus Hinter-Indien. 



[Vorbemerkung. Die folgenden Zeilen sollen einen kurzen Überblick über 
die von Herrn 0. Ehlers von seiner Reise durch Hinter-Indien mitgebrachten 
und dem Königl. Museum für Völkerkunde freundlichst überlassenen Objekte 
bieten. Eine eingehende Beschreibung der zum Teil sehr wertvollen Gegen- 
stände kann hier nicht gegeben werden, zumal nur wenige authentische er- 
läuternde Angaben (von Eingeborenen bezw. lange im Lande Ansässigen) zu 
diesen Objekten vorhanden sind. — Die Abbildungen sind Herrn Prof. Dr. Grün- 
wedel zu verdanken. Die auf den letzteren vorkommenden hinterindischen 
Wörter enthalten einige Namen und Bezeichnungen, die im Eontext erwähnt 
werden. Der Unterzeichnete hat diese Gelegenheit benutzt, sie hier in ein- 
heimischer Schreibweise mitzuteilen, weil so die Abbildungen, trotz des etwas 
bunten Aussehens, einen schwachen Reflex von dem wirklichen Gewirr von Kul- 
turen, Sprachen und Schriftsystemen in Hinter-Indien auch dem Laien bieten 
und damit die Schwierigkeit vor Augen führen, auf diesem Gebiete etwas fttr 
die Ethnographie Erspriessliches zu leisten. — 

Alles von dem Unterzeichneten Herrührende ist durch Qammem [] ge- 
kennzeichnet.] 

Lao. 

[Läo ist der einheimische Name eines Teils des Tai-Thai- Volkes. Es 

ist nicht der Name eines Landes, (letzteres heisst mu5ng läo = Land 

der Lao), sondern eines Volkes. Man kann also nicht sagen: >Moi in 

Lao8€, wie z. B. noch 1893 (Zeitschrift f. Ethnologie, p. 217) geschehen.] 

Objekte: 

>Shan Violine, Laos Staatenc. [sie! — Vergl. Abbild. I, No. 1. 
Wie die Saiten ursprünglich befestigt gewesen sind, ist nicht mehr zu 
ersehen.] 



') [Aach im Text sind die vorkommenden Völker- und geographischen Namen — 
entgegen der beliebten Nachlässigkeit auf diesem Gebiet — möglichst genau im An- 
schlnss an die einheimische Schreibweise angegeben und besprochen worden.] 



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— 12 — 

»Phen Low€, Lao-Orgel, Siam [lies phen oder phan Läo. Der Wohl- 
klang dieser Rohrorgeln, auf denen die Lao nicht müde werden, ganze 
Nächte hindurch zu musizieren, ist schon von verschiedenen Reisenden 
gerühmt worden und dieses Lob ist, wie man sich überfuhren kann, 
durchaus zutreffend. Die Grösse dieser Rohrorgeln ist übrigens sehr 
verschieden. Von den im hiesigen Museum vorhandenen sind einige 
etwa armlang, andere übermannshoch. Abbild. I, No. 2.] 

Pfeife [aus Bambus. Abbild. I, No. 7. Vergl. den Artikel Lawa]. 

Viehglocke, »Baw-Plateauc. 

Körbe [mit Deckeln und Holzfüssen. Sie waren ohne Provenienzangabe, 
stammen aber nach den an den Füssen befindlichen Aufschriften in Lao- 
Schrift offenbar aus dem Lao-Gebiete]. 

Packsattel. 




Abbild. 1. 



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— 13 — 



Schan. 






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[Birmanischer Name eines Volkes, wel- 
ches sich selbst Tai nennt. Von den Kat- 
schin Snm genannt.] 
Objekte: 

Dolch [mit Silberbeschlag und Schnur. 
Vergl. Abbild, ni, No. 2]. 

Hülse für einen Dolchgriff. 

Fünf »dha'sc. [Einer derselben — Griff 
aus Elfenbein, Scheide mit Silber verziert — 
ist abgebildet auf Abbild. III, No. 6. Dhä 
ist birmanisch und bedeutet: Messer, Schwert. 
Diese eigentümlichen langen Messer kehren 
auch bei den Schan und Siamesen wieder 
und tragen dort auch ähnlich lautende 
Namen. Alle diese Wörter: birmanisch: 
dhä, siamesisch: däp, Schan: läp, sind 
wohl verwandt, wenn nicht identisch, mit 
chinesisch: tao, in annamitischer (also 
älterer) Aussprache: dao oder djao.] 

Fünf Kleiderstoffe [ohne genauere An- 
gaben. Es sind zumeist Geschenke von 
Schanfursten an Herrn Ehlers. Von der 
reichen Stickereiverzierung giebt Abbild. H, 
welches in starker Verkleinerung das Ende 
eines Shawlähnlichen Tuches zeigt, eine 
Probe]. 

Zwei Tragetaschen. 

Zwei Ledersandalen. 

Pfeife [mit Silberbeschlag. Vergl. Ab- 
bild. I, No. 8]. 

Pincetten und Nadeln [an einem Ring 
hängend]. 

»Spiel der Shans und Burmesen, pre- 
sented by Moung Shway Hlay, Main- 
loungyee«. [Mhäing-löng-gyi. — Das Spiel 
ist weiter nicht erklärt.] 

»Schau-Bibel aus Ean-tungc [Buddhis- 
tischer Text, wohl aus Keng tung = 
Tchieng tung stammend]. 

Schan-Handschrift. 



M.f V. 



Abbild. 2. 



8 

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— 14 — 
„Schan in Maintha'^ 

[Maingdä (in englischer Orthographie: Maingtha) ist die birmanische 
Aussprache von Schan: Müöng s'a.] 

Zwei Dha's. [Vergl. Abbild. III, No. 3 u. 4. No. 3 in halboffener 
Scheide. No. 4 gleicht dem Typus der Khamti-Schwerter.] 

Tragedoppeltasche. 

„Shan Tayoks". 

[Dieser Name bedeutet: chinesische Schan, v. birman.: §an = Tai, 
u. birman.: tayök = Chinese. Von den birmanischen Schan werden 
sie Tai kM genannt (tai = Schan, khä = Chinese), weil sie unter chine- 
sischer Oberhoheit standen und zum Teil noch stehen.] 
Objekte: 

»Wasserpfeife der Shan Tayoks, Ghieng Hung«. [Letzteres ist die 
von den Schan: Eeng hüng, von den Siamesen: Tchieng rung, von den 
Chinesen: Tschhe-li genannte Ortschaft. Cfr. T oung Pao 1892, p. 21. — 
Die Pfeife ist ganz aus Bambus, und mit Rötan-Reifen umwickelt. An 
einer Schnur hängen daran: eine grüne und eine blaue Glasperle und 
18 chinesische Sapeken aus den Regierungsperioden Tao-kwang 1821 — 1850 
und Hien-fung 1851—1861. — Vergl. Abbild. I, No. 6.] 

»Wage ans Chieng Hung«. [Kleine Taschen wage nach Art der chine- 
sischen Schnellwagen, in einem Holzfutteral.] 

»Hut aus Chieng tung€. [Schan: Eeug tüng, siam.: TchiSng tung.] 

»Umhängetasche aus Moung Oo«. 



„Miau-tsu*^ 

[Miäo-tsi ist der chinesische Name für die Aboriginer im südlichen 
China. Sprachlich gehören die mit diesem Namen bezeichneten Völker- 
schaften ganz verschiedenen Stammen an. So gehören die Tschung Miao 
sicher, die Thsing Miao und An-schun Miao vielleicht, zu den Tai.] 
Objekte: 

»Musikinstrument der Miau-tsu, Tapin-Plateau, Tonkin«. [Vergl. 
Abbild. I, No. 3. Das Instrument ist ein Mittelding zwischen dem Scheng 
der Chinesen und den Pfaan der Lao. In einem dem hiesigen Museum 
gehörigen chinesischen illustrirten Manuskript über die Miao-tsi* sind zwei 
dem Stamme der »schwarzen Miao« angehörige Wilde abgebildet, welche 
dieses Instrument blasen. — Ähnliche Instrumente sind abgebildet bei 
A. R. Hein, die bildenden Künste bei den Dayaks, 1890, p. 116.] 



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— 15 — 
y^Hnong im Gebirge von Tonkin/^ 

[Bekanntlich ist Müöng (genaaer: miöug) nichts anderes als das 
Tai- Wort müöng = Stadt, Reich, und dadurch entstanden, dass die 
Annamiten den steten Beginn von Tai-Ortsnamen: müong z (== Ort- 
schaft x) für den Namen eines Volkes hielten und, da auch im An- 
namitischen der Genetiv nachfolgt, übersetzten: die Müöng^s von z, die 
M. von 7 usw. Lef^vre-Pontalis ist freilich im Recht, wenn er bemerkt, 
»qn'on n'a pas plus le droit de prendre le mot Muong pour le nom d'ane 
Population, que le Piree pour un homme«^), aber dieser Name^ hat 
nun einmal im Annamitischen Bürgerrecht erhalten und bezeichnet in 
dieser Sprache eben die Tai sprechenden Grenzstämme.] 
Objekte: 

»Hackmesser« [Abbild. III, No. 1. Scheide aus Bambus hergestellt 
und halbofifen]. 

»Doppeldolch der Muong in Phong Tho, Tonkin.« 

,,PanIong/^ 

[Wahrscheinlich sind die Paloung — von den Schau: Palöng ge- 
nannt — gemeint.] 
Objekte: 
Bauchringe, angeblich für Frauen. 

„Karen/^ 

[Von den Siamesen: Earfeng, von den Birmanen: Kayin, yon den 
Schau: Yang genannt] 
Objekte: 
Tabakspfeifen. 
Kleider. 

„Karenni.^^ 

[Von den Birmanen: Kayin ni (= rote Karen), von den Schau: 
Tang läng (= rote Karen) genannt. Sie nennen sich selbst: Ka-ya.] 
Objekte: 

Grosse Bronzetrommel. [Nach einer mündlichen Mitteilung des Herrn 
Ehlers wurde diese Trommel umgekehrt als Wasserbehälter in einem Kloster 



■) Tonng Pao, ArchiTes pour seryir i Triade de l'histoire, des langnes etc. de 
rAsie Orientale, edd. Schlegel et Cordier, 1892, p. 89. — Vergl. ebenda, p. 18. 

^ Das annamitische SchriftzeicbeD dafür befindet sich anter Abbild. III, No. 1. 

8* 



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— 16 - 

benutzt. — Ähnliche Trommehi sind abgebildet bei A. B. Meyer, Alter- 
tümer aus dem Ostindischen Archipel und angrenzenden Gebieten, 1884, 
p. 15 — 21, Tafel 16—18, (von Saleier, Luang, Rotti, Letti, Jawa — 
Hinterindien, Bangkok, den Karennees, China). 

Vgl. femer: F. Hirth, Über hinterindische Bronzetrommeln, in: Toung 
Pao I, p. 137 — 142. Neuerdings sind noch zwei dieser grossen Bronze- 
trommeln von Baron van Hoevell auf der Insel Kür (»Koer«, Kei-Inseln) 



Abbüd. 3. 




aufgefunden*) und beschrieben. Da van Hoevell die europäische Litte- 
ratur über diese Objekte nicht kannte, so erklärte er diese Pauken für 
»offertafelen of altaren, gewijd aan zonnecultusc. Auch die schon von 
RiedeP) richtig als »Eeteltrom van oost-Aziatischen oorsprong« benannte 
Pauke von Leti (vergl. a. A. B. Meyer 1. c.) ist für van Hoevell — und 
seit seinem Besuch dieser Insel vielleicht auch für die Eingeborenen — 
ein Sonnenaltar. >Het kostte mij veel moeite de inlanders te bewegen 
het voorwerp om te keeren'). Ik voorspelde hun, dat het er dan ge- 
heel anders zou uitzien en zij »Oepoe lerac [upu = Grossvater, lera 
= Sonne] zouden zien verschijnen. En werkelijk toen het altaar was 



Vergl. Tijdschrift voor Indische taal-, land- en volkenkunde etc., Deel XXXIII, 
1889, p. 163-155. 

•) Sluik — en kroesharige rassen, 1886, plaat XXXV. 

') Bekanntlich stand die Pauke bis dahin umgekehrt auf dem Boden und ist 
auch so von Meyer und Riedel abgebildet worden. 



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— 17 — 

omgedraald, kwamen en het beeld van de zon met twaalf stralen in 
't midden van 't bovenvlak en de vier kikvorschen en relief voor den dag. 
De verbazing der Letineezen was groot, toen zij mijne voorspelling be- 
waarheid zagen .... Het vinden van dit voorwerp in een land, waar 
na nog de vereering van Oepoe-lera in volle kracht is, maakte mijn ver- 
moeden tot zekerheid, dat ik hier werkelijk te doen hat met een altaar 
of offertafel, gewijd aan zonnecoltus, en dat vroeger, toen de kunst- 
vaardigheid op deze eilanden nog grooter was, dergelijke altaren gebezigd 
werden voor het doel, waarvoor nn de groote platte steenen onder den 
heiligen waringinboom zijn bestemd. Mogelijk werden zij ook wel door 
Brahmanen op Java en Bali vervaardigd en herwaarts overgebracht c ^).] 



Katschin. 

[Birmanischer Name eines Volkes, welches sich selbst Tschinpa (= 
Menschen) nennt. Die Grenzstamme von Assam nennen dieses Volk 
Singfo, eine Verstümmelung aus Tschinpa^).] 
Objekte: 

Frauenjacke. 

Frauenrock. 

Frauenkopftuch aus Bhamo. [NB. Dieser Ortsname ist in dieser 
fehlerhaften Form bei uns eingebürgert, die Birmanen schreiben und 
sprechen Bamma, die Katschin: Man mä, die Schan: Man' mä']. 

Taschen. 

Schwert. 

Lawa. [Schan: Lawa, Siamesisch: La:wä]. 

[Über den Volksstamm der Lawa vergl. Bastian, die Völker 
des östlichen Asien, 1866, Index s. v. Lava. Neuerdings hat Conrady, 
Geschichte der Siamesen, 1893, p. 17, die Läwä zu den Tai ge- 
rechnet. Dem gegenüber ist es nicht überflüssig, an die folgenden Be- 
merkungen Cushings, des bekannten Tai-Forschers, zu erinnern: »The 
Lewas [d. h. Lewa, Läwä] who inhabit the mountains of the territory 
mentioned [d. h. >the vicinity of Kaingtungc] are wild savages, only a 
part of whom have been brought to pay any tribute to the Tsawbwa of 
Kaingtung . * . Their language is entirely distinct from the Shan • . • 
The Shan . . . of Kainghong and the adjacent districts called themselves 



Tijdschrift etc. 1889, p. 211—212. 

*) Vergl. SymingtoD, Kachln vocabulary 1892. 



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— 18 — 

Leu [sprich: Li, Lü]. The confoandiQg of Lewa and Leu doubtlees arose 
from the fact that the vowel eü [d. h. i] does not exist in Borman and 
a Barman interpreter would luse au [d. h. ö] as an äquivalent in speaking 
of the Leu and call them Lau. Both the fiäct of the Tai Leu and the 
Lewa liying to the north, and the similarity of Lau and Lewa in sound 
probably helped to produce the mistake • • . • The Lewa have no more 
connexion with the Shan than the Eakhyeng etcc. British Burma 
Gazetteer 1880, I, p.l76— 177.] 
Objekte: 

Zwei Pfeifen [s. Abbild. I, No. 4 u. 6. Beide aus Bambus. Eine 
Anzahl No. 6 u. 7 fast gleichender Pfeifen, von den Bönöng(>Beunong€) 
stammend, sind im hiesigen Museum vorhanden. No* 4 ist wohl chine- 
sischen Ursprungs, wenigstens finden sich in der Formosa- Sammlung 
zwei ähnliche vor. Mundstück und Ende von No. 4 sind aus Silber 
hergestellt]. 

Schlingen zum Taubenfang. 

Schleuder. 

Viehglocke. 

[Auf die aus Birma, Siam und Tongking herrührenden Gegenstande 
werde ich noch gelegentlich zurückkommen.] 

F. W. K. Müller. 



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Die grossen Steinskulpturen des Museo 
Nacional de M6xico. 



Unter den Staaten, die in besonders hervorragender Weise an der 
historisch-amerikanischen Ausstellung des Jahres 1892 in Madrid sich 
beteiligt hatten, moss die Republik Mexico in erster Linie genannt 
werden* Nicht weniger als fünf grosse Säle hatte dieser Staat mit 
Altertümern und Modellen gefüllt, die von den verschiedenen Kulturen, 
die auf dem Boden des alten Mexico erwachsen sind, ein ziemlich an- 
schauliches Bild gaben. Unter anderem hatte für diese Ausstellung die 
Verwaltung des Museo Nacional de Mexico von den grossen Stein- 
skulpturen, die teils auf dem Boden der alten Stadt Mexico selbst, teils 
anderwärts im Lande gefunden sind, und die jetzt einen der grössten 
Schätze des Museo Nacional de Mexico bilden, Abformungen in Original- 
grösse aus Papiermache anfertigen lassen, die mit der natürlichen Farbe 
des Steins bemalt alle Einzelheiten der Originale in vorzüglicher Weise 
wiedergeben. Von diesen Abformungen ist es gelungen, einen Teil für das 
Königliche Museum für Völkerkunde zu erwerben. Seit einen Jahre sind 
diese in dem grossen Oberlichtsaal ausgestellt 

Drei der grössten und schönsten Stücke der Sammlung des Museo 
Nacional de Mexico entstammen, wie Antonio de Leon y Grama in dem 
bekannten Buche »Deecripcion HistiSrica y Cronolögica de las Dos 
Piedras etcc (2. Ausg. Mexico 1832) des Näheren beschreibt, den 
Kanalisationsarbeiten, die in den Jahren 1790 und 1791 auf dem grossen 
Platze von Mexico vorgenommen wurden. Es sind der sogenannte Kalender- 
stein (calendario azteco), der sogenannte quauhxicalli des König 
Tifoc und die Kolossalstatue der sogenannten Teoyaomiqui. Das 
Modell des Kalendersteins gelangte leider in zerstörtem Zustande nach 
Madrid. Die beiden andern sind wohl angekommen. Und sie befinden 
sidi auch unter den Stücken, die für das Königliche Museum erworben 
worden sind. 

Über den sogenannten Kalenderstein, von dem in den Anales del 
Museo Nacional de Mexico, Vol. 11. eine allerdings wohl nicht ganz zu- 



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— 20 - 



verlässige AbbilduDg gegeben ist, ist viel geschrieben und viel phantasiert 
worden. Ealenderdaten sind anf ihm angegeben. Aber richtiger ist er 
als Sonnenstein zu bezeichnen. Die Skulptur zeigt ein Sonnenbild, 
ans einem verzierten Ring und zweimal vier Strahlen bestehend, zwischen 
denen augenartige Gebilde eingeschaltet sind. Dieses ist umgeben von 
zwei Feuerschlangen, zwischen deren Schwanzenden das Zeichen mat- 
lactli omei acatl = 13 Rohr angegeben ist. Die Schlangen sollen 
ohne Zweifel ein Jahr bedeuten. Und »13 Rohr« ist, wie wir aus der 
»Historia de los Mexicanos por sus pinturas« wissen^), das Jahr, in 

dem nach der Meinung der Mexi- 
kaner die gegenwärtige Sonne 
geboren ward. Dem inneren Ringe 
des Sonnenbildes sind die zwanzig 
Tageszeichen eingeschrieben. Und 
der Ring umschliesst eine Figur, die 
in einem Anagramm die vier prähis- 
torischen Sonnen oder Weltalter und 
die fünfte gegenwärtige Sonne oder 
das historische Zeitalter zur Anschau- 
ung bringt. (Fig. 1.) 

Die Figur zeigt nämlich das 
Datum naui olin »vier Bewegung«, 
das als Zeichen der gegenwärtigen Sonne, als der für ihr Geschick be- 
stimmende Tag galt. Und auf den Flügeln desselben sind die Zeichen 
der vier prähistorischen Zeitalter eingeschrieben: — rechts oben naui 
ocelotl »vier Tiger«, das Zeichen der Erd- oder Tigersonne; links oben 
naui eecatl »vier Wind«, das Zeichen der Windsonne, links unten 
naui quiyauh »vier Regen«, das Zeichen der Feuerregensonne, rechts 

unten naui atl »vier Wasser«, das Zeichen 
der Wassersonne*). 

Im Centrum des Bildes ist das Gesicht des 
Sonnengottes zu sehen — kenntlich insbeson- 
dere durch die zwei Linien, die den äussern 
Augenwinkel umziehen, und die genau in gleicher 
Weise bei dem Sonnengott des Tonalamatl der 
Aubin-Gonpilschen Sammlung und des Codex 
Borgia zu sehen sind (vgl. Fig. 2). Die vier Sym- 
Fig. 2. hole, die in die Zwickel neben die vier Flügel 




Fig. 1. 




') Anales del Museo Nacional de M^ico U. p. 90. 

^) Statt der betreffenden Bilder sind in der beigegebenen Abbildung Fig. 1 nur die 
Ziffern I— IV den Flügeln des olin eingeschrieb.en. 



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- 21 — 

des Olin- Zeichens eingeklemmt sind, sind nicht alle in ihrer Bedeu- 
tung klar. Neben der Erd- oder Tigersonne (rechts oben) sehen wir 
das Zeichen ce tecpatl »eins Feuerstein«. Das ist das auf »13 Rohr« 
(das Geburtsjahr der Sonne) folgende erste Jahr der gegenwärtigen Sonne 
oder des gegenwärtigen Weltalters, d. h. das erste historische Jahr. 
Von ihm aus rechnen daher auch die Historien der Mexikaner* In 
dies Jahr verlegen die Geschichtsbücher den Auszug aus der Urheimat 
Aztlan. Neben der Windsonne (links oben) ist die Krone und die 
Brustplatte des alten Himmelsgottes, des Feuergottes zu sehen. 
Links unten, neben der Feuerregensonne das Zeichen ce quiyauh »eins 
Regen«. Rechts unten, neben der Wassersonne ein Zeichen, das mir 
allerdings nach den Photographien nicht ganz deutlich ist, das vielleicht 
chicome 090m atli »sieben Affe« zu lesen ist. 

Der zweite der grossen Steine, der sogenannte quauhxicalli des Königs 
Tifoc, ist in klassischer Weise von Manuel Orozca y Berra in dem ersten 
Bande der Anales del Museo Nacional de Mexico beschrieben worden. 
Während frühere Beschreiber durchgängig geneigt gewesen waren, in 
diesem Stein einen temalacatl zu erkennen, d. h. den Stein, auf welchem 
am Tlacaxipeualiztli, dem Feste Xipes, das sogenannte SaCrrficio gladiatorio 
stattfand, sieht Orozco y Berra in ihm ein quauhxicalli, d« b. den auf 
seiner Oberseite napfartig ausgehöhlten Stein, der bei gewissen Opfern 
an die Sonne eine Rolle spielte. Als ausschlaggebend für OrOzco y Berra 
ist der umstand, dass der temalacatl, sdnem Namen »steinerner Spinn- 
wirtel« entsprechend, übereinstimmend nur in der Mitte durchbohrt be- 
schrieben wird, und dass durch dieses Loch in der Mitte das S0il(aztamecatl) 
gefuhrt worden sein sollte, das den auf dem Steine kämpfenden Ge- 
fangenen am Fusse fesselte. Ich gebe indes zu bedenken, ob nicht die 
eigentümliche Rinne, die auf dem Steine Ti90cs, das Sonnenbild auf der 
Oberfläche durchschneidend, genau an der Hinterseite desselben, d. h. der 
Relieffigur des Königs gerade entgegengesetzt, angebracht ist, vielleicht 
als Führung für ein Seil zu denken ist, für ein aziamecatl, das dem 
auf dem temalacatl mit unbewehrten Waffen kämpfenden Opfer erlaubte, 
nach vom (von wo vermutlich doch der Angreifende kam) bis an den 
Rand des Steines vorzugehen. Die Beschreibung, die Torquemada von 
dem temalacatl giebt, passt in mancher Beziehung recht gut auf unseren 
Stein. Temalacatl und quauhxicalli waren Genossen. Beide sind 
rund, flach walzenförmig, mit dem Bilde der Sonne oder auf sie bezüg- 
lichen Darstellungen geschmückt, augenscheinlich als Bilder der Sonne 
gedacht, als das Idol, das bei bestimmten Ceremonien die Opferpapiere 
und die Papierkleider der Opfer, bei anderen Ceremonien das Blut und 
die Herzen der Geopferten und wieder bei anderen die Opfer selbst in 



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Empfang nahm. Um das Blut und die Herzen aufzunehmen, musste das 
Bild napfartig gestaltet sein, aber um so stärker napfartig, je kleiner das 
Werkstack selbst war. 

Quauhzicalli und temalacatl und der Stein Ti90cs gehören 
demnach in eine ganze Klasse von Altertümern, von denen eine nicht 




a a 



Fig. 3. 

ganz geringe Zahl erhalten ist. Zwei grössere beschreibt Jesus Sanchez 
in dem III. Bande der Anales del Museo Nacional de Mexico (pag. 127 
und 296). Kleinere sind in verschiedenen Sammlungen zerstreut. Einen 
kleinen Napf dieser Art besitzt auch das Kgl. Museum für Völkerkunde 
aus der alten Uhdeschen Sammlung. Alle sind auf der Oberfläche oder 



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— 23 - 

in der Peripherie oder dem Boden der Vertiefung mit dem Bilde der 
Sonne, auf dem GyliDdermantel mit Äugen und Steinmessem, d. h. mit 
Augen und Strahlen, den Elementen des Sonnenbildes geschmückt. Und 
viele tragen auf der Unterseite das Bild der Nacht, des das Steinmesser, 
d. h. die Sonne, verschlingenden Ungeheuers. 

Der Stein Ti9ocs ist hervorragend durch die Ornamentation des 




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^'i/«^ 



Cylindermantels. Fünfzehn Gruppen sind auf demselben dargestellt. Jede 
besteht aus einem Krieger, der einen Gefangenen am Schopf hält Hinter 
dem letzteren steht die Hieroglyphe einer Stadt. Der Gefangene reicht 
dem Sieger als Zeichen der Unterwerfung seine Waffe, das Wurfbrett, 
dar. Das Wurfbrett ist von Orozco y Berra nicht erkannt worden. Er 
hielt das Instrument für ein Opfermesser. Der Sieger ist in den Gruppen 
in die Tracht Tezcatlipocas gekleidet, mit dem eigentümlichen, in 



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- 24 — 

Rauchwolken umgewandelten Fuss, der das Bild dieses Gottes in den 
Handschriften kennzeichnet. Der Gefangene erscheint augenscheinlich in 
der Tracht der Gottheit der betreffenden Stadt. Das ist namentlich 
deutlich in der Gruppe, welche die Unterwerfung von Xochimilco dar- 
stellt (Fig. 3) und in der ähnlichen (an zweiter Stelle ihr vorhergehenden) 
Gruppe, welche die Unterwerfung von Colhuacan darstellt. Hier hält 
der Sieger ein Weib am Schopf, das durch ihre Attribute, insbesondere 
durch das mit dem Totenkopf geschmückte Webemesser (tzotzopaztli), 
das sie in der linken Hand hält, als die Erdgöttin Giuacouatl, die 
Göttin von Colhuacan und Xochimilco, gekennzeichnet ist. Diese Dar- 
stellung der Eroberung und Unterwerfung einer Stadt ist typisch. Sie hat 
ihre letzten Ausläufer in den Yalientes des Codex Mendoza, die eine 
besondere aiiszeichnende Tracht erhalten, weil sie einen oder mehrere 
Gefangene gemacht haben. Eine genaue Parallele zu den Skulp- 
turen des Steines Ti90c's existiert in Felszeichnungen des Penon de 
los banos, des Tepetzinco, der ehemals inmitten der Wasser des Sees 
von Mexico aufragte. Auch hier ist der Sieger (vgl. Fig. 4) in die Tracht 
Tezcatlipocas gekleidet. Auf dem Stein Tiyocs halten die Besiegten 
die Wurfspeere in der linken Hand hinter sich und reichen mit der 
Rechten das Wurfbrett dar. Auf dem Penon de la banos reicht der 
Besiegte die Speere dar und hält mit der andern Haud das Wurfbrett 
hinter sich. 

Auf dem Stein Ti90C8 ist der eine der Sieger, der an der Vor- 
derseite, genau gegenüber der Stelle, wo auf der Oberseite die Rinne 
das Sonnenbild durchschneidet, in reicherer Tracht dargestellt. Er wird 
durch die hinter seinem Kopfe angebrachte Hieroglyphe als Ti9oc oder 
Ti90cic, der siebente der mexikanischen Könige (1483 — 1486), gekenn- 
zeichnet. Der Gefangene, den er am Schopf hält, ist der König oder 
der Gott der Matlatzinca d. h. der Leute von Toluca. Wir wissen aus 
der Cronica mexicana des Tezozomoc, dass König Ti50C in der That ver- 
hältnismässig glücklich mit dieser Nation kämpfte. Dies und die andern 
Hieroglyphen sind in der oben genannten Arbeit Orozco y Berras in be- 
friedigender Weise erörtert worden. Ich begnüge mich daher, hier 
darauf zu verweisen. Einige der Hieroglyphen lese ich allerdings anders. 
Ich lese von vorn nach rechts fortschreitend: Matlatzinco, Tochtlan 
(s. Andres Tuxtla), Auilizapan (Orizaba), Auexoyocan, Colhuacan, 
Tetenanco, Xochimilco, Chalco, Tama9olapan, Acolman, Tepet- 
lapan, (undeutlich), Ton atiuhco, Poctlan (Mixteca baja), Cuetlacht- 
lan (Cotastla). 

Der dritte der grossen unter dem Pflaster der Hauptstadt Mexico 
gefundenen Steine ist die Kolossalstatue, die allgemein unter dem Namen 



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— 25 — 

Teoyaomiqui geht. Der Name ist falsch und irreleitend. Die dar- 
gestellte Person ist die Erdgöttin der Mexikaner, die an verschiedenen, 
Orten nnter verschiedenen Namen verehrt wurde, — als Teteoinnan 
oder Toci, Ciuaconatl, Couaxolotl, Qnilaztli, Goatlicne 
Tonantzin, Tla^olteotl — und dementsprechend auch verschieden 
dargestellt wurde, je nachdem eben die eine oder die andere Seite ihres 
Wesens besonders beachtet wurde. 

Die Erde war den Mexikanern, wie allen Volkern, die grosse Mutter, 
die alles Lebendige aus ihrem Schosse gebiert, dem Himmel als Vater 
gegenübergestellt. Aber sie war auch, und diese Seite ihres Wesens tritt 
bei den Mexikanern besonders in Vordergrund, das Ungeheuer, das die 
Sonne verschlingt, das Himmelswasser versickern lässt und allem Lebendigen 
ein Grab bereitet, die Göttin des Tlillan, des Reiches des Dunkels. In 
dieser Auffassung wurde sie mit Totenkopf dargestellt und mit Todes- 
symbolen ausgestattet. So sehen wir sie in dem Steinbild von Tehuacan, 
das ich in Fig. 7 wiedergegeben habe und auf das ich gleich zu sprechen 
kommen werde. Und diese Form der Erdgöttin führt auch das Kolossal- 
bild der sogenannten Teoyaomiqui vor Augen. Das Steinbild von 
Tehuacan (Fig. 7) ist geradezu der Schlüssel für die Deutung der Teoyao- 
miqui. Beide Figuren stimmen zunächst überein in der Haltung, die 
bei der Figur von Tehuacan deutlich die eines zum Sprunge bereiten 
Raubtiers ist. Beide haben Tigertatzen, Beide sind um die Hüften mit 
einem aus Schlangen geflochtenen Gewand umgeben — eine deutliche 
Illustration des einen Namens der Erdgöttin: Gouatlicue »aus Schlangen 
besteht ihr Rock«. Aber der Kopf ist bei der Kolossalstatue von Mexico 
abgeschnitten gedacht. Die Wundränder, die in den Bilderschriften 
regelmässig mit besonderer gelber Farbe abgesetzt und mit lappigem 
Rand gezeichnet werden, sind hier im Stein ebenfalls besonders abgesetzt 
und mit einer gekerbten Ornamentation versehen. Aus der offenen 
Wunde schiessen an unserer Statue, wie die Blutströme aus den beiden 
Aorten, zwei Schlangen hervor, die seitlich hervorbrechend, ihre Köpfe 
nach der Mitte biegen und in der Mitte sich mit den Schnauzenenden 
berühren. So entsteht gewissermassen als ein neuer Kopf ein Schlangen- 
Doppelgebilde, das vom und hinten denselben Anblick gewährt und ein- 
heitlich erscheint, weil das Auge und die Zähne der beiden Schlangen 
sich symmetrisch verteilen , und die Hälften der gespaltenen Zungen 
ebenfalls zu einer Schlangen-Doppelzunge sich zusammenschliessen. Das 
ganze Gebilde ist augenscheinlich eine Illustration eines andern Namens 
der Erdgöttin : Couaxolotl »Schlangendoppelgebilde«, der in Torquemada 
2. Kap. 58 augegeben wird, und aus welchem mit gefinger Umbildung 
der Name Quaxolotl das »Kopfdoppelgebildec — auch ein Name der 



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26 — 



Erdgöttin — entstanden zu sein scheint. Was den umstand betriflft, 
dass die Eolossalstatue Ton Mexico die ErdgSttin geköpft darstellt, so 
erinnere ich daran, dass bei allen Festen, wo der Erdgöttin eine Frau 
als ihr Abbild als Opfer dargebracht wurde, diese geköpft und darnach 
geschunden wurde. In ähnlicher Weise wie der Kopf, sind an unserer 
Statue auch die Hände abgeschlagen gedacht, und aus den Wundrändern 
schiesst je eine Schlange hervor. Von dem Steinbild von Tehuacan (Fig. 7) 
unterscheidet sich die Eolossalstatue von Mexico ferner durch den um- 
stand, dass die Tigerfüsse mit Adlerfedem bedeckt erscheinen, — eine 
Darstellung, die auch in den Bilderschriften nicht selten beobachtet 
wird, und durch einige Trachtbesonderheiten. Die Kolossalstatue trägt 
um die Handgelenke Ringe aus Fell, von denen zwei lange Riemen 
herabhängen, um den Hals trägt sie eine aus Schlangen geflochtene 
Schnur, auf der abgeschnittene Hände und ausgerissene Herzen aufgereiht 
sind, mit einem grossen Totenkopf als Mittelstück. Endlich hat sie noch 
hinten ein besonderes Trachtstück, eine Art Schurz aus geflochtenen 
Riemen, an deren Enden Schneckengehäuse hängen, am oberen Ende, da 

wo der Schurz am Gürtel befestigt ist, mit 
einem Totenkopf geschmückt« Dieses Tracht- 
stück ward citlalin icue »Stemenrockc 
genannt und war ein besonderes Abzeichen 
der Erdgöttin. So ist es z. B. in der 
Figur der Erdgöttin zu sehen, mit welcher 
im Codex Telleriano Remensis das Och- 
paniztli, das Besenfest, das Fest der 
Erdgöttin, bezeichnet wird (Fig. 5). So 
ist es deutlich auch an der Ciuacouatl 
in der Gruppe »Eroberung von Xochimilco« 
auf dem Steine Ti90cs (Fig. 3) zu erkennen. 
Würde nichts weiter an der sogenannten 
Teoyaomiqui auf die Erdgöttin hin- 
weisen, dies eine Trachtstück wäre aus- 
Die Schneckengehäuse an diesem schurzartigen Riemen- 
behang brachten beim Gang ein rasselndes Geräusch hervor. An anderer 
Stelle habe ich darauf hingewiesen, dass dieser Schurz ein huaxtekischer 
Trachtbestandteil ist. Die huaxtekischen Krieger trugen einen solchen, 
um durch das Geräusch beim Gang dem Feinde Schrecken einzuflössen. 
Und die Erdgöttin trägt ihn, weil sie im Küsteulande der Huaxteca hei- 
misch gedacht wurde. 

Ich gehe nfin zu den beiden aus weissem Trachyttuff gearbeiteten, 
zum Teil mit kostbaren Steinen inkrustierten und bemalten Figuren über. 




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— 27 — 

die ans Tehaacan (an der Strasse nach Oaxaca) in das Museo Nacional 
de Mexico gekommen sind. Vgl. Figg. 6 — 8. Sie sind schon von 
Cbavero richtig als Feuer-, d. h. Himmelsgott, und als Erdgöttin gedeutet 
worden. Eine andere Deutung hat Hamy in seinen Decades Americanae 
versucht. Hamy ist der erste, der die Aufmerksamkeit auf die Hiero- 
glyphen gelenkt hat, die auf dem Hinterkopf dieser Figuren angebracht 
sind, und die augenscheinlich die dargestellte Person kennzeichnen sollen. 
Hamy stützt seine Interpretation auf diese Hieroglyphen. Er hat aber 
dieselben nicht richtig gelesen und geht deshalb in seiner Deutung fehl. 
Die beiden Hieroglyphen (vgl. Figg. 9 und 11) geben je ein Tages- 
datum, aber nicht die Tage >acht Tode und »vier Schlange«, wie Hamy 
liest, sondern »acht Drehkraut« (chicuei malinalli) und »vier Kro- 
kodil« (naui cipactli). Das ist ohne weiteres klar, wenn man die 
betreffenden Zeichen mit den Bildern von malinalli und cipactli ver- 
gleicht, die ich in den Figg. 10 und 12 nach dem Codex Telleriano 
Remensis wiedergegeben habe. 




Fig. 9. 



Fig. 10. 



Fig. 11. 



Fig. 12. 



Es war bei den Zapoteken und Mixteken, und so jedenfalls auch 
bei ihren Nachbarn, den Leuten von Tehuacau, beobachtete Sitte, die 



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- 28 - 

Personen mit einem Datum zu bezeichnen, das bei den irdischen Per- 
sonen wohl das Datum ihrer Geburt war. In gleicher Weise wur- 
den nun aber auch die Götter mit einem Datum bezeichnet, und in 
den Bilderschriften mythologischen Inhalts, die aus diesen Gegenden 
stammen, finden wir daher regelmässig neben den göttlichen und son- 
stigen Figuren ein Datum als ihre Namenshieroglyphe angegeben. Eine 
der wichtigsten dieser Bilderschriften ist der Wiener Codex. Und hier 
glaube ich auch die Figuren von Tehuacan nach ihren Hieroglyphen be- 
stimmt erkennen zu können. Allerdings nicht mit dem Namen »acht 
Drehkrautc, sondern mit dem Namen »neun Prehkraut« (chicouaui 
mal in all i) kommt in dem Wiener Codex eine Göttin vor, mit Totenkopf 
und Todessymboleu, die augenscheinlich ein Analagon des Steinbildes Fig. 6 
ist. Ich habe in Fig. 13 eine der Stellen, wo diese Göttin in der Hand- 





Fig. 13. 



Fig. 15. 



Fig. 14. 




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— 29 — 

Schrift vorkommt, wiedergegeben. Es ist ihr gegenüber daselbst ein Priester 
gezeichnet, der mit schwarzer nächtlicher Farbe gemalt ist und die 
Perräcke des Todesgottes trägt. Er bringt der Gottin eine Wachtel als 
Opfer dar. Ghiconani malinalli ist dadurch als Gottin deutlich gekenn- 
zeichnet. 

Unter dem Namen Naui cipactli ist im Wiener Codex ein Gott 
gezeichnet, der mit heller Farbe gemalt ist, und dessen Gesicht aus dem 
aufgesperrten Rachen eines Krokodils (cipactli) her vorsieht. Er ist auf 
Blatt 13 dieser Handschrift auf dem Sternenthron stehend dargestellt, und 
ihm gegenüber bringt ein Priester eine Wachtel als Opfer dar. (Fig. 15.) Ohne 
Zweifel ist es der alte Himmelsgott, der Tonacatecutli oder Ometecutli 
der Mexikaner, im Wesen identisch mit dem Feuergott. Und diesen stellt 
ohne Zweifel auch das Steinbild von Tehuacan (Fig. 6 u. 8) vor. Im engeren 
Sinne dürfte der Gott als Gamaxtli oder Mixcoatl bezeichnet werden, 
denn auf den Beinen und Armen ist eine rote Längsstreifung sichtbar, 
genau der entsprechend, mit der in den Bilderschriften der Gott 
Gamaxtli oder Mixcoatl dargestellt ist. Allerdings ist in den 
Bilderschriften diese Streifnng ausnahmslos verbunden mit einer tief- 
schwarzen halbmaskenartigen Bemalung um das Auge. Von dieser scheint 
an dem Steinbild von Tehuacan keine Spur, oder keine Spur mehr vor- 
handen zu sein. Ein besonderes Attribut ist noch zu erwähnen, welches 
das Steinbild von Tehuacan an einer um den Hals gehenden Schnur auf 
dem Rücken trägt* Das ist natürlich kein Ayate oder Netzmantel, wie 
Hamy will, sondern ein bestimmtes Attribut. Es ist die Devise des 
Feuergottes, der Xiuhcouatl, den der Feuergott als Abzeichen auf dem 
Rücken trägt Das zeigt der Vergleich mit dem Xiuhtecutli des Saha- 
gun-Manuskriptes, den ich in Fig. 14 wiedergegeben habe. An dem Stein- 
bilde fehlt der Drachenkopf. Aber der Leib mit den winkligen Absätzen 
und dem spitzen Schwanzende ist genau in gleicher Weise angegeben. 

Von den andern Figuren erwähne ich noch das aus rötlichem Stein 
gefertigte Bild Fig. 16, weil das bisher noch nicht bestimmt agnosziert 
worden ist Die Figur ist auf einem augenscheinlich aus Holz geschnitz- 
ten Stuhle sitzend dargestellt. Arme und Beine sind mit Bildern von 
Blumen in verschiedenen Formen (vgl. Fig. 18) geschmückt. Vom Hals 
zur Brust herab hängt ein mit Tierkrallen geschmückter Kragen. Ein 
mit Tierkrallen besetzter Ring umgiebt die Knöchel. Über Scheitel und 
Nacken fällt eine am Rande mit Federn besetzte Kapuze, auf der eigen- 
tümliche Symbole (vgl. Fig. 19) angebracht sind. Bemerkenswert ist, 
dass die Ausarbeitung deutlich eine das Gesicht bedeckende Maske er- 
kennen lässt Diese Figur scheint Macuilxochitl »Fünf Blumec — 
einen an der Grenze des Zapotekenlandes, wie es scheint, einheimischen 

M-t V, 4 



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— 30 — 

Gott (Gott des Spiels, Gesangs und Tanzes) — oder einen seiner Ge- 
nossen darstellen zu sollen. Beweisend ist dafür, neben der Blumen- 
omamentik, vor allem das Symbol Fig. 19, das auf der Kapuze, und auch 
auf dem Stuhl, auf dem er sitzt, angebracht ist, das eines der wesent- 
lichsten Embleme Macuilxochitls und seiner Genossen ist (vgl. Fig. 17) 
und das der aztekische Sahagun-Text als tonalli-Emblem bezeichnet. 
Macuilxochitl und seine Genossen fähren den yollotopilli, den Stab 
mit dem Herzen, über dessen Symbolik ich an anderer Stelle gesprochen 





Fig. 16. 



Fig. 17. 






Ah. 



Fig. 19. 



Fig. 18. 



habe. Ein paar solcher Stäbe scheint auch das Steinbild Fig. 16 in den 
Händen gehalten zu haben. Sitzende Steinbilder dieser Art, mit einem 
yollotopilli in der Hand, waren in Mexico auf der Plattform des grossen 



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— 31 — 

Tempels, zu beiden Seiten des Doppelsacrariums angebracht. Das ist aus 
dem Bilde dieses Tempels in dem Atlas zu der Ausgabe der Geschichte 
des P. Duran zu ersehen, und deutlicher in einem Grundriss desselben, 
der in dem aztekischen Manuskript des Geschichtswerkes des P. Sahagun 
in der Biblioteca del Palacio in Madrid gegeben ist. Die beiden Bilder 
werden hier als Macuil cuetzpaliu und Macuil calli »Fünf Eidechse« 
und >fünf Haus« bezeichnet. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch 
das Bild Fig. 16 einem gleichen Zwecke diente. 

Seier. 



4* 

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über die Pfeifen der Bali. 

(Vorlaufige Mitteilung.) 



Durch grössere und beinahe systematische 
Aufsammlungen Dr. Zintgraffs und des Frh. von 
Steinaecker ist das Museum in den Besitz einer 
recht beträchtlichen Sammlung aus dem Bali-Lande 
gelangt, jener Gegend im Hinterlande von Eamerun, 
die eine Zeit lang als der künftige eigentliche und 
natürliche Mittelpunkt uuserer westafrikanischen 
Kolonie erschienen war, jetzt aber dem Vernehmen 
nach wieder aufgegeben, bezw. ohne europäische 
Aufsicht gelassen werden soll. 

Unsere Bali-Sammlung wird daher — von ein- 
zelnen Stücken, die jetzt da und dort in Deutschland 
zerstreut sind, abgesehen — voraussichtlich lange 
Zeit völlig vereinzelt bleiben und bei der nun einmal 
eingeleiteten Zersetzung der ursprünglichen Verhält- 
nisse des Bali-Landes für alle Zeiten ein wichtiges 
Denkmal seiner primitiven Zustände vor dem Auf- 
treten der ersten Europäer bilden, wie es in gleicher 
ün verfälschtheit aus derselben Gegend wird nie- 
mals wie der beschafft werden können. 

Eine ausführliche Veröffentlichung dieser wert- 
vollen Sammlung erscheint daher mehrfach er- 
wünscht und wird wohl in nicht allzu langer Frist 
ermöglicht werden, inzwischen werden einige der 
Pfeifenköpfe nebenstehend abgebildet, welche für 
das Bali-Land besonders bezeichnend sind. 



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— 33 — 

Die Veröflfentlichung erfolgt freilich meinerseits als eine gänzlich im- 
provisierte und während meiner Abwesenheit vom Druckorte; ich be- 
schränke mich daher auf einige Zeilen zur Erklärung der Tafeln. 

Die Pfeifenköpfe der Bali, von denen aus einer hundert weit über- 
steigenden Zahl eine Auswahl getroffen ist, bestehen meist aus einem sehr 
weichen, brüchigen und schlecht gebranntem Thon von grauer oder grau- 





brauner Farbe. Die Oberfläche ist meist schwarz oder ziegelrot gefärbt, 
nur einzelne Stücke sind grau oder schmutzig graubraun, auch dunkle Be- 
malung auf hellerem Grunde ist nicht selten; alle haben eine lackartig 
glänzende Oberfläche die anscheinend nicht bloss mechanisch geglättet ist. 
Die schwarzen Stücke sind häufig nach der Fertigstellung noch mit Fett 
und feinem Rotholzpulver eingerieben, so dass alle Vertiefungen rot er- 
scheinen. 

Es giebt ab und zu völlig einfache, unverzierte Stücke; viele tragen 
mehr oder weniger reiche geometrische Verzierungen, die meisten aber 
haben die ' Form eines menschlichen Kopfes oder einer menschlichen 
Figur, häufig mit einem phantastischen Kopfputz, der an Korbgeflechte 
erinnert oder aus Affenköpfen zu bestehen scheint. Auch Gruppen von 
zwei und drei Figuren kommen vor, aber selten: ebenso ist ein wenig 
häufig vorkommender Typus der Bali-Pfeifen jener, bei dem Kopf und 
und Rohr aus demselben Stück geformt sind, wie bei gewissen hollän- 



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- 34 — 

dischen Pfeifchen; weitaus die meisten 
haben einen hinten anter sehr spitzen 
Winkel abgehenden, cylindrischen Hals, 
der gewöhnlich ebenso lang ist, als der 
Kopf selbst, nicht selten auch mit diesem 
zu einem Körper zusammengewachsen 
erscheint und zur Aufnahme eines 
Rohres dient. Dieses ist aus Holz, ent- 
weder einfach cylindrisch und mit Rot- 
holz gefärbt, oder durch Kerbschnitt ver- 
ziert, manchmal auch mit Stanniol über- 
zogen, der »aus dem Norden« gebracht 
und angeblich dort aus der Elrde ge- 
wonnen wird, aber wohl sicher in letzter 
Linie aus Europa stammt. Die Länge 
des Rohres schwankt von 0,10 m bis 
zu 1 m und darüber; manchmal ist es 
oben einfach konisch verjüngt, meist 
trägt es oben noch ein besonderes Mund- 
stück, gewöhnlich ein eisernes Röhrchen, 
zwischen 0.10 und 0.15 m lang, das 
sehr roh aus gehämmertem einheimi- 
schen Eisen zusammengebogen ist. 

V. LuschaD. 



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Ein Bronzegerät aus China. 



Das hier abgebildete IVi m lange Bronzegerät wurde seiner Zeit 
dem Museum mit der chinesischen Bezeichnung lama-chia-tszä, »Lamastütze« 
übersandt. Da diese Bezeichnung keinen rechten Sinn giebt, lag es nahe, 
di^elbe in la-pa-chia-tszS zu korrigieren, was »Trompetenstütze« bedeuten 
würde, eine Annahme, deren Richtigkeit mir durch den inzwischen ver- 
storbenen Prof. Pander bestätigt wurde, freilich mit der Bemerkung, dass 
er nie ein ähnliches Stück gesehen habe. Posdn^jew erwähnt jedoch in 
seinen Schilderungen aus dem buddhistischen Elosterleben in der Mongolei, 
S. 388, dass die Bläser der langen, üker-bürije genannten Posaunen, die 
letzteren auf Prozessionen auf besondere Stützen zu legen pflegen, die 
von je zwei Mönchen getragen werden. Offenbar haben wir es hier mit 
einer derartigen tragbaren Trompetenstütze zu thun. 




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Die Dolmen auf Tonga. 



Der Dolmen, dessen aas Tonga eingesandte Photographie in letztlicher 
Sitzung der Gesellschaft für Anthropologie und Ethnologie zar Vorlage 
kam (cf. Zeitschrift für Ethnologie, 1894 S. 163), findet sich neben den 
Grabmonnmenten der Tuitonga, von denen ebenfalls photographische Auf- 
nahmen zugegangen sind (die in späterer Beifügung folgen werden). 
Die Errichtung des Haamoga-Maui wird dem Heros zugeschrieben (beim An- 
landen aus Bolotu). Für das Priesterkönigtum cf. «Archiv für Anthropologie« 
Bd. XV. (1884) »Grundzöge der allgemeinen Ethnologie«, S. 116 u. a. 0. 




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Purrah- Maske. 

(Hierzu die farbige Tafel.) 



Für das aus den zusammengekommenen Belagstückeu in seiner 
ethnischen Bedeutung hervorgetretene Institut der Geheimbünde knüpft 
sich eine älteste Reminiscenz in ethnologischer Litteratur an Erwähnung 
des Purrah, und seine (der Freundlichkeit Herrn Konsul Vohsens zu dan- 
kende) Vertretung, die in der Juni-Sitzung der Gesellschaft für Anthro- 
pologie und Ethnologie zur Vorlage kam (cf. Verhdlg., Zeitschrift für 
Ethnologie, 1893 S. 317), hat deshalb doppelt schätzbar zu gelten. 

>Die fünf Völkerschaften der Fulhas-Susus oder Susos bilden eine 
Terbündete Republik unter der als Purrah bezeichneten Einrichtung, in- 
dem jede Völkerschaft einen Bezirkspurrah hat, unter dem obersten Purrah, 
der sich beim Kriege auf neutralem Gebiet versammelt, um Einhalt zu 
gebieten« (unter Äussendung von Geheim-Emissären zur Vollziehung der 
gefällten Urteile); aus den Ältesten der Bezirkspurrah werden die Mit- 
glieder des Ober-Purrah gewählt (s. Golberry). La societe seeröte (chez 
le penples des bords du Rio-Nunez) a un chef, qui est magistrat et qup 



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— 38 — 

Ton nomme le Simo; il dicte les lois, elles sont mises a ex^ution par 
868 ordres; cet homme se tient daos les bois et reste toüjours inconna 
ä ceux, qui sont ^traogers ä ses myst^res; il a pour acolytes des jeunes 
gens, qni ne sont qn^en parties inities dans ses secrets (s. Gaillie). Wie 
Egangun, (mit Botschaft ans dem Totenland), anf den Strassen Tornba's 
tanzt (als Popanz), schwirrt es mit der (auch in Australien und Amerika) 
bekannten Stimme des BuU-roarer's (oder Rhombos) aus den Wäldern 
hervor, wenn die Logen der Ogboni oder (bei Yebus) Ogbosho ihren 
Oro-Tag proklamieren, unter der Grossmeisterschaft des Alafin, der, obwohl 
ein Alaye oder «Owner of the worldc (s. Ellis) desspektierlichste Be- 
handlung zu erdulden hat, vor der Krönung, unter Prüfungen, wie dem 
Thron-Kandidaten des Zipa auferlegt (und vielfach sonst), The whole of 
the old Calabar country is governed (under the Duke, as Eyamba) by 
the Egbo laws (in the Egbo-Assembly), with the degrees of Abungo, 
Aboko, Makaira, Bakimboko and (as the step, bought with the highest 
price) Yampoi (cf. Rechtsverhältnisse, Berlin 1872, S. 402). 

B'ür ausserdem Zugehöriges ist zu vergleichen: 

Der Fetisch an der Küste Guineas, Berlin 1884, S. 8 u. ff. 

Besuch in San Salvador, Bremen 1859, S. 294. 

Allgemeine GrundzOge der Ethnologie, Berlin 1889, S. 29. 

Controversen, II, Berlin 1894, S. 30, u. A. m. 



Die Mitteilungen der im Jahre 1879 in San Salvador begründeten 
Mission bestätigen aus Bentley^s Veröffentlichungen (»Dictionary and 
Grammar of the Kongo languagec) über den Geheimbund Ndembo oder 
Nkita fast wörtlich genau dasjenige, was auf kurzer Durchreise im Jahre 
1857 in Quindilu erkundet war (c£ Besuch in San Salvador, S. 82), nach 
dem Antreffen des Versteckes auf dem Wege zur Hauptstadt (cf, S, 50). 
Von der Geheimsprache der Nkimba heisst es: >Until quite lately no 
white man could get any collection of words, but now we are in 
possession of more, them 200 words and some sentences« (1887), was 
eine willkommene Ergänzung abgeben wird, zu dem aus der Geheim- 
sprache der Quimbe bei Boma (im Jahre 1873) Aufgezeichneten (cf. 
»Deutsche Expedition der Loango-Küstec IL S. 21). a. B. 



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Miscellen. 



Zufolge einer Mitteilung Herrn Dr. ühles, der im Auftrage des Museums 
für Völkerkunde durch die schätzbare Unterstützung des Ethnologischen 
Hilfs-Komitee's für seine archäologische Reise ausgerüstet worden ist, wird 
derselbe einen Abklatsch von dem auf Tafel 35 des von ihm und Herrn 
Dr. A. Stübel (auf Grund der durch dessen Forschungen beschaflften Vor- 
lagen) herausgegebenen Werkes — (»Die Ruinenstätte von Tihuanaco im 
Hochlande des alten Peru«, eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund 
selbständiger Aufnahmen, von A. Sti\bel und M, Uhle) — abgebildeten Stein- 
kopfes (der sich gegenwärtig im Museum zu La Paz befindet) nach Berlin 
übersenden, wofür ursprünglich (nach den von Herrn Künne im Jahre 1879 
eingeleiteten Schritten) das Original bestimmt gewesen war, aber zwischen- 
getretener Hindemisse wegen nicht hat rechtzeitig beschafiFt werden 
können. Schon bei Anwesenheit Herrn Dr. Hettner^s, der im Jahre 
1888/89 für das Museum dort thätig war, zeigte es sich zu spät, da 
die Überführung nach Bolivien bereits stattgehabt hatte. 



Der letzte Brief des Reisenden, Herrn Vaughan Stevens, den das 
Museum (ebenfalls durch die vom Ethnologischen Hilfskomitee gewährten 
Mittel) mit Erforschung der Halbinsel Malakka hat beauftragen können, 
datiert soweit Juli 1894, und stand er damals im Begriff auf sein Arbeits- 
feld zurückzukehren, so dass eine Fortsetzung seiner wertvollen Sammlungen 
und Berichte entgegengesehen werden kann, im Anschluss an die bis- 
herigen Verarbeitungen derselben, in den Veröffentlichungen des »Museums 
für Völkerkunde« (Heft II, 3/4). 



»Anliegend beehre ich mich, Ihnen Zeichnung einer Trommel, 
wie ich sie bei Stammeshäuptlingen im Togogebiet gesehen habe, zu 
übersenden. 



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— 40 — 

»Ich bemerke ausdracklich, dass diese Trommeln nur im Besitze von 
Stammeshäuptlingen sich befinden, nicht der Dorfhäuptlinge und nur 
mit den Schädeln im Kriege getöteter Feinde geziert sind. Meist sind in 
Togo im westlichen Qebiete die Trommeln mit Schädeln erschlagener 
Äschantis geschmückt. 

»Da der Aschanti-Erieg (1869/74) die letzte grosse Sklavenjagd im 
südlichen und westlichen Gebiete darstellt, sind daher meist nur aus 
dieser Zeit Kriegs-Tropfaäen in Form von Schädeln vorhanden. 

»Nach drei Jahren 1874 war Ruhe im Lande, die lediglich 1888 durch 
den englischen Tafieve-Krieg gestört wurde. Aus diesem Kriege brachte 
der Häuptling Kwadjo De von Peki Schädel-Trophäen heim. Ich sah 
Trommeln von der Art der in der Zeichnung gegebenen bei den Stammes- 
häuptlingen von Ho und Nkonya.c 

(Aus einem Briefe des Herrn Hauptmanns Herold, April 14., 1894.) 




»Besagte Trommel in Ho habe ich sehr oft gesehen; sie ist mit 
9 Menschenschädeln behangen. Die Hoeer haben diese im Aschantekrieg 
(1868 — 1874) erbeutet, daher Eigentum des Ho-Stammes. 

»Nicht alle Stammeshäuptlinge besitzen eine derartige Kriegs-Trophäe; 
auf meinen vielen Reisen (in Nkonya war ich nicht) habe ich nie eine 
zweite gesehen. Die Hoeer haben im Aschantekrieg tapfer gekämpft und 
sind sie dadurch in den Besitz eines noch anderen interessanten Musik- 
Instrumentes gekommen. Dies ist nämlich eine Trompete mit 18 Menschen- 
kiefem (9 untere, 9 obere) geschmückt.« 

(Aus einem Briefe des Missionars Herrn Fies in Bremen, Juni 6., 1894.) 



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— 41 — 

Zu dem aus dem Dünensand bei Tanger ausgewehten Thonkopf, im 
mexikanischen Typus (des Gottes Xipe), der bei letzter Sitzung der An- 
thropologischen Gesellschaft (Juli 1894) zur Vorlage gelangte, ist seitdem, 
bei Anwesenheit Herrn Dr. Seler^s auf dem Amerikanisten- Congress 
eine interessante Illustration ^on den Pueblos (durch Güte des Herrn Prof. 
Betzius in Stockholm) hinzugekommen. Anschliessende Abbildungen werden 
folgen (mit weiteren Mitteilungen darüber). 




Die graphische Darstellung des buddhistischen Weltsystems, die Herrn 
De Zilva Wickramasinghe zu danken ist, findet sich, in Uebersetzung der 
im Original englisch eingesandten Erklärung (Indonesien, Heft V), den Ver- 
handlungen der Anthropologischen Gesellschaft beigefügt (April 1894). 
In der aus Anuradhap^ra (Januar 17., 1893) datierten Anzeige der Ueber- 
sendung heisst es: »The drawings were executed with much care and 
labour under the constant supervision of an eminent Pali Scholar. He 
derived all the Information contained in the Text and in the drawings by 
wading through many commentaries on the Buddhist scriptures in their 
original Pali«, so dass hier einer authentischen Unterlage vertraut werden 
kann (für die genauere Durcharbeitung, welche anschliesslich in Hand zu 
nehmen ist). Bei gegenwärtiger Anwesenheit Herrn de Zilva^s in Europa, 
wird die Gelegenheit, auf diese für das Verständnis der buddhistischen 
Kosmologie bedeutsame Forschungsfrage eingehender zurückzukommen, 
voraussichtlich schon baldigst geboten sein (unter seiner Mitarbeit). 



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— 42 — 

Durch gütige Mitteilaug Herrn ür. Johann Janko's, Direktor des 
Ethnologischen Museums in Buda-Pesth, geht aus dem ungarisch er- 
schienenen Werke (»Von den Gefilden der nordischen Vogelberge«, Her- 
ausgeber Otto Hermann) eine Übersetzung zu, das archaistische Über- 
lebsel einer beim Walfischfang fortgebrauchten Armbrust betreffend, und 
findet sich weiteres darüber in der norwegischen Zeitschrift »Katuren«, 
1887 (S. 1) und 1889 (S. 161). 

Das ethnologische Museum zu Buda-Pesth besitzt eine umfangreiche 
Sammlung von Fischereigeräten, und darunter ist auch diese Armbrust 
vertreten, worüber die übersandte Zuschrift das Folgende besagt: 

»In die zu dem Distrikte Bergen gehörige Skopsväg-Bucht pflegt sich 
je ein Zwerg-Wal in Intervallen von 2 — 3 Jahren zu verirren, und 
geschieht dies, so spielt sich eine Scene ab, die wahrhaftig nur eine 
Neubelebung des prähistorischen Walfanges ist. 

»Fassen wir zuerst den Lokalaugenschein. Die Bucht trägt echt 
norwegischen Landschaftscharakter, ihr Ende stösst an ein mächtiges 
Urgebirge, deren Schichtungen sich schon längst ihrer Hüllen entledigt 
und nun nackt zum Himmel starren. Am Übei^ange der Bergfüsse 
entstand eine Lokalität aus lauter gesprengten Kieseln und Steinen be- 
stehend, die eventuell von der zurückweichenden Gletscherperiode in 
diesen Schlund zusammengepfropft wurden: dies ist die »heilige Stätte«, 
an der nicht gerauft werden darf; dieselbe dient aber zugleich auch als 
Landungsplatz der Zillen. Die Mündung der Bucht ist schmal und mit 
Kähnen leicht verschliessbar, eben deshalb ist dieselbe auch zur Ver- 
folgung des in die Falle geratenen Wales besonders geeignet. 

»Zeigt sich in der Bucht ein Wal, so wird sie von den Fischern, die 
selben zuerst wahrgenommen haben, verschlossen und dann erst benach- 
richtigt man hiervon auch die Fischer der Umgebung. Kommt eine solche 
Nachricht, so ergreift Mann für Mann Armbrust und Pfeile, steigt in 
seine Zille und rudert nach Leibeskräften bei Nacht und Nebel an den 
bezeichneten Ort, unterwegs auch die älteren aufnehmend, die an der 
»Heiligen Stätte« zu thun haben werden. 

»Der Kolben der Armbrust besteht aus zwei Hälften, auf der einen 
befindet sich die Pfeibrinne und die Spannrune, in welche die Bogensehne 
gelegt wird — von der anderen, der unteren Hälfte, die in einem 
primitiven rechten Winkel bewegbar ist, greift ein Hahn zur Spannrnne 
hinüber, dass er von dort die Sehne hinausdrücke — dieser Hahn ist 
also analog mit dem Hahne am Feuergewehr. Am Kopfe des Kolbens 
halten den Bogen Knebelschnüre fest, weiter unten streckt sich eine 
Leiste in die Quere an beiden Seiten des Kolbens, auf welche sich das 
Spannholz stützt, um die Bogensehne in die Spannrune hineinzuschieben. 



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~ 43 — 

Der Kolben der Armbrust besteht aus Eichenholz und hat eine L'änge 
von 94 cm; die Bogenlänge beträgt 1,33 m und ist der Bogen aus auf 
steinigem Boden gewachsenen berundeten Haselstocken verfertigt, nur ein 
wenig reifenartig abgeschält, in der Mitte 9 cm dick (breit); die Darm- 
saite des Bogens ist von der Dicke des kleinen Fingers und ist dieselbe 
in der Mitte, also an der Spannstelle durch Umhüllungen verstärkt. Die 
Spanngabel ist in der Mitte gebogen, die Zweighölzer sind ebendaselbst 
dünner und wird die Sehne durch das sich so bildende Einn in die 
Spannrune geschoben. 

>Die Pfeilrinne ist 4 cm breit, halbrund gehöhlt und mit einer gewissen 
Sorgfalt zubereitet, damit der Pfeil nicht stecken bleibe oder aus seiner 
geraden Richtung abgelenkt werde. Der Pfeil gehört unter die gefiederten 
Pfeile, die Fahne besteht aber nicht aus Federn, sondern aus Holz; 
Körper und Fahne bestehen aus Fichtenholz, die Lange betragt 33 cm, 
die grösste Dicke 3,5 cm, die Länge des Eisens = 13 cm, die lanzett- 
förmige Spitze ist 3 cm lang. Das Verhältnis zwischen Holz und Eisen 
ist derartig gewählt, dass im Falle eines Fehlschusses der ins Meer 
fallende Pfeil nicht untergehe. Am Schafte, wie auch am Eisen befindet 
sich ein Zeichen, ein Reifen, ein Kreuz, meistens die Anfangsbuchstaben 
des Namens ihres Besitzers; manchmal ist das Zeichen am Schafte ein 
anderes, als das am Eisen, z. B. wie das auf dem Bilde ersichtlich ist. 
Mit dieser auf alle Fälle erwähnenswerten Waffe ausgestattet, versammeln 
sich sodann in der Skopsvig-Bucht 50 — 100 Fischer, um den verirrten 
Wal zu erlegen. 

»An der heiligen Stelle sich versammelnd, nehmen die älteren die 
Pfeilzeichen zu Oesicht, aufzeichnend, welcher Pfeil wem gehöre und 
dann beginnt die Hatz* In den Körper des atemholenden Wales bohren 
sich hundert und aber hundert Pfeile ein und die Schleuderkraft der 
Armbrust ist so stark, dass die Pfeile bis zur Fahne eindringen. Doch 
alle diese Schüsse dringen nicht zum Lebendigen, denn die Speckschicht 
ist dick — und nur der sehr selten gelingende Augenschuss ist wirklich 
zerstörend. Aber dieses 24 oft 36 Stunden hindurch andauernde Spicken 
mit den schmutzigen und rostigen Pfeilen verursacht nach den Unter- 
suchungen Hansen Amaner^s Blutvergiftung, die dann den Wal tötet. 

»Und dann erhellt die ethische Bedeutung und der Sinn der Heiligen 
Stelle als eine Frucht grosser Weisheit. Der ausgelittene Wal wird so- 
dann auf die Heilige Stelle geschleppt, wo sich die Älteren der Reihe nach 
au&tellen und die Pfeile so aufzählen, wie sie sich in den Körper des 
Wals eingebohrt. Man bestimmt| wie viele Pfeile in die empfindlichsten 
Körperteile eingedrungen sind, und welcher von diesen am tiefsten. 
Letzterer bekommt den grössten Anteil. Ging der Pfeilschaft verloren. 



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— 44 — 

was schadete, das Eisen mit dem Zeichen ist ja dort und daraus der 
glückliche Schütze augenblicklich ersichtlich. So bestimmen die Alteren 
die ganze Qoalifikationsliste und folgt das Speckabstreifen und die Aus- 
teilung nach Verdienst. Und da diese Prozedur äusserst heiklich ist und 
den ganzen Egoismus der Fischer wachruft, ist die Stelle für heilig 
erklärt, an der nicht gerauft werden darf. Auch verzeichnet die Chronik 
keinen Fall, dass ob der Teilung Händel erstanden wären.« 

Auf der diesjährigen Nordlandsfahrt Sr. Majestät des Kaisers hatte 
Herr Prof. Güssfeldt die Freundlichkeit, in dem ethnologischen Museum 
zu Bergen Nachsuchungen anzustellen, und da sich die Armbrust in ver- 
schiedenen Exemplaren vorfand, ist eine derselben, durch Güte des Herrn 
Direktor Brunherst, dem hiesigen Museum überlassen worden, und bereits 
eingetroffen. 

Sie erweist sich, als ein, unter analogen Bedingnissen gleichartig ge- 
schaffenes, Seitenstück zu derjenigen Armbrust, welche für die Fan cha- 
rakteristisch ist, und da mehrfache Doubletten im hiesigen Museum vor- 
handen sind, wird eine derselben für den Austausch geeignet sein. Betreffs 
dieser afrikanischen Armbrust cf. Verhandlungen der Anthropolog. Ges. 
(Zeitschrift für Ethnologie), Bd. X (S. 96) auch Bd. VI (S. 264) u. A. a. 0. p. 

Eine andere Parallele für elementar gleichmässig durchgehende Grund- 
züge, bietet sich (aus dem obigen Bericht) in Erwähnung dessen, was bei 
einer leicht zu Streitigkeiten führende Ceremonie, als Friedensruheplatz (ein 
»Malae totoa« der Samoaner) proklamiert wird, dem >Heau< entsprechend, 
wo (auf Hawaii) das kosmogonische Lied rezitiert wurde (cf. »Heilige Sage 
der Polynesierc, 1880), als Pule (»religious servicec) Heau, »name of the 
place, where fishermen set the baskets for catching fish; the place was 
artificially builtc (s. Andrews), — dem auch dort hervorragenden BAUg 
der Fischerkaste gemäss (an Küsten nämlich, die auf den Fischfang vor- 
wiegend, für Beschaffung des Lebensunterhalts hingewiesen sind). 

A. B. 



->iQi<r 



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Bücherschau. 



Albert S. Gatschet. The Klamatb Indiana of Southwestern Oregon. 

(Contributions to North American Ethnology. Vol. II. P. 1.2. Washington 

1890.) 
Ein schon seit längerer Zeit in Vorbereitung gewesenes Werk, das aber 
nonmehr in vollendeter Gestalt der wissenschaftlichen Welt geboten wird, ein 
Denkmal deutschen Geistes, deutschen Fleisses und deutscher Gründlichkeit. 
Der Indianerstamm, der hier behandelt wird, nennt sich selbst Maklaks, ein 
Wort, das aber, mit leichter Veränderung der Aussprache, einen Menschen über- 
haupt, einen Indianer beliebigen Stammes, bedeutet. Sie bewohnen die hochge- 
legenen, seenreichen Thäler im Quellgebiet des Klamath River und scheiden sich 
in zwei grosse Gruppen, die Eukshikni oder „an dem See lebende Leute" und 
die Möatokni (verkürzt zu Modoc), das sind „die im Süden lebenden Leute". 
Sie haben ohne Zweifel lange Zeit isoliert in diesen Gegenden gelebt, haben 
aber keine geschichtliche Erinnerungen. Denn bei* schwerer Strafe ist es bei 
diesen Völkern verboten, den Namen eines Verstorbenen zu nennen. Mit den 
Weissen sind sie auch erst um die Mitte dieses Jahrhunderts in nähere Berührung 
gekommen. Ein paar Worte ihrer Sprache wurden schon im Jahre 1841 von 
Horatio Haie aufgenommen. Weitere Wortsammlungen 1855 von Li Williamson, 
1864 von W. M. Gkibb. All diese Sammlungen wa^en aber blosse Vokabulare 
und enthalten zahlreiche Irrtümer. Durch das vorliegende Werk, das Resultat 
langjähriger mühevoller Aufnahmen und Studien ist diese Sprache auf einmal 
zu einer der bestbekanntesten nordamerikanischen Sprachen geworden. Der 
Verfasser giebt in dem vorliegenden Werk zunächst (pag. I— CVI) einige allge- 
meine Bemerkungen über W^ohnsitze, Verwandtschaft, geschichtliche und ethno- 
graphische Verhältnisse. Dann folgen p. 1 — 197 Texte mit Interlinearüber- 
setzung und erklärenden Noten. Der Inhalt ist sehr verschiedener Art: — 
geschichtliche Erinnerungen, die, wie erwähnt, bei diesen Indianern nicht weit 
zurttckgehn, und im Wesentlichen sich auf die Berichte der Kämpfe mit benach- 
barten Indianerstämmen und mit den Weissen um die Mitte dieses Jahrhunderts 
und den Modoc-Krieg in den siebziger Jahren beschränken. Dann folgen ein 
paar Lebensschilderungen. Dann Berichte über Regiment, Gesetz, Sitten, Proze- 
duren gegen Zauberer, Tänze, Beschwörungen, Kuren, Zeitrechnung, Spiele, 
Bäder, Totenklage und Bestattung, endlich Götter- und Schöpfungsmythen und 
eine ganze Anzahl Tierfabeln. Weiter folgen Dialoge, Namen und Beschreibung 
von Orten, von Tieren, von essbaren Pflanzen, endlich Zauberformeln und Be- 
schwörungen in grosser Zahl und verschiedene Gesänge. Wie man sieht, ein 
reiches Material, das über den Charakter der Sprache sowohl, wie über Geist und 

M.£V. 5 



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— 46 — 

Art des Volkes, in befriedigender Vollständigkeit Aufschloss zu geben im Stande 
sein wird. Der Verfasser hat sich aber nicht darauf beschränkt, dies Material 
zu sammeln und zu erläutern, sondern er hat es selbst in gründlichster Weise 
durchgearbeitet und klargelegt, pp. 199 — 711 des ersten Bandes enthalten eine 
Grammatik der Sprache, in der die phonologischen, morphologischen und syn- 
taktischen Verhältnisse dieser Sprache in ihren zwei Dialekten eingehend be- 
leuchtet werden. Die Sprache zeigt, nach dem Urteil des Verfassers, alle 
Charaktere einer agglutinierenden Sprache. Nomen und Verbum sind unter- 
schieden, obwohl die meisten Substantiva als Nomina verbalia betrachtet 
werden köimen. Eine wirkliche Personalkonjugation existiert nicht. Die Affixe 
sind zahlreich, die Suffixe tiberwiegend. Reduplikation ist wohl entwickelt und 
bildet einen der hervorstechendsten Ztige dieser Sprache. In ihrem sjmtaktischen 
Bau neigt diese Sprache zur Analyse, indem hauptsächlich Konjunktionen zum 
Ausdruck der verschiedenen Verhältnisse zur Verwendung kommen. Mit der 
Grammatik schliesst der I. Band des Werkes. Der ü. enthält auf p. 13 — 491 
ein stattliches Klamath-Englisches Wörterbuch, mit Hinweisungen auf die Texte 
des ersten Bandes. Auf p. 493—701 ein Englisch-Klamath Wörterbuch. So 
bietet das Werk ein vollständiges Ganze, das alle Anforderungen erflillt, ein 
„Standard work** im wahrsten Sinne des Wortes« 

James Owen Dorsey. The Dhegiha Language. (Contributions to North 

American Ethnology. Vol. VI. Washington 1890.) 
Id. — Omaha andPonkaLetters. (Smithsonian Institution-Bureau of Ethno- 
logy. Washington 1891.) 

Dhegiha nennt Owen Dorsey die Sprache der beiden verwandten zur Dakota- 
Familie gehörigen Stämme der Omaha und Ponka. 

In den vorliegenden beiden Werken sind eine grosse Zahl von Texten — 
Mythen, Erzählungen, Tierfabeln, historische Berichte, Sittenschildemngen und 
238 Briefe — im Original, mit Interlineartibersetzung und erklärenden An- 
merkungen gegeben. Eine Grammatik und ein doppelsprachiges Lexikon sollen 
nachfolgen. 

Stephen Return Riggs. A Dakota English Dictionary. (Edited by 

James Owen Dorsey.) Contributions to North American Ethnology. 

Vol. VII. Washington 1890. 

Im Jahre 1852 wurde von dem zuerst genannten Autor ein Wörterbuch 

der Dakotasprache veröffentlicht, das aber im Wesentlichen nur auf dem einen 

sogenannten Santeedialekt des Dakota beruhte, der von den Mde-wakang-tong- 

wang gesprochen wird. Dieses Wörterbuch ist im Laufe der Zeit vermehrt 

worden durch Wortsammlungen, die der Verfasser selbst und seine zwei Söhne 

unter den Mde-wakang-tongwang, die Missionare W. J. Cleveland und J* P. 

William son unter den Tetong und Yanktonai Dakota veranstalteten. Dieses 

erweitei'te und vervollständigte Lexikon ist hier veröffentlicht. Ein Englisch- 

Dakota-Lexikon, Grammatik, Text und ethnographische Skizze der Dakota sollen 

nachfolgen. 



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- i1 - 

James Mooney. Sacred Formulas of theCherokees VII. Annual Report 
of the Bureau of Ethnology. Washington 1891, p. 305—397. 
Sprachlich und ihrem Inhalt nach sehr wichtige Dokumente, die es dem 
Verfasser gelang, während eines Aufenthalts in der Cherokee Reservation im 
Sommer 1887 von verschiedenen indianischen Doktoren oder ihren Angehörigen 
zu erwerben. Sie sind in dem eigentümlichen Alphabet geschrieben, das im 
Jahre 1821 von dem T^roki-Indianer Sikwäya für die Laute seiner Sprache 
erfunden ^ard. In der Hauptmasse sind es Zauber, bestimmt Krankheiten zu 
bannen, daneben Liebeszauber, Jagdzauber und Zauberformeln für Kriegsglück. 
Die ersteren kommen zur Verwendung als Begleitformeln für eine medizinelle 
oder sonstige Kurbehandlung. Verfasser giebt eine Liste von 20 Pflanzen, die 
bei den Kuren eine Rolle spielen. Nur der geringste Teil derselben hat aber 
wirklich medizinische Qualitäten. Gelbe Wurzeln oder Pflanzen mit gelben 
Blüten werden gegen Gelbsucht gegeben. Die fleischigen Stengel der Portulaca, 
die in Form und Konsistenz an Würmer erinnern, werden gegen Würmer ge- 
geben, und ähnliches mehr. 

Franz Boas. Notes on the Chemakum Language. (Am. Anthropo- 
logist, V. p. 37—44.) 
Während George Gibbs von diesem am Puget Sound in der Nähe von Port 
Townsend wohnenden Seliö-Stamme noch 90 Individuen zählte, soll es jetzt nur 
drei Personen geben, die diese Sprache sprechen. Boas gelang es, im Sommer 1 890, 
die eine derselben, „Louise", die als Waschfrau in der Nähe vom Port Gamble 
wohnt, ausfindig zu machen. Von ihr stammt das Material, das Boas in der 
vorliegenden Skizze verarbeitete. Bemerkenswert ist vor allem die Unterschei- 
dung eines männlichen und weiblichen Geschlechts durch Possessivpräfixe, wie 
sie ähnlich auch bei den andern Selis-Stümmen im Westen der Cascade Rouge 
und an der Küste von British Kolumbien vorkommt. Der Tempuscharakter 
tritt zwischen das Subjektpronomen und das inkorporierte Objektpronomen. Die 
Nomina erscheinen zum grossen Teil in zwei Formen, einer unabhängigen und 
einer in Zusammensetzungen eintretenden. 

James Owen Dorsey. „Siouan Onomatopes". (The American Anthro- 
pologist. V. Jan. 1892.) 
Verfasser definiert ein Onomatopoietikon als „Wort oder Wurzel, den 
Laut wiedergebend, welchen der bezeichnete Gegenstand selbst hervorbringt". 
Die angeführten Beispiele zeigen in der That die. Lautmalerei fast alle in der 
Wurzel. Die Beispiele sind der Hauptsache nach dem Dhegiha, der Sprache der 
Omaha und Ponka entnommen. 

J. N. B. Hewitt. Polysynthesis in the Languages of the American 
Indians. Am. Antropologist. VI. p. 381 — 407. 
Vf. wendet sich gegen die zuerst von Peter S. Duponceau aufgebi-achte An- 
sicht, dass die amerikanischen Indianer einen besonderen, von dem der altwelt- 
lichen Sprachen abweichenden Bau besässen, den er als polysynthetischen oder 
syntaktischen bezeichnet, und der darin bestehen sollte, dass eine ganze Anzahl 
verschiedener Ideen in einem einzigen Worte zusammengedrängt seien. 

6* 



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— 48 — 

An Beispielen, die der Irokesensprache entnommen sind, weist er nach, dass 
die gesamte Entwickelung, die diese Sprache aufweist, in erster Linie auf dem 
wohlbekannten Prinzip der Juxtaposition und der mehr oder minder weitgehenden 
Verschmelzung dör Elemente beruht. 

MyronEelis. Aboriginal Geographie Names in the State of Washington. 
— American Anthropologist. V. p. 27—35. 

W. Matthews. Meaning of the Word „Arikara". (Am. Anthropol. V. 
p. 35.) 
Der einzige Name, mit dem vor 26 Jahren die Ankara sich selbst benannten, 
war Panani. So wurden sie auch von den benachbarten Dakota und Assiniboin 
genannt. Nur die Mandan nannten sie Arikara. Der indianische Händler 
Gerard, der von Kindheit an unter den Arikara gelebt und damals der einzige 
Weisse war, der ihr Idiom geläufig sprach, hielt das Wort Panani für gleich- 
deutend dem Arikara- Wort sä'ni6, welches einfach „Mensch" bedeutet 

J. W. Powell. Indian Linguistic families. VII. Annual Report Bureau 
Ethnology. Washington 1891 p. 1—142. 
68 Sprachfamilien werden aus dem Gebiet vom nördlichen Eismeer bis zum 
Golf von Mexico und zum Rio Gi*ande, den Grenzen der Republik Mexico, be- 
schrieben und auf der begleitenden Eai*te dargestellt. 

J. D. Mc Guire. On the evolution of the art of working in Stone. 
Am. Anthropologist. VL p. 307—319. 
Vf. wendet sich gegen die Annahme, dass das Zeitalter der geschlagenen 
Steinwerkzeuge (paläolithische Periode) der der geschliffenen (neolithische 
Periode) vorangegangen sein soll. Ob ein Steinwerkzeug durch Hämmern 
(battering), Schleifen (grinding) oder Zurechtschlagen (chipping) herzustellen sei, 
hänge im wesentlichen von der Beschaffenheit des Materials ab. Der letztere 
Prozess aber sei um soviel schwieriger, dass es schwer glaublich sei, dass der 
Mann, der geschlagene Steinwerkzeuge herzustellen verstand, nicht auch solche 
zurechtzuschleifen gewusst hätte. 

Joseph D. M'Guijre. Materials, Apparatues and processes of the 
Aboriginal Lapidary. Am, Anthropologist. V. p. 165 — 176. 
Versuche, prähistonsche Steinwerkzeuge nach prähistorischen Arbeitsweisen 
zu erzeugen. 

W. H. Holmes, Studios in Aboriginal Decorative Art. I. Stamped 
Ornament of South-Appalachian earthenware (Am. Anthro- 
pologist. V, p. 67—72). 
Weit verbreitet in Georgia, Nord- und Süd-Cai-olina, Alabama und 
Tennessee werden Gefässe, meist von grossen Dimensionen und offener Kesselform 
gefunden, die ziemlich dunkelfarben, aus stark mit Sand veimengtem Thon ge- 
fertigt und ringsum auf der ganzen Fläche mit eingedruckten Ornamenten ver- 
ziert sind. Holmes weist nach, dass diese Ornamente mit einem Stempel auf- 
gebracht wurden, der vermutlich mit Handgiiff versehen war, denn ähnlicher 



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— 49 — 

löffeiförmiger Stempel bedienen sich noch heute die T6eroki. Von dem Muster 
kommt natürhch nur der mittlere Teil voll zum Ausdruck. Holmes giebt nach 
Abreibungen vier solcher Muster, unter denen namentlich eins, eine Hakenkreuz- 
Form bemerkenswert ist. Nach Holmes hat diese Art der Verzierung nicht nur 
ein^ dekorativen, sondern auch einen technischen Wert, da durch das Klopfen 
mit dem Stempel Unebenheiten in der Thonwandung ausgeglichen werden 
mussten. 

II. The rocking stamp or roulette in pottery decoration (Am. Anthro- 
pologist. V. p. 149-152). 
GefUsse aus dem oberen Mississippi-Gebiet werden beschrieben, bei denen 
eine eingedrückte Punktverzierung augenscheinlich durch Bewegung eines Zahn- 
rads über die Fläche des Gefttsses hervorgebracht ist. 

John Murdoch. Ethnological Results of the Point Barrow Expedi- 
tion. IX. Annual Report of the Bureau of Ethnology. Washington 1892, 
p. 1—441. 
Verfasser, der als Naturforscher und Beobachter an der Internationalen 
Polarexpedition nach Point Barrow in den Jahren 1881 — 1883 teilnahm, beschreibt 
hier das reiche Material, das diese Expedition an Gegenständen und Beobachtungen 
mit nach Hause brachte. Es ist eine höchst sorgfältige und gründliche Arbeit, 
die ein nahezu vollständiges Bild der Lebensverhältnisse dieser den äussersten 
Norden des festländischen Amerikas bewohnenden Stämme giebt und reiht sich 
würdig der schönen Beschreibung an, die Dr. Boas in dem VI. Annual Report 
von den Eskimos von Baffin-Land und Umgebung gegeben. Auch das sprach- 
liche Material ist sorgfältig gesammelt worden, ist aber noch besonderer Bear- 
beitung vorbehalten. Zu bedauern ist nur, dass der Verfasser nichts Genaueres 
über die Feste und die Bedeutung der Masken erkunden konnte. Im ei-sten 
Winter waren die Amerikaner noch zu wenig mit den Eskimos und ihrer Sprache 
vertraut. Und im zweiten Winter fanden, verschiedener Todesfälle halber, keine 
Tänze statt. Der Nameüglaamie oder Oo]glaaraie, der auch in verschiedene 
Karten (z. B. die Kiepert- Wandkaiiie u. a.) übergegangen ist, ist nichts anderes 
als die falsche Aussprache des Eskimodorfes Utkijavwing, in dessen Nähe die 
Expedition ihr Lager hatte. 

James Deans. Legend of the Fin-Back whale Crest of the Haidas. Queen 
Charlotte*8 Island. B. C. Joum. Am. Folklore. V. p. 43—47. 

Franz Boas. Sagen aus Britisch Kolumbien, Zeitschrift für Ethnologie 
XXIV. (1892) p. (32)— (66), p. (314)-(344), p. (383)— (410), XXV. 
(1893), p. (228) -(265), p. (430)-(477). 
In Fortsetzung semer im Band XXIII p. (532) und (628) gegebenen Mit- 
teilungen, teilt Dr. Boas hier weitere Sagen der QatlöH;^, der Tlahü's, TlaS'men, 
Eeksen, Pöntlats, Nutka, Lekwiltoq, Nimkiä, Kug/sot'eno;^, Kwäkiutl, Tlatlasi- 
qoala, NaqömgyiHsala, Awikyöno;^, Höiltsuq mit, ein umfassendes Material, das 
über die religiösen und kosmogonischen Vorstellungen dieser Völker und ihre 
Art, zu denken und zu dichten, den vollständigsten Aufschluas giebt. 



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— 50 — 

Charles E. Woodruff. Dances of the Hapa Indians. (Am. Anthro- 
pologist. V. p. 53—61). 
Vier Tänze werden genannt: 1. der Spechttanz, bei dem die Tänzer mit 
Spechtfedem geschmückt sind. Er wird, scheint es, zum Zweck der Gesundheit 
und des Wohlergehens aller getanzt, und eine Art religiöser Unterweisung 
findet dabei statt. 2. Der weisse Hirschhauttanz, bei dem die Tänzer mit weissen 
Hirschhäuten geschmückt sind. Es scheint eine Art Dankfest zu sein und wird 
in Misswachsjahren nicht gefeiert. 3. Der Feuertanz, zum Zweck der Heilung 
eines Kranken getanzt und 4. der Blumentanz, beim Eintritt der ei-sten Men- 
struation eines Mädchens. Endlich 5. noch eine Art Bittgang, an einem grossen 
Felsen oberhalb Hupa Valley gefeiert, um günstiges Wetter für die Saaten zu 
erlangen. 

Frederick Vernon Coville, The Panamint Indians of California. Am. 
Anthropologist V. p. 351—361. 
Sehr dankenswerte Mi'teilungen über, den Shoshoni-Stamm dieses Namens, 
der in den Panamint -Mountains, an der Westseite des Death- Valley in Jnyo- 
County in Kalifornien wohnt. 

Dr. W. J. Hoffmann. The Mide'wiwin or „Grand Medicine Society" 
of the Ojibwa. VII. Annual Report of the Bureau of Ethnology. 
Washington 1891 p. 143—304. 
Schon in dem grossen Werke von Schoolcraft ist eine ganze Menge mitge- 
teilt über die Schamanen der Odjibwe, ihre geheimen Gesellschaften und die 
Bilderschriften, die als mnemotechnisches Hilfsmittel dienen für die Gesänge, in 
denen die geheime Wissenschaft dem Schüler übermittelt wird. In der vorliegen- 
den Arbeit des ausgezeichneten deutsch-amerikanischen Ethnologen werden all diese 
Verhältnisse sehr eingehend und sorgfältig beschrieben, eine ganze Anzahl Bilder- 
schriften in Bild und Text, mit Überaetzung und erläuternden Anmerkungen 
veröffentlicht, sowie auch ein paar der merkwürdigen auf Birkenrinde geritzten 
Karten, gewissermassen Diplome, die die Grade veranschaulichen, die der Be- 
sitzer in der geheimen Wissenschaft erlangt hat. 

George Bird Grinnell. Early Blackfoot History. Am. Anthropologisi V. 
p. 153-164. 
Die Stammsage der Siksikäbo oder Blackfeet, nach der Erzählung eines 
alten Indianers dieses Stammes „Ci-azy Dog", wonach diese Indianer aus S. W. 
von jenseits der Berge in ihr Land gekommen sein wollen. Aus den spärlichen 
historischen Nachrichten scheint dagegen hervorzugehen, dass die Blackfeet in 
umgekehrter Richtung aus den bewaldeten flussabwärts und östlich gelegenen 
Landschaften in ihre spätere Heimat gelangt sind. 

George Bird Grinnell. Development of a Pawnee Myth. Joum. Am. 
Folklore V. p. 127-134. 
Die Erzählung von Tikewäküsh, dem Manne, der den Bison rief. 



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— 51 — 

George Bird Grinnell. A. Blackfoot Son and Moon Mjth. Journ. Am. 
Folklore VI. 44—47. 

Id. Pawnee Mjthology. Journ. Am. Folklore VI. p. 113—130. 

John Maclean. Black foot Mythology. Joura. Am. Folklore VI. 165 — 172. 

J« N. B. Hewitt. Legend of the Founding of the Iroquois League. 
(Am. Anthropologist. VI. p. 131—148.) 
Die berühmte Sage von der Gründung des Irokesenbundes, die der Dichter 
Longfellow in seinem Hiawatha verarbeitet hat, ist hier in Übersetzung eines 
Originaltextes gegeben, der von dem Onondaga Häuptling Skanawäti dem Vf. in 
die Feder diktiert wurde. Bemerkenswert ist hierbei, dass in diesem Bericht 
Haijonghw^thH* (d. i. Hiawatha) durchaus nicht die erste Rolle spielt, die 
ihm in den gewöhnlichen Erzählungen zugeschrieben wird, und dass insbesondere 
die Wnnderthaten, die Geschichte vom weissen Kanu, von der Reinigung der 
Flüsse von hemmenden Hindernissen und von Ungeheueiii, nicht ihm angehören, 
sondern dem Himmelsgott Tharonghyawä'kong. — Zum Schluss werden acht 
Wampumgürtel-Berichte gegeben über das, was gethan worden war, um alle 
Indianer (die Shawnee, Algonquin, Miami, Ottawa, Sacs, Wyandot, Cheroki) in 
einem grossen Friedensbunde zu vereinigen. 

J, Owen Dorsej. Two Biloxi Tales. Journ. Am. Folklore VI. p. 48—50. 
Die Biloxi gehören zur Dakota-Familie und sind den Tutelo, Hidatsa und 
Ewapa nahe verwandt. Die Erzählungen behandeln die Streiche, die das 
Kaninchen einmal einem Weissen (Franzosen), das andere Mal einem grauen 
Bttren spielte. 

W. M. Beauchamp. Onondaga Tales. 

Id. Notes on Onondaga Dances. Journ. Am. Folklore VI. p. 173 — 180, 
p. 181—184. 
Die Geschichte von der Grossmutter Onehatah, der Mutter Ookwae und dem 
verlorenen Sohn. 

Albert 8. Gatschet. Some mythic stories of the Yuchi Indians. Am. 
Anthropologist. VI. p. 279—282. 
Die Entstehung des Festlands ans etwas Schlamm, der von dem Boden des 
Wassers heraufgeholt wird, wird erzählt, und die Tötung eines Zauberers, der 
die aufgehende Sonne bedroht. Der Verfasser erhielt die Erzählungen von einem 
Zögling der Missionsschule in Wialaka am Arkansas River. 

Lncien Carr. The Mounds of the Mississippi Valley, historically con- 

sidered. (Annual Report of the Board of Regents of the Smithsonian 

Institution. Washington 1893.) p. 503—599. 

Abdruck der in den Memoirs of the Kentucky Geological Survey voL IL 1883 

veröffentlichten Abhandlung, in der zum ersten Mal der Nachweis zu führen 

versnebt wurde, dass die unter dem Namen „Mounds** bekannten Erdwerke 

nicht einer rätselhaften Moundbildemation, sondern den Verehren der in histo- 

risober Zeit in diesen Gegenden lebenden Indianerstämme anzuschreiben ist 



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- 52 — 

Gerarg Fowke. Some interesting Mounds. (American Anthropologist. V. 
p. 73—82). 
Eine Anzahl von dem Schreiber pei*sönlich untersuchter Mounds in Penn- 
sylvanien, Mississippi und Ohio und ihre Inhalte werden beschrieben. 

Gerard Fowke. Aboriginal Remains of the Piedmont and Valley 
Region of Virginia. Am. Anthropologist. VI. p. 415 — 422. 
Erd- und Steinmounds werden beschrieben, die Lage der Skelette und der 
Beigaben. 

W. H. Holmes. Notes upon some geometric earth works with con- 
tour map 8. Am. Anthropologist. V. p. 363— 373. 
Eine erste auf genauen Vermessungen beruhende Darstellung einiger dieser 
merkwürdigen Erd werke. 

J. Walter Fewkes. A Few Summer Ceremonials at Zuni Pueblo. 
(Journal American Ethnology and Archaeology I. Boston 1891.) 
Der Verfasser, der gegenwärtige Leiter der Hemenway Southwestem Ar- 
chaeological Expedition, beschreibt die Tänze, die er während eines Sommerauf- 
enthalts in Zuni beobachtete. Dieselben beginnen ungefähr um die Zeit der 
Sommersonnenwende, deren Eintritt von dem ersten Priester sorgfältig mittels 
einer Art natürlichen Gnomons festgestellt wird, und dauern bis gegen Ende 
August. Acht solcher Tänze werden gefeiert, in den verschiedenen Jahren in 
ähnlicher, aber nicht in ganz gleicher Weise. In den ersten dieser Tänze spielen 
die Kik4 die Hauptrolle, mythische Wesen, die im Westen, in den Tiefen des 
Geistersees hausen. Diese ersten Tänze haben augenscheinlich den Zweck, das für 
das Gedeihen der Feldfrucht nötige Wasser von den Göttern zu erflehen. Die 
letzten Tänze werden von Frauen aufgeführt und stellen ein Dankfest oder Ernte- 
fest dar. Der Verfasser hat die bei diesen Tänzen gesungenen Weisen phono- 
graphisch aufgenommen. Die Melodien werden in einem Anhang zu dem ge- 
nannten Aufsatz wiedergegeben und besprochen. 

J. Walter Fewkes. A Few Summer Ceremonials at the Tusayan 
Pueblo 8. Journal American Ethnol. Archael. IL Boston 1892. p, 1 — 159. 

Das bei den Zuni begonnene Werk setzte Verfasser bei den Hopi oder 
Moqui fort, und er hat eine ungeahnte Fülle des interessantesten Materials zu- 
sammengebracht. Nahezu jeder Monat hat bei diesen Indianern sein besonderes 
Fest. Ein höchst merkwürdiges und höchst ausgebildetes Oeremoniell kommt in 
ihnen zur Verwendung. Die ganze Feier und die ihnen zu Grunde liegenden 
religiösen Vorstellungen erinnern entschieden an dasjenige, was uns von den 
alten Kulturvölkern Centralamerikas berichtet wird. Verfasser beschmbt hier 
zunächst die verschiedenen Geheimbunde oder religiösen Gesellschaften und einige 
vorbereitende Ceremonien (Anfertigung und Weihen der Gebetstöcke und der 
Sumykoli-Schilder) und geht dann zur Beschreibung der Feste selber über. Was 
bei den Zuni die K&k&, sind bei den Hopi die Kätsinä. 

Verfasser beschreibt die Humis-katäina und Anakatsina in Walpi, die 
Malo kat^inain oipaulovi, dieooyöhim Katäina in Mi^nginovi, die Niman 



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— 53 — 

Kat^ina oder den Abeohied der Kattica in Walpi und die Lenjdtikibi oder 
die Flötenceremonie, die abwechselnd mit dem berühmten Schlangentanz ge- 
feiert wird. 

J. Walter Fewkes and J. G. Owens. The Lalftkönta. A Tasayan 
Dance. 

J. Walter Fewkes and A. M. Stephen. The Mamzraiiti. A Tusayan 
Ceremonj. (Am. Anthropologist. V. p. 105-129, p. 217— -245. 

Diese beiden Abhandlungen stellen eine Fortsetzung dessen dar, was in der 
Yorberbesprochenen, im Journ. Am. Ethnol. Arcb. beschriebenen Abhandlung be- 
richtet worden war. Es werden hier in höchst eingehender Weise zwei Weiber- 
ceremonien beschrieben, die in Walpi im Herbst gefeiert werden, die ähnlich, 
wie die zu gleicher Zeit in Zuni gefeierten eine Art Ernte- oder Dankfest dar- 
stellen. Die zweite dieser beiden Ceremonien ist eingestandenermassen von einem 
andern Pueblo, dem Pueblo Awätobi, das im Jahr 1700 von den Hopi zei-stöi-t 
ward, übernommen worden. 

J. Walter Fewkes. A Central American Ceremony which suggests 
the Snake Dance of the Tusayan Villagers. Am. Anthropologist 
VI. p. 285—306. 
Das Kapitel des Geschichtswerks des P. Sahagun, in welchem das alle acht 
Jahre gefeierte Fest Atamalqualiztli beschrieben wird, bei dem die Ma9ateca 
Schlangen mit den Zähnen fassten und verschluckten, wird im Originaltext nach 
dem Ms. der Biblioteca del Palacio in Madrid abgedruckt. Abschrift des Textes 
und Übersetzung desselben, sowie eine Kopie des begleitenden Bildes und Er- 
läuterungen zu demselben wurden vom Schreiber dieses Dr. Seier gegeben. Der 
Verfasser erörtert die Parallelen, die sich hierzu in dem berühmten Schlangen- 
tanze der Hopi oder Moqui ergeben und weist dann weiter auf die merkwürdige 
Obereinstimmung hin, die der Bälülükong der Hopi, die „Federschlange^, mit 
der Pederschlange der Mexikaner und den das Wasser in sich bergenden oder von 
sich ausströmenden Scblangenfiguren der Maya Codices zeigen. 

J. Walter Fewkes. The ceremonial circuit among the village Indians 
of Northwestern Arizona. Journal of American Folklore V. p. 33—42. 
Nachweis, dass die Hopi in ihren Ceremonien immer die Ordnung — Nord — 
West — Süd — Ost befolgen. 

J. Walter Fewkes and A. M. Stephen. The Nsäcnaiya. A Tusayan 
Initiation Ceremony. Joui-n. Am. Folklore V. p. 189—221. 
Eine Ceremonie, mit der im November die winterliche Festsaison eröffnet 
wird. Die Einfühlung und Aufnahme der Novizen in den priesterlichen Genossen- 
schaften oder Geheimbünde. Komplizierte Ceremonien, unter denen ein ceremo- 
nielles Hauptwaschen und das EiTeiben neuen Feuers die hervorragendste Rolle 
spielen. 



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— 64 - 

J. Walter Fewkes and A. M. Stephen. The Pälülükongti. A Tnsayan 
Ceremonj. Joom. Am. Folklore V. p. 269—284. 
Wird im Februar gefeiert und hat augenscheinlich den Zweck, Feuchtigkeit 
und Schnee für die Saaten herbeizuzaubern. Sieben Bilder der gehörnten (Feder-) 
Schlange, die die Mutter der Gewässer ist, werden dabei produziert, ein Kampf 
mit der Schlange und lebendige Bewegungen derselben aufführt, 

J. Walter Fewkes. On certain personages who appear in aTusajan 
Ceremony. Am. Anthropologist. VII. p. 32—52. 
Gewisse Figuren, die in. den Tänzen der Hopi auftreten, werden mit gewissen 
mexikanischen Eriegermasken verglichen. 

J. Walter Fewkes. „A FewTusajan Pictographs" (Am. Anthropologist. 
V. p. 9—26). 
Aus den zahlreichen Felsinschriften, die in der Nachbarschaft der Moqui 
Mesa vorkommen, werden eine Anzahl Bilder beschrieben, die mythologische Per- 
sonen darstellen, und ftlr die eine Erklärung aus den noch gegenwärtig geübten 
religiösen Ceremonien möglich ist. 

G. Nordenskiöld. The Cliff-dwellers of the Mesa Verde, South- 
western Colorado. Their pottery and implements. Stockholm. 
P. A. Nordstedt & Söner. 
Ein Prachtband, mit zahlreichen Illustrationen, die meisten davon in photo- 
graphischer Reproduktion. Die Mesa Verde ist ein ausgedehntes dicht mit Wald 
bestandenes Plateau, nordöstlich der Navajo Reservation, im Quellgebiete des Rio 
Mancos, eines nördlichen Nebenflusses des Rio San Juan, der der südliche Haupt- 
quellfluss des Rio Colorado ist Er ist von zahlreichen Caüonen durchschnitten, 
die eine Menge jener interessanten Felsendörfer (cliff-dwellings), runde Türme 
und andere Reste alter Ansiedelungen bergen. Der Verfesser, Sohn des 
berühmten schwedischen Gelehrten, hat diese Thäler durchwandert, Pläne und 
Ansichten der Ruinen aufgenommen, Ausgrabungen vorgenommen und eine ganz 
stattliche Sammlung an Schädeln, Thongefössen, Gegenständen aus Stein, Holz 
Knochen, Gewebe u. a. m. zusammengebracht, die in dem vorli^enden Pracht- 
werke vorzüglich abgebildet und eingehend beschrieben sind. In einem besonderen 
Schlusskapitel bespricht Prof« H. Retzius die in der Sammlung enthaltenen 
menschlichen Reste. 

J. Walter Fewkes. A reconnoisance of Ruins in or near the ZuEi 
Reservation. Joum. Am. Ethnolog. Archäol. I. p. 95—132. 
Achtzehn Ruinen wurden vom Verfasser besucht und beschrieben. Die 
Namen von elf anderen erhielt er, die er nicht besuchte. Sie sind augenscheinlich 
sehr verschiedenen Alters. Die ältesten scheinen die runden Ruinen. Sie finden 
sich ausnahmslos in den ebenen Teilen. Auf der Höhe des Mesas und auf den 
Hügelspitzen wurden nur viereckig gestaltete Bauwerke bemerkt. Solche giebt 
es auch in der Ebene, scheinen hier aber jünger zu sein als die runden« 



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— 55 — 

J. Walter Fewkes« An Archaeologicae Verification of a Tasajan 
Legend. Am. Anthropologist. VI. p. 363—375. 
Gegen Ende des Jahres 1700 ward das Dorf Awätobi wie aus kirch- 
lichen Berichten hervorgeht, von den Hopi oder Moqui zerstört, und seine Ein- 
wohner erschlagen. Die Hopi haben die Erinnerung daran bewahrt. Nach ihnen 
waren die Bewohner massakriert worden, weil es Zauberer gewesen seien. Nur 
einige wenige wurden geschont, und durch diese sind besondere Ceremonien, die 
eigentlich in Awa'tobi heimisch waren, nach dem Hopidorfe Walpi gekommen. 
Der Verfasser beschreibt die Ruinen des Dorfes und weist nach, dass die Einzel- 
heiten derselben dem, was die Tradition berichtet, entsprechen. 

J. Walter Fewkes. On the present Condition of a Ruin in Arizona 
called Casa Grande. Joum. Am. Ethnolog. Archaeolog. IL p. 179—193. 
Von dieser südlich des Rio Gila gelegenen Ruine wird ein Plan und An- 
sichten gegeben, und die einzelnen Räume derselben beschrieben. 

Victor Mindeleff. A Study of Pueblo Architecture Tusayan and 
Cibola. Vni. Annual Report of the Bureau of Ethnology. Washington 
1891 p. 1—228. 
Resultate von Studien, die seit dem Jahr 1881 in Zuni (Provinz Cibola) und 
den Dörfern der Hopi oder Moki (Provinz Tusayan) unternommen wurden. Ein- 
gehende Beschreibungen der bewohnten Dörfer und zahlreicher Ruinen, begleitet 
von Plttnen, photographischen Reproduktionen und Zeichnungen in grosser Zahl. 
Neben der Aufnahme der vorhandenen Baulichkeiten wurden auch die Ti-aditionen 
gesammelt, die auf die Wanderungen und früheren Wohnsitze dieser Indianer 
Bezug haben, eine Sammlung, für welche der Vf. in den seit vielen Jahren auf 
der Hopi-Reservation ansässigen Herrn M. A. Stephen eine ausgezeichnete Kraft 
gewann. Aus den Aufoahmen und aus den Traditionen geht bestimmt hervor, 
dass zum mindesten einige der Dorfruinen, und auch einige der Cliff-dwellings 
von den Vorfahren der gegenwärtigen Pueblo-Indianer erbaut und bewohnt 
worden sind, und zwar zum Teil noch in einer in die geschichtliche hineinragenden 
Zeit. Während im allgemeinen eine grosse Übereinstimmung in der Architektur, 
wie in der gesamten Kultur der sprachlich verschiedenen Bewohner der ge- 
nannten beiden Provinzen besteht, zeigt sich ein Unterschied doch insofern, als 
die Hopi, die Bewohner von Tusayan schon in früheren Zeiten auf die Höhe 
getrieben worden sind, während die Zuni im wesentlichen Thalbewohner ge- 
blieben sind. Bei den einen und den andern sind die besonderen bezeichnenden 
Züge in der Architektur nicht so sehr durch die Beschaffenheit der Umgebung 
und das vorhandene Material, als durch die Notwendigkeit der Verteidigung 
entstanden. 

Mrs. Tilly E. Stevenson. The Religious Life of the Zuni child. 

(Pifth Ann. Rep. Bureau of Ethnology, Washington 1887 p. 533—555.) 

Die Tradition der Zuni verknüpft die K&k&, die mythischen Wesen, die 

im Westen, in der Region der Wasser hausen, mit den Geistern der verstorbenen 

Stammesangehörigen, die in der Tiefe des Geistersees leben. Alle vier Jahre 



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— 56 — 

wird ein grosses Fest gefeiert, an dem die in dem vergangenen Zeitraum ge- 
borenen Knaben den heiligen Athem dieser mythischen Wesen empfangen, in 
den Band aufgenommen werden, der den Stamm mit seinen verstorbenen An- 
gehörigen und den mythischen Wesen, die das Gedeihen der Feldfrucht ver- 
bürgen, verknüpft. 

J. G. Owens. Natal Ceremonies of the Hopi Indians. Journal Am 
Ethnology Archaeology. IL Boston 1892 p. 163—175. 
Verfasser, der Dr. Fewkes, den Leiter der Hemenway-Expedition, bei seinen 
Studien in den Dörfern der Hopi oder Moqui assistierte, beschreibt hier die 
Geburtsceremonien dieser Indianer, die im Wesentlichen in Reinigungsceremonien 
für Mutter und Kind, Taufe und Namengebung, und Präsentation des Neu- 
geborenen der Gottheit, der Sonne, bestehen. 

Frank Hamilton Cushing. Manual Concepts. A Study of the In- 
fluenceof Hand-usage on culture Growth. Am. Anthropologist. V. 
p. 289—317. 
Der Vf. will in der Entwickelung des Menschengeschlechts drei Perioden 
unterscheiden, die biotische, die manuelle und die mentale. Als überkommenes 
Material aus der zweiten dieser Entwickelungsperioden bespricht er die Ein- 
wirkung der Hand auf die Ausbildung von Zahlbenennungen und Zahlzeichen, 
auf Kerbstöcke und Knotenschnüre. In dem letzteren Abschnitt wird ein 
ingeniöses System der Zahlbezeicbnung durch Knotenschnüre beschrieben, das bei 
den Zuni in Gebrauch ist. 

Frank Hamilton Cushing. A Zuni Folk-tale of the ünderworld. Journ. 
Am. Folklore V. p. 49—56. 
Wie die beiden Zwerge, die Zwillinge Ahaiyüta und Mätsailöraa, die Götter 
des Kriegs- und Spielglticks und Stammgötter der Zuni, in die Unterwelt stiegen 
und was sie da erlebten. 

Ad. F. Bandelier. An Outline of the Documentary Hiatory of the 
Zuni Tribe. Journ. Am. Ethnol. Archaeol. III. p. 1 — 116. 
Die ei-ste Entdeckung durch die Spanier (Fray Marcos von Nizza 1538 und 
1539) wird beschrieben, die Geschichte des Stammes unter der Herrschaft der 
Spanier bis zu dem grossen Aufstande im Jahre 1680 wird nach spanischen 
Dokumenten erzählt. 

Adolf F. Bandelior. The „Montezuma" of the Pueblo Indians. Am. 
Anthropologist. V. p. 319—326. 
Der Name des letzten mexikanischen Königs Motecnhzoma, von Bernal Diaz 
verstümmelt zu Montezuma, ist unter den Indianern des heutigen Mexiko 
und auch von Neumexiko und Arizona Bezeichnung geworden für alles, was der 
alten Zeit angehört. Die Puebloindianer nennen jede alte Ruine einen Monte- 
zuma. Im Jahre 1846 wurde in Mexiko eine Erzählung zusammengeschrieben, 
die noch in einer Anzahl handschriftlicher Exemplare in Neumexiko existiert, wo 
Mythen, die dem Pose-yemo oder Pose-ueve, dem Kulturheros der Tehua 



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— 67 — 

angeboren, von Montezuma erzählt werden, und weiter berichtet wird, wie dieser 
Mexiko eroberte, nnd endlich wie er seine Tochter Malinche an Cortes ver- 
heiratete. Diese Schrift, deren Inhalt seither zu dem Märchenschatz der Pueblo- 
Indianer gehört, wurde vermutlich aus politischen Gründen verfasst. Denn in 
der Zeit handelte es sich um die Abtretung der neumexikanischen Gebiete an 
die Vereinigten Staaten. Die Indianer des Pueblo Jemez bewahren noch heute 
als grössten Schatz ein Buch auf, das bisher nur der Erzbischof von Santa Fö 
zu sehen bekommen hat, und das dieser als ein Exemplar der von Lorenzana 
herausgegebenen Briefe des Cortez erkannte. 

Herman F. G. ten Kate, Somatological Observations on Indians of 
the Southwest. Joum. Am. Ethnology. Archaeology III. p. 119—144. 
Körper- und Schädelmasse von Pima und Papagos, Maricopa, Zuni und von 
Skeletten aus den Buinen des Salado-Thals im südwestlichen Arizona. 

Dr. Washington Matthews. The Human Bonos of the Hemenway 

Gollection in the United States Armj Medical Museum at 

Washington. National Academj of Sciences. Vol. VI. Seventh Memoir. 

Die von der Hemenway -Expedition unter Cushings Leitung 1887 

gesammelten, aus verlassenen Dörfern der südwestlichen Arizona stammenden 

Schädel werden beschrieben und ihre Eigentümlichkeiten erörtert. In einem 

besonderen Aufsatz wird versucht, die Eigentümlichkeiten des Zungenbeins bei 

verschiedenen Stämmen und seinen Wert für klassifikatorische Zwecke festzustellen. 

A. M. Stephen. The Navajo. Am. Anthropologist. VI. 345—362. 

Die jetzigen Wohnsitze und die jetzige friedliche Lebensweise dieses Stammes 
als Schafzüchter und Schafhirten, ihre Sitten, Gebräuche, Techniken, religiöse 
und sonstige Vorstellungen. 

Washington Matthews. A Study in butts and tipe. Am. Anthro- 
pologist. V. 345—350. 
Dr. Washington Matthews, dem wir die eingehende Beschreibung der 
Ceremonie Dsilyidje ga^al „Berggesang^ verdanken, in der die Stammessage 
der Navajo dargestellt wird (Fifth Annual Report of the Bureau of Ethnology. 
Washington 1887), macht in der obigen Abhandlung auf den Unterschied auf- 
merksam, den die Navajo-Schamanen mit grosser Sorgfalt bei allen Oeremonien 
zwischen dem unteren und dem oberen Ende eines Gegenstandes machen, und 
dass sie bei allen Oeremonien immer von unten nach oben, nie umgekehrt, fort- 
schreiten. So sprengen sie Pollen auf eine Maske von unten nach oben 
fortschr^tend, auf die Nase derselben aber von oben nach unten, denn dier 
Nase hat oben ihre Wurzel und unten ihre Spitze. 

James Stevenson. Ceremonial of Hasjelti Dailjis and Mythical Sand 
Painting of the Navajo Indians. VIII. Annual Report of the Bureau 
of Ethnology. Washington 1891. p. 233—285. 
Eine sorgfältige Beschreibung der Ceremonie, die bekannter unter dem Namen 

yebitchai ist. Farbige Abbildungen erläutern die Masken und das sonstige Zu- 



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- 58 — 

bebör. Farbige Beproduktionen werden aach tob den Sandbildem gegeben, die 
bei dem Feste angefei-tigt werden. Zum Schlnss werden die Mythen erzählt, die 
auf die bei dem Feste erscheinenden Götter Bezug haben. 

John G. Bourke. The Medicine-men of the Apache. IX. Annual Report 
of the Bureau of Ethnology. Washington 1892. p. 443--603. 
Der bekannte Verfasser des Buches: „The Snake Dance of the Moqui Indians 
of Arizona*' beschreibt hier die Medizinmänner der Apache, ihre Ausrüstung und 
ihre Ceremonien, überall zum Vergleich die Kultur- und Naturvölker Amerikas 
und der alten Welt heranziehend. Über die Berechtigung dieser Vergleiche wird 
man freilich in der grossen Mehrzahl der Fälle streiten können. g^^^^ 

Journal of the Buddhist Text Society of India. Edited by Sarat 
Candradäs C. I. E. Calcutta 1893. Vol. I und Vol. II. Heft 1. 
Der erste Jahrgang dieser für die Kenntnis des nördlichen Buddhismus 
wichtigen Zeitschrift liegt fertig vor, obwohl nur wenige der in den Notizen 
(,, Appendix") angefangenen Materialien einen eigentlichen Abschluss erhalten 
haben. Diese „Appendix** - Partien, welche massenhaft wertvolles und neues 
Material aufspeichern, begleiten den eigentlichen rt'^eid*^, welcher in der Repro- 
duktion von Tibetischen und Sanskrit-Original-Texten, welche fast durchweg von 
englischen Übersetzungen begleitet sind, besteht. Auch Pälitexte haben Auf- 
nahme gefanden: so Teile des Dhammapada mit Kommentar, durchweg in 
N&garl gedruckt Von dem Visuddhamagga des Buddhaghosa ist der Anfang 
mit Sanskritübersetzung mitgeteilt: ein Unternehmen, welches die Frage anregen 
dürfte, wann wohl der ganze umfangreiche Text dieses wertvollen Werkes, das 
jetzt in einer vorzüglichen sinhalesischen Ausgabe zugänglich ist, im „Journal** 
erscheinen wird. Unter den Appendix-Partien sind besonders wertvoll die 
Mitteilungen über die Bonreligion, welche übrigens die ungemeine Dürftigkeit 
an selbständigen Ideen dieser Religion so recht klar machen. Eine Anzahl 
etwas bengalisierter Bilder begleiten diese Notizen, der Gott dVa-ga-pa auf 
Taf. n (es muss dVu-gu-pa heissen) ist deutlich eine Nachahmung des Typus 
des Yam&ntaka der Lamaisten. Von besonderem Intei^esse sind femer die Mit- 
teilungen über das Kloster bKra-shis-lhunpo und seine Lehranstalten etc.; die 
biographischen Notizen über Atläa, KamalaMa, S'Antirakshita, mKhas-grub-rje, 
Brom-ston etc., das Resumö über buddhistische und brahmanische Höllen, über 
die Göttin Kali, und über die Näga's (im 1. Heft des zweiten Bandes). 

Grünwedel. 

Vari^täs sinologiques. No. 1. L'lle de Tsong-ming h Pembouchure du 
Yang-tse-kiang. Par le P. Henri Havret, S. J. Chang-hai 1892. No. 2. 
La province du Ngan-hoei (avec 2 cartes hors texte). Von demselben, 
ibid. 1893. 
Es sind 'dies zwei topographische Studien auf Grund einheimischer Quellen 
Die grosse Belesenheit des Verfassers und die ausserordentlich sorgfältige Be- 
nutzung des Quellenmaterials verleihen diesen beiden Monographien einen hohen 



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— 69 — 

wissenschafUiohen Wert Der Verfasse beabsichtigt, der topographischen Be* 
Schreibung der Provinz Ngan*hoei eine historische folgen %n lassen, deren Er- 
scheinen hoffentlich bald b^tlsst werden dar£ 
L^on de Bosny, le Taols^e. Atoc nne Introdoetion par Ad. Franck, Paris, 

Leronx. 1892. 8*. 
Das kleine Buch behandelt in acht Kapiteln den Ursprung des Taoismus, 
das Leben des Lao-tse, den Text des Tao-teh*king und seine Geschichte, die 
Kommentatoren, die Definition des Terminus täo, die Philosophie des Lao-tse, 
die Moral und Politik des Tac-^teh-king, die unmittelbaren Nachfolger des Lao-tse 
und endlich den Taoeseismus, unter welcher Bezeichnung der Verfasser die 
volkstümliche Form versteht, welche der Taoismus als religiöser Glaube und 
Kultus angenommen hat. Des Neuen bringt das Buch nicht viel, sein Haupt- 
vorzug liegt vielmehr in der gewandten Darstellungsweise, welche demselben eine 
weitere Verbreitung über die engen Grenzen des fachmännischen Kreises hinaus 
sichern dürfte. Recht befremdend ist, dass der Verfasser Giles* Bemains of 
Lao-tzu (Hongkong 1886) nicht mit einem Worte erwähnt. Wenn man über 
Textkritik des Tao-teh-king redet, sollte eine so scharfsinnige Untersuchung 
nicht mit Schweigen übergangen werden, auch wenn man mit den Schlussfolge- 
rungen ihres Verfassers nicht übereinstimmt. Das interessante Gebiet des 
^Taosseismus'' wird auf 13 Seiten abgethan. Welchen Zweck die Einleitung des 
Herrn Franck hatte, vennag Referent nicht anzugeben. Grube. 

EUis. The Yoruba Speaking Peoples of the Slave Coast of West- 

Africa. London 1894 
in Ergänzung zu den vorangegangenen Bänden 

The Ewe Speaking Peoples (1890) und 

The Tshi Speaking Peoples (1887), 
sodass in diesem Gesamtwerk jetzt eine wertvolle Unterlage für anschliessende 
Studien geboten ist, und zwar auf einem Arbeitsfelde gerade, das wichtigste Er- 
gebnisse verspricht (für Kenntnis der Nigritier). 
Gunow. Die Verwandtschafts-Organisation der Australier. Stuttgart 

1894. 
Dies Buch reiht sich denjenigen an, welche die zu ihrer Vollentfaltung her- 
anreifende Entwickelungsperiode der Ethnologie illustrieren, seitdem die ethnische 
Umschau (in soweit allgemeinen Umrissen) eine Abrundung anzunähern beginnt 
(betreffs der Elementargedanken und ihrer Statistik). 

Zum deutlichen Eindruck kommt es jedem, der bis auf die Anfluge der 
Generation, woran er durch seine Mitarbeit beteiligt war, zurückzublicken ver- 
mag, auf das jahrelang mühselig auferzwungene Materialbeschaffen, auf das Em- 
porblinken neu überraschender Erscheinungsformen, nach deren Leitungsfäden 
und Leitungspüftden (bald hier, bald da) umherirrend gesucht wurde, unter dem 
Experimentieren mit (stets wiederholt benötigten) Vergleichsversuchen (hin- und her- 
geschoben in monoton oftmals ermüdendem Geduldspiel), besonders auch in dem 
Kapitel über die Ehe- Verhältnisse. Eine erste Etappe war mit Morgan's umfang- 
reich methodisch angelegtem Werk erreicht, auf vorläufig gebreiteter Unterlage, so- 



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— so- 
dass die anschliessenden Theorien ') objektiTer Prüfung untei'zogen werden konnten, 
um, wenn bewährt erwiesen, fortvei-folgt zu werden oder demgemässe Umgestaltung 
in der Erklärungsweise zu erhalten, durch die in weiter hinzutretenden Belag- 
stücken veränderte Beleuchtung. Manch' sdche Lichtstrahlen sind dem (durch 
mehrfach erörterte Ursächlichkeiten) verzögerten, aber deshalb gerade desto durch- 
schlagenderen Aufschluss Central -Australiens zu verdanken, und die von dort 
durch eine von Beamten und Reisenden rüstig ausverfolgte Thätigkeit allmählich 
eingeernteten Sammlungen erhalten ihre Cfystematißche Zusammenstellung in der 
hier vorliegenden Durcharbeitung (auf sachkundige Litteraturkenntnis gestützt). 

Bei induktivem Auf bau unserer „Lehre vom Menschen" gilt als erstes Pflicht- 
gebot, die durch die komparative Methode bedingten Kautelen in Erinnerung zu 
bewahren, vornehmlich also : dass die Erörterungen auf ihre durch die Relations- 
begriffe gesteckten Grenzen eingeschränkt zu halten sind, und jede irrationelle 
Transcendenz vermieden werde (solange die Psychologie ihrer naturwissenschaft- 
lichen Durchbildung noch ermangelt). 

So oft deshalb von Ursprünglichkeit geredet werden sollte (mit dem „Ur* 
und seinen Zusammensetzungen gehurt wird), ist dieses Wort desjenigen meta- 
physischen Charakters zu entkleiden, der in den deduktiven Epochen der Kultur- 
geschichte voranzustehen pflegte (als vorzugsweise favorisiert für sentimentalen 
Kitzel), statt das Ursprüngliche (als echt in Originalität) da entgegenzunehmen, 
wo es sich im Einklang mit den Natnrbedingnissen antrifft. 

Wann — (und wo) immer wir auf jene „Mista (oder Mysta) prima" gelangen, 
die zur Scheidung von alchimistischem Wust (eines von Nacht der Unwissenheit 
umlagerten Okkultismus) eingerammelt wurden (seit Boyle's Skepsis), auf „Ele- 
mente" und „Prinzipien" also, ist Halt geboten vorderhand, um jetzt wieder auf- 
wärts zu wandern, an der 6^ ävuf xal xdrta^ sei es in Ascendenz, sei es in De- 
scendenz, jenachdem der konkrete Fall fQr die eine oder andere Entscheidung 
aussagen mag, im Herabsinken oder AuMeigen (und im Emporsteigen wieder 
aus dem Herabgesunkenen vielleicht). 

Zur Übersichtlichkeit bedarf es eines Entwurfes schematischer Diagramme, 
obwohl diesen nun zwar, in aktueller Verwirklichung, nur diejenige Reinheit zu- 



*) WeDD in nmfangreicheD SammlaDgen faktische Belegstücke der Benutzang aus- 
gebreitet liegen, braucht beim Herausfischen der nahrhaften Brocken die hinzugeschüttete 
Saace (der Theorien) nicht mitgenossen zu werden, so oft in unhaltbare Hypothesen 
auslaufend, in — bio- (zoo-)logisch sowohl, wie soziologisch widerlegter — Promiskuität, 
in (den Inzest einschliessender) Bluts verwandtschaftgenossenschaft, in (linguistischen 
Deutungen unterstellten) Gruppenehen, im euphemistisch (an Stelle einer Frauenknechtschaft 
des Wildzostands) simuliertem Mutterrecht (mit seinen die Regel bestätigenden Ausnahmen), 
bis auf die „Patria potestas" (politischer Vollkultur). Dann reiht sich (in Conferreatio) 
die monogamische Ehe an, aber Monogynie durchzieht schon die Vorstadien (sofern nicht 
Schutzbedürftigkeit das Herdentum zusammentreibt), und neben der Polygynie in ihrem 
Doppelcharakter, den Luxus begünstigend oder (andrerseits) die Erwerbsfähigkeit (mit 
hygienischen Vorschriften), findet sich dann die Polyandrie, unter solchen Isolierungen 
gerade, wo das Warum präzis sich erklärt (im konkret gegebenen Fall). Cf. Grundz. 
der allg. Ethn. (S. 43 u. a. a. 0.). 



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— 61 — 

gemutet werden darf, wie sie theoretisch verlangt sein würde (bei Hinzeicfannilg 
der geometrischen ümschliessnngslinien). 

Betre& der bewegenden Motive sind (in mechanischer Weltanschaunng) 
Solche auch biologisch (und soziologisch weiter) festzuhalten, wie sie sich durch 
sirenge Erprobungen lunorganisch bewährt haben (in ihren Kräftewirkungen). 

Voran steht das Becht^) des Stärkeren, das sowenig eines Kommentares 
bedarf, wie der Satz, dass Zwei mehr ist, als Eins, Drei mehr als Zwei u. s. w. 
(in der Arithmetik des logischen Nachweis). Auch hier zwar ist es (erklärlich- 
weis) sogleich der konkrete Fall, von dem das Folgende abhängt (im. Gang der 
üntersfochnng). Je nach mathematischer Anwendung der abstrakten Zahl mag 
die Eins doppelt oder zweihundertfach schwerer wiegen, als die Zwei, diese drei- 
bnndert- oder dreitausendfacher, als die Drei (und wie es sich sonst ergiebt). Immer 
jedoch bewahrt sich aem Recht das Siärkere^Beeht, je nachdem dabei die Quali- 
tät oder Quantität zum Austrag zu kommen hat (ob eben so oder so). In der 
primären Horde liegen die Gewicbtsverhältnisse offenkundig vor, ein (schon dem 
Namen nach) stärkeres Oeechlecht und ein schwächeres, sowie Gliederung der 
Altersklassen, mit dem Schwerpunkt in der vollgereiften (der „Soldatenkaste'', 
nach indiimiscber Fassung), cf. Kontroversen II (S. 12 u. a. a. 0.). 

Das Gleiche fliesst in einander, im Gleichaltrigem zusammenhockend; nach 
Gesdilechtern getrennt, die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen 
Seite (und jede Altersklasse in den Gleichaltrigen). 

Freilich wird solch' schematische Zeichnung in der rauhen Welt der Wirk* 
behkeit ihre Ecken allzusehr abstossen, um in theoretischer Säuberlichkeit die 



^ Daef sogeiianten «jus fortidris** gilt zunächst körperlich materiell, mit der Wacht der 
MaonesfatfSt niederMend, bis dann die Frau etwa herrscht, im Hans, -^ mid in solch 
mhlg friedlichem Regimente nach dem Regime sexueller Konstitution, sich kongenialer 
fühlen wird, als wo znm Schatz, anter den Stürmen des politischen Lebens, Regimenter 
fo marschieren haben, oder auf den Tribunen Wortschlachten sich liefern, mit blutigen 
Verwundungen oft, wenn ins Herz treffend (und das weiblich zarter besaitete rascher 
lerreissend). Wenn das eine Geschlecht (seinem Berufe gemäss) mit der Executive betraut 
irt, braoehen die Rechte des anderen um so weniger verkümmert zu werden, je mehr 
sich bei verständigem Durchblick (wohl organisierter Konstitution) das Interesse der Ge- 
samtheit darin gerade erkennt, dass jeder Bmchteil möglichst unbehindert auf seiner 
eigentümlich zugehörigen RechtssphSre sich entfalten möge (zu fröhlich gesundheitlichem 
Gedeihen). Immer aber gilt (und dominiert) das Recht des Stärkeren, im Grossen und 
im Kleinen, im AlIgemeineD und im Einzelnen, im Ganzen und jeglichem Teil, ob brutal, 
roh (in der Wilde), ob veredelt idealisiert (in den Ausverfeinerongen der Civilisation). 
Als Stärkster muss sich (klardeutlich) der beste Rechenmeister erweisen, weil eben aafs 
richtige Ziel hineintreffend, bei Richtigkeit des logischen Rechnens, und das Richtige 
hat die Richtschnur zu bilden (in Klarheit und Wahrheit). Richtigkeit (in Aufrichtigkeit, 
ehrlich gemeiot) entscheidet, wie objektiv in der Natur überall, so für die subjektive 
Fassang, und der Falscher bricht desto nnfehlbarer seinen Hals, je mehr im Trauen 
auf seine Schlaoheit in die anwachsenden Komplikationen hineingejagt, von den Göttern 
mit Bethömng geschlagen, durch ärr) (Zeus älteste Tochter), — vom Himmel herab- 
gsechleudert auf die Erde, unter die Irrsale, die dort bedrücken, bis die Megga ge- 
funden sind, dem Erlösungszug zu folgen, (oder ethnisch sonst entsprechende Weges- 
richtofigen). 

ICH V. 6 



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- 62 - 

Augen zu treffen, da diese vielmehr, bei radikal feindlichem Gegensatz der ftlr 
Vereinigung bestimmten Geschlechter, vonvomherein in ein leeres Nichts hin- 
ausschauen müssten, worin, mangelnden Nachwuchses wegen, das Ganze zu ent- 
schwinden hätte. 

Obwohl jedoch im Gange der Dinge das schwächere Geschlecht vor dem 
stärkeren schliesslich stets zu erliegen hat, lassen sich doch — aus der (durch 
Erschlaffung der auf aktiven Lebenserwerb hingewiesenen, Männer in halbculturellem 
Schwelgen) zeitweis hervortretenden Superioritöt der Frau, in (amazonisch) gynai- 
kokratischen Zuständen (am Kongo z.B. oder im Amazonenland des Marafion, unter 
klassischen Reminiscenzen etc.), bei dem durch Widematürlichkeiten verursachtem 
Herabsinken, — Barometerstände entnehmen, woraus auf tiefen Stadien der Unkultur 
noch eine Art Gleichgewicht der Geschlechter herauslesbar wäre (wie bei den Kumai 
z. B. mit Vögelabstammung), unter striktestem Vorbehalt wiederum, hinsichtlich der 
(für den konkreten Fall jedesmalig etwa gültigen) Erklärung, bei sociologischen 
(oder biologischen) Parallelen, zum Ankristallisieren isomorpher Körper gleichnisweis 
(aus chemisch verschiedenen Mutterlaugen). Wie bei den am Gabun sexuell g^en- 
überstehenden Geheim bünden , wird überall dem Beisenden die Kenntnisnahme 
mehr noch, als bei den männlichen, bei denen des andern Geschlechtes erschwert, und 
so lässt sich, in dem gelegentlich dem Fi-auenconvent (in mikronesischen Clöbber- 
göU u. dergl. m.) zustehendem Recht, die Fortgabe zur Verheiratung (deren 
Verletzung bei australischen Fluchtversuchen durch die Yamsstöcke gerächt 
werden mag) noch weniger genugsam durchblicken, als das, was sich anderer^ 
seits wieder, bei männlichem Aneignen der Frau, konstatiert zeigt (in über- 
wiegenderem Durchschnitt). 

Innerhalb des als Einheit umschliessenden Stammesleben ringt sich der Ein- 
zelne zur Individualität empor, für volle Befriedigung der innewohnen^^en Be- 
dürfnisse, auch auf religiöser Sphäre (aus den, auf untersten Stufengraden mehr- 
weniger bereits regsamen, Voranlagen geistigen Hungergefühls). 

Hier schafft der „Angang'', als Pagar (wirbelnder Steinchen, auf Sumatra) 
den (zum Fetisch geschnitzten) Souman (Guinea^s) im (nagualistischen) Totem, 
bei Verfolg desThieres, oder auch aus dem Pflanzenreich für den Kobong (und 
seine Analogien vielfach). Der Nigiitier nimmt es gleichmütig schlaffer (wenn etwa 
nicht die Rache stachelt, zu böswilligem Schaden), wogegen die Gefahren der 
Jagdfahrten einen umständlichen Vorbereitungskurs angeraten haben (beim 
indianischen Pubertätstraum), und bei (australischen) Jünglingsweihen lässt sich 
das Ceremonial en bloc absolvieren (wie bei der Konfirmation in Quimbes u. dgl. m.), 
während dann auf fortgeschrittenen Entwicklungsstufen solche Einigungen statt 
haben mögen, wie sie in die Mysterien der „Medizinlogen'' sich zurückziehen (und 
Konventikel aller Art). 

Wie nun immer der Patron — (wenn kein „genius natalis", aus „ideae in* 
natae"), ^^ yäp t»c ^v ^fjüat (b. Euripides), als animus (s. Cicero), ?A>c r^ dif^ptom» 
dalßwv — erlangt sei, antreffen wird er sich stets, unter der einen oder anderen 
Modifikation seiner Attribute fttr entsprechende Äquivalente; bis auf den Gottes- 
begriff hinauf, längs dämonischer Zwischenstufen (nach ihren Mittelwerten). 



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— 63 - 

Wird nun, schematisch, die Stauimesfamilie im engsten Kompass gefasst, so 
dominiert hier der Totem des Vaters vom Patriarchen her, unter den (mit der Ent- 
fernung) vergrösserten Umrissen (zum Ahnenkult ausweitend) bis auf Unkulunkulu 
(der Bantu). Mangelt dem Sohne das Strebergefdhl zu selbstständiger Unab- 
hängigkeit (oder fehlt ein Anlass), so adoptiert er den Totem des Vaters oder 
findet sich bereits in dessen Bereich bequemlich hineingewachsen, wie die Tochter 
ohnedem (ohne um ihren Willen viel befragt zu sein). Da fortgesetzte Inzucht, weil 
(in extremis) zum Aussterben fahrend, mit solchem Absterben der Betrachtung ent- 
hoben ist, hat sich diese den connubialischen Erweiterungen zuzuwenden, fQr die 
Ezogamie, und hier beginnen nun die Totem zu kreuzen, da die Frau bereits deu 
ihrigen mitbringt, bei Vereinigung mit der männlichen Hälfte, und je nach den 
Aussprüchen eines Vater- oder Mutterrechtes (unter dessen, oft widersprechendster, 
Fiktion bei Knechtschaft der Frau) haben sodann die Regulationen ftir die Kinder 
hervorzutreten, in allzu bunt durcheinanderlaufender Mannigfaltigkeit, als dass 
irgend welche Oeneralisationen bereits gewagt werden dürften, ausser für den 
jedesmalig konkreten Fall (innerhalb der Kreissphäre seiner Realisationen), wenn 
die benötigten Vorlagen gegeben wären, um ihn unter all' den mitsprechenden 
Bedingnissen zu erörtern, für die faktisch besondere Sachlage (die als Pensum 
vorliegen sollte). 

In itp6Xrj<pt^ (iyuota fumx^ xou xa^Xoo) mag der Sachverhalt als realer accep- 
tiert werden, (soweit sich in fiktitiver Abstraktion eine Fühlung ^bewahren lässt). 
Auch zwischen zwei Totem genügen die Kreuzheiraten noch nicht, weil die 
Zeugungen wiederum innerhalb des höher geschlossenen Einheitsbegriffes ver- 
bleiben würden. Es muss also für die Kinder (zu einer Zeit bereits, ehe die 
Pubertät die Aneignung eines selbstständigen Totem*s überhaupt ermöglichen 
würde) vorgesorgt werden, durch die Klassen, worin sie verteilt werden, nach 
älteren oder jüngeren (oder als Knäbchen und Mädchen). Die Wurzeln der Kau- 
salität (die „wurzellose Wurzel", um in der Sprache der Sankhya zu reden) 
fallen vorläufig über den Gesichtskreis deutlicher Sehweite hinaus, (embrjologisch 
noch verhüllt aus ihrem Mutterschosse) unter die Vorbedingungen sozialer Existenz, 
wie durch die Specificität der historisch-geographischen Provinz, im praktisch 
aufgestellten Exempel, gegeben; sie bilden also noch keine Rechnungsaufgabe 
für die Induktion, welche stets erst von den realen Daten des vorhanden Ge- 
gebenen auszugehen hat, wobei es sodann den Ergebnissen anheimgestellt bleibt, 
wieweit Rück- (oder Vor-)schlüsse gestattet sein mögen (in Anticipation). 

Bei Verwendung von Termini technici, wie Endogamie und Exogamie, darf 
die Relativität dieser Begriffe nie übersehen werden, da sich ihr Ziffernwert 
immer aus dem speziellen Sonderfalle erst fixieren lässt (für gültige Schätzung), 
and die Rechnungsoperationen sich nun komplizieren, beim Fortschreiten zu 
amphiktjonischen Verbänden (im sozial-histoiischen Wachstum u. dgl. m.). Je 
nach Erweiterung des allgemein umschliessenden Einheitsbegriffes ändert sich 
demgemäss die Fassung dessen, was für den in Betracht gezogenen Specialfall 
endogamisch oder exogamisch abzuschätzen wäre (nach relativ gültigen Pro- 

6» 

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- 64 - 

Das Heixatsyerbot ftlr den Totem (der Qens) ist selbstgegebepiiL nahegelegt 
(bis auf die Erweiterungen zur Phratrie hinaus), und bei territorialen Fixierung^, 
aus genealogischem Verbände, haben dann die entsprechend abändernden Modifi- 
kationen hinzuzutreten (wie bei Kleisthenes* Beform). 

Bei der lokal typischen Zersplitterung der australischen Stämme ist bei 
ihnen demgemäss das Phänomen der Elassenheiraten zu charakteristischer Durch- 
bildung gelangt, und muss somit ebenfalls nach den durchgängig mitwirr 
kenden Faktoren (der wecbselsweisen Gescfalechterstellung im Nebeneinander u^ad 
der Altersgliederungen im Nacheinander) in Betracht gezogen werden, zumal wenn 
(bei weiterem GestafFel) gleichaltrige Generationsschichtungen Anrecht auf ein- 
ander erbalten, oder (wie bei Dieyerie, in den Noa der Pirauru) schon eine 
„selection raisonn^e^ für kulturelle Züchtung statt hat (gleich einer lace- 
dämonisch geübten Auswahl). 

Im YerhältniHS zu der politisch fester geschlossenen (vornehmlich betrefiEs der 
Irokesen literarisch bekannten) Organisation der Indianer, wo sich der ganze Prozess 
(der Hauptsache nach) im ümbegriff des Totemismus abzuwickeln vermag, fäüt 
für australische Klassenheiraten das Eigentümliche des Charakterzugs in ärmliche 
Zerstreuung auf unwirtlichen Boden (dem Gepräge dortig geographischer Pro- 
vinz gemäss). 

Der Verfasser hat den durch die Induktionsmethode angezeigten Weg ein- 
geschlagen, im Durchwandern der tbatsächlichen Beweisstücke, um zunächst ein 
auf gesicherten Stützen ruhendes Gerüst zu errichten, für die fernere Beweis- 
führung. Mit eingehendem Vei-stfindnis des ethnischen Gedankenganges verbindet 
sich die des historischen Entwicklungsganges ethnologischer Forschung, um den 
Missgriffen seiner mit noch unvollkommenerem Material arbeitenden Vorgängern 
die volle Entschuldigung angedeihen zu lassen, die in der Natur der Sache be- 
gründet liegt, während es an scharfer Polemik nicht fehlt, wo Fehler hätten 
vermieden werden können, bei gründlicherer Vertiefung des Studiums. 

Die in Geschlechtei-trennung und Altersgliederung spielenden Faktoren sind 
in den Hauptpunkten richtig erkannt, doch dürfte für deutlichere Klarlegung 
ihres Ineinand ergreif ens , zunächst noch eine strengeres Auseinanderhalten an- 
gezeigt ratsam sein, in objectiv getrenntem Ausverfolg, da sich die Berührungs- 
punkte dann von selbst zu ergeben haben, im Gang der Untersuchung (nach 
organisch eingesäeten Keimanlagen). Die Arbeit ist eine mustergültige in ihrer 
Art und desto dankeswerter^ weil auf einem Forschungsfeld unternommen, das 
durch die Fremdartigkeit seiner Anschauungsweisen den darauf geworfenen 
Hinblick leicht verwirrt, wenn nicht (zur Orientierung über die leitenden 
Gesichtspunkte) zuverlässiger Führung gefolgt werden kann, zum Anhalt an 
den, einer Nachprüfung zugänglichen. Aussagen des tbatsächlichen Materials, wie 
ausgiebig hier geboten, über die Organisationsform der Kamilaroi (Kap. 1), der 
Kumai und Goumditschmara (Kap. 4), der Narrinyeri und Turra (Kap. 5), der 
Kolor-Kumdit und Kumhopan not-Kumdit (Kap. 6), der Diejerie etc. (Kap. 7). 
Das letzte Kapitel wendet sich den neueren Publikationen über das gleiche 
Thema zu und ihrer Kritik (den gegenwärtigen Stand dieser Forschungsfrage 
präzisierend). A. B. 



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— 66 — 

Für die Kenntnis Polynesiens sind, durch gütige Vermittlang des Bev. 
Mr. 6 i 11 in Sydney» eine Reihe lehrreicher Separat- Abzüge eingegangen, wie folgt: 

Key. OeorgePratt: The Genealogy of the Kings and Princes ofSamoa. 
Transactions of the Anstralasian Association for the Advancemt of Science. 
Melbourne Meeting 1890. 

Rev. G. Pratt with Notes by John Fräser: Some Folk-Songs and Myths 
from Samoa. Read before the Royal Society of N. S. Wales, July 1, 1891, 
(Nov. 5, 90). 

Rev. 0. Pratt with Notes by John Fräser: Some Folk-Songs and Myths 
from Samoa. Refkd before the Royal Society of N. S. Wales, Septb. 2^ 
1891. 

Bev. 6. Pratt with Notes by John Fräser: Some Folk-Songs and Myths 
from Samoa. Read before the Royal Society of N. S. Wales, Octob. 7« 
1891. 

Rev. 0. Pratt with Notes by John Fräser: Some Folk-Songs and Myths 
from Samoa. Read before the Royal Society of N. S. Wales, Decemb. 2, 
1891. 

Dr. John Fräser: The languages of the New-5ebrides. Read before 
the Royal Society of N. S. Wales, July 5, 1893. 

The story of Tu and Rei, a Manihikian Myth (Mangaid), by Rev. 
W. W. Oill, LI. D. Transactions of the Australasian Association for the 
Advancement of Science, Melbourne, 1890. 

The languages of the New-Hebrides, by Sidney H. Ray, Londres, revised by 
Dr. John Fräser, Sydney (read before the Royal Society of N. S. W., 
July 5, 1893). 



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Aus der durch das Eameruu-Comit^ veranlassten Expedition der 
Herren v. üechtritz und Passarge ist eine wertvolle ethnologische 
Sammlung zurückgebracht, welche an das Königliche Museum für Völker- 
kunde in Berlin überwiesen worden ist, von diesem aber nur in den- 
jenigen Stücken aufgenommen wurde, welche zur Ergänzung früheren 
Besitzes aus den Sammlungen des Reisenden Flegel sich angezeigt ergaben. 
Es schien wünschenswert auch anderen der einheimischen Museen 
die Möglichkeit zu lassen, aus einem für die Kolonialgeschichte bedeu- 
tungsvollem Unternehmen Erinnerung zu bewahren, durch Einfügung der 
Ergebnisse in den Sammelbestand. 

Nachstehend folgt die Liste der zur Verfügung stehenden Gegenstande, 
sämtlich im besten Zustand der Erhaltung und mit genauen Lokalan- 
gaben versehen. 

Da dies im nationalen Interesse eingeleitete Unternehmen unter Mit- 
hülfe freiwilliger Beiträge ausgerastet worden ist und zur Deckung der 
Unkosten also auch die Sammlungs- Resultate herangezogen werden müssen, 
sind die Gegenstände als Zahlungswerte zu schätzen und werden sie, wenn 
von dem Käufer seinerseits kein Augebot eingeht, nach dem Massstabe 
des von dem hiesigen Museum für seinen Anteil gezahlten Durchschnitts- 
preises valuieret werden (vorbehaltlich derjenigen Bestimmungen, welche 
das Gomite darüber treffen sollte). 
Speer, vergiftet. Däckawa. 
Däckawa. 



II 



II 
II 
II 



n 



Bute. 12.-13.° 0. L. 7.-8.° N. Br. 
Lacka. 8.— 9." N. Br. 15.° 0. L. 

II 

Baya. 

Djikum, Mutschi. 

Baya. 



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— 67 — 
Speer, Matschi, Djiknm. 



it 



Laozenspitze. ? 

Köcher mit Pfeilen. Von den Bubandjidda. Typische Pollah. Von den 

Darra gemacht. 

Köcher mit Pfeilen. Von den Heiden gemacht. 

Köcher mit Pfeilen. Fallah. 

Köcher mit Pfeilen. Mntschi. 

1^ 1» 11 11 

11 11 ,1 FuUah. 
Wnrfeisen. Lacka. 



„ Tangere. 

„ Devera. Yangere« 

Spannmesser. Djikum. 



Armring. Mntschi. 

,, aus Eisen. Baya. 
11 11 11 Lacka. 

Verschlossspirale zu einer Felltasche. Heidenstämme. S. v. Gasa. Yangere. 

Armring. Lacka. 

2 Eisenzwingen. 

Kriegspfeife. Yangere, 

Flöte. Baya. 

2 Kalebassenlöffei. Baya. 

Spindel. Hanssa. Fnebe. 
Köcher. Mntschi. 
Schild. Deckawa. 
Kriegsflöte. Tengelen. 
,, Deckawa. 

Annspirale. Baya. 
Armring mit Tauschirarbeit. Djikum. 

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— 68 — 

Armringe. Mutschi. 

Speerspitze. Lacka. 

Fasseisen, Sklavenfessel. Fullah. 

Handschellen. ,, 

Hessingarmring. Benii8w Djiktdn. 

Falbepfefle, yon den Beisenden darchschnitten; Tergiftet 

Köcher daza. Fullah. 

Fdr weitere Auskonft über Einzelheiten sind Anfragen zn addressie- 
ren an die 

Yerwaltang des Eönigl. Musenms für Völkerkunde 

Berlin 

(und werden demgemäss, im EinTersüindnis mit dem Comit^, beantwortet 
werden). 



> H ' "t a» ii ^ ' 



Dnok TOB JLBAAek, fi«rlfai MW^ to iulk tm Mn mt iL 

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Fflr 

„Betrachtungen über offene Fragen in der Ethnologie'^ 

werden (unter Beteiligung von Freunden der Völkerkunde) Streif blätter zur Ausgabe 
kommen, je nach der Veranlassung dafür, und eine, nachstehend, erste Nummer ist diesem 
Heft der .Ethnologischen Notizblätter** als Beilage zugefQgt (aus gleichem Verlag). 



Randglossen zur musealen Ethnologie. 



Es hat sich bei Einrichtang yon Museen die Frage gestellt, wieweit 
auf AbtrennuDg einer, öffentlichen Zwecken dienenden, Schausammlung 
Bedacht zu nehmen sei, oder auf Ausscheidung eines, zum täglichen 
Gebrauche handlichen, Lehrapparates, neben dem für fachgerechte Be- 
nutzung und Verarbeitung angesammelten Gesamt-Material (im Besitzstand). 

In den Kunstmuseen werden die Schausammlungen yoranstehen (zum 
Hauptaugenmerk in der Anordnungsweise), da sie, obwohl im richtig 
korrektem Sinne des innewohnenden W^ertes nur von der (auf sich be- 
schränkten) Oligarchie der Sachkenner voUgemäss abschätzbar, doch durch 
ihre Anschau eben anregend und belebend wirken sollen auf die grosse 
Menge des Publikums, um etwaig latent darin schlummernde Talente zu 
wecken. 

Die naturhistorischen Sammlungen sind im Hinblick auf wissenschaft- 
liche Zwecke zusammengebracht, werden indes innerhalb eines übersicht- 
lich abgeschlossenen Systems die Schaustellung eines Lehrapparates leicht- 
lich gestatten, um dem Durchschnittsmass der Gebildeten im weiteren 
Kreis für Belehrungen zugänglich zu sein. 

Auch die prähistorischen Museen, welche, bei Ausschürfung eng um- 
grenzter Areale, ihr Rohmaterial (fast gleichartiger Dubletten oftmals) in 
grösseren Massen anhäufen mögen, als bei yorhandenei* Raumbeschränkung 
für die Aufistellung gerade wünschenswert ist, werden manches magazinieren, 
was erst dann hervorgeholt wird, wenn für Erschöpfung einer speziellen 
Fragestellung monographische Durcharbeitung bis auf scharfgenaues Detail 
in Angriff genommen wird. 

Bei den ethnologischen Museen steht es anders, denn die reichsten 

derselben, die den profanen Blick mit dem Eindruck der Überfülle be- 
M. f. V. 1 

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— 2 — 

drücken (and erdrücken) mögen, sind bettelarm für das Eennerauge, das 
in dem sporadischen Flick werk die abgerissenen Fetzen erkennt, aus 
welchen (nachdem ein haltbarer Einschlag gewonnen sein wird) das 
majestätisch überwältigende Totalbild, (das der Menschheit selber), wiederum 
zusammenzuweben, noch lange (eine gar lange) Zeit noch in Anspruch 
nehmen wird, sodass in weiteste Ferne also entlegt verbleibt, wofür 
unsere Generation begonnen hat, die ersten Bausteine zusammenzutragen: 
zum Aufbau j^ier Tempeikathedrale künftiger Äonen, woran die Nach- 
kommenden weiterzuarbeiten haben werden. »Cito consummabltur tur- 
risc, meinte man, als Hermas' Engel, apjimrt Trocfisutxtp^ seine Herden hütete. 
Dass es länger dauern wird, wissen wir jetzt besser, seitdem (in der 
Anthropologie) auf eigene Arbeit hingewiesen, und diese unter den Händen 
wächst, mit fortschreitendem Eindringen in Einzelheiten, die für ihre 
Bewältigung frisch herantretende Kräfte erwarten. 

Unter solcher Sachlage leidet frühzeitiges Abscheiden einer Schau- 
sammlung unter mancherlei Bedenken, um nicht der Einführung präjudi- 
zierender Irrtümer Vorschub zu leisten; obwohl andererseits die Herstellung 
eines Lehrapparates hier und da sich ganz wohl ausführbar erweisen mag. 

Das älteste der Museen, das alexandrinische, zentrierte in seiner Biblio- 
thek, als ein Thesaurus historischer Dokumente. Aus Zufügung des 
Schmucks und allmählicher Überwucherung desselben, (bis schliesslich 
völliger Verdrängung der Bücherschätze), erwuchs das medicäische Kunst- 
museum in Florenz, dem (im Vatikan) das römische zur Seite trat, während 
für niederländisches Gemeinwesen die Stadthäuser das Material ansammelten, 
und dann wurden akademische Anstalten geschafifen, in denen »Wissenschaft 
und Kunst*) praktisch neben einander getrieben wurden« (s. Stark), wie am 
normalsten von den archäologischen Museen ausverfolgt, innerhalb des 
orbis terrarum klassischer Geschichtsumschreibung. Und nach den hier 
gebotenen Musterbildern würden nun die ethnologischen Museen, kraft 
der von der Naturwissenschaft entlehnten Induktionsmethode, den Globus 
zu umwölben haben, um die Geschichte des Menschengeschlechts, (der 
Humanitas, in der Menschheit Bild), vorzuführen, wenn einstens die Zeit 
dafür gekommen sein mag. 



i) «Wahrhaftig steckt die Knost in der Natur, wer sie heraus kann reissen, bat sie*" 
(gleich Albrecbt Dürer). Aus systematisch gepflegten Pflanzschuleu, um einen Künstlerstand 
heranzuziehen, werden sich auch solch^ pathologische Verzerrungen aufziehen lassen, 
wie sie in modernen Kunstausstellungen dem Laienauge Entsetzen einjagen, und obwohl 
sie pikant prickelnder Sinneslust zu frönen, Genüge leisten mögen, bliebe daneben 
doch die Frage, ob des Geldes wert, das sie beim Zusammenrechnen gekostet haben (im 
Erziehungskurs). Wie der Dichter muss auch der Künstler geboren sein, und selbst 
wenn ohne Hände (wie von RafPael gesagt ist), wird die Natur ihn über seinen Beruf 
belehren, während es mit pädagogischer Kunst seinen Haken hat, wenn Mhzeitig ge- 
krümmte Häkchen krumm und schief fortkümmem (und -wimmern). 



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»VeDiet tempus, quo posteri nos tarn aperta nescisse mirentur«, kam 
zam Eindruck, als »ex Oriente luxe erste Streiflichter warf auf westlich 
nmschattetes Hesperien, wo der Ozean seine »vincula« durchbrechen sollte, 
znm Auf5ffiien neuer Welten (>nec sit terris ultima Thulec). Jetzt steht 
die Sonne im Zenith, und bald wird kommen die Zeit, wo bittre Klagen 
hervorbrechen müssen, wenn zur Fundamentierung künftiger Studien die 
gesicherten Unterlagen ermangeln. In grimmem Zorn wird man rasen 
vor Wut und Schmerz, dass sorglos versäumt sei, die ethnischen Origi- 
nalitäten zu retten, die vor sehenden Augen aus dem Dasein ausgetilgt 
sind, dahingesunken in das Nichtsein (oder Nichtmehrsein); dass (trotz 
alljährlich vermehrter Warnungszeichen) die Zuschauer gleichmütig hin- 
geblickt auf die ringsum verheerende Feuersbrunst; dass die Ethnologie im 
spielerischen Getändel kostbarste Zeit verspielt hat, statt durch das Brennende 
der Frage aufgestachelt und auferweckt zu werden, zu der Bedeutsamkeit 
der Rolle, die ihr zugefallen ist (in der Geschichte des Menschengeschlechts). 

Diejenigen freilich, die aus eigenen Erfahrungen die kritischen 
Momente der Übergangsperiode zu durchleben hatten, verstehen die 
Schwierigkeiten, die bei dem plötzlich unvermittelteu Einbruch der 
Katastrophe, einer den Wünschen genügenderen Vorsorge praktisch ent- 
gegenstanden, und werden sich demnach zufrieden geben mit dem, was 
dankenswerterweise geschehen, um auch den Fremden und Armen (im 
Völkerverbande) eine Heimstätte zu bereiten (beim Durchwandern der Erde). 

In der Enge des Wildstammes bewohnt der mit eigener Namens- 
gebung ausgesprochene »Mensche (Hhaukoin, als »rechter Mensche) seine 
(für ihn umschlossene) Welt, abgegrenzt von den Nicht-Menschen (Amanut) 
insular benachbarter Areale, den Fremden (als Feinden), und auch das 
Kulturvolk thront am Nabel der Erde, auf einem das Menschenhanpt (oder 
sein ozeanisches Prototyp , die Kokosnuss) bergenden Kapitol, ob im Heilig- 
tum eines Hierosolyma oder in der Sonnenstadt Cuzco, unter den Strahlen 
des Sonnengottes, — der freilich seine Schützlinge, bei der Katastrophe 
der Conquista, vor brutaler Entwürdigung nicht bewahrt haben würde, wenn 
ihnen nicht die Rechte des Vernunftswesens (»gente de razon«) zurückgestellt 
worden wären, aus derjenigen Machtvollkommenheit, welche über die terri- 
torialen (und leibeignerischen) Besitzesrechte, kraft ihres (beim Teilnngs- 
strich der Erde zwar nicht) unfehlbaren Plein-pouvoirs (eines jus fortioris) 
antokratisch verfügt hatte (nach dem in Gaxamarca erlassenen Manifest). 

Indem durch die anatomischen Merkmale die Einheitlichkeit des 
Menschengeschlechts konstatiert ist, nach Urteilsfallung induktiv ge- 
schulter Naturforschung, würden dadurch nun auch einige der, skrupulöser 
Gewissenhaftigkeit (zeitweis mit Fug und Recht) aufgedrängten. Bedenken 
(in Punkten der Terminologie) als im voraus erledigt gelten dürfen, um 

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— 4 — 

unbehinderter schalten zn können, wie die Wortbezeichnongen sich bequem 
erweisen, zumal das Ttpanov iptudoQ^ aus dessen Versteck ein vergiftender 
Einbiss gefürchtet war, noch nicht mit der Spezies zu beginnen braucht, 
sondern (etymologisch) erst mit nächst höherer Gattung, des Genus, in 
Sachen der Abstammung (und dorthin ablenkender Ursprungsfragen). 

Mit solch metaphysisch fraglichen Einmengungen hat jedoch die, bei 
ihrer helllichten Tagesarbeit, am yorhanden Gegebenen ansetzende Natur- 
forschung vorderhand überhaupt nichts zn thun — (jedenfalls auch das 
mindeste nicht, solange noch nicht einmal die Psychologie auf ihre 
naturwissenschaftliche Behandlungsweise hat geprüft werden können) — , 
und alles das, was aus den neblig umwölkten Spekulationen einer iq^wrjj 
<pdoao<pia in den heutig yoUen Mittag noch hineinhängt, mit klar ent- 
schiedenem Bruche, ein für allemal abzuthun, hat als unverletzliches 
Axiom zn gelten, in der Biologie ebensowohl, wie in der Chemie, seitdem 
ihr durch Boyle die Grenzen der Elemente gesteckt sind; bei Anbruch des 
durch die entscheidungsyoUe Doppelrevolution eingeleiteten Morgen, mit 
dem unsere Neuzeit am Horizont der Umschau heraufgezogen ist (im 
»naturwissenschaftlichen Zeitalterc). Die »wahren Elemente der Körper 
sind die chemisch unzerlegbaren Atomec (s. Richter), in elementaren 
Substanzen (als »individua sui generis«). Die Fragestellungen uralter Ratsei 
verbleiben ungeschwächt, in der Chemie (oder Biologie), wie überall, wohin 
wir blicken, unter den Arcana des Alls (oder in »animi secretac hinein), 
sie mögen ausverfolgt werden von demjenigen, der eine »Vita contem- 
plativac sich gewählt hat, soweit ihm seine (spirituellen oder materiellen) 
Mittel dies erlauben, wogegen der Naturforscher, dem zum Besten des 
sozialen Gemeinganzen (in olxouofila) seine Laboratorien erbaut und einge- 
richtet sind, in praktisch nutzbarer Arbeit zu schaffen hat, Traum diduoca 
^ TrpaxTtxfi ^ nonjwc^ ^ ^ecDpyjw^ (riioQ 3k r^<r jüikv nonjxcx^Q imtrr^Q rb epYov), 
Ob und wie sich in der Spannungsreihe der Elemente ihre Zahlen über- 
sichtlicher einspannen möchten [je einfacher desto besser, zu erleichternder 
Übersicht, also zum »profit au clairc], ob etwa ein Versuchsschritt in 
Eraftzentren hinüber gewagt werden dürfte, ob sich (unter Zugeständnis 
einer physikalisch verwandten Schwesterwissenschaft) die Aushilfen des 
Äthers zuziehen Hessen, ob sich die Eigenschaften der Elemente, als 
periodische Funktionen der Atomgewichte, ergäben (nach dem Gesetz der 
Periodizität) — alles das und Anschliessendes sind berechtigt offene Fragen 
in der Chemie, bleiben aber für den »Homo diurnusc auf solche Papiere 
geschrieben, die er in seinen Mussestunden durchblättert. Denn wenn sich 
seinem Tagewerk beständig wieder die Verlockungen zu Metallwandlungen 
(als Seitenstücken zu den durch Evolution hervorgezauberten Metamor- 
phosen) zwischenschieben und aufdrängen wollten, dann wäre der alche- 



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— 5 — 

mistiache Wust, den man glücklich los zu sein meinte, baldigst wieder 
da, in schönster (Ordnung oder) Unordnung (wie sie aus dem Okkultismus 
fast schon einzureissen droht). 

Und Ähnliches gilt auf dem biologischen Arbeitsfeld, wo wir das 
Menschengeschlecht zunächst in der ganzen Buntheit all' der Variationen 
entgegenzunehmen hätten, unter welchen es, bei Umschau über den 
Globus, aus demselben entgegentritt, oder vielmehr entgegentreten wird, 
nachdem die Entschleierung (für allgemein gültige Landmarken) als ab- 
geschlossen sollte gelten können (im rasch geförderten Fortgang der Ent- 
deckungen). Dass solange ein Ganzes in seinem Gesamtumfang (wenigstens 
den allgemein begrenzenden Umrissen nach) nicht bekannt ist, an seine 
rationelle Einteilung nicht gedacht werden kann, weil in das Bereich 
der Unmöglichkeiten (unter die »Sünden gegen den heiligen Geiste, strik- 
testen Verbotes, im »Galculus ratiocinatorc) fallend, bedarf keiner Be- 
merkung. Ob der Neger oder Indianer vom Reisenden kurzköpfig oder 
langköpfig angetroffen wird, mag (für die Weiterfolgerungen) von bedeut- 
samster Tragweite sich erweisen, betreffs der lokalen Studien an Ort und 
Stelle, hat aber zu einem hypothetischen Ursprungsherd des Menschen, 
(des »Homo sapiensc oder »Bimanusc), auch nicht die entfernteste Be- 
ziehung, da die anatomische Einheitlichkeit des Menschengeschlechts auf 
dem g^enwärtigen Niveau der Naturforschung aprioristisch an sich bereits 
festgestellt (und festzuhalten) ist. 

Wenn man sich (unter den, durch den Begriff des Organismus, bereits 
präsumierten Korrelationen) das Charakterbild des Indianers oder Negers 
entwirft, für seinen physischen Habitus (unter Einschluss also der kranio- 
logischen Aussagen) — und zwar nach dem, aus dem Total anatomisch- 
physiologischer Funktionen, gezogenem Fazit — , so ergiebt sich überall 
und stets eine (nahezu deutlich schon) bedingende Wechselbeziehung zu den 
klimato-geographischen Agentien des Habitus, je nach der, [seit etwaiger 
(mitunter auch chronologisch schon, längs verfolgbarer Geschichtswege, 
nachzugehenden) Einwanderung], erweislichen Dauer der Akklimatisation, 
und demgemässe Anpassung an die »surroundingsc oder »environmentsc, 
im »Milieu« der geographischen Provinz (für den Organismus, als »Elimato- 
meter« zum Index, nach erfolgter Naturalisation). 

Die Gesamtheit der in der Epiphanie hervorspielenden Attribute bleibt 
überschattet von dem »Individuum« (nach Ausdruck des geographischen 
Reformers), dem sie in Gliederungen angehören, aber jeder Kontinent 
gliedert sich dann wieder in eine Vielfachheit spezifisch umschriebener 
Areale nach (historisch-) geographischen Provinzen, (unter vertikaler oder 
horizontaler Zonen Verteilung, wie im gegenseitigen Zusammenwirken beider 
modifiziert), und in Afrika z. B. wäre die Sonderheit der Nigritier, 



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— 6 — 

unter scharf gezeichneten Strichen, zusammenzuhalten, weil durch den 
Zonengürtel selber bereits abgetrennt, nach Norden und Süden (sowie 
betrefifo der Yerkehrsbeziehangen am östlichen und westlichen Eüstenstreif), 
und wenn hier sodann, neben den an sich anderssprachigen Stämmen, 
linguistische Gleichartigkeit über solch geographische Grenzen (bei den 
Bantu) hinausgreift, stellen sich damit historische Anfgaben, welche separat 
zu behandeln sind, um nicht die unter den Arbeitsteilungen föcherweise ver- 
schiedentlichen Forschungswege wirrig durcheinander zu mengen, zu beider- 
seitiger Störung, wogegen, wenn sie objektiv nebeneinander herlaufen, 
die naturgemassen Kreuzungen (zu gegenseitigen Ergäuzangen) von selbst 
dort angezeigt stehen werden, wohin gehörig (aus naturgesetzlichen Vor- 
ausbedingungen). Auf äquatorialen Hochgebirgen, wo sich die ganze Er- 
streckungsweite in bequemlich zusammengeschobener Übersicht i*ascher 
durchwandern lässt, fällt der für Hervortreiben von Geschichtsblüten 
günstige Kulturboden wiederum in dortig gemässigte (Zonen-) Breiten 
(nach der Elevation), und die durchschnittlich sonst, durch das längs der 
Flussläufe (yon Quelle zur Mündung) ändernde Niveau, (für weiterzeugende 
Wechselwirkungen) gebotenen Differenzen finden dann in den Abstufungen 
der Bergterrassen ihre entsprechende Vertretung, mit gleichzeitig — enger, 
als an Furten (anderswo) — an Passübergängen (unter Hinwendung auf 
zentrale Binnenseen meist) historisch vorgezeichneten Wandernngswegen, 
also in mehr orographischem, als hydrographischem Charakter, obwohl (wie 
überall) im kreuzenden Zusammenspiel beider Richtungslinien, wie voraus- 
bedinglich im Gerüst des Erdgezimmers derartig schon begründet. 

Bei der noch völlig unübersehbaren Massenhaftigkeit der Detail- 
fragen, welche in der Menschen- und Völkerkunde (für endgiltige Lösung) 
zu entwirren wären, — zunächst allerdings nur in rohest ungefährem Zurech t- 
schnitzen (obwohl schliesslich dann bis in letzte Dezimalstellen hinein, 
um den Anforderungen der Induktionsmethode zu genügen) — , wird (unter 
Abweisung frühreif schädigender Theorien) an rein monographischer Be- 
handlungsweise vorläufig festzuhalten sein, um dort, wo das ümflimmern 
einer Peripherielinie merkbar zu werden scheint, nun auf das dadurch 
umgriffene Terrain die Aufmerksamkeit hinzurichten, um es nach allen 
Richtungen hin zu sondieren und explorieren, bis in sämtliche Einzelheiten, 
die hier, in einer oder andern Weise, sich zur Fragestellung bieten könnten. 

In erster Linie hätte, bei dem für sämtliche Naturwissenschaften 
(zur Verwendung ihrer komparativen Methode) gemeinsam gebreiteten 
Mutterboden der Erde, der Anschluss an die geographischen Provinzen 
(und der geographisch dem Globus eingegrabenen Geschichtsbahnen) zur 
Empfehlung zu kommen, wie in Phytograpbie und Zoologie, auch in der 
Anthropologie (und dann der Ethnologie weiterhin). 



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— 7 — 

Wenn (bei vorläufigem Absehen von »wilden Urrassen«) die Kenn- 
zeichen der »natürlichen Rassen« (geographischer Begründang), mit ihrer 
kulturellen Entwicklung, in der neu typischen Form der Kulturrassen zu 
entschwinden beginnen, unter dem »Sieg der Individualitätenc über die 
Rasse (nach »Leitung der Lebensfunktionen«), dann benötigt sich für die 
»sehematische Darstellung«, (wie bisher dem »zoologischen System« ent- 
sprechend), ein »anderes Fachwerk« (s. Nathusius) in der Terminologie, 
dem Hinblick auf landwirtschaftliche Zwecke gemäss, und so arbeitet der 
Historiker innerhalb eines andern Gesichtskreises, wenn er die anthropo- 
logisch durchforschten Rassen in seine Fachwissenschaft übernimmt, obwohl 
dieselbe (auf ihrer, zur Anbahnung einer Universalgeschichte eingeschlagenen, 
Wegesrichtung), bei den durch ethnologische Umschau angezeichneten Zer- 
legungen, einer »philosophia ethnographica« (s. Schlözer), nicht wird ent- 
raten können, um die Bemeisterung der gigantisch bereits angehäuften 
(und, mit Vertiefung ins Detail, beständig noch vermehrten) Stoffmassen 
m ermöglichen (kraft der durch die Induktionsmethode gelieferten Hilfs- 
mittel). »Divide et impera!« in Arbeitsteilungen auf dem Matterboden 
der Erde, der vielbrüstigen, zur Pflege der Naturwissenschaften {xXTjCsre 
fiazipa räiav). Und dann weht es an, mit Fragen aus htixeiva t^q odataq 
(oder roo voo), wenn Ttepi fizxtihpmv Betrachtungen kommen (und über 
Vervollständigung des den Globus umschlingenden Netzes der Stationen). 

Um an dem zum Aufbau des Systems vorausbenötigten Gerüst auf- und 
niedereuklimmen, ist jeder (zum Abschluss tendierenden) Fachwissenschaft 
ihr Dogma unerlässliches Erfordernis, um den Fussauftritt zu stützen bei 
provisorischer Staffellegung, welche jedoch in thunlichst freier Schwebe zu 
halten ist, zum temporären Gebrauch (kürzerer oder längerer Dauer). 
Denn indem es sich um einen lebenskräftig forttreibenden Entwicklungs- 
prozess handelt, mnss anachronistischer Verknöcherung vorgebeugt werden, 
damit an den Knotenschürzungen periodisch kritischer Wendepunkte die 
zeitgemässe Reform (in organischer Fortbildung) Platz greifen kann (die 
Katastrophen gewaltsamer Revolution zu ersparen). 

Was in linguistischer Dogmatik, als gemeinsamer Kapitalbesitz der 
Indogermanen vor ihrer »Trennung« (auch unter Erweiterung der Generali- 
sationen bis über Semiten, oder hamitische Zwischenfragen), zusammenzu- 
ordnen sich zu empfehlen schien, wird vor dem mit der Lupe genetisch- 
komparativer Methode bewaffneten Auge als gross- (und hoch-)mächtiger 
Wachstumsprozess emporblühen, um, auf begünstigtem Areal terrestrischer 
Geschichtsfelder gepflegt, dort mit Ansetzung des Reifestadinms in voller 
Majestät entfaltet zu stehen (bei jedesmaliger Akme), wenn (bei Fort weben 
am international-kosmopolitischen Verbände der Geschichtsvölker) die »Uni- 
versalhistorie« in den Fokus des Gesichtskreises sich einstellt, als (univer- 



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— 8 — 

seile) Weltgeschichte (weil von der >Welt des Menschenc erzählend, in der 
Yorstellungswelt, einer Manushaloka). 

>La region, dans laqnelle une race prend naissance soit par Taction 
Beule du milien, soit par suite du croisement ou sous ces deux influencea 
reunies, est ce que Ton peut appeler le centre ou Taire de formation, 
de caracterisation de cette race« (s. Quatrefages). Und dies ergäbe sich 
dann als die historische Horizontsphäre der geographischen Provinz, im 
Umschluss der ein- und auslaufenden Geschichtswege (wie erdkundlich 
bekundet). Wie (gleich den Farben auf Schwingungszahlen) die Quali- 
täten der Elemente auf Quantitäten zurückzuführen sind, so die >qualitas 
occulta« in der Rasse auf das, was sie erhellen wird (im sichtlich Vor- 
handenen darin), als Eidos in leiblicher Form und als Idee in anschaulicher 
Verkörperung der Gesellschaftsgedanken (unter den ethnischen Bildern 
der Völkergedanken). 

Was auf einem einheitlich yerwandten Sprachgebiet philologischer 
Durchprüfung unterzogen wird, vermag die Unterlagen zuverlässiger Text- 
kritik auf einem fertig bereits gebreiteten Kultur-Niveau erst zu liefern, 
für dessen Hervotrufung nun jedoch eine Reihe, soweit embryologisch noch, 
verhüllter Entwicklungsstadien vorausbedinglich (vorher schon) durchlaufen 
(und abgelaufen) sind. Von dem, was im derartig vorhanden Gegebenen 
(als provisorisches Schlussresultat) angetroffen wird, ist ein Vernunft- (und 
natur-) gemässer Ausgangspunkt (für sachliche Ein registrier ang) zu nehmen, 
aber dann handelt es sich nicht mehr um hypothetische »Trennungc in 
mystisch (oder mythisch) umwölkten »Urzeiten« , sondern von dann ab 
liegt vielmehr der zeitliche Verlauf (nach räumlich angezeichneten 
Richtungsbahnen), — wenn auch nicht überall in durchsichtiger Klarheit 
schon, doch mehrweniger deutlich erkennbar — , vor den Blicken ausgebreitet, 
unter chronologisch fixierbaren Daten (soweit es bereits vielleicht gehen mag). 

Im Kreise autoritativer Majorität beginnt es, wohl einstimmig schon, 
zum Aossprucfi zu kommen, dass paläolithische Funde mit Hinneigungen 
zu einer Evolutionstheorie (und anschliessenden Hypothesen) besser nicht in 
gegenseitig hinderliche Verantwortlichkeit zu bringen wären, und derartig 
zeitweis beliebte Vermutungsfragen hätten rationellerweise überhaupt nicht 
gestellt sein sollen (während der Debatten eines nutzlos langen Streits). Für 
eine (innerhalb des ihr jedesmalig gezogenen Gesichtskreises ausver- 
folgbare) Entwicklungstheorie beruht in innigster Eingliederung ihrer Ver- 
kettungen die denselben einwohnende Lebenskräftigkeit oder Lebensfähig- 
keit, und deshalb ist ein hilfloses Zusammenbrechen vorauszusehen, so oft 
vor dem Wagesprnng über die durch kontrollierbar bestätigte Thatsachen 
gesteckten Grenzen nicht zurückgeschreckt werden sollte. 

Der Forschungsgang der Induktionsmethode darf keinen Fussbreit 



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— 9 — 

Yon dem auf gesicherten Stützen rahenden Boden abweichen, weil sonst in 
jenen Bythos stürzend, der in Zeiten gnostischer Kühnheit manchen der vom 
Winken hohen Lohns (um etwa den »Urmenschen c leibhaftig zu greifen) 
bethorten Taucher verschlungen hat, der dagegen, seit agnostische Ent- 
nüchterung eingetreten ist, an den Randumgrenzungen scharf genau zu 
explorieren sein wird (psycho-physisch), um für die Staffeln einer Noetik 
(oder ethnisch -naturwissenschaftlichen Psychologie) zuverlässige Ansatz* 
punkte zu finden, und sodann an der idhq ävcD xai xäzo) auf- und 
niederzusteigen, auf den Stufenleitern der Entwicklung (in der Geschichte 
des Menschengeschlechts). 

Neben den zoologischen Begriffen der Spezies (in Erweiterung der 
Art zur Gattung) und Varietät (nach anatomischen Kennzeichen), kommt 
bei denjenigen Tier-Erscheinungen, die in eine lebendige Umwandlung 
gezogen sind (durch diffef-enziert gestaltete Auswirkung physiologischer 
Funktionen), aus Beziehung zum Menschenreich, der Ausdruck »Rassec 
zur Verwendung, auch ethno-anthropologisch (in der Völkerkunde). 

Es entspricht das der, dem Menschen — nach der Ansprache des 
»Schöpfersc (in Pico della Mirandola's Worten) — zukömmlich eingefügten, 
Eigentümlichkeit als »eigner freier Bildnerc (der Übersetzung gemäss), in 
der Mitte hingestellt zwischen »Tiere und »Engel« (»Du allein hast eine Ent- 
wicklung, im Wachsen nach freiem Willen, du hast die Keime eines all- 
artigen Lebens in Dir«). 

Den Ausgang der Betrachtung hätten die (je nach den »Fundorten«) 
mehrweniger bodenständigen Rassen zu bilden, als »natürliche« (s. Na- 
thusius), in soweitig geographischer Begrenzung zunächst entgegentretend, 
mit Ausverlauf, an äusserster Peripherie, in (»rassenlose«) Verwilderung, 
unter den Zeichen der Verkümmerung »mehr Seniles, als Fötales« 
(s. Virchow) zeigend, in »Kümmerformen«, (hypothetische Fingierung einer 
wilden »Urrasse« leichtlich vortäuschend). 

Wenn als Paradigma der australische Kontinent genommen wird, zeigt 
sich geographbch einheitliches Gepräge zersplittert in lokale Schläge, die, 
obwohl an begünstigten Lokalitäten (wie am Murray) zu höheren Stufen 
ansteigend, doch auch darin dann wieder in stabiler Stagnation ver- 
bleiben, während bei Zuwanderung mehr fremdartig fernerer Elemente, 
unter Einführung und Pflege durch »la s^lection raisonn^e«, — (wie bei 
Einführung arabischen Blutes etwa in das englische Vollblutpferd, 
chinesischen oder tonkinesischen in Sus Scrofa macrotis barcheriensis etc.) — 
weitere Entwicklung einsetzt, ähnlich (vergleichsweise) dem Auftreten 
der tabuierten Adelsklassen unter den Kanaka, (der Byamha am Irawaddi, 
bogenkämpfender Xatrya u. s. w.), und hier beginnt nun (für den 
späteren Sieg der Individualität über die Basse) der Einfluss der »In- 



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— 10 — 

zacht« (aas Vererbung) unter individuellen Umgrenzungen kastenartiger 
Klassen und genealogisch verzweigender Stamme (mit Ständegliederungen 
u. dgK m.), für die Ansätze zu hoherstrebenden Vervollkommnungen, aber 
auch mit drohendem Rückschlag bei »Überbildungenc, wenn nicht durch 
rationelle Auswahl überwacht, bei der »Domesticationc (in den Haustier- 
Rassen), an deren Stelle somit (Darwins) »natural selectionc (»the preser- 
vation of favourable variations and the rejection of injurious variationsc) 
zu treten hätte (in geschichtlichem Walten). 

Am kompliziertesten würde hier das Problem in sog. arischer Rasse 
gestellt sein, für deren Auseinanderlegnng (um in ein Verständnis des 
Wachstumsprozesses einzudringen) jetzt rührig fortgearbeitet wird, auf 
allen Forschungsfeldem der Anthropologie (kraniologisch, paläontologisch, 
linguistisoh, prähistorisch; und kulturhistorisch überhaupt). Und also »rüstig 
weitergearbeitetc (wie in bestberufener Stimme des Generalsekretanatee 
ausgesprochen ist). Vor allem bedarf es der Vertiefung in minutiöses 
Detail eines stets »wiederholten Vergleichensc (in der Mahnung dessen, 
der im letzt verflossenen Vierteljahrhundert so manch' neues Forschungs- 
thor geöfihet hat), um zuverlässige Daten anzusammeln, im thatsäch- 
liehen Material zur Fundamentiernng des Unterbaues, auf welchem sicher 
und fest geschlossene Systeme aufsteigen mögen, wenn theoretisch abge- 
leitete Deduktionen zu gegenseitiger Eontrolle gelangen mit dem, was 
induktiv bewiesen steht. 

Durch detaillierende Forschungsarbeit, unter Verschärfung des Ein- 
blicks in die umgebenden Fragestellungen, differenziert sich die Gedanken- 
thätigkeit, sodass üppig vollgefüllter, im Hervorblühen», die mit geistiger 
Nahrung gefüllten Kelche sich entfalten, ausgebreitet im Blumenkranz 
schöpferisch neuer Mannigfaltigkeiten, innerhalb der, den unbehindert 
freien Ausblick, umschwebenden Horizontfassung des Einheitsbegriffes. 

Mit abstrakter Kontemplation verflacht sich die Fernschau in Ver- 
ödungen leerer Spekulation (wenn es braut, und graulich graut, in grauer 
Himsubstanz), mit mystischer wird die Einschau verengt (im pietistischen 
Herzkrampf), sodass die (im Gewinsel schluchzender Stossseufzer) mit 
»Heulen und Zähneklappemc dröhnenden, Obren (betäubt erschlaffend) die 
aus bittrer Pein hervorgerungenen Seufzer derer überhören, denen ge- 
holfen sein möchte (aus materieller Not). »En deux mots, on peut dire 
ceci contre les devots: La vie est si courte, Tetemite si longue. Pour 
quoi prendre sur la partie trop courte, en faveur de la partie trop longue? 
Ne vaudroit-il mieux faire le contraire, si cela se pouvoitPc (s. d^Argenson). 
Nach allen Bichtungen hin suchen die »Gottessucherc nach Substituten 
für die einst bewährten Stützen der Kultur, die modrig zusammenzubröckelii 
beginnen (trotz ethisch wohlgemeinter Flickversuche). Die Philosophie, 



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- 11 - 

im Bombast pomphafter Kaiistsprache, ist zum Einderspott geworden 
in des Spötters Munde, die Religion, wenn in gnostische Vertakelungen 
eingeknäuelt, mit kühner Entschlossenheit den gordischen Knoten durch- 
hauend, sieht sich entnfichtert zum Agnosticismus, und so verbleibt unbe- 
friedigend, was das »naturwissenschaftliche Zeitalterc bringt, solange 
ihm seine beste Hälfte noch fehlt: solange nämlich, zur Vermählung 
mit dem Materialismus, die Psychologie in ihr naturwissenschaftliches 
Gewand noch nicht eingekleidet ist (aus dem ethnisch beschafften Material). 

Nachdem dies geschehen sein sollte, wird, im Hinblick auf praktische 
Resultate, zunächst ihre Mitarbeit an den Heilsbestrebungen sozialistischer 
Schäden erwartet werden dürfen. 

Der Stärkere bezwingt den Schwächeren, im »struggle for existencec 
(seit des Gottes Fee vorweltlichem Walten, in samoanischer Kosmogonie) 
nach dem in der Natur begründeten Stärkeren -Recht, das überall und 
immer zur Geltung gelangt, brutal und roh in Zuständen roh materieller 
Brutalität, idealistisch veredelt in der (mit Regung höherer Bedurfhisse) 
in ihren Sehnungen (und Segnungen) verklärten (ge- und erklärten) 
Idealität (geistigen Aufschwungs). 

Auch der, durch die sozialistisch hervorschwirrenden Schlagworte 
bethörte, Haufe liegt hilflos in den Sklavenfesseln derer, die, weil als 
pfiffige Köpfe früher aufgestanden, jetzt an der Spitze stehen und das grosse 
Wort fahren, — sei es in ünbewusstheit derer, die »nicht wissen, was 
sie thunc (als »betrogene Betrüger«), sei es in der Schandbarkeit des 
Trugs und Betrugs (pur sang). 

Hier nun hätten den unteren Schichtungen der Gesellschaft die oberen 
zu helfen. Aber da, wo es sich wandelt auf den sonnigen Höhen ästhe- 
tischer Feinfühligkeit, blickt man nicht gern hinab in tief dunkelnden 
Schlund da drunten (wo es unheimlich brodelt und gärt im wüsten Ge- 
wühl), oder doch mittelst der Kulturbrille nur, aus deren optisch entworfenen 
Bildern dann schönrednerische Lehren gedrechselt werden, deren (ethisch 
vielleicht achtungwertest moralischen) Wert das ungeschult arme Ohr 
nicht zu schätzen weiss, weil nichts davon verstehend, (oder sie missver- 
stehend gar, als verletzende Beleidigungen). 

Erst wenn dem Gebildeten, im Bildungsgange seines pädagogisch vor- 
gesehenen Erziehnngskurses, die Gelegenheit geboten sein wird, sich mit 
dem ethnischen Gedankengang (nach den, die psychischen Wachstums- 
vorgänge markierenden, Eigentümlichkeiten desselben) eingehender vertraut 
zu machen, erst dann wird dadurch die Möglichkeit gewährt sein, auf seine 
ungebildeten Staatsbrüder bildungskräftig einzuwirken, und dann werden 
sie, unter des Stärkeren Recht, durch die zu seiner Ausübung legitim Be- 
rufenen, am Gängelbande zu leiten sein, bis herangezogen zu der EHhig- 



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— 12 — 

keit selbständigen Fortschrittes, im Takt and Eontakt mit den übrigen 
Bannerträgem, je nach den Sonderinteressen des Gemeinwesens, im ein- 
heitlichen Marsche (auf der Bahn der Zivilisation, voran). 

Der Wildstamm rüttelt kaum an den Ketten, worin er von Jugend 
auf hineingewachsen ist, nnter dem Banne seiner Schamanen und Wongtchä 
(oder sonstigen »Medizinmänner« vieler), welche als »kluge Leute« (fiol- 
kunnigrund wlzagdn) den heimischen Gedankengang am besten verstehend, 
denselben auszunutzen wissen, nach bestem Wissen und (oft auch 
schlechtestem) Wollen, im Geschäftssinne, für den Gewinn zeitlichen oder 
ewigen Lohnes (je nach nervöser Veranlagung). 

Da nun in den Unterschieb tungen der grossen Massen (innerhalb 
jedes zivilisatorischen Staatsgebändes), auf einem mit dem Durchschnitt 
der Wildstämme gleichartigem Niveau, identische Elementargedanken 
wühlen, wird das, beim Studium dieser (nach den in vielfachen Variationen 
gebotenen) Vergleichungen, erleichterte Verständnis, zu Gunsten der im 
eigenen Hause erziehungsbedürftigen Menge verwandt werden können 
(ehe die Sorgen um eine »Erziehung des Menschengeschlechts« zu kommen 
brauchten). 

»Ehrlich währt am längsten«, und sofern best-ehrliche Absichten 
leiten, wird Bestes bald und leicht geschaffen sein, im Fortgang ethnischer 
Klärung, — unter Voraussetzung freilich einer gediegen gründlichen 
Kenntnis der thatsächlich vorliegenden Beweisstücke (im fachkundig 
richtigen Verständnis); denn sonst rechnet es sich falsch, im logischen 
Rechnen (und dann stünde es schlimmer noch, als bevor). 

Wie in jeder Entwicklung, liegt in kultureller Glied auf Glied einge- 
gliedert miteinander, in organischer Verkettung. Wenn die allmählich 
herangereiften Stadien zum Aufbrechen im Blütezustand drängen, stehen (in 
mächtig ergreifender Geschichtsbew^ung) neue Ausblicke eröffnet, durch- 
glüht in den abdunkelnden Volksmassen mit jenem (leicht zu fanatischen 
Exzessen fortreissenden) Enthusiasmus religiöser Färbung, deren Wider- 
schein bei den auf erhabeneren Terrassen Einbehausten nachblinkt 
in philosophischen Flugversuchen, die dann freilich, wenn in i^etaphy- 
sische Leere hinausgejagt, bald zum Sturze bringen, solange nicht bereits 
auf naturwissenschaftliche Stützen gestetigt (durch vorangegangene In- 
duktionsarbeit). 

Soweit (»in abstracto«) die »Okkupation« einer »res nullius« erlaubt 
sein sollte (beim Hinausschieben der »Heiden« aus dem Gunstbereich 
des Völkerechts), würde die Pflanzung einer Kolonie (nach dem Wortsinne 
schon) Kolonisten voraussetzen, die in der römischen »Respublica« (militäri- 
schen Sinnes) hinausgesandt wurden, um durch »propugnacula imperii« die 
Grenzen zu festigen, wogegen, wenn die Gründer auf Abenteuerzügen oder in 



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— 13 — 

sektiererischer Begeisterung fortgetrieben sind — puritanistische »Pilgrimsc 
nach New-England (nicht so sehr, weil verfolgt, sondern nm gegen Anders- 
gläubige Verfolgungen zu üben), die Quäker nach Pensylvanien, im Heimat- 
land bedruckte Katholiken nach Maryland, (zu Seiten des von der High-Glurch 
besiedelten Virginien u. s. w.) — , die natürlichen Grenzen unbestimmt ver- 
schoben sein werden, bei Ausnutzung der vorher, weil als »de non provechoc 
(durch die auf Sättigung ihres Golddurstes allein bedachten Conqnistadores) 
erachtet, unbenutzt gelassenen Gegenden nicht nur, sondern daneben 
auch durch Anlegung von »tropical farmsc vielleicht, deren Bewahrung 
man jedoch mit »last-posts« zu belasten hätte, sofern die Handelsbilanz sich 
als eine ungünstige erweist, und nicht zugleich eine, nach kolonialer Ab- 
schätzungsweise kostbare, »Perle» gefunden wäre, das Defizit dessen zu 
decken, was des »Prestige« wegen die Besetzung erzwang (in Insulinde). 
Mit dem internationalen Verkehr kommen hier jedoch noch andere 
Gesichtspunkte zur Geltung, und dass die kolonial-politische Richtung, 
obwohl über die Vorstadien klimakterischer (und klimatischer) Entwicklungs- 
krankheit noch nicht hinausgelangt, doch in bedeutsamer Weise der 
Zeitaufgabe einer ethnisch -naturwissenschaftlichen Psychologie zu gute 
gekommen ist, kann jedenfalls behauptet werden (und in den musealen 
Sammlungen durch den Augenschein bewiesen). Auch der schlechteste 
Wind weht gut, dem einen oder dem andern, und stets so für die 
»Saat in Gott gesäet, dem Tag der Garben zu reifen» (im kulturgeschicht- 
lichen Entwicklungsgange des Menschengeschlechts). 

Indem die ethnologischen Museen in der Mitte stehen zwischen natur- 
wissenschaftlichen nnd artistischen (zwischen ipürn^ und t^/i^), wären sie 
ebenfalls zunächst nach naturwissenschaftlicher Exhanstionsmethode zu 
fSrdern (mutatis mutandis), betreffs des Menschen als Naturobjekt, neben 
Steinen, Pflanzen, Tieren etc. Wenn Middendorf auf dem Gebiete seiner 
Forschungsreise die Mäuse besser bekannt fand, als die Menschen, ist 
dies erklärlich genug, aus dem naturhistorisch verfolgbaren Geschichts- 
gang, hätte aber (wie schon zu Herders Zeit) überraschend zu treffen, bei 
Rücksichtnahme auf den Satz: »The proper study of mankind is man« 
(in Vielfachheit polyglottischer Versionen). 

Um die Reste untergegangener Tiergeschlechter zu beschaffen, um 
das im sibirischen Eise erfrorene Mammut wissenschaftlich festzunageln, 
werden dankenswerte Kosten aufgewendet, unter der Leitung fachgemäss 
geschulter Gelehrten, aber die, unter dem Sonnenbrand des internationalen 
Verkehrs, rings um uns her, verwelkenden Geistesblüten auf ethnisch- 
psychischer Sphäre (mit widerstandslos dahinsinkenden Eryptogamen des 
Menschengeschlechts) einzusammeln, regt sich keine Hand, obwohl es sich 
auch hier nm ein organisch heraufwachsendes Naturprodukt (endemischer 



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— 14 — 

Art) handelt, in den Regionen des »third kingdomc (b. Dinmmond) oder 
einem »R^gne humainc (s. Quatrefages), für die »Hnmanitasc (in echter 
Humanität). 

Was die dortigen Lustgarten schmückt, in gefüllten Kulturblumen 
(aus historischen Äugelungen), wird eifrig nachgesucht, aber obwohl 
solch^ liebliche und liebenswerte (jebilde zur Verschönerung des Lebens 
dienen mögen, wird zugleich doch auch, um sie vor pathologischen Stö- 
rangen zu wahren (oder bei denselben zu heilen), das Studium der physio- 
logischen Entwicklung verlangt sein, mit Rückgang auf primäre Anfänge 
im Zellwachstum (seitdem sich die Botanik mit ihrem szientifischen 
Charakter bekleidet hat). 

Für »eine der naturwissenschaftlichen analoge Methode in Betrach- 
tung der Kunstwerke« (1873), rückt jetzt der Zeitpunkt heran, bei In- 
angriffnahme der »Anfange« (»der Kunst«), und indem die »eifrige Pflege 
der Kunstbestrebungen zu den wichtigsten Kulturaufgaben des Staates« 
(s. Springer) zu zahlen ist, werden die auf Menschen- und Völkerkunde 
gerichteten Bestrebungen den für sie benötigten Aufwand um so voller 
rechtfertigen, weil die zu störungsloser Leitung des internationalen Ver- 
kehrs gelieferten Hilfsmittel zweckdienlich zur Verwendung gelangen 
werden, um bei den für Zerstörungswerkzeuge notgedrangen auferzwun- 
genen Kosten Ersparnisse herbeizuführen; zumal nachdem Vorkehrungen 
getroffen sein werden, die im Laufe der Neu-Entdeckungen gemehHen 
Sammlungen ethnischer Lehrstücke für die dadurch ausnutzbaren Lehr- 
zwecke zu verwerten. 

Das Festhalten an topographischer Aufstellungsweise empfiehlt sich 
aus solcher Vielfachheit praktischer Gründe (in den ethnologischen oder 
ethnographischen Museen), dass dadurch bereits, zu ihren Gunsten, die 
altverschleppte Kontroverse entschieden sein würde, wenn sie ohnedem 
sich nicht in gegenseitigem Zageständniss schlichtete, da der kulturhistori- 
schen ihre Anerkennung zu bewahren bleibt, als anzustrebendes Endziel, 
freilich ein in noch weiter Ferne liegendes (bei jetzig erstem Beginn). 

Ausserdem bietet sich dadurch eine schlagendste Illustration für die 
Wirkungsweise der geographischen Provinzen auf der psychischen Sphäre 
der Gesellschaftsgedanken (in den historisch-geographischen Wandlangen 
des Völkergedankens), und da, was der Augenschein lehrt, durch zwingende 
Überzeugungskraft jeden zweifelnden Einwurf besiegt, entscheidet hier ein 
erster Augenblick, beim Auf- und Anblick, wenn der mit gesunden 
Augen Begabte den Blick auf diejenigen Schränke der Museen richtet, bei 
deren Anordnung (soweit unter mechanischen Hindernissen ausführbar) 
die Vergleichspunkte offenkundigst hervortreten. Es Hessen sich da- 
für z. B., im hiesigen Museum, im Saal VII Schränke 124—129 auf der 



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— 15 — 

einen und Schranke 139 — 143 auf der anderen Seite zur Probe Yor- 
scblagen. 

Aach bei Einrichtung anthropologischer Museen dürfte Ähnliches zur 
Berücksichtigung zu kommen haben, im Anschluss an die Rassen- 
physiologie (cf. »Zur Lehre von den geographischen Provinzen c, S. 155 u. flg.) 

Der Natur der Sache nach, bleibt die Anordnung in den Museen 
zanächst ohnedem von dem vorhandenen Material abhängig, was allmäh- 
lich (unter mehr weniger zufälligerweise gebotenen Gelegenheiten) anzukaufen 
oder beschaffbar gewesen. Oftmals finden sich weiteste Territorien durch 
ein paar vereinzelte Stücke nur repräsentiert, welche dann irgendwo 
unterzubringen sind, in nicht allzu widerstrebender Nachbarschaft, während, 
wenn Eröffnung geeigneter Schleusen möglich geworden, die Materialien- 
sammlungen rasch zu strömen beginnen, aus dort fliessenden Quellen, und 
dann oft, für sich allein, lange Schrankreihen füllen, um in den Zer- 
teilungen alP ihrer Details demonstriert werden zu können. 

Um mit vollgenügend nutzbaren Sammlungen ausgestattet zu sein, 
dürfen die ethnologischen Museen nicht länger, wie bisher, auf zufallig 
gegebene Gelegenheiten sporadischer Erwerbungen allein angewiesen sein. 
Sie haben ihre eigenen Reisenden^) auszusenden, mit entsprechenden 

') Unter den Reisenden stehen im ersten Range diejenigen, welche die Methode 
naturhistorischer Sammlungen in die ethnologischen fibertragen und zur Verwendung 
gebracht haben. Indem die ethnologischen Museen hinüberzuleiten haben aus den 
ostnrwissenschaftlichen auf die kunsthistorischen (soweit für die Kunstwissenschaft eine 
induktiv gefesftigte Basis sich breitet), haben sie von jenen ihren Ausgangspunkt zu 
nehmen, so lange es sich in frühster Vorbedingung noch um tiiatsächlich gesicherte 
Konstatienmg der Sammlungen zu handeln hat, nach topographischer Anordnung. 

Wie Zoologie und Botanik, wird die Geologie für die Ethnologie in Erinnerung verbleiben, 
dorek das, was Koryphäen dieser Fachdisziplinen zu ihren Gunsten geleistet haben ; und 
in langer Reihe liessen sich verdienstvolle Namen aufzählen aus dem durch die Mediziner 
gelieferten Kontingent (mit anschliessender Förderung anthropologischer Studien). 

Unter den Entdeckungsreisen steht vereinzelt die Karls von den Steinen, welche 
unsere psychologische Methode, gerade als sie zum Abschluss gekommen vrar, sogleich 
einem «Ezperimentum crueis** hat unterwerfen können, unter geeignetst daffir gebotenen 
Bedingungen, und mit gfinstigster Entscheidung für die neue Ära, welche dadurch 
eröffnet worden ist: mit weitester Tragweite in Amerika besonders, bei dem Reflex 
der lebend noch angetroffenen Wildstämme in den archäologischen Sammlungen 
Mtergegangener Kulturen. Die Epoche der in Afrika geographisch entscheidungsvollen 
Entdeckungen ist ffir die damals ihres Bürgerrechtes noch entbehrende Ethnologie 
meist resnltatlos verlaufen. Von Livingstone, Barth, Burton, Speke, Grant, Baker 
and sonst gefeierten Namen spricht selten ein Stück in den ethnologischen 
Museal, und desto bedeutungsvoller treten deshalb diejenigen Sammlungen hervor, welche 
berdts aus ersten Pionierzügen heimgebracht wurden, durch soldatisches PflichtgefÜh 
dtfjeaigen Reisenden, welche aus dem Gffizierkorps in die Dienste der Afrikanischen 
Gesellschaft übergetreten waren, nämlich durch Wissmann und seine Begleiter, Kundt, 
Tappenbeck, Wolf n. A. m. Neben solch praktisch bewährten Ergebnissen de» 
kategorischen Imperativs (mit dessen Geboten streng ernstlichst sich abzufinden in alF 
den soziologisch herantretenden Anforderungen, eines jedens Gewissen anheimgestellt 



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— 16 — 

Instruktionen versehen, für methodische Durchforschung des zugewiesenen 
Arbeitsfeldes, und sie bedürfen deshalb eines Reisefonds, der dem Etat um 
so mehr zu gute kommen wird, weil dann billig und gut erworben werden 
kann, an Stelle dessen, was, obwohl (wenn auch nicht gradezu schlechter 
Qualität, dennoch) als ungenügend (wenigstens nicht voUgenügend) lücken- 
haft meist sich erweisend, trotzdem manchmal für teuere Preise anzukaufen 
ist (faute de mieux). Was durch methodische Aussendung planmässig 
ausgerüsteter Expeditionen geleistet werden kann, liegt genugsam bereits 
bewiesen yor, in den durch die Thätigkeit des ethnologischen Hilfs-Comites 
dem hiesigen Museum für Völkerkunde gewährten Aushilfen, wodurch 
geschickt erfundene Reisende mit den entsprechenden Instruktionen ver- 
sehen werden konnten, um ihre Angabe befriedigend zu lösen. ^ 

In betreff solchen Reisefonds vornehmlich würden durch gemeinsames 
Zusammengehen der Museen gewichtigste Resultate erzielt werden können. 
Nach gegenwärtiger Sachlage der Ethnologie sind die ihr benötigten Samm- 
lungen entweder überhaupt nicht mehr zu beschaffen (aus solchen Arealen, 



bleibt), läuft nebenher mancher Abentenerzug, der dnreh Untemehmnngslost (oder Gewinn- 
sucht) getrieben, in bisher unbekannte Gebiete fiberstrdfend, ans materiell ungenügenden 
Mitteln in Notstände geriet und so zur Befreiung daraus auf krumme Wege vielleicht ver- 
leitet wurde, die von dem Massstab korrekter Richtigkeit abgleitend, auf dubiöse Nach- 
denklichkeiten weiterleiten wtirden, wenn der, weU in goldigerer Wiege geboren, vor den Fall- 
Btricken ähnlicher Situationen bewahrte Magister morum seine Hände rein genug fühlt, den 
Stein der Jamra zu werfen (gegen Iblis, den Versucher). Wieweit, was hier als soweit etwa 
Einzigstes, aus genauer Kenntnis noch entfallendem Gebiet, Qberbracht wird, als Stthne 
für das, was etwa gefehlt sein sollte, zu betrachten wäre, bliebe „in casum casus" jedes- 
maligen Einzelfialles, wo Privatansichten einspielen, ein «casus conscientiae**, um Kolli- 
sionen zu vermeiden, die von der Kasuistik enthusiastisch angelegter Amateure leichter auf 
die leichte Schulter genommen werden (wie auch Grabstörung, heiligsten Weihesprüchen 
zum Trotz, lobenswert gelten kann, berechtigterweise, um den Wissensdurst zu stillen, 
wenn in tö iv Sdou «m^^c Kerzenlicht flUlt). Immerhin dient es dem allgemeinen Interesse, 
den zur Mehrung wissenschaftlicher Kenntnisse vorgeschriebenen Anweisungen zu folgen 
und, was als belehrungsreiche Reliquie gerettet ist, zweckdienlicher Ausnutzung zu bewahren, 
in den dafür bestimmten Instituten, wo es „non ölet**, wie der auf das Wohl seines staat- 
lichen Gemeinwesens bedachte Kaiser meinte. Unter solchen mitunter unliebsamst misslichen 
Transactionen oder auch (und dann desto schmerzlicher noch) bei, ceteroqui, legitimer ge- 
führten Verhandlungen, trifft es besonders empfindlich, wenn einem Museum, (wie dem 
unsrigen verschieden tlichst passiert ist), die Früchte umständlich ausgearbeiteter Instruktionen 
entzogen bleiben, indem die auf Grund derselben hergestellten Sammlungen anderswohin 
zugewendet werden. Sofern sie dabei innerhalb des Bereiches der Museen verbleiben, mag 
es allenfalls noch hingehen, wenn sich ohnedem doch nun einmal nichts daran ändern 
lässt, zumal nachdem ein gegenseitig einheitliches Zusammenarbeiten eingeleitet sein 
wird (was auch aus diesem Gesichtspunkte desto dringlicher zur Empfehlung kommt). 
Und da hier die Thätigkeit der Reisenden in Bezug auf die Museen in Erwähnung 
gebracht wird, sei dankbar aller deijenigen gedacht, die sich als Förderer und Wohl- 
thäter der Ethnologie in deren Geschichte dauernd eingeschrieben haben (aus altbewährter 
Gönnerschaft). Die in den Annalen des hiesigen Museums für Völkerkunde verzeichneten 
Namen finden sich (bis zum Jahre 1892) im »FOhrer** Aufig. 5 aufgeführt (S. 58). 



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— 17 — 

iiber welche der Sturm der Verheerung bereits dahingefegt hat) oder sie 
bieten sich in der Möglichkeit jeder beliebigen Zahl an Dubletten, wo 
noch aus Lebendigem geschöpft werden kann (produktiv forttreibend). Für 
aixfaäologifiche Funde allerdings gilt die selbstgegebene Einschränkung, sofern 
es sich bei ihnen um Unica*) handeln könnte, oder um ein systematisch 



>) FerroaneDt begrQirdete Staatsanstalten haben in zuwartender Stellang fern zu 
stellen, wenn anter den Agitationen der auf Konjunkturen spekulierenden «Kunst- 
makler'' der Marktpreis (am Randelsmarkt) in Hante und Baisse umhergetrieben wird 
in seinen Preisschwankungen, unter «unberechenbaren Schwankungen**, bis zn einer Höhe, 
welche ob ««schwindelnd oder schwindelhaft*" zn nennen, das Urteil des Kunsthistorikers 
dahingestellt sein läast (1886). Der Kunstliebhaber, dem sein ^heidenmässig viel Geld"* 
(das, wenn den Heiden in Missionen gespendet, bei Verbindung des Missionars mit den 
Reisenden, aus den Reiseergebnissen den Sammlungen zu gute kommen mag) jeder 
Laune zu frönen erlaubt, mag sich auch einen ^fancy pnce*" erlauben (besser in 
diesem Glfickspiel nobler Passionen, als in manch' anderen), um das begehrte Wert- 
objekt in zugemessener Lebensspanne noch zu gemessen. Die Museen dagegen sind 
langlebige Institute, die den gQnstigen Moment des Ankaufs abwarten können, und so- 
weit nicht der „point d'honnenr*' einer Museumsfrage in Mitberechnung kommt, brauchen sie 
sich in die leidenschaftlichen Aufregungen rivalisierender Konkurrenz untereinander nicht 
hineinziehen zu lassen, da ein, den Unsicherheiten des Privatbesitzes entzogenes, Kunst- 
werk damit dann seinen gesicherten Aufbewahrungsort gefunden hat und also den Studien 
zugänglich bleibt. Dass freilich Fälle eintreten können, wo es zu kaufen heisst „coüte 
qui codte**, wird mit der Vorsorge fDr ethnologische Museen beauftragten Verwaltungen 
dann als Zwangsgebote aufgedrängt sein, wenn es sich etwa um eine Sammlung handelt, 
welche, weil ersteinzige eines neu entdeckten Volkslebens, als alleiniger Repräsentant 
eehttreuer Originalität zu gelten hat, und also, um gegen eine, späterhin (vielleicht) unausfüll- 
bar klaffende, Lticke vollgesichert vorgebeugt zu haben, dort einzusetzen ist (und festzuhalten 
beim Angebot). Darüber kann schliesslich die Praxis allein nur endgültig entscheiden, 
und sachlich begründete Vertrautheit mit air den hin^insprechenden Faktoren (um das Fazit 
richtig in ziehen). Hier mögen Erleichterungen im Austauschverkehr geboten sein. Doch 
bleibt der Begriff der Dublette freilich den Bedingnissen des jedesmal konkreten Falles 
unterstellt und verlangt für seine Definierung behutsame Vorsicht, da sich, zumal bei 
längeren Serien, die Finzelfragen, die im Laufe der Durcharbeitung herantreten mögen, 
nicht im voraus übersehen lassen Wie in solcher Hinsicht, werden sich in der Aula 
eines ,Sprechsaals" (nachdem in einer Museumspublikation das geeignete Organ gefunden 
ist) Besprechungen einleiten lassen über die Verifizierung unsicher bestimmter Stücke. 
£b berührt das einen „wunden Punkt** unseres Forschungszweiges* dem, solange mit den 
Vorarbeiten seines Begründungsstadiums noch beschäftigt, das Selbstvertrauen der, in 
sicher bewährter Abrundung geschlossenen, Fachwissenschaften (und das dadurch ge- 
währte Recht, dogmatisch zu reden) nicht zn frühzeitig kommen darf. Ehe ein unter 
nreifelhaften Angaben eingelaufener Gegenstand den Sammlungen zwischengeffigt wird, 
kann die Neignng gefühlt werder, ihn überhaupt lieber nicht dem Besitzstand ein- 
registriert zu führen. Empfiehlt er sich durch Vorzüglicbkeit technischer Ausführung oder 
Eigenartigkeiten, die nach ihrer Erklärung begierig machen, mag dies als Fragezeichen 
aufgestellt werden, für eine Beantwortung, die sich späterhin bieten könnte, durch 
Smeade, die ihn erkennen, (oder aus Vergleiehung mit den in andern Museen vorhan- 
denen Seitenstücken). Und derartige Fragestücke Hessen sich in einen Frageschrank ver- 
einigen, der dann geneigter Berücksichtigung der Besucher zu empfehlen wäre, für solche 
Auskunft, die gewährt werden könnte. Dies würde erleichtert sein, wenn Abbildungen 
in Zirkulation gesetzt wären (innerhalb des Leserkreises der Museumsschrift). Der- 
M. f. V. 2 



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- 18 — 

in sich zusammenhängendes Sammelbereich, das nicht zerrissen werden 
darf, aber bei dem Gros der ethnologischen Sammlungen werden die 
dem Durchschnittsmass des gewöhnlichen Lebens entnehmbaren Samm- 
lungen, solange dieses überhaupt lebendig fortpulsiert in noch lebens- 
kräftiger Stammeseigeutümlichkeit, daraus dann auch, je nach Bedarf, er- 
langt werden können, sodass jedem der partizipierenden Museen eine 
gleich vollständige Series zugewiesen werden kann, und da die Aus- 
gabe für die Reisekosten nur eine jsinmalige ist, vermindert sie sich also 
dementsprechend, je nach der grösseren Zahl der Teilnehmer daran. Es 
würde für solchen Zweck, und anschliessende Besprechungen, eine Jahres- 
zusammenkunft in Aussicht zu nehmen sein, um den jährlichen Feldzugs- 
plan festzustellen, damit die ethnischen Bezirke auf dem Globus alle nach- 
einander ihre geziemende Repräsentation in den Museen erhalten, um den 
Menschen (der Menschheit) in seinem wahren Charakter vorzuführen, unter 
Gesamtheit der Variationen seiner Erscheinungsweisen auf dem Erdball. 

Wieweit sich dieses dann etwa bis auf geographische Museen fort- 
führen liesse, um die anthropogeographische Provinz innerhalb der Umrisse 
ihrer (geologischen, botanischen, zoologischen) Bedingnisse abzuzeichnen, 
würde weiteren Überlegungen anheimgestellt bleiben und (wie immer) einer 
Opportunitätsfrage zunächst über praktische Ausfübrungsmöglichkeit dessen, 
»quod erat in votis«. Immerhin wird die Hoffnung auf ein günstiges 
Votum bewahrt werden dürfen, wenn nach Vollendung der gegenwärtig 
im Bau begriffenen Museen Deutschlands die Umfrage gestellt werden 
sollte, ob und wie ein einheitliches Zusammenwirken am geeignetsten 
werde vereinbart werden können. 

Sofern koloniale Bedürfnisse in Betracht kommen, würde ein Verlauf 
in Handelsmuseen statt haben« vor allem aber entsprechende Vorkehrung 
einzuleiten sein, dass der im nationalen Interesse bedenklichen Anomalie 
baldigst abgeholfen werde, durch welche schwere Schädigungen bereits sich 
merkbar gemacht haben, wenn hochverautwortliche Stellungen, deren Be- 
setzungen sonst überall (im zivilisatorischen Haushalt) streng rigorose 
Prüfungen vorherzugehen haben, auf gänzlich unvorbereitete Kandidaten 
übertragen und von diesen übernommen werden müssen, da, bei dem 
urplötzlichen Einbruch neuer Anforderungen, die Übergangsstadien aus- 
fielen, um im allmählichen Entwicklungsgang dasjenige ordnungsge- 
mäss herbeizuführen, für dessen Rücksichtnahme früher ernstliche Ver- 
anlassung gefehlt hatte. Der für entsprechende Instruktionen benötigte 
Kursus, um zum zweckdienlichen Verkehr mit exotischen Völkerstämmen 
in deren Gedankengang einzuführen, würde einen nächstliegenden Anschluss 

artig Ähnliches wird mancherlei anschlüssig zur Empfehlung kommen, wie aus der 
Praxis praktisch hervortretend. 



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— 19 — 

an die ethnologischen Sammlungen der Museen manchmal ratsam machen, 
solange andere Aushilfen fehlen. 

Fnr dieselben wird, bei der weit zerteilten Vielseitigkeit der ethno- 
logischen besonders, im deutlichen Interesse derselben, eine Zentralisation 
zur Empfehlung kommen, um von dieser aus, unter allgemein hergestellter 
Übersicht, im ununterbrochenen Kontakt mit den übrigen Instituten zu 
bleiben, wo je nach speziellen Schwerpunkten, in den bei ihnen faktisch 
vorhandenen Sammlungen, das jedesmal Zugehörige am geeignetsten an- 
krystallisiert, sodass die Studienreisen nach methodischem Plan angelegt 
werden könnten, aus vorheriger Orientierung darüber, wo an Ort und Stelle 
das dort Mustergültige anzutreffen und in Benutzung zu ziehen sei. 

Auch dafür wird im litterarischen Verkehr der Museen untereinander 
die geeignete Gelegenheit geboten sein, diejenigen Besprechungen in 
Fluss zu setzen, durch welche das zum gemeinsamen Besten Richtige 
sich selbstgegeben zu ergeben hätte, weil offenkundig, im Interesse der 
Gesamtheit, auch das einer jeden darin einbegriflfenen Einzelheit betreifende, 
sodass ein nutzbares Zusammenwirken ohne Schwierigkeiten herstellbar sein 
dürfte, wenn das bisher erfreuliche Einvernehmen in solcher Hinsicht sich 
bewahrt, — dauernd gestärkt und bestärkt im machtkräftigen Anwachsen 
eines mit entwicklungsschwanger keimfähigem Sprossen anschwellenden 
Forschnugszweiges, (der seine neuen Verheissungen zu entfalten beginnt). 

Ein bei den im Handelswege zugehenden Sammlungen stereotyp 
wiederkehrender Passus verlangt den Ankauf en bloc, da die Sammlungen, 
wie die Redewendung geht, nicht zerrissen werden dürfen, obwohl 
klärlich genug ein Zerreissen nur statthaben kann, wenn vorher ein 
organisches Ganze da war, nicht wenn es sich nur in demjenigen Auge 
spiegelt, womit der Reisende seine Sammlung betrachtet. Für die 
Geschäftspraxis also (wenn man, zu ihrem Gunsten, die Bequemlichkeit 
des Einzelverkaufs den durch Korrespondenzhäufungen benötigten Zeit- 
beanspruchungen aufopfern will) empfiehlt sich eher ein Teil verkauf, da 
die verschiedenen Museen verschiedene (und also verhältnismässig höchste) 
Preise zahlen können (nach ihren Sonderbedürfuissen). So würde hier 
gleichfalls dem Geschäftsverkehr der Museen eine im Kreise derselben 
zirkulierende neue Publikation zu gute kommen (in der als zweckdienlich 
erachtbaren Form). 

Berlin, August 1894. A. B. 



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Ethnologisches Notizblatt 



Herausgegeben 



Ton der 



Direktion des EönigUchen Maseums för Völkerkunde 

in Berlin. 



Heft 2. 



Mit 12 in den Text gedruckten Abbildungen, einer farbigen 
und drei schwarzen Tafeln. 



1895. 

Druck und Verlag von A. Haack. 

Berlin. 



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Inhalt. 



8«h« 

Über zwei alte Canoe-Schnitzwerke aus Neu-Seeland (Tafel I) 1 

Xotizen über Indisches 6 

Der Weltberg Meru nach einem japanischen Bilde 12 

Anzeige neu eingegangener siamesischer Bücher und Handschriften 16 

Altertümer aus Guatemala (Tafel II) 20 

Sammlung chinesischer Volksgötter aus Amoy 27 

Von der jüngsten Durchquerung Afrikas 34 

Anthropologisches Stiftungsfest 41 

Das siamesische Prachtwerk Trai-Phüm 71 

Zur Farben-Tafel 76 

Aus Briefen Herrn Dr. Uhle's (Tafel HI) 80 

Jahresberichte des Ethnologischen Bureaus in Washington 84 

Journal of the Anthropological Institute 90 

Deutsche Gesellschaft fOr Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte .... 91 

Bflcherschau 93 

Risley (the Gazetteer of Sikhim), Pleyte (Bataksche vertellingen), Haddon 
(The decorative art of British New Guinea), Schmeltz (Schnecken und 
Muscheln im Leben der Völker Indonesiens und Oceaniens), Brinton (On 
the words Anahuac and Nahuatl), Brinton (Nagualism), Brinton (The Na- 
tive Calendar of Central America and Mexico), Cyrus Thomas (The Maya 
year), Cyrus Thomas (Are the Maya Hieroglyphs phonetic), Valentini (Ana- 
lysis of the Pictoral Text inscribed on two Palenque Tablets), Parry (The 
Sacred Maya Stone of Mexico and its Symbolism^ Parry (The Sacred Sym- 
bols and Numbers of Aboriginal America in Ancient and Modern Times), 
Brinton (A Primer of Mayan Hieroglyphs), Saville (A Comparative Study 
of the Graven Glyphs of Copan and Quirigua). Rhode (Psyche, Seelenkult 
und Unsterblichkeitsglaube der Griechen), Garbe (Die Samkhya-Philosophie), 
Oldenberg (Die Religion des Veda), Jahrbuch der internationalen Vereini- 
gung für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre (Bem- 
höft und Meyer), Mitteilungen der Gesellschaft f(ir vergleichende Rechts- 
und Staatswissenschaft (Beneke und Eekule von Stradonitz), Geographische 
Zeitschrift (Hettner), Baessler (Südseebilder), Mason (The Origins of Inven- 
tion), Schurz (Das Augenomament), Steinmetz (Ethnologische Forschungen 
zur ersten Entwicklung der Strafe), Bulletin de la Soci6t6 Royale de Geo- 
graphie d'Anvers (Wauvermans), Journal of the Polynesian Society (Welling- 
ton, N. Z.). 
Sammlungen, die von den Eigentümern (für Ankäufe) zur Ansicht gestellt sind, 

(aus Peru, Japan, Ost- und Westafrika, Neu-Guinea etc.) 155 



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Königliches Museum far Völkerkunde. 

EHrektor: A. Bastian. 



Ethnologische Abteilung. 



Prot Dr. A. Grünwedel 
Prof. Dt, W. Grube 
Dr. F. von Lnschan 
Dr. W. Seier 

Dr. F. W. K. Müller 
Dr. Weule 



Direktorial-Assistenten. 



Hilfsarbeiter. 



Dr. Preuss, Volontär. 

Für die Bibliothek: Herr Sinogowitz. 



Für Mitteilungen der Prähistorischen Abteilung dienen die »Nach- 
richten über deutsche Altertumskundec (als Beilage zur »Zeitschrift für 
Ethnologie € ausgegeben). 

Dr. Voss, Direktor. 

Dr. Götze, Direktorial- Assistent. 

Kandidat Brunner, Hilfsarbeiter. 

Dr. Poppelreuter (für die Schliemann-Sammlung). 



Konservator: Herr Krause. 

Die Veröffentlichungen aus dem M. f. V. erscheinen bandweis 
(ä 4 Hefte). 



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über zwei alte Canoe- Schnitz werke 
aus Neu-Seeland. 

(Hierzu Tafel I.) 



Der besonderen Zuvorkommenheit von Sir Walter Buller, dieses 
nm die Naturgeschichte von Neu-Seeland so hoch verdienten Gelehrten 
verdankt das Eonigl. Museum f. Völkerkunde neben vielen und wert- 
vollen Zuwendungen an kleineren Schnitzwerken, Stein Werkzeugen und 
anderen ethnographischen Kostbarkeiten, jetzt auch die Möglichkeit, zwei 
ganz besonders grosse und hervorragende Proben alter Maori-Eunst aus- 
stellen zu können. 

Es sind das Bug und Stern eines Eriegsbootes, von dem Sir Walter 
Buller das Nachstehende mitteilt: 

»This canoe was built on the supposed model of the traditional 
Anxma Canoe, in which the forefathers of the present Maori people came 
to New Zealand, and in early days of the colony it had a great fame 
among the tribes. It was used for the last time in 1857, when the 
Araua people conveyed Sir George Gray as Govemor across the Roto- 
mahana-Lake.€ 

Wir haben also hier die Reste eines jener berQhmten alten Maori- 
Kriegsboote vor uns, welche schon das Staunen und die Bewunderung 
von Cook erregt haben. Dieser hat im März 1770 ein solches gemessen, 
das 68Vi' lang, 6' breit und 3Vi' tief war. »Der Boden war spitzig 
mit geraden Seiten, folglich wie ein Keil gestaltet, und aus drei Stücken 
der Länge nach zusammengesetzt, die bis auf ungeföhr 2 oder iVs Zoll 
dick ausgehöhlt und durch starkes Flechtwerk an einander befestigt 
wareD. Jede Seite bestand aus einem einzigen Brette, das 63' lang, 
10 — 12'' breit und etwa 1" dick war: diese Seiten wände waren sehr 
geschickt auf den Boden gefügt und an denselben befestigt. Eine be- 
trächtliche Anzahl von Querhölzern lief vom oberen Rande einer Seite 
bis zur anderen hin, war an beiden wohl befestigt und diente zur Ver- 
stärkung des Bootes. Das verzierte Vorderteil ragte 5 — 6' über den 
Korper des Kahnes hinaus und war ungefähr 4Va' hoch; am Hinteiieil 

war gleichfalls ein Zierstück befestigt, wie der hintere Pfosten eines 
M. 1 V. 1 



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— 2 - 

Schiffes auf dem Kiel; es war ungefäbr 14' hoch, 2' breit und andert- 
halb Zoll dick. Beide Zierstücke waren in erhabener Arbeit geschnitzt • . . 
Auch waren öfters die Seitenbretter am oberen Rande nach einem selt- 
samen Geschmacke ausgeschnitzt und mit weissen Federbüschen geziert, 
die auf einem schwarzen Grunde angebracht waren. c 

Cook giebt eine grosse Abbildung *) eines solchen Bootes, die vielfach 
reproduziert worden ist und eine ganz gute Vorstellung von dem allge- 
meinen Charakter dieser Boote giebt, aber freilich für die Einzelheiten 
der Schnitzwerke nicht aasreicht. Keines dieser Boote ist ganz auf uns 
gekommen; nur wenige Museen besitzen wenigstens einige geschnitzte 
Zierstücke von Bug und Stern derselben, und einige Sammlungen sind 
auch so glücklich, kleine Nachbildungen solcher Boote zu besitzen, die 
aus sehr früher Zeit stammend, gewöhnlich als »Modellec bezeichnet 
werden, während es wohl richtiger wäre, sie mit dem Totenkult ^) in 
Beziehung zu bringen. Aber dieser kleinen Boote kennen wir weniger, 
als die Finger einer Hand, und auch was von den grossen Schnitzwerken 
alter Maori- Boote in die Museen gelangt ist, gehört zu dem kostbarsten 
Besitze derselben. Die beiden Stücke, die im folgenden beschrieben 
werden sollen und auf Tafel I abgebildet sind, verdienen also ganz be- 
sondere Wertschätzung. 

Eine genauere Datierung der Stücke ist freilich nicht möglich, und es 
ist nicht ausgeschlossen, dass sie erst in den Zeiten Cooks oder vielleicht 
sogar noch etwas später entstanden sind, aber sie sind jedenfalls völlig 
unberührt von jedem europäischen Einflüsse, und haben sogar eine Art von 
archaiischen, man möchte beinahe sagen, hieratischen Charakter, der gut 
zu der von Sir Walter Buller mitgeteilten Überlieferung stimmt, dass 
der Kahn, zu dem sie gehörten, eine Nachbildung des mythischen Arawa- 
Bootes gewesen sei'). 



«) Hawkesworth, III. Bd. Taf. 46. 

*) «Nicht nur Götter und Geister, auch die Seelen der eben Gestorbenen werden 
vom Kahn in das Jenseits getragen. Daher findet man auf Neu -Seeland in manchen 
wahi tapu kleine Kähne mit Segeln und Rudern, damit der Geist sicher in die andere 
Welt gelange (Angas, Savage life in Austr. and N. Zealand II. 71). Wenn auf Bulotu 
der Gott Hikuleu nach den Männern von Tonga verlangt, so sendet der Baum Akaulea 
einen Kahn: der Tod mäht den Erwählten, der unsichtbare Kahn führt in hinüber 
(Lawry, Miss, visit I. 114)." Diese und ähnliche weitere Belege für die Beziehung 
kleiner Kähne zum Totencult siehe S. 110 bei Schirren, Wanderungen der Neu-See- 
länder, Riga 1856. 

•) Für die in der polynesischen Mythologie weniger Bewanderten sei hier bemerkt, 
dass in diesem Arawa-Boote die ersten Ansiedler nach Neu-Seeland gekommen sind. 
„They then felled a tree in Rarotonga, which lies on the other side of Hawaiki, that 
they might build theArawa from it., The tree was felled and thus the canoe was when 
out from it and finished. The name of the men, who built this canoe were Rata, Wahie- 
roa, Ngahue, Parata and some other skilfal men, who helped to hew out the Arawa 



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— 3 — 

Natürlich wird niemand im Ernste glauben, dass der Arawa wirklich 
so ähnlich (und so durchaus neuseeländisch) ausgesehen haben könne, aber 
es ist ebenso einleuchtend, dass die Erbauer des Bootes und besonders die 
Künstler, die unsere beiden Stücke geschnitzt, sich an die ältesten ihnen be- 
kannten Vorbilder und an alte Traditionen gehalten haben, so das ihr 
Werk naturgemäss nicht nur im ganzen altertümlich gerieth, sondern auch 
wirklich im einzelnen echte alte Züge aus jetzt vergessener Vorzeit ent- 
halten kann. 

Die Bugzier, welche auf der Tafel I rechts in zwei übereinander stehen- 
den Figuren abgebildet ist, besteht aus drei Teilen, einem horizontalen, 
einem aufrecht stehenden Querteile und einem weit nach vorne ausladen- 
den Längsstück. Von diesen ruhte der erste, der horizontale, in der 
Ausdehnung von genau 1 m auf dem spitz zulaufenden Bug des Bootes 
auf, mit dem er durch Schnüre, für die noch die Löcher vorhanden sind, 
fest verbunden war; er ist hinten 0,38 m breit, läuft nach vorne ganz 
spitz zu und. endet da in einen rund vortretenden grossen reich täto- 
wierten männlichen Kopf mit Haliotis-Augen. Besonders bemerkenswert 
sind aber die beiden Schmalseiten dieses Teiles. Nach hinten zu tragen 
sie zunächst jederseits je eine menschliche Fratze mit Haliotis-Augen, 
dann aber, in demselben flachen Relief eine Reihe von Zeichen, auf deren 
Deutung ich hier nicht eingehen kann, und deren genauere Beschreibung 
ich mir für eine spätere Mitteilung vorbehalte, die aber, wie schon die 
Abbildung zeigt, eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hieroglyphen der 
Osterinsel nicht verkennen lassen. 

Eingefalzt in diesen horizontalen Teil, und auch untereinander durch 
einen Falz verbunden, sind die beiden vertikalen, das Querteil und das 
ausladende Längsstück. Das erstere besteht aus einem dicken massiven 
Brette von etwa einem halben Meter Höhe, das nur an seinen beiden 
freien Schmalseiten und in der Mitte seiner nach hinten gewandten Fläche 
Bilderschmuck trägt; an dieser, weit und fast in Rundsculptur vortretend, 
eine ganze, menschliche, wie die Tätowierung des Oesichtes zeigt, männ- 
liche Figur mit übergrossem Kopfe und den typischen dreifingrigen Händen. 
Beide freie Schmalseiten des Brettes sind stark ausladend und tragen in 
Rundsculptur jederseits zwei übereinanderstehende fratzenhafte Figuren, von 
denen die obere noch mit Sicherheit als menschenähnlich zu erkennen ist, 
während die untere fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt ist. Auch an 
den Händen der oberen Figuren sind die drei grossen Finger und der nur 
rudimentär angedeutete Daumen bemerkenswert. 



and to fioish it" heisst es Iq der uns von Sir George Grey überlieferten Maori-Legende 
▼on Pontini and Whaiapu. Vrgl. über den Arawa auch A. Bastian, Inselgruppen in Oeeanien 
Berlin 1883. 

1* 



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— 4 — 

Weitaus den reichsten Schmack tragt der dritte Teil der Bogzier, 
das nach vorne ausladende Langsstück; es ist ganz durchbrochen (& jour) 
geschnitzt, enthalt eine auf den ersten Blick fietst verwirrende Menge von 
einzelnen und doppelten sowie von (ungeföhr in der Art des Triqnetroms 
und der Swastika angeordneten) drei- und vier&chen Spiralranken, sowie 
eine Reihe von anderen Darstellungen, die teilweise auf Thier- oder auf 
sehr verzerrte menschliche Figuren zurückzuführen sind, auf denen 
wiederum die dreifingrigen Hände mehrfach auffallen. Das ganze endet 
in einer grossen Fratze, deren Augen ursprünglich wohl auch aus Haliotis- 
Scheiben gebildet waren, gegenwärtig aber, ebenso wie die anderen Augen 
dieses Brettes mit weisser Ölfarbe bemalt sind. 

Das zweite grosse Stück, siehe die beiden Abbildungen links auf der 
Tafel, ist der Sternschmuck, taurapct^ des Bootes; er ist 3,27 m hoch, 
aus einem einzigen Brette & jour geschnitzt und war, wie die vorhandenen 
Löcher zeigen, mit Schnüren an dem Hinterteil des Bootes befestigt. Die 
Rankenornamente des aufsteigenden Astes erinnern an die der Bugzier, 
und sind wie diese zweifellos als fein empfundene Darstellungen yon Wellen 
und Wellenschaum aufzufassen; der kurze horizontale Ast hat auf der Steuer- 
bordseite dieselben an die Bilderschrift von Rapanui gemahnenden Darstel- 
lungen, die wir auf dem horizontalen Teile der Bugverzierung gefunden 
haben. In dem Winkel aber, zwischen dem aufsteigenden und dem horizon- 
talen Ast sitzt, deu Ruderern zugewandt, abermals eine grosse menschliche 
Figur, das ganze Gesicht und auch die Oberschenkel reich tätowiert, natür- 
lich wieder mit der typischen Bildung der Hände, aber mit einem sonder- 
baren Auf Satze auf dem Kopfe, den ich nicht deuten kann, aber am ehesten 
nur als eine ungewöhnliche- Behandlung des Haupthaares auffassen möchte. 

Beide Stücke, Bug- und Sternschmuck sind verhältnismässig sehr gut 
erhalten und nur an wenigen Stellen etwas vermorscht; beide Stücke sind 
gegenwärtig mit derselben braunroten Farbe überzogen, mit der die 
heutigen Maori die alten Schnitzwerke ihrer Urväter zu überpinseln 
pflegen. Die beiden grossen menschlichen Figuren und das menschliche 
Gesicht sind rein weiss bemalt, die Tätowierung tief schwarz; wie 
schon früher bemerkt, sind die anscheinend mehrfach in Verlust 
geratenen Scheiben aus Haliotis für die Augen durch weisse Bemalung 
ersetzt. 

Soviel heute über diese beiden kostbaren Reliquien einer verschwundenen 
Kultur; ich behalte mir vor, noch einmal ausführlicher auf sie zurück- 
zukommen und neben Federzeichnungen einzelner Details auch Grundrisse 
und Durchschnitte zu veröffentlichen ; ich möchte das im Zusammenhange 
mit der genauen Publication eines ganz kleinen aber überaus prächtigen 
und sorgfaltig gearbeiteten neuseeländischen Bootes thun, welches das 



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— 5 — 

Eönigl. Mnsenm schon 1846 von dem Herrn Tischlermeister Levien als 
Geschenk erhalten hat^). 

Hoffentlich gelangen dann auch bald die Canoe- Schnitzereien der 
anderen Sammlungen zar Veröffentlichung, besonders auch die grossartigen 
Schätze der Wiener Sammlung, die erst in den letzten Jahren wieder 
durch den Erwerb der Reischeck'schen Prachtstücke eine wesentliche 
Vermehrung des einschlägigen, meist Hochstetter zu dankenden Bestandes 
erfahren hat Hoffentlich aber gelingt es auch noch in letzter Stunde, 
einen der alten einheimischen Freunde von Sir George Grey zu einer 
authentischen Deutung all dieser Bildwerke zu Teranlassen; denn dass je 
ein pakeha auch bei aller Vertiefung in die Mythologie der Polynesier 
selbständig zu einem völlig befriedigenden Verständnis ihrer Sculpturen 
gelangen wird, ist kaum anzunehmen. 

Zum Schlüsse sei noch darauf hingewiesen, dass die im obigen be- 
schriebenen Bildwerke auch durch eine persönliche Beziehung wertvoll 
sind, da sie von einem Boote stammen, das bei einer festlichen Gelegenheit 
Sir George Grey getragen, diesen in jeder Beziehung ausgezeichnet 
und hervorragend gewesenen General- Gouverneur von Neu-Seeland, Sir 
George Grey, den »Mann, den die Eingebomen, als er vor Jahren in 
schwieriger Zeit die Zügel der Nea-Seeland-Regierung fahrte, zum Range 
ihrer höchsten Häuptlinge erhoben, den sie mit der tiefsten Verehrung 
ihren Vater nannten und dessen Andenken sie in zahlreichen Liedern 
und Sprächen bewahrten; den Mann, der ihre Sprache spricht, wie seine 
Muttersprache, der ihre Anschauungen und Gefühle kennt und der den 
Maoris bewiesen hat, dass er nicht bloss ein gutes Herz besitzt, sondern 
auch einen starken Willen c^. 

Dies war der Mann, an den jetzt unser Herrmann von Wissmann 
erinnert, Sir George Grey, der sich in seiner Polynesian Mythology ein 
80 unvergängliches Denkmal gesetzt hat. Möge sein Beispiel jetzt in 
allen Deutschen Schutzgebieten Nachfolge erwecken. 

Erklärung der Tafel I. 

Links: Sternzier eines alten Maori-Bootes, Vi8 d. n« Gr.; daneben Detail desselben, Vr d. n.Gr. 
Rechts: Zwei Ansichten der Bngzier desselben Bootes, etwa Vi 4 d. n. Gr. 



<) Ein kleiner Holzschnitt desselben nach einer von mir zur Verfügung gestellten 
Photographie befindet sich in der neuen Auflage von Ratzeis Völkerkunde, I. 163. 
(Dass dort anf derselben Seite von «Doppelk&hnen* die Rede ist, in denen die ersten 
Wanderungen nach Nen-Seeland erfolgten, beruht vielleicht auf einer Verwechslung; ich 
kenne wenigstens keinen älteren Beleg fOr Doppelkähne in diesem Zusammenhange.) 

*) Hochstetter, Neu-Seeland, 499. 

V. Luschan. 



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Notizen über Indisches. 



I. Pasten aus Pagan, Oberbirma. 

In der grossen Sammlung birmanischer Altertümer, welche Herr 
Dr. Noetling dem Königlichen Mnseum znm Geschenk gemacht hat, 
finden sich eine Reihe von interessanten alten Pasten mit Darstellnngen 
Gautama Buddhas, von welcheu hier ein paar Skizzen folgen als Vor- 
bericht zur Bearbeitung der ganzen Sammlang, welche in den »Veröfifeut- 
lichungen des Königlichen Mnseumsc erscheinen soll. Es handelt sich 




Fig. 1. Grösse des Originals 16 : 12 cm. 

um zwei Typen von Buddhadarstellungen, welche unter Fig. 2 und Fig. 3 
abgebildet sind und welche deutlich iubezug stehen zu einer von H. Rivet- 
Carnac in Buddhagayä in Indien gefundenen unter Fig. 1. Die Mittel- 
figur ist jedesmal Gautama in sehr reinen guten Formen vor einem 
Tempel — dem Gayä-Tempel — in Fig. 2 freilich nur zu einem Aureol 
abgekOrzt, um die Figur herum stehen in Fig. 1 und 2 kleine Stapas, 



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— 7 — 

während auf Fig. 3 rechts nnd links das Masterpaar (Moggaläna und 
Säriputta, wie man sie wohl mit Sicherheit benennen kann), in betender 
Stellang knieen. Hinter dem Tempel sieht man den Bodhibaum zu Gaya 
darch ein paar Zweige angedeutet. Auf der Rückseite der Pasten vom 
Typus Fig. 3 findet sich in Charakteren, welche eher Laotisch als Barma- 
nisch sind, die Inschrift »namo Buddhäya« roh eingekratzt. Unter der 




Fig. 2. Grösse des Originals 12 : 97« cm. 

Lotusblame von Fig. 1 und 2 (auf der Vorderseite) waren Inschriften, 
welche jetzt völlig zerstört sind. Vermutlich war es die bekannte 
Formel: ye dharmä etc. 

Von Interesse ist nun, dass die Pasten selbst die Form eines Feigen- 
blattes haben und so den als Andenken oder Reliquien aufbewahrten 
Original blättern nachgebildet sind. 

Ltibezug auf das im »Handbach 4: buddhistische Künste Ausgeführte 
ist darauf hinzuweisen, dass wir auch hier wieder die rituelle Weiter- 
bildung der indischen Idee in Tibet vorfinden; nämlich in dem heiligen 
Baum im Kloster Kum-bum zu Am-do, welcher das Bild des Tson-k'a-pa 



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— 8 — 

oder wenigstens (tibetische) Inschriften auf seinen Blättern zeigt. Vgl. 
Hnc und Gäbet, Souvenirs d^un voyage dans la Tartarie, le Thibet et la 
Chine, Paris 1850; 2, 113. Eine spielerische Weiterbildung derselben 




} ^?,^g^36^'ffl<i 



Fig. 3. Grösse des Origioals 9 : 7 cm. 



Auf der 
Rückseite. 



Idee liegt vor in der chinesischen Malerei, welche Fig. 4 darstellt. Diese 
ist einem grossen Bande entnommen, welcher auf gepressten Blättern in 
sehr feiner Ausführung gemalte Darstellungen buddhistischer Religiösen 
(Arhant's) enthält. 

Über die Frage, wie diese Gayä-Pasten nach Birma gekommen sind, 
hat A. Cunningham die Annahme geäussert, in Gayä hätte eine Manu- 
faktur solcher Pasten existiert, welche die Pilger mit derartigen Andenken 



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— 9 — 

yersah. Die Pilger hätten sie dann nach ihrer Heimat mitgebracht und 
dortigen Heiligtümern übergeben. Vgl. alle einschlägigen Notizen jetzt 
bei R. G. Temple, Notes on Antiquities in Ramannadesa (ihe Talaing 
conntry of Burma) Bombai 1894, Separatabdruck aus Ind. Antiquary, 
S. 34 und die Abbildung auf Tafel XV Fig. 2. 




Fig. 4. 



2. Parnaka; Kapardin. 

In der Väjasaneyi-Samhitä wird in der Liste der Opfermenschen 
unter denen, die an die achte Säule zu binden sind, ein Parnaka er- 
wähnt, welcher »den Tonenc (svanebhyah) geopfert werden soll; vgl. 
Albrecht Weber, Über Menschenopfer bei den Indern in der vedischen 
Zeit, Indische Streifen 1, 81. Weber übersetzt dort das Wort parnaka 
mit »einen federgeschmückten Wilden«, eine Übersetzung, welche auch 
in H. Zimmers Buch: Altindisches Leben übergegangen ist, S. 119, 426. 
Pedergeschmückte Wilde giebt es im heutigen Indien nur in Asäm. Auf 
die reich mit Federn ausgeputzten Naga^s die Stelle zu beziehen, ist 
ganz unmöglich. 



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— 10 — 

Das Petersburger Wörterbuch giebt s. v. parnaka nach Mahtdhara 
die Erklärung bhilla d. h. ein Bhil. Dass diese Angabe die richtige sein 
dürfte, ergiebt sich aus folgender Thatsache. Unter den Miniaturen der 
mohammadanischen Periode ist ein sehr beliebtes Motiv eine nächtliche 
Gazellenjagd, ausgeführt durch nackte Wilde, welche Blätterschürzen 
tragen. In den Darstellungen — drei solche Miniaturen sind im Museum 
vorhanden — geht eine Frau voran mit einem Glöckchen und einer 
Fackel, ein Mann mit Bambusbogen folgt ihr, seinen Pfeil auf die über- 
raschten Thiere anlegend; ein zweiter Mann trägt ein getötetes Thier. 
Für alle diese Bilder liegt die Angabe Bhil vor. Parnaka dürfte also 
einen Mann mit Blätterschürze bedeuten. Dass die Blätterschürzen eine 
sehr häufige und einstens wohl die allgemeine Bekleidung der »wilden 
Stämme« in Indien gewesen sind, ist ja bekannt genug; es genügt an die 
Pätüa's Tschhotä Nägpur's, und an die Koragaru Südindiens zu erinnern. 
Ob die Art der Jagd — mit einem Glöckchen — mit der Angabe 
svanebhyah in Zusammenhang gebracht werden darf, wage ich nicht zu 
entscheiden. Die Erklärung Säyana's zu der Stelle (bei Weber 1. c. in 
der Note 11) parnakani savisham parnam jalasyopari sthäpäyitvä matsja- 
grähinam hat wenigstens die korrekte Erklärung von parna als Blatt. 
Säyana's Note aber scheint mir im Übrigen zur Erklärung nichts we- 
sentliches beizutragen. Dass man in Indien durch giftige Blätter, welche 
ins Wasser geworfen werden, Fische tötet, ist eine bekannte Thatsache: 
man benutzt dazu die Blätter von Randia dumetorum, Crotou tiglium etc. 

Kapardin. Unter den Eigenschaften, welche im Rigveda dem Gotte 
Rudra und dem Gotte Püshan — auch den Vasishtha's gegeben werden, 
erscheint das Wort kapardin, welches Wort in der Regel übersetzt wird: 
»dessen Haar in Form einer Muschel aufgewunden ist«. Vgl. Grassmann, 
Rigveda-Wörterbuch und das Petersburger Wörterbuch s. v. s. v. 

Nach dem letzteren wird kaparda durch »Cypraea moneta« genauer 
bestimmt. Es handelt sich also um die Cowrie-Muschel, deren Name 
kaurl aus dem Maräthi stammt und eine regelmässige Ableitung aus dem 
Sanskritworte zulässt. Es ist nun sehr schwer sich vorzustellen, wie eine 
Haartracht aussehen soll, die die Form einer so kleinen Muschel wieder- 
geben könnte. Ganz gewöhnlich aber ist es im heutigen Indien, Haar- 
flechten, Strähne von Schnüren, die auf dem Kopfe getragen werden, mit 
Eanri^s zu besetzen; vergl. die entsprechenden Schmuckstücke einer Ban- 
jära-Frau im Museum. Es liegt also der Gedanke nahe, kapardin zu er- 
klären als »mit kauri's geschmückt« und kaparda als »kauri« und »Haar- 
zopf, der mit kauri^s besetzt ist«. Dass zum tierischen Schmuck in Indien 
neben Hömeraufsätzen etc. Schnüre mit Muschel- und Perlschmuck ge- 
hören, zeigt jede Sammlung; so würde sich auch zwanglos erklären, 



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— 11 — 

warum im Rigveda der Stier ebenfalls kapardin »kauri- besetzte Strähne 
tragend« heisst. »cätushkaparda« bedeutet dann: »vier kauri- besetzte 
Strähne (Zöpfe) tragend«, »dakshinataskaparda« : »solche Zöpfe nach der 
rechten Seite tragend. 

3. Padmasambhava- Legenden in Lepcha- Sprache. 

In General Mainwairings Grammar of the Bong (Lepcha) Language, 
Calcutta 1876 wird inbezug auf die Religion des interessanten Bergvolkes 
der Lepcha gesagt, die Tibeter, welche vor etwa dreihundert Jahren in 
Sikim eindrangen, hätten die alten Bücher des Volkes gesammdt und 
zerstört: they trauslated into Lepcha parts of their own mythological 
works under the name of Tashi-sung: History of Tashi, thus giving the 
pure and unsuUied name of Tashi which single and invisible God the 
Lepchas had hitherto worshipped with all the simplicity and purity of 
children to a foul and fabulous incarnation, whose pretended life they 
published and this with the indoctrination of a host of other deities they 
preached to the Lepchas as gospel. Die richtige Form des Namens giebt 
Rev. Graham Saudberg, Grammar of the Sikim Bhutia 1. als »bKra-§is 
suri«; er nennt es die Lepcha-Übersetzuug eines Bhutiya- Werkes. Nach 
langen Bemühungen, um dies Werk zu erhalten, gelang es Herrn Dr. 
Ehrenreich dafür zu interessieren. Ihm war es möglich, eine Original- 
Handschrift für das Museum zu erhalten, mit deren Bearbeitung Bericht- 
erstatter beschäftigt ist. Es ergiebt sich dies Buch als die freie Übersetzung 
eines tibetischen Werkes, welches den Titel Pad-ma'i t'au-yig führt und in 
Jäschkes Bibliothek vorhanden war. Es enthält die fabelhafte Lebens- 
geschichte des Guru Padmasambhava aus Udyana, welcher um die Mitte 
des 8. Jahrhunderts n. Chr. geboren, von König Kri-srong de'u tsan 
nach Tibet gerufen wurde, um dort »die bösen Daemonen, welche das 
Land beunruhiglen, zu bändigen« und das Kloster Sam-ye (Sam-yas) zu 
gründen. Vgl. jetzt darüber L. A. Waddell, The Buddhism of Tibet or 
Lamaism, Lond. 1895, S. 166, 380 ff. — Eine eigene Litteratur aber 
haben die Lepchas vor dem Eindringen der Tibeter sicher nicht besessen. 

Grünwedel. 



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Der Weltberg Meru nach einem japanischen Bilde. 



Als Seitenstück bezw. als Ergänzung zu dem von Georg i (alpbabetnm 
tibetanum 1762) zuerst veröffentlichten tibetischen Weltbild (repro- 
duziert von Waddell, the Baddhism of Tibet, 1895 p. 79), sowie zu 
dem von L^on Fe er publizierten chinesischen Weltbild*) und zu den 
auf Grund von Päli-Texten rekonstruierten Zeichnungen Väglfvaras*) 
möge das beifolgende, einem japanischen Buche*) entnommene Bild 
des Mera — japanisch: Shumi sen oder Someiro san (Shumi oder 
Someiro = sanskrit: Sumeru, sen oder san = Berg) — dienen. 

Die Abbildung zeigt den ans dem Wasser aufragenden Weltberg 
an der Basis von sieben Felsgürteln umgeben, die durch Meere von ein- 
ander getrennt sind. Die Namen der Felsgnrtel lauten in der Über- 
setzung (von unten an gezählt): 

1. Nimindara-Berg (Transcription ^) des indischen Namens: Nemim- 
dhara) Höhe: 625 yujun (= sanskrit: yojana = indische Meilen). 

2. der Elephantenrüssel-Berg (= Vinataka) Höhe: 1 250 yujun 

3. der Pferdeohr-Berg (== Afvakarna) Höhe: 2 500 yujun 

4. der überall zu sehende Berg*) (= Sudar9ana) Höhe: 5000 
yujun 

5. der Jambubaum-Berg (= Earavika) Höhe: 10000 yujun 



') Les ^tages Celestes et la transmigration, traduit du livre chinois Lou-tao-tsi 
in: Annales du Mus^ Guimet Y, p. 529. 

') Diese büdlichen Darstellungen wurden auf Veraulassung des Herrn Geh.- 
Rat Bastian während seiner letzten Anwesenheit in Colombo angefertigt Sie wurden 
von dem Letztgenannten veröffentlicht in : Verhandlungen der Berliner anthropologischen 
Gesellschaft, Sitzg. vom 21. April 1891 

') Ei-tai dai-zassho ban-reki dai-sei, ein Werk kalendarisch-astrologischen Inhalts, 
zuerst gedruckt 1842; Neudruck vom Jahre 1856 in der Bibliothek des Museums: 
I D. 11408. 

*) Das vierte Schriftzeichen des Namens ist im Original falsch geschrieben. 

^) Statt des ersten Schriftzeichens fu (= überall) ist das ähnlich aussehende 
Zeichen zen (= gut, sanskrit su-) einzusetzen. Der Name ist auf der älteren Dar- 
stellung in der Encyklopädie Wakansansaizue (gedruckt 1718) richtig mit zen geschrieben. 



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- 13 - 

6. der die Achse haltende Berg (= Ishädhara) Höhe (wörtlich: 
ragt aus dem Wasser) = 20 000 yujcin 






















7. der das Paar haltende Berg (= Yugamdhara) Höhe: 40000 
yajnn. 
Die zwischen den Felsgürteln und dem Sumeru befindlichen Meere 
haben keine besonderen Namen, sondern sind gleichmässig als »wohl- 



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— 14 — 

riechendes Wasser« [Gandhasägara?] bezeichnet. Die Breite dieser Meere 
ist von unten an gezählt bezw. 1250, 2 500, 5000, 10 000, 20000, 
40 000, 80 000 Yojanas. Aus dem innersten Meere erhebt sich der eigent- 
liche Berg Meru, der unten breit sich nach der Mitte zu verjüngt und 
nach oben wieder verbreitert. Auf der Zeichnung sind auf dem unteren 
Teil des Berges die Höhenangaben einiger »Seitenberge« (3000, 4000, 
8O0O, 10 000 etc. Yojanas) vermerkt. Die in der mittleren flöhe des 
Berges angebrachten kleinen Paläste bezeichnen den Aufenthaltsort der 
Shi tennö (Caturmahäräjas), deren Namen und Synonyme wie folgt auf 
dem Bilde angegeben sind. 

1. Taraonten (der vielhörende* Gott) = der Götterkönig Bishamon 

(== Vai^ravana) 

2. Kwömoku ten (der weitäugige Gott) = der Götterkönig Biruha- 

kusha (= Virüpäksha) 

3. Zöchö ten (der wachsende Gott) = der Götterkönig Biroro- 

kusha (= Virüdhaka) 

4. Jikoku ten (der das Reich haltende Gott) = der Götterkönig Dai- 

zuraita^ (oder Jizuraishi) (= Dhrtaräshtra). 

Die über dem Aufenthaltsort der vier Weltkönige angebrachten 
Inschriften besagen: »Der Someirosan ragt 8OO0O Yojanas aus dem 
Wasser und taucht um ebensoviel in dasselbe ein. Ein anderer Name 
[des Meru] ist: der wunderbare hohe Berge. — Auf dem Gipfel des Berges 
befindet sich der Himmel Tori ten (Trayastriiufat-Himmel). Die auf 
und an dem Gipfel befindlichen Inschriften lauten: »Die Lebensdauer 
beträgt tausend Jahre. Hundert Jahre [sind in dieser Welt] eine Mond- 
nacht. Jm Nordosten ist der runde Lebensbaum [der indische Pärijäta], 
Im Osten ist der weisse Silbergipfel, im Süden der Vaidürya')-Gipfel, 
im Westen der Sphatika*) [KrystallJ-Berg, im Norden der gelbe Gold- 
gipfel. Im Südwesten ist die Halle der guten Lehre [Sudharmajc. Ausser- 
dem ist an den Seiten des Töri-Himmels viermal der Name »Diamanthand« 
(Vajrapäni) wiederholt» 

Rechts und links vom Meru sind Sonne und Mond abgebildet mit 
der Beischrift: »Umkreis: 5000 Yojanas«. Femer sind auf der linken 
Seite des Berges eine quadratische und eine runde Figur, rechts eine 



') Im Original Schreibfehler: mon (Thor) statt mon (hören). 

') Die Namen der 4 Welthüter sind im Original fehlerhaft geschrieben, ich habe 
mich deshalb nach der älteren Vorlage im Wakansansaizue gerichtet, obwohl auch 
diese nicht fehlerfrei ist. 

3) Statt des fehlerhaften sui ist zu lesen bi, wie auch im Wakansansaizue steht. 

*) Statt zu ist das ähnlich aussehende Zeichen ha zu setzen. Die richtige 
Form steht im Wakansansaizue. 



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— 15 — 

mondformige und eine längliche Figur dargestellt. Es sind dies die vier 
Weltteile, die im Meer um den Berg Meru herum liegen, links oben 
(Quadrat): üttarakuru, unten (Kreis): Aparagodäna, rechts oben (mond- 
förmig): Pürvavideha, unten (die längliche Figur): Jambudvipa. Der 
Inhalt der Beischrift rechts oben ist: »Shurai no shi shu [=die 4 Dvipas 
des Meru] : 

Tö shöshin shu [=: Osten: die Insel der Siegesgötter*) = Pürva- 
videha dvipa], Lebensdauer: 500 Jahre, 
Nan zembu shu [= Süden: die Jambuinsel = Jambudvipa], Le- 
bensdauer: 100 Jahre, 
Sai gyuga shu [-= Westen: Kuhgeschenk-Insel = Aparagodäna 

dvipa], Lebensdauer: 250 Jahre, 
Hoku guro shu [= Norden: Guro-Insel^) == Üttarakuru dvipa], 
Lebensdauer: 1000 Jahre«. 
Die Zeilen in kursiver Schrift rechts oben besagen, dass der Norden 
des Someiro gelb, der Süden grün, der Osten weiss, der Westen scharlach- 
rot sei. 

Die Inschrift links oben lautet: »Dieser BergSumern ist der grösste 
aller Berge. Alle Länder der Welt liegen auf seinem Umkreis. Sonne 
und Mond umkreisen den Berg und scheiden Tag und Nacht. Auf dem 
Gipfel des Berges sind vier Spitzen; auf jedem der vier Bergspitzen sind 
acht Deva [oder Himmel: ten]. Indem man die 32 Deva mit dem Gotte 
Indra zusammenzahlt, erhält man 33 Deva [= Trayastrim^at]. Die Ent- 
fernung der Sonne und des Mondes von der Erde beträgt 40000Yojana, 
Die Höhe des Traya8trim9at-Himmels beträgt 80000 Yojana. 1 Yojana 
8oll = 40 Ri sein.c Diese Erklärung ist zum grösseren Teil dem Kommentar 
zum Kongökyö entnommen, wie ein Vergleich mit der Eucyklopädie 
Wakansansaizue lehrt, Heft 56, p. 19 b. 

Die rechts am Rande in der Mitte stehende Notiz bezieht sich auf 
die Sterne, ist aber durch Schreibfehler unverständlich geworden. Nach 
der richtigeren Lesart im Wakansansaizue ist zu übersetzen: »Der kleinste 
Stern ist 1 Kro^a [= V4 Yojana oder nach Eitel Vg Yojana] gross, der 
grösste 16 Yojanac p^ ^^ ^^ ^^^^^^^ 



*) Die chinesische Bezeichnung ist demnach nicht die Übersetzung von videha, son- 
dern von einem anderen Namen, welcher als Bestandteil vijaya (s= Sieg) enthielt. 
') Guro ist das indische Wort Kuru. 



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Anzeige neu eingegangener siamesischer Bücher 
und Handschriften 

im Königlichen IMiiteum fDr Völlceiicunde. 



Phixai soDg'khram hin'dn boran .... rieb riiug d5i nai roi @k 
Ji, J, Jerini = the art of war, military Organisation, weapons and poliiical 
maxims of the ancient Hindus . . . . by G. E. Gerini. Bangkok 1894. 
1 Bd. 12^ Siamesisch mit Abbildungen. Geschenk des Herrn Gerini« 

Mettraiphutthaphajakon ( Maitreyabuddhavyakaranam , paricche- 
da 21). Abschrift eines Abschnittes aus der Pathamasambodhi. 23 Seiten 
Fol. — Durch gütige Vermittelung des Herrn Gerini erlangt. 

Pathamasom'phöthivivahamongkhalakatbä (Pathamasambo- 
dhiyivähamangalakathä dutiya pariccheda). Abschrift eines Abschnittes 
aus der Pathamasambodhi. 14 Seiten Fol. — Durch gütige Vermittelung 
des Herrn Gerini erlangt. 

Traiphum, Die berühmte für König Phaja Täk (1767-1782) 
verfasste bildliche Darstellung des buddhistischen Weltalls. Das nur in 
diesem einen Exemplar vorhandene Werk verdiente eine eigene Mono- 
graphie. Durch Vermittelung des Herrn Gerini in Bangkok erworben. 

Sadeng'kit"channkit\ 1 Bd. kl. 8^ Geschenk des Herrn Gerini. 
Das bekannte Werk des Phra:ja Tbipakon, aus dem Alabaster in: 
»the wheel of the lawc eine Reihe höchst interessanter Auszüge mitgeteilt 
hat. — Als Probe der Darstellung dieses Werkes möge die folgende 
Stelle dienen, welche einer Unterredung des Phra : ja Thipakon mit einem 
Missionar entnommen ist: »Ich fragte: Gott, der (nach eurer, der Christen 
Meinung) Alles was überhaupt existiert hervorgebracht hat, hat auch die 
Menschen hervorgebracht. Warum hat er dann die Götter der Siamesen 
die der Brahmanen, der Mnhammedaner entstehen lassen? Er Hess zu, 
dass es verschiedene Religionen giebt, so dass die Menschen nicht die 
(christliche) Lehre vom Schöpfer verehren, sondern anderen Lehren 
folgen und dann damit bestraft werden, dass sie in die Hölle konmien. 
Warum handelt er so? Wenn er nur eine Religion hätte entstehen 
lassen, würde das nicht gut gewesen sein? Dann würden die Menschen 
alle zusammen in den Himmel gelangt seine, (p« 173 des siam. Textes.) 



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— 17 — 

Nang'sü'rü ong phra : räxaphongsävadan krung kao". Ge- 
schichte der Könige der alten Hauptstadt Siams, von Ronig 
Ü thong (1350 n. Chr.) bis König SSm'det^ Phra : Narai (1657-1682). 
1 Bd. 8'. Gedruckt in Bangkok von Bradley. Der dazu gehörige erste 
Teil des Phongsävadan fehlt. Geschenk des Prof. W. Joest. lubetreflF 
des Inhalts vgl. Pallegoix, graramatica linguae thai 1850, p. 160 — 164, 
und Phra : Alak, the kings of Siam bei Bastian, Geschichte der Indo- 
chinesen 1866, p. 547—549. 

Nang'sü' rü'öng phra : chaö räxathirät. Geschichte der 
Könige von Pegu. 1 Bd. 8®. Gedruckt in Bangkok von Bradley. 
Einige Stellen daraus sind mitgeteilt bei Bastian, Geschichte der Indo- 
chinesen 1866. — Als Probe des siamesischen Chronikenstiles möge i\6 
folgende Übersetzung des Anfangs dieses Werkes dienen: 

[p. 4 des siamesischen Textes:] 

Es gab einst einen Mahäthera, der die Arahatschafb erlangt hatte, 
mit Namen Kha: vambodi (Gavampati). Er war ein Peguaner aus der 
Stadt Sathöm'. Der Heilige besass die Eigenschaften eines Arahat, 
nämlich die sechs Abhiiiiiä und die vier Sambhida. Als nun die Mutter 
des Gross-Thera gestorben war, da sah der Heilige mit »Götteraugec 
(der Fähigkeit, alle Wesen und Welten mit einem Blick zu überschauen), 
dass seine Mutter noch nicht in der Welt der Götter, sondern unter den 
Menschen herumirrend zu der Zeit im Lande der Peguaner (Rämannapradefa) 
wiedergeboren war. Da empfand der Heilige den Wunsch, seiner Mutter nützen 
zu können, sowie den Herrschern, Setthi's, Gahapati's, Brahmanen, sowie 
auch allen männlichen und weiblichen Bewohnern des Königreichs. Darauf 
versenkte er sich in die Meditation, welche die Abhiniiä als Grundlage (bat) 
hat (also das vierte Jhäna, durch welches die Abhinna und die Zauberkraft 
-— Iddhi — erlangt werden). Nachdem er aus der Meditation heraus- 
getreten war, bewies er übernatürliche Macht, indem er in der Luft bis 
zur Stadt Sathöm' wandelte. Der König Afoka sah die Macht und die 
ausgezeichneten Arahat -Eigenschaften des Heiligen. Da fragte er den 
Mahäthera: >Als der erhabene Weltenlehrer noch am Leben war, hat er 
da irgend eine Buddha-Prophezeiung gethanPc Der Mahäthera sprach 
darauf eine Segnung aus und erzählte den Thatsachen gemäss die folgende 
Buddha-Prophezeiung (buddhavyäkaranam)^): 

Zur Zeit, da der Erhabene noch am Leben war, kam er einst in 
diese Waldgegend (aranyaprade9a)^), die Pä Mo:ta:mä:') (der Wald 

Der folgeude Absatz befindet sich auch bei Bastian, Geschichte der Indochinesen, 
p. 856. 

') »Aranja-prathet-tani** bei Bastian 1. c.p. 266. Der mir vorliegende siamesische 
Text hat räranjäpra: th^t thi ni. = die Waldgegend hier. 

') HaAwell, grammatical notes and vocabnlary of the Pegnan langnage, Rangoon 
1874, p. XV: «the Peguan narae for Martaban i»t Moo-t'maw, Stony point. Moo 
M.f.v. 8 r^ T 

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— 18 — 

▼on Martaban) heisst. Dort gab es acbt Gross- Jakschas; diese sahen 
Buddha, den Herrn, in seiner überaus lieblichen nnd schonen Gestalt 
Ein Lichtglanz von sechs verschiedenfarbigen Strahlen drang ans seinem 
Körper hervor^). Als die acht Gross -Jakschas das sahen, freuten 
sie sich frommen Sinnes. Darauf sammelten sie acht Phlnong (Baumart)- 
Blätter und machten daraus eine Unterlage. Ferner brachten sie einen 
Felsblock von weisser Farbe und machten daraus einen Sitz. Dann luden 
sie Buddha, den Herrn, ein, hinzugehen und sich auf dem weissen Fels- 
sitz niederzulassen. Ferner suchten sie Pha^a (Baumart) -Früchte und 
machten daraus ein Getränk^), welches sie Buddha, dem Herrn, über- 
reichten. Endlich brachten sie ihm öl für die Lampe. Buddha, der 
Herr, unterwies darauf die acht Gross-Jakschas im Gesetz, bis sie im 
Zuflnchtnehmen (saranakhom) und in den fünf Pflichten (sfn = ^ila) fest- 
geworden waren. Dann sprach er zu den acht Gross-Jakschas: »Das 
religiöse Verdienst, das ihr euch erworben habt, indem ihr jetzt eure 
Verehrung dem Tathagata darbrachtet, wird euch Früchte tragen, indem 
ihr in zukünftiger Zeit Götter- und Menschenmacht erlangen werdet. 
Nach langer Zeit werdet ihr acht wiedergeboren werden als gewaltige 
Grosskönige mit unvergleichlich hervorragender Macht und dieses Wald- 
land wird einen Grosskönig haben, der herkommen und eine Hauptstadt 
bauen wird, die den Namen Mo:ta:mä: (Martaban) fuhren wird.c Nach- 
dem Buddha, der Herr, die Gross-Jakschas in der Lehre unterwiesen 
hatte, ging er von dannen um allen Wesen die Lehre zu Teil werden 
zu lassen. Als der Erhabene das Alter von achtzig Varschä's erreicht 
hatte, ging er in das Nirväna ein.*) 

Was nun die acht Gross-Jakschas anbetrifft, so wurden sie nach 
ihrem Tode wiedergeboren als Göttersöhne im Himmel. 

Lange Zeit nachher lebte ein Grosskönig, mit Namen Fürst Alan g- 
khachosü (Alangaöäsü*), der in der Stadt PhSkam (= Pagan) herrschte. 
Der Fürst Alangkhachosü hob ein Heer aus, kam herabgezogen und eroberte 
die Stadt Säthöm', nahm die Einwohner gefangen und führte sie weg. 



belog nose or point, t'raaw being rock or stone". — ibid. p. 105 s. ▼. muh = the nose 
the end of a cape; p. 72 s. v. tmä = a stone, a rock. — Der peguanische Name 
lantet also: Muhtmä. 

*) khang la:va = ? 

') näm. arthäban = huit especes de liquides qne les talapoins peuvent boire hors 
des repas, comme le th^, Teau de coco etc. Pallegoix, dict. s. v. 

") Bis hierher die excerpierte Stelle bei Bastian 1. c. p. 257. — Der gedruckte 
Text hat übrigens nibbäna, nicht parinibbäna wie bei Bastian 1. c. p. 257. 

*) Dies ist der König von Pagan (birmanisch: PUKAM, siamesisch: VÜKAM 
geschrieben): ^Alaungöesu" oder „A.'lank'a^osu" (bei Bastian, Geschichte der Indo- 
chinesen p. 540, 537, 240), „A-lüng-tsi-thü" oder „Alaungsithu* (bei Phayre, history of 
Burma, 281, 305, 89, 46, 49). Er regierte von 1085—1160 n. Chr. 



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— 19 — 

Daraaf zog er wieder hinauf und blieb in der Stadt Phukam. Einst giug 
der Fürst in dem Wald spazieren, der Pat'thavan (Padavana) heisst. 
Dabei gelangte er an die Stelle, die der Wald von Mo:ta:mä: heisst. 
Er betrachtete den Ort und sah, dass er friedlich, gleichmässig und gut 
war. Da schien er ihm geeignet zur Erbauung einer Hauptstadt. Der 
Forst Alangkhachosü Hess darauf an jener Stelle eine Stadt bauen. 
Nachdem der Bau beendet war, machte er den Alimamang, einen der 
obersten Beamten (khä luong dorn), einen Fremden (oder: Muhamme- 
daner: khek") zum Herrn von Mo:ta:mä:. Im Norden grenzte die Herr- 
schaft von Mo:ta:mä: bis zum Reiche Tongpn, im Westen bis zu den 
Dörfern (? tö bän), im Osten bis zum Reiche der Siamesen, im Süden 
bis zum Reiche Satöng'. Darauf kehrte der Fürst Alangkhachosü 
wieder nach Ph&kam zurück. — Im Jahre 630 Sak'karät starb Fürst 
Alangkhachosü^). Sein Sohn, der Kronprinz Ghat"tayeti(Öattaveti), 
übernahm die Herrschaft seines Vaters in Phukam unter dem Namen 
Ananthaxai (Anandajaya). Ananthaxai gab nun dem Alimamang, 
dem Herrn von Mo:ta:mä:, einen königlichen Auftrag. Letzterer wider- 
setzte sich aber und kam nicht zu Hofe. Der Fürst Ananthaxai geriet 
in Zorn und befahl dem Sihasuras^na, dem Saming' (eine pegtianische 
Würde), als General ein grosses Heer zu versammeln und Mo:ta:raä: zu 
erobern. Dies geschah und Alimamang floh nach der Stadt Hari- 
phunxai^. Der Saming' Sfhasürasena Hess den At^taja, einen 
Phra:ja, zur Bewachung von Mo:ta:mä: zurück. Im dritten Jahre, 632 
Sak^karat, hatte der vertriebene AHmamang ein gewaltiges Heer von 
Lao-leuten zusammengebracht. Er kehrte nun zurück, eroberte Mo:ta:ni ä:, 
tötete den Phra:ja At'taja und erlangte so die Herrschaft wieder. Der 
Ort, an dem At^taja phra:ja starb, heisst bei den Peguanern Ehao' 
At^taja phra:ja (Berg des A.) bis auf den heutigen Tag. 

Ende des ersten Kapitels. 

*) ,Alaung»ithu" f 1160, nach Phayre I. c. 

') Vielleicht zu vergleichen die Rebellion des nAIimmä** in Martaban, dieselbe fand 
aber 1281 statt Phayre 1. c. p. 52. 

F. W. K. Müller. 



2» 

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Altertümer aus Guatemala. 

(ffierzu Tafel 11.) 



In dem 1. Hefte des IV. Bandes der Veröflfentlichungen aus dem 
Königlichen Museum für Völkerkunde sind eine Anzabl Altertümer, haupt- 
sächlich aus dem Qu'ekchi-Gebiet der Gegend von Coban stammend, näher 
beschrieben worden, die dem Königlichen Museum von Herrn Dr. Sapper 
als Geschenk überwiesen worden waren. 

In jüngster Zeit hat Herr DieseldorflF, der schon seit Jahren in 
diesem Gebiet in höchst erfolgreicher Weise Ausgrabungen vorgenommen 
hat und darüber zu wiederholten Malen in der Zeitschrift für Ethnologie 
berichtet hat, durch Vermittlung des Herrn Dn Schellhas dem König- 
lichen Museum eine Anzahl Thonsachen als Geschenk zugehen lassen, 
die seinen neueren umfangreichen Ausgrabungen in Chajcar, drei Stunden 
östlich von S. Pedro Carchä bei Coban entstammen, und die nicht nur 
durch die hohe künstlerische Vollendung beachtenswerth sind, die sie 
aufweisen, sondern vor allem dadurch, dass die nahe Beziehung, die, wie 
ich schon in dem vorhergenannten Aufsatze auseinander gesetzt habe, 
zwischen den Verfertigern der Altertümer des Qu'ekchi-Gebietes und den 
Erbauern der Monumente von Copan bestanden haben muss, in diesen 
Stücken noch in viel klarerer Weise zum Ausdruck kommt. 

Auf der diesem Hefte beigegebenen Tafel II sind die von Herrn 
DieseldorfF geschenkten Thonsachen in Lichtdruck wiedergegeben. 

Fig. 7 ist in jeder Beziehung ähnlich 
dem Abguss der Thonform der Dr. Sap- 
per'schen Sammlung, die in Fig. 29 
Seite 34 des 1. Heftes des IV. Bandes 
der Veröffentlichungen aus dem König- 
lichen Museum für Völkerkunde wieder- 
gegeben ist. Der Figur dort aber fehlen 
die flügelartigeu Federschmucke, die 
hier dem Kopf angesetzt sind. Letztere 
scheinen allerdings auch in dem vorlie- 
genden Stück nicht unmittelbar im Zu- 
sammenhang mit der Figur angetroffen 
worden zu sein, und unterscheiden sich 




Fig. 15. 



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21 — 







auch von der Mittelfigur durch die Farbe des Thons, der viel hel- 
ler rot ist 

loteressant sind dann vor allem die Köpfe Fig. 1, 3, 4, 6. Fig. 1 

und 3 sind voll, 4 und 6 in 
Relief gearbeitet. Diese Köpfe 
zeichnen sich durch eine in 
merkwürdige Auswüchse ver- 
laufende Nase aus. Sie stellen 
eine mythologische Person 
dar, die auf den Monumenten 
vonCopan und anderwärts un- 
gemein häufig vorkommt. In 
dem westlichen Hofe der Tem- 
pelanlage von Copan ist ein 
Steinrelief gefunden worden, 
das diesen Gott in ganzer Ge- 
stalt darstellt, umgeben von 
sich kräuselnden Gebilden 
(Wolken, Rauch oder Feuer), 
2 die paarweise nach den vier 
ti) Himmelsrichtungen von ihm 
ausstrahlen (vergl. Fig. 15). 
Auf derStelaDvon Copan, die 
eines der künstlerisch vollen- 
detsten Monumente dieser 
Ruinenstätte und vielleicht 
von ganz Centralamerika ist, 
ist die Figur dieses Gottes 
mehrfach, insbesonderein dem 
Ranken werk der Westseite 
der Stela vertreten, in gan- 
zer Figur und aus dem geöff- 
neten Rachen von Schlangen 
hervorsehend, die von oben 
herunter und von unten her- 
auf durch das Figurenwerk 
sich ziehen. Ferner in ausge- 
zeichneten Hieroglyphen formen auf der Rückseite und der Vorderseite 
derselben Stela. Entsprechende Hieroglyphenformen erkennt man auch 
neben den Relieffiguren der Altarplatteu von Palenque. Die Identität all 
dieser Bilder mit den Thonbruchstücken Fig. 1, 3, 4, 6 wird unschwer 
erkannt werden. 









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— 22 — 

In den Handschriften kommt diese Figur nicht so häufig vor. Sie 
fehlt indes nicht ganz. Der Gott mit der proliferierenden Nase (vergl. 
Fig. 16), von dem ich seinerzeit glaublich zu machen gesucht habe, dass 
er dem Ah bolon tzacab, der für die kan Jahre auf den Thron ge- 
setzt wurde, entspricht, ist ohne Zweifel ident mit der auf den Skulpturen 
von Cop^n dargestellten Gottheit. Ah bolon tz'acab heisst „Herr der 
neun Generationen". Es ist eine interessante Thatsache, dass die oben er- 
wähnten Hieroglyphenformen der Stela D von Copan und auch der kursiven 




Fig 17. 

Hieroglyphen dieser Gottheit, die in den Texten der Copan -Skulpturen 
vorkommen, (die übrigens in einem wesentlichen Merkmal mit der Haupt- 
hieroglyphe des Gottes mit der proliferierenden Nase der Handschriften 
übereinstimmen), vielfach mit der ZiflFer neun verbunden sind. 

Aach die Bruchstücke Figg. 8, 9 erinnern auffallend an gewisse 
Details der Copan-Skulpturen. Auf der Stela N, die durch die Fülle 
der von ihrem Fuss bis zur Spitze verteilten Tier- und Menschenfiguren 
ausgezeichnet ist, sind gegenüber den quastenartigen Enden von Band- 
schleifen, Tierfiguren dargestellt, die in den hauptsächlichen Details 
mit unseren Figuren 8 und 9 vollkommen übereinstimmen (vergl. Fig. 17). 
Diese Figuren sollen Fische darstellen. Das lehrt schon der Augenschein, 
und das wird noch klarer erwiesen durch einen Vergleich mit Altar T, 
wo den ganz ähnlichen quastenartig erweiterten Enden der Band- 
schleifen, die dort um die Hand- und Fussgelenke des reptilartigen 
Ungeheuers geknüpft sind, ganz unverkennbare Fischfiguren als Anhängsel 



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~ 28 — 

gegenüberstehen (vgl. die untere Hälfte yon Fig. 17)* Was diese Figuren 
an dieser Stelle bedeuten, ob vielleicht kleine goldene Fischfiguren ge- 
wissermassen als Schellen an den Enden der Bandschleifen getragen 
wurden, oder ob — was wahrscheinlicher ist — eine mythologische Be- 
ziehung vorliegt, lässt sich zur Zeit noch nicht mit Sicherheit sagen. 

Weniger bestimmt kann ich, so weit meine Erfahrungen reichen, 
das Bruchstück Fig. 2 an die Typen der Copan -Skulpturen anreihen* 
Hier ist man zunächst versucht, mexikanische Reminiscenzen zu erkennen, 
die drei Spitzen, die von der Peripherie des unvollständigen Kreises aus- 
strahlen, erinnern frappant an die vier Strahlen des mexikanischen 
Sonnenbildes. Das Gesicht auf der Fläche mit den runden von Kreisen 
umzogenen Augen und dem über die Lippen herabhängenden eingerollten 
Streifen könnte man ohne Weiteres für ein Tlalocbild nehmen* Eine 
leuchtende Scheibe soll ohne Zweifel hier dargestellt sein. Ich möchte 
indes eher an einen Vergleich mit den Schildformen der Maya-Hand- 
Schriften denken (vgl. Fig. 18), wo wir, wie bei den mexikanischen 
Hieroglyphen für Spiegel, Türkis und Smaragd, vier im Kranz gestellte 
angenartige Gebilde dargestellt, also Strahlen nach den vier Himmels- 
richtungen angegeben finden. Insbesondere möchte ich den dritten der 
in Fig. 18 wiedergegebenen Schilde zum Vergleich heranziehen, wo ich 
das auf der Fläche angegebene Zeichen i'k für »Feuere nehme. Den 
ganzen Schild also gewissermassen als Hieroglyphe für K'a'k u pacal 
»Feuerschild € deute — ein Wort das im Chilam Balam de Chumayel 
und in einer handschriftlichen Reladon des Ortes Motul als Name eines 
kriegerischen Häuptlings, im Gogolludo in der etwas entstellten oder um- 
gedeuteten Form K^a^k u pacat »Feuerblick, Feuergesichtc als Name 
eines Kriegs- und Schlachtengottes erwähnt wird* 




«7 



Fig. la 







Sehr interessant sind dann endlich noch die Bruchstücke Figg. 12 
bis 14. Gleich den auf Seite 36 des ersten Heftes des IV. Bandes der 
»Veröffentlichungen ans dem K. Museum für Völkerkundec abgebildeten 
Reliefbruchstücken der Sarg'schen Sammlung, bildeten auch diese Stücke 
das Untergestell sitzender Figuren. » Resonanzböden c nennt Herr Diesel- 



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— 24 — 

dorff diese Uutergestelle, wohl weil sie hohl sind, uud vielleicht auch 
weil gelegentlich Einschnitte in denselben vorkommen, wie in den Unter- 
gestellen der Figurengruppen der Dr. Camargo-Streberschen Sammlung^). 
Es sind ohne Zweifel Nachbildungen holzgeschnitzter viereckiger Sitzge- 
stelle. Die stufenförmig ausgeschnittenen Füsse derselben, wie sie das 




Fig. 19. 

Bruchstück Fig. 14 zeigt, erinnern ganz an die geschnitzten Stühle auf 
denen im Codex Borgia, Vaticanus B u. a. die Götterfiguren sitzend dar- 
gestellt werden. Als teo-icpalli würden wir, mit einem mexikanischen 
Wort, auch diese Bruchstücke bezeichnen können. 

Was nun die Reliefs betrifft, so mache ich zunächst darauf auf- 
merksam, dass auch die beiden hier dargestellten Figuren, gleich den 
oben erwähnten Bruchstücken der Sarg'schen Sammlung bärtig sind. Die 

') Vgl. Strebe!, Alt-Mexiko. Erster Teil. Tafel II, Fig. 20 u. 24. 



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— 25 — 




znr Erde sich neigende Person auf dem Bruchstück Fig. 14 hat einen 
deutlich entwickelten Schnurr- und Kinnbart. Die sitzende Figur des 
Bruchstückes Fig. 13 wenigstens einen deutlichen Kinnbart. Merkwürdig 
ist der Gegenstand, den Fig. 14 im Arm halt: ein länglich viereckiger 
Körper, an dessen beiden Enden ein phantastisch ausgestalteter zahne- 
starrender Reptilrachen angegeben ist. Der ganze Gegenstand erinnert 
in der Form auffallend an die grossen in Fig. 19 wiedergegebenen Stücke, 
die die grossen weiblichen Idole der Stelen A. und B. von Copan als 
Halsschmuck tragen. Nur ist in unserm Bruchstück die Fläche des 
Gegenstandes einfach kannelliert, während auf dem Brustsckmuck der 
Stelen bald ein Matten geflecht, bald die Symbole der sogenannten Him- 
melsschilder angegeben sind. 

Die auf den Füssen dieser Sitzgestelle verzeichneten Hieroglyphen 
stimmen in ihrer Form durchaus mit den Hieroglyphen der Copan-Skulp- 
turen überein und sind in der Mehrzahl mit bestimmten derselben direkt 

zu identifizieren. So ist die grosse 
oberste Hieroglyphe des rechten Fusses 
in Fig. 14 ident mit der ersten, bezw. 
zweiten der drei Hieroglyphengruppen 
von Copan, die ich in Fig. 20 wieder- 
gegeben habe. Sie scheint dort in be- 
stimmter Beziehung zu einer der 20 
bezw. 16 Priester- oder Königsfiguren 
zu stehen, die in sehr übereinstimmen- 
der Weise auf verschiedenen der Monu- 
mente von Copan dargestellt sind. Ver- 
wandt oder ident mit ihr ist die Haupthieroglyphe des Qaetzalvogels 
der Handschriften (vgl. Codex Dresden 16c; Codex Tro 19*.c; 3*.c; 
31. c). 

Die zweite Hieroglyphe auf dem rechten Fusse ist die des Gottes 
des Nordens, die dritte ist undeutlich. 

Der linke Fuss hat dieselben Hieroglyphen wie der Fuss Fig. 12. 
Zu oberst und links sehen wir das Zeichen im ix. Rechts davon eine 
Hieroglyphe, die innerhalb des calculiforraen Umrisses die Ziffer 8 and 
darüber die Ziffer 5 zeigt. Die beiden unteren Hieroglyphen sind nicht 
ganz deutlich. 

Diese neuen Fände des Herrn Dieseldorff sind also eine weitere 
Bestätigung dessen, was schon die früheren Ausgrabangsergebnisse der 
Herren Dieseldorff und Sapper mehr oder minder bestimmt erkennen 
liessen, dass das heute von den Qu'eckchi eingenommene Gebiet unter 
dem unmittelbaren Einfluss der Kultnrnation stand, deren hervorragendste 




PACtOF^tef 
11 



ALTAR-R f.7. 




Fig. 20. 



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Schöpfungen wir in Gopan bewundern. Herrn Dieseldorff fiel das um 
80 mehr auf, als ihm die Skulpturen von Quirigua einen Stil aufzu- 
weisen scheinen, der von dem der Gopan-Skulpturen abweicht Mir ist 
das Material von Qnrignä leider nicht genügend bekannt* Doch möchte 
ich glauben, dass es sich hier nur um Variationen innerhalb desselben 
Typus handeln kann, die in ihrer Ausschlagsweite die Variationsgrösse 
nicht überschreiten, die auch für die Qu^ekchi-Funde gegenüber den 
Gopan-Skulpturen thatsachlich bestehen. 

Das Königliche Museum ist Herrn Dieseldorff zu besonderem Danke 
verpflichtet, dass er diese hervorragenden und interessanten Stücke dem 
Königlichen Museum überwies. 

Dr. Ed. Seier. 



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Sammlung chinesischer Volksgötter aus Amoy.^) 



I. Die Gruppe des Keh sing-ong. 

^- ?|J Si ^^^ sheng-wdng (Amoy- Dialekt: Keh sing-ong), Schutzgott 
der Provinz Fuh-kien. 

-^ , .ju. «- W dienende Knaben des Keh sinir-önc. 

4. ^^ ^ Jf|| Sh^-wäng-mä, Gemahlin des Keh sing-ong. 

5. ^ßf yi^ ^J Hodng t*äi'Wei, der Gouverneur Hoang, A(\jutant des Keh 

sing • 6ng. 

6. p|[ ^ ^ Ch'4ntsmng-kiun, der General Ch*^n, Adjutant des Keh sing-ong. 

IL Die Gruppe des Stadtgottes. 

^* iw fS^ ylK CK^'hodng-yd, der Vater der Mauern und Graben, Schutz- 
gott der Stadt Amoy. 
^- iE 5w 'KE ^>^^^-ä'-Mi, erster Amtsdiener des Stadtgottes. 
9. w b£ 'ßE Fü-li'Shi^ zweiter Amtsdiener des Stadtgottes. 

10. ^ ^J ^ WM'pdn'Jcuan, Civilrichter. 

11. Ä ^J W Wtt-^rfn-ÄTttä», Kriegsrichter. 

12. j^ -^ y^ Äi'tsi-ku^, »Zwergteufel«, welcher die sündigen Seelen vor 

das Tribunal des Stadtgottes führt 

13. ^ ^ Wu'cKAng, Spion des Stadtgottes. 

^^' 1^ ^E ^^'^^^ / berittene Boten des Stadtgottes, welche zu beiden Seiten 
1^- ^^ Mä'sKi \ ^«s Tempelthores stehen. 



^) Sämtliche in dieser Saiuraluiig enthaltenen Götterfiguren sind auf Grund einer 
Liste des Herrn Prof. de Groot durch gutige Vermittlung des Kais. Konsuls Heim Feiudel 
in Amoy angefertigt worden. Es ist mir eine angenehme Pflicht, Heirn Konsul Feindel 
fiir seine liebenswürdigen und unermüdlichen Bemühungen, den 'Wünschen des Museums 
nach jeder Richtung hhi gerecht zu werden, an dieser Stelle öffentlich den verbindlichsten 
Dank auszusprechen. 



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— 28 — 

Hierzu kommen 12 göttliche Würdenträger, welche zu beiden Seiten des 
Tempelhofes aufgestellt sind und den Stadtgott bei der Ausübung seiner Funktionen 
unterstützen: 
16- ^ # ^ Ttm-shou-Ä. 

17. -^ 4^ ^ Tä'tfün-Ä, 

18. ^ ^ ^ Wn-chen^^, 

20. ^^u\ Kuei-luh-si. 

21. 1^ ^ ^ Shit-shou-st. 

22. M M^ Fü-8hün-d. 

23. 5^ $ft ^ Süh-päo^si, 

24. gl H ^ Tü^tsih-st. 

2^- ^ ^ Tän-Öh^m, 
27. U^^ W^/-/eao-«. 

Endlich 8 Liktoren und Henker, welche ebenfalls im Tempelhofe auf- 
gestellt sind: 
2^- "F -1^ ^ ^ Tsi-mn-p^äi-edu, 

29. ^^:^^ Wei-chen-pdi-Uu. ^ 

30. ^ W '^ ® Tien-shou-pdt't'öu. 

32. ^^^^ Süh-pdo-päi-edu. 

33- H ^ # ® Tu-tsih-pdi-Cou, 

34. ^ ^ ]@ Tän-öh-p'di-t'ou. 

35- ħ^#P^ Wet'liäo-pdi'fim. 

HI. Die Götter des himmlischen Heeres. 

36. 3^ j£ -f^ Td't*tng-y^y der Anführer des himmlischen Heeres; 

37. 4* I? /M^ Chünff'Jciün'/ü 



^^ ^_^ / die beiden Adjutanten des Vorigen. 

38. Pp 5 /M* ^f^'üng-kiHn-fu ^ 

39. ^^ 1^ |f^ Li Nd'cKd^ oberster Befehlshaber des himmlischen Heeres. 

Die 36 Generale des himmlischen Heeres: 

40. ^S^ Uu'8heng-cU, 
41- ^ ^ ^ Teng-fim-kiün. 
42. J^ ^ A ^äng-sh^-jM. 



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— 29 — 

43. gg H ^ Chäng-sheng-cU. 

^- M S # Siäo-shdng-cU, 

45. 'HJ ;f$ ;;AC ^ Tdo-häi td-tsiäng. 

^^' 3i ^ ^ ffi Yuh-Uh'km'füng. 

4". '^ 1^ *^ Wu'hihi-tL 

48. 15 ^ :J5C -?- ^'«»-A^äo ^ai -tot. 

49. j^ 7C ßl|l -^«o yüdn-shuäi. 

50. ^ ^ :/c tI^ a/-Art^/ td-tsiäng. 

51. ^ ^ ^ 5ffw t'ien-kiün, 

52. ,^ # ,^ i>/a-Ar/«./d. 

54- ^ # ^ i/i/-Aria./d. 

55. ^ 7C ßl|l '^'^' y^n-shudi, 

5^- iBy 1^ » 5 Mä-ming tsün-tcdng. 

57. Sg T[2 ^E Lung-shi-wdng, 

58. ^ f (Ij ^ Zy« Äi^-Arw. 

59. J^ jf* gip K'äng yndn-skudi, 

60. ^ :^ ^ Hodng-sieh'kuän, 

61. Uff f(J[j ^ ^*«/» «T/»-A^. 

^2 ^ filj M ^'* ^^-*^- 

63. ^ ;;J5C ßffi W^ ^ai-^Af. 

^- yl :^ ^ -ÄTtow^ sim-kuän. 

65. ff ^ ^ TC ßrtl ^^^^^'^^^ ^ f/üdn-shudi. 

^' #^:/C^ Tün-t^'td-tsidng. 

ß'- i& .:fc 15^ ^^ rdt-peio. 

68. ^ S ^ Lün-sUng-cKk. 

69. /I ^ '^ Kiäng-lung-Icuän. 

70. -^ TC &|l ^^^ yüdn-shuäi. 

71. 5^ UJ :;^ ^ ^-«^^^ &i-totJn5r. 

72. ^ 7t; ßljl ^^ö yudn-shudi, 

73. ^ Tt ßljl «^^^ yüdn-shudi. 
'^^' 4^ 7C ßljl -^i^ yHdn-shuäL 
75. ^ ;^ ^ /fö sien-kü. 



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— 30 — 

IV^ Die Götter des Hollentempels. 

76. y^Wtll$ Tüng-y&h-8h^,K6\\engott. 

77. ;;^ ^ Td-i/S, .der grosse Vater., auch jüS^^^ P^di-f du- He {Kmoj- 

DidX^t pdi'fdo'tiä), »der Vater mit der Tafel-, genannt, Adjutant des 
Höllengottes (nach de Groot des Stadtgottes). 

78. ^ ^ ^ Fdn-tsiäng-kiün, der General Fan, Gehulfe des Hüllengottes. 

79. ;^ ^J 'j^ W^'pdn-knän, Civilrichter der Hölle. 

80. Ht ^J 1^ Wu'pdn-kuän, Knegsrichter der Hölle. 

81. 1^ ^ ^ ^^ö tsiäng-kiün, »General Pferd-, auch «^ |^ ^ Mä-fou-ye, 

»Vater Pferdskopf« , genannt, Begleiter des Höllengottes. 
Ö2. ^ ^ ^ Niü tsiäng-Jcwn, »General Rind«, auch ^ ^ ^ Niu-to&-yK 

»Vater Rindskopf«, genannt, Begleiter des Höllengottes. 
83. ^ ^ Jfl^ Fü'j4n Alä, Höllengöttin, herrscht über den Bhitpfuhl, in 

welchen die Frauen, welche im Kindbette sterl)en, versenkt werden. 

®^- ^^ Nih-slu, »weiblicher Bote- ) 

f -.-^ } Begleiterinnen der Vorigen. 

^^' I5C ® Niu'Shl, »weiblicher Bote« ^ 

86. )^ ^[ ^ Süh'pdo-^y »der ilinke Vergelter«, der erste Beamte des 

Höllengottes. 

87. Jjj^ ^^ ^ Ti-tsdng-iDdfigj Gott der Unterwelt (buddhistisch). 

Die Könige der 10 Höllenregionen: 

88. ^ j^ £ Ts'in-kuäng-wdng. 
^^' ^ I^ i CKu'kiäny-icdng. 
^^- ^^^ Sung-H-wdng. 

91. "^ ^ i Wü'kuäu'wdng, 

92. ^^i Y^^ld-wdng, 

93. "K ^|j( ^ Pien'cKeng-wdng, 

94. ^ li| i Tdi-sMn-wdng. 

95. ^^ ^^ ^^ Ping-tefig-wAng. 

96. 1^ "rfj i Tu'Shi'wdng. 

97. ^ 1^ ^ Chuhi-lun-icang, 

Die Trabanten der 10 Höllenkönige: 

98—99. ^ J^ 3E — ' ^ ^ W '^^'^n-f^^^-'^^rig yih'tiM tsimig-hiän, die 
beiden Trabanten des Ts*in-kuäng-wang. 



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- 31 - 

00—101. ^ */X i H ^ ^ ^ CKu-Jcißmg-wäng Srl-HSnisiäng-kuän, die 

beiden Trabanten des Ch*ü-kiäng-w^ng. 
02—103. ^^ ^^ ^ ^ "j^ Süng-H-tcäng sän-tuln tsiäng-kuän, die 

beiden Trabanten des Süng-ti-wang. 
04—105. '^ ^ 5 P3 ^ ^ W ^^'^^»''^^^9 si'tien tsiäng-kmn, die 

beiden Trabanten des Ngü - kuän - wäng. 

06—107. ^ ^ 3E 3i ^ ^ W ^^•^''^^^ ngii'ti^ tsiäng-kuän, die 

beiden Trabanten des Yen-16-wang. 
08—109. "1^ ijjt 5 ;a> 1^ ^ 1^ Ben'cKSng-wdng liüh-tiäi tsiäng - kuän, 

die beiden Trabanten des Pien-ch*eng-wang. 
10—111. ^ li| i -t ^ ^ "^ Tdi-shän-ucäng tslh-tiäi tsiäng-kuän, 

die beiden Trabanten des T*ai - shän - wäng. 
12 — 113. ^^ i A ^ ^ 1^ Fing-teng-wdng pah-tUn tsiäng-kuän, 

die beiden Trabanten des P*ing-teng-wäng. 
14—115. 1^ "rfj i ;^ ^ tI^ "^ Tü'Shi'wäng ktü-iiäi tsiäng - kuän , die 

beiden Trabanten des Chuen-lün-wÄng. 
16 — 117. ^ ^ i -f- ^ ^ "^ Chidn-ltm-wäng shih-HM tsiäng-kuän, 

die beiden Trabanten des Tü-shi-wäng. 
18. |Wm fJH H6-län, der oberste Befehlshaber der niederen Hüllenmächte. 
19—122. ^ ^ TsdO'li, 4 Gerichtsdiener. 
23. ^ -y* -^ Kuä't^'shdu, 2 Henker. 

•^5- ^ Ü M ^ Ym'Ch'äh'Stü-Hng ) Höllenthor be- 



' wachen. 

V. Gotter der Litteratur. 

26. ^ |§ *ip* ^ W^'cKäng ti-ktün, Schutzgott der Litteratur. 

27 — 128. ^ 1^ Ä "?* Wi^-cÄ*ön^ /*ö>i^- tot, dienende Knaben des Vorigen. 

29. ^ ;^ "j Kvän fü'tsi, »»der Philosoph Kuan«, der Kriegsgott Kuän- ti 

in seiner Eigenschaft als Schut^gott der Litteratur. 

30. ^ ^^ ^«ö» PHng-yS, Sohn und Begleiter des Kuän fü-tsi. 
31- M'M^ ^^^ Tsäng-y4, Gefahrte des Kuän fü-tsi. 

32. § '[(Ij j(i§^ Ltu-sien-tsiiy »der Patriarch Lift«, Schutzgott der Litteratur, 

gehört gleichzeitig zu den »acht Genien« (päh-sien). 

33. ^^ f^fjji Liii'shSn, »der Weidengott«, Trabant des Lift-sien-tsii. 

34. >^^ JJP^ Tdo'shen, »der Pfirsichgott«, Trabant des Liö-sien-tsü. 

35. y^ ^ K'uei-smgy Schutzgott der Litteratur. 



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— 32 — 

136. ^^ Chü-i, • Rotrock«, Schutzgott der Litteratur, repräsentiert zugleich 

den glücklichen Zufall im Hinblick auf dos Examen; daher das Zeichen 
pp chüny^ -bestanden«, auf der Rolle, welche er in den Händen hält 

137. ;B S^ )pA Tsieh-pdo'shen^ der Gott des Sieges (im Examen). 

VI. Gottheiten der Gewässer. 

138. >^; ^ i^ TH Yu-ti, .der grosse Kaiser YQ«. 

139. ^ Ipf ^ ^ ^ CKu'pd'fjcAng Hidng Yu, Hidny Yu, der Usurpator 

von Ch*ü (3. Jahrhundert v. Chr.), als Gott der Gewässer verehrt. 

140. ^ J^ j^ Lu Fän-küny^ als Schutzgott der Boots- und Zimmerleute 

bekannt. 
141 — 142. ^ ^ -^ Lu füTig-tsi, dienende Knaben des V^origen. 

143. 1^^^ Wu Tsi'Siü oder j^ ^ Wu Yin (lebt« im 6. Jahrhundert 

V. Chr.), als Gott der Gewässer verehrt. 
144 j^ J^ K'iüh YüAn^ der Dichter des Li-sao, lebte im 4. Jahrhundert 

V. Chr., als Gott der Gewässer verehrt. 

VH. Diverse. 

145. ^,!| jJÜ. ^ Mä-tsu-p"d {kmoy'DidX^Vi Md-ts6-p6), Schutzgöttin der See- 

fahrer und der Wöchnerinnen. 

146. «^ J^ ||5; Tsien-ü-yhi, »Tausend-Meilen- Auge-, Trabant der Ma-tsü-p'ö. 

147. lip j^ ^^ Shun-feng-erl, »das Ohr des günstigen Windes-, Trabant 

der Mä-tsü-p*ö. 

148. gj ^^ JJ^ i{f^ Chü'shPng'nidng'Tiiäng^ »die lebenbestimmende (Göttin-, 

von der die Schicksale der neugeborenen Kinder abhängen. 
149—150. ^ '^ Niu'Shi, »weibliche Boten«, 2 Trabantinnen der Chu- 

sheng - niäng - niäng. 
151 — 152. ^ Jfl^ "^ Säo-tsi^.-mu, 2 GehOlfinnen der Chu -sheng- niäng- 

niäng, welche die Kinder von der Geburt an bis zum 16. Lebensjahre 

leiten und schützen. 

153. ^ ^ Tien-kuän, Gott des Himmels. 

154. jßjg^ "g Ti-Jcuän, Gott der Erde. 

155. t4^ g Shui-kuän, Gott des Wassers. 

156. y^^ y^ -^ ^ Tüng-häi hhig-wäng, der Drachenkönig des östlichen 

Meeres. 

157. j^ y^ -^ ^^ ST'häi luny-tcäng^ der Drnchenkönig des westliclien 

Meeres. 



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— 88 — 

158. ^ 1^ ^jä 2}i Nän-häi lüng-wäny^ der Drachenkonig des südlichen 

Meeres. 

1^^- /jfi ?$ Äi 5 PM-Aii» lung-wdngy der Drachenkonig des nördlichen 

Meeres. 

160. F|1 ^ Sfi J Chüng-häi Mng-wänp, der Drachenkönig des mittleren 

Meeres. 

^^^' Mi^ ^Wl ^^'P^ fieh-kwn, Gott des Windes. 

162. ^ -pjj ^ ^ Yw-pw fim-hwn, Gott des Regens. 

163. ^ ^ 5^ ^ LH-pu fieh-kiüny Gott des Donners. 

164. ^^ 5^ ^ FÄ/i-^ fieh-kiün, Gott der Wolken. 

165. ^ ^ JQ 'jp* HiuM-fim shäng-H, »der Gott des dunklen Himmels«, 

auch 2Z ]K Jl ^m^ Hiu^'tcu shdng-H, »der dunkle Krieger«, genannt. 

166. ^H ^W" j^ C%öo Kuäng-mdngy Trabant des TGng-hai lüng-wang. 

^^^' J^ ^ ^ iTän^ tsiäng-kiün^ »der General K'äng«, Trabant des Tüng- 

hai löng-w&ng. ^ 

168. ^ "fjll Jf^ Fdn-sim'tsuy ^»der Patriarch Fan«, deifizierter Litterat des 

11. Jahrhunderts n. Chr., als Gott der Traume verehrt. 
169 — 170. f^ "lllj ^ Fan- sieh 't*üng, dienende Knaben des Vorigen. 

171. ^ ^ Hoä-fö, berühmter Arzt des 2. Jahrhunderts v. Chr., als Gott der 

Medizin verehrt. 
172 — 173. ^ ^ -^ Hod-füng-tsi, dienende Knaben des Vorigen. 

174. B§ tJC y^ y\. Lin'Shui'fü'jM, Göttin des Wassers, aucli -^ y^ /^ 

Km fü'jSuy »Frau Kin«, genannt. 

175. P^ -jjC y^ ^ Lin-shüi'/ü'jAiy Göttin des Wassers, auch ^ y^ ^ 

CKSn fü'jSn^ »Frau Ch*^n«, genannt. 

176. R§ tJC 5^ ^ lAn-shui-fü-jäi^ Göttin des Wassers, auch ^p ;^ ^ 

lÄ fü-jSny »Frau Li«, genannt. 

177. ^ -^ fl Chdo Tsi-lüng oder ^ ^ CMo Yiin, ein Kriegsheld aus 

der Zeit der drei Reiche (3. Jahrhundert n. Chr.), wird in den Tempeln 
des Kriegsgottes verehrt. 

178. ^^ CÄan^ Shun oder gg ^ CMng Stün, ein Held aus der Zeit der 

T*äng- Dynastie. 

179. g^ ^^ AM y«2an, ein Held aus der Zeit der Tang - Dynastie. 

180. U^ ;SI^ ^ I^ Tsi-gufiy Begleiter des Chäng Shün. 
181- W M^ ^ Wän-ch'ün, Begleiter des Hiü Yüan. 

W. Grube. 



M. f. V. 3 

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Von der jüngsten Durchqueriing Afrikas. 



Dem Bahmeskranz der deutschen Afrikaforschung ist mit der erfolg- 
reichen Durchqnerung des dunklen Weltteils von Ost nach West durch den 
Grafen von Götzen ein frisches, uuverwelkliches Blatt hinzugefügt worden. 
Trotz der überraschenden Schnelligkeit der Reise — die Expedition nahm 
nur elf Monate in Anspruch — sind die Resultate in geographischer, 
geologischer, botanischer und nicht minder in ethnologischer Beziehung 
von hohem Wert und grosser Bedeutung. Besonders gilt dies für den 
Teil der Reise zwischen dem Kagera und dem obern Congo, wo mit der 
Erschliessung des sagenhaften Landes Ruanda wiederum ein weisser Fleck 
auf der Karte von Afrika getilgt worden ist, nachdem Stanley jenes ge- 
heimnisvolle Land in weitem Bogen umgangen hat und 0. Baumann nur 
knapp in die Grenzproviuz gelangt ist. Mit der Entdeckung und teil- 
weisen Befahrung des Kivn-Sees und der Besteigung des thätigen Virunga- 
Yulkans der vielbesprochenen Mfumbirogruppe ist die Erforschung des 
grossen centralafrikanischen Grabens bis auf einen räumlich geringen 
Teil, nämlich die Yerbindang zwischen Eivu-See und Tanganyika ent- 
gültig durchgeführt worden. 

Die Schnelligkeit der Reise und das Vorwalten des geographischen 
Interesses hat es mit sich gebracht, dass die Ethnographie nicht in dem 
Masse berücksichtigt werden konnte wie Graf Götzen es wohl selbst ge- 
wünscht hätte, umfangreiche, besonders aber systematisch angelegte 
Sammlungen lassen sich nur durchführen bei der Müsse eines längern 
Aufenthalts an ein und derselben Lokalität; ein unaufhaltsames, eiliges 
Weitermarscbieren ergiebt meist nur die flüchtige Gelegenheit, dem 
Reisenden ein vereinzeltes, dem Zusammenhang des ethnographischen 
Gesamtbildes entrissenes Stück in die Hände zu spielen. So sind denn 
auch die Sammlungen des Grafen Götzen unvollständig und lückenhaft 
geblieben, nichts destoweniger aber stellen sie für Ruanda und das 
westlich davon sich erstreckende Hügelland Butembo eine äusserst wert- 
volle Bereicherung der Schätze des Museums für Völkerkunde dar, dem 
Graf Götzen in anerkennenswerter Munificenz seine ganze Sammlung als 
willkommenes Geschenk kürzlich zu überreichen die Liebenswürdigkeit 
gehabt hat. 



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— 35 — 

Die Sammelthätigkeit des Reisenden setzt erst io der Landschaft 
Meatu im östlichen Ussakuma ein. Das Museum besass aus den durch 
0. Baumann zusammengebrachten Sammlungen des deutschen Antisklaverei- 
Komitees bereits ein Paar jener alten Wataturu-Speere mit ornamentiertem 
Blatt und verziertem Schaft, die in Baumanns letztem Werke »Durch 
Massailand zur Nilquelle« p. 172 abgebildet sind. Diese Speere werden 
immer seltener und sind in den Händen der völlig versprengten Wataturu 
kaum noch zu finden. Um so dankenswerter ist die Bereicherung unseres 
Bestandes durch Graf Götzen durch einige gute Exemplare. 

Ebenfalls aus Meatu stammt eine eiserne Speerspitze, zu der ein 
Analogon aus Ostafrika im Berliner Museum nicht vorhanden ist. Sie ist 
mittelst eines Domes in den Schaft eingelassen, der in der in Ost- und 
Südafrika so sehr verbreiteten Weise durch das übergezogene Fell eines 
Tierschwanzes gegen das Aufsplittern geschützt ist, verbreitert sich dann 
zunächst zu einem geränderten schmalen Blatt, darauf zu einem 
sehr breiten, um dann plötzlich zu einer schlank zulaufenden Spitze 
abzusetzen. Der soeben erst aus Ostafrika zurückgekehrte Reisende 
0. Neumann besitzt in seiner Privatsammlung einige ganz ähnliche 
Stücke aus derselben Gegend, über deren wahren Zweck der Besitzer 
leider nicht unterrichtet ist. Es liegt nun die Vermutung nahe, dass 
sie, ähnlich den »Mähic genannten Lanzenspitzen des obern Nils, hier 
im Südosten des Victoria Nyansa als Wertmesser dienen oder in 
früherer Zeit gedient haben. Berührungspunkte zwischen den Völkern 
dieses Gebiets mit den Stämmen am Bahr el Gebel und Bahr el Ghasal 
sind ja genugsam vorhanden ; es sei nur erinnert an die jembe genannten 
Hackenblätter der grossen Karawanenstrasse und an den Melot (Loggo) 
der Bongo, Djur und anderen Stämme des östlichen Sudans; ferner an 
die Schlagstöcke und Parierstäbe der Dinka, die sich in nur wenig modi- 
fizierter Form bei den Wanyaturu wiederfinden, und schliesslich an die 
ganz gleiche Form der hölzernen, ausziehbaren, vergifteten Pfeilspitzen von 
kolbenförmig verdickter Gestalt, die für die Wasandawi geradezu typisch 
sind und auch bei den Bari am obern Nil so ungemein häufig auftreten. Ein 
schärferes Augenmerk auf diesen Gegenstand zu richten, wird eine dank- 
bare Aufgabe für künftige Reisende in diesen Gebieten sein. 

unter den übrigen ziemlich zahlreichen Stücken aus Ussukuma sind 
neu nur eine Kollektion von Ohrpflöcken und einige Halsketten. Die Ohr- 
pflöcke bestehen meist aus Holz, einer aus Elfenbein. Sie haben durchweg 
die Gestalt einer oben und unten konkav ausgehöhlten Scheibe von 1.5 — 3 cm 
Durchmesser; die 1 — 1.5 cm hohe Peripherie ist zum Zweck des bessern 
Haltes im Ohrläppchen ausgekehlt. Als besoudem Zierrat tragen alle auf 
einer Seite eine sorgfältig aufgelegte Platte aus dünnem Staniol oder 

8* 
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— 36 — 

Kupferblech. Die Halsketten sind Bastschnüre mit dunkelblauen und 
wasserfarbenen Glasperlen von scheibenförmiger Gestalt, dazwischen gereiht 
sind die teueren hellblauen und weissen Perlen von der Grosse und 
Gestalt eines Taubeneies. An einem andern Exemplar folgen Messing- 
perlen, walzenförmige, schwarz-weiss gestreifte Glasperlen und geschliffene 
Muschelstückchen von halbkreisförmiger Gestalt aufeinander. Die Trag- 
schnur geht durch ein parallel der geraden Kante gebohrtes Loch, für 
die benachbarten grossen Perlen sind aus dem verdickten Rande genau 
passende Lager ausgeschliffen. Bei einem weitern Stück besteht der 
ganze Schmuck aus dem auf einen Lederriemen gezogenen Boden einer 
Muschel; schliesslich kehrt auch hier die in Afrika so häufige Halskette 
mit kreisrund geschliffenen Stücken aus Strausseneischale wieder. 

Erwähnenswert aus üssukuma ist eine Tanzrassel. In Unyamwesi 
fand P. Reichard 1883 aus Kürbisschalen bestehende, Kapepe genannte 
Rasseln von der Grösse und Gestalt eines massigen Strausseneis. Diese 
Rasseln wurden in der Art verwandt, dass die Frauen sie beim Tanz 
von einer Hand in die andere warfen, wobei der aus Hirsekörnern 
bestehende Inhalt ein rasselndes Geräusch hevorbringt. Das vorliegende 
Stück ähnelt jenen Kapepe sehr, ist aber grösser und mit ca. 40 cm 
langem Holzstiel versehen, der am obern Ende der Frucht herrausragt 
Die Schale selbst ist mit zahlreichen feinen Löchern durchbohrt; den 
Inhalt scheinen, dem Klange nach zu urteilen, kleine Steine zu bilden. 
Nicht neu für das Museum, aber sehr hübsch gearbeitet ist einer 
jener in Unyamwesi nicht seltenen und auch in Üssukuma getragenen 
Kriegerkopfputze aus Grashalmen und weissen Federn. Auf einer aus 
Bast geflochtenen Miniaturkappe sind viele etwa 10 cm lange Grashalme 
mit einem Ende derart verknotet, dass sie mit jeder Formveränderung 
der Kappe auch ihre gegenseitige Stellung verändern. Im gewöhnlichen 
Zustande fest aneinandergeschmiegt eine Art Walze bildend, gehen sie, 
wenn das Käppchen durch eine Kinnschnur fest auf dem Kopf des Trägers 
befestigt wird, nach allen Richtungen divergent auseinander und bilden 
so eine Art Glorienschein, dessen phantastisches Aussehen zu erhöhen 
kleine weisse, in jede obere HalmöShung gesteckte Federn sehr geeignet sind. 
Aus der französischen Missionsstation Uschirombo im Gebiet der 
Wasumbwa, wo Graf Götzen sich mehrere Wochen aufhielt und wo er 
eine grössere Anzahl von Gebrauchsgegenständen der Wasumbwa zusammen- 
brachte, verdienen nur eine Tabakspfeife, ein aus mit Strichmustern ver- 
ziertem Kürbis bestehender Resonanzboden eines leider nicht mit ein- 
gegangenen Musikinstruments und ein Paar Armringe erwähnt zu werden. 
Diese Armringe bestehen aus steinhart getrockneter Elephantensehne, die 
zu dem Umfange eines sehr schlanken Handgelenks zusammengebogen ist. 



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— 37 — 

Sie sind durchscheinend und dienen paarweise als Jagdtrophäen, indem 
der Jäger für jeden erlegten Elephanteu sich zwei solcher Ringe um das 
Handgelenk legt. 

Hiermit verlassen wir bekanntes Gebiet und treten mit dem Reisenden 
in die unerforschten Länder jenseits des Eagera ein. Graf Götzen schildert 
das Land Ruanda als ein völlig baumloses, aber das prächtigste Weide- 
land bietende Hochplateau von 2 — 3000 m Seehöhe, wo nur die Hänge 
der tief eingerissenen Thalschluchten mit ungeheuren Bananenhainen bedeckt 
sind. Fremdartig wie die Scenerie des Landes sind auch seine Bewohner« 
Hoch oben über den Wolken, 3000 m über dem Meere, hauste der 
Beherrscher des Landes, der Kigeri Luabugiri in neuerrichteter Residenz, die 
er, ein echter Nomade, alle zwei Monat wechselt. Als unverfälschter Mhuma 
ragte er riesengleich über die Menge seines Volkes hinaus, mit den etwas trun- 
kenblickenden Augen und dem grünen Blätterkranz auf dem Haupte einem 
vom Gelage heimkehrenden römischen Imperator nicht unähnlich, wie Graf 
Götzen sich ausdrückt (Verh. d. Ges. f. Erdk. 1895 Heft 2 pg. 113). 

Aus der nur kleinen, aber wegen ihrer Neuheit wertvollen Ruanda- 
Sammlung sei hier nur das Wichtigste hervorgehoben, 

1. Das Prunkstück der Sammlung ist eio Fellschurz, wie ihn die 
vornehmen Wanyaruanda bei festlichen Gelegenheiten tragen. Der Schurz 
besteht ans Ziegenfell, reicht annähernd ein und einhalbmal um die Hüften 
und ist an einem Ende 40, am andern 25 cm breit. Am breiten Ende läuft 
der Schurz nach unten in eine Reihe 60 — 70 cm langer, aus je 2 dünnen Zie- 
genfellstreifen geflochtener Schnüre aus. umgelegt wird er so, dass diese 
Schnüre vom herunterhängen. Er ist ein Geschenk des Kigeri an Graf Götzen. 

Die Technik seiner Ausführung ist von ungewöhnlicher Feinheit 
und Eleganz. Den räumlich grössten Teil der Schurzfläche nimmt ein 
schwarz-weiss gesprenkeltes Ziegenfell ein, zwischen dessen einzelnen 
Teilen lange Streifen rotbraunen Felles eingenäht sind, so zwar, dass die 
letzteren nach beiden Enden zu spitz zulaufen. In die obere Hälfte des 
Vorderteils sind viele, je kaum 0.5 cm breite Streifchen roten Fells in 
das ebenso fein zerschnittene schwarz-weisse Fell hinein genäht. Der 
Zwirn ist tierische Sehne, die Nath tadellos. 

2. Kriegskopfschmuck der Unterführer. Kopfring, aus gebleichtem 
und geschwärztem Bananenblatt sauber und regelmässig geflochten. Darauf 
schräg nach aussen und oben ragend zwei aufeinanderruhende Lagen von 
2 — 2.5 cm langen Rohrenden, deren obere Öffnung mit je einer schwarzen 
Frucht verschlossen ist. 

3. Leibgurt der Wanyaruandaträger. Gedrehte Bastschnur, 1.60m lang, 
aufgereiht darauf je 1 — 2 cm lange Stückchen von Stachelschweinborsten. 

4. Drei Unterleibsschnüre eines in dem Nachtgefecht am* Kivu-See 



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— 38 — 

(a. a. 0. pg. 114) gefallenen Mhuma. Um einen Kern von Gras oder 
Palmblatt ein feines Geflecht von Palmblattstreifen. 

5. Halskette aus kreisrund geschliffenen Schalstückchen einer Muschel. 
Ähnliche Halsketten finden sich im ganzen Zwischenseeengebiet wieder 
und sind besonders häufig bei den Stämmen am obern weissen Nil. 

6. Mehrere Schmuckstücke für den Hals, auch in Urundi häufig. 
An einem Lederriemen, der in einem Fell nach unten in eine wirre Masse 
geflochtener Fransen ausläuft, ist die zierlich zugeschliffene Spitze eines 
Elephantenzahns, oder der zabearbeitete Zahn eines Flusspferdes, oft auch 
der Hauer eines Warzenschweins befestigt. 

7. Drei hohle, mit schwarzer Masse gefüllte, schlanke Eisentrichter 
von 7 — 10 cm Länge. Oben endigen diese in einer Öse, vermittelst 
deren sie aufgereiht als Amulet um den Hals getragen werden. 

8. Zwei Amulette eines in dem erwähnten Nachtgefecbt erschossenen 
Mhuma. Das wirksame Prinzip des Amulets ist eine schwarze, feinkörnige, 
fettig sich anfühlende Masse mit starkem Geruch, die in Eiform in Ficus- 
bast gehüllt ist. Dieser Bast wird an den Enden des Ballens durch Raphia- 
bast zu einer Schnur zusammengefasst und läuft als solche um den Hals 
des Trägers. Im Museum existiert bis jetzt nichts ähnliches. 

9. Langgestieltes Haumesser, 87 cm. lang. Der Griff ist ein Holz- 
cylinder, der in hoher technischer Vollendung mit abwechselnden Spiralen 
von vierkantigem Eisen- und Kupferdraht umwickelt ist. Der lange Stiel 
ist sechskantig, im Querschnitt höher als breit zur Erhöhung der Wider- 
standsfähigkeit beim Hieb. Am Schlagende geht der Stiel in eine stark- 
rückige Messerklinge über, die zunächst nach vom gebogen ist, aber plötzlich 
zurücktritt und in Sichelform endet. Nach übereinstimmenden Angaben 
von 0. Baumann (a. a. 0« pg. 84) und Graf Götzen ist das Messer bei 
den Wanyaruanda allgemein im Gebrauch ; Baumann hatte schon bei seinem 
kurzen Aufenthalt an der Grenze Gelegenheit, sich davon zu überzeugen. 

Die Form dieser Hiebwaffe wiederholt sich in Afrika mehrfach. 
Aus Nkole (Ankori) besitzt das Museum ein ähnliches Stück als Geschenk 
des Grafen Schweinitz und ein fast genau gleiches ist ein Geschenk des 
Majors von Wissmaun, das von den Wakinga am Nordende des Nyassa 
stammt. Im Grunde genommen ist auch das Hackmesser der Eonde am 
Nyassa nichts anderes als diese Waffe, eine Vorrichtung zum Schneiden 
und Aufreissen der Wunde zugleich. 

Als letztes Stück aus Ruanda sei ein vom Sammler als Frauenkopf- 
schmuck bezeichneter Messinggegenstand erwähnt, der jedoch in Form und 
Technik soweit von allem Afrikanischen abweicht, dass vorläufig an seiner 
Authenticität starke Zweifel obwalten müssen, wenn auch andrerseits 
nicht geleugnet werden kann, dass, wie das Haumesser zeigt, das technische 
Können der Wanyaruanda auf einer hohen Stufe steht. 



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- 39 — 

Mit dem Aufstieg aus dem grossen Graben nach Westen verlassen 
wir Ostafrika und treten in das Stromgebiet des gewaltigen Congo ein. 
Ethnographisch macht sich dieser Übergang dadurch bemerkbar, dass hier 
in Butembo die Bogensehne aus Rotang zum ersten Male auf dem Weg 
nach Westen auftritt. Butembo ist nach Graf Götzen ein infolge der 
Manyema-Razzien dünnbevölkertes Land, dessen Bewohner sich scheu zu- 
rückhielten. Es war somit schwer, über die anthropologische Stellung der 
Watembo ein Urteil zu gewinnen. Aus der übereinstimmenden Kleinheit 
des Wuchses der Walegga und Watembo scheint Graf Götzen geneigt, 
beide zueinander zu rechnen, womit allerdings nur soviel gewonnen wäre, 
dass man die Watembo den von Stuhlmann so benannten Waldbantu zu- 
zuzahlen hätte. Der Verbreitungsbezirk der Wahuma scheint in Ruanda 
endgültig seine westliche Grenze gefunden zu haben, wenigstens spricht 
Graf Götzen in Butembo nicht mehr von jenen auffallenden, schlanken 
Gestalten, die für das ganze Zwischenseengebiet so ungemein charakteristisch 
sind. Ethnographisch liegen noch mehrfach Berührungspunkte mit 
den östlichen Völkern vor, wie aus der Form einiger Schmucksachen 
hervorgeht. Dagegen ist alles übrige westafrikanisch: die Bogensehne 
aus Rotang, das Holzgefäss mit dem aus dem Vollen geschnitzten 
Stiel, schliesslich ein Paar mehrspitziger WurfwafiFen. Diese sind von 
Graf Götzen als Speere zum Rattenfang bezeichnet und bestehen aus 
einer ursprünglich etwas über meterlangen Raphiablattrippe als Schaft, 
dem in einem Fall 2 mit je einem Widerhaken besetzte Eisenspitzen, im 
andern 3 mit je 2 ausgeschnittenen Widerhaken versehene Holzspitzen 
eingesteckt sind. Besonders die letztgenannte WafTe erinnert stark an die 
dreispitzigen Fischpfeile der südlichen Zuflüsse des Congo. 

In dem grossen centralafrikanischen Urwald hat der Reisende, wie dies bei 
der gänzlichen Entvölkerung dieses Gebiets infolge der Araber- und Ma- 
nyemazfige zu erwarten war, nichts gefunden als ein paar gewebte, buntge- 
musterte Stoffe aus Raphiablattstreifen, die in der Manjema-Ansiedlung des 
Kaware- wäre mitten im Urwald auf einheimischen Webstühlen gefertigt worden 
sind. Sie gleichen auffallenderweise den Stoffen aus Kamerun aufs Genaueste. 

Mit dem Betreten der Ufer des Congo hatte die Expedition ihre 
Forschungsmission erfüllt, reiste sie doch von da an unter Verhältnissen 
weiter, die regelmässige Darapferverbindung bis zu den Stanleyfällen auf- 
wärts aufzuweisen haben. Dennoch rühren vom Mittellauf des Congo 
noch ein paar Stücke her, von denen besonders das eine von hohem Interesse 
ist. Es ist dies eine Summe Geldes, dargestellt durch 10 offene Kupfer- 
ringe, die an drei an ihrer Innenseite laufenden Holzstäbchen derart mit- 
einander verschnürt sind, dass das Ganze ausserordentlich handlich und 
jedenfalls zweckentsprechend ist. K. Weule. 



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Anthropologisches Stiftungsfest. 



Seit dem Erscheinen des ersten Heftes (vom »Ethnologischen Notiz- 
bkttt) hat die 25jährige Stiftungsfeier der Gesellschaft für Anthropologie, 
Ethnologie nnd Urgeschichte stattgehabt, worüber der anschliessende Bericht 
in der Zeitschrift für Ethnologie veröffentlicht ist (Nov. 1894). 

Die historische Verknüpfung der Anthropologischen Gesellschaften 
Deutschlands mit den Internationalen Gesellschaften ist in der Festrede 
bei der 25jährigen Stiftungsfeier von dem dieselbe als Vorsitzendem 
leitenden Ehrenpräsidenten dargelegt, von demjenigen also, dessen that- 
kräftigem Eingreifen dieser Erfolg, — wie alles, was weiter daraus für das 
Vereinsleben gefolgt, — vornehmlich zu danken ist, in Geschichte der An- 
thropologie und (Vorgeschichte der) Ethnologie, die am Stamm ihrer früher, 
und (weil in fertig bestehender Fachdisciplin) vom Beginn ab (unter medizi- 
nisch sachkundiger Hut) gesichert bereits begründeten Schwester sich empor- 
gerankt hat; und ihres eigenen Besten wegen wohl tbun wird, diese 
innige Einigung zu bewahren, auch wenn für den Umfang ihrer Spezial- 
arbeiten die so bezügliche Ablösung ermöglicht scheinen sollte (nachdem 
für eigene Selbstständigkeit deren Lehensfahigkeit sich erprobt haben wird). 

Wie das rasche Gedeihen der anthropologischen Congresse aus dem 
damaligen Zeitbedürfnisse hervorgerufen wurde, so schwebte gleichzeitig 
Mancherlei sonst in der Luft, wodurch ethnologische Vorausahuungen 
eingeatmet wurden, und bei den GoUoquien im Kreise der sog. »Kleinen 
Geographiec war (nach Begründung einer geographischen Sektion auf 
der Naturforscher -Versammlung zu Breslau) unter den Mitgliedern der 
hiesigen »Gesellschaft für Erdkunde« (bei damaligem Vorsitz) die Abzwei- 
gung einer ethnologischen Filialgesellschaft zur Besprechung gekommen, 
als im Jahre 1868/69 die Herausgabe der »Zeitschrift für Ethnologie« 
in Überlegung genommen wurde. 

Als indes das auf der Naturforscher- Versammlung zu Innsbruck erlassene 
Programm mit Ausschlag gebender Entscheidung die Zeitfrage formuliert 
hatte, geschah der Anschluss der in geographischen Kreisen dafür 
Interessierten um so selbstverständlich naturgemässer, da an der Spitze 
des Aufrufs neben dem künftigen Vater der deutschen Gesellschaft für 



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— 41 — 

Anthropologie auch der Bibliothekar der Gesellschaft für Erdkunde genannt 
stand (anter den bei der Entschlnssfassung AnwesendeD). 

Nachdem eine Kommission niedergesetzt war zur Beratung der 
Statuten (Yirchow, Steinthal, Eoner, Kiepert, Hartmann, Braun, Beyrich, 
Bastian), Hand dann die Konstitutions-Sitzung statt (Nov. 17) zur Wahl 
des Vorstandes^); der die des Ausschusses folgte im Dezember (cf. Zeit- 
schrift für Ethnologie, Bd, I, 1889, S. 400). 

Die Monatssitzung (Dez. 11) wurde durch einen Vortrag des Vor- 
sitzenden eingeleitet und mit der Wiedergabe begannen dann die fortlaufen- 
den Referate Bd. I, (S. 480). 

Der rasche Aufschwung, den neben den anthropologischen Studien (mit 
ihrem Anschluss an die prähistorischeu) auch die ethnologischen sogleich 
gewannen, beweist ihre in die Zeitbedürfnisse eingeschlagene Wurzel, 
wie sich bei einem Überblick der Neugeschichte ohnedem aus der Sach- 
lage selber erklärt, unter den durch historische Entwickelung geschürzten 
Konjunkturen. 

Eine weltgeschichtlich kritische Epoche spitzt sich zu im Heute, am 
»fin de siecle« ; am Ende unseres unter dem Abendschatten eines Ragnarökr 
gleichsam umdämmerten Saeculum, da mit derartigem Auslauf der stets 
durch die Gefahren eines Umsturzes bedrohte Übertritt aus einem Zeitalter, 
das als Tcrgangenes zurücksinkt, in das neue, aus der Zukunft Schoss 
emporsteigend, sich zu vollziehen hat. 

Solches Schicksalsloos ist den »homines hujus aetatisc (in mitlebender 
Generation) zugefallen, aus dem Abklingen ihres im tuskischen Sinne (als 
Menschenalters) gefassten, »Saeculums«, das bei Erneuerung der »ludi saecu- 
lare8€(8.Festus) auf »centam annorum spatium« (saeculum habetur) berechnet 
wurde, das aber für die Gegenwart seit der dieNeuzeit herbeiführenden Doppel- 
reyolntion des Entdeckungsalters datiert, also etwa 3 — 4 Jahrhunderte. 

Damals als der komparativen Forschungsmethode ihr Arbeitsmaterial 
zusammenströmte, konnte zum ersten Male, so lange auf dem Planeten Tellus 
die Bühne der Menschenwelt aufgeschlagen steht, praktischer Ernst gemacht 
werden (beim Überblick des Globus) mit der von der Induktion angezeigten 
Methode, im Unterschied von (oder im Gegensatz zu) der deduktiven Ver- 

*) Virchow, Bastian, Braun, Hartraann, Kunth, Voss, Deegen (cf. Z. f. E. 1869). 
Der Vorsitz ist ein permanenter verblieben, indem nur um der statutarischen Forma- 
litäten wegen, wodurch nach drei Jahren ein Wechsel vorgeschrieben ist, die Wahl meiner- 
seits angenommen wurde (in den Jahren 1873, 1876, 1880), und als, unter den amtlichen 
Gesch&ftsbeziehungen zu der Gesellschaft (betreffs ihres Einzugs in das Museum), ein 
Aasscheiden ans dem Vorstand bedingt war, trat Bejrich ein (1884), dann Reiss (1887) 
und (wie gegenwartig) Waldeier (1892), während dazwischen Virchow, der geborene 
Vorsitzende unserer Gesellschaft, fungierte (1869-1872, 1878—1875, 1876—1879, 
1680—1883, 1885-1887, 1889--1890, 1893-1895), 



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— 42 - 

fahrungsweise, unter deren Maximen sich die Geschichtstragödie des 
Kulturvolkes abzuspielen pflegt (innerhalb zugehörigen Orbis terrarum oder 
seines Heimskringia). 

Als (in Epakme kulturellen Wachstums) die höchste (aber schon 
bald bereits die Symptome vergreisender Parakme bekundende) Akme ihre 
Blüten entfaltete (in der Klassicitat), kam mit Plato's dichotomischem 
Urteil unabgeschwächt die Deduktion zum Ausspruch, mit den Beden 
seines Xdyog (an Stelle eiuer dnSipavaiQ)^ um durch kühn spekulative Flag- 
versuche hinüberzuflüchten in idealistische Höhen des Jenseits (in die 
durcb der Dhyana Kunst erreichten Rupaloka, im Buddhagama). 

Der Wunsch war Vater »to the thoughtt (oder der Tbat), aber der 
materielle Niederzug leider stärker, im Leid des Lebens, und so um dem 
(roh und barsch seine Anerkennung fordernden) Sachverhalt Rechnung 
zu tragen, gelangte Aristoteles auf die, mit Stolz als die seinige gerühmte, 
Erfindung des Syllogismus — {nepi de rou (foXXofi^eal^eu nayreXüx; odSku aus 
Vorzeit der Sophoi oder Sophisten und Philosophen) — , und zwar 3cä r^ 
iitaYorf^Q, also kraft eines Vermittelungsversuches mit der Induktion, der 
allerdings, weil damals zeitgemäss, sich lebenskräftig erwies, denn seine 
Herrschaft (obwohl uach Cartesius' Vorgang von Locke angezweifelt) hat 
in der Hauptsache (abgesehen von der Controverse über die »Qnantification 
of the predicatec, unter dem Prioritätenstreit zwischen Bentham und Ha- 
milton) fortgedauert bis zum heutigen Tag, da unter den von dorther ent- 
nommenen Diktaten, aus den Schuljahren der Jugend, zum Weben und 
Wirken in der sozial umgebenden Atmosphäre, wir alle noch erzogen 
sind, die gemeinsam miteinander durchlebt haben, wie diese seitdem durch 
den Zeitgenius (das »saeculi ingenium«) induktiv durchhaucht worden ist 
und so für ihre psychischen Bedürfnisse materieller gesättigt psychische 
Speisung verlangt, (als durch meta- physisches Luftgebäck). 

Und daher nun also die Konflikte einer als zerrissen empfundenen 
Weltanschauung (»doppelter Buchführung«). Keine Halbheit kann nützen, 
im Schwanken zwischen Fisch und Fleisch, am wenigsten bei Durchein- 
anderrechnen zweier Methoden, die, diametral entgegengesetzt, sich wechsels- 
weis aufheben in allen Denkoperationen, die eine addierend, die andere 
subtrahierend (progressiv und regressiv), obwohl sie anderseits gmde des- 
halb wieder trefflichst sich geeignet zeigen, um miteinander prüfende Kontrolle 
zu üben, wenn, getrennt marschierend, es vereint zu schlagen gilt, unter 
Abschluss des (in den Xenien noch als zu früh erachteten) »Bündnisse 
zwischen Idealisten und Realisten, im Humanismus, (wie bei der »Erziehung 
des Menschengeschlechtsc) zu pflegen. Und deshalb: klar deutliche 
Scheidung fortab (für »die Restauratio magna«, die bevorsteht), damit An- 
schluss der ethno-noetischen Psychologie an die Reihe der übrigen Natur- 



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— 43 - 

wissenschafteu Garantie gewährleistet ist gegen jene Verluste, die durch 
materialistische Versumpfung temporär gefürchtet waren, von den übersinnlich 
Verfeinerten (oder, bei Masshalten in der Reinzüchtung, rationellerweis Ver- 
edelten). 

Perfekt geworden auf pythagoräischer Rechentafel, durch Übung an 
den Elementar-Unterlagen, wie durch die Wildstamme geboten, wird [in 
die geistige Sphäre (oder Atmosphäre) der Kulturvölker übertretend] das 
logische Rechnen jetzt bald zur Erfindung einer »höheren Analysisc (für 
Bemeisterung der Variationen und Fluxionen, im Infinitesimalcalcal) ge- 
langt sein, um auch den schwärmerisch ausschweifendsten Sehnungen gerecht 
zu werden, und sie nach hygienisch erprobten Grundsätzen aufzufüttern, 
(gesundheitlich normal). 

In der vorläufig verbleibenden Zwischenzeit eines, seine kritische Ent- 
scheidung annähernden, Übergangszustandes wird es nun freilich ohne 
Konflikte und Kontroversen schwerlich abgehen können. Davon gellen die 
Ohren, von den Schlagworten anarchistischer Gedankeuvertakelung, die 
je wilder hin- und herfahrend, im heiss erbitterten Streit der Parteien, 
desto wirriger zu jenem Knäuel sich hineinverstricken, das dem an Lösung 
des gordisch geschürzten Knotens verzweifelnden Pessimisten zum Hänge- 
strick dienen kann (für seine »Verneinung des Lebens«). 

Im Vertrauen indess auf unseres Kosmos harmonische Gesetze darf an 
dem Hoffnungsanker festgehalten werden, dass es schliesslich so schlimm nicht 
(und vielmehr besser) werden wird, in der Fülle der Zeit, die, nach dem 
beschleunigten Tempo der Elektrizität und Dampfkraft rasch heran- 
reifend (im internationalen Verkehr), allüberall in fröhlichen Knospen aus- 
schlägt auf ethno-anthropologischem Arbeitsfeld, so dass bald die Ernte 
fertig stehen wird, in voller Pracht (mit Annäherung des Reifezustandes 
für den Krystallisationspunkt). 

Auch anbetreffs solch ethno-anthropologischer Forschung erheischt 
momentan eine trennende Streitfrage ihre Erledigang über die richtige 
Behandlungsweise, welche wir dem »genus humanum« anzugedeihen lassen 
haben werden, um, seit seiner Umschau durch Raum und Zeit, das in der Ferne 
Erschaute durch Überführung in deutliche Anschauungsbilder bekannt 
zu machen (und im Besitzstand des Wissens zu inventarisieren), um also an- 
schliessend sodann aus der Menschheit Bild auf den Menschen zu kommen 
(wie er selber sich versteht). 

Es handelt sich dabei zugleich um das, was über »Einteilungsweisen c in 
polemischer Fehde umstritten wird, von schlagfertigen Kämpen in feind- 
lich gegenüberstehenden Lagern, ohne dass jedoch vorher die nächst- 
liegende Vorfrage eines »Gui bono« in Betracht gezogen zu sein scheint 
(anbetrachts einer Einteilung überhaupt). 



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- 44 - 

Sobald, durch Ausspruch fachmännischer Autorität, die (wie physische, 
auch psychische) Gleichartigkeit des Menschengeschlechts einheitlich fest- 
gestellt ist, als durchgängig gültig anerkanntes Dogma, kann von einer 
Einteilung nicht wohl mehr die Rede sein. Die Eins, qua Eins, wenn 
als logischer Ansatzpunkt konstituiert, lässt sich nicht wieder ein-teilen 
(weil sonst in Negation sich selbst annullierend), obwohl in Bruch- 
stücken zerteilbar, wie tautologisch schon besagt, durch den Lehrsatz der 
Identität, so oft; das Ganze seinen Teilen gleichgesetzt wird. Der An- 
thropologie, als zu naturgeschichtlicher Mitarbeit berufen, waren ihre Ein- 
teilungspläne nahe gelegt durch Hinblick auf Pflanzen- und Thierreich, 
wo indes die Analogie auf die Species oder Art führen würde, und wenn 
die Botanik auf schwankende Varietäten, und die Zoologie z. B. in ihrer 
Klassifikation aus den Felidae auf Felis leo gelangt ist, hört weitere Ein- 
teilung damit auf, im Zurücktreten vor lokalen Schlägen (im landwirt- 
schafilichen Sinne), zur Konstatierung thatsächlichen Sachverhalts (für 
die Umzeichnung geographischer Provinzen). 

Wie immer die Species sich mit ihrem Genus oder den Variationen, je 
nach der Fassung, abfinden mag, bleibt der unter den hinzugetretenen 
Transmutationen wandelnden Betrachtungsweise vorläufig noch überlassen. 
Immerhin darf jedoch der Kampf zwischen Polygenie und Monogenie 
für die letztere als entschieden gelten, seit jenem blutigen Bürgerkrieg, 
in welchem, eines blutsverwandtschaftlichen Prinzipes wegen, viel Blut 
geflossen ist. 

Der Wildling, seinem endemischen Boden (mythologisch) entsprossen, 
ist sich selbst der Mensch (wie meist iin Stammesnamen schon ausgedrückt), 
und was als Alienigena eines befremdlich fremden Feindes unter Wald- 
teufeln und Nichtmenschen (oder Amanut), in mehrweniger menschenähn- 
licher Gestalt, in der Nachbarschaft haust und dort umherspukt, er- 
hält keine Gleichberechtigung, sowenig wie (in gleich schroffer Versagung) 
das Barbarentum im hellenischen Selbstgefühl, und den aus (Zipangu^s) 
Indiern missverstandenen Indianern musste das Patent einer »gente de 
razonc durch infallibles Decret erst ausgestellt werden, obwohl sie auch 
dann noch der Ehrenrechte entkleidet blieben — vom Inquisitionsgericht 
gerichtet zu werden — ohne Aussicht also auf aktiv persönliche Mitwirkung 
am Pomp eines Auto-da-fe, um seiner Illumination (im Holocaust) Ver- 
brennungsstoff zu liefern (in »gloriam domini«). 

Zu erster Einteilung boten sich die den Augen auftreffenden Färbun- 
gen, im Augenschein des weissen Menschen, bei Hinblick auf den schwarzen, 
seinen hamitisch verstosseneu Bruder, dem allmählich allerlei Gevatter 
(in Vetterschaft) sich anhängten, rot, braun, gelb (und nach den Detaillie- 
rungen der Parbenskala weiter). Im Grunde war hiermit dem Einteilen 



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— 45 — 

Dicht viel geholfen, ausser zum objektiven Referieren des Thatbestan- 
des (da der kausale Einblick in die Wirkungsweise des Milieu noch 
entfiel). 

Was mit Haaren (lockend verlockend) sieb lockt und kräuselt (unter 
ülotricben) oder scblicht verbleibt (bei Lissotricben), wäre durch histolo- 
gische Mitwirkung zu schlichten, und wenn die rhinale Protuberanz (im 
„Index nasalis*') zum principium divisionis gewählt werden sollte, hätte 
(unter Lang- und Eurznasigen) die Ästhetik sich zugleich mit den in 
ihrer Blütezeit gefeierten Stumpfnasigen abzufinden (für naseweise Fragen). 

Auf substantiell unterbreitetes Arbeitsmaterial dagegen basiert die 
kraniologische Einteilung, die providentiell gewissermaassen bei der unter 
den Skelettstücken gebotenen Auswahl die cerebrale Bedachung bevorzugt, 
in den [seit den Decaden (1790) Ende vorigen Jahrhunderts] gemehrten 
Musterwerken, und deren aus vollberufener Meisterhand dem Aufbau einge- 
fügten E^cksteinen (in steter Mehrung noch begriffen). 

und daneben begann nun die Linguistik zu reden, mit einer aus 
philologischer Quelle geschöpften Gelehrsamkeit, unter stetiger Erweiterung 
durch polyglottisch verschiedene Zungen, denen dann die Theorien leicht 
auf der Lippe lagen (zum Anschmiegen der Hypothesen an veilLndernden. 
Thatbestand). 

Durch diese beiden Einteilungsweisen, die kraniologische und lin- 
guistische sind (zumal in gegenseitiger Ergänzung miteinander) vornehm- 
lich zuverlässige Resultate beschafft bei dem, was zur Vorfrage steht in 
Anthropologie und Ethnologie, den aus gemeinsamer Wurzel hervorge- 
sprossten Stammesstützen, worauf ein neuer Forschungszweig in der »Lehre 
vom Menschenc sich zu entfalten bat. 

Allerdings kommt dafür jedoch zunächst in Überlegung, wie und wo die 
Verwendung in Arbeitsteilung miteinander Platz zu greifen bat. Mit wert- 
vollsten Eeimanlagen für Bereicherung des Wissensschatzes geschwängert, 
wo auf topographischem Terrain dafür geschürft wird, müssten Theorien, 
wenn zu Spekulationen über Entstehung des Menschengeschlechtes ver- 
flüchtigt (in den von Bacon schon abgewiesenen Finalfragen) eher sich 
hinderlich erweisen, sofern in vorschnellen Satzungen, aus temporären 
Elinteilungsmethoden, trennende Schranken zwischen schiebend, die bei 
fortgemehrter Kenntnis des Sachverhalts dann erst wieder wegzuräumen 
wären, um objektiv freie Umschau nicht zu beeinträchtigen. 

Wenn auf amerikanischer Insel (Hayti und San Domingo benannt, 
im beimischen oder ausländischen Tonfall) eine afrikanische Bevölkerung 
den Jargon europäischer Sprachen redet, oder der Anglo-Sachse die 
seine auf Britanniens keltischem Boden, mit gallisch-französisch-normannisch- 
romanischer Zuthat, bleibt die Entscheidung, wohin zuerst zu lauschen, eine 



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— 46 — 

(für allgemeine Übersicht) derartig intricate, um die Verschiebung auf 
monographische Spezialstudien Yorziehbar zu empfehlen. 

Als in die von Blumenbach entworfenen Allgemeinumrisse der Kranio- 
logie unter Mehrung des Materials, zu schärferer Detaillierung desselben, 
die Komplikationen nach Retzius^ System hineingetragen wurden, kam 
allzu offenkundig das Disparateste durcheinander, als dass unter sobezüg- 
licher Inkongruenz an eine Verwendung zum Einteilungsprinzip gedacht 
werden konnte, da ohne irgend praktischen Nutzen, um die Ansichten 
über die Verteilung des Menschengeschlechts zu klären, vielmehr Ver- 
wirrung angestiftet worden wäre (durch Verschiebung der richtigen 
Perspektiven). 

Ähnlicherweise könnte man, wie hier die körperliche Einhehausung, 
was von bewohnlicher bekannt geworden, in Hausmodellen zusammen- 
stellen, etwa vierekigen, rechteckigen, rundlichen u. dei^l. m., wie in 
mehrweniger entsprechenden Formeu aus allen Kontinenten bekannt, und 
wenn für die Geschichte der Architektonik vergleichungsfähiges Arbeits- 
material allenfalls daraus zu entnehmen wäre, bleibt es dembezQglich zur 
Verfügung gestellt. Für ethnographische Völkerverwandtschafl dagegen ge- 
winnen die Studien über den Hausbau ihre (ergebnisreichst erwiesene) 
Bedeutung erst dann, wenn sie in den Grenzscheidungen zwischen 
schwäbischen, fränkischen und baierischen Hausbau etc. auf dortige Be- 
rührungspunkte kommen, und auf die topischen Bodenverhältnisse, die 
dafür unter (klimatisch) geographischen Bedingnissen (mit Rückblick auf 
die, gleichzeitig, geschichtlich eingeleiteten Verschiebungen) zur Aus- 
wirkung gelangt sind, so dass hier wiederum die Gesichtspunkte der 
geographischen Provinzen (innerhalb der in historischer Umgebung 
schwankenden Peripherielinien des Horizontes) als ausschlaggebende reden, um 
(mit zunehmender Erhellung) die den Fragestellungen bedürftigen Antworten 
zu gewinnen (und also den Wissensschatz durch positive Bereicherungen 
zu mehren). Und so sind die Meisterwerke kraniologischer Fachdisziplin 
aus Benutzung des auf deutlich umschriebenem Areal vorliegenden Materiales 
ans Licht getreten (um all die Lichtblicke zu verbreiten, die ihnen zu 
danken sind). * 

Bei Begründung auf der Unterlage der geographischen Provinzen 
ist der ethnologische Studienplan auf einen unerschütterlich gefestigten 
Boden gestellt, da in Entgegennahme des vorhanden Gegebenen natur- 
wissenschaftliche Erscheinungen aufgedrängt sind, wie sie sich bieten, und 
anders überhaupt nicht sein können (der Sachlage nach). 

Obwohl aus dem Weben der Gehimfaden manch verführerische (und 
bei verständiger Masseinhaltung oft temporär ganz annehmliche) Theorie 
der Hypothesen sich hervorspinnen lässt, bleibt dies doch stets ein 



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— 47 — 

schwach gebrechliches Menschenwerk nur, woran beständig geflickt und aus- 
gebessert werden mnstf', um mit dem Fortschritt der Kenntnisse (bei deren 
steter Vermehrung, unter Erweiterung der Umschau oder Vertiefung des 
Einblicks) Schritt zu halten (und die neu zutretenden Thatsachen zwi- 
schenzufügen, wo sie, vermutungsweise, provisorisch hineinzupassen hätten). 

In demjenigen dagegen, was die geographischen Provinzen lehren, 
reden die immanenten Naturgesetze selber, und die dadurch gewährten 
Resultate sind somit als gesichertes Erb- und Vererbungsgut (zur dokumen- 
tarischen Geschichte des Menschengeschlechts) zu betrachten, sobald für 
die Ablesung des Index [an der Phämonenologie (und Phänologie) des 
Organimus] in wandelnden Metamorphosen ein richtig berichtigter Kanon 
gefunden ist. 

Vorderhand (wo zur Durchforschung dieses Arbeitsfeldes die Ein- 
trittsschwelle kaum erst erreicht ist) steht nur gar Weniges zuverlässig 
schon fest, wie unbedenklichst eingestanden werden kann, ohne Vertuschung 
irgendwie, in vollster Bereitwilligkeit, gerade weil (und indem) beständig 
die Möglichkeit der Rektifikationen offenbleibt, bei kontrollierender Über- 
wachung, die in letztgültigen Endergebnissen nicht täuschen kann, bei 
Rückführung eben auf naturgesetzliche Grundlagen, bei denen es sich für 
Schlussprüfung nicht um ein Meinen und Scheinen (in Doxilogien) handelt, 
sondern um einfaches Ja oder Nein, im jedesmalig konkreten Falle der 
Beweisführung (auf Äpodeixis hin). Und nachdem dann sämtliche Separat- 
Vota abgegeben sind, zieht sich das Fazit von selbst (für die, in ihrer 
Beherrschung, Anerkennung erzwingende Gesetzlichkeit). 

Zunächst, als unerlässlich evidente Vorbedingung (wie oftmals 
erwähnt) benotigen sich ausreichend erschöpfende Parallel-Reihen, die geo- 
meteorologischen (wie von einem über den Globus ausgespannten Stationen- 
Netz zu liefern) und die korrespondierend organischen ans den Berichter- 
stattungen phytologischer, zoologischer und anthropologischer Experimental- 
Beobachtungen, damit auf der Basis solcher Gleichuugsformeln das logische 
Rechnen sich befähigt fühlen darf, seine Operationen zu beginnen, im 
Vertrauen auf die Richtigkeit rationeller Proportionen (um demgemäss 
die Korrektheit der Resultanten verbürgen zu können). 

Der Weg ist weit zum femgesteckten Ziel. Doch was kommt es 
darauf an, bei einer Kulturarbeit der Menschheit, zur Errichtung ihres 
universell umwölbenden Doms, woran die kommenden Generationen fort- 
znbauen haben. 

Nicht mehr (wie bei Hermas^ Abruudung des Beobachtungsfeldes) 
finden wir ängstlich uns pressiert durch chiliastisch kurze Frist, (in »an- 
gustiae temporis«), denn vor uns (bei Unendlichkeit des Alls) öffnen sich die 
Ewigkeiten uns, bei transcendentem Übertritt in die Naturgesetzlichkeiten 



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— 48 - 

eine« (nicht mehr Wider-, sondern) Über-Natürlichen, von dem es tönt, 
aus des Kosmos harmonischen Gesetzen, und auch wenn wir (vorsichtig) 
vorläufig noch auf demjenigen Boden verbleiben, der in materialistischer 
Unzerstörbarkeit des Stoffes gebreitet liegt (unter Erhaltung der Kraft), 
ist uns in der sachkundig garantierten Entropie eiu ganz hübsches 
Stückchen Zeit zur Verfügung gestellt, innerhalb welcher sich wohl 
mancherlei Erkleckliches wird zu Stande bringen lassen. 

Für die empirische Psychologie (psychologischer Handbücher) gilt 
als einzig unmittelbare Quelle die Selbstbeobachtung, da schon die Beob- 
achtung Anderer einer Deutung aus dem bedürfte, was der Beobachter 
an sich selber wahrgenommen, und Hirnquälereien darüber führen dann 
leicht zu »Kopfverwirrungc (des kritischen Reformers), oder zur Mystik 
in pietischen Gonventikeln sowohl, wie in theosophischen »Cerclesc, wenn 
nicht (ausserdem noch) zum Geschwärm (und Gewürm) des schmutzstarren- 
den Asketen, in dessen erschwärmter Welt viel Ungeziefer krabbelt (aus 
embryononalem Denkverknäuel). 

Immerhin mag die Selbstbeobachtung der Psychologie (bei richtiger 
Schulung im logischen Rechnen) als ihre »Hauptquellec zugestanden werden, 
aber nicht um aus ihr berauschenden Trank zu schlürfen, sondern nm 
sie für fruchtbringende Berieselung der Arbeitsfelder nutzbar zu machen, 
auf denen (neben der Individualpsychologie) die objektiv (ethnisch und 
ethisch) angepflanzten Anschauungsbilder zu pflegen sind (auf Sphäre einer 
Gesellschaftsschichtung). 

Bei genau detaillierten Verhältniswerten zwischen Reizen und An- 
lagen (s. Beneke) wird Kaut's schroffe Abweisung der »rationalen Psycho- 
logie« eine Milderung erhalten können, aus dem »mechanischen« Wachstum 
(in Herbarts Schule), wenn organisch entfaltet (mit kosmischer Gesetz- 
lichkeit). 

»Die Psychologie bildet, als Physik der Seele, einen Gegensatz mit der 
Logik und Ethik« s. Harms), und als die Psychologie zur Metaphysik 
geworden, rüttelte der Skeptizismus auf (aus dogmatischem Traum), aber 
aus HegeVs Evolutionslehre (im absoluten Werden) könnte die »Phänomeno- 
logie des Geistes« forigelten, wenn materialistisch gesättigt (aus den 
Thatsachen ethnischer Materialbeschaffungen). 

Ein jedes Kulturvolk erzählt (in zugehöriger Weltgeschichte) die, unter 
schwankendem Orbis terrarum erweiterte, Volksgeschichte periodenweiser 
Epochen: die der Chinesen nach dem Wechsel der Dynastien, die unsrige 
nach Altertum, Mittelalter, neue und neueste Zeit, aber die Geschichte 
der Menschheit kennt nur Eine Teilung, die zwischen Sein und Nichtsein 
(sozusagen), oder die Periode ihres Verborgenseins (in Krypsis) und die 
des HervortretenS; in die Möglichkeit der Existenz« 



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— 49 — 

Dieser Trennungsstrich fallt für westliche Chronologie in das Ent- 
deckougsalter, in die Epoche jener die Welt (-Auffassung) umgestaltenden 
Doppelrevolution, einer astronomischen und geographischen, während welcher 
der Globus umsegelt wurde, und so die erste Vorbedingung (betreffs einer 
Kenntnis des Menschengeschlechts) erfüllt war, nämlich die unterliegende 
Basis zu gewinnen, für eine Gesamtüberschau des vorhanden gegebenen 
Daseienden. 

Hiermit wurde, durch die aus allen Kardinalpunkten imgleichschalleuden 
Echo wiederhallenden Ähnlichkeiten (in Analogie), der Grund zu den Natur- 
wissenschaften gelegt, kraft der aus Vergleichungen (komparativ-genetisch) 
aufbauenden Methode der Induktion, zum Unterschied von der Deduktion, 
mit welcher die Geschichte jedes Kulturvolkes beginnt, weil eben dann erst, 
wenn die, in träumerisch dahingeflossener Nacht der Kindheit fertig 
gestellten, Ideale genügende Stärke erlangt haben, um durch ihren Reiz 
zu erwecken und zur Zerlegung des intuitiv Geschauten anzuregen. 

Andererseits setzt die induktive Methode an von den im elementar Ein- 
fachsten deutlich klargestellten Anschauungen aus, und schreitet nun voran, 
(mit der, in Minima gesetzten, Eins des Anfangs), um nach atomistischer 
Theorie (der Chemie) aus (mineralogisch vorliegendem) Stoff (und darin 
wirkenden Kräften, der Physik) zu Zellen (als Elementar-atom oder Molekül 
organischer Ausentwicklung) zu gelangen, wie in der Biologie für Botanik 
und Zoologie — oder (und ebenso) in der, beide sodann gemeinsam durch- 
dringenden, Physiologie, — zu naturwissenschaftlicher Ausgestaltung gebracht. 

So war induktiv vorgesorgt, für Steine, Pflanzen und Tiere, sowie für 
den Menschen im (physisch -physiologisch) somatischen Anschluss (des 
anthropologischen Individuums als psycho -physischen), während seine 
geistige Hälfte der, aus metaphysischen Regionen deducierenden, Philo- 
sophie überlassen blieb, sowie was sprachlich redete (auf gesellschaftlicher 
Schichtung des Zoon politikon) der (philologisch) historischen Disziplin 
(soweit in eine Kulturgeschichte hinübergreifend). 

Nach vorandeutlichender Namenstaufe (durch Gasmann und Hunt) 
kam die (im philosophischen Systeme nebensächlich beiseit gestellte) An- 
thropologie zu selbständig erster Begründung mit den, auf angesammeltem 
Arbeitsmaterial kraniologischer Unterlagen, basierenden Messungen, also im 
somatischen Zusammenhang mit (vergleichender) Anatomie, unter Er- 
weiterung des (einheimisch umgriffenen) Menschen über seine Variationen in 
den Rassen (wie sie bei Durchfahrung der verschiedenen Zonen des Erdballes 
allmählich zur Kenntnis gelangt waren). 

Gleichzeitig (und aus gleicher Veranlassung) machte sich die Bezeichnung 
Ethnographie (oder Ethnologie) hörbar, um der als »universale« umbenannten 
Welt-Geschichte eine geographische Ergänzung zu gewähren, für das, was 
M. f. V. 4 



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— 50 — 

über die (von dem Perihelium bisherigen Orbis terrarnm umschlossene) 
Sehweite hinweg, undeutlich noch schwankte, oder (im Darüberhinaus) mit 
solcher Undeutlichkeit sporadisch die Weiten des Erdballs zu durch- 
schwanken begann; in Menschenähnlichkeit mehrweniger oder (besten 
Falls doch) in untergeordneten Abstufungen des Barbarentums. 

Von diesem, synchronistisch ungefähr geborenen, Zwillingspaar schlug 
die Anthropologie rasch und kräftig eine feste Wurzel ein, in der medi- 
zinischen Fachdisziplin (unter deren sachkundiger Pflege), während die 
Ethnographie heimatlos umherirrte, aber nun deshalb auch grade (weil 
nicht fachwissenschaftlich monopolisiert) bei dem allgemeingebildeten 
Publikum (in Liebhaberei der Amateure) hier und da Aufnahme finden konnte 
(zumal unter Rousseau's paradiesischer Bewandung), so dass die Begrün- 
dung ethnologischer Gelehrten- (oder Dilettanten-) gesellschaften der der 
anthropologischen voranging, in Frankreich sowohl, wie in England (1843). 
Die Ethnographie übte ihre besondere Anziehung auf den Laien deshalb 
schon ans, weil sie in den (damals freilich unter dem Raritätenkram 
der Kuriositäten verbleibenden) Mitteilungen über Sitten und Gebrauche 
bei fremdartigen Völkern allerlei und bunterlei, (im Phantasiegespiel 
mancherlei), zu denken gab (über das, was später in der Ethnologie seinen 
exakter formulierten Ausdruck finden sollte). 

Im Übrigen war der Tag für die Ethnologie noch nicht gekommen, 
schon wegen Mangels an ausgiebig genügendem Material, wie den übrigen 
Naturwissenschaften sonst, in den Sammlungen ihrer Museen geboten, vorlag. 
Und ohnedies traten ihre {halbdilettantischen) Vereinsgesellschaften in den 
Schatten zurück, als die der Anthropologie (durch den Zutritt prähisto- 
rischer Entdeckungen verstärkt) mit hellleuchtendem Glänze emporstiegen 
(zunächst in der »Societe d'anthropologiet, unter Broca's Leitung). 

Was hier in weittragenden Resultaten erlangt war, proklamierte die 
Triumphe der Induktion (im ununterbrochenen Erobernngszug von einer 
naturwissenschaftlichen Disziplin zur andern), ihren siegreich bestandenen 
Kampf um die Physiologie (Mitte des laufenden Jahrhunderts) und den 
glorreich sogleich gelungenen Vorstoss auf das psychologische Gebiet 
(durch Annektierung der Psycho-Physik). Die bisher vorwiegend somatische 
Anthropologie erhielt dadurch ihre spirituelle Erweiterung des Horizontes 
(für das Individuum), und indem die prähistoristorischen Funde (unter 
Niederstieg in geologische Vorschichtungen) gemeldet wurden, hatten die 
(in Ossificationen oder Petrefakten) mitgefundenen Knochen an das kona- 
petente Urteil der Anthropologen zu appellieren, und die Entscheidungen 
derselben beanspruchten ein allgemein weiteres Interesse vornehmlich, 
soweit die »historische Anthropologie« (s. R. Wagner) betreffend, für die 
(mit, und in dem Altertum, aus solchen Reliquien) nachweisbaren Völker* 



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^ 51 - 

Verwandtschaften. So gewann die Anthropologie in stetiger Mehrung ihrer 
Junger an Popularität auf den Versammlungen, die sieh um die »Congrös 
d'anthropologie et d'archeologie prehistorique« gruppierten. 

Dies war die Sachlage im soweitigen Status-quo, der eine »doppelte 
Buchführungc verlangte, innerhalb einer Weltanschauung, die um so 
vitaler als zerrissene (oder doch gespaltene) zur Empfindung kam, nach- 
dem von einer mit klarem Blick in das Walten der Naturkräfte hinein- 
blickenden Autorität das Wort vom »naturwissenschaftlichen Zeitalter« 
ausgesprochen worden war. 

Ein zündend treffendes Schlagwort, mit sympathisch weitem Wieder- 
hall durch die Welt der Gebildeten (der Kernmasse im Stamm der 
Ciyilisation, nach dem Durchscbnittsmass). 

Der grossartige Bau der Naturwissenschaften stand fertig, unzerstörbar 
ineinander gefügt durch die gesamte materielle Natur hindurch, bis an die 
Grenzmarken des Immateriellen, und auch darinhinein lagen die Fühl- 
faden bereits ausgestreckt, mit psychophysischen Experimentalversuchen 
nmhertastend. 

Manches stimmte melodisch zusammen; anderes freilich nicht. Indes 
dnrch die Erfolge eines drei Jahrhunderte hindurch unwiderstehlich fort- 
geführten Feldzuges entschuldbar berauscht, fanden enthusiastisch an- 
gelegte Heisssporne »ich angestachelt, weiter vorzudringen, in das psychische 
Terrain hinein, um vielleicht die ganze Psychologie mit einem kühnen 
Handstreich hinzuzunehnien, und so das »naturwissenschaftliche Zeitalter« 
zum naturgemässen Abschluss zu bringen, nachdem unter den auf mate- 
rieller Hälfte der Natur vollzogenen Eroberungen jetzt auch die imma- 
terielle hinzu annektiert sein sollte. 

Hier nun stiess der Materialismus auf entschieden eingelegten Protest. 
Die im mehrtausendjährigen Weisheitssinnen weislich ergraute Philosophie 
trat in geschlossener Phalanx entgegen, mit der ganzen Wucht ihrer 
logischen Argumente, unter deren Keulenhieben diejenigen des Materialis- 
mus, der sich in diesem Falle hatte verführen lassen, die seinigen gleich- 
falls, aus windigen (oder winzigen) Gedankenfäden zu weben, in Wind 
and Spreu zerstäuben mussten. 

Die bedauerlicherweise erlittene Niederlage bleibt nicht zu ändern, 
erweist sich indes als selbstverschuldete, weil die Naturforschung gegen 
ihr heiligstes (Grundprinzip (das eigentliche Geheimnis ihres Erfolges) 
damals Verstössen hatte; gegen den Lehrsatz nämlich: niemals, im schritt- 
weis bedächtigen Vorgehen, den festen Boden der Thatsachen, wie von der 
Physis selber im physisch materiellen Hypokeimenon gebreitet, unter den 
Pfiflsen zu verlieren, niemals also einen transccndeutierenden Schritt 
darüber hinaus zu wagen (in meta-physisch blaue Luft hinein), sondern 

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- 52 — 

wenn (sofern und sobald), mit Verlängerong der Vorschau, klar umrahmte 
Anschaoungsbilder, an denen (als festem Anhalt) sich messen und zählen 
lässt, der deutlichen Sehweite (unter verschwimmender Auflösung ihrer Um- 
risse) zu entschwinden beginnen, dann nun eben vorläufig Halt zu machen, 
bis etwa die genügenden Verbesserungen an den Präzisions-Instrumenten 
erfunden sein würden, um fernere Eiperimentalversuche zu rechtfertigen 
(oder vor Allem zunächst das Abeitsmaterial selber genügend angesammelt 
sei). Sobald die Naturforschung, mit nüchterner Besinnung, aus solcher 
Apostasie zu ihrem angestammten Grundsatz zurückgekehrt ist, wird der 
Sieg, wie stets, (früher und immer), an ihre Fahnen gefesselt bleiben. 

Der Kern der Kontroverse, in dem zwischen naturwissenschaftlichen 
und historisch - philosophischen Disziplinen (zwischen realen und idea- 
listischen) umstrittenen Objekt, lag oflFen zu Tage, in der (zweifelnd umher- 
geworfenen) Frage um die »Psychologie als Naturwissenschaft«. 

Darum nun eben hätte es sich zu handeln, ob, nachdem die gesamte 
Natur, welche ihre charakteristische Definition als materialistische zu- 
erteilt erhalten hatte, ob, (nachdem sie naturwissenschaftlich exploriert 
und in Besitz genommen war), jetzt auch die (in dem ihr zugewiesenen 
Gebiete des Immateriellen darüber schwebende) Psychologie nach gleich 
naturwissenschaftlicher Methode würde in Behandlung genommen werden 
können; und da in solchem Sinne nicht die, in Mehrzahl philosophischer 
Systeme ihrer logischen Rubrik angegliederte, Psychologie gemeint war 
[auch nicht die sensualistisch beschränkte, die mit den Vervollkommnungen 
der Nervenphysiologie (seit Bell) psych o-physisch eben abgethan war], 
sondern vielmehr die in den Identitätsphilosophien (des Real-Idealismus 
oder Ideal- Realismus) das metaphysische Gesamtgebiet vertretende Psycho- 
logie, und somit die ganze Philosophie (mit Haut und Haar): Alles 
demnach, was philosophischer Hut noch reserviert und überwiesen ge- 
blieben war (da zur vollen Abrundung des »naturwissenschaftlichen Zeit- 
alters« seine Aspirationen bis zu den äussersten Grenzen der durch Wissens- 
thätigkeit erschöpfbaren Möglichkeiten fortzuschweifen hatten) — , so würde 
also, mit naturwissenschaftlicher Proklamiernng der Psychologie, der ent- 
scheidende Schlag gefallen sein, und der Weltanschauung eines solch »natur- 
wissenschaftlichen Zeitalters«, in monistischer Einheit (oder Einfachheit), 
ihr Abschluss sich hergestellt haben. Freilich würde damit dann auch 
in unabweislicher Konsequenz eine durchgreifende Änderung der mit- 
redenden Nomenklatur zugelassen werden müssen. Indem nämlich die 
Naturwissenschaft — im Wissen von der [auf kosmischem Standpunkt 
auch das vom Widernatürlichen (in Leibniz^ Definition) abgeschiedene 
Übernatürliche hinzunehmenden] Natur — neben der soweit mate- 
rialistischen Klassifikation (wie für Arbeitsteilungen erforderlich), auch eine 



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- 53 — 

immaterielle Rabrik zugefügt erhalten hätte, so würde der dembezüglich 
einbegriffenen die philosophische NamensbezeichnuDg wiederum zu vin- 
dicieren gewesen sein, um als spezifisch typische Fachwissenschaft die Reihe 
derjenigen, welche sich [in den Konklaven der Chemie, Physik, Minera- 
logie und Geologie (mit Palaeontologie), sowie biologischen (in den Unter- 
abteilungen der Botanik und Zoologie) mit deren (auch anthropologisch 
bis an die Grenzmarken der Psycho-Physik) giltigen Physiologie um- 
schlossen] durch die Gesamtdehnung des Materialismus hindurch erstreckten, 
als letztes Endglied abzuschliessen, auf dem, bis auf das Abstrakte hinaus 
(unter AusYcrlauf der, in relativen Proportionen balancierten, Gleichungs- 
formeln) entschwindenden, Areal des rein Psychischen xar l^opj\f (oder 
Noetischen, wenn man so will). 

Das, wie gesagt, war (oder ist) die Zeit- und Streitfrage, und sie 
kommt ohue viel Umschweife (klipp und klar) auf die kurze Frage- 
stellung hinaus, ob die für die Naturwissenschaften charakteristische (und 
in ihren Erfolgen bewährte) Methode der Induktion, auch in der 
Philosophie (mittelst ihres psychologischen Handwerkszeuges) als mass- 
gebende Grund-Maxime, zur Verwendung gebracht werden könnte. 

Dass die (im synthetischen Aufbau) addierende Induktion stets, (ihrer 
eigenen Eontrolle wegen), der in (Substraktionen) zerlegend analysierenden 
Deduktion nicht entraten kann (auf dem bdbq ävo) xal xärco, progressiv 
und regressiv) bedarf keiner Bemerkung (bei logischer Schulung). Der 
in Spezifikation markierend charakteristische, (bei oberflächlicher Anschau 
einen Gegensatz oftmals simulierende) Unterschied fällt in den Ausgangs- 
punkt, ob von den Minima (im einfachst durchsichtig Elementaren) ge- 
nommen, oder vom bereits Komplizierten (in Maxima), und sofern also 
auch in der Psychologie die Induktion zur methodischen Anwendung ge- 
bracht werden könnte; dann würde sie als den Naturwissenschaften ein* 
gegliedert, gleich bewandet mit den übrigen und ihnen (als naturwissen- 
schaftliche Fachdisziplin) augehörig zu betrachten sein, obwohl ihren 
Forschungsfeldem nach, zur Bearbeitung derselben, einer Sonder-Disziplin 
übergeben, die sich (nach wie vor) als philosophische bezeichnen Hesse, 
(oder etwa nur als psychologische, qua solcher, je nach Entscheidung der 
darin Besserwissenden). 

Dass von der Philosophie die hier zur Überlegung gelangende Frage 
nch selber bereits gestellt war, ist aus den Geschichts- (und Hand-) 
Bfichem derselben jedermänniglich bekaunt, aus Herbarts Schule (die den 
Anlass gab zu dem, was in den verdienstlichen Bestrebungen der Völker- 
psychologie erreicht werden sollte), aus Fries und Apelts Anthropologie (im 
Kostüm des Philosophenmantels) sodann, und aus den in Namensgleichheit 
bereits übereinstimmenden Publikationen Beneke^s und Waitz's (die »Psycho- 
logie als Naturwissenschaft«). 



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— 54 - 

Warum diese wohlgemeinten (und mit Scharfsinn durchgeführten) Ver- 
suche scheitern mussten, liegt auf der Hand, aus der ungenügenden Menge 
thatsächlich verfügbaren Materials [ohne welches die (aus Vergleichungen 
aufbauende) Induktion selbstverständlich lahm gelegt ist]; denn die ans 
Kinder- und Tierseele, und pathologischen Erscheinungen im Irrsinn (oder 
in sonst nervösen Störungen) gebotenen Variationen des normal Psychischen 
reichten nicht aus, eine rein nivellierte Basis zu breiten, und die Haupt- 
masse der (in subjektivistische Versenkung fallenden) Beobachtungen (auf 
philosophischem Bereich) hatte (trotz all der wertvollen Goldkomer, die 
darin versteckt liegen) für das, worauf es in diesem Falle ankam, als 
unausnutzbar zu gelten (in subjektivischer Immanenz); und war zunächst 
also noch bei Seite zu lassen, so lange die Notwendigkeit der (für induktive 
Behandlungsweise geeigneten) Objekte in klar deutlich umschriebenen 
Anschauungsbildern vorbedinglich dringlicher voranstand (in erster Linie). 

Hier wird nun der Wendepunkt markiert durch das ethnographisch 
(für die Ethnologie) beschaffte Material aus dem Bereiche des Gesellschafts- 
gedankens [der (bei zoopolitischer Fassung des Anthropos) dem Einzel- 
gedanken (bis auf spätere Reintegrierung desselben) voranzugehn hat], in 
den Differenzierungen der Völkergedanken aus dem Index geographischer 
Provinzen (unter ihrer Modifikation durch historische Konstellationen), um 
den Forschungsbeginn an die Attribute (oder Accidenzen) einzuhaken, zum 
Hinstreben auf die Ousia, oder was sich sonst verbirgt im »Ding an sich« 
(seit kritischer Reform der Philosophie, in der Erkenntnistheorie). 

Ohnedies war der in Ländern der Kultur gepflegten Oivilisation seit 
Umschiffung des Globus (im Entdeckungsalter) die erste Möglichkeit über- 
haupt erst geboten, für die Gesamtanschau (oder Weltanschauung) eines 
Volkes, (sein idealistisch-konstruiertes Weltsystem, wie es leibt und lebt), 
reine Beobachtungsobjekte (parallel analoger Gegen- und Seitenstücke) zu 
erlangen, in derjenigen ungetrübten Reinheit nämlich, welche von der 
komparativ-arbeitenden Methode als wertvollstes Hilfsmittel zu schätzen 
ist, um in (experimentellen) Versuchen der Annäherungen und An- 
passungen, (Hineinpassung in ihr Geduldspiel, um das Problem zu erproben), 
das Operieren mit den Vergleichungen zu erleichtern (in den Gleichungs- 
formeln des logischen Rechnens). 

Was innerhalb des eigenen Kulturkreises in selbständig gezeichneter 
Weltauffassung zur Betrachtung gelangt, ist nirgends von dem Ver- 
dachte frei, mit inoculierten oder copulierten Zügen zersetzt zu sein, die 
im historischen Durcheinanderwogen hängen geblieben oder herumgetrieben 
sein mögen, um der Physiognomie einen veränderten Ausdruck zu leihen. 
Aufwärts, von den (mit vorzeitlich grauem Nebelgewölk umschleierten) 
Kulturansätzen in Mesopotamien oder am Nil anhebend, sind des Altertum« 



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— 65 — 

italiBch-griechische Geschichtswellen fortgespült bis über das germauisch- 
slayische Europa hin, bald in voller Durchtränkung des autochthonen Bodens, 
bald ihn nur netzend hier und da, aber überall in den Nachwirkungen 
spürbar verblieben (bis auf den modernsten Tag). 

Gegenwärtig erst, wo im internationalen Verkehr die Schranken des 
zugehörigen Orbis terrarum durchbrochen sind, treten aus dem Jenseits 
ihres Horizontes die (im Detail deutlich ausgemalten) Geschichtsbilder 
derjenigen Nationen entgegen, welche die Gyclen ihres Kulturlebens, ab- 
achlossen von dem unsrigen, durchlaufen haben. Auch hier stehen mit- 
unter altzurückdatiereude Ein- und Ausströmungen in Vermutung. Sofern 
denselben indes, während einer seitdem in längerer Dauer wieder eingetre- 
tenen Abtrennung, Zeitgenüge gewährt war, um in das (ethnisch) nationale 
Gepräge umgearbeitet zu werden, hat der Gesamtwert desselben nicht nur 
nngeachniälert zu gelten, sondern selbst mit erhöhtem Interesse insofern, 
weil sich Veranlassung bietet, der Herkunft der (in ihren Folgewirkungen 
spürbar vermuteten) Propfreiser nachzugehen. Und ähnlich auf tieferem Ni- 
veau. Acht getreue Originalität (trotz früherer Zutaten etwa, wofür 
die Nachweisbarkeit ausfallt) trifft sich bei dem Wildstamme da, wo er 
sich voll und rein in die beschränkte Localität seiner geographischen 
Provinz (unter Erschöpfung sämtlicher Agentien derselben) hineinverwachsen 
(und eingewoben) findet, während bei dem ersten Moment des Kontaktes (mit 
einer, gleich der arischen, überwältigend mächtigen Geistesmacht) zugleich der 
Keim der Zerstörung hineingeworfen ist, und dessen tief zerrüttenden Folgen 
wird (während der kurzen Spanne, diedannnochvomUntergangscheidet)kaum 
je Zeit genug geschenkt sein, um neues Gleichgewicht herzustellen, ausser 
soweit dies unter Veredlung (bei resistenzfähigem Kern in begünstigten 
Naturanlagen) statthaben sollte (bei Hineinziehung eben in civilisa- 
torische Erziehung). Aber auch mit solchem, für den Kulturzweck an- 
strebsamem Resultat würde dann derjenige Dienst verloren gegangen 
sein, welchen der hier typische Völkergedanke dem, das menschliche Ge- 
dankenleben aufklärenden, Studium hätte leisten können, wenn rechtzeitig 
fixiert in originaler Charakteristik. Und in solcher Hinsicht mögen die 
Wildstämme sich folgerichtig ausnutzbar erweisen, in naturwissenschaft- 
licher Psychologie, wie für die Phytophysiologie die Kryptogamen, — die des- 
hidb zwar nicht zur Zier in Sohmuckgärten werden gross gezogen werden, 
aber dem verständigen Kunstgärtner manch' praktische Winke liefern, um 
seine hortologischen Zöglinge vor pathologischen Störungen zu wahren (oder 
solche auszuheilen, wo vorhanden). 

Was als Lückenbüsser der Texte von schriftlosen Stämmen in musealen 
Sammlungen vergleichungsfähig zusammenströmt, spricht aus dem, den 
Geraten noch anklebenden (oder darinnen steckenden). Psychischen (des 



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— 56 — 

SchÖpfongsstoffes), in den technischen Künsten (der Technologie). Was 
in rechtlichen Institutionen (sowie in Sitte und Brauch, nach traditionellen 
Überlieferungen), aus Voranlagen sozialer Existenz, bei den Wildstämmen 
sich bekundet (aus den Berichten der Reisenden), lehrt die Soziologie als 
Lehre von der Geselligkeit (oder die Ethnologie bei dem Gesellschaftsb^riff, 
als Volk), und die mythologisch unterhaltenden Phantasiebilder streben in 
religiösen Sehnungen hinaus (bei den Fragen über das Woher und Wohin). 
Ein gleichartig psychischer Wachstumsprozess tritt (aus elementar ge- 
regelter Gesetzlichkeit) unter den Phasen verschiedener Erscheinungsweisen 
zu Tage, wie etwa der pflanzliche in Rindenbildung (zum Schutz, bei 
den, durch die Werkzeuge verlängerten, Gliedmassen), aus den Blättern 
in stattlicher Belaubung (zu staatlicher Behütung, wie recht und gerecht) 
und im Schmuck der Blumenkronen, wenn die Gedanken sich entfalten, 
zu den Idealen, die aus ihrem Reflex herniederstrahlen, um religionsphilo- 
sophischen Trost zu spenden, dem armen Herzen, das bang und angstlich 
bebt (unter den Schauern des Unbekannten ringsum). 

»Zweck sein selbst ist jedes Tier«, und so liegt im Zweckbegriff 
das Bedingende, bei Anregung des (einem organischen Wachstum inner- 
lichen) Entwickelungstriebes, in der seiner Bestimmung zugewandten Ziel- 
richtung, um mit der sich selber lebenden Denkthätigkeit das Selbstver- 
ständnis anzustreben, aus den in fasslichen Anschauungsbildern (ethnischen 
Sammlungsmaterials) manifestierten Gesetzlichkeiten sozial (oder zoopolitisch) 
reflektierter Denkgebilde (aus menschheitlichem Gesellschaftsgedankenkreis), 
und um so, bei solcher Incarnation denkschöpferischer Ursächlichkeiten, auf 
ihre, aus den (individuell dem Gesellschaftskreis integrierenden) Denkthätig- 
keiten mitwirkende, Betheiligung des Einzelnen und dann auf diesen selber 
zu gelangen, (für selbständigen Abscbluss der Eigentlich keit im Selbst). 

Das Plasma cellularer Vorbildungen (oder Vorveranlagungen) wogt 
in den aus psych o-physischen Wurzeln der Individuen quellenden Sprach- 
regungen, um zusammenzuströmen in den, die begrenzende Peripherielinie 
jeglich spezifisch markierten Gesellschaftskreises (ethnischer Färbung) um- 
fliessenden, Okeauos (»in des Wissens unendlichem Meere, nach orientalischer 
Hyperbel). 

Als Primär-Element (ein abxb xalf kaord gleichsam) tritt aus der- 
artigen Mutterlaugen das Kausalitätsbedürfnis (mit der, ihre Beantwortung 
heischenden, Fragestellung) hervor, in einem durch gleichwertige (weil gleich- 
artige) Anschlüsse rasch gemehrten Elementargedanken, der früh bereits 
das Gepräge des ethnisch charakteristischen Typus trägt, der ihn bei 
aktueller Verwirklichung aufgedrückt verbleiben soll (an den zum Studium 
gebotenen Objekten). 

Die aus dunkelm Mutterschoss der Erde in die meteorologisch frei 



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— 57 — 

erhellte Atmosphäre hinaustretende Eigenart des Pflanzlichen basiert 
bereits auf einem (mehr weniger) starr' verholzten Stamm, so dass die aus 
den klimatologisohen Umgebungsverhältuissen auftreffeuden Agentien (der 
geographischen Provinzen) nicht mehr ortsändeimd umgestaltend (mit der, 
hypothetisierten Schöpfungscentren zugeschriebenen, Ursachskraft) zu wirken 
vermögen, sondern nur in Effektuierung (oder Auswirkung) derjenigen (phäno- 
logischen) Transmutationen, welche (je nach der Permanenz) in den Varie- 
täten — als ausgewirkte Folgen der aus Reizwirkungen einfallenden (oder 
auftreffeuden) Effekte — eine in sich bereits gefestigte Stammesart (transi- 
torisch) zu umspielen pflegen (bei Überschau des vorhanden Gegebenen, 
im Daseienden des Pflanzenreichs). 

Anders im ethno-anthropologischen (Reich oder) Bereich [eines »Regne 
humainc (bei Quartefages) oder (bei Drummond), „third Kingdom^^], wo 
die (in sozial praeconditionellen Vorveranlagungen keimende) Existenz (des 
Zoon politikon) sich effektiv am Tageslichte erst aktualisiert (aus dem 
dwdfitt ov der Potentialitaten), aber getragen allerdings von (seit ihrem 
In-Entstehung-Treten) bereits materialisierten Stammesträgern in den 
psycho-pbysischen Individuen, welche deshalb die dem somatischen Habitus 
(für dessen Schwankungen) gesteckte Variationsweite nicht zu über- 
schreiten vermögen (ausser soweit die aus sexueller Spaltung ermöglichten 
Akkommodationen zwischengreifen möchten, in Akklimatisation oder dem- 
entsprechender Naturalisation). 

Die auf ethnischer Gesellschaftsschichtung schwellenden Wogen dagegen 
vermögen in den (aus ihrem geographisch-historischen Milieu) charakteristisch 
gefärbten Eigenarten (nationaler Stempelung) sich zu einen und verquicken 
(je nach wahlverwandtschaftlichen Affinitäten) mit den aus geschicht- 
licher Bewegung zum Kontakt herbeigeführten, so dass bei zunehmender 
Steigerung des internationalen Verkehrs ein einheitlicher Abschluss als bevor- 
stehend erachtet werden darf, damit aus der Menschheit die Menschlichkeit 
rede; die Humanitas, wie ihm geziemend: dem genus humanum (dem 
Menschen demgemäs, im Bilde der Menschheit). 

Wenn so die „Lehre vom Menschen", oder (Blumenbach's) »Naturge- 
schichte des Menschen« (im naturwissenschaftlichen Anschluss) in (Menschen- 
oder) Volks- und Völkerkunde auf klassisch gekürzte Terminologie zurück- 
zuführen sich empfehlenswert erweisen sollte, würde nicht die (in den 
Resultaten ihrer Vermittlungsrolle absolvierte) Ethnologie zur Namens- 
bezeichnung, sondern eher die (wie den Ausgangspunkt bet^rinnenden Anfangs, 
80 die auslaufende Zielrichtung kennzeichnende) Anthropologie zu wählen 
sein, während im Entwicklungsstadium des gegenwärtigen Status-quo 
(bei jener „Lehre vom Menschen^^) der Anthropos das pyscho-physische In- 
dividuum zu repräsentieren hätte (in der, auch prähistorisch auaverfolgten, 



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- 58 - 

Anthropologie), während das Zoon politikon im Gewände der Ethnologie, mit 
dem gesellschaftlichen Charakter des Volkes (oder Ethnos) sich bekleidet, 
um bei den primitiven Niveauschichtan'gen desselben (unter den Wild- 
stämmen) zunächst vornehmlich ins Auge gefasst zu werden; und so, auf 
dem der Induktion (vom Einfachen zum zusammengesetzt Schwierigeren) 
angezeigten Wege, die Kräfte (im methodischen Übungskurs) zu stahlen: für 
Bewältigung der höheren Probleme, wenn mit dem Fortgang entziffernder 
Lesungen mehr und mehr die das Menschenleben beherrschenden Denk- 
gesetze sich enthüllen (aus komparativ kontrollierten Differenzierungen des 
Völkergedankens). 

Von solchem Gesichtspunkte aus würde demnach die „Lehre vom Men- 
schen^^ im Anthropos das pjscho-physische Individium zu umgreifen haben, 
sowie das Zoon politikoD, oder Ethnos (auf gesellschaftlicher Schichtung). 

Da für des Menschen erbeigentümliche Wesenheit die gesellschaftliche 
(als Gesellschafts-) Wesenheit vorausbedinglich steht, bildet sie eine erst- 
primäre Einheit (im Gesellschaftskreis), worin die Einzel-Individuen als 
Bruchteile, oder Teilganzen des Total, im Gesamtganzen figurieren, einer 
TtpdfVfj oöaia (in mjvouma oder aucnaatg). 

Dieses zoopolitische Individuum (der im Gesellschaftskreis incamierte 
Mensch) erscheint zunächst in der Dreiheit der Familie (Vater, Mutter 
und Eind) mit kollateralen Auszweigungen in der Verwandtschaft, sowie 
Erweiterung des gentilicischen Geschlechts (oder der Gens) zum Clan 
(unter Adoption zugehörigen Gesindes), bis zum Abschluss im Stamm, 
der dann (unter amphictyonischen Bündnissen, wie durch Wandlung des 
»hostis in hospes«, vom Gastrecht, eingeleitet) zum Volk heranwächst, unter 
national weiterer Entfaltung (mit sprachlich gemeinsamem Umschluss). 

In solchem (auf dem Niveau des Stammes) einheitlich (auch für 
rechtliche Verpflichtungen) agierenden Ganzen (worin sich neben den sexuellen 
Unterschieden die der klimacterischen Jahre markieren, als Altersklassen) be- 
ginnt, mit dem (durch individuell bevorzugte Veranlagungen erworbenen) 
Überschreiten des kommunalen Eigentums durch Privatbesitz, fortab 
die Individualität zu reden, unter Beanspruchung von Sonderrechten, die 
(timokratisch) durch Ehrungen (wie aus Freigebigkeit erkauft) geschmeichelt, 
rasch zu substantieller Macht prätendieren, in dem, leibliche und geistige 
Bedürfnisse (weltliche und geistliche, auf historischer Bahn) vertretenden, 
Priesterfürstentum zunächst. 

Je mehr nun unter Ständegliederungen die Individuen, zugehöriger 
Rechtsphären, in Verschiebungen mit einander gelangen, desto mehr be- 
darf es (zum Abgleich im Ganzen) der Moralvorschriften, die aus dem 
Logos (sprachlicherGesellschaftsschichtung) — der (pupj Xo^iffroc^ (inlogischen 
Darlegungen) — reden, gleichzeitig aber auch im {^tJ^6Q(ier Seelenteilungen), 



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— b9 — 

als ^jßoQ; und da ^9oq x(f dv^pcimp dtufxmvy beginnt nun (mit Stimme eines 
daufiovtov) das Hineinreden des Dämonischen, zum Göttlichen verklärt 
{jbdxecua rot) j/o5), wenn der in sein Jenseits projizierte Logos (aus mütter- 
licher Sophia geboren) Ton dorther wieder herantritt (lfa>dev), mit seinen 
Offenbanmgen (eines na^p dv(ouufJto<:) und ethischen Geboten (aus dem 
Echo religiöser Atmosphäre). 

Beim Festhalten der in der Natur der Sache wurzelnden Grnndtypen 
wird viel leeres Gerede gespart sein, wie beim Moralisieren darüber, wenn 
der (sich als den Menschen qua solchen bezeichnende) Stamm den, weil für 
das Selbsterhaltungsprinzip (der eigenen Genossen) suicidisch anathe- 
matisierten, Mord dem zauberisch bösen Un- oder Nichtmenschen ^) draussen 
gegenüber als geheiligte Pflicht auferlegt oder (in hochentwickelten Eultur- 
stadien) zum Tod auf dem Feld der Ehren begeisternd, in nationalen 
Kämpfen, die Begeisterung durchdringt (auch vielleicht ein »point d'hon- 
neurc sich zuspitzt, bis zum Abbrechen der Überspitzung). 

In den träumerisch unbewusst (prähistorisch insofern) hingedämmerten 
(und dahingeschwundenen) Zeitläuften liegen die Wurzeln dessen versenkt, 
was — in primitiv einfachster Kunstsphäre (soweit unerlässlich zur Ver- 
längerung der Gliedmassen durch Werkzeuge) und den (als Yoranlagen 
sozialer Existenz praconditionellen) Institutionen — am geschichtlichen Licht 
zu Tage getreten ist, und wo [in dessen (mit organischer Fortentwicklung 
gemehrter) Helle] Anknüpfung sich zeigt an eines Erfinders Namen, 
diente derselbe als Sprachrohr für den Logos, der aus den mit kulturellen 
Entfaltungen die Atmosphäre durchschwebenden Schwängerungen redet, 
von dem, was sie zu künden haben (wenn hervorbrechend im Reife- 
stadium des Wachstums). 

»The unfolding of the genius of the age has been the evolution of 
invention from the beginning« (s. Mason), und an der Spitze jeder kultur- 
geschichtlichen Epoche erscheint die Gestalt desjenigen, unter dessen Namen 
vornehmlich erinnert wird, was in der »indoles temporis« ausgesprochen 
liegt oder (nach D. F. Strauss' Bestätigung sprichwörtlicher Ausdrucksweise): 
was »aus der Luft gegriffene ist (aus den darin schwebenden Ideen). 

Für das anthropologische Individuum mag die Sprache erlernt 
(oder angelernt) gelten, für das Zoon politikon dagegen bildet sie eine 
ebenso nnabweisliche Vorbedingung realer Existenz, wie für den physischen 
Organismus seine Arme und Beine, und wenn sich dieselben durch Übung 



") Ein Frag ist, von wenen wunderliche Menschen kumen, die zu latein Monstruosi 
heissen, ob sy von Adam seien kamen (s. Megenberger), oder Präadamiten (für prä- 
historische Verwertung). Das Animal (den Menschen einbegreifend) wird dem Brutum 
gegenflbergestellt (b. Sperling). Die Thiere sind von Gott ^zu praeceptores und 
Lehrmeister hingestellef* (in Frey^s) Biblischem Tierbuch {ßT^fHjßißklov)^ wie den In- 
dianern (aus dem Schatzgeist dos Totem). 



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— 60 — 

vervollkommnen mögen bis zu Jongleurkunststücken, fehlt solche Befähigung 
nun gerade auch der Sprache am wenigsten, bei den Metaphern ihrer 
»Idola fori«, wenn im Wirrsal des Un- (oder Miss-) Verstandes die 
Schlagworte sich kreuzen (des Parteigezanks, in der »licentia temporisc). 

Die leitend bedingende Zielrichtung (als zb oü ipexa) stellt die Frage 
des »Cui bono« für zweckentsprechende Beantwortung. 

Was im Zeitalter der Aufklärung teleologisch erklärt sein sollte, 
war subjektivisch auf den Menschen (als »Maass der Dinge«) bezogen, 
und wenn die, als conditio sine qua non (der Existenz überhaupt) voraus- 
zusetzende, Übereinstimmung des Organismus mit den Umgebungsverhält- 
nissen ein ursächliches Prinzip (bei der Akklimatisation) eingefügt er- 
hielt (s. Lamark), wurde dadurch die Entwicklung (als Aus- oder Fortent- 
wicklung vom vorangestellten Ausgangspunkt) über die von den Relationen 
umzeichneten Grenzen in das Gebiet des (vor ausstehender Durchbildung 
des logischen Rechnens) undenkbaren heraasgeftihrt, von wo es nur in 
dichterischen Metamorphosen (Goethe^s) zurückschimmern konnte (statt 
Ovid's mythologischen). 

Mit der (in J. Müller's Schule) fortschreitenden Detailkenntnis der 
Physiologie (in funktionellen Einzelheiten) kam dann, auf Grund des von 
Darwin angesammelten Beobachtungsmaterials, die Anerkennung der Trans- 
mutationen (unter klimatischen Bedingungen) zur Geltung und hier, wenn 
dem Abgleiten auf schiefer Ebene der Descendenz [unter ihren (in 
Rockenphilosophien gedrechselten) Himgespinnsten] vorgebeugt wird, öflFnet 
sich der Weg in die Lehre von den »Geographischen Provinzen«*), [unter 
der Horizontweite der (nach tellurischem Gezimmer) zugehörigen Geschichts- 
bahnen], und auf solch kultarell gedüngtem Boden hätten dementsprechend 
geadelte Züchtuugsprodukte ihre in des Kosmos Unendlichkeit verlän- 
gerten Gedankenreihen überzuführen auf die von dort harmonisch zu- 
rückklingenden Gesetzlichkeiten, (für ein psychologisches Verständnis der- 
selben, weil mit hineinverwoben in eine das All des Daseienden umgreifende 
Fassungsweise, naturwissenschaftlicher Forschung)* 

*) Gleichzeitig mit dem Ilervorsprosscn der Botanischen Provinzen aus A. von Hum- 
boldts intuitiver Vorschau, hatte Karl llitter's „Erdkunde im Verhältnis zur Natur und 
zur Geschichte des Menschen oder allgemein vergleichende Geographie als sichere 
Grundlage des physikalischen und historischen Wissens" die Unterlage gebreitet, 
worauf in höchster Entwicklungsstufe ausgesagt wurde, dass ohne Anschauung des 
Bodens und Himmels von Hellas weder Religion oder Leben noch die Geschichte der 
Hellenen verstanden werden könne (b. O. Müller), wie in Curtius* glänzendem Ge- 
mälde geschildert, und hier hat der induktive Forschungsgang von den Anfängen aus- 
zugehen, in den Geographischen Provinzen (der Wildstämme), mit zugehörigen Annexen 
der Geschichtsbahnen (zum Sprossen der Kultur). Dass die Menschen, wie der Samen, 
zum Boden gehören, lehrte Cyrus seinen Persem, den Patriotismus anfachend (auf 
dem Mutterboden des Vaterlands). 



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— 61 - 

Hier sind manch^ nutzlos störende Missverständnisse dadurch herbei- 
geführt, weil [unter bester Absicht (und Befähigung) naturgesetzlich gültige 
Methoden auszufolgen] durch subjektiv ausgebrütete Zuthaten widerstrei- 
tende Verquickung mit schwankenden Theorien statt hatte, wodurch in Ent- 
stellung der naturgemassen Physiognomie abstossende Züge zwischen ge- 
mengt wurden, die Streit provozierten, wo es nichts eigentlich zu streiten 
gab (bei einfacher Einhaltung der natürlich gebreiteten Unterlage). 

Der aus Allgemeinheiten auf vereinzelnde Sonderungen schliessen- 
den Deduktion ist die Grenze ihrer Maxima bereits gezogen, wogegen 
betreffs der bei den Minima ansetzenden Induktion [eines materalistisch- 
naturwissenschaftlichen Zeitalters, am Aufdämmen seiner (in den Natur- 
wissenschaften) materialistisch gefestigten Zeitfassung] sich noch nicht 
sagen lässt, wohin sie mit ihrem Aufbau kommen mag, unter vorsichtig 
geübter Eontrolle (an dem deduktiv bereits gewährten Leitungsfaden, 
aus ideal gepflegten Kulturergebnissen der durchlaufenen Saecula). 

Behaglich lebte es sich für die, (gleich Kaljanaphuttajana) mit »ideae 
innataec angeboren. Geborenen (in platonischer Zeit) und sensationell 
traf deshalb der sensualistische Satz vom „Nihil est in intellectu, quod non 
prius fuerit in sensu**, so dass die armen Sinne von Sinnen gekommen 
sein wurden, ohne den prästabilistisch harmonisierenden Zusatz: „nisi in- 
tellectus ipse«, und wenn diesen nun ausverfolgeud, als »nisus formativusc 
im Wachstumstrieb, werden wir auch für den psychischen einstens auf 
geregelte Gesetzlichkeiten zu gelangen vermögen (unter denen eines har- 
monischen Kosmos). 

So lange das populäre Denkrechnen beständig gegen die Elementar- 
satze der Logik verstösst, kann es mit dem Fortschritt nicht gross vorwärts 
kommen, beim Drehen in schwindligem Circulus vitiosus, weil zurück- 
fallend in uraltes Gestreit um Huhn (oder Ei) und Henne (der Teile 
und ihres Ganzen, im »totnm divisumc), ^ apa rä xa96lo*j fiäXkov hcimyjzd ^ 
rä xara fiipoQy dnodeocrä äpa fiäXXov rd xa&SXoüf und so hatte es die Deduktion 
(des Stndierstübcbens) bequemer, als die Induktion, auf mühsame Sammel- 
arbeit hingewiesen (oft gar »sauer in Hitz und in Kalt«). »Die Pflanze 
bildet die Zellenc, ist in modemer Botanik zur Diskussion gestellt; über 
Schopfungsgedanken vielleicht, denn betrefis eiuer Entstehung hat die In- 
duktion nun eben von den Zellen auszugehen, soweit es sich um ihre 
Methode handelt. Und soweit (oder wieweit) es um Schöpfung oder Ent- 
stehung sich zu handeln hätte, bleibt denen überlassen, die davon bereits 
Etwas zu verstehen meinen, ehe das logische Rechnen seine »höhere Ana- 
lysisc (auch entfernt nur) angenähert hat (in ethnischer Psychologie). Vor- 
läufig sitzen wir (die »ejusdem temporis homines« und »coheredesc, ol xa9* 
ijfiäQ) noch in der Klippschule (als kaum zehnjährige Buchstabierschützen). 



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Um so dringender wird es erforderlich sein, diejenige Lacke ausznffillen, 
welche Ton Tage zu Tage sich fühlbarer macht, im staatlichen ünterrichts- 
wesen, das zwar, seit den realistischen Zugestandnissen und Angliederungen 
naturwissenschaftlicher Museen an die Universität, nicht mehr vom »klassischen 
Dogma« allein beherrscht wird, aber für die schon in den »Ideen zu einer 
Philosophie der Geschichte der Menschheit« verwundert aufgeworfene 
Frage, weshalb neben den für Steine, Pflanzen und Tiere errichteten 
Lehrstühlen derjenige fehle, der vom Menschen zu sprechen hätte, eine 
Antwort noch nicht beliebt hat. 

Um junge Staatsbürger heranzuziehen, die, in allen Sätteln gerecht, 
auf ihrem Schlachtross sich umsichtig ausgerüstet finden, um im »Kampf 
des Lebens« streitfertig sich zu tummeln, dürfen nicht länger mehr (oder am 
wenigsten grade) die Lehrföcher fehlen, welche in diejenigen Kenntnisse 
einzuführen haben, wie sie von den Ansprüchen des internationalen Welt- 
verkehrs verlangt werden, um im eigenen nationalen Interesse dominierend 
zwischenzugreifen, mit der durch das Wissen verliehenen Macht (»knowledge 
is power«). 

Da im kommerziellen Wettbewerb (um zahlungsfähige Kunden) der 
Kundigere den Bang abläuft, wird sich die Staatskasse, die vornehmlich 
aus dem Handelsstande gespeist ist, je intelligenter dieser, um so besser 
füllen, und das für sobezügliche Unterrichtsanstalten angelegte Kapital 
also bestens verzinst haben. 

Dass, während der Ausübung jedes verantwortlichen Berufs ein strenges 
Rigorosum der Prüfung voranzugehen hat, dies für Installierung der Ko- 
lonialbeamten ausföllt, war (bei unvermittelt jähem Einbruch der 
kolonialen Zeitströmnng) in den ersten Jahren entschuldbar genug, wäh- 
rend die zum Wiederwettmachen der durch Missgrifife und Missverständ- 
nisse angerichteten Schäden benötigten Kosten sich im starken Anwachsen 
des Budgets bereits allzu drückend fühlbar machen, um nicht im allseitigen 
Interesse Massnahmen anzuraten, solche Last zu erleichtem. 

Wie sehr im diplomatischen Verkehr, der, wenn durch das Umgarnen 
mit einem Intriguen-Netz »bedroht, zum vorteilhaftesten Herauswinden 
aus demselben, auf Erfolge um so besser hoffen darf, je korrekter der 
Blick geschärft ist zum Eindringen in das Detail gesellschaftlicher Ver- 
schlingungen, einer vorbereitenden Kenntnisnahme von denselben nicht ent- 
raten werden darf, (ehe man ein, weil schlüpfrig, gefährliches Terrain be- 
treten will), hätte sich vornehmlich bei air denjenigen fühlbar zu machen, 
die, weil durch das bis dahin übliche Lehrwesen im Stich gelassen, 
nachträgliche Informationen sich zu beschaffen, auf Schwierigkeiten stossen 
müssen; und mit der in Ostasien urplötzlich auftauchenden Grossmacht würde 
es z. B« um so bedenklicher sein, den Fehdehandschuh ungerüstet anfzu-* 



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— 63 — 

heben, weil die dortigen Unterrichtsanstalten schon Jahrzehnte lang (seit 
1876) darauf bedacht sind, sich mit all denjenigen Kenntnissen auszurüsten, 
welche den westlichen Grossmächten zu Gebote stehen (und auf den Lections- 
katalogen der Universitäten und Schulen allseitig volle Berücksichtigung 
erhalten). 

Und wie dort im Osten für Fragen praktisch weittragendster Be- 
deutung, tritt für theoretisch-wissenschaftliche eine Konkurrenz im Westen 
auf, bei unseren transatlantischen Vettern, die dem europäisch Äehrweniger 
bereits fast gleich nivellierten ünterrichtssystem in Universitäten und 
Akademien, jetzt im »Bureau of Ethnology« (seit 1879) ein oberes Stock- 
werk noch hinzugefugt haben, dem bis jetzt kein diesseitiges Paroli 
geboten werden kann. Die dortigen Gelehrten sind zielbewusst an der 
Arbeit, in voller Thätigkeit. »They have in this a clear duty set before 
them, and they are doing it in a splendid stylec, bemerkt (auf der Ver- 
sammlung d. B. A. f. the A. of Sc. in Oxford) der Präsident der Anthropo- 
logischen Sektion (1894), unter dem Ausdruck des Bedauerns, dass sich 
nicht das Gleiche von seiner meeruragürteten Heimat sagen liesse. Und 
noch weniger wohl von den meisten Ländern des Kontinents, wo jeder mit 
sich selbst darüber abrechnen mag, was am vorteilhaftesten sich in Rech- 
nung stellt, um aus dem Wettkampf der Nationen als Sieger hervorzu- 
gehen. Da sich für solche Zwecke auch der Schulmeister als mitredend 
erwiesen hat, sollte sein Anteil am wenigsten verkümmert werden, gegen 
den von dem »Donner der Kanonen« beanspruchten; der freilich den letzten 
Ausschlag zu geben hat, wenn es zur »Ultima ratio« kommt, aber sofern es 
zu solcher, aus dem Rat verständiger Schulung, nicht zu kommen braucht, 
dann um so lieber entbehrt bleiben wird, in einem die friedliche Ver- 
brüderung der Erdenbürger inaugurierendem Zeitalter (der Humanitas). 

Im psychischen Wachstum walten elementar gleichartige Denkgesetze, 
die für ihre Folgewirkungen freilich in die Verschiedenheiten des ethnisch 
jedesmal charakteristischen Gedankenganges auseinandergehen (den Differen- 
zierungen der Völkergedanken gemäss), aber, bei Reduktion auf primäre Zell- 
prozesse, diesen (wie in vegetativischen Wachstumsprozessen) einen gesichert 
anknüpfbareu Leitungsfaden zu entnehmen vermögen, um sich unter den 
Irrgängen der, an der Oberfläche täuschenden, Maskierungen zu orientieren. 

Des Wildstamms Denken im engsten Bereich, zeigt sich in desto 
strenger geschlossene Bande seiner Logik eingeschlossen, obwohl nun, 
was dadurch zu Stande gebracht wird, als elendiglich schwaches Produkt 
erwiesen steht, im Verhältnis zu der artistisch durchgestalteten Maschinerie, 
die einer kulturell geschulten Denkthätigkeit zu Gebote steht (um dialektisch 
damit zu arbeiten). 

Wie leicht also wäre hier die Beherrschung, kraft des (auch ideal 



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— 64 — 

gültigen) »Stärkeren Rechtesc (im jus fortioris); und die armen Wilden, die 
den Gaukelpossen ihrer Schamanen und Fetizero's schon hülflos preisge- 
geben sind, ins Sklavenjoch besserer Belehrung (für eigenes Beste in »Er- 
ziehung des Menschengeschlechts«) einzuspannen, müsste doch wahrlich 
ein Einderspiel sein für die mit dem luxuriösen Aufwand der Hochschulen 
grossgezogenen »Welt weisler« unserer Civilisation. 

Und so wird es sein, sobald einer Lehre von Steinen, Pflanzen und 
Tieren sich die vom Menschen angereiht haben wird, im gleich natur- 
wissenschaftlichen Sinne (humanistischer Studien). Die für solche Behand- 
lung (der Steine, Pflanzen und Tiere) berufenen Gelehrten stehen auf einer 
Warte universeller Umschau über den Globus, und der Geologe sowohl, 
wie der Botaniker und Zoologe, findet sich gleich familiär vertraut auf 
jedem der fünf Kontinente (soweit die, seit Erschliessung derselben ge- 
lieferten, Materialien für das Detail bereits ausreichen). 

Wie nun mit denjenigen Berufsklassen, denen von unserm Kulturstaat 
die Pflege des Menschen übertragen ist in philosophischen oder philologisch- 
historischen Disziplinen? (den humanistischen bezeichnenderweise, für das 
»genus humanum«). 

Ihnen ist die Welt noch mit Brettern vernagelt, innerhalb der 
Schranken des klassischen Orbis terrarum, und wo derselbe seine trans- 
atlantische Erweiterung erhalten hat, trägt die moderne Übertünchung 
um so mehr dazu bei, die endogenisch vertieften Schichtungen aus den 
Augen zu halten. 

Die den Höhen sonnbestrahlter Reflexionen und Spekulationen zu- 
gewandten Blicke der Philosophen schweifen weit erhaben hinweg über 
das Nachtgedankel, worunter das Getriebe der am Boden kriechenden 
Wildstämrae lagert, und der Philologe, je grandgelehrter, vertieft sich 
desto tiefer in die Minutiositäten seines Specialfachs, zum Besten desselben 
(wie recht und billig für das Detail der Teilarbeit). Seitdem auf den 
Verzweigungen des arischen Sprach Stammes fortgeführt nach Indien, hat 
der Sanscritist wertvollste Schätze dort gehoben, aus dem, was die Texte 
lehren, soweit litterarisch fixiert, aber das bunte Marktgewühl des sozial 
lebendig pulsierenden Lebens, wie aus Vielfachheit der Stammes- und 
Stäudegliederungen durcheinander drängend, pflegt in böhmischen Wäl- 
dern und Dörfern zu verbleiben, soweit nicht neuerdings zu deutlicheren 
Anschauungen gelangt (durch museale Aufstellungen). 

Den Historikern ist seit dem Anlauf zu einer »Universalgeschichte« 
(in den Sammelwerken des vorigen Jahrhundert's) das Bedürfnis ihrer 
Kulturgeschichte gekommen, die indes grösstenteils nur zwittrige Miss- 
geschöpfe gezeugt hat, ohne genügende Lebensfähigkeit, um z. B. einen 
Organismus, gleich dem aus China^s uralter Kultur erwachsenen, bis in das 



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— 65 — 

feinere Geäder seiner physiologischen Funktionen za durchspäheni in den 
wechselnden Phasen seiner Kunst-, Litteratur- und Rechtsgeschichte, (und 
der politischen ausserdem), so dass alle die aus vergleichenden Parallelen 
entnehmbaren Aufklärungen unausgenutzt verbleiben [und der Verwertung 
entzogen, wo ihre Kenntnis, wie wissensch^iftlich, auch praktisch, (im diplo- 
matischen Verkehr etc.) zu Gute kommen könnte]. 

Statt den neuen Wein in alte Schläuche zu füllen, bedarf es einer 
Neuanlage für das »Novum Organouc der Zukunft, uud zwar in einem 
dem Umfang seiner Bedeutung würdig entsprechenden Stil, da es hier zum 
ersten Male (in Wahrheit und eigentlichem Wortsinn) dem Menschen um 
sich selbst sich handelt, um sämtliche Variationen des Menschengeschlechts 
anf der Erdoberfläche, nicht mehr nur das kulturelle Teilganze ^) allein, in 
derjenigen Weltgeschichte, die ihm seine Welt umgriff (unter demgemässer 
Erweiterung der Volksgeschichte). 

In heutiger Welt schwärmt und summt es mit dem Badgetriebe 
des internationalen Verkehrs, und jeder thut wohl, mit dieser komplizierten 
Maschinerie sich eingehend vertraut zu machen, um nicht etwa von ihr 
zermalmt zu werden, wenn (zur Mitarbeit gedrängt) sich durch Fehlgriffe 
versehend. 

Und so im Concerte der Gross- und Kleinmächte würde der in Gleich- 
giltigkeit des Nichtwissens unbekümmert Verbleibende diejenigen Melodien 
nachzupfeifen haben, die besser hineinstimmen in den Gesamtrhythmus, wes- 
halb es sich klärlicherweise dem Staatshaushalt vorteilhaft erweisen dürfte, 
die (nach pädogogisch durchgangiger Bescheidenheit) in massigsten Grenzen 
verbleibenden Mittel für ethnologische Schulbildung zu gewähren — vor- 
teilhafter und billiger, als die (bei Ermangelung derselben) bedrohenden 
Missgriffe durch teures Reugeld nachträglich wieder gut machen zu 
müssen, (so lange die bösen Folgen abzuwenden überhaupt noch im Be- 
reich der Möglichkeit verbleiben sollte). 



') Nach dem Principium dividendi werden (im Totum divisam) die Membra divi- 
sionis (oder Membra divideDtia) eingeteilt, und dann gehen die Subdi Visionen weiter, 
synthetisch (von Gattungs- zu Artbegriffen fortschreitend) oder analytisch (bei Zerlegung 
der gegebenen Arten in ihre Merkmale), für die Topik (oder totoxo), in Versefizierung 
von Aphthonius' Chrie (b. Daries) fttr die Rhetorik (ciceronianisch), bis zur „Grossen 
Kunst" (in LuUus' Maschinerien), die Liebhabern überlassen bleibt, da es ihrer mecha- 
nischen Umständlichkeit nicht bedarf, um die contradictio in a^jecto (in einer den 
Taubsten ^ad absurdum" führenden Paradoxie) zu erweisen, wenn Einheitliches (in Arten- 
heit des Menschen) wiederum eingeteilt werden soll (statt die Forschung auf rational 
proportioneile Zerlegungen hinzurichten). Die „logicxd division" hat (neben „physical 
division" oder partition) auch die „metaphysical division" (s. Jevons) einzubegreifen, 
nachdem objektiv konkrete Anschauungsbildcr gewonnen sind (in den ethnischen Mani- 
festationen der zu Völkergedanken differenzierten Primalitäten, aus psychischer Ele- 
mentaranlage). 

M. f. V. 6 



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— 66 — 

Ohnedem braucht die scheinbare Unermesslichkeit der Aufgabe, welche 
eine Durchwanderung des gesamten Globus in all' seinen Windungen 
und Verschlingungen zur Pflicht hinstellt, keineswegs abzuschrecken, 
denn seitdem es glücklich gelungen ist, die Spannungsreihe der Elementar- 
gedanken festzustellen, rechnet der Ethnologe mit Logarithmen, so dass 
sich die Denkprobleme gleich spielend lösen, ob auf das Niveau des 
Wildzustandes gestellt, ob aus den Kulturschöpfungen höchster Geschichts- 
blnte (einheimischer oder fremder). Das braucht nicht in das Gedächtnis 
derer zurückgerufen zu werden, die wir als Leidensgenossen die schwere 
Zeit eines zwanzigjährigen Frondienstes mit einander durchlebt haben, 
unter Zusammenschleppen des Rohmaterials aus allen Ecken und Enden, 
in lästig bedrückender Handlangerarbeit, (die indes nicht gespart werden 
durfte, wenn etwas Ehrliches werden sollte; aus dem Werk, das bevor- 
stand). Desto froh leichter kann jetzt aufgeatmet werden, wo die Fun- 
damente gelegt sind, auf unerschütterlich gesichertem Boden der Natur- 
gesetzlichkeiten, die zu ihrer organischen Ausgestaltung um so rascher ge- 
langen werden, je weniger durch frühreife Eingriffe gestört. 

Und hier mag ein Wörtchen hinzugefügt werden, für die jung 
herantretende Generation, die, auf den Schultern der Vorang^|rangenen 
stehend, weiter blickt und klüger zu sein verdient, wenn vernunfl^emäss 
wirtschaftend mit dem Erbgut, das ihr überlassen bleiben wird (zu 
bester Verwertung). 

Die Reihen derer, die im Anbeginn zusammenangetroffen wurden, 
lichten*) sich von Jahr zu Jahr. Elaum ist noch der Eine oder Andere 
abrig, aus frühestem Kreis, um zurückzublicken auf jene Tage, wo 
die Ethnologie in ihrer Wiege gebettet lag, als ihrer Vorgeschichte 
Dämmerungsstunde den heraufziehenden Morgen kündete. Seitdem, mit 
Anbruch desselben, ihre geschichtliche Epoche einsetzte, haben sich 
rasch die Reihen der Mitarbeiter gefüllt, denen (bei emstgesinnter 
Hingabe an den, durch den Ruf der Zeit geheischten, Dienst) diejenigen 
Erfolge zu danken sind, wodurch jetzt der Boden gebreitet und vorbe- 
reitet liegt, für unbehinderten Fortbau an dem Lehrgebäude unserer »Lehre 
von Menschen«. 

Und erfreulichst tritt jetzt (zur Ergänzung und Ablösung) ein neuer 
Nachwuchs heran, eine bereits vorgeschulte Streiterschar, so dass es bald 
gelungen sein wird, die zeitgemäss begründeten Rechte der Ethnologie zu 



*) Als Mancher, wie der „mit den Ältesten dem Herrn gedient*, begraben war 
(am Berge Gaas), „und auch Alle, die zu der Zeit gelebt hatten, zu ihren Vfttem 
versammelt waren, kam nach ihnen ein anderes Geschlecht auf, das den Herrn nicht 
kannte, noch die Werke, die er gethan hatte*' (und es diente Baalam); bis dann, mit Fülle 
der Zeit, wiederum Propheten berufen werden mussten (von der Wahrheit zu zeugen). 



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— 67 — 

allgemeiner Anerkennung zu bringen. Jetzt, im vollen Schuss der Ent- 
Wickelung, bedarf es keiner Stimulantien mehr, eher vielleicht einer Ab- 
Schwächung des enthusiastisch fortreissenden Eifers, um kühlem Ver- 
standesgebrauch seine trockene Nüchternheit zu bewahren. 

Der »geheime Bautrieb c (vor dem der materialistische Geschichts- 
schreiber warnt) prickelt auch hier. Gearbeitet sei schon genug, man 
könne nun wohl an das Erklären gehen. Was der Himmel nicht wolle! 
denn dann: »Ga man hen, se sitt all weder in^n pissputtc (unsere \ieV 
Frau Ethnologia). 

Aus wüst chaotischem Massenmaterial hat sich, binnen wenigen 
Dezennien, genugsam geklärt, um Erklärungen zu gewähren, in über- 
raschendster Hülle und Fülle, aber diejenigen Erklärungen eben, die auf 
naturwissenschaftlichem Arbeitsfeld ungesucht sich aufdrängen und auf- 
zwängen aus Belehrungen der Natur; und sie (durch die, ihr selber abge- 
lauschten, (Geheimnisse) sodann in des Menschen Hand gegeben hat, ihm 
ihrerseits zu dienen (in jeder fachgerecht durchgestalteten Disziplin), um 
fortab beherrscht zu bleiben, durch seines Geistes Macht (soweit sie reicht). 
Was sich dagegen die »Bitter vom Geiste aus [Geist (oder Gischt) sprudeln- 
den] Himgespinnsten zusammenweben wollten, würde nichts anders erklären, 
als dass sie bereits bei ihrem Altweibersommer angelaugt sind, während 
der Jugend gerade zum Eindruck zu kommen hat, dass kaum eines 
frühesten Frühlings erster Lenz erst angebrochen ist für diejenige Wissen- 
schaft, an deren Tempel fortan weiter zu bauen sein wird (in der Geschichte 
der Menschheit). 

Die ihre Bestimmung aussprechende Zielrichtang des Menschen, zum 
Zweck und für Aufgabe seines Daseins, ist in Kenntnis seiner selbst ge- 
stellt, durch das Gebot des jya>&i aeauzövy (oder gleichlautender Sprüche 
vieler) und indem die Grundursache des Schmerzes in der Unwissenheit 
(Avixa) wurzelt, weist das »Vierwortc auf Anstreben des Wissens hin, zur 
Erlösung (unter Aufhellung umlagernden Dunkels). 

Die Selbsterkenntnis führt auf die Selbstbeobachtung, deren nach 
Innen gerichteter Blick indes, je tiefer versenkt, desto dunkler sich um- 
schleiert, weil in die dem Physischen (eigener Leiblichkeit) eingebetteten 
Wurzeln des Psychischen auslaufend* 

Und so gilt es also die Anschau des Draussen (im deutlich erhellten 
Reflex des innerlichen Gedunkeis), um aus dem Zusammenhang des Ganzen 
auch denjenigen Teil zu verstehen, der mit des Menschen Wesenheit zwischen- 
hineingefüg^ steht. 

Hier setzt nun der naturwissenschaftliche Forschungsgang ein, die 
Dinge, wie sie vorhanden, durch Verständnis zu bemeistern, in Arbeits- 
teflnng nach einander, und die, demgemäss auf das Endziel hin aufge- 



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— 68 - 

Sffiiete, Strasse baut sich aus Vergleichungen auf, die empirischer Er* 
fahrung entnommen sind, in den Beobachtungen kontrollierend geprüfter 
Experimente. 

So arbeitet der Chemiker in den Versuchen, mit denen er experimentiert, 
unter erprobender Anderang derselben (bis es stimmt, im Resultat), so 
der Biologe im Variiren des Standpunkts, von dem aus die vor den 
Augen ablaufenden Vorgänge in Betracht zu ziehen sind (um sie nach allen 
Richtungen hin umschaut zu haben). 

Und so, auf gleichem Wege, wäre nun also, nach Durchwanderung 
der den Steinen, Pflanzen, Tieren zugehörigen Reiche, das des Menschen 
in Behandlung zu nehmen für seine physische Hälfte nach den bereits 
festgelegten Grandsätzen der Physiologie, und für seine psychische daneben, 
im Operieren mit den Anschauungsbildem, die aus eigenem Innern an dem 
Horizont der Gesellschaftswesenheit (in ethnischen Kreisungen) projiziert, 
von dort sich reflektieren werden, um zu lehren, was der Logos redet. 

Dies also wären die Offenbarungen, denen die Sehnungen zugewandt 
sind. »Alles, was wir von dem Gott, der es allein ist, mit Gewissheit 
erkennen können, beruht auf seiner Selbstoffenbarung durch den heiligen 
Geiste (formuliert V. v. Strauss die theologische Fassung). »Gottes' Wesen 
ist sein Lebenc (s. Eckart), in frommer Freundeswahl (abrahamitisch). 

Nachdem im Fortgang des, auf Stützen der in ethnischer Psychologie 
thatsä^hlich angesammelten Daten voranschreitenden, Forschungswegs das 
Gfsamtgebiet der Denkmöglichkeiten erschöpft ist, — in den Wandlungen 
der Elementargedanken unter den Differenzierungen der Völkergedanken, 
worin der Gesellschaftsgedanke sich ausspricht, als gemeinsamer Mensch- 
heitsgedanke — , muss damit dann dem Besitzstand des Wissens' ange- 
eignet sein, was dem Menschen auf tellurischer Laufbahn zu wissen be- 
schieden sein kann, um zu eigner Erkenntnis hindurchzudringen, im Selbst 
eines Jeden (soweit es sich ihm yersteht) ; aus innerlich hörbarer Stimme, 
im Einklang mit des Kosmos harmonischen Gesetzlichkeiten. 

Das Denken lebt sich in der Kausalität (dem Kausalnexus Ton Ur- 
sache und Wirkung), demjenigen Wachstumstrieb (eines nisus formativus) 
entsprechend, der (vegetativisch) aus vis vitalis (der Spiritus vitales) auf 
chemische Umänderungen zurückgeführt ist (in Diallaxis und Mixis); und 
im Suchen nach der »Causa sufficiensc als »principe de la raison determinante 
ou süffisante« (bei Leibniz), wird eine Beantwortung angestrebt für die 
Fragen, die sich stellen, mit einfallendem Reiz, wodurch demgemäss 
entsprechende Reaktion provoziert wird, im lebenden Organismus sowohl, 
wie aus wahlverwandtschaftlichen Affinitäten durchweg (unter beherrschenden 
Gesetzlichkeiten). 

Aprioristisch angeboren (b. Kant), kommt die Kausalität (b. Hume) 



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— 69 — 

aas gewobnheitsmässigen Erfahrungen zum Verständnis, da als »Grundgesetz 
des Denkensc (s. Kirchner) der Satz gilt: »Kein Ding ohne Ursachec, 
soweit aus Belationsbegriffen eruierbar (durch logisches Rechnen). 

und nachdem alle die Bechnungsaufgaben, die im Gange der 
Forschung heranzutreten haben, erledigt sein werden (unter gewissenhaft 
prüfender Kontrolle jeder einzelnen), verbliebe dann in Erwartung: Was 
weiter? (wenn das logische Rechnen bis auf ünendlichkeitsrechnungen 
gelangt, im Infinitesimalcalcul). 

Für die in der Gegenwart mit ihren Pensum Beauftragten genügt 
die. Überzeugung, sich auf dem richtigen Wege zu befinden, der unter 
Wegweisung der Zeit zum Ziele führen muss — , schon deshalb, weil es einen 
anderen überhaupt nicht mehr giebt, unter all^ denen, die nach jedmöglicher 
Richtung hin versucht worden sind, solange auf dem Erdplaneten die über- 
schaubare Geschichte des Menschengeschlechts ihre Bolle abgespielt hat 
Und so spricht auch hier ein »kategorischer Imperativ« der Pflicht, dem 
gerecht zu werden, was mit Fug und Becht verlangt wird, im Interesse 
der Humanitas (nach jedem Sinne, der diesem Worte innewohnt). 

Die stolze Überhebung über das humanistische Normal-Niveau (in 
den Humaniora) hat sich als verfrüht erwiesen, doch fügt sich vielleicht 
naturgemass dem Komparativ sein Superlativ einstens hinzu, wenn statt 
des »Gott« in der Geschichte, der »Mensch« darin gesucht werden sollte, 
von ihm selber eben, um aus der Menschheit Bild sich selbst zu finden 
(mittönend im Einklang des All-Einen). 

Nie, so lange die Erde sich gedreht hat, ist eine Epoche gleich er- 
eignisvoller Katastrophen, in kürzeste Fristspanne zusammengedrängt, 
innerhalb der Menschheitsgeschichte durchlebt worden, als wie von heutiger 
Generation. 

Wie verschieden für die, welche um Mitte des Jahrhunderts zu 
klimakterischen Jahren der Mannheit anstiegen, — wie verschieden die 
Welt, die ihre Wiege beschien, von der derjenigen, die jetzt, nach Über- 
schreitung der, im Namen der Sexagenarii schon ausgedrückten, Scheidungs- 
linie, von dem Schauplatz abtreten (nach einander). 

Der seit dem Entdeckungsalter eingeleitete Fortgang der Naturwissen- 
schaft hatte nach Durchforschung der chemischen auch die physikalischen 
Kräfte, — des Dampfes, durch Bemeisterung der aus solarer Quelle 
strömenden Wärme und der aus tellurisch magnetischen Tiefen zu Aus- 
sagen gezwungenen Elektrizität — , menschlicher Kunst zu Diensten gestellt. 

Unter zeitlichen Ersparnissen rücken die räumlichen Entfernungen zu- 
sammen, die Bedürfnisse physischer Existenz werden durch allüberall auf- 
springende Erfindungen verschönert und erleichtert, und der primär tech- 
nische Ausgang der Feuererzeugung, — der (obwohl Gabe uralt mythischer 



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— 70 — 

Kalturheroen) in primitivsten Anfängen stecken geblieben war (die Jahr- 
tausende der Vergangenheit hindurch) — wird Schlag auf Schlag verbessert, 
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, um hell und heller aufzuleuchten im blenden- 
den licht, wie die Metropolen der Gegenwart bestrahlend, und Wohl- 
behäbigkeit fordernd, in jedem Haus (bis in die Hütte des Ärmsten). 

Unter solch veränderten Konstellationen erwacht (mit dem Wechsel 
der Saecula) auf der Weltenbühne das fernerhin zum historischen Ab- 
spielen der ihm zugewiesenen Rolle berufene Geschlecht (im Geschichts- 
drama der Menschheit). 

Wie anders also der geistige Reflex des Gesellschaftsgedankens, dem 
sein Primat zuzuerkennen ist, seitdem die naturwissenschaftlich synchro- 
nistischen Triumphe auf biologischem Gebiet, psycho-physisch (in der 
Physiologie der »Physis«) gefestigte Stützpfeiler eingerammt haben, um 
die im idealen Schwünge der Psychologie emporstrebenden Regionen zu 
tragen, wo aus elementar gleichartigen Unterlagen die Völkergedanken 
sprossen, in den Differenzierungen buntester Variationen über den Globus 
hin (durch Raum und Zeit). 

Hier also gilt es jetzt die Lösung des in dem Menschen selbst ge- 
schlungenen Rätsels, um das, was des Kosmos' harmonische Gesetzlich- 
keiten durch waltet, mit seinem Verständnis zu durchdringen, soweit es 
reichen wird, in deutlich aufgeöffneten Zielrichtungen (um der, aus ihnen 
gesteckten, Bestimmung genug zu thun). 

Und hier also geh^ es gedeihlich voran, mit frisch froher Arbeit auf 
allen Forschungsfeldern der Anthropologie und Ethnologie (für unsere 
»Lehre vom Menschenc), um baldigst zu vernehmen, was sie ferner noch 
zu lehren haben wird — über das Genus Homo, oder des »emporschauen- 
den« Anthropos, Humanität (im vollsten Sinne dieser, die vorliegenden 

Aufgaben kennzeichenden, Wortbedeutung). 

A. B. 



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Das siamesische PrachtwerK Trai-Phüm, 

(Die „Drei -Welt".) 



Bei meinem Aufenthalt zu Bangkok im Jahre 1862 wurde mir im 
Verfolg der, mit dem gelehrten König Mongkut (der damals auf dem Thron 
Siam's sass) geführten, Gespräche der Zugang zu der Bibliothek des könig- 
lichen Palastes eröffnet, und neben Geschichtswerken, die zu Auszügen fttr 
Übersetzungen benatzt wurden (cf. Y* d. östl. As. L S. 289 u. flg.), &nd ich 
dort ein illustriertes Kunstwerk, auf das buddhistische Weltsystem bezüglich, 
aus dem gleichfalls einige Absätze kopiert sind (cfi Y. d. östl. As* lU, S. 353). 

Mein Wunsch einer genanen Kenntnisnahme konnte damals nicht 
realisiert werden, doch hat sich derselbe in späterer Erinnenmg oftmals 
erneuert und zu mancherlei Korrespondenzen geführt, mit denjenigen 
Adressen in Bangkok, die anderer Zwecke wegen für das Museum sich 
thätig erwiesen hatten. 

Lange blieben die Nachfragen ohne Erfolg, da das Buch in der Palast- 
Bibliothek nicht länger auffindbar erschien, und erst im vorigen Jahre 
ermöglichte ein glücklicher Zufall eine Spur wieder zu erlangen, dank der 
gütigen Bemühungen des durch deinen langen Aufenthalt in Siam, und ein- 
gehender Studien der einheimischen Yerhaltnisse mit denselben bestver- 
trauten Herrn Gerini, Direktors der Kadetten-Anstalt (Military College, 
Bankok). 

Die Resultate ergeben sich aus den beifolgenden Mitteilungen letzter 
Briefe darüber (aus dem Englischen übersetzt). 

Bangkok, 8. März 1894. 
Geehrter Herr! 

Es macht mir grosses Yergnügen, Ihren sehr freundlichen Brief 
vom letzten Januar zu beantworten, in welchem Sie mich um Nachricht 
in betreff des Trai-Phüm und anderer Stoffe befragten. 

Bald nach Empfang desselben lieh ich das berühmte Trai-Phüm-Buch, 
welches einst dem König Phyä Täk gehörte, und schickte an Dr. Haase 
eine Mitteilung, dass er herkommen und es ansehen möchte und alsdann 
seine Meinung an Sie berichten. Ich hoffe, dass sie seinen Brief vor 
diesem erhalten haben. Ich würde, als ein genauer Kenner des Gegen- 
standes, den Ankauf dieses einzigen Werkes für Ihr Museum sehr em- 
pfehlen, da ich sicher bin, dass, wenn nicht die gegenwärtig günstige 
Gelegenheit ergriffen wird, es vorteilhaft zu erwerben, irgend einer sonst 
das Buch kaufen wird. 



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— 72 — 

Dr. Haase^) wird, wie ich hoflTe, Ihnen Mitteilung gemacht haben 
von dem Um£Bing des Buches, von der Schönheit und Frische der Illustra- 
tionen und der durchweg sehr guten Erhaltung (das Alter betreffend) einer 
jeden Seite. Ich werde einige wichtige Einzelheiten noch hinzuf&gen. 

In erster Linie habe ich Sie davon zu unterrichten, dass dieses Werk 
keineswegs den Text des Trai-Phüm enthält; es umfasst dagegen die lUa- 
strationen der einzelnen Teile jener Abhandlung, mit einigen erklärenden 
Worten auf jeder Seite, die in modernen siamesischen Charakteren ge- 
schrieben sind* Zu Anfang des Buches und gelegentlich weiter hin finden 
sich einige Seiten Text in Siamesisch und einige Teile in Päli, die aus 
dem Text des Trai-Phüm ausgezogen sind. Die auf der ersten Seite 
eingeschriebene Vorrede sagt wie folgt (die Übersetzung ist meine eigene 
und ich garantiere für ihre Richtigkeit): »In dem 2317"*^ Jahr der 
buddhistischen Zeitrechnung, heute, Dienstag, 12*«^ Mond-Tag des 11*^ 
Monats der Chular-Zeitrechnung des Jahres 1138, Jahr des Affen, kam 
der König (Phyä Täk Sin) heraus, um in der Thronhalle, inmitten des 
Königlichen Palastes, in der Hauptstadt Tonburi Qri Mahä Samud (Bangkok) 
gelegen, einer zahlreichen Versammlung von Edelleuten und Beamten 
Audienz zu geben. Nachdem er dort den Text des Trai-Phüm geprüft hatte, 
entsprang der Wunsch, dass alle seine Unterthanen die drei Aufenthalte 
(bhümi) und die fünf Lebensbedingungen (gati) aller Wesen, ob himmlisch, 
menschlich, ob den unteren Regionen angehörig, (in asuras, pretas) etc. kennen 
lernen sollten, und so befahl er dem ersten Minister Chan Phrayä ^rl-Dhakma- 
dhiräy, ein zusammenlegbares Buch erster Güte zu besorgen und es 
zeichnungskundigen Männern zu übergeben, um mit allen notwendigen 
Figuren in der Residenz der Shanga-räja bemalt zu werden, welche mit der 
Inschrift des Textes und der Erklärungen, in Übereinstimmung mit den ge- 
heiligten Päli (Schriften), versehen sein werden, so dass es als ein Modell 
für die Zukunft dienen kann«. Gezeichnet (in Unterschrift): 

(Luang Phetjavakan 
Nai Nan 
Nai Buntsa 
Nai Riong 

Nai bunga \ 

Nai jet I aU Schreiber (alak-shanas), 

Nai Son i haben d. Text geschrieben 

Nai tbong kam j 

(zu des Königs persönlichem Gebrauch). — 

*) Dieser für königliche Dienste im Palast zu Bangkok beschäftigte Natur- 
forscher ist seitdem aus dem Leben geschieden (nach hier eingegangener Trauer- 
nachricht). 



haben gemalt die 
Illustrationen 



wir 



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- 73 — 

Dieses ist, textmässig, die Inschrift der ersten Seite, welche Ihnen 
sofort zeigen muss, dass wir uns hier einem Musterwerk von der wirk- 
lich ersten Klasse gegenüber befinden. Ich kann hinzufügen, dass dieses 
das einzige Werk seiner Art ist, welches in Siam, ja sogar in der Welt, 
zu finden ist; sogar die Bibliothek des Königs besitzt nicht eine so schön 
illustrierte Kopie desselben Werkes; und es steht in Voraus fest, dass, wenn 
man dort von dieser Kopie wüsste, sie sofort verlangt werden würde. Die 
gegenwärtige Besitzerin ist eine Palastdame, von der Familie des Königs 
Phyä Täk abstammend; und da sie das Buch als eine Familien -Erinnerung 
besitzt, so würde sie um keinen Preis dazu beistimmen, sich von ihm zu 
trennen. Aber ich überredete einen ihrer Verwandten, mit welchem ich 
in bester Freundschaft lebe, sie zu veranlassen, das Buch an mich zu 
verkaufen, da dasselbe, nach meinen Darlegungen, an ein europäi- 
sches Museum gesendet werden sollte, um dort als ein ewiges Muster 
siamesischer Darstellnngs-Kunst vergangener Jahre aufbewahrt zu werden« 

Da ich ein grosses Interesse daran habe, dieses seltene Buch nicht in 
den Händen sorgloser Eingeborenen zu lassen (denn es ist zu fürchten, dass 
es eines Tages verloren gehen oder zu Schaden kommen wird), so habe ich 
midi entschlossen, für Sicherung desselben in einem europäischen Museum, 
die Erwerbung sobald als möglich zu veranlassen, weil ich sehr besorgt 
bin, dass entweder die Eigentümerin anderen Sinnes werden mag, oder 
das Buch in fremde Hände übergehen kann. 

Ich würde viele Seiten gebrauchen, um Ihnen nur eine trockne Liste 
des Inhaltes der 128 illustrierten Seiten (in einer Grösse von 0,51 X 0,27 m) 
des Buches zu geben. Mag es genügen zu sagen, dass ausser Scenen der 
drei Welten und der verschiedenen Wesen, welche sie bewohnen, femer 
noch dargestellt sind zahlreiche Scenen aus dem Leben Buddhas und auch 
ans seinem früheren Leben als eines Boddhisatta, welche aus den Jätakas 
und spezieller noch aus den letzten zehn Jätakas entnommen sind, welche 
von den Siamesen in der höchsten Verehrung gehalten und die grossen 
genannt werden. Diese Geschichten haben Sie sicherlich auf den Mauern 
der siamesischen Tempel illustriert gesehen, aber gewiss sind sie in keinem 
derselben, nicht einmal in dem neu erbauten königlichen Tempel so ge- 
wandt, ja sogar so künstlerisch schön gemalt als in diesem Buch. Und ich 
kann hinzufügen, dass der Stil der Malerei in diesem Buch von dem heut- 
satage üblichen verschieden ist; und die dazu gebrauchten Farben sind 
alle von achtem siamesischen oder chinesischen Ursprünge, so wie sie von 
altersher gebraucht wurden. Heutzutage gebrauchen siamesische Künstler 
Malerei-Materialien europäischer Manuf^tur. Es würde einen sehr ge- 
schickten modernen Künstler verlangen, um eine Kopie des Werkes zu 
machen; und alsdann würde es weit hinter dem Original zurückstehen. 



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— 74 — 

und die Kosten worden den dafür geforderten Preis übertre£fen. Die 
meisten der Figuren sind vergoldet und die Vergoldung ist überall voll- 
kommen unberührt« 

Das Buch kann seiner ganzen Länge nach (ungefähr 10 Meter) ent* 
faltet werden, und da es auf beiden Seiten bemalt ist, würde es, wenn 
es in einem Glasschrank aufgestellt wäre, einen der grossten Anziehungs- 
punkte eines ethnologischen Museums bilden. An und für sich ist es 
vollständig genügend, eine vollkommenere Vorstellung von buddhistischer 
Weltlehre und Schriftlehre zu geben, und keine bessere lässt sich denken, 
als man aus einem Durchlesen der Seiten des Trai Phüm-Textes selbst ent- 
nehmen kann. 

Ich muss hier zu Ihrer Information hinzufügen, dass kein Original* 
Text des Trai Phüm in Päli existiert. Das Werk, Trai Phüm') genannt, 
ist in der Siamesischen Sprache geschrieben und war auf Befehl desselben 
Königs Phyä Täk zu ungefähr derselben Zeit mit dem illustrierten oben 
beschriebenen Buche, aus Päli- Werken zusammengesetzt, von Kommen- 
tatoren der buddhistischen Schriften kompiliert. Solche Werke werden 
von modernen siamesischen Buddhisten als nicht kirchensatzlich be- 
trachtet. Unter ihnen kann ich die folgenden erwähnen: 

1. Lokadhipaka. 

2. Loka santhäna pannatti. 

3. Okasaloka, etc., 

welche noch in dem ursprünglichen Päli in Siam existieren und, obgleich 
mit einiger Schwierigkeit, verschafft werden können. 



Das hier von dem verehrten Korrespondenten über Siam Bemerkte 
stimmt mit dem betreffs Birma Gültigen überein, wo ich verschiedene Bücher 
dieser (dem Litteraturkreis der Purana etwa entsprechenden) Veröffent- 
lichungen erwerben konnte, und gewinnt sich aus ihnen erst ein Einblick in 
die Schaffensthätigkeit des volkstümlichen Denklebens, während das Interesse 
an den orthodox -gelehrten Texten lebhafter von denjenigen gefühlt ist, 
die sich dieselben monopolisiert haben (zunächst für philologische Zwecke). 

Dass dieses Werk, wie der verdienstvolle Wiederauffinder desselben 
schon bemerkt, als ein XJnicum zu betrachten ist, als eine Art „Codex 
argenteus" (obwohl mehr golden als silbern und somit etwa „aureus^*) des 
Buddhismus (der ältesten und weitverbreitetsten Religion auf der Erde), 
bedarf für den Kenner ostasiatischer Verhältnisse keiner Auseinander^ 
Setzung. Was sich Ähnliches in China oder Japan antreffen möchte, 
wäre immer nur die Darstellung einer Schule (und von parteiischer 



*) Der korrekte siamesische Titel ist: Trai Phüm Vioijjhai. 

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— 75 — 

Polemik rasch dann zerfetzt), während derartig tibetische Analogien auf 
den Elosterbesitz beschränkt bleiben würden (und in dessen Umbereich 
nur gültig). 

Der dem Hinajana heilige Centralsitz seines Glaubens auf Lanka (wo- 
hin die Palladien des Buddhismus von Buddha Gaya geflüchtet waren), 
liegt allzusehr in einem Mittelpunkt des internationalen Verkehrs, als 
dass Zersetzungen hätten fem gehalten werden können, zumal seit der 
dortige Boden theosophisch überwuchert ist (unter dem Zwischenfall 
dichterischer Phantastereien aus dem »Light of Asiat). Diese innerhalb 
eines Jahrzehnts vollzogene Umwandlung hat sich mir deutlich genug 
ergeben aus Vergleich der Gespräche vom Jahre 1890 mit denen des 
Jahres 1880, und weitabstehend diese schon you denen, die im Jahre 
1861/62 in den Klöstern Birma^s und Siam's geführt werden konnten. 
In diesen beiden Ländern lag die offizielle Vertretung in der Hand des 
Staatsoberhauptes selbst, indem sowohl König Mendu-min (wie von früher 
verwalteter Provinz benannt) in Birma, wie (in Siam) König Mongkhut 
an der Spitze der buddhistischen Hierarchie stand, als gelehrtester 
Repräsentant derselben. Das Gleiche galt zur Zeit Pbaya-Tak^s, des 
Wiederherstellers der nationalen Unabhängigkeit der Thai, und was damals 
in einheimisch-technischer Vollendung hergestellt werden konnte, würde 
jetzt aus dem Bereich irgend welcher Möglichkeit liegen, infolge der 
seitdem bereits zur Durchwirkung gelangten Einflüsse aus unserm arischen 
Kulturkreis (unter raschen Steigerungen fremdländischen Handelsverkehrs, 
von Jahr zu Jahr). 

Schon dass ein ähnlicher Plan nochmals gefafst werden sollte, gehört 
zu den Unmöglichkeiten, da Birma ohnedem, mit Verlust seiner nationalen 
Selbständigkeit (unter englischer Herrschaft) zu streichen wäre, und in 
Siam, das allein übrig bliebe, sich heutzutage selbstverständlich kein 
Kunstprodukt schaffen liesse, das einem hundert Jahre älteren die 
Priorität bestreiten könnte. 

und so lässt sich ohne Widerspruch als faktisch konstatieren, dass 
vom Buddhismus unter seinem populären Durchschnittscharakter (also 
dem für kulturhistorisches Volksleben bedeutsamsten) die einzig beste Kopie 
(oder der eigentlich einzige Originaltext gewissermassen) fortan im hiesigen 
Museum aufbewahrt bleiben wird (zam Besten der Fachstudien). 

A. B. 



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Zur Farben- Tafel. 



Im »Ethnologischen Bilderhucht (Berlin 1887) findet sich (auf 
Tafel V) eine bildliche Darstellung*) des Nirvana, als Sunya, in der Leere 
(und Lehre) des Mahayana, während hier aus dem Hiuayana ein Seiten- 
stück geboten wird, in der einem himmlischen Jerusalem (der Apokalypse) 
entsprechenden Myang (Stadt) Niphan (den Illustrationen des Trai-Phum 
entnommen), cf. Vlkr. ds. östlch. As. (III, S. 353). 

Die Vielfachheit weit differierender Definitionsweisen des Nurwana 
folgt, erklärlich genug, wie mehrfach bereits bemerkt, aus den in Gefühls- 
stromungen schwankenden Umrissen, worunter Eschata, die über jede 
Begrifflichkeit transcendierend hinausliogen, versinnbildlicht werden sollen, 
und ein in den Ländern der Civilisation umhergesandter Fragebogen be- 
treffs der von den verschiedenen Gesellschaftsklassen (und bei den Ein* 
zelnen wieder in diesen) über das Himmelreich*) und seine vielen Wohnungen 
herrschenden Vorstellungen, würde voraussichtlich eine bunteste Musterkarte 
liefern, mit uranographischem Anschluss vielleicht an eine »pluralite des 
mondes« (im Stile buddhistischer Chiliokosmen). Wie der Inder, je nach den 
Favoriten in der Trimurti, den Hofstaat in Kailasa oder Vaikuntha, hat 
der Islam den Thronsitz seines Allah mit stereotypen Zierstücken ausge- 
schmückt, dogmatisch verbindlich für den Glauben, während bei (oder 
auf) dem Buddhagama, als religiös-philosophischem System, die Dialektik 
das grosse Wort führt, und zwar zunächst mit den der Psychologie ent- 
nommenen Argumenten, weil den seelischen Interessen, die hier in Betracht 
kommen, nächstliegend (auch in den »seelenlosenc des Abhidharma). 



Nieh-pan Jüen-teing (reine) Ruhe (Tsing) abgerundet (jüen) in Nirvana's 
Einheit (in Friedensruhe) oder Nehan Enjoh (japanisch). 

') Die in den Himmel Aufgenommenen schauen unverhüllt den dreieinigen Gott, 
meritorum tarnen diversitate, alium alio perfectius (nach dem Concü von Florenz), mit 
Fürstentümern und Herrschaften (aus der Epistel an die Bpheser) in den Himmeln 
allen („omnes coeli"), über dem dritten (paulinischen Paradieses), wo der messianische 
Hohepriester an der öxiyvoy (der Stiftshütte) fungiert, unter (apokalyptischer) Gottes- 
herrllchkoit im ewigen Jerusalem (mit Psalmengesängen einer „divina comoedia"). 
Aus dem (b. Matth.) geöffneten Himmel fallen (b. Marc.) die Sterne (am Weitende). 
Die genauere Ausmal un«x wird vom Pfarrer Oberlin systematisiert, in seiner „Ürano- 
graphie** (J. W., HI, S. 30). 



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— 77 — 

Und indem es sich hier nun nm einen logisch geschlossenen (dem- 
nach also kontrolierbaren) Gedankengang handelt, kann insofern von 
demjenigen gesprochen werden, was der Orthodoxie als richtig normal zu 
gelten hätte. 

Die sobezüglich vorgeschriebene Zielrichtung hat unter dem Wechsel- 
spiel der Ayatana und Aromana, beim Aufsteigen zu den Meditationsterrassen 
der Dbyana, auf Grund der (Manas und Dhamma verknüpfenden) Korrespon- 
denz, in »Asangkhata-Ayatanac auszulaufen, beim Hinübertritt aus den, zu 
den Phala leitenden, Megga in Akasaloka's Nitya, wenn für des Neibhan 
oder Nirvana's Erlosungswort das Ohr geöfihet steht (im Vollgenuss der 
langersehnten Friedensruhe)* 

Unter Avidya's dunkel umnachtender Vergessenheit lag die Wurzel 
verborgen, für all das Unheil, das unter der Wiedergeburten Qualen im 
Leid des Lebens zu tragen gewesen war, und jetzt strahlt es in der Panja 
Lichteshelle, seit bei dem Umbegriff Asangkhara's auf festgelegten Stützen 
(Ayatana) Sangkhara's Nichtigkeit entschwindet (als der Maya täuschender 
Trug), da die Durchschau gewonnen ist mit Verständnis deä Dharma (bei 
Einheitlichkeit des physischen und moralischen Gesetzes). 

Diese seit ausfuhrlicher Formulierung — (1871), cf. Z. f. E. (S. 240) — 
in den nachfolgenden Abhandlungen über den Buddhismus ausverfolgte 
Definition des Nirvana, als »Asangkhata-Ayatanac bedarf keiner noch- 
maligen Wiederholung (zumal da mir bei letztem Aufenthalt in Indien 
nochmals bestätigt). 

Aus der bildlich durchgeführten Darstellung ergiebt sich für die 
uranographischen Provinzen ihre schematische Anordnung, um den Meru, 
im Mittelpunkt des Weltsystems gruppiert. Die Ealpe des Windes reicht 
bis zum dritten Dhyana, in die Region der Subhas oder Beinen hinauf, 
die des Wassers bis zum zweiten Dhyana [die Lichtgötter (mit den 
Abhasvaras) einbegreifend], während der des Feuers, wie die Freudenhimmel 
(der Deva), auch die Meditationsschichtungen der Brahmas verfallen (im 
ersten Dhyana). 

Beim Anbruch gegenwärtiger Periode, — welcher die (typhonische) Zer- 
störung durch Sturm in (Cyklonen oder) Hurrikanen (antillisch, ihren mexika- 
nischen Tonatiuh korrespondierend) voraufgegangen — , hätte die Buhne also 
mit dem vierten Dhyana allein noch übrig (in Adrishta) zu eröffnen, 
und dort auf unterster Terrasse weilen die Vrihatphala, als Verdienstvollste, 
deren thätigem Eingreifen (kraft solch* überschüssigen »Thesaurus 
meritorumc) die Wiederherstellung zu danken ist, denn über ihnen machen 
sich schon die Vorwehen eines in thatloser Friedlichkeit abgeglichenen 
Ruhezustandes (für den Ausgang in Nirvana) merkbar, mit den in Schlummer 



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— 78 — 

versenkten Asandjnisattwas, den Atapas (oder Schmerzlosen), den in 
Schönheit Schauenden (Sudri^as) oder den darin (mit abschh'essender Voll- 
endung der Form oder »Rnpac) aasgestaltet (als Sudar^anas) Erscheinen- 
den (bei Idealisierang des »Eidosc), and dann, von Heimstätten der Höchsten 
oder Akanishtas, zweigen die Megga (Pfade) ab (för ihre Früchte oder 
Phala). 

Die Vorschöpfang aas dem unsichtbaren (oder, in Adrishta, Unge- 
sehenen) setzt also ein (am Erstbeginn) mit Wiederherstellung der wegen 
(durchsichtiger) Reinheit eben&lls noch nicht gesehenen Rupaloka (der 
Subhas), und unter der hier von den Yrihatphalas ausgehenden Initia- 
tive macht sich ein Nachzittem merkbar bis auf das Niveau der Atapas 
hinauf, wodurch deijenige abgleitet, der erst in der Brahmaloka zam 
Stehen gelangt, um Tapas zu üben (für demiurgische Schöpfang). Der- 
selbe ist (im all^uraschen Schuss) dem dazwischen gebildeten Lichtbereich 
hindurchgefallen, und aus diesem, (also aus höherer Rangstufe), stammt 
nun die (durch irdische Gelüste) in Manushaloka (auf Djambudvipa) fest^ 
gehaltene Menschlichkeit ab (aus den Abhasvaras nämlich), wie (bei den 
Maori) die Heimat der Menschenseelen in Autoia — nächst zu Aukumea 
(unterhalb des Geistigen der >Wairua«, aus Rehu's Sitz) — über die der 
Nga-tauira (oder »Götterdiener«) steht, (für Ausströmung der Lebensqaelle 
in »Hauora«) auf dem Niveau der Engel (gleich Sanjang, der Dajak). 

Die durch Eingehen des Buddha (in Nitya's Okasaloka) in (eines Auto- 
kineton) Bewegung gesetzten Schwingungen Akasa^s, welche die ganze 
Weite der Rupaloka mit dem Streben nach oben durchdringen (bis zur 
Höhe der Megga umziehend, in Ajatakasa), haben unter (stoischen) Ele- 
mentarwandlungen, aus (feuriger) Luft in Wasser umgesetzt, dort (nach 
unten hin) sich im Erdstoff [mit Djambudvipa an des (daselbst kosmischen) 
Okeanos* äussersten Rand] niedergeschlagen, und so, wenn an tiefster Grenze 
kontemplativer Gedankenwelten, der Schöpfungsprozess beginnt, für den 
xuxXo(: -ftviaeoK (des Entstehens und Vergehens) anhakend (in Genesis), 
erscheint an Spitze derselben (in Vaiwaswatti) der Todesgott oder Mara 
(als »Herr dieser Weite), dessen (in Maya spukende) Gaukeleien von den 
Nimmaravati fortgesetzt werden, bis Unbefriedigtheit mit denselben (im leeren 
Spiel) den ernsten Entschluss zur Incarnation erweckt (zum Künden des 
Heilswortes, durch den Phaya-alaun), und da fortab die Wege des Guten und 
Bösen (in Eusala oder Akusala geschieden) abtrennen, vollzieht sich das 
Gericht in Yama's Wolkensitz, mit unterweltlicher Spiegelung (im Tar- 
taros), wie aus Wechselbeziehung zwischen Nangaburra und Mangarara, 
bei Larrikia, während [die, schlimm aus Naraka (zur Empörung) anf- 
gährenden, Gelüste zügelnde] Ordnung durch Indra (in Tavatimsa) er- 



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— 79 — 

halten wird, den Vajra schwingend, >über des Frevlers Haupte (in Tus- 
kien), gleich den Heno (indianisch) oder Njaro (anf Bomeo), Shango (in 
Toruba), Perkunas, Thor, den Donnervogel (der Eweer sowohl, wie Atha- 
pasker) u. A. m. (in vielfacher Wiederholung gleicher Elementargedanken, 
unter ethnisch differenzierten Variationen). 

Der ganze Erlösnngsplan (als Rechtfertigungsgrund des Daseins) 
centriert um Manushaloka auf Djambudvipa, worunter (bis zur Erweite- 
rung in Awitchi) die Naraka gelagert sind, während die (bis zum Unab- 
sehbaren aufsteigenden) Meditationshimmel im (geistigen) Auge getragen 
werden, um dann als Maya zu verschwinden, wenn durch Asangkhata- 
Ayatana die eigentliche Realität erlangt ist (in der Wesenheit eigenem 

Selbst). 

A. B. 



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Aus Briefen Herrn Dr. Uhle's. 

(Hierzu Tafel HL) 



Im Interesse der amerikanischen Sammlungen des Königlichen Mnsenms 
für Völkerkunde zu Berlin wurde mit Herrn Dr, Uhle eine archäologische 
Reise in Südamerika besprochen, wofür seitens des Ethnologischen 
Comite's Geldmittel zur Verfügung gestellt worden sind. 

Mit dem Ausgangspunkt von Buenos-Ayres und archäologischen 
Forschungen in den nordlichen Provinzen überschritt der Reisende die 
Cordilleren, um seine Studien in Bolivien fortzusetzen, mit Hinblick be- 
sonders auf die Monumente von Tiahuanaco, worüber von ihm das Pracht- 
werk: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco bearbeitet worden ist, in Verbin- 
dung mit Herrn Dr. Stübel, und auf Grund des von dem Letzteren bei 
seinem dortigen Aufenthalt beschafiPten Materials (wodurch zunächst die 
gesicherte Unterlage für ein wissenschaftUches Studium dieser, für alt- 
amerikanische Kulturgeschichte hochbedeutsameu Lokalität gebreitet 
worden ist). 

Eine Reibe wertvoller Sammlungen aus den verschiedenen Lokalitäten, 
die von dem Reisenden berührt worden sind, ist bereits eingelaufen, und 
gegenwärtig werden die Arbeiten (im Auftrage eines amerikanischen 
Museums) am Titicaca*See fortgesetzt. 

Einer der Ende vorigen Jahres in Berlin eingelaufenen Sendung von 
Altertümern war die interessante Beigabe der hier mitgeteilten Quipas 
zugefügt, worüber in der Korrespondenz gesagt wird: 

»Erklärung der Quipus eines Schafhirten (von Challa, Titicaca-Insel). 

!• Los corder OS 7 las ovejas, que estan en cuidado del pastor. 



Weisser Haaptfaden bedeutend 
die Hembras 



200 



brauner Hanptfaden: die Haobos, 
190 Sttlok 



190 




blauer 
Neben- 
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mismo: 
'^ ovejas 



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81 



2. Weisser Hauptfaden: machos. 



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3. Weisser Hauptfaden: hembras. 





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im zweiten 




erhalten im dritten 


Monat 






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faden 


Monat 




Monat 



Qaipus 2 und 3 repräsentieren die Zahl der crias, machos y hembras, 
welche der Hirt in drei verschiedenen Monaten von einem Hirten, welcher 
eine andere tropa hütete, und welcher zu gleicher Zeit die madres der 
betreffenden crias an die Queseria weiter lieferte, erhalten hat. In der 
Qaeseria muss man die Quipus der erhaltenen madres auch haben. Der 
andere Hirt wird die gleichen Quipus haben über die crias, welche er an 
den ersten Hirten abgegeben hat und die Quipus über die an die Queseria 
abg^ebenen madres, so dass sich die verschiedenen Quipu-Reihen zugleich 
g^enseitig kontrolieren. 

Ich habe somit das Vergnügen, 3 Quipus, wie sie bei den hiesigen 
Hirten landesüblich sind, zu übersenden. Es gelang mir nicht beim 
ersten Ansturm solche zu erhalten. Bei einem befreundeten Finca- 
besitzer in der Nähe von Santiago de Huata weilend, konnte ich die 
erhofften Quipus und die zugehörige Belehrung infolge des Misstrauens 
des sich mehr mit Schafen als mit Ausländem verstehenden Hirten nicht 
erhalten. Erst in Challa, der Finca von Miguel Garces gelang mir dies, 
unter Mithilfe des dortigen alten Administrators, Namens Machicado. 
Ich übersende Ihnen beigehend die 3 Quipus (Quait'u »Fadent) nebst der 
zugehörigen Erklärung, vermutend, dass ich einen vielleicht kleinen, aber 
doch jedenfalls einen gewissen Fortschritt in der Erklärung der alten 
Quipus damit mache. Was aus den beigehenden Quipus hervorgeht, ist 
zunächst dies, dass die Stellen sich ziemlich genau ergeben, an welchen 
ein Knoten 100 oder 10 oder Einer bedeutet, femer, dass eventuell durch 
verschiedene Farben verschiedene Gegenstände bezeichnet werden, dass 
M. f. V. e 



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— 82 — 

ferner, wenn Fäden zur Hand waren, soweit es möglich war, Einer- 
schnüre mehrfach mit andern Farben als die 10 er und 100er Reihen 
ausgedrückt wurden, dass femer das ganze Quipus-System , wie es jetzt 
existiert, im Grunde nur ein mnemotechnisches Hilfsmittel, lüid abgesehen 
von der Zahl und der Verteilung der 2^hlen der Gegenstände, also ab- 
gesehen vom arithmetischen Teile, im Grunde eigentlich nicht lesbar 
waren. Vielleicht überschätze ich den Wert meiner erworbenen Beob- 
achtungen. Aber es scheint mir, dass dieselben vielleicht in Bezug 
auf den arithmetischen Teil der Lesbarkeit der alten Quipus eventuell 
einen kleinen Fortschritt bedeuten. 

Ferner übersende ich Ihnen eine Doctrina christiana in der Art 
>Schrift€, von welcher schon Tschudi in seiner wertvollen Reiseschilderung 
so verdienstliche Angaben gemacht hat. Was ich Ihnen übersende ist 
eine Art bunter Fibel, die Rückseiten der einseitig bedruckten Blätter 
dienten dem Indier als das billiger erreichte Material für seine Art 
»Niederschriften«. Die Zeichen sind rot, der Angabe nach mit Sulfurin, 
welches in Copacabana, auf der Plaza eventuell, gekauft werden kann, 
hingemalt. Ich erhielt diese neue Art »Doctrina christiana« in Sampaya 
von einem der dortigen hervorragenderen Indier, welcher in der Kapelle 
beim Kultus als Art Musikant, in der Doctrina-Belehrung und in der 
Abnahme der Konfessionen den anderen Indiem als Doctrinero dient und 
gewissermassen von der Klerisei von Copacabana in dieser Bethätiguug 
bestätigt ist. Er heisst Serapio Chuquimisa. Wie er mir sagt, hat er 
auf das Begehren anderer Indier für dieselben im Orte mehrfach der- 
artige gemalte Doctrinas herzustellen. Sie werden schnell wahrnehmen, 
dass auch diese Art Schrift ein ähnliches kümmerliches mnemotechnisches 
Hilfsmittel ist, wie in anderer Weise die Quipus sind und waren. Von 
einem wirklichen schriftlichen Ausdruck der Worte, oder einem guten 
der auszudrückenden Gedanken ist keine Rede. Wenn einer die Kapitel 
der Doctrina nicht schon halb im Kopfe hat, wird er, glaube ich, niemals 
diese Art Schrift so zu sagen »lesen« können. Sie werden die einzelnen 
Abschnitte leicht ausschneiden und vielleicht durch Zusammenkleben anf 
einer Tafel für die Ausstellung im Museum zu vereinigen vermögen. Dass 
es sich um dieselbe »Schrift-« Art handelt, wie die, über welche Tschudi 
Notizen gegeben hat, versteht sich von selbst. Felle mit solcher Schrift 
bemalt scheinen nicht mehr recht aufzutreiben, wie es zu Tschudi's 
Reisezeit der Fall gewesen zu sein scheint. Die Erinnerung, dass man 
früher mit solcher Schrift Felle bemalt, existiert wenigstens noch bei der 
Klerisei von Copacabana. Von Copacabana an giebt es wenigstens bis 
Sampaya undChalla aufTiticaca immer noch einzelne Indier, welche von 
dieser Art Schrift wissen oder sie verstehen. 



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— 83 — 

In den nächsten Monaten kann ich Ihnen vielleicht noch eine Probe 
einer anderen figürlichen Art von Gedanken-Expression schicken, welche 
dem Charakter phonetischer Schrift schon weit näher kommt, wenn sie 
auch vielleicht dem Charakter platter Niederlegung von Gedanken auf 
gleichförmigem Material, wie der gewöhnlichen Schrift auf Papier, oder 
durch Knotenreiheu ^uf Schnüren etwas ferner tritt. Ich werde Ihnen 
seinerzeit das Betreffende genau explizieren. Wenn Sie die hier Ihnen 
übersendeten Quipus und die Probe der neuer entstandenen Figuren- 
>Schrift< (analog etwa den Rebusfiguren im unteren Teil des Frieses des 
grossen Monoliththores in Tiahuanaco) mit kurzen Bemerkungen gelegent- 
lich der anthropologischen Gesellschaft vorzuzeigen die Güte haben wollten, 
so, glaube ich, würde vor der Hand vollkonmien zweckentsprechend auf 
die erwähnten interessanten Gegenstände mehrseitig das Augenmerk 
gelenkt sein (cf. Z. f. K, Vrhdlg. Jan. 1895). 

In mancher Beziehung benötigt das Lesen der Bildschriftart die 
Kenntnis des Aimara, wie ich mir zugleich anzufügen erlaube. So ist 
das Wort für »erstensc z. B. »nairac, welches zugleich das Wort für 
Auge ist. In dem Fall drückt das Bild des Auges zugleich »erstens« aus 
(kommt mehrfach vor). Hier ist also schon etwas wirklich Bildschrift- 
artiges vertreten. 

Ferner werde ich in ein paar Wochen andere Quipus - Beispiele, 
mindestens eines schicken können. Die Frau Subpräfektin (Subpräfekt 
Dr. Cuenca der Provinz Oraasuyus unterstützt mich gütigst wirksamst 
durch Empfehlung) hat mir Quipus über die Kartoflfelemtenabrechuung 
der Indier versprochen, und diese Quipus sollen vielleicht noch hübscher 
sein!« — 

Die bisher eingegangenen Quipus finden sich in der amerikanischen 
Abteilung des Museums für Völkerkunde aufgestellt (wo auch die Fibel 
bewahrt wird), und würde die in Aussicht gestellte Vermehrung höchst 
schätzbar sein, da die Erforschung der hier gestellten Frage niemals noch 
in der Hand eines gleich gründlich geschulten Forschers gelegen hat, wie 
jetzt in der Herrn Dr. Uhle's, der mehrere Jahre hindurch in der ame- 
rikanischen Sammlung des hiesigen Museums thätig, und durch lange 
Zusammenarbeit schon seit früher mit Herrn Dr. Stübel verbunden ge- 
wf?8en ist, in dessen Namen das soweit fachgerechte Wissen von den 
dortigen Ruinenstätten ausgedrückt liegt (weil aus den durch die Re- 
sultate seiner Reise beschafi^ten Materialien aufgebaut). 

A. B. 



6* 

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Die Jabreibericbte des Cthiolo|iicbei Bireaii ii Waibii|tOi — wahre 
Monnmenta oder ,,fandamma" Ethnologiae prima — bestätigen mit jedem neu 
hinzutretenden, dass das durch Begründung dieses wissenschaftlichen Instituts 
markierte Reifestadium der Völkerkunde zum vollen Austrag ihrer Ernte 
gereift steht 

Die Phasen ethnologischer Entwickelungsgeschichte kennzeichnen sich durch 
wenige Teilstriche, denn aus kurzer Spanne mitlebender Generation vermögen 
wir noch hinüberzublicken in eine Vorzeit hinaus, wo Nichts noch war. 

Als in Annäherung der Geburtsstunde die ersten Wehen sich regten, war 
die ethnologische Litteratur ein leei-es Blatt, abgesehen von dem, was etwa unter 
Meiner's und Klemm*s Namen verzeichnet stand, oder aus Bertuch's geschäftlichein 
Betrieb; zumal da, was in Indien geschehen war — durch Logans „Journal of the 
Indian Archipel", den „Asiatic Researches'* oder Verhandlungen der batavia^schen 
Gesellschaft — über Singapore, Kalkutta oder Batavia kaum hinauskam und 
europäische Vereinsschriften auf die sporadischen Blätter der „Sociöte d'Ethno- 
logie** in Hauptsache beschränkt blieben (neben dem, was etwa französischen und 
englischen Ethnographien, auch ethnologisch, zu entnehmen war). 

Waitz' Anthropologie der Naturvölker erschien in demselben Jahre (1859/60), 
als die Drucklegung für den „Mensch in der Geschichte" brennen hatte, und 
wenige Jahre später bereits (1871) erhielt das unbehülflich anwachsende Roh- 
material eine erst provisorische Sichtung durch Tylor's bahnbrechende Arbeiten» 
während gleichzeitig die Entpuppung ethnologischer Museen begann^ aus dem 
Raupencocon der Raritätenkabinette. 

Die nächste Etappenstation fUllt in das Begründungsjahr des „Bureau of 
Ethnology" (im Jahre 1879/80), und da während seiner Thätigkeit der funda- 
mentierende Untergrund festgelegt ist, wird das methodische Studium der 
ethnischen Differenzierungen (in den Völkergedanken) seinen methodischen Fort- 
gang nehmen können, auf dem Mutterboden der geographischen Provinzen (unter 
den Schwankungsweiten des historisch zugehörigen Horizontes). 

Und solche Anpflanzungen werden auf dem Brachfeld einer neuen Welt, 
wo die Überlebsei ethnischer Stammeseigentümlichkeiten lebendig noch vor Augen 
stehen — (und diese zugleich aus archäologischen Funden die Wunder einer unter- 
gegangenen Kulturepoche vor sich sehen) — ihre systematische Pflege am geeignet* 
sten in demjenigen Kreis erhalten, der in den Namen seiner Fachgelehrten eine für 
die Arbeiten im Feldlager der Expeditionen sowohl, wie in der Stille der Studier- 
stube gleich wohl geschulte Elite verzeichnet (unter den Mitarbeitern des Ethno- 
logischen Amtsbereichs). In ihrer „neuen Welt" wird unsere neue Wissenschaft desto 



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— 8B - 

anbehindert üppiger zur Entfaltung emportreiben, denn in diesem Falle vor 
Allem gilt des Dichters Wort: 

„Amerika, dn hast es besser 
Du hast keine verfallenen Schlösser", 
die uns daheim gar manch' wertvolle Kulturschätze zwar bergen, aber für 
neumodisch moderne Hinzu-Erwerbungen sich langsamer nur öffnen, als die Küi*ze 
der Frist gestatten will. 

Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann 
Bald ist es Nacht, wo Niemand wirken kann. 

Längst schon hat die elfte Stunde geschlagen; und was bei dem unter (und 
über) den ethnischen Originalitäten dahinrasenden Grossfeuer nicht eben gerade 
jetzt, im Augenblick des „Nun" gerettet wird (in den Sammlungen), ist dahin 
dann auf immer, so lange femer dem Menschengeschlecht sein Dasein auf der 
Erde beschieden sein mag: weil, — wenn später man heulen wird, vor Schmerz 
und aus Wut (über das, was durch Gleichgültigkeit verloren gegangen) — keine 
Schätze der Welt zum Wiedergutmachen helfen können: nachdem es „zu spät" 
geworden. 

Der jüngste neue Band („Eleventh Report") bringt wiederum neues Material 
in reicher Fülle, — nagelneues zum Teil, und dennoch sämtlich (so zu sagen) altbe- 
kanntes, da jeder Charakterzug sich stillschweigend einordnet in die Rubriken der 
elementaren Spannungsreihe (psychischen Denkstoffs), wie sie sich durch thatsäch- 
lich angedrängte Aussagen hergestellt hat (seit letztem Decennium). Bei solch* aus 
ununterbrochener Mehrung durch objektive Kontrolle akkumulierend verstärkter 
Bestätigung der Überzeugung, dass ein erst statistischer Absehluss in Umschau 
Ober die ethnischen Denkmöglichkeiten erreicht ist, bleibt jedes zum Kommentar 
hinzugefügte Wort (in überflüssiger Abschwächung) besser erspart. 

Der mit dem Detail vertraute Sachkenner trifft auf den ersten Blick den 
springenden Punkt, und der im Studium Heranwachsende wird für die bevor- 
stehenden Aufgaben, wenn er durch emsiges Bemühen die Übung des Zwischen- 
den- Zeilen -Lesens erworben hat, sich für die weiter bevorstehenden Aufgaben 
gründlicher geschult erweisen, als wenn auf den Nürnberger Trichter wartend, 
der ihm fremde Himweisheit einzuträufeln hätte. Denn da es sich um natur- 
gesetzlich festgestellte Elementargedanken handelt, werden sie eben auch ihm 
wieder sich manifestieren müssen, ob früher oder später, und dann die Probe 
der Richtigkeit nochmals wiederum desto besser (und gesicherster) bezeugen, als 
wenn die Überredungskünste missionaristischer Bekehrungssucht zwischenhinein 
gespielt hätten. Seitdem im Laufe des letzten Jahi*zehntes Alles so trefflich in 
Gang gekommen ist, wird einem vollendeten Ausreifen der Früchte mit desto 
vollerer Zuversicht entgegengesehen werden dürfen, je weniger die normal orga- 
nische Entwicklung durch subjektives Zwischengreifen abgelenkt oder überhastet 
ist. Am gemeinsamen Werk der Menschheitsgeschichte werden die kommenden 
Generationen fortzuarbeiten haben und wer einen brauchbaren Baustein hinzu- 
getragen, hat damit seine Schuldigkeit gethan, wenn aufliegender Pflicht ge- 
nügt ist, (nach Mass der zugemessenen Kraft). 



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— se- 
in Anbetreff der kritischen Sachlage der Ethnologie, auf dem Übergangs- 
terrain zweier Geschichtsepochen (mit dem einen Fusse hüben, dem andern drüben) 
schliesst dem ersten Artikel (The Sia, by M. C, Stevenson) der Direktor des 
Bureau of Ethnology (Major Powell) zutreffende Bemerkungen an: 

„Even since the observations were completed, the introduction of agricultural 
art and the invasion of civilized influences have raaterially modified the aboriginal 
condition of the Sia, and this record must accordingly become a Standard of reference 
conceming these people for all future time'*, unter den monumentalen Denk- 
mälern, wie verlangt durch die Zeichen der Zeit (als Grenzpfahle ; die Scheidung 
markierend zwischen dahin schwindender Vergangenheit und neu anbrechender 
Zukunft). 

„Both students and laymen will undoubtedly be surprised at the elaborateness 
of religious and ceremonial detail araong a people almost unknown *) and of whom 
only a remnant exists, their life rivalising in mystical features that of ancient 
nations as recorded in sacred and secular litemture", heisst es weiter im „Report 
of the director" (Powell). 

Man realisiere also, was dies besagen will. Dasjenige, was wir bisher, so 
lange die Erde sich dreht, nur einmal vor Augen gehabt haben (ein jedes Kultur- 
oder Wildvolk innerhalb seines Heimskringla), die ethnische Weltanschauung näm- 
lich (das psychische Gemälde des zoo|K)litischen Organismus also) — dieses An- 
schauungsobjekt wird gegenwärtig (bei geographischer Überschau des Globus) 
der Induktion dargeboten, für ihre komparative Behandlungs weise, zwar (zeitlich) 
einmal nur (in kürzester Frist für Auschau und fixierende Aufnahme), aber (räum- 
lich) in unzählbaren Vervielfachungsfällen; denn auf dem amerikanischen Kontinent 
allein werden sich, mit Eintreten ins Detail (sofern ohne Versäumnis rechtzeitig 
noch geschehend, ehe dafür zu spät) hundert- oder (wenn man will) tausendfache 
Beobachtungsobjekte in abgeschlossenen Zirkeln bieten, wie die der Sia hier (denen 
schon im Kreisumbegriff der Pueblo eine Vielheit anderer zur Seite steht). Und 
wenn, was hier dem Studium sich bietet, primitiv einfach erscheint, im Vergleich zu 
den grandioseren Schauspielen, wie von den Geschichtsvölkeni vorgeführt, so 
liegt dann gerade der dringendste Ansporn zu methodisch genauer Durch- 
forschung, um aus dem Einfachen das Zusammengesetzte zu verstehen: um aus 

') „While cultured nations are constantly cngaged in perpetuating the memory of 
their thought« and aclüevements by moans of somo alphabotic or svllabic System of 
writing, the uncivilised hunting or tishing tribcs possess none, or only tho most imperfect 
means of recording their aft'airs. All of them possess mythic tales, traditional history, 
and songs for various incidenis of Ufo; not a fow are evon originators of didactic 
folklore, of proverbs, and of versilied rythmic poetry. Many of these mental produc- 
tions are remarcable for artistic beauty, othors for a niost interosting variety of detail; 
but aU of them will, if collected with accuracy and sound jugdmont, throw a profusion 
of hght upon the physical and mental characteristics of the nativos and on their past 
and present condition"* (s. Gatschet), und auf die cthno-psychischon Wachstumsgesetze, 
die aus elementar gleichartigen ünt^^rlagen den Meuschheitsgodanken durchwaltcn, — wie 
durch die vergleichungsfähigen Differenzen des (unter goographisch-liistorischon Bt»- 
diugnissen variierenden) Völkergedankens ans Licht gestellt, seitdem dieses emporge- 
leuchtet ist (für den induktiven Forschungsgang in der »Lehre vom Menschen"). 



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— 87 — 

den Wildstäimuen nun eben, als Kryptogaraen des Menschengeschlechts, für 
Kenntnis der allgemein durchwallenden Denkgesetze, dieselben Aufklärungen zu 
gewinnen, wie sie der Botanik zu Gute gekommen sind, seit ihrem (vom biologischen 
Nieder blick in die Zellprozesse datierenden) Eintritt unter die, genetisch (ge- 
und) erklarten, Naturwissenschaften (denen auch die Psychologie sich anzureihen 
haben wird, im ethnischen Gewände). 

Die zweite Abteilung des zweiten Bandes (Lucian M. Turners „Ethnology 
of the Ungava district, Hudson Bay territory") liefert (neben anderen schätzbaren 
Materialien) mancherlei ErgUnzungen zu dem, was aus Egede und Crantz über 
das Geistesleben der Eskimo bekannt war, besonders zu dem, was (nach deren 
Belichten) der Inner terirsok verbietet (der auch den Athapasken einen Niess- 
brauch nui- dessen erlaubt, was zum Lebensunterhalt erforderlich zu gelten hat). 

Indem das Denken die im Persönlichkeit^gefühl gelebte Fassung des Selbst 
in die Dinge (des Nicht-Ich) hinausverlegt, beleben sich ihm die Naturgegen- 
sUinde (nach menschlicher Analogie), und so steckt überall der Haltia (der Finnen) 
oder Shin (chinesich), in Gana (der Dajak), Kelah (der Karen), Kla (in Guinea), 
Nant-e-na oder Okki (indianisch) etc. Wenn nun aus den unter Oberhenlichkeit 
Tung-ak's(Tonigarsuks) stehenden Eleraentargeistern (der Innuit) der „special guar- 
dian", (each person is attended by), sich als „malignant in character" erweist (s. L. M. 
Turner) oder (bei den Naskopie) „all spirits are by nature bad" (der „patron spirit", 
als Einsitzer in „every object"), so erweist sich solche Schlussziehung (auf den ^»«^«^vo^ 
der Götter) ebenso nahegelegt (aus dem Leid des Lebens), wie das Streben, die 
schlimmen Folgen abzuwenden, dadurch: dass der Natur ihre Geheimnisse ab- 
gelauscht werden, um sie zu beherrschen, kraft des Wissens Macht (im magisch 
vomaturwissenschaftlichen Sinne); und der Eskimo sucht dies nun zu erreichen 
(„to leam the secrets of Tung-ak"), durch ekstatische Steigening seiner psychischen 
ThUtigkeiten mittelst „fasting and abstinence", in Eansamkeit, um „supematural 
jjowers" zu erlangen (Tung-ak is supposed to stand near and reveal these things, 
while the person is undergoing the test). Wird es solchem „Zauberlehrling" 
dann Angst über die Geister, die er gerufen, so ergiebt er sich lieber dem Bösen 
selber, ehe von ihm der Hals gebrochen wird (und so kommt dann auch hier der 
Teufelsspakt zum Abschluss). Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo (im 
klassischen Hexentum). 

Es ist also wieder die alte, aber ewigneue Geschichte, die (beim „Schachspiel 
zwischen weisser und schwarzer Magie") in Ijoango sich dahin verschiebt, dass 
der Endoxe wieder vom Ganga ablauscht, obwohl derselbe selbst auch schon 
keineswegs abgeneigt zu sein braucht, seinen theui'gischen Künsten goetische zu 
substituieren (bei Doppelschneidigkeit des Pharmakon, in Milongo ebenfalls), und 
andei-erseitb der Ganga selbst als Abtrünniger gilt, vom Standpunkt des Endoxe 
(cf. D. E. a. d. L. K. II, S. 161). „Wundern heisst übernatürliche Kräfte heilsam, 
zaubern sie schädlich oder unbefugt verwenden" (s. J. Grimm), und so hatten 
die constantinischen Decretö ihre liebe Not mit der Legitimität (um saubere 
Teilungsstriche zu ziehen). 

Auch die dritte Abteilung („.\ study of Siouan cultb" by Doreey) bringt 



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- 88 - 

dem ethnologischen Gourmand ein Menü hochpreislicher Delikatessen (für intel- 
lektuelles Schwelgen). Die alle Naturgegenstände durchdringenden Gana (des 
Dajak) spitzen sich in der Seele des Menschen (dem Persönlichkeitsgefühl des- 
selben zu genügen) zur Hambaruan zu, die beim Abscheiden ihre, in der 
(dem mythologischen System eingebauten) Liau-Lewu, zudurchlaufenden Ge- 
schicke durch das Tiwah-Fest vorbereitet erhält. 

Den Seelenteilungen (der Dacotah) fehlt (gleich den homerischen) einheitlicher 
Abschluss unter einem (stoischen) Hegemonikon, dem Tso (der Karen) oder (bei 
Verbrüderung mit genialischem Schutzgeist) dem Ming-Khuan (oder Chom-Kuan) 
der Thai entsprechend, aber auch hier, wie (s. Matthews) füi' Idalii (der Hidatsa) 
gilt der Satz, dass: „Even the commonest sticks and clays have a spiritual essence 
attached to them, which must needs be reverenced" (no object, however tiivial, but 
has its spirit) und so kann der auf das Seelische geworfene Schatten in seinen Nach- 
schattierungen nicht ausbleiben. Dass „the spiiit of the body (unter den vier 
Seelen) „dies with it" (s. Lynd), folgt sachverhältlich bei Aufhören der temporär 
— aus der [von üthlanga's Lebensquelle (bei Bantu), mit Bewegung eines (peri- 
patetischen) npiörov xiyoov] hervorsprudelnd, allgemein (durchweg) vivificierenden 
Durchströmung — abgetrennten Sonderheit: bei Aufhören eben dessen, was für 
solche Zwecke (im pulsierenden Leben) bewegt wird (vom rückläufigen Kreisab- 
schluss, im xoxXo^ r^^ Ytviatmq). Die zweite Seele „remains vdth or near the body", 
nach Art der bis zur vollendeten Vei-wesung fortspukenden Gespenster (gleich 
der Slsa in Guinea), aus der während irdischen Daseins unvermeidbar eintretenden 
Kontamination (durch das Ankleben der Upadhi, trotz reinlichstem und emstlichstem 
Hinstreben der „Kevala" zur Isolierung, nach Lehren der Sankhya). Diejenige 
Seele, „which accounts for the deeds of the body", würde mit dem Hantu 
Khubur (der Blandass) übereinkommen (aus Nachhall der Dekrete eines Karman), 
und wenn die vierte „always lingei-s with the small bündle of the hair of the 
deceased", so ist ihr dort (unter verwandtschaftlich pietätsvoller Hut) der [von 
den Papua in Kreidefiguren, wenn nicht imSchädel (eines Korwar) schon, hergestellte] 
Ausruhesitz eines Ka (in pharaonischen Sarkophagen) vorbereitet, was in chine- 
sischen Hauskapellen zu einem „Ahnenkult" weiterführen mag, beim Beschreiben der 
Tafeln (mit dem Preis- oder Ehrennamen). Die (metempsychosische oder meta- 
somatische) Kontroverse Über „a fifth soul" (which enters the body of some animal 
or child after death) findet ihre komparativ aufklärenden Parallelen in der ßla 
(der Odschi), und würde (wie in den mancherlei Excentrizitäten der Couvade) in 
die (patiistische) Polemik über den „tradux" sich hineingezogen finden, mit 
air dem, was weiter sich anschliesst (für historische Tragweite unter Kultur- 
völkei-n). 

Bei Durchsichtigkeit der auf dem Niveau des Wildzustandes offengelegten 
Elementaranlagen überschauen sich diese Verhältnisse spielerisch leicht, unter 
ihren allgemein (generalisierend) gültigen Umrissen. 

Ehe indes nun würde gewagt werden dürfen, in Details einzutreten (zu Diskus- 
sionen darüber), wäre vorher (mit sti-engst genauer Gründlichkeit) minutiöse Er- 
schöpfung jeder dieser Einzelheiten, in Spezialitäten (und Spezialisationen) ei'- 



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— 89 — 

foi-derlicb, durch monographisch fach- und sachgerechte Behandlung derselben 
(unter voller Beherrschung der thatsächlich soweit zur Verfügung stehenden 
Daten), denn nachdem die „Maxima" markiert sind, im logischen Rechnen, können 
die nächsten Gleichungsformeln desselben (für proportionell korrekte Verwendung) 
erst wieder an „Minima^^ (die bis auf letzte Dezimalstelle richtig gestellt sind) 
ansetzen (zum vorsichtig graduellen Emporbau), und Alles dazwischen ist vom 
tjTbel, auf dem Terrain eines „Meinens und Scheinens", das in zielloses Hin- und 
Herreden verläuft, zumal wenn blasseste Ahnung schon (oder noch) fehlt von 
der Massenhaftigkeit des (binnen ktlrzest bemessener Frist in Rohstoffen auf-, 
über-, in- und durcheinander gehäuften) Materials, dessen Bewältigung (durch 
kritisch sichtende Ausfeilung) in erst vorbedinglicher Aufgabe gestellt ist; so- 
fern nämlich die Ethnologie dahin aspiriert, als gleichberechtigte Fachwissenschaft 
zugelassen zu werden, im Haushalt der Gelehrtenrepublik, auf Grund syste- 
matisch dui-chgeführter Ordnung musealer Sammlungen (deren überzeugende 
Beweiskraft zwingend aufgedrängt ist). Denn ftlr das im Kuriositätenkram der 
Raiitätenkabinette stecken verbliebene Missgeschöpf konnte (weder, noch durfte), 
eine Anerkennung irgendwie nicht beansprucht werden (ausser soweit vielleicht 
der sensationell blasierte Modegeschmack jüngster Tage davon gekitzelt wurde). 
Der (rationelle) Schluss (aus Ratiocinatio) ist als apodiktischer zu erweisen, oder 
sonst überhaupt noch nicht zu ziehen, im naturwissenschaftlichen Sinne, und 
also auch nicht auf dem Bereich ethnologischer Forschung, sofern das dort dem 
Anbau eröffnete Arbeitsfeld dafür eben bestimmt erachtet werden soll, der 
brennendsten Zeit- (und Tages-) frage zu genügen: in Abrundung unseres „natui- 
wissenschaftlichen Zeitalters** durch Fortführung der Induktion bis auf idea- 
listisch transcendentierendes Gebiet (und dortige Kontrolle mit der Deduktion). 

Für die Aussagen des hier redenden Logos gilt nun freilich zwar zunächst 
wohl noch der Spruch des „Skoteinos" (unter den Philosophen): roö Xoyou wüS', 
iSvro^ dti, d^uveroi äv^ptomt yx^n^oumi, aber unter dem hier (auch heute noch) um- 
lagernden Dunkel beginnt es aufzuhellen mit fröhlichen Hoffnungen, wenn Jahr auf 
Jahr die mit ausgeschürften Wissensschätzen schwerwiegenden Bände des „Bureau 
of Ethnologj" ihre stattliche Reihe verlängern (in der Bibliothek ethnologischer 
Museen). 

Beim Rückblick auf das, was binnen wenigen Decennien erfolgreich beschafft 
ist, darf voll darauf vertmut werden, dass es mit dem (aus naturwissenschaftlich 
eingeschlagenen Wurzeln sprossenden) Aufwachsen der, im Zeitalter der Elek- 
trizität und des Dampfes gebomen, Ethnologie rascher vor sich gehen wird, als 
bei den übrigen Fachwissenschaften, (historisch-philologischer oder philosophischer 
Disziplinen), die Jahrhunderte (oft Jahrtausende) bedurft haben, um das aktuelle 
Stadium vollendeter Dui*chbildung zu erlangen. 

Seitdem die Spannungsreihe ethnologischer Elementargedanken festgelegt ist, 
bleibt die „Gedankenstatistik" nur noch eine Frage der Zeit, und dann mit 
anivei*8aler Umschau, unter Erschöpfung der Denkmöglichkeiten (in solcher 
Exbaustions-Methode), ist der Tag gewonnen, da die kosmischen Gesetze, die 
hier walten, sich selbst zu proklamieren haben, im „Lobgesang der Sphären** 



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— 90 — 

wenn man i>o will; oder jedesfalls doch im harmonischen Einklang mit dem, 
was im eigenen Innern tönt (für einen Jeden, der es so verstehen will). 

A. B. 

Im lieft Nr. Dl (May 1895) bringt das „Journal of the Aiitliropolo|ical 

Institute", unter einer Reihe bedeutsam wichtiger Arbeiten, die Basil H. Thom- 
son*s über die „Ancestor Gods (Kalou-Vu) of the Fijians", eine Abhandlung, 
voll der wunderbarsten Übermschungen, Hesse sich sagen, wenn dieselben nicht, 
seit dem mit Feststellung der Elementargedanken gewonnenem Einblick, — auf 
einfachst klare Unterlagen reduziert wären: derartig selbstverständlich, dass sie 
sich stillschweigend fast zu erledigen hätten. 

Der auf dem Totenweg Nakauvadra*s Gipfel zuwandernde Abgeschiedene 
unteigeht eine bunte Reihe von Abenteuern, genau (ihren psychischen Elementar- 
anlagen nach) denjenigen entsprechend, die bei den Dajak erwarten (unter den durch 
die Differenzierungen oceanischen und indonesischen Völkergedankens . bedingten 
Variationen). Wenn (in Borneo) den Anstieg am Goethal (s. Bock) beginnend, 
beim Annähern reinerer Äther-Regionen das Gefühl kommt, der Erde nicht länger 
anzugehören (wie der vom letzten Stein rück blick enden Seele in Tahiti), so wird 
(auf Viti-leva), beim Anlangen am Trostwasser (Wai-ni-dula) die letzte Bürde 
fortgeworfeii, als ob dann der Buddha seine Siegeshymne anstimme über letzt 
gebrochene Fesseln (bei jetzt frei eröffnetem Einzug zum Nirwana). 

Der aas Virgil (neben Abrahams Schoss der Semiten) übernommene „Limbus 
infantum", der als Tingha-Howi (der Hlandass) abseits liegt vom Wolkensitz 
(kelongson-awan) des Herrn („Tuan"), wird in Fiji längs des Seelenpfades 
passiert, gerade vor dem Einzug zur letzten Ruhestätte, und hier vnrd die recht- 
fertigende Erklärung dadurch zugefügt, dass die [gleich Fledermäusen an den 
Zweigen des Baumes (zu Naililili) hängenden] KinderseelcÄ ihre Mütter erwarten 
(zur Führung). Dass das unerfahrene Kind den Weg allein zum Seelendorf 
(unterweltlicher Prairien) nicht finden kann, weiss auch die indianische Mutter, 
und schickt deshalb einen Hund zum Begleiter mit, sofern nicht etwa gleich- 
zeitig ein älterer Verwandter abgestorben wäre, der sich mit dem Geschäft 
beauftragen Hesse. 

Betreffs des Fährmanns (Ceba) und des Lethe-Stroms weist schon der Ver- 
fasser hin auf die „coincidences with Greek mythology" (S. 354), wie sie unter 
den ethnischen Markierungen der Elementargedanken überall sich anzutreffen 
haben, auch l)ei den Wildstämmen, und gerade bei primärer Einfachheit oft am 
durchsichtigsten (auf gegenwärtigem Standpunkt unserer Kenntnisse davon), trotz 
Kürze der Zeit, seit welcher ein methodisches Studium erst begonnen hat. 

Wie genau die ^Despoina", welche die neunmalig von „alter Schuld" (b. 
Pindar) gereinigte Seele wieder heraufsendet (für die „Wege des Zeus" nach des 
„Kronidon Burg" auf „Insulae fortunatae") in der (mit Miru der Maori korrespon- 
dierenden) Genowie Lanyut sich spiegelt, ist mehrfach bereits besprochen. 
Der gerein it:t Heraufgesendete erfreut sich zunächst der (chiliastischen) Selig- 
keiten auf denPulo-Buali oder Frucht-Inseln, bis abgeholt durch einen „Freund" zum 



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— 91 — 

Wohnen bei den „Holten" (Tuan). Bei den Idaan muss, statt der Hand eines 
Freundes, die eines Sklaven hinweghelfen, beim kritischen Sprung über scheidende 
Kluft, welche sonst (bei Parsi sowohl, wie bei Melanesiern etc.) auf einer Brücke 
passiert wird (zum „Biilckengericht"), und daniJ folgt all dasjenige weiter, 
was — in (schliesslich monotonen) Wiederholungen, die ethnologischen Sammelwerke 
der letzten Jahre füllend — jetzt (den Zeitverlust zu mindern) einer nochmaligen 
Erwähnung erspart werden darf, seit die Gesetzlichkeiten festgestellt sind, die, 
wie überall das All, auch das psychische Wachstum organisch durchwalten (aus 
ethnischen Gesellschaftsgedanken). A. B. 



Im Korre£<i)ondenzblatt der „OeMtscben Gesellschaft für Anthropologie, 
EthiOlogie und Urgeschichte" findet sich eine Mitteilung Herrn Dr. von 
Lui^chan's, auf dem in Innsbruck abgehaltenen Kongress, über Tiroler Gürtel in 
einer sonst nur von anieiikanischen Indianern bekannten Technik*) (in ihrer 
Stickerei mit Federstreifen oder kleinen Hystrix-Stacheln). 

Sofeni diese Technik in Tirol erst nach 1830 aufzutreten schien, so lag 
es nahe, sie in Zusammenhang mit den tirolischen Bergleuten zu bringen, welche 
um die:?e Zeit sehr zahlreich aus Amerika in die alte Heimat zurückkehrten. 

So wSre damit ein durchschlagendes Beispiel geliefert, wie das naturgeiuäss 
dem Erdgezimmer ein«rebaute Gerüst der die geographischen Provinzen umkrei- 
senden Gesehicht.sbahnen, durch den gewaltsam plötzlichen Eiugritf, in Steigerung 
des internationalen Verkehi-s, zwischen und durcheinander geworfen sei, zur Be- 
stätigung demnach des in der Gegenwart kritischen Augenblicks, der bald auf 
dieser, bald auf jener Lokalität die Möglichkeit methodischer Forschung jäh ab- 
schliesben wird, und dieselbe ethnisch zuverlässiger Kenntnis für immer deshalb 
verloren gehen lassen muss, wenn rechtzeitig nicht die Belegstücke eines beweis- 
kräftigen Materials eingesammelt sind (ob im kleinen oder im grossen, da solcher 
Satz für beides gilt). 

In der Zwischenzeit aber scheinen betreffs dieser Verfertigungs weise, als einer 
in Tirol bekannten, Beweisproben aus einer ül)er die mit obigem Datum (um 1830 
ungefähr) markierte Grenze hinausliegenden Zeit bekannt geworden zu sein, 
und die Abbildung eines kürzlich vom Museum erworbenen Exemplars folgt 
anbei (freilich aus dem Jahre 1836). 

Es mag auch l>ei dies^er Gelegenheit darauf hingewiesen werden, dass es sich 
weder in diesen Fällen, noch in sonst ähnlichen irgendwie, um die mitunter darin 
gesuchte Kontroverse zwischen „Völkerverwandbchaft und Völkergedanke" handeln 
kann, — zwei auf durchaus verschiedenen Arbeitsfeldern thätige Forschungs- 
zweige, die sich gegenseitig zwar vielfach ergilnzen. niemals aber einander 



') In einer seitdem mit Herrn Stolpe (in Stockholm) eingeleiteten Korrespondenz 
hat sich herausgestellt, dass Stickeroion mit Streifen von Pfauenfedern auch in Nepal 
vorkommen (für Gtlrtel und sonstiges Ledergerät). Im hiesigen Museum finden sieh 
zwei ledergestickto Stücke aus Chamba (eines derselben auf die Reisen der Gebrüder 
Schlaginweit hinweisend). 



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— 92 - 

stören können. Durch Einftihrcmg fremder Zathaien werden die immanent inne 
wohnenden Wachstumsgesetze, wie auf heimischem Boden angepflanzt, in keiner 
Weise alteriert, und wenn sich infolge einer (in Spielweite normaler Gesundheit) 
bewältigungsfUhigen Assimilation die Akkomodations-Möglichkeit erwiesen hat, 
wird dadurch das Problem zwar ein komplizierteres, aber, gerade weil schwereres, 
nun eben ein desto anziehenderes zugleich. 

Das Kontroversiale, das vermutet worden ist, ßillt, wie mehrfach bereits er- 
wähnt, einzig und allein, in die Wahl über die Fragestellung, ob nämlich, im 
Anschluss an eine aus dem bisherigen Geschichtsgang nah gelegte Gewohnheit, bei 
einer Frage über angetroffene Ähnlichkeit (inbetreffs etwaiger Herkunft) dieselbe 
zuei-st gestellt werden soll, oder ob vielmehr nicht vorher, natur- und vemunftgemSss, 
dasjenige zunächst eliminiert werde, was sich als dem Bereich der ethnischen Ele- 
mentargedanken zugehörig erweisen sollte (und also, wenn vorher damit still- 
schweigend beseitigt, manch* bedauerliche Zeitverschwendung ersparen würde, 
in nutzlosen Diskussionen). A. B. 




,/\/ W\/\/\/\A/V V^r^ ^./ VX/ VA. A/WV' 



^§^^SäiSg^^=^?^^^^SggS"§^^^^5§gs^ 



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Bücherschau. 



H. H. Bisley, tbe Gazetteer of Sikhim. Calcatta 1894. 

Dieses grundlegende Werk setzt sich zusammen aus den folgenden Einzeln- 
arbeiten: H. H. Risley, Introduction (behandelt die Geschichte des Landes bis 
zum Kriege mit Tibet im Jahre 1888, femer das ganze Material über die 
Geographie und Ethnographie des Landes mit ausführlicher Nomenklatur); 
J. C. White the book of law; marriage-customs; P. N. Böse, Notes on Geology 
and mineral-resources; J. C. White, Agriculture (darunter eine Beschreibung 
des „marwa" Bieres); J. Gammie, Vegetation (besonders beachtenswert der 
Abschnitt über Kulturpflanzen der Leptscha's etc.); ders. Vegetation of tem- 
perate and alpine Sikhim; ders. butterflies; Lionel de Nicöville, butterflies; 
J. Gammie, reptiles; birds; L. A. Waddell, List of Sikhim birds and notes 
thereon (dieser wichtige Abschnitt enthält die einheimischen Benennungen der 
Avifauna in Leptscha und Tibetisch); J. Gammie, mammals; L. A. Waddell, 
Lamaism in Sikhim S. 241— 39L Dieser letzte sehr reichhaltige Abschnitt, der 
zum Teil in desselben Verfassers Buch The Buddhism of Tibet, Lond. 1895, über- 
gegangen ist, ist illustriert mit einundzwanzig Tafeln. Zwei davon sind Stamm- 
bäume lamaistischer Sekten (der lamaistischen Sekten überhaupt und der Unter- 
gruppen der Kargyupa-Sekte) ; von den anderen Tafeln seien erwähnt die: Ab- 
bildung des Verbreiters des Lamaismus in Sikhim Lha-tsün Chem-bo, des Be- 
gründers des Lamaismus, des oben erwähnten Padmasambhava und des Gebirgs- 
gottes Kang-cbhen-dsö-nga, femer die Darstellung des Srid-pahi hkor-lo vgl. 
hierüber L. A. Waddell, Buddha*s secret from a sixth Century pictorial com- 
mentary and Tibetan tradition in Journal of the As. Soc. of Bengal 1894 S. 367 fi*. 
Der letzte sehr wertvolle Abschnitt behandelt mit sehr reichem neuen Material 
die folgenden Stoffe: historische Skizze der lamaischen Kirche in Sikhim, Be- 
schreibung der Klöster, des Tempels und was er enthält (Bilder, Opfergerät, 
Bilder, Rosenkränze, Maskengarderobe, Bibliothek etc.) das Mönchtum, den Kultus 
der TärÄ; magische Riten (Mandala), Wahrsagerei, Amulette, Gel>etflaggen, 
Exorcismen etc. Albert Grttnwedel. 

Bataksche vertellingen, verzameld door C. M. Pleyte Wzn. — Utrecht. 
— H. Honig 1894. 
Das dem vor kurzem verstorbenen, bekannten, verdienstvollen Batakforscher 
Dr. H. Neubronner van der Tuuk gewidmete Werk hat zum Zweck „eene over- 



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— 94 - 

zieht te geven van de litteratur van een der belangrijkste volken van onze Oost 
en tevens eene bijdrage te leveren tot de kennis van bet „folk-lore" van den In- 
dischen Archipel". Demgemäss hat der Verfasser alle ihm zugänglichen Er- 
zählungen hier in Buchform vereinigt. Wenn auch von den 29 Erzählungen 
22 bereits bekannt *) und nur 7 neu sind, so ist der Leser Hm. Pleyte zu ausser- 
ordentlichem Danke veii)flichtet, dass er die versprengten Fragmente aus R^ise- 
beschreibungen, Zeitschriftenartikeln und sprachlichen Werken gesammelt und 
mit eigenen Beiträgen versehen, ihm in bequemer Form dargeboten hat — 

In der Einleitung wäre das auf Kultureinflüsse aus Vorder-Indien Bezügliche 
besser ausserhalb der Erwähnung geblieben, denn die (dadurch bedingten) Folgen 
würden für eine richtige Behandlung der (hier komplizierten) Verhältnisse eine 
schulgerechte Kenntnis derselben voraussetzen, und ohne eine solche bleibt besser 
ihr Anstreifen vermieden, um nicht für die dadurch hervorgerufenen Ent- 
stellungen der Sachlage eine nachträgliche Rektifikation erforderlich zu machen. 

F. W. K. Müller. 

Alfred C. Haddon, M. A., professor of zoology, Royal College of Science, Dublin: 
The decorative art of British New Guinea, a study in Papuan 
ethnography. With 12 plates. Dublin 1894. (Royal Irish Academy „Cun- 
ningham memoirs" No. X.) 
Höchst bemerkenswert in diesem reich ausgestatteten Werk sind die „general 
conclusions" des Verfassers — p. 249 flgd. — , aus denen wir die folgenden Sätze 
ausheben. „Ich habe mich bemüht Theorien fin der Erläuterung von Orna- 
menten] auf ein Minimum zu reduzieren. Nichts ist leichter als über die Ent- 
stehung oder Bedeutung eines besonderen Musters oder einer Zeichnung Ver- 
mutungen anzustellen". . . . „Es ist äusserst gewagt, Muster in der einen Lo- 
kalitJlt durch solche, die aus einer anderen Gegend stammen, erklären zu wollen" 
[wie thatsüchlich in Bezug auf Mah\ka-Negritos und Luzon-Negritos geschehen]. 
Wiederholentlich hebt der Verf. hervor, dass noch vielmehr Thatsachen ge- 
^^ammelt werden müssen, ehe an ein Generalisieren zu denken ist. — Vgl. hierzu 
Zeitschrift für Ethnologie Bd. 26 (1894) p. 142-143. 

F. W. K. Müller. 

J. D. E. Schmeltz. Schnecken und Muscheln im Leben der Völker 
Indonesiens und Oceaniens. Leiden, Brill, 1894. 8^ 43 S. und 
eine Tabelle. 
Eine sehr erwünschte Zusammenstellung auf einem Gebiete, dessen Wichtigkeit 
zuerst durch v. Martens betont worden ist. Der ui'sprünglich in Oxfoid ge- 
haltene Vortrag ist durch eine systematische Aufzählung von 160 Schnecken 

*) Sie sind übersetzt von Van der Tuuk (Batak-Chrestoraathie IV. Teil), Nie- 
mann (i. d. Bijdragen tot do taal- land- en volkeukunde van Ncderlandsch-Indiö 1866), 
Do Haan, KOdding, Henny, Westenberg, Pilgrara, Bronner. — Die Er- 
zäblnn^en: Hann pedjel, Manggarang gnrung bogn, Adji pannrat, Tagor di laut, Gnndjo 
mabuk, Ranggir, de twist der dooven sind meines Wissens neu. 



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— 95 — 

und Muscbeln erweitert, die alle in der Sttdsee und ihren westlichen Aus- 
buchtungen von Menschen benutzt und verwendet werden. Auch die veföchiedenen 
Arten der Verwendung sind kurz angegeben. Die Arbeit beruht hauptsUehlich 
auf der Leidener Sammlung und auf den Angaben der Litteratur; die vielen 
Fragezeichen besonders bei den zoologischen Bestimmungen bilden eine eindring- 
liche Mahnung an Reisende und Sammlungsvoi*stände, welche sich duixjh Be- 
antwortung der noch offenen Fragen gi'osse Verdienste erwerben würden. 

Während die „systematische Aufzählung" nach zoologischen Gesichtspunkten 
geordnet ist, finden wir in der dem Hefte beigegebenen Tabelle das gesamte 
Material so vei-teilt, dass die einzelnen Lokalitäten neben-, die einzelnen 
Geräte übereinander gestellt sind. Es ist dadurch dem Leser sehr leicht ge- 
macht, sich jederzeit sofort über die Verbreitung bestimmter Stücke orientieren 
zu können, soweit sie bisher überhaupt bekannt ist. v. Luschan. 

Brinton. On the words „Anahuac" and „Nahuatl". 

Der Verfasser wendet sich gegen die von dem Referenten ausgesprochene 
Ansicht, dass es nur Folge eines Missverständnisses sei, dass das Woi-t Anauac 
für ganz Neuspanien und insbesondere für das Hoclithal von Mexiko gebraucht 
werde, indem er eine Stelle aus Chimalpahin anzieht, wo eine Liga verschiedener 
Fürsten aus dem centralen Teil des Landes als Anahuaque tlahtoque be- 
zeichnet werde. Sei er. 

Brinton. Nagualism, A Study in Native American Folklore and 
History. Philadelphia 1894. 
Auf Grund des reichen littei-arischen und linguistischen Materials, das Prof. 
Brinton zu Gebote steht, giebt derselbe hier eine eingehende Schilderung des 
Wesens und der verschiedenen Erscheinungsformen des unter dem Namen Na- 
gnalismus bekannten Glaubens und der auf denselben begründeten Ceremonien. 
Er kommt zu dem Schluss, dass der Nagualismus nicht nur der Glaube an einen 
persönlichen Schutzgeist, nicht nur ein mehr oder minder unschuldiges Über- 
bleibsel alter heidnischer Ceremonien sei, sondern dass in diese Bezeichnung 
eingeschlossen sei die Existenz eines mächtigen Geheimbundes, der Mitglieder 
verschiedener Sprachen und der verschiedensten gesellschaftlichen Stellung ura- 
fasste, und dessen Hauptzweck der offene und versteckte Kampf gegen das 
Christentum und seine Träger gewesen sei. Sei er. 

Brinton. The Native Calendar of Central America and Mexico. 
(American Philosophical Society Oct. 6. 1893.) 
Schon in der Einleitung zu den im Jahre 1882 von ihm herausgegebenen 
„Maya Chronicles" hatte Brinton eine zusammenfassende Darstellung des central- 
amerikanischen Kalenders in Aussicht gestellt. In der vorliegenden Schrift 
erörtert der Verf. zunächst die Verbreitung dieses Kalendei-s und die mathe- 
matische Basis desselben. Die Zahl 13 ist er geneigt aus mythischen Beziehungen 
zu den sechs Himmelsrichtungen abzuleiten. Die Ei^ndung dieses Kalenders 



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— 96 — 

möchte er einem der alten in Chiapas und Tabasco ansässigen Zweige der Maya- 
Familie zuschreiben. Der Hauptwert der Schrift beruht in der linguistischen 
Analyse der verschiedenen Bezeichnungen, welche den einzelnen Tagen und den 
Abschnitten von zwanzig Tagen in den verschiedenen centralamerikanischen 
Sprachen beigelegt worden. Für die verschiedenen Maya-Dialekte besitzt gerade 
Prof. Brinton in unpublizierten Vokabularien der Bibliothek der American 
Philosophical Society und in dem handschriftlichen Nachlass Dr. Behrendt*s, den 
Brinton seinerzeit erwarb, ein reiches Material. Zum Schluss untersucht Brinton 
die symbolische Bedeutung der Tageszeichen und glaubt in diesen 20 Zeichen 
eine Beziehung zu den verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens erkennen 
zu müssen. Sei er. 



Cyrus Thomas. The Maya year. (Smithsonian Institution. Bureau of 
etbnology 1894.> 

Dieser Aufsatz wird eingeleitet von dem neu in das Bureau of Ethnology 
eingetretenen Herrn Mac Qee. Die Arbeit beschäftigt sich in dem ersten Teil 
mit den Blättern 46 — 50 der Dresdner Handschrift und sucht aus den auf diesen 
Blättern angegebenen Tagesdaten den Nachweis zu erbringen, dass auch in den 
Maya-Handschriften das Jahr zu 365 Tagen gerechnet wurde. Es will dem 
Referenten scheinen, als ob dieser groFse Apparat für diesen Nachweis nicht 
nötig war. Dieser Nachweis ist durch die ganzen Zahlenreihen, die Föi-stemann 
uns kennen uud lesen lehrte, schon erbracht. Und was speziell die Blätter 46 
bis 50 der Dresdner Handschrift angeht, so hat Referent selbst in seiner Arbeit 
über die mexikanische Chronologie (Zeitschrift für Ethnologie XXHI (1891) 
p. 96) schon angegeben, dass auf ihnen „von dem Tage 1. ahau, dem 13. des 
Monats Mac beginnend, 13 X 2920 Tage oder 13 X 8, d. h. 2 X 52 oder 
140 Jahre durch in regelmässigen Distanzen von einander abstehende Daten 
verzeichnet sind, ohne Sprung irgend welcher Art zwischen dem einen und dem 
andern der beiden 52jährigen Cyclen." Wenn daher Herr Mac Gee in der 
Einleitung bemerkt „Hitheiio it has not been known that the year of the Codices 
included 365 days", so ist eine solche Behauptung nur dadurch möglich, dass 
die Arbeiten der Deutschen auf diesem Gebiete in Amerika nicht genügend 
gekannt und nicht genügend berücksichtigt werden. 

Ein weiterer Abschnitt des vorliegenden Buches beschäftigt sich mit den 
Anfangstagen der Jahre in der Dresdner Handschrift. Während Prof. Brinton 
in der oben besprochenen Schrift über den centralamerikanischen Kalender, sich 
auf Förstemann und auf briefliche Mitteilungen Cyrus Thomas's berufend, 
leugnet, dass für die Anfänge der Jahre bei den Maya irgend welche andere 
Tage als die bekannten kau muluc ix cauac in Betracht kommen, mit denen 
zur Zeit des Bischof Landa in Yucatan die Tage begonnen wurden, söhligst 
sich Cyrus Thomas in der vorliegenden Schrift der von dem Referenten (Zeitschr. 
f. Ethnol. XXin p. 103 ff.) aufgestellten und vertretenen Ansicht an, dass in 
der Dresdner Handschrift die Jahre nicht mit den obengenannten, sondern mit 



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- 97 - 

den Tagen been e*tznab a'kbal lamat, die den mexikanischen acatl 
tecpatl calli tocbtli entsprachen, begannen. 

Ein letzter Abschnitt in der. vorliegenden Schrift beschäftigt sich mit dem 
Ursprung des centralamerikanischen Kalenders. Cyms Thomas versucht, ihn 
von dem alten auf Hawaii üblichen abzuleiten. Dem Referenten erscheint dieser 
Versuch nicht besonders glücklich, denn die alten Bewohner von Hawaii hatten eine 
Art wirklicher Monate von 30 Tagen. Bei den Centralaraerikanem ist die Zahl 
20, kombiniert mit der Zahl 13 die Basis aller kalendarischen Systeme. So 
bleibt als anscheinende Übereinstimmung nur übrig, dass 12 X 30, wie 18 X 20, 
die Zahl 360 ergeben, dass also im Jahre sowohl bei den Bewohnern von Hawaii 
wie den Centralamerikaneni, ftlnf überschüssige Tage gerechnet werden. 

Seier. 

Cyrua Thomas. Are the Maya Hieroglyphs phonetic? (Am. Anthro- 
pologist VI. p. 241—270.) 

Nachdem der Verf. schon vor zwei Jahren in der Science ein im wesent- 
lichen auf Landa basierendes, aber erweitertes Alphabet veröffentlicht, welches 
gestatten sollte, die Maya-Hieroglyphen phonetisch zu interpretieren, d. b. zu 
lesen, erörtert er hier an einer Anzahl Beispiele die Anwendl)arkeit seines 
Alphabets, bezw. sucht nachzuweisen, dass die Maya-Hieroglyphen in der von 
ihm angegebenen Weise phonetisch konstituiert sind. Sei er. 

Philipp J. J. Valentini. Analysis of the Pictoral Text inscribed on 
two Palenque Tablets. (Proceedings of the American Antiquarian 
Society, at the Annual Meeting. October 24. 1894.) 

Der Verfasser ist der Ansicht, dass bei den Vei-suchen zur Entzifferung der 
Maya-Handschriften und Maya-Hieroglyphen bisher die arithmetische Seite der 
betreffenden Texte in erster Linie berücksichtigt worden ist. Nicht minder 
wichtig sei es, festzustellen, was die Hieroglyphen ihrem Inhalt nach bedeuten. 
Denn, wie der Verfiasser der erste war, der die Anwendbarkeit des Landaschen 
Alphabets zur Entzifferung der Maya-Hieroglyphen bestritt, so ist er noch heute 
der Überzeugung, dass die Maya-Texte nicht phonetisch konstituierte Charaktere, 
nach Art der Hgyptischen Hieroglyphen, sondern einfache Bilder von Qegen- 
stSnden enthalten, dass sie eine Bilderschrift, keine Hieroglyphenschrift sind. 
Für die Deutung des Inhalts dieser Bilder seien aber die geschriebenen Cha- 
raktere der Handschriften ungeeignet, die „Tachygraphe", kursiv gewordene 
Bilder darstellen. Man müsse vielmehr in erster Linie die skulpierten Zeichen 
der Stelen, der Altarplatten und der Tempelwände in Betracht ziehen. Der 
Verfasser versucht nun diese Deutung an den Zeichen der Altarplatte des Kreuz- 
tempels No. 1 von Palenque, indem er von den Tageszeichen, als den ihrer 
Bedeutung nach feststehenden Zeichen ausgeht und, auf eine Stelle in den Be- 
laciones des Bischofs Landa fussend, die weitere Annahme macht, dass die dar- 
gestellten Gegenstände alle ritueller Natur seien. Seier. 
M. f . V. 7 



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— 98 — 

Francis Parry. The Sacred Maya Stone of Mexico and its Symbolism. 
London 1893. 

Francis Parry. The Sacred Symbols and Numbers of Aboriginal 
America in Ancient and Modern Times. (Bulletin of the American 
Geographica! Society No. 2. 1894.) 

Der Verfasser ist der Ansicht, dass die verschiedenen sesshaften Stämme 
Amerikas, obwohl sprachlich und ethnisch sich unterscheidend, was Form und 
Bedeutung ihrer religiösen Embleme angeht, einander verwandt sind. Eine der 
frühesten Manifestationen des religiösen Fühlens der centralamerikanischen 
Stämme findet er in der Konzeption einer „ersten Ursache", eines „Regierers" 
und findet diese Idee ausgedrückt in dem Zeichen ah au, das so viel auch in 
hieroglyphischen Inschriften der Tempel und in den Bilderschriften vorkommt. 
Ein Teil dieses Symbols seien die drei Punkte, die im Dreieck gestellt, oder 
auch in Linie, auf den Hieroglyphenwänden, den Altären und den Stelen zu er- 
kennen seien, und die er als Symbol des Überflusses, der Fülle deutet. In 
dieser Bedeutung kämen sie auf Töpfen in Guatemala, Florida, Peru, auf Mahl- 
steinen im nördlichen Kalifornien u. s. w. vor. Ein verwandtes Symbol sei das 
sogenannte Vogelklauenzeichen und das Hufeisenzeichen. Das letztere erkennt 
er nicht nur in den Strichelungen in der mexikanischen Hieroglyphe „Acker- 
land", sondern auch in den bekannten rätselhaften schön skulpierten Steinen, 
die man ehemals als Opferjoche deutete, und die ihm die Sacred Maya Stones 
sind. Die auf den Kreuztafeln von Palencjue dargestellte Handlung — Dar- 
bringung einer kleinen Menschenfigur und Darbringung einer Maispflanze — 
deutet er als Gebet um Nachkommenschaft und um reiche Ernten, und findet 
dieselben Kultushandlungen und dieselbe Idee in gewissen Ceremonien der Hopi 
oder Moki, die Fewkes beschrieb. So kommt er zu dem Schluss, dass, wie die 
Maya-Sprache in den Namen der hauptsächlichsten Orte von Peru bis Arizona 
sich finde, wie die Spuren ihrer Bauwerke nicht nur in Centmlamerika, Etondem 
darüber hinaus in Quereturo, Chihuahua und bis zum Mississippi zu verfolgen 
seien, so sei auch der Maya-Einfluss in den Hauptelementen des heidnischen 
Glaubens überall unter den amerikanischen Völkern zu erkennen. Sei er. 

Brinton. A Primer of Mayan Hieroglyphs. (Publications of the üni- 
versity of Pennsylvania. Series in Philology, Literature and Arehaeol<^y 
Vol. in. No. 2.) PhUadelphia. 1894. 

In dieser Schrift; giebt Prof. Brinton eine Übersicht über das, was bisher 
bezüglich der Entziflerung der Maya-Handschriften geleistet worden ist. Er 
stellt sich dabei ganz auf den Standpunkt, der von den deutschen Forschem auf 
diesem Gebiete eingenommen worden ist, dass weder das Landasche Alphabet, 
noch die in neuer Zeit von Cyrus Thomas, Le Plongeon und Hillwme P. Cresson 
aufgestellten Alphabete wahre Schlüssel für die Entziflerung der Handschriften 
seien. 

In verschiedenen Abschnitten behandelt er das Zahlensystem, die Chronologie, 
die Kulte und die graphischen Zeichen. Im Anschluss an Förstemann und 



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— 99 — 

noch über ihn hinausgehend, will er den gesamten Inhalt der Maya-Handschriften, 
und wie es scheint auch des grössten Teils der mexikanischen für rein astro- 
nomisch halten. In betreff der Einzelheiten giebt er eine ganze Menge Er- 
klärungen, für die man allerdings vielfach die nähere Begründung vermisst. 
Wenig glücklich scheint dem Referenten die ümtaufiing sein, die Prof. Brinton 
mit den Götterfiguren der Handschriften vorgenommen hat. Wenn er p. 51 einen 
Gott Lakin Chan citiert, der nach Cogolludo „sehr unförmliche Zähne" habe, so 
ist dazu zu bemerken, dass im Cogolludo der betreffende Gott in Wirklichkeit 
Lahun Chaam „zehn Zähne" heissi Alle Folgerungen, die Brinton an den 
von ihm angenommenen Namen knüpft, fallen deshalb, p. 35 erklärt Brinton 
das von den Maya für die Milchstrasse gebrauchte Wort tamacaz. Es ist mexi- 
kanisch tlamacaz, tlamacazqui oder tlj^macazcatl und ident mit dem Tama- 
gastad, den die Mexikaner von Nicaragua, mit Cipattonal (Erdgöttin) als die 
Namen ihrer Hauptgottheit angeben, p. 39 in der Anmerkung erwähnt er die 
von P. Lizana angegebenen Worte für die grosse und kleine Einwanderung 
nohenial und cenial. Brinton erklärt sie als „right band Coming" und „left 
band Coming". In Wirklichkeit sind die obigen Worte nur Schreibfehler für 
noh-emal und oe-emal (tz'e emal) „das grosse und kleine Herabsteigen" 
des Chilam Bdam von Chumayel, das Brinton selbst p. 178 seiner Maya Chronicles 
abgedruckt hat. Seier. 

Marshall H. Saville. A Comparative Study of the Graven Glyphs 
of Copan and Quirigua. (Joum. Am. Folk-Lore. July. — Sept. 1894.) 
Der Verf., der für das Peabody-Museura die Ausgrabungen in Labnä und 
Copan geleitet hat, sucht hier die Entziffeiiing der Maya-Handschriften da- 
durch zu fördern, dass er für eine Anzahl Zeichen, die namentlich auf den 
Reliefs von Copan und Palenque sehr häufig sind, die sachliche Bedeutung zu 
bestimmen sucht. Das Katun-Zeichen, das an der Spitze der Stelen von Copan 
und der Altarplatten von Palenque überall zu sehen ist, zerlegt er in ein unteres 
Element, das er durch Vergleich mit der Hieroglyphe des Monatsnamens pax 
als Zeichen für pax, die Holzpauke, annimmt. In den obem seitKchen Zeichen 
sieht er die Hälfte einer durchschnittenen Cacaofrucht. Dass das letztere Zeichen 
auf einigen Stelen ersetzt ist durch eine Fischfigur, glaubt er durch Ideen- 
assoziation, vielleicht aach durch sprachliche Assoziation, von Fisch und Blüten 
erklären zu müssen. Für die thatsächliche Assoziation dieser beiden Natur- 
gegen stände führt er von den Copan-Stelen einige Beispiele an. Der Monat 
Pax entspricht unserm Mai, und war die Zeit, wo die Saat gemacht wurde, 
und wo mit den ersten Regengüssen die Vegetation zu erneuter Kraft erwachte. 

Seier. 

Rohde. Psyche, Seelenkult und ünsterblichkeitsglanbe der Griechen. 
Freiburg i. B. 1894, 2 Abteilungen. 
Ein ausnehmend zeitgemKsses Werk, das mit gründlicher Schulung des Fach- 
gelehrten eine verständnisvolle Behandlung des Gegenstandes verbindet, unter 

7* 



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— 100 — 

Rücksichtnahme auf mancherlei Parallelen, wie sie, für die in der Elassicität 
gültigen Vorstellnngsweisen, aus dem durch ethnologische Materialansammlungen 
eröffneten Umblicke sich entnehmen lassen. 

In der ersten Hälfte (1890 veröffentlicht) war nachgewiesen, (S. 254), dass 
sich der „griechische Pöbel" („und vielleicht nicht allein der Pöbel") mit den 
einfach primitiven Vorstellungen des „Naturvolks" voll ebenbürtig messen durfte, 
bis auf die Verrohungen (australischer) iMffxMepa.ra und familiär plebejischen 
Zusammenlebens mit den (ihrer aristokratischen Vorrechte noch entbehrenden) ^/Muec» 
durch die vom Tische gefallenen Brocken gespeiset (wie sie die Prutheni „armen 
Seel'gen" aufzulesen erlaubten). Durch rückhaltsfi-ei offenen Blick ist eine 
Fülle reicher und neuer Belehrungen eröffnet worden, die f)ir jeden Sonderfall 
dutzendweis (oder hundert- und tausendfach) sich vermehren Hessen, — zahllos 
wenn man will, weil es sich eben um durchweg (überall und immer) gleichartige 
Elementargedanken handelt, unter den ethnisch differenzierenden Variationen des 
Völkergedankens. Die Belegstücke sind Jedem, der sie zu prüfen wünscht, un- 
behindert zng^glich in der Litteratur, bei Durchsicht der Publikationen seit 
etwa Mitte des Jahrhunderts (und auch in früheren bereits zerstreut). Nach- 
dem mit Feststellung der (wie physischen, auch psychischen) Gleichartigkeit des 
Menschengeschlechts, die elementar identischen Unterlagen innerhalb des 
Rahmen*s allgemein gültiger Umrisse (unter den ethnischen Differenzierungen) ein- 
begriffen worden sind, wird sich die Forschung jetzt monographischen Detailbe- 
handlungen zuzuwenden haben, um die, trotz scheinbarer Schwankungen, ge- 
setzlich fixierten Variationen in ihrem typisch charakteristischen Gepräge aus 
geographischen und historischen Bedingnissen, (wie sie in der Besonderheit 
jedes analogen Einzelfalles unter gegenseitigen Duixhkreuzungen zusammenge- 
troffen sind) methodisch sichtend zu zerlegen, damit für den lebendig im VolksgeLst 
waltenden Wachstumstrieb die leitenden Gesetzlichkeiten geklärt werden (zur 
Lösung der Aufgabe, die hier gestellt ist). Der Verfasser spricht als anerkannte 
Autorität im Kreise hellenistischer Fachdisziplin und sobald, wie hier die Psyche, 
das analog Betreffende (auf den verschiedenen anderen Arbeitsfeldern) mit gleich 
sachkundiger Gründlickeit in Angriff genommen sein sollte, wii-d (unter be- 
schleunigter Annäherung des Reifezustandes) ein blendendes Lichtmeer hervor- 
strahlen, um den Menschheitsgedanken allwärtshin zu beleuchten (über die 
Weite und Breite des Globus). 

Die zweite Abteilung (dem Unsterblichkeitsglaubcn gewidmet) betritt (mit 
dem, „was die Seele xat^' koLov^v, frei geworden vom Leibe, in iu^htMnaqjM und 
ftavTetm von ihrer Gottnatur selbst er^hi*t") das Gebiet des Gesellschaftsgedankens 
unter fortgeschrittenen (und also kompliziei-teren) Vorgängen eines gesteigerten 
Wachstumsprozesses, und indem sich hier nun gleichfalls allüberall, in jeglicher 
Phase der psychischen Manifestationen, die schlagendsten Parallelstücke auf- 
drängen, werden auf diesem (nach schulgerecht bewährter Methode durchgeackerten) 
Arbeitsfeld manch' mustergiltige Anhaltspunkte gewährleistet; um für die (unter 
der überwältigenden Massenhaftigkeit des zusammenströmenden Stoffes) einer ge- 
nügenden Sichtung oftmals noch entbehrenden Aufspeicheningen der Ethnologie 



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— 101 - 

ordnende Theilongsstriche zu ziehen, und das Sammlungsmaterial in zuge- 
höiTge Rubriken einzustellen, für systematische Übersicht. Auch betreffs der 
polyglottisch leicht verwirrenden Terminologie dürfte es in der Hauptsache 
empfehlenswert sein, an diejenigen Normen anzulehnen, wie sie durch die, im 
lang-alten Erziehungskursus der Altertumskunde umsichtig durchgefeilte, Philo- 
logie zur Verfügung gestellt sind (zur Orientierung in linguistischen Studien). 

Allerdings wäre nun hier sogleich auf denjenigen „Terminus technicus** auf- 
merksam zu machen, der zum Titel des Buches gedient hat: auf die „Psyche** 
selber, die zwar nach populär adoptierter Nomenclatur für das Psychische, qua 
solches, Gevatter gestanden hat, die indes einer scharf umschriebenen Klassifikation 
angehört in spezifischer Sinnesbedeutung und darauf eingeschränkt erhalten 
werden muss, um sich, ohne Verschiebung der richtig entsprechenden Verhältnis- 
werte, mit den sonst ethnischen Seitenstücken zu decken. Die ihr erbeigen- 
tümlich zukommende Stellung tritt prägnanter ins Auge bei denjenigen Wild- 
stämmen, wo die Seelen -Teilungen (des Seelischen) noch strenger auseinander- 
gehalten sind, während dieselben bei beginnenden Kulturentwicklungen rasch in- 
einander zu verschwimmen beginnen, und so schon bei der frühesten Überlieferung, 
die in dem Homeriden Dichtungscyklus aus hellenischer Vorzeit für uns erhalten 
sind, nicht mehr reine Paradigmen zu liefern vermögen, weil in manchen Charakter- 
zügen bereits mehrweniger verwischt. 

So wenig, wie die am Grabe spukende oder dasselbe (gleich (pux&v üxtott^ 
ipa>TdiT!mTa) umflatternde (von den Beduinen darauf sitzend erblickte) Sisa (der 
Nigritier) ins Totenland (Ko-to-men), würde die im Lufthauch aus- und ein- 
atmende Psyche dort eingehen können (unter dumpfig düstere Schatten), für 
keine ihre geschlechtlich (auch in Guinea) bekannten Hälften (weder als „anima" 
noch „animus**), und wenn (wie dem Purnsha zu geschehen pflegt, in der Sankhya), 
durch Kontakt mit dem mofia als «r^/ia contaminiert, der (von keinem „sin-eater** 
weggegessene) Schuldrest der Kla, (der im Hantu-kubur sich selbst zu verzehren 
hat), nach Naraka (wenns schlimm steht) oder nach den Inseln des Volta 
relegiert wird (in seiner scheidenhülsigen Linga-sarira) auch sonst wohin, beim 
Hexentreiben (der Ekpo unter Efik) — , so bietet sich hier [an Stelle eines Tartarus 
oder (mikronischen) Eisenkerker's] besser, als durch stygische Flüsse, isolierte 
Lokalität, um die, vornehmlich aus den in Biaiothanathoi (oder ämpoC) schwei- 
fenden Gespenstern, gefürchteten Plagegeister kalt zu stellen (in besonders dafür 
vorgesehener Abteilung indianischer Seelendörfer), und gern wii'd man dann 
auch wohl, um an der gewählten Lokalität dauernder festzuhalten, die Freuden- 
hallen einer Walhalla auszuschmücken sich beeifem (in der Sonne bei den Az- 
teken), oder was in Annehmlichkeiten annehmbar wüuschenswerth sein dürfte zu 
ent&lten, um den Aufenthalt auf ninsulae fortunatae"* zu verschönern (wie auf 
tropischen Fruchtinseln der Pulo-bua etc.). Dabei wird dennoch jedoch auf Ab- 
zahlen der Schuld (bis auf Heller und Pfennig oft) gerechnet, nach rigurösem Re- 
gime dee Karman in trefflich kleinmahlenden Mühlen (ötph {k&y dXiooat ftülot äXiown 

Was in traumhaften Schattenbildern der üxm' nach dem Ko-to-men (dem 



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— 102 — 

Totenland der Eweer) abscheidet, ist die in Erinnerung lebendig verbleibende 
Persönlichkeit des Verstorbenen, im Eidolon desselben oder sein „Autos" selber 
vielleicht (wenn nicht etwa unter Olympier aufgenommen), bei deren (oder dessen) 
im Memorieren gemeinsam durchlebter Tage fortspielenden Masken (einer Larva, als 
persona), unter welcher sich (für temporäre Inkarnation) dieOusia hypostasiert hatte, 
wie dies mit Homoousia (im Panentheismus oder) ftlr eine (die Seligkeit des Einzelnen 
freilich beeinträchtigende) Allseligkeit ihren oi-thodozen Ausdruck erhalten hatte (in 
der Gemeinde oder Sangha, zur Einfügung unter Tri-Batua). Hier knüpft nun der 
Alter-ego an, bei Abscheidung Aklama's vonKla, auch aus dem Innern (Obesi's) redend 
(mit des Daimonion Stimme), wenn ^i9oc yap dif^pwiap datfjum (b. Alex. Aphr.)y und 
mit den unsichtbar (gleich den Dämonen aus Hesiod^s (joldalter) umschweben- 
den Ahnenseelen (im Lande der Batak), sind dann mancherlei Weiterveifolgungen 
(im Gedankenspinnen) zu Gebote gestellt, für die Erscheinungsweisen des Schutz* 
geistes (im Fylgjer und Forynja, Töndi oder Donde, Haltia, Emekhet u. s. w.), 
von Indianern im Medizinsack getragen (wie im Pubertätstraum gesehen). 

Bei häuslicher Erziehung im Bhuta«2iimmer (der Tulu) kann je nach den 
Anlagen ein dienstlich verwendbarer Kobold herangezüchtet werden, aus einem rjpmq 
obcoopd^ anspruchslos bescheiden (pai-ca petuntManes); oder, wenn der Lar ^Euni- 
liaris seinen imponierenden Eindruck fortbewahrt (als Chao oder „Herr" der 
Thai), mögen weitere Rangserhöhungen erteilt werden (mit Apotheosierungen im 
kaiserlichen Stil oder in Titelverleihungen, nach mandarinischen Abstufungen gra- 
duiert). Unter ekstatischen Zuständen andererseits gerät die Psyche leicht in allerlei 
Tausch verkehr mit dem To^tufia {m^BUß äuw), nach obenhinaus, bis zur Vei*flttchti- 
gung im Äther, wenn sich nicht mit dem (ff<ii(9tv zutretenden) Nous abfindend, für 
verständige Unterredungen (wie dem „Logos" geziemend), und hier schliessen sich 
dann, als jedes Mysterium seinen Tanz besass (zu Lucian*s Zeit), in Begeisterungs- 
und Besessenheitstänze, — neben den, (bei den Festen der Ewakiutl) in dramatischen 
Aufführungen nigritischer Wongtschä und ceylonischer Takkoduro (oder verwandter 
Kollegen gar vieler), vorgeführten Actionen — , allerlei Maskierungen (unter den 
Prosopa) an, wie sie den, mit dem „lux ex Oriente" nach Westen wandernden, 
Göttern vertraut waren, und auch in arkadischen Tempeln gleich&Us bekannt 
(aus Pausaniai* Fremdenführer). 

In den hier psychiatrisch zugleich wichtigen Beobachtungen, bei Anschluss an 
nervöse Veranlagungen — (unter Lappen und Eskimo sowohl, wie den durch Lata, 
Yaundo etc. kennzeichnerisch affizierten Bewohnern tropischer Landschaft) — , stehen 
wertvoll weitere Aufschlüsse in baldiger Erwartung, seitdem es (besonders auf 
transatlantischem Boden) erfolgreich gelungen ist, zum Aufschluss bisher eifer- 
süchtig gehüteter Geheimceremonien allerlei Schlüssel und Nachschlüssel (oder 
kunstgerecht gefertigte Dietriche) aufzuspüren, die sich auch für manche der 
allerheiligsten Kämmerlein in den Mysterien ganz wohl passend erwiesen haben (und 
so auch ihnen zugute kommen mögen). Da also die Völkerkunde — zumal wenn 
beim kühn geplanten (aber auf jetzigem Status-quo durchaus bereits gerechtfertigten) 
Wagnis, in den Bereich hypnotischer Studien überzuschreiten, der zum gesicherten 
Fussauftritt (imNagualismus gebreitete) Boden nicht unter den Füssen verlorengeht. 



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— 103 — 

sondern unverrückter Anschluss bewahrt wird (in medizinisch nüchternen Köpfen) — 
diese und ähnliche Äquivalente als Gegenweiie anbieten kann, für die durch 
klassische Schulung gewährten Belehrungen, wird ein gemeinsames Zusammen- 
arbeiten zu gegenseitigem Vorteil ausschlagen und möge deshalb das Beispiel 
des hier zur Anzeige vorliegenden Buches bald Nachfolger erhalten, um sie au 
gleicher Stelle zur Kenntnis bringen zu können. 

„Merkwürdig: gerade ein Satz, der aller dialektischen Begründung erst 
Boden schafft, musste selbst wieder durch den dialektischen begründet werden, 
den er erst ermöglicht hatte* bemerkt Deuschle über Plato's Präexistenzlehre, 
und wenn sich nun der gleiche „Satz'' in ethnischen Elementargedanken wieder- 
holt (für Sumangot, Kla und andere Geschwister in seelischen Regionen), er- 
scheint dies (doppelt) „merkwürdig" — oder auch nicht, da das einfachst Klare 
übersehen ward, weil eben derart durchsichtig in solch' einfacher Klarheit (oder 
klarer Einfachheit), dass man geradeweg hindurchsah, ohne irgend etwas zu 
sehen; und deshalb auf die Schöpfungskraft des dialektischen Prozesses zu recur- 
rieren hatte (zum Wiederaufbau). 

Die Seele (Saina) kehrt zur Präexistenz zurück (in Levona), der Atem 
(Alna) haucht sich aus in Luft (Rivotra), und während Matatoa gespenstisch am 
Grabe spukt, verbleibt (auf Madagascar) der geistige Reflex der Persönlichkeit 
in Fanahy (zur Erneuerung im Schutzgeist). 

An die trotz körperlichen Abscheidens in Erinnerung verbliebenen Ver- 
wandten wendet man sich, in Notständen, um Hülfe, — wenn solche zu gewähren, 
als kräftig erachtbar (nach den im Leben abgelegten Leistungen), — und den Bantu 
ziehen (wie den Szeklem) im Wolkengetümmel der Ahnen Scharen herbei, wenn 
es zu streiten gilt auf Schlachtfeldern, die sich umwölken zum Fortkämpfen 
hunnischer und gothischer Heldenseelen in der Luft, statt auf dem Boden troischer 
Ebene, wo (in Streitwagen) Götter zusammentrafen, (auch als Rosselenker, gleich 
Krishna), wie Odhin und Freyr (b. Saxo) sich gegenüberstehen (bei dem, was 
Dänen und Schweden auszufechten hatten). Die Lokrer Hessen in vorderster 
Schlachtreihe ein Glied offen, für Ajax den Jüngern, um als (timorischer) Vor- 
kämpfer, aus Lucrez' „timor", martialischen Pavor und Pallor einzujagen, aber 
einem seine Geistessprache mit attischem Salze würzenden Gaumen schmeckte 
es nicht mehr, ein Schiff nach Salamis zu senden, zur Abholung der Aeaciden, 
80 dass diese Altehrwürdigen den Affront erdulden mussten, weil unbrauchbar, 
zurückgeschickt zu werden (von groben Böotiem später). 

Gleich Heraklit's vervollkommneten Seelen, wenn zu Schutzgeistern erwachend 
(für Lebende und Tote), trifft sich die Töndi (der Karo) „um den Körper herum" 
und schützend umgeben (in Nebel gehüllt) die Ahnen (der Batak), wie die 
IHUnonen goldenen Zeitalters (bei Hesiod). Unter den Lonch (Schutzgeisteru) wird 
das früher das Land der Ostjaken bewohnende Tschuden-Volk mitbegriffen 
(anderswo in Erdlöcher verkrochen, der Unterirdischen). 

So nah (hinter dem Tempel der Chthonia) lag „das Reich der Seelen, dass 
die Toten der Heimionenser den üblichen Fährgroschen für Charon" (den 
Fergen der Unterwelt) ersparen konnten (8. 199), und so kommt mit dem „Kult 



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— 104 — 

der chthonischen Götter", der der Heroen oder Seelen (wenn ndpra idT^pr^ ipuxatv xal 
^tfjLovwvy auf dem 6^ ävto xal xdrw ßta) zusammen, wie in Tibet (s. Waddell) der 
in die Rubrik der Sab-dag („Earth-masters*') gehörige Hausgeist oder Nang-lha 
(„Insifle-God"), genügsamer Art (gleich dem mit einer „Schale Grütze" der Dienstr 
magd befriedigten „Napfhans" in der Schweiz), aber eifersüchtig auf seine Rechte 
bedacht, wie diese Art der Kobolde zu sein pflegt (in „ Volkmar's Kammer") ; immerhin 
vielseitig jedoch in seinen Hülfsleistungen, den Schwärm indischer „Boys", (bis zur 
Spezialität des Lampenanzünders) ersparend, und dann wechselnd nach den 
Monaten der Jahreszeit oder nach Tag (und Stunde), wenn z. B. „nicht leidend, 
dass Donnerstags abend am Hof gehauen oder gesponnen wird" (in Schweden). 
Der Nang-lha (Tibet's) steht bald (im 5. Monat) unter der Dachrinne (als Yangas- 
pa), bald (im 3. Monat) im Thorweg, bald im Stall, in der Küche u.s. w.(s. Waddell), 
während dem Römer, neben der Cardea, die andern Götter der Indigitamenta benötigt 
waren, der Chinese wieder seinen Küchengott bevorzugt, der Tömtekerl im Stall 
Dienste thut (als Stercutius u. dgl. m.) In der Schlucht am Areopag (als Sitz 
der Unterirdischen), waren lepiycu (im x^pia x^v6<:) zum Heraufkommen verfügbar 
(durch Psychopompeia), wie nach Wegnahme des lapis manalis herausschwännend 
(vom „Mundus" der Römer). 

An dem zum (annamitischen) Amenthes (im Sonnen-Niedergang, auf Mangaia) 
führenden Pelslöcherpaar, (für Vornehme und Geringe abgetrennt) wird die Ein- 
ladung gesprochen (am Allerseelentage, für die Rangordnungen gedoppelt), und 
der Bapiri kann lebendigen Leibes schon hineinkriechen in die Ursprungshöhle 
der Vorfahren (wohin die Abnenseelen zurückkehren). 

Unter den Seelenteilungen der Stoiker, (in siebenfacher Zahl denen der Batak 
entsprechend), herrscht (im Herzen, oder) auf dem Haupte das Hegemonikon 
(direkt aus des Schöpfers Hand heiTorgegangen in platonischem i^^fuvw), 
am Scheite] thronend, gleich siamesischen Ohomkhuan, („indulgere genio'' anratend), 
weshalb königliche Ehrung handgiei fliehe Berührung verbietet, und (bei den Karen) 
hat Tso, vom Kopfsitz aus, Ordnung zu erhalten zwischen den im Körper funk- 
tionierenden Khuan, die „Verderben schwörend" (bei der Geburt) eingefahren sind 
(s. Mason) und deshalb, sobald jener Tso (Macht und Stärke) an Kraft abschwächend, 
die Zügel lose lassen sollte, sogleich mit hämischer Schadenfreude über den 
menschlichen Organismus herfallen würden, um ihn zu zerstören, aus krankhafter 
Störung physiologischer Functionen (bei Zerrüttung ihrer normalen Gesundheit). 

Und 80, wenn der ans dem Kreis seiner Göttergenossen verstossene Dämon, 
mit unseligem Leben (Co»^ äßuf^) vor sich — gleich dem mit Ablauf seiner Frist 
absterbenden Deva in Tuschita (unter i^eoi ^/i^amvt^) oder der aus dem Lande 
der Sangiang zum Pilzsprossen destinierte Seelengeist (da seine Zeit um war) — , 
hinabstürzt in das irdische Jammerthal (ä-nj^ Xetfmv), fällt er (s. Rohde) „herein 
aus einer anderen Welt, der Welt der Geister und Götter, zu seinem Unheil, als 
in ein fremdes; die Elemente werfen ihn einander zu und hassen ihn Alle" (b. Empe- 
dokles). Das Allfeuer glüht in Heraklit's Seele, in steter Umwandlung begriffen 
(des Lebens und Sterbens). 

Die Kontroverse über den in die Brust (woher die Stimme komme) ver^ 



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— 105 — 

legten Sitz war durch Chrysipp in die Stoa gekommen, da ibr Obej^tes im 
Haupte weilen musste, als Hegemonikon, wenn dieser individuelle Funke des 
AU-Einen (seines unsterblichen Vorranges wegen) als direktes Händewerk des 
Demiurg bezeichnet wurde, in Plato's Redeweise, und so erklärt sich die Unklarheit 
derselben aus des Meister's Vei-takelung in die Ideale (wie schon von Aristoteles 
gerügt). Der Widerstreit zwischen Kopf und Herz dauert fort bei dem Gefühls- 
menschen bis auf den heutigen Tag und ihr Zusammenhang wird durch den 
Verbindungsstrich angezeigt, in den Meda-Symbolen (indianischer Gesänge). Statt, 
auf den Scheitel niederblickend, unter ihrem (Schädel-) Dach (als Genius) zu 
hausen, wird die Gottheit von der Mystik („deutscher Theologen**) in das Herz- 
kämmerlein der Gottesfreunde einquartiert, um von dort mit des Daimonion's 
Stimme zu reden (in sokratischer Zeit) oder der Gbesi (in Guinea). „Der 
Wille muss, um vollkommen zu werden, dem Sittlichen, dem Gewissen, das 
nicht irrt, sich fügen** (s. Goethe), bei guter Eingebung (des Agathodämon). 

Was in der (Menschen-) Seele (wenn keine Ausstrahlung aus einer Welt- 
seele) sich darstellt, „das ist die Eine Kraft, die überall, in allen Erscheinungen 
der Welt, Leben wirkt und' selbst das Leben ist ; dem Urgrund der Dinge selbst 
seelische Eigenschaften leihend, konnte die Physiologie der flylozoisten zwischen 
ihm und der Seele gegensätzliche Unterscheidung nicht festhalten** (s. Rohde), 
im „Wicht** (oder „Wiht**) der Wesenheit (genialisch), auf dem Steine sitzend 
sichtbar oder (b. Thaies) drinnend steckend (aus magnetischer Seele), sowie in 
den Pflanzen (unter l/£^e//a, im Gegensatz zu Ajiva, jainistisch) wirkend, in der 
Lebensseele des livatman, zum Ausgang der ipoxri ^ptTtrui^ (für weitere Entelechien). 

Auch den Seelen der Geräte ist ihre Fortdauer gewährleistet, wenn hin- 
ttberflntend ins Jenseits (auf Fiji's Zauberbrunnen, Kauvendra), und die [mit 
„Nanna** (in bester Gesellschaft der „Erdgeister** und „Gestimgeister** aus 
XIX. Jahrh.) verwandte] Seele der Reishalme, ist mit Gehör begabt, um die 
Anrufungen zu hören (in Spi-ache der Karen). 

Yalo-na, als Seelenschatten (wie im Wasser gesehen) wird (auf Piji) von 
Talo-yalo-na (Schatten der Sonne oder des Kerzenlichts) unterschieden, und so 
der feststehende Schatten des Gesteins (bei Efik) von dem beweglichen (wie 
auch den Hidatsa geläufig). 

Der syrische Heiligenstein wurde in der Hand geschwungen (zum Beleben), 
während Ceraunius (als „Jovis lapis**) seine Kraft mitbringt (von oben herab) und 
aus dem Seelischen des Yorknastein konnten (in heisses Wasser gewoifen, beim 
Kesself&ng) Kinderaugen geschmiedet werden (von Völundr), für Kronen viel- 
leicht und ihre Huerfana (s. Grimm), als „pupillus** des Knäbchens, im Augen- 
bilde gesehen, das beim Verschwinden den Tod anzeigt (nach indianischer Pix>- 
gnoee). Der „Mann** (oder Mensch) im Auge, (s. Bernau) wandert fort (unter 
ICacuai), wenn der Leib zerfällt (beim Tode). 

Am Halse getragen leistet der Lifstein (in der Kormakssaga) die Hilfs- 
dienste kabirischer Schwimmgürtel (wie von Zanekka's Leucothea zur Errettung 
gewährt), und zum Oskasstein wird gern ein ,4apis sapientum** gewünscht (zum 
Ooldmachen). 



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— 106 — 

„Der Mensch ist nach homerischer Auffassung zweimal da, in seiner wahr- 
nehmbaren Erscheinung und in seinem unsichtbaren Abbild, welches frei wird 
im Tode; dies, und nichts anderes ist die Psyche" (s. Bohde), „in dem leben- 
digen voll beseelten Menschen, wie ein fremder Gast, ein schwächerer Doppel- 
gänger, sein (alter Ergo) anderes Ich, als seine Psyche" („aus dem Doppelleben 
im Traum, in der Ohnmacht und Ekstase*'), schlafend im Wachzustand (b. Pindar), 
aber prophetisch kündend im Traumschlaf, während im Tiefechlaf mit Brahman 
geeinigt (in der Vedanta). 

Verschieden von Talo-ni-mate (auf Tiji), yerlässt die Talo-bala, den KOrper 
des Lebenden bereits, um nun durch den „Visus eruditus" der (Geister-) Seher 
(bei Kwakiutl) im Doppelgänger gesehen zu werden, gleich Uhane-ola in Un- 
terscheidung von tJhane-make (auf Hawaii). 

Die Leip-ya fliegt aus im Traum, als („Psyche** oder) „Schmetterling*' (der 
Birmanen), während, wie aus des Landsknechts Munde das Wiesel (s. Nork), aus 
thüringischem die Maus (der Magd) hervorkriecht (s. Prätorius), und (statt 
Eidechse der Eolarier) aus longobardisch königlichem (s. PauL Diac.) die Schlange, 
die sich durch Zischen (bei Berührung mit dem Stabe) als Ahn bekundet 
(für die Bantu). Die Schlangen (oder, Kindern zugeneigte, Unken) wurden, als 
„Milchmütter" (der Letten) von den Littauem im Hause gehegt (und mit 
Opfern gefüttert). „Nullus locus sine genio, qui per anguem plerumque ostenditur" 
(s. Servius), fortgeringelt zum Drachen oder „Wurm" (vaurms) zur Berührung 
)im Sagenring) mit dem Naga, aus kasbmirischen Seen aufsteigend, im Nebel- 
dunst (vom chinesischen Wappensymbol durchflogen), und so sprosst es fort im 
Wachstum (oder Wucherung) der ethnischen Elementargedanken, aus Rohheit der 
Wiidstämme fortgezüchtet (zur Veredlung in kulturhistorischer Entfieiitung, unter 
günstigem Geschick). 

Das aUüvo^ ^diolw, das „Abbild des Lebens", — das schläft, während die 
Glieder des Menschen thätig sind (wogegen dem Schlafenden in TraumbUdem 
das Zukünftige zeigend) ~, „stammt allein von den Göttern" (b. Pindar), und 
der Name bezeichnet „den im lebendigen Menschen hausenden Doppelgänger" 
(s. Rohde), auch im Wachzustand des Lebens draussen gesehen (auf Hawaii), 
im (schottisch) zweiten Gesicht, oder durch den „Visus intellectivus" eines 
(Geister-) Sehers erblickt (unheilvoller Verkündigung meist). 

Zur Sühne „alter Schuld" unterliegt die Seele dann einem Gericht, entweder 
zu Qualen verurteilt oder in der Unterwelt auf blumigen (Asphodelos-) Wiesen 
verwiesen, unter der Nachtsonne, (mit umgekehrten Zeitläufen). Nach dreimaliger 
Heraufsendung (durch Persephone) wird im neunten Jahre die (gereinigte) Seele 
entlassen, um unter (Rhadamanthus') Heroen auf „seligen Inseln" (dem Pulo- 
buah bei Drang Semang) des Okeanos zu weilen, auf Zeus Wegen zur Burg des 
Kronos ziehend (und Verehrung erhaltend), iredav Aw^ Sddu laipa Kp6)Hm wpüt^ (auf 
den Marga). Die im Skolion gestellte Frage, ob auch Harmodios sich dort be- 
finde, hätte (im Altai) der beim Klang seiner Zaubertrommel die Himmel, aof 
der Gans (wie der Prophet auf Borak), durchfliegende Schamane beantworten 
künntn, wenn mit einer Kardßam^ elq ädofj (der Nekyien) die (an Mogallan von 



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— 107 - 

seinem Meister beauftragte) Bereismig der Himmel sich verband, und wie die 
von Hermodr (auf Odhin's Ross) hinabgerittenen Wege (zu „atra atria Ditis") 
abwärts nieder, kennen auch aufwärts führende die Angekok (zum Besuche der 
Angekok poglik). 

Zu den unheilbar verbrecherischen (zu ewigen Strafen in Tartaros verurteilten) 
und den mit heilbaren Vergehen behafteten Geisterseelen, sowie den 6mtü<: ßeßmxdre^ 
dbcajuH xai Sütoi (6org.)> „kommen noch die ätopot hinzu, denen sich weder Lohn noch 
Strafe zuerteilen liess" (s. Rohde). 

In dieser die ßtaw^^dvaroi einschliessenden Klasse der ämpot^ die (als Ttpht ßdtpmf 
IrJ^rjödi^ ßou Gestorbene) im wilden Heere schweifen (unter Hekate's Führung), begrei- 
fen sich diejenigen Seelen, welche den Wildstämmen am meisten zu schaffen machen, 
anbetreflfs der besten Methode, solche, ob ihrer Geföhrlichkeit gefürchteten, Gespenster 
sich vom Leibe zu halten. Bald werden sie, durch „Laneae effigies" (auf Fiji) 
verlockt, im plötzlichen Überfall (beim Hexentreiben) veijagt, von Dorf zu Dorf 
(am Kalabar) und wieder zurück (eingeschlossen auch in die Gesamtmenge der 
binnen Jahresfrist Verstorbenen), bald sind sie der Hut eines Chaysi übergeben 
(zum Verschluss in seinen „Eisenkerker'O» ^^^^ fortgebannt nach insular um- 
schlossenem Geftegnisse, auf indonesischen Seelen-Inseln (auch von, afrikanischen, 
Strömen umflossen) oder in Einöden hinaus, zum Sandzählen, um sie möglichst 
lange fem zu halten (in Oldenburg). Bald aus Ecken und Winkeln der Wohnung, 
oder sonstigen Verkriechlöchem (der ^oi fJLuxtot) werden die Lemuren aufgescheucht 
[um nicht durch Poltern (der Klopfgeister) zu belästigen] durch das (von japani- 
schem Hausvater gleichfalls im nächtlichen Umgang geübte) Bohnen werfen 
(römischer Sitte) berückt (und ausgerückt), und bald dagegen wieder, indem 
unter den Gewaltsam-Getöteten auch die auf der Wahlstatt (des Ruhms und 
der Ehre) Ge&llenen sich finden, werden diese durch Valkjren, oder (in Coorg) 
liebliche Apsaras, fortgeführt zu festlichen Gelagen, — auch zu Indra's Tavatimsa 
vielleicht oder zu transatlantischem Sonnenpalast (für ein Zusammentreffen mit 
den im Kindbett Verstorbenen); und die Kriegerhelden (Mangaia's) gehen zum 
Lichtland (aere ki te ao), oder zu wolkigen Höhen der „Tritopatores" (Tucopia's), 
donnernd und blitzend (in meteorologischen Prozessen). In den „spirit rappings" 
(aus des Jossakeed*s Gegaukel, entlehnt) macht sich wieder der Kobolt, als 
„Kbpfer'' (s. Grimm) hörbar, polternd gleich dem Bullermann (oder Meister 
Hämmerlein). Wie in Frankreich (XVI. Jahrh.) mit Ziegeln (der „Schmutz- 
barthel'' mit Nüssen), warfen die foUeti (s. Gervas.) mit Steinen (beim Spuk zu 
Resao, jüngster Tage). 

Die heilige Pflicht der Bestattung, wie von Odysseus geübt, in Aufpflanzung 
des Ruders, am Gi-abe seines Schiffsgenossen (nach tasmanischem Brauch), recht- 
fertigte den über die bei den Arginusen siegreichen Feldhemi gefüllten Richter- 
spruch aus polizeilichen Massnahmen, damit nicht das Gemeinwesen durch Legionen 
der Rachedürstigen überfallen, in Epidemien decimiert werde und die Dor^- 
nossen machen den Verwandten des Verstorbenen (s. Codrington) seine Bestat- 
tung zur Pflicht, „ne respublica detrimentum capiat" (in Melanesien). Bis zur 
Katharsis war der miasmatisch Ausdünstende, weil durch Verfolgung dei' (Arai 



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— 108 — 

und) Eriimyen (oder des Kunaima in Guayana) in Angstschweiss versetzt, durch 
Verbannung fem gebalten (und so bleiben isolirt die bei den Eskimo Ausge- 
stossenen). 

Da die Rückerinnerung an Mancherlei, was anders hätte sein sollen, mit 
der an die Dahingeschiedenen sich verknüpft, verbleibt diesen, den Nitu und 
polyglottiscben Ck)ngarrones im Possenspiel des Lebens und Nichtlebens (oder der 
von Trausiem bejammerten Tragödie des Lebensleids), stets anklebend scheu 
gruseliges Furchtgefühl vor Schreckgesichtem, (und ihren Fratzen), obwohl es sich 
mit den gütigen derselben (als Nitu in Indonesien) ebenso verti-aulich zusammen- 
lebt, wie mit Oromatua (auf Tahiti). 

Beim „Übergang der Seelen in gutmütige Hausgeister oder Kobolde" (s. Grimm) 
laufen in der, die Substantia medullaris und Substantia corticalis (cinerea oder 
graue) verkittenden Neuroglia oder in dem (nach des Pessimisten eleganter 
Sprache, seinen philosophischen Kollegen zugedachten) „Himbrei" des gemeinen 
Alannes (dem im Dunkel „alle Katzen grau sind") die (bei „Quälgeistern" ge- 
spenstischen) Vorstellungen von Geisterpack (und Spuk) der „Hiuri" („geheuer" 
oder ungeheuerlich) graulich (und gräulich) durcheinander, in Seelengeistem, 
Helden- (oder Heroen-) Geistern (heroischer Art), heiligen und unheiligen Geisterlein, 
Ganze-, Halbe- oder Vieiielgötter bis zu „dii minuti" herab — „of little acount" 
(s. Matthews), wenn in Halmen und GrUsem steckend (unter der Hidatsa) — , wie 
ähnlich die „Begriffe Kobold, Zwerg, Däumling, Puppe und Götze" vielfach in 
einander übei gehen (aus „Buchsbaumholz" geschnitzt, oder aus sibirischem Blech) 
in Manleika (äyaXfia) und (slavonisch) Malik (Kleinfinger der Böhmen). Als Pöpel 
(verpuppt) und Tatermann von panniculus (s. Graft) oder Hätterat (ags.) und 
Katermann (und Heinze) spielt der Schalk {noßaXoi) dazwischen hinein (mit 
Koboldstreichen). Beim „Ölgötzen" kam es auf das ölen oder (salbungsvolles) 
Salben hinaus (für die Taufe, zu Justinus* Mart. Zeit), mit iXaunf mdawv, das, 
wenn auch (b. Dionys Areop.) äytou (als fitumxov), vielleicht ranzig zu duften be- 
ginnt (für eine, an ätherischer destillierte Parfüms verwöhnte, Naseweisheit). Wird 
statt die Seele zu riechen, ihr Gesicht vorgezogen zum „Sehen", liegt (ceylonische) 
Weihe des Idols durch Augen-Einsetzen nahe, im Hinblick auf einen „Visus 
emditus". Dabei fehlt es dann ebensowenig an XUusionen (der „Visio" als opapa), 
wie bei den „Halluzinationen des Magens- und Geschmacks- (oder Geruchs-)nerven''y 
wozu die „Nausea" (des „Ekeldufts") hineingerechnet wird (in der Pathologie 
des Nervus vagus und glossopharyngeus). Bei (gnostischer) Unaussprechlichkeit 
des mr^p diHoyußMK(s. Plotin) — oder unsicherer Vokalisierung, um „unter den vielen 
Namen", womit der Eine benannt wird (im Bigveda) die „nomina" der „numina*^ zu 
ordnen — schafften die „klugen (oder schlauen) Leute" (oder Köpfe) Bat (nachKritias* 
Ansicht) als fiölkunnigr (oder visindamadhr), und von einem vielgereisten Euhemeros 
mochte dann gelesen werden, was aufgeschrieben stand im Tempel des (Triphy- 
lischen) Zeus, dessen Grab den Itlgnerischen Cretem überlassen blieb, unter dm 
Fallacia in „ignoratio elenchi" (worüber Philetas sich zu Tode studierte). Elegit 
(Diceneus) „nobilissimos pmdentiores vires, quos theologiam iustruens nnmina 
quaedam et sacella venerari suasit'* (s. Jemandes), unter den Gk>then mit (der 
Heruler) to^^c ^m>v SfjuiiK (s. Procop). 



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— 109 — 

Hier kam es nun in erster Linie darauf an, die Etikette (des ritaeilen 
Ceremonials im Kult) genau kennen zu lernen, denn da jedes stotternde Versehen 
in Hersagung der Mantra den (brahminischen) Hals brechen kann, befasst sich 
mit solch doppelschneidigem Pharmakon (in der Seelenheilkunst) besser nur, wer 
zu gründlich schulgerechter Erlernung derselben die benötigte Müsse sich hat 
gönnen können (im ßio^ ^sw/n^rvioi)^ oder einen (persischen) Magier sich miethen 
(zu Herodot's Zeit) und der Nigritier legt den nach idiosynkrasischen Ein- 
gebungen eines „Angangs" (oder Pagar auf Sumatra) geschnitzten Suman 
vorher dem sachkundigen Wnlomo zur Begutachtung vor, ehe er ihn in Ge- 
hrauch zu nehmen wagt, um ihn in der Hauskapelle aufzustellen, oder (als 
Leibarzt) am Seile baumeln zu lassen; auch an den Eleiderfetzen, wo solche an- 
hSngen (von „Negerplundem"). Ans Vertrautheit mit der „Kyngi" (oder Kunnugi), 
wie von Bögnvaldr erlernt (in den Sagas), führen dann die (afrikanischen) Königlein 
oder „Kings" ihr Regiment, im Qeheimbund mit den Fetizeros, nach ple- 
bejisch abgeschwächtem Stil zu pharaonischer Zeit (bei Aufnahme des Gekrönten 
unter die Priesterkaste). 

„Wenn eine richtige Tierseele nicht in einen Menschenleib fahren kann, 
weil ihr die, den Kern menschlicher Seelenthätigkeit ausmachende Kraft der 
Dialektik oder \nh^at<; fehlt, wie kann dann eine richtige Menschenseele in einem 
Tierleib wohnen, in dem sie, wie an jedem Tiere offenbar ist, die vojjök; nicht 
üben kann** ? (b. Plato), und solche Fragestellung des Archäologen (S. 894) ent- 
spräche also Sankara Acharya's Kontroverse mit jainistischen Häretikern (über die 
^ufifiLerpia zwischen Seele und Leib), während bei den „seelenlos" Orthodoxen (die 
freilich ebenfalls unter das brahmanische Anathema der „Nastika" fallen) die Sach- 
lage (sachgemässer Einkörperung) unentstellt vorliegt (auf dem Buddhagaraa). 
Die „Wahl wird bestimmt durch die im frühem Leben erworbene besondere Be- 
schaffenheit der Seele und ihre Neigungen** (Phaed.), und zwar unverrückt immer 
(durch Eisenschluss des Karman), wogegen (Tim.), «bei der ersten ivmafidTwatq 
der Seele keine Wahl statt hat**, als ob herabgesandt auf Mawu's Geheiss, aus 
Praeexistenz in Nodsie (der Eweer). 

Der w^en meineidiger Schuld aus dem Ki'eise der Götter verbannte Dämon 
stürzt in das irdische Jammerthal («Sfri;? Xstfmv) zum Leid des Lebens (ü^unj äßvK,) 
und ihm gilt (b. Empedokles) das muftwv voßtfwv (xTe6'e«v tä i/M/'o^ov), in Gautaraa's 
Gebot (der Ahinsa). 

Gleich Kevala (der Samkhya) ist Plato's Seele fwvottd^^ (if «Uiyt^f^miTT^ tpoint) 
in Indifferenz des Zuschauers (Sakshin), ohne Antrieb zur awfidTUHrv: für das 
kerfiartxmfy wenn nicht mit dem minderwertigen Seelenpaar verkoppelt {&(tpi(k 
und iTu^ufjJa), Die „Seele in ihrem reinen und ursprünglichen Wesen gilt als 
ein€Eu;h und unteilbar; erst bei ihrer Emschliessung in den Leib wachsen der 
ewigen, auf Ewiges gerichteten denkenden Seele Triebe und Begierden an, 
die aus dem Leibe stammen, dem Leibe eigen sind, und während des irdischen 
Lebens der Seele anhaften** (s. Rohde). „Die an sich seiende Seele wird 
zur empirischen (jiva) durch die Verbindung mit den üpädhis, d. h. mit dem 
Innerorgan, den Sinnen und dem Körper, durch die hierauf beruhende Verbin- 



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— 110 — 

duag mit der Fähigkeit des Empfindens und Handelns, und durch die ebenfalls 
auf die Beziehungen zum Innerorgan beruhende Verbindung mit dem Atem" 
(s. Garbe). Indem sich die Kla (der Odschi) kontaminiei-t (aus Berührung mit 
dem KOrperleib), ergiebt sich die sinnliche Fortzeugungskrafb fQr Wiedergeburt 
der Bla, die also mit erblicher Sündenlast beschmutzt eintritt, wenn mit der für 
das Kind gebräuchlichen Geburtsformel begrüsst („du bist gekommen"). 

Wie die platonische Seele durch die Begehrlichkeit (int^ofita mit ^u/juk) her- 
niedergezogen ist, zum Einschluss in das o&fia als trfjßOf so werden die den Luft- 
raum durchschwebenden Abhassara (des Glanzhiromels) angezogen durch die Lust 
von der Süsskj-uste auf der frisch entstandenen Erde (oder Djambu-dwipa) zu 
essen, und indem sie dadurch ihre ätherischen Leiber durch materielle Nahrung 
beschweren, fallen ihnen die Fittige ab, so dass sie, an Bückkohr nach ihrer 
Heimat behindert, drunten zu bleiben haben (nach dem Gleichnis des vom Cyniker 
gerupften Hahns). 

„Erst infolge der heftigen und widerspruchsvollen Bewegung durch die 
sinnliche Wahrnehmung des Werdenden wird die Seele &^u^, orav e^c ^fta 
Mi^^ #nyTÄ/" (s. Rohde), „sie wird mit der Zeit wieder Mfx^pwv und kann weise 
werden" (b. Plato) unter denselben Bedingnissen also, wie sie (im Abhidharma) 
für den aus Chuti-Chitr gewandelten Pathisonti-chitr walten, indem Vinjana 
(bei Anhaften durch Upadana, auf zugehöriger Stufe der Nidana) in Avixa*s Un- 
wiBsenheit umhüllt liegt, bis wieder geklärt (zur Durchschau in Bodhi hin). 
Und wenn beim Tode (r^c 4'^x^^ ^^^ tö« iftafsa.To^ änaXXayij) durchschnittlich oudofi&z 
xa^apw^ bWAi^ü dftxvoduTat, äXA* dci rou ow/iaTo^ duaTtXia i^taatu (Phaed.), „mit Aus- 
nahme der wenigen, weiterer Reinigung im Hades, nicht bedürftigen, vollen- 
deten fih^ftwpm*' (oder tA ^dotm^i^ IxavS»^ xa^rjpdfievoe), SO rangieren solche, durch 
Genuss der Früchte ihrer Erkenntnis, zu Weisen herangereifte, mit den Arliat, 
welche nicht nur vor dem Niedersinken in Naraka geschützt, sondern auch über 
Devaloka, und sogar Rupaloka schon hinaus, in die geradewegs zum Nirvana 
führenden Pfade eingetreten sind (im Vollgenuss der Früchte oder „Phala"). 

Für die dunkel umnachtende Finsternis, woraus der äyou<; emporzukrabbeln 
bat, besitzen die nigritischen Philosophen ihre physiologische Erklärung. Indem 
nHmlich die gleich dem aus dem Himmel geschleuderten (oder fallenden) Ludfer 
(glorreichen Angedenkens im Morgenstern) Kopf voran herabstürzende Seele beim 
materiellen Aufschlagen an dem fUr die „Kopflage" bestimmten Behälter duselig 
betäubt wird und alP das in der Idealwelt Geschaute rasch aus dem Gedächtnis 
verliert, so hat der (an Stelle der Hebamme) fungierende Astrolog schleunigst 
sich zu beeilen, um das Horoskop zu stellen, zum Abfragen der Kra über das, was 
noch nicht völlig vergessen sein sollte, (wieder erinnerlich noch in dv^yctvi^mcX tuid 
so das verständlich noch Erhaschbare zu notieren, zur Aufbewahrung und Ver- 
wertung für die Bestimmungen des künftigen Geschicks, aus Sjrmpathischer Ver- 
knüpfung mit den Konstellationen (in Gestirnen der Stol öpawC), Und solch* 
hochheilige Belehrung (directer Import aus dem „Kosmos noStos'O wird später dann, 
vom schnöden Krämersinn der Fetizero, dazu ausgenutzt, um je nach ihren, znr 
Beantwoi-tung gestellter Fragen dienlich ausgestatteten, Kenntnisschätzen ge- 



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— 111 - 

steigerte Honoraransprüche zu stellen, meist in Schnaps zahlbar (im Schwarzland 
durstiger Kehlen). 

Der innei*e Sinn (als sensus communis, vis aestimativa, imaginativa, cogi- 
tativa und memoria geteilt) entspricht als xooo^ cvMi^mq (peripatetisch) dem 
sechsten Sinn des Abhidharma, im Manas des Menschen (oder Manu) und seiner 
(papuanischen) Begabung mit Mana (in ^eea fia^la gesteigert), wenn im h^oata<^<; 
ergriffen vom Gott, dem Ebenbild (oder vice versa) im Herrn (oder „Chaos")* 

Für die „wahren Philosophen" — (in Weisse's aristokratischem Esoterismus 
persönlicher Fortdauer; um sie nur den aus göttlichem Geiste „Wiedergeborenen" 
zu reservieren, im Vorzug der Dwiya) — genügt nicht mehr der Aufenthalt auf den 
ftwuipiov v^aoi, sie gehen i^ ßdxdpwv tcmzc ioSatfioviaq, und werden aus der Zeitlich- 
keit ganz erlöst um in das „Jetzt" der Ewigkeit (s. Rohde) einzutreten, also 
in Nitya (Okasaloka*s). 

Bei den Inkarnationen (in Wiedergeburt) finden sich die Kalaputthayana 
bevorzugt, weil (trotz skeptischen Anzweiflen's) „angeborene Ideen" bereits mit- 
bringend, aus ihrem aeonenlangen Studienkurs in den Meditationshimmeln (der 
Rupaloka), cf. Rlgph. Pr. (S. 161). 

Dem Gebahren der „üespoina" in hellenischen Unterwelten (zu Pindar*s 
Zeit) entspricht das Qenowie Lanyoot's unter den Blandass, mit dem Unterschiede 
nur, dass das Heraufsenden einmal an die Sieben angeknüpft ist, das andere 
Mal an die Neun (beides heilige Zahlen, im Übrigen). Die trotz alles Schruppens 
schwarz verbleibende Seele wird zu des Tantalus' Qualen verdammt (im Hantu 
D^^p), wogegen, wenn die Reinigung gelungen (die „alte Schuld" gesühnt) ist, 
der als Hantu Entlassene, wenn verständig, nach den Frucht-Inseln (Pulo-Buah) 
ziehen dürfte, von lauen Winden umfächelt (wie auf makarischen Inseln). Und 
wenn nun der „Herr" (Tuhan) aus Kolongson-awan's Himmelshöhe einen Freund 
hinsendet, zur Begleitung, so hilft dessen Hand über die Wegesschwierigkeiten 
hinw^, und die (auf den „Megga" oder Pfaden des Buddhagama) voranschreitende 
Seele geht ein zur ewigen Ruhe (im Keibhan). 

Eigenartig bei diesem Wildstamme, — der, obwohl von üblichen Klassi- 
fikationen in der Ethnographie zu den niedrigst tiefstehenden Repräsentanten 
des Menschengeschlechts gerechnet, gleiche Elementargedanken wiederholt, wie 
sie in klassisch höchster Entfaltung (zu Pindar's Zeit) dem damalig kulturellen 
Wachstum eingewoben lagen ~, tntt der Hantu Kubur hervor, der (wie Stevenson 
bemerkt) mit der Seele (Semangot) nichts Weiteres zu thun hat, sondern die 
bösen Neigungen repräsentiert, die sich nun selbst verzehi*en müssen. Hat näm- 
lieh dieser Hantu keinen gleich böswillig Gestimmten gefunden (um in ihn ein- 
znfiahren und seine schlimmen Absichten auszuführen), so „sitzt er Nachts am 
Grabesfeuer und isst und trinkt den Inhalt des Anchap, und schläft den Tag 
Aber, sieben Tage hindurch; darnach stirbt er völlig aus und verschwindet für 
immer'', gleichsam also der Reue entsprechend, von der es in dogmatischen Defini- 
tionen heisst: „Weder Zerstreuung, noch Askese, noch Vemunftgi-ünde helfen 
dag^^en, nur die Zeit (und emsige Arbeit)", bei Hinwendung zum Besseren (in 



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- 112 - 

Die aktuell vollbrachte Missethat dagegen (die „alte Schuld'') mu8S in Nar- 
raker (Naraka) gesühnt werden, durch Lanyoot's siebenmal wiederholte Beinigungs- 
versuche, und wer sich dann unverbesserlich zeigt, ver&llt damit ewiger Pein 
(als Hantu degup). Die Gereinigten (oder Teletai) dagegen ziehen auf „Wegen 
des Zeus" nach makarischen Frucht-Inseln (Pulo-Buah) und werden von dort 
durch den für hülfreiche Vermittelung gesandten „Freund" zur „Burg des 
Kronos" abgeholt (in Kelongson-Awan). Daneben findet sich, aber auf einem 
(bei Virgil) getrennt abgezweigten Wege, der „Limbus infentum" (oder Tinga- 
Howi, im Idiom der Semang), welcher dagegen auf dem (s. Thomson) nach Nauka- 
vendra's Höhen führendem Totenpfad (der Vitier) an derselben Strasse liegt, etwas 
seitsab, indem die abgeschiedene Seele, kurz vor Ankunft am Ziel, die Bäume 
passiert, an deren Zweigen die Kinderseelen (Fledermäusen gleich) hängen (ihre 
Mütter erwartend, zum Abholen). Dass die Säuglinge Schwierigkeiten haben würden, 
für sich allein den Weg ins Seelendorf zu finden, weiss auch die indianische Mutter 
und höi*t es deshalb gern, wenn ihr gleichzeitig das Absterben eines älteren Ver- 
wandten gemeldet werden sollte, der die Führung übernehmen kann (an Stelle des 
sonst für solchen Zweck nachgesandten Hundes; als Psychopompos, gleich Anubis). 

Bei unerschöpflicher Endlosigkeit solch ethnischer Parallelen muss hier ab- 
gebrochen werden, zumal das Angeführte vollauf genügt auch in diesem Sonder- 
fall wieder, die allgemein konstatierte Gleichwertigkeit der elementaren Unter- 
lagen aufzuweisen (unter den Differenzierungen der Völkei^edanken). Ausserdem 
werden (in Betreff des letzt erwähnten Spezialfalls) die weiter noch im Einlaufen 
begriffenen Sammlungen unseres Reisenden, unter Prof. Giünweders sachkundiger 
Behandlung, voraussichtlich noch fernere Ergänzungen hinzuliefeni, worauf dann 
später wird zuiilckgekommen werden können (im nächsten Heft des Notizblattes). 

A. B. 
Garbe. Die Samkhya-Philosophie. Leipzig 1894. 

Eine höchst willkommene und dankenswerte Arbeit, bei längerem Aufent- 
halt in Indien und dauerndem Verkehr mit den einheimischen Gelehrten auf 
schulgerechter Quellen-Kenntnis begründet (im Anschluss an vorangegangene 
Übersetzungen der Samkhya-Texte). 

Ob die Philosophie, die „Wissenschaft der Principien" (b. Überweg), als 
xT^<: imaT^firi<; (bei Plato), die Tugend oder die Glückseligkeit (tiäv eödaifwwi ßhv) 
anzustreben habe, findet sich in den die Stoiker und Epikuräer bewegenden Streit- 
fragen diskutiert, wogegen in Indien's Philosophie-Systemen stets die „Apavarga" 
zur Zielerrichtung gesteckt ist, die „Erlösung" der Seele (in „Abwälzung" bedrücken- 
der Last), und deshalb steht nur sie im Mittelpunkt der Betrachtung, als fQr den 
Menschen gewichtigstes Beobachtungsobjekt; in diesen Religions-Philosophien (wo 
die Schwester der Theologia nicht auf Dienstleistungen, einer „ancilla" nur, ver- 
wiesen worden ist). 

Da die Seele eingewoben liegt in die Welt, führt die Untersuchung auch auf 
diese, und böi den zur Erklärung des Daseins (wenn nicht als vorhanden gegeben 
angenommen) gebotenen Wegen der Wahl, über „Entstehung oder Schöpfung,** 
hat die Samkhya sich fftr die erstere entschieden und demgemäss ihi-en Seelenbegriff 



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- 113 — 

verschiedentlich also, als wie derselbe sich in der Yedanta gestaltet (bei Ausgang 
Ton 6rahma*s Kontemplation), zu fixieren gehabt, in Beziehung zu Prakriti 
(gleich der „Phjsis" in ihrem Werdeprozess). 

Allgemein genommen entspricht Atman den ethnischen Elementargedanken, 
wie in Ghana, Eelah, Kla, Shin, Vui, u. s. w. erscheinend, während bei der Stellung 
Puruscha's (zu liva oder livatman), im Verhältnis zu Kevala, eine ähnliche Wand- 
longsülrbung erkennbar bleibt, wie in der auf die Spezialität des Menschen 
(in seinem, ihm selbst voranstehenden Sonder-Interesse) hinzielenden Zuspitzung der 
Hambaruan (zur Wandlung in Liau unter den öana). 

Die für Puruscha beanspruchte Vornehmheit eines rein indifferenten „Zu- 
schauers" (Sakshin) lässt sich leider freilich nicht bewahren (bei menschlichen 
Schwächen), und indem nun die Befleckung statt hat, bedarf es unabweislich auch der 
Reinigung wieder, unter all jenen, vorwiegend nicht angenehmen Prozeduren, wie 
sie in den religiösen Erlösungsplänen durchgängig in einer oder anderer Weise als 
heilsam sich angezeigt haben, ehe die schliessliche Befreiung zu erlangen ist, bei 
Einzug in Nirwana's ewige Ruhestätte (auf dem Buddhagama), wenn mit Asangk- 
hata-Ayatana das Dharma durchschaut worden (unter den Gesetzlichkeiten eines 
harmonischen Kosmos). 

Indem Atman allgemein belebend (in liva) durchdringt, waltet in allem, was 
{PMiee existiert, als d/o;|o^ xiui^atttK; xod (nd<reaß^ (bei Aristoteles) die c^ec i( abrij^ xotoofiivii 
xa-rä ojcepfMiTaou^ X6yvu<: (der Stoa) oder die oöaia eben, (im Werdeprozess) wo- 
durch, beim Hervortreten aus Prakriti's „wurzelloser" Wurzel, mit Wachstums- 
vor^ngen entfaltet wird, viras sich in Energien (der Kräfte) bethätigt, wenn aus 
dem Hypokeimenon (eines &uudfA£t Su „Unterliegenden") das Eidos (in Formge- 
staltung des Stoffes) hervorgerufen ist, um von [vegetativisch oder physisch (wie 
Asu, vedisch) eingehülster] Psyche threptike an, das entelechische Fortstreichen 
zu beginnen, bis zum Reich der Ideen (wenn der uofjt; -npo^ptxdq mit dem voöc 
iuM/^ertK zusammentrifft, als ytoc^rtxo^ mit dem TRzi^i^rcxo?); 4'^x^'^ "^P ^^ (stoisch) 
und indem [den der tp^pd und <f^^«c unterworfenen Elementen (Erde, Wasser und 
Luft) gegenüberstehend] das (peripatetisch) mit dem Zug der Leichtigkeit 
(äiÜMx: xoü^v) Begabte gravitierender Schwerkraft entgegenwirkt (in der Wärme), 
um im -Rup Tsxiftxw (s. Heraklit) die Rolle des Demiurgos zu spielen, so verläuft 
solche Schöpfung — nach der Stoiker Lehre: Ävew/wi ivi^epfwv stvat r^y 9"jxv^ (s. 
Diog. Laert.) — in des Feuers Inbrunst oder „Tapas", kraft welcher aus Brahma^s 
Kontemplation die Welt gestaltet wird, in (eines Ormuzd's) „Kosmos noßtos" 
zunächst, um aus dortiger Sophia Geburt den (gnostischen) Logos hinauszusenden, 
für den „dialektischen Prozess" eines Identitätsprinzips (im System des „absoluten 
Idealismus"), mittelst schöpferischen Wortes der in Vaech gezeugten Tochter, 
obwohl jedoch, trotz besten Wissen*s und Willen's (in Honovers „Reinheit"), 
solche Wortschöpfungen (der Welt) leichtlich dann verfliegen würden (in 
„flatus vocis"). 

Die Schwierigkeiten, das [in all solchen (oder ähnlichen) Komplikationen in 
das stofflich Materielle hinein vertakelte] Seelische fein säuberlich (für die als 
Zielrichtung angesti*ebte Lösung: der Erlösung nämlich) wieder hei*au8zuwirren, 
M.1 V. 8 



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— 114 — 

werden in der Sankhya bequemster Weise dadurch erledigt (oder umgangen), 
dass die Seele von vornherein frei gehalten werden soll von jeder Mitbeteiligung 
an der demiurgischen Schöpferarbeit (ob einer mechanisch-technischen in Archi- 
tektonik oder organischen aus innerer Entwicklung), um in kühler Indifferenz 
darauf hinzublicken, in Zuschau (des „Sakshin"), als ob völlig unbeteiligt (w^m 
dies so ginge; bei den drohenden Kontaminationen). 

Die Wildstämme pflegen es mitunter in fast gleich-leichtem Sinne (oder Leicht- 
sinne) zu nehmen, bei ihren Gana oder Eelah (mit altehrwürdiger Beminiscenz an Zi, 
geschäftsbetriebsame Shin u. s. w.)» die allen Naturdingen (auch den anthropomor^ 
phischen mit seiner Seele) genialisch (unter der, ungewichtigen, Wesenheit eines 
„Wicht") dreinsteckend, so oft es passt, auch wieder herausgenommen werden 
könnten (pur und blank). Doch kommen bereits dem Nigritier (im Bewusstsein 
sündiger Schwächen) seine Bedenken, und obwohl die Ela (beim körperlichen 
Absterben) nach ihrer Seelen-Heimat (wie in Nodsie oder sonst vorgerichtet, 
seit der Präexistenz) zurückgesandt wird, verbleibt doch (neben der ohnedem be- 
reits, zum Tradux, incamierten Bla) ein gespenstisch nachspukender Best, der 
(in Sisa) erst abgethan werden muss (wie der Hantu khubur der Blandass), 
ehe an das, im Totenland (oder Ko-to-men) weilende, Bidolon sein Erinnerungsbild 
ungetrübt verbleiben kann, und so wenn unter den uranographisch ausgebauten 
Behausungen auch olympische dibfiara (homerischer Dichtkunst) vorgesehen sein 
sollten, erweiset es sich angezeigt, den „Autos" lieber dorthin zu versetzen (in seiner 
Persönlichkeit), obwohl zugleich auch abgeschattet gesehen, unter den Skiai 
schweifend (im düstem Hades). 

Die Sankbja hätte sich hier mit ihrem Furusha abzufinden, und da die 
Isoliertheit einzig der Eevala nur (rein reinlichster Heiligkeit, in Suddhatman) vorbe- 
halten bleiben kann, liegt im Namen der Jivatman bereits ausgesprochen, dass 
(Jontact stattgefunden hat und so die Befleckung mit mancherlei „macula peccatil* 
(wenn auch keine „originis") nicht ausgeblieben sein dürfte. 

Dies macht sich in (eines Karman) Mühlen, die zwar langsam (s. Logau) 
„mahlen, aber trefflich klein", — dXioum ^k Umä (b. Sezt. Emp.) — besonders 
deshalb empfindsam, weil daegenige Organ, wodurch der auf dem Kopfe des (in 
Betrachtung zuschauenden) Purusha inhärierende Denkprozess vermittelt wird, 
der sechstsinnige Manas nämlich, (unter den Bubriken der Dravya, an Spitze der 
Kategorien oder Padarthas in der Yaisheshika), atomistische (und also unzerst5r- 
bare) Konsistenz vindiziei*t erhalten hat, so dass geduldsamst aUe die i^alen zu 
erdulden sind, wie sie mit raffinierter Brutalität (die fsist der einer „Divina 
Comoedia" abkonterfeieten ebenbürtig nahekommt) in den Naraka -Bildern ge- 
schildert zu sein pflegen, so dass »ogni speranza" ausgeschlossen bleibt, um 
sich ihnen vielleicht durch nihilistische Verflüchtigung zu entziehen, etwa in 
der Atom-Zerstreuung (s. Lucrez), womit die Epikuräer sich trösteten, bei ihrer 
tnipyjm^ aMi^aew^ (6 ^dvaro^ oödh 7tpd^fifiä^\ leichter VTOhl gesagt^ als gethan)* 

Aus solcher Sachlage fliessen die Zweifelsftttgen, über das Schicksal der 
Seele in der Sankhya, worauf weder Barth^lemj de Saint-Hilaire noch Johaentgen 
eine Antwort fanden, während der Verfasser des vorliegenden Werkes zu der 



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— 115 — 

Folgenmg gelangt, „dass nach der Sankbya-Lehre die Seele in der Erlösung 
zwar individuell fortdauert, aber im Zustand absoluter Bewusstlosigkeit" (s. 
8. 325), mit der Lösung des Gebundenseins (duhka-yoya) und sohin Aufhebung 
des Schmerzes oder Duhka (wofür das „Vierwort dient", im Buddhagama). 

Das Abhidhaima geht bei diesen komplizierten Prozeduren des Erlösungs- 
prozesses auf minutiöse Einzelheiten ein, bei seiner psychologischen Auseinander- 
legung, da ihm die kurzen Allgemeinheiten, wie sie sich in den brahmanischen 
Shat-darsana eingestreut finden, nicht genügen wollen, zumal im gegebenen 
Sonderfalle z. B. schon im Ausbau des kosmobgischen Systems eine geeignete 
Lokalität ermangeln würde, um den (für ewig) Bewusstlosen, in seinen Panny- 
chismos zu betten, wenn nicht etwa unter den Rupaloka die der Assandjnisattwas 
sich als dafür zusagende auswählen Hesse. Der rationelle Ausgangspunkt liegt 
in der (präformieiien oder praestabilierten) Wechselbeziehung zwischen Aromana und 
Ayatana, (wofür die Sankhya ihre Lehre von den Tanmatra hätte verwerten 
können). Indem „Manas" (in seiner spezifischen Sinnes-Energie) mit Dharma 
korrespondiert, hat sich solcher „mens" (unter zunehmender Erhellung der Avidya) im 
fortschreitenden Wissen (bis zur Durchschau in Bodhi) aus einwohnenden Gesetzlich- 
keiten zu klären, ehe beim Betreten der Megga die letzte Fruchtblüte (der 
Phala) in Asangkhata-Ayatana erlangt ist, um aus Akasaloka's Nitya durch des 
Buddha' moralische Kräfte die physische Welt zu erhalten (und nach der Zer- 
störung, im Umschwung der Kaipen, neu wieder aufzufrischen). Aus solch' zu- 
sammenklingenden Harmonien blüht Alles dann im h*öhlichen Gedeihen empor, 
wenn der Thron des Mittelreichs mit Tugenden geschmückt steht, und freund- 
lichen Angesichts (bei gesundheitlicher Verdauung, unter guter Fütterung) die 
(gleich „porci mystici") wohlbeleibten Talapoine behäbiglich drein schauen, in 
optimistisch bester Welt (trotz all' der pessimistischen Anschwärzungen, die der 
Buddhismus von den Unzufriedenen unter uns hat erfahren müssen). A. B. 

Oldenberg. Die Beligion des Veda. Berlin 1894. 

Die der Zeitrichtung eingesäeten, auf ethnologische Fassungsweise hindrängen- 
den, IJrfoi tTKepfjjartxoi beginnen, wie auf dem Boden anderer Fachdisziplinen, auch 
hier auf einem altehrwürdigsten zu keimen, (unter dessen Pflege durch sach- 
kundig anerkannte Autorität), mit dem Hinweis auf „fetischhafte Verkörperungen 
der Götter" (in indischer Lehre vom Brahman). „Aus der Gestalt des vedischen 
Opferpriesters blicken Züge hervor, die dem Medizinmann, dem Begenzauberer der 
Wilden angehören, aus dem vedischen Opferfeuer das Bild des vorgeschichtlichen 
Zauberfeuers, aus den Aufhahmeceremonien des Brahmanenschülers die Um- 
güiiung und zauberhafte Wiedergeburt des Jünglings bei der Pubertätsweihe 
der Wüden« (S. 597). 

Der nach der Vorbemerkung erforderte Anschluss der „Religion" an die 
„Mythologie des Veda's" bietet Gelegenheit zu mehrfach lehrreichen Diskussionen, 
— so betreffs der einzelnen Götter (in zweiter Abteilung), wofür dann wieder 
die entsprechend komparativen Perspektiven einzustellen wären. 

Ein Gott, der (wie Indi*a im Rigveda) ftlr zehn Milchkühe verkauft — oder 

8* 



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— 116 — 

vielmehr nur yerliehen wird (zum Töten der Feinde, weil nach Erledigung solchen 
Dienstauftrags zurückgenommen) — erscheint zwar etwas teuer für die Preis- 
lagen der Fetische') in Guinea, indes weniger wohl im schätzereidien Indien, 
wo (s. S. 95) der „grosse Soma-Trinker" [durch den auch der unschuldig rein 
„an den Wassern im Schoss der Schwestern" (der „sieben Jungfrauen") geborene 
Agni („sonst kein Somatrinker") zum Zech-Kumpan verführt wird] so hoch 
geschätzt stand, dass die im „Sängerkrieg" (des Rigveda) für den Vorrang Vanma's 
(der „Himmel und Erde gefügt") Streitenden unterlagen, denn „der Schwerpunkt 
des Kultus und der religiösen Poesie fällt auf die Seite Indra's" (s. S. 95). 

Zum Erklettern der Sonne wird eine, auch von der Ehefrau des (brahmanischen) 
Opferers bequemlichst ersteigbare, Leiter angelegt (ähnlich der, den Mönch aus 
St. Bngitta's Klosterzelle, zur Dreinigkeit führenden, cf. A. a. M. u. V. K. II taf. 3), 
während Maui (der Maori) seine Erfindungskunst anstrengen muss, um hinterlistige 
Schliche zu legen (gleich dem indianischen Schiingenfänger der Sonne). 

Wenn „die Betrachtung weitverbreiteter Ordnungen der Naturvölker" (betreffis 
der Mokisso etc.) resoluter vorgehen wollte, im Ausverfolg der Analogien in ethni- 
schen Elementargedanken, würde gar bald in einfachster Klarheit Vieles zu Tage 
liegen, was bei überschwänglicher Verherrlichung des Veda^s, mit dem dadurch 
aufgewirbelten Staub, die Augen der Textkundigen derartig gefüllt hat, dass 
ihnen jetzt manch überflüssige Mühe bereitet wird, das (für ein naturgemäss 
gesundes Auge) Nächstliegende zu sehen. Der Verfasser hat indes die Scheu 
überwunden, von dem „Fetischcharakter" (S. 92) der Symbole im „vedischen 
Cult" zu sprechen, und unter den „Tierfetischen" (S. 76) auch von einem „Kuh- 
fetisch" (S. 207), trotz Heiligkeit der „melkenden Kuh" für den Brahmanen, der 
sich die von ihr aus den Xenien gewährten Gaben wohlschmecken lässt, zum Auf- 
füttern im Staatswohl, wie es in buddhistischen Staaten den Rivalen zu Oute 
kommt, (feisten Bonzen, und ihren Sodales, als „Schmausbrüdem'' in ethnischen 
Syssitien). 

Wo sich dieselben durch die Begierlichkeit nach geheimen zauberkräftigen 
Wissensgelüsten aus dem durch ihre „Psychologie ohne Seele" bestens vor- 
gesorgten Gleichgemut haben bringen lassen, werden sie schwer genug gestraft, 
wenn jetzt auf ihre (in einer, sich selbst vergessenden, Vinyana) abscheidende 
Seele in nebularer „Rauchwolke" gelauert wird, durch den bösen Feind, der in 
Oregon durch Geschrei verscheucht werden muss, wenn beim Leichenb^fängnis 
das Herz vom Scheiterhaufen springt, in Reminiszenz an die „weissen Knochen* % 
denen Psyche, und dann der Thymos, enteilen, in homerischen Versen (unter ethnisch 
entsprechender Version). Und wenn gar väyubhüta („luftfÖrmig"), Vasishtha's und 
Nimi's Cetas oder Cetana (im Ramayana) umherschweifen, wird es einem in die 
ümwandluugen des Chuti-Chitr in Patisonthi-Cbitr versenkten Studenten (des 
Abhidharma) ängstlich schwül zu Mute werden müssen. 

Der Verfasser, dem die deutsche Litteratur sein Musterwerk über den Bud- 
dhismus verdankt, bespricht diese Verhältnisse im Übrigen mit richtigem Ein- 

*) Über diesen t. t. sind die Kontroversen zunächst auf die „Fetischlehre" (Wont- 
somo) zu verweisen (cf. Z. M. u. P. der N., u. a. a. O). 



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— 117 — 

blick, der sich solcherweis auch bei Hinrichtung zu dem „auf den Totenkult 
bezüglichen, Bitualtext des Veda" bekundet (S. 529). Gleichähnliches gilt ftli- den 
zum (nigritischen) Ko-to-men Hingegangenen, der (trotz methodischer Verfügung 
über seine Seelenteilungen) mit nächtlichen Besuchen nicht verschont, und sich 
unter südlichen Nachbaren, beim Gezänk über Rinderheerden, in seinen Argumen- 
tationen meist so schlagfertig zu erweisen pflegt, um den besten Teil davon hin- 
wegzutragen (oder nachgesandt zu erhalten). Und auch hier wiederholen sich 
aus allen Teilen der Erde die Seitenstücke (m. m.) in solch bunter Massenhaftig- 
keit unter den Differenzierungen der Yölkergedanken, dass, um nicht dui'ch end- 
lose Wiederholungen zu ermüden, der Hinweis auf den unterliegenden Elementar- 
gedanken sich bequemer empfiehlt, mit Anspruch auf Anerkennung; wobei jedem, 
der sie zu gewähren abgeneigt sein sollte, die Belegstücke zugänglich zur Ver- 
fügung gestellt sind, zu Nachprüfungen, die je mehr, desto willkommener sein 
werden, weil sie stets eine neue Bestätigung hinzuzufügen hätten. Primitivste 
Rechenfertigkeit genügt, um hier eine apodiktische Entscheidung abgeben zu 
müssen, die Sachkenntnis des Thatbestandes vorausgesetzt. Wer andrerseits 
sich den Bemühungen einer solchen Kenntnisnahme nicht unterziehen will, spart 
dann auch besser wohl die in Diskussionen nutzlos nur vertrödelte Zeit (wenn es 
auf hohlleere Wortfechtereien hinauskommt). 

Sobald dagegen, wie im vorliegenden Werke, eine Fühlung angebahnt wird, 
bat die Ethnologie wirksamste Förderung zu erhoffen, durch Anlehnung an einen 
mit linguistischer Gelehrsamkeit durchsichteten und fundamental begründeten 
Kultorbau, der in Indien einen noch lebenden Kontakt fortbewahrt, mit den 
der Völkerkunde zur Pflege überwiesenen Stammeswurzeln (wie dies am anschau- 
lichsten in der indischen Abteilung ethnologischer Museen zur Entfaltung gelangt). 

ununterbrochen forterstreckt durch die Unterschichtungen der Civilisation 
klingen gleichaiüge Elementargedanken (aus uraltem, und in steten Erneue- 
rungen frisch verjtlngtem, Primärzustand): 

„The primitive Aryan in all that regards bis mental fibre and texture is 
not extinct; he is amongst us to this day; the great intellectual and moral forces, 
which have revolutionised the educated world, have scarcely affected the peasant" 
(s. Frazer), „compared with the evidence, afforded by living tradition, the testi- 
mony of ancient books on the subject of early religion is worth very little" (1890), 
und so sind es nicht die in künstlichen Schriftsatzungen inkrustierten Veda, 
welche in das Leben der Volksseele einführen können, sondern eher sagenhafte 
Nachklänge in „Haus- und Kindermärchen" (der Folk-lore), oder vielmehr, nicht 
sowohl diese, weil nur zusammenhangslos abgerissenen, Überlebsei aus dem Ur- 
sprungsquell (einheitlich vollen Wildzustands), als vielmehr das Studium dieses 
eben (in den Elementargedanken, unter ihren ethnischen Differenzierungen). 

Wie im Beobachtungskreis einheimischer Heimskringla manch* läppisch ver- 
achtete Volksfabeleien {rt^^viüv ß't&dpta einer „nutricularumfabula") ihre verständnis- 
volle Bedeutung erhalten auf dem Hintergrund eines alten Mythus (durch germa- 
nistische Gelehrsamkeit neu belebt), so, was in allgemeinmenschlich elementaren 
Unterlagen darüber hinaus durch den Globus hin sich erstreckt, zeigt mit Fleisch 



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- 118 — 

and Blut (scharf deutlicher Anschauungsbilder) sich bekleidet aus der ethnischen 
Scenerie der Völkergedanken; auf der GeschichtsbQhne des Menschengeschlechts 
(in bunten Variationen einheitlichen Sinnes, unter fest geschlossenen (jesetzlich- 
keiten). 

Jahrbuch der internationalen Vereinigung für vergleichende Bechts- 
wissenschaft und Volkswirtschaftslehre, herausgegeben von 
Prof. Dr. Bernhöft und Amtsrichter Meyer. Berlin 1895. 

Folgend dem Zuge der Zeit (ihrem Rufe entsprechend), haben sich zur 
Durchsprechung rechtsvergleichender Fragen Vereinigungen gebildet, hier in 
Berlin, angeregt (direkt und indirekt) durch die an hiesiger Universität gehaltenen 
Vorlesungen dessen, der auf diesem Gebiete als massgebende Autorität voransteht 
und für gleiche Zwecke bereits der (1878 begründeten) „Zeitschrift für ver- 
gleichende Rechtswissenschaft" seine Thätigkeit (seit 1882) gewidmet hatte, ge- 
meinsam mit demjenigen, der auch auf der jetzt erschienenen Zeitschrift als 
Herausgeber verzeichnet steht. 

In dem einleitenden Artikel („Unser Zweck") werden die drei Richtung^ 
(desselben Grundgedankens) einer Bespi'echung untei*zogen: 

Der Charakterder Universalität ist am Meisten in der „ethnologischen" aufgezeigt 
(„die europäische Völkergruppe thtt von diesem Standpunkt aus zurück"), die 
„historische Richtung" (im Grunde nichts anderes als eine Erweiterung der Rechtsge- 
schichte) bildet daneben ein „kiitisches Hilfsmittel ersten Ranges", für dievei^leichen- 
den Rechtswissenschaften, und die Weltstellung der Europäer neuester Zeit ist der 
Grund, weshalb sie für die dritte Richtung der vergleichenden Rechtswissenschaft, 
„dogmatisch durchaus im Vordergrunde stehen" (S. 17). 

Es soll besonders deijenige Zweig der Rechtsvergleichung gepflegt werden, 
der „den in unserer europSisch-amerikanischen Weltkultur waltenden Rechts- 
gedanken an das Licht zu fordern bestrebt ist" (nach Kohler's Ausspruch), heisst 
es im „Rückblick" (S. 315). 

Den Abhandlungen ist ein Abschnitt über „Gesetzgebung" sowie über 
„Litteratur" und „Rechtsprechung" beigefügt, und den Schluss bilden „Vereins- 
nachriohten" (mit den „Satzungen" des Vereins beigefügt). 

Mitteilungen der Gesellschaft für vergleichende Rechts- und Staats- 
wissenschaft, herausgegeben von Dr. Beneke und Dr. Kekale 
von Stradonitz (Berlin 1895.) 

In den „Geleitsworten" findet sich die Vorgeschichte dieser Vereinigungen 
berührt. Es folgen dann Protokolle, Statuten, Mitteilungen aus der Gesellschaft, 
Besprechungen u. s. w. (sowie der Entwuif eines kolonialen Fragebogens „über 
die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse"). 

Geographische Zeitschrift, herausgegeben von Dr. A. Hettner. I. Jahrg., 
1. Heft. Leipzig 1895. 
Eine Zeitschrift, die durch eine Arbeit Richthofens inauguriert ist, wird 
einen fUr lebensfähige Entwicklung aufgeöfineten Weg vor sich sehen, zomal 



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— 119 — 

wenn die Abhandlung eine gerade jetzt bewegende Weltfrage betrifft (der „Friede 
Ton Schimonoseki in seinen geographischen Beziehungen"), worüber von keiner 
höheren Autorit&t zeitgemässe Ansicht entgegengenommen werden könnte. 

Neben der Einleitung des Herausgebers und einem Artikel Brückners (über 
den Einfluss der Klimaschwankungen auf die Ernteerträge und Getreidepreise in 
Europa) finden sich „Geographische Neuigkeiten" und „Bücherbesprechungen", 
sowie eine Mitteilung über den letzten Geographentag in Bremen. 

Bsessler. Südseebilder (Berlin 1895). 

Im Wechsel insularer Scenerien wird eine Reihe kaleidoskopisch unterhaltender 
Schattenbilder vorgeführt, aus der Laterna magica der Erinnerung, hineinschauend 
bald hier, bald da, aber stets an einem interessanten Fleck, ausserhalb der auf 
der „Grand Tour" gewöhnlichen Schilderungen. Nicht darin gerade, weil fern 
abgelegen oder schwer zugänglich — (denn bei gegenwärtiger Erleichterung des 
Verkehrs sind zeitliche und räumliche Schranken fast negiert) — liegt die Selten- 
heity sondern in dem Glückstreffer des Reisenden, der überall meist hineintrifft, 
wo es etwas besonderes zu sehen giebt, im richtigen Zeitaugeublick, um die 
besuchte Lokalität in irgend welch aussergewöhnlichem Festgewande zu sehen. 
Der Reisende ist offenbar ein Glückskind, von Frau Fortuna begünstigt, und 
verdient es zu sein, ob seiner Verdienste um die Ethnologie (wie in den, die 
Museen bereichernden, Sammlungen bethätigt). 

Dank schulden wir ihm vor allem für das Porträt des letzten der Yarra, 
der sich noch des Landens des ersten Weissen erinnert, auf urwäldlichem Boden, 
wo im kurzen Verlauf mitlebender Generation eines der reichsten Emporien des 
Globus seine stolzen Paläste errichtet hat. Dank für die Photographien der mo- 
namentalen Erinnerungssteine des mit dem letzten Tuitonga of Tonga zu Grabe ge- 
tragenen Priesterkönigtums, Dank für die Mitteilungen über die Ordensabstufungen 
auf Meli (worüber geine noch mehr gehört wäre), auch für was in unretoucbierten 
Natorzeichnungen über Kolonialwirtschaftstum berichtet wird, und die Folgen 
daraus, wie es betreffs Neu-Guineas z. B. an der Quelle nachgelesen werden 
kann (S. 55 u. flg.). 

Der Verfasser spricht einfach und treu, wie es in den Mund kommt, vom 
Herzen her, und wird deshalb auf herzliche Aufnahme rechnen können in dem 
Leserkreis, für den sein Buch bestimmt ist, und dem bald ein weiteres geschenkt 
sein möge (über die Restpartien der Reise). 

Mason. The Origins of Invention (London 1895). 

Niemand besser war berufen, dieses Werk zu schreiben, als der „Curator 
of the Departement of Ethnology" in the U. S. M. (S. J.) mit dem reich dort auf- 
gehäuften Material zur Verfügung, und nichts führt lebendiger ein in die Ver- 
webungen des Menschen mit den Bedingnissen der ihn umgebenden Natur, als die 
technischen Erfindungen, wodurch seiner, im Weinen des Neugeborenen bereits be- 
jammerten, Nacktheit (b. Plinius) abgeholfen wird, um im Streit gegen die (in 
birmanischer und peruanischer Mythe) einst ihn beherrschenden Tiere die dafür 



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— 120 — 

unerlässlicben Werkzeuge und Oerätschaffcen zu schaffen, zui* Ernährung aus Jagd 
und Fischfang (oder dem Ackerbau), sowie zur Bekleidung gegen die Unbilden 
der Witterung und zu häuslichem Schutz, um, kurz gesagt, mit seinem Milieu 
(aus den Ursachwirkungen der geographischen Provinz) in denjenigen Abgleich 
sich zu setzen, wodurch die Lebensfähigkeit überhaupt erst ermöglicht wird 
(ftlr ihren gesunden Verlauf). 

Je nach den wahlverwandtschaftlichen Affinitäten beginnt, bei Auftreffen 
anregender Reize (längs der das Areal der Oeogi-aphischen Provinz durchziehenden 
Geschichtsbahnen), der Ansatz zur Kultur-Entwicklung in einer gemässigten Zone, 
ob in horizontaler Gürtellagerung gebreitet, oder ob im vertikalen Ansteig (in äqua- 
torialen Schneegebirgen) nivelliert. Wo in begünstigten Lokalitäten (der Tropen 
hie und da) die Natur den Tisch deckt, die Gefässe (als Calabassen) vom Baum, 
(hervorgewachsen darauf), in Früchten abpflücken lässt und Nanna's Pflanzenseele 
selbst mit Tischlerei beauftragt (wie für Fiji's Wurzelkeule), erschlafft, die geistige 
Reaktion apathisch; die arktisch harte Natur absorbiert die gesunte Thätigkeit mit 
stets beanspruchter Instandhaltung der im Kampf ums Leben erforderlichen Schutz- 
mittel, deren Unzulänglichkeit bedingungslos sogleich den Tod bedeuten würde, 
während bei Masshalten auf goldener Mittelstrasse die zum Schaffen aufgeweckte 
Thätigkeit, nachdem den strengsten Anforderungen der Natur genügt ist, Müsse 
erübrigt zum freien Weiterschaffen, die industriellen Kunstfertigkeiten zur Kunst 
verschönernd, um für Einzug der Kultur das Eingangs- (oder Ausgangs-) Thor 
zu schmücken. „The devices of pristine man are the forms out of which all sub- 
sequent expedients arise'' (s. Mason), all art lines and geometry were bom in sava- 
gery (für die „Anfänge der Kunst"), it is alwajs a change from the natural 
to the artiflcial (b. Pajne), durch die Stadien „Savageiy, Barbarism and Cultur" 
(b. Powell), von den Wildstämmen zu Kulturvölkem, in historischer Züchtung 
(längs der Geschichtsbahnen, im Areal geographischer Provinzen). 

Wenn dem physischen Habitus nach Thiere und Pflanzen, in den Erscheinungs- 
weisen ihrer Variationen, Abhängigkeit zeigen von dem Milieu der Umgebungs- 
verhältnisse, so findet sich der Mensch zugleich psychisch hineinverwoben, in- 
folge der, aus Vorbedingungen der Existenz, benötigten Verlängerung seiner Glied- 
massen, durch die in Herstellung von Werkzeugen und Geräten geübte Kunst, 
(als Ausgangspunkt der Betrachtung bereits mit primärer Kunstsphäre umzogen). 

Solche Geräte, wo in musealen Sammlungen vereinigt, gewähren also die 
Hauptmasse derjenigen Texte, aus welchen das Geistesleben schriftloser Wild- 
stämme herauszulesen sein wird. 

Das für Begründung einer „Technogeographie" von dem Verfasser des obigen 
Werkes als bewohnbar zur Unterlage genommene Areal der „Oikoumene" 
(Payne's) wird in den Scenerien geographischer Provinzen ausgestattet, wodurch 
makrokosmische Umscbrankungen gezeichnet stehen, innerhalb welcher die Reaktion 
biologisch-mikrokosmischen Organismus' unter ihrem jedesmal charakteristischen 
Typus, zum ethno-psychischen Reflex gelangt, in den Differenzierungen primitiver 
Völkergedanken, wie über die Erdoberfläche dahinschillemd („technogeographiach*' 
demnach insoweit). 



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— 121 — 

Es dürfte hier also ein Terminus technicos geboten sein, für gemeinsame 
ethnologische Nomenklatur, worüber, bei gegenwärtigem status-quo der Forschung, 
g^enseitige Vereinbarung zur Empfehlung kommt, um Verständigungen mit 
einander zu kürzen und Wortgefechte zu meiden, bei denen allzuoft um des 
Kaisers Bart gestritten wird, während den kontroversialen Logomachien gleiche 
Sinnesdeutung zu Grunde liegt. 

In Wechselbeziehung zu seinen Umgebungsverhältnissen hat der Mensch 
einen „modus vivendi" herzustellen, denn bei Ermangelung eines solchen würde 
der Lebensnerv mangeln, die Möglichkeit für normale Forterhaltung des Lebens, 
das, obwohl vielleicht fortgefristet (längere oder kürzere Dauer hindurch), 
schliesslich doch ausgestrichen bleiben müsste aus dem Buche des Daseins« 

Die Vorbedingungen liegen also im Ausgleich mit den auf den Organismus 
einwirkenden Reizen, im Schutz gegen die Einwirkungen, den Zonengürteln ent- 
sprechend (mittelst Kleidung und Behausung), sowie in Beschaffung der zum Unter- 
halt erforderlichen Ernährung, aus Floi-a und Fauna der geographischen Provinz, 
durch Erfindung der dafür geschickten Werkzeuge, je nach dem zur Verfertigung 
gebotenen Material verschiedentlich adaptiert (unter den zur Bethätigung 
gelangenden Agentien). 

Wenn der aus Elementargedanken (oder aus den Primalitäten frühester Vor- 
keimungen) zu den Differenzierungen der Völkergedanken entfaltete Gesellschafts- 
gedanke (der Menschheit) unter den Gleichnisbildern eines psychischen Wachs- 
tums (aus dem Werden seiner „Physis") gefasst wii'd, würden biologisch all- 
gemeine bekannte Anhaltspunkte geboten sein, um das komparativ gleichartig 
Erkannte auch in sprachlicher Gleichartigkeit auszudrücken. 

Welche Bedeutung ein, den Nagel auf den Kopf treffender, Kunst- 
ausdruck gewinnen kann, liegt in Tylors „Survivals" bewiesen (und dessen Rück- 
wirkung auf die Folk-lore). 

Hier konnte, im Deutschen, „Überlebsel" substituiert werden, aber oftmals 
bieten solche Termini technici Schwierigkeiten bei der Übersetzung, weil darin 
leicht eine, in Färbung ausschlaggebend markierende, Nuancierung verloren 
geht, wie z. B. bei „Milieu", das weder durch „surroundings" und „environments", 
noch durch das Umständliche der „ümgebungsverhältnisse" in gleich bezeichnender 
Kürze wieder gegeben wird (und in „Monde ambiant" einen erst später zulässigen 
Pomp erhält). 

Die ethnischen Seelenteilungen der Wildstämme, die bald im sog. Ahnenkult, 
bald in Theorien über Schutzgeister, Inspirationen, Exorcisationen u. dgl. m. über- 
greifen, werden mancherlei Anlehnungen erhalten können, aus dem, was in der 
philosophischen Psychologie der Kulturvölker aus primären Vorstadien hie und da 
überlebselt (soweit ein leitender Verbindungsfaden noch aufspürbar), und 
ebenso werden sich aus klassisch festgestellten Normen in der Bezeichnungs- 
weise die priesterlichen Titulaturen ratsam bestens ordnen lassen, um, was der 
Experte für Auffassung des Seelischen in primordialen Vorstadien afrikanischen, 
amerikanischen, ozeanischen Völkerlebens nach der einheimisch gültigen Aus- 
drucksweise richtig erfasst hat, nun auf dem Niveau gleicher (Woi-t- oder) Wert- 



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grosse in internationalen Verkehr zu setzen, wenn e. g. was von Schamanen, 
Medizinmännern, Jossakid, Medwamin, Wongtscbä, Wolomo, Gbalo, Wih und Bokio, 
Zauberärzten, Teufelsbeschwörem, Sehern, Propheten, Hexen und HexenmeiBtem, 
in Theurgie und Go^tie u. dgl. m. berichtet wird, aufklärende Erhellung empfängt 
durch das über Hiereus und Mantis, Saoei-dos, Flamen, Pontifices, Auguren, aacri- 
ficulus, vates u. 8. .w. in schriftlich fixierter Form Bekannte, soweit hier und 
da ein nachblickender Dämmerschein auf frühere Entwickelungsstadien noch 
zurückblicken lässt (in der verfügbaren Litteratur). 

Das Können ist der erste Schritt zum Kennen, von Kunst (kyngi und 
kunnugi) der „Fiölkunnigr'*, und zugehörige Anhängsel führen weiter auf Be- 
rührungspunkte geistlicher und weltlicher Macht (im geschichtlichen Ausverlauf). 
yi^verat dk rix^Tj orcof ix noXXutu -ny^ ifiTtetpiat: ivvoT^fmrmv fua xaMioo yamjTot mpi xiäv 
dfiUHtüv u7mXrj(/'t<: (s. Aristotl.), im Verfolg empirischer Schöpferkraft (nach kom- 
parativer Methode). In Bolle eines biblischen Tubulcain (oder Triptolemos der 
Klassicität) wird im polynesischen Kostüm ein Maui insceniert oder Mana- 
bozho bei den Indianei-n, während das Kulturvolk der Inca von dem Sonnen- 
söhnen belehrt wird, das babylonische durch meerentstiegenen Cannes oder dem 
ägyptischen und chinesischen, an Schwelle der Geschichtspforte, ein erster Gesetz- 
geber voransteht, (zur Einführung auf die Weltenbühne). 

Das gleiche Thema, wie in hier vorliegender Buchform, war bereits in 
einem Artikel des „American Anthropologist" (April 1894) besprochen worden, 
und ein daran anschliessender (Am. Anthropologist, Juli 1894) bezieht sich auf 
„Migration and the Food Question*^. 

Die ethnischen Wanderungen werden geleitet durch die Zielrichtungen in 
„quest of foed** (aus Lebensfragen der Existenz in Selbsterhaltung), auf dem 
im Umkreis der jedesmal geographischen Provinz den (dem Erdgezimmer ein- 
gegrabenen) Geschichtsbahnen untergebreiteten Areal, und ihnen also entlang, nach 
orographischen oder hydrographischen Wegweisem, wie zu kontinentalen Land- 
marken aufgesteckt, oder mit ooeanischen Strömungen die Wasserflächen durch- 
ziehend [unter Mitgespiel (ob stürmisch oder lau, meist) launiger Winde]. 

Naturgemäss werden die Wanderungen durch die Jahreszeiten bedingt, nach 
Erscheinen der Tiere für Jagd oder Fisch&ng (s. Boas), und dann stellt sich ein 
rotierender Cyclus her, wie bei wanderndem Ackerbaubetrieb (der Karen), um 
nach 8 oder 7 Jahren zu dem erschöpften Boden, als neu gedüngtem, zurück- 
zukehren. 

Werden mit Fortgang der Minderung der [in letzten Überbleibseln etwa 
durch Zähmung in die Haustiere (nomadisierender Stämme) übergeführten] Jagdtiere, 
die Entfernungen zum AuflBUchen weiter, besonders auf der Seefahrt für Fisch- 
£EUig (zum Auffinden ergiebiger Brutbank für Tripangs z* B.), so verbleibt dennoch 
der Zusammenhang mit der Heimat, solange die im Handel leitenden Absichten 
den heimischen Markt zum Verkauf empfehlen. 

Aus dadurch gemehrtem Reichtum der glücklichen Jäger werden weniger 
durch ein gutes Loos begünstigte zu Raub verführt, und wenn dann die Piraten- 
flotten der Lanum ausschwärmen, bilden die, bisher die Schweifnngsweite mar^ 



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— 123 — 

kierenden, Grenzen des eignen Gebietes keine Schranken länger, da so oft zum 
Schatze der seinigen dem Nachbarn die Macht fehlt, dessen Untei*werfung nur 
verdoppelte Anziehungspunkte bildet. 

So vergrössem sich Staaten (gleich China) durch Erobertwerden (oder unter- 
worfensein), indem sie für ihre Kriegszüge frisch kräftiges Blut den Barbaren 
entnehmen, deren Dynastien den Thron besteigen, während trotzdem die höhere 
Bildung der Eingebomen, aus Wissensmacht, („knowledge la power"), die domi- 
nierende bleibt (um so dem Lande die bisherige Hegemonie zu bewahren). 

Auch als des römischen Kaiserreichs Schutz wehren vor weniger (im Luxus) 
erschlafftenEinwanderem fielen (und die politischen Staaten zei*splittert auseinander- 
gingen), verbreitete sich eine aus klassischer Kultur abgeschwächte Nach- 
dämmerung auf um so weitere Entfernungen hinaus [trotz der vom religiösen Gegner 
(im Islam) erlittenen Verluste], indem die Obergewalt in katholischer Kirche 
nach Europa*s Norden übergriff, und fernere Teile Asiens (auch neben dem 
häretischen Abfall der Nestorianer Persien's oder der Thomisten Indien's von 
päpstlicher Suprematie). 

In geschichtlicher Bewegung durchschneidet die aus der Kunst der Kultur 
stolz aufgezimmerte Fregatte hochgehende Meeres wogen, ihrem Hafen zueilend, 
mit selbstbewusster Zielrichtung (gesteuert), während der schwache Nachen des 
Wildstamms hilflos umhergetrieben wird, ein Spiel der Wellen; und wenn im 
Sturmesgebrause arktischer Heimat jeder Hoffnung dagegen anzukämpfen ent- 
sagt werden muss, bleibt nur der Ausweg übrig, durch Nachgiebigkeit zu siegen, 
im umhergetummelten Kajak, der stets wieder auf seine Füsse zu stehen kommt 
(gleich einem Stehauf). 

So trennen sich die Wege in Kultur und Unkultur, aber die Grundprinzipien 
der Schiffahi-t, wie in Naturgesetzen festgelegt, verbleiben dieselben, ob das Fahr- 
zeug unter Segeln oder Dampfeskraft gesteuert wird, die Geschicke eines Ge- 
schichtsvolks tragend, oder ob vom leichten Rudei-schlag nur bewegt (in ephe- 
merer Existenz des Wildstamms). Und so liegen elementar gleichartige Denk- 
gesetze zu Grunde im Wildstand schon, obwohl die Differenzierungen der Völker- 
gedanken, bis zur Ausgestaltung in reifende Kulturblüten, emporwachsen mögen 
(bei günstiger Lagerung im politischen Verkehr). 

Es wäre hier nun mancherlei anzuschliessen, bei besonderer Rücksichtnahme 
auf andere Veröffentlichungen des oben genannten Autors und seiner transatlantischen 
Kollegen; doch haben solche Exkursionen, unter ihren nach alle Bichtungen hin 
angezeigten Verlängerungen, auf gleichemForschungsfelde, früher oder später wieder 
zusammenzutreffen, und werden sich deshalb stets auch weiterhin mit denjenigen 
begegnen, welche durch die amerikanischen Mitarbeiter, aus ihren reich aus- 
gestatteten Schatzhäusem, in dankenswert verdienstvoller Weise gespendet werden 
(voa, litterarischen Wechselverkehr, zwischen den SonderfUchem gemeinsamer 
Studien). A. 6. 



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_ 124 — 

Schurz. Das Angenornament. Leipzig 1895. 

Ein für die künstlerischen Verschlingungen der Ornamentik trefflich veran- 
lagtes Auge bekundet sich hier in Beobachtung des Augenomaments, so dass 
eine Reihe schätzbarer Einblicke eröfihet werden, mit Vertiefung in die „An- 
fänge" der Kunst (ftlr den Ausverfolg ihrer induktiven Geschichte). In Pla- 
nierung der Wege, die dabei durcheinander kreuzen, mehrt sich, mit Zahl der 
Mitarbeiter, die der wertvollen Bausteine, welche von verschiedenen Richtungen 
her zusammengetragen, auf dem Bauplatz sich anzuhäufen begonnen haben, 
während der letztverflossenen Jahre, so dass jetzt bald daran wird gedacht 
werden können, der auf den Wogen schwankender GefÜhlswallungen durch 
die Kulturgeschichte bisher umhergetragenen Ästhetik fortab ein dauerndes 
Heim zu begründen, auf naturwissenschaftlichen Stützen, und ausgestattet mit 
den aus farbenreich gesättigten Völkergemälden reflektierten Anschauungsbildem. 

Dass die in ethnischem Gewände bekleidete Psychologie auf geographischer 
Unterlage anzupflanzen sei, wird von dem Verfasser mit richtigem Verständnis be- 
tont. Wie in der Geologie an sich bereits gebreitet und in den biologischen Fach- 
disziplinen ftlr natui-wissenschaftliche Pflege hergestellt, führt der Anschluss an die 
phyto- oder zoogeographischen Provinzen zu den anthropo- oder ethnographischen, 
und indem auf solch gemeinsam umfassendem Bereich die, verschiedenartigen 
Zielrichtungen zugewandten, Foi-schungsbahnen neben einander hergehen, werden 
da, wo sie mitunter zur Berührung gelangen, Vorkehrungen getroffen sein 
müssen, die jedesmal leitenden Gesichtspunkte getrennt im Auge zu behalten, 
damit nicht incongruente Fragestellungen durcheinanderkommen. 

Den zoophysiologischen und phytophysiologischen Fachstudien in (physiolo- 
gischer) Biologie schliessen, für das Leben der Seele (im ßüx; ^t(opTj-nx6<^f die 
psychologischen sich an, technologisch (in den Sammlungen redend) aus cheiro- 
technischer Sprache, in der Hände Werk, und so mögen auch hier in somatisch 
greifbaren Objekten, durch mikroskopische Vei-schärfungen, die Zellen (oder Bio- 
blasten) zu verfolgen sein, wenn nach ihren Verstecken flüchtend (in Sarcoden 
und Plasmen oder Proto-Plasmen), um so (kraft eines „visus intellectivus") die 
Elementargedanken auszuspähen, auf primäre Regungen hin, am psycho-physi- 
bchen Grenzterrain, wo die Xtjyot aitsp/iartxoi eingesäet hegen (zur zoopoUtischen 
Entfaltung). 

Und wenn nun, tief und tiefer hineinversenkt in erste Werdeprozesse 
einer Physis (oder aus „wurzelloser** Wurzel emporwachsender Prakriti), das den 
linearen Vergrösser ungen seines Instrumentes sich zu adjustieren strebende Auge 
plötzlich abgelenkt wird durch den Weckruf: „Rrr ein anderes Bild! und dieses 
den Blick hinzurichten zwingt, auf teleskopisch weiteste Femen in räumlichen 
Dimensionen (zwei Hemisphären hindurch), um längs der Berührungsflächen 
(zooiwlitisch- sozial Über die Erde verteilter Stammesträger) markierende Schei- 
dungsstriche zu ziehen — dann heisst es Vorsicht ! beim Funktionieren des optischen 
Akkomodations- Apparates, damit alles glatt verlaufe, ohne gesundheitUche Stö- 
rung (in verzerrender Entstellung der vemunftgemäss vorgeschriebenen Pro- 
poiüonen). 



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-- 125 — 

Wohin [wenn aus den (zu ^Anftngen" niederschöpfenden) Studien der ersten 
Abteilung, binübertretend in die zweite], wohin schauen wir hinaus? bei Ver- 
bildlichung des aus der Überschrift abgelesenen Programms, das mit kühn ge- 
8ch¥ningenen Umrissen die Eüstenrandländer zeichnend, am grossen „Mare tran- 
quillitatis^, dieses zu ungestümen Wogen von Völkerwanderungen und Durch- 
fnrchungsfahrten auftürmt, unter streitenden Konflikten beim Hinblick auf 
kreuzende Querungen (hin und her). 

Da seit den ersten Versuchen, die induktive Methode auf dem Gebiete der 
Gesellschaftsgedanken in die Psychologie einzuführen, kaum wenige Dezennien 
erst verflossen sind, hat sich bei den (in ihrem Ausgangspunkt veränderten) Be- 
trachtungen vielfach noch die Nachwirkung früher geläufiger Anschauungsweisen 
merkbar zu machen, wie z. B. in Anbetreff der unter die Rubriken von Ethno- 
logie und Ethnographie einzustellenden Aufgaben, zur Vereinigung der »geogra- 
phischen Methode*' mit der psychologisch-ästhetischen (im vorliegenden ^Para- 
digma); und da bei dem Beispiel eines konkreten Falles stets die beste Gelegen- 
heit geboten ist, um im Austausch der Ansichten (über bestehende Meinungs- 
verschiedenheiten) eine Verständigung anzubahnen, wird es sich der Mühe lohnen, 
einige Worte im Nachstehenden zuzufügen, um den auf verschiedenem Standpunkt 
entworfenen Ausführungen, die des gegenüberstehenden neben zu zeichnen, so 
dass sich aus den Vergleichungen mit einander Abgleichungen voraussetzen 
lassen werden, um zusammenzuführen, was in Kontroversen zu trennen scheint 
(wenn polemisch aufeinander treffend). 

Also (wie oben gesagt war): der bis dahin mit scharfsichtiger Ausspähung 
omamentalen Details gefesselte Blick, wohin schaut er hinaus? (auf Seite 40) 
In ozeanische Weite, die unter völkerkundlicher Überwölbung (bei Zusammenbegriff 
von Polynesien, Mikronesien und Melanesien) als fünfte Kontinental-Abteilung die 
übrigen an Grössendehnung übertrifft, auf einer Seite, und auf der andern: 
auf den mit seinen gigantischen Gliedern die Doppelheit beider Halbkugeln durch- 
schlängelnden Kontinent (einen transozeanischen sowohl, wie transatlantischen). 
In philologisch geselliger Sozietät diskutiert es sich gern mit grundgelehrten 
Herren beim Spaziergange auf der Promenade (an der Pleisse, oder an Spree 
oder Weser), und so mag unter allerlei Fragen (en passant) auch manch un- 
schuldige vorüberpassieren, wie e. g., Asien auf Europa, oder vice versa, ein- 
gewirkt hai Aber der archäologisch klassische Fachmann wird, auf lockig und 
lockend umzackter Halbinsel, lieber die Differenzierungen zwischen jonischer, 
dorischer, korinthischer Säulenstellung oder glyptotechnisch kunstgerechte Restau- 
rierung eines an Gewand oder Geglieder beschädigten Torso diskutieren (für 
orthopädische oder rhinoplastische Kunsthülfen), da hier in fasslichen Anschauungs- 
bildem ein Problem sich zuspitzt — bis in Spitzfindigkeiten hinein vielleicht; die 
jedoch einem pädagogischen Pedantismus nicht übel gedeutet werden dürfen, 
denn bei jeder Aufgabe heisst es, ganz dabei zu sein, mit Leib und Seele (voller 
Ernst), und obwohl sich ftir allgemein erst aufzusteckende Landmarken weiteste 
Umrisse entwerfen lassen über den Globus hinweg in der Völkerkunde, gilt es 
doch bei monographischem Detail andererseits, dieses nun kritisch aus- und durch- 
xnsichten, bis auf letzt äusserste Dezimalstellen hinaus« 



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— 126 — 

Hauszuhalten mit kostbarer Zeit und keine Minute im nutzlos leerem Oe- 
dankenschweifen zu vertrödeln, hat sich die Ethnologie vornehmlich hinter die 
Ohren zu schreiben, wenn bei Hinblick auf die Massenhaftigkeit ihres Arbeite- 
stoffes, an die Jahrtausende erinnert, während welcher der Boden von zwei 
kleinen Halbinseln systematisch durchackert worden ist, obwohl dennoch doch, gele- 
gentlich noch, ein fast bis zur Neige bereits ausgesaugtes Arbeitsmaterial auf Zunder- 
stoff trifft, aus dem urplötzlich mitunter der Feuerstrahl einer brennenden Kontro- 
verse hervorschiesst, die manches wieder von dem zu zerstören droht, was ans 
mycenischen und anderen Thesauren gesichert aufgestaut erachtet gewesen« 

Voraussichtlich wird die Ethnologie von dem rascheren Tempo profitieren können, 
mit welchem es in der Epoche ihrer seit wenigen Decennien erst datierenden Arbeite* 
zeit vorwärts vorangeht, im' Zeitalter nämlich der Elektrizität und der Dampfkraft, 
(zumal die vereinfachende Hälfe der Elementargedanken glücklich hinzugewonnen ist). 
Aber solch schmeichlerische Hoffiiung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch 
die Ethnologie, wenn nach Anerkennung ihrer hohen Aufgaben und Zwecke aspirie- 
rend, bei gegenwärtig obliegender Fundamentieining auf streng genaue Erprobung 
des Details hinauszukommen hat, so dass, um von Polynesien oder gar Ooeanien gar 
nicht zu reden, schon die Herveygruppe z. B. viel zu gross wftre, um Rongo*s 
Schritte (und Überschritt von Insel zu Insel) genau zu kontrollieren unter seinen 
Metamorphosen auf Aitutaki und Mangaia (von wo weitere Begleitung, bis zu 
sprachlichen Doppelgängern in Lono, dann schon in die Entdeckungszeit auslaufen 
würde), oder um (durch insulare Verbreitung der Maori hin) den Versionen 
Tangaloa's zu folgen, wenn südlich in Bangi's Onkel verkehrt, während auf seinem, 
in tahitischen Luftweiten schwebenden, Seitenstück wieder allerlei Getier umher- 
kriecht (auf dem, im Missionsmuseum rechtzeitig geretteten, Holzbild). 

und wie nun mit den Malayen? ein zungenfertig leicht gehandhabtes 
Mundstück, um, je nach der Stimmung gestimmt, eine anmutende Melodie darauf 
zu pfeifen. Ehe nicht alle die Lokaltypen indonesischer Inselwelt, in Turanga 
auf Celebes, Batak mit den Teilungen in Mandhili, Toba, Karo u. s. w. [auf dem 
zugleich von Redjang, Passuma, Lampong (bis Kubu und Lubu der Wald- und 
Sumpfverstecke) bewohnten Inselkontinents], dann Dajak oder Idaah und Orang 
Ot (mit Orang Utan sonst) auf Bomeo, Alfuren unter täuschend frisierten 
Masken („sluik en kroezhariger Rassen**) auf insularen Zerkrümelungen, — ehe 
nicht air derartige Oharaktertypen ÜEtöslich gezeichnet sind, ist jedes Wort zu 
früh über die Annalen der Sejara malayu, unter deren [auf Malaijalam- und 
Iskandersagen (in Padang) zurückfahrenden Beminiscenzen] Sea-Dajak hinaus- 
schiffen, zum Verlauf in die (an Celebes' Bugis angeschlossenen) Piratenflotten der 
Lanum unter Orang Bejadjoe, To-Wadjoe, Badjoe und sonstige „Merimenni' 
(Tauridjene) oder Meermenschen, neben friedlichen Trepangfischen unter (Rajet 
oder) Orang-Laut, „zwischen**, „neben**, „duroh**einander, in bunterem Qemenge 
als je bei Lelegem gemischt war. 

Wenn bis dahin kommend, pfl^ der auf Vorsicht bedachte Archäologe lieber 
Halt zu machen; oder vorher schon bei beherrschenden Karern, zumal seit ein ge^ 
spenstisches Seitenstück auf antilliscben Cykladen und Sporaden die (gleichfalls 



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— 127 — 

tempelgekrßnten) Gestade ynkatanischer Peninsular umschifft. Der an feinsäuber- 
liche Textkritik gewohnte Historiker be&sst sich nicht gern mit solch trübem 
Meeresgewoge, wo allzuviel noch „non liquet", und iMsst lieber, um seine Finger 
nicht zu verbrennen, die Hände davon. Und wer, das Auge vor Verderbnis zu 
httten, auf rationelle Pflege des „visus eruditus^ bedacht bleibt, pflegt auch 
geratener zu finden von der Vogelschau vorläufig abzusehen, bei den „pelasgischen" 
oder „pelagiachen*' Störchen, wie sie an tyrrhenischen Küsten umherfliegen, vom 
Gebnrtsbrunnen her, woraus mancher Säugling sich forttragen lässt, um auf- 
gepäppelt und liebevoll grossgezogen zu werden in kühn gewagten Hypothesen, 
sofern sie selber sich den Hals nicht brechen, (oder mit Wegschmelzung seiner 
Wachsflügel ein Ikarus abstürzt). 

Die Ethnographie in populären Handbüchern der Völkerkunde wird, bei 
gegenwärtigem status-quo des Wissensstandes, nicht vermeiden können, auf 
Generalisationen zurückzugreifen in Malaien, Polynesier, Turanier, Arier etc.; 
aber um für schulgerechte Prüfung den Fachgenossen Probestücke vorzulegen, hat 
der Ethnologe sich gleich ängstlicher Peinlichkeit zu befleissigen, wie aus den 
Musterbildern naturwissenschaftlicher und philologisch-historischer Methode vorge- 
schrieben steht. Sonst wird an dem die „Erziehung der Menschheit^ registrierenden 
(und r^fulierenden) Chronometer manches Sandkorn noch abrinnen, ehe im Ratssitz 
der im Lehrgebäude nebeneinander rangierenden Disziplinen, die unter der, durch 
Mensch- und Völkerkunde verliehenen, Titulatur Eingeführte einen gleich nivellierten 
Sitz eingeräumt zu erhalten beanspruchen könnte, für ihre Wissenschaft in spe, 
um deren „Indianertand und Negerplunder" der [in humanistische (und humanio- 
ristische) Studien eingefleischte] Qelehrtentypus sich nicht viel kümmern zu brauchen 
meinte, als in den Raritötenkabinetten wirr durcheinander lag, was jetzt in 
musealen Laboratorien geklärt und reinlich gesäubert auseinanderzubreiten sein 
wird. Dorthin, ins Laboratorium, gehört die Hypothese, nicht dagegen auf 
offenen Markt, wo frühreifes Feilschen darum, im Verstössen gegen sanitärische Be- 
stimmungen, Schmerzen bereitet statt Genuss (im unzeitigen Abbiss herber Frucht- 
knoepen schon), und zwar wie cephalologische, auch etwa enteralgische, wenn die „Ge- 
danken: Worte im Bauch*' (nach ungenierter Sprache der Wildstämme), während im 
engeren Konklave mancherlei, was hypothetisch im Ohre summt, aufgebauscht werden 
mag, um Gehör zu erhalten, „to oompare notes*' (im Gedankentausch). Dabei 
gilt es indes, wie vom Geschichtsschreiber des Materialismus vorgewamt ist, den 
„geheimen Bautrieb*' zu dämpfen, denn wer ihm aus inuerm Scböpfungsdrange 
die Zügel schiessen lässt, wird in durchlöcherten Eimern der Danaiden [oder gatten- 
feindlich (mit Zonen umgürtelter) Amazonen] schöpfend, sich bald in Erschöpfung 
ermüdet haben müssen, (der ununterbrochen stets, im Fortgang der Forschung, 
benötigten Verschiebungen wegen). Wo Ähnlichkeiten aufstossen, sind sie in des 
Forschers Tasche, oder seinem Taschenbuche (und Memorandum), zu memorieren, 
um dann vielleicht später, wenn weiter verarbeitungs&higes Material hinzu- 
gekommen ist, litterarisch vorgeführt zu werden, wie es bekanntermassen bei 
jenen Vorarbeiten vorkam, welche, nachdem viele Jahre hindurch (1666—1682 p. d.) 
bei Seite gelegt gewesen, dann aus ihrer „interior sdentia oder ihren interiores 



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— 128 — 

litterae^ {äxptßiarara) die Welt mit eigner Umgestaltung überraschten (bei 
Verrückang aus graTitatorischem Schwerpunkt); oder wenn die Notizen und 
lose umherfliegenden Blätter allzu unhandlich anschwellen, mag für (bequemere 
Benutzung provisorischer Sammelergebnisse) ein Imprimatur erteilt werden zur 
Ausnutzung durch Experten, soweit von Nutzen erscheinend, (um das im Auf- 
bau des Sonderfalles benötigte Material durch Beiträge zu mehren). 

Der arischen Rasse, welcher linguistisch glänzende Errungenschaften zu danken 
sind, wird man nur ehrerbietigst sich nahen. Aber wenn sie einstens dem 
ethnischen Messer verfallen sollte, wird freilich von diesem Züchtungsprodukte 
reinst edelsten Vollblutes nicht viel übrig bleiben, neben den auf dem Mutter- 
boden historisch-geogi-aphiscber Provinzen einschlagenden „Schlägen", oder wie 
sonst benamst in des Landwirts praktischer Spi*ache, unter lilumlicher Ein- 
wurzelung in den Umgebungsverhältnissen der „monde ambiant" und zeitlich 
verwoben in die politischen Konjunkturen des Geschichtsganges. 

Immerhin wird also gegen allzu freisinnige (oder zügellose) Freizügigkeit 
im Voraus schon ein Sicherheitsriegel voi-zuscbieben sein, wenn leichthin der 
Finger über die Landkarte dahinstreift, und die Völker auf Luftwegen dahin- 
mai-schieren von einem „Cob-castle^ zum andern, unter stolz aus Felskastellen 
(gleich denen Ohicomostoc*s etwa) bervorgetragenen Bannern, von einem ur- oder 
ungeheuerlichen ürsitze^) her, wo Navajoes oder Bapiri aus ihren Höhlen 
hervorkriechen und sonstige Troglodyten mehr. Der lebensfähig gesunde Volks- 
geist aktueller Existenz hat das besser gewusst und ist bei seinen Wande- 
rungen innerhalb der die geogmphischen Provinzen bestimmt umzeichnenden 
Horizontweiten, auf den dem Erdgezimmer geographisch eingeschriebenen 6e- 
schichtfebahnen geblieben, nach orographischen und hydrographischen W^* 
weisem für Hellas* Landschaften sowohl seit dorischen Wanderungen, bis 
auf Alarich^s Heereszüge und slavische Nachzügler; für Italien ebenfalls auf 
den nach Gallien und Bhätien fUhrenden Strassen und Streitwegen (ob oder nicht 
für Streitwagen auch fahrbar), für Indien desgleichen, um heiligen Strömen zu 
folgen längs der durch die Passgänge vorgezeichneten Heeresstrassen von östlicher 
Richtung her sowohl, (nachdem das Mittelreich gegen die Einf^e der unstät 
nomadisierenden Hiongnu ummauert war), wie von westlicher, als das mazedonische 
Siegesheer die (aus seleucidischen Zeiten versteinert) in indo-baktrischen Museums- 
schätzen wieder aufgefundenen, Lichtblicke hineintrug, und dann, bei zentral- 
gewaltsamem Durchbruch, mongolische Weltenstürmer (auf eines Babers aben- 
teurender Heldenschaft vielleicht) ihre Thronsitze bestiegen, mit den topogra- 
phisch vorbereiteten Etappenstationen in Afganistan, seit Möhamed Ghazni's und 
seiner Vorgänger, bis zu den auf Paniput's Wahlstatt und in Kabul*s Residenzhötel 
ausgekämpften Rivalitäten. 

Soweit, unter Regelung durch Meeresströmungen (für die japanischen nach 



*) Hinter Indiens nordwestlicher Gebirgskette (auf der „Geschichtsmappe" der 
Symbolik), „da ist der Menschheit Wiege, von dorther kommen die Götter, Genien 
und Menschen herab, von dorther auch der ürmythus** (1824). Eya, wären wir da? 
(fügt der „Antisymboliker" bei). 



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- 129 — 

Gape Flattery und der schmeichlerisch yerführerischen Nachbarschaft verschlagenen 
Dschonken), maritime Anlandung auch für Amerika*s Südhälfte in Lambajeke, 
Ika, Arika u. s. w. in Betracht kommen möchte, oder die (b. Baiboa) auf 
Tupanqni's Geheiss nach Inseln (von woWaihu's grossohrige Monumentalbilder 
herüberschauen) ausgesandten ExplorationsschifFe ihre Einregistrierung erhalten 
dürften — soweit (und wieweit?) oder ob? oder ehe vielleicht überhaupt solcherlei 
Rücksichtnahmen zulässig sein könnten: würde schon für die Series der „docu- 
mentos ineditos^, seit ihrer Edition, sorgsame Textrevision in erster Linie vor- 
angegangen sein müssen, besonders auch für die zu den Cara durch Quitumbe 
(b. Oliva) abgelenkten Sagen, unter Rücksichtnahme auf Contici-Viracocha's Ein- 
schifiungsplatz»in Puerto viejo (wo die Schwierigkeiten der Schiffahrt nach Süden 
beginnen) oder bei Montesinos' Dynastieengestapel, bis zur Berührung der 
Nasenringe mit (brasilischen) Ohrpflockträgem (in Orejones) u. dgl. m. 

Und sobezüglich V6i*dient volle Beistimmung des Autors Ansicht, dass ein 
„winziger Ausgangspunkt" gleich dem Augen-Ornament (unter der Bellacoolla 
Vermehrung zu eines Argus Yieläugigkeit oder Indra's weniger anständiger üm- 
modelung in Toni) nicht genügt, um Anhalt zu gewähren , für gesicherten Aus- 
gangspunkt (bei langweit bevorstehenden Wanderungsfahrten, in Kreuz und 
Quer). 

Denn sonst, in der That, wohin soUten wir kommen, wenn aus dem hundert- 
tausendfach ausserdem noch Wählbarem, unter ornamentierendem Gestrichel, etwa 
(aus alter Liebschaft) der Mäander bevorzugt wäre, um sich über die Erde dahin- 
zuschlängeln; oder die geheimnisvolle Kunst des Kreuzschiagens (wie von AUatius 
definiert) mit uralter Sphinx starr ernstem Gesicht, aus dem Lebensschlüssel an- 
blickt (aus zwei leichtlich rasch dahingestrichenen Strichelchen schlichtweg). 

In ein Blasrohr, das sich aus Bomeo's oder Sumatra's Wäldern in denen Guiana's 
wiederholt, lässt sich gar manches mehr hinein- oder aus ihm herausblasen, als 
aus den geographischen Bedingnissen der Hjlaea offen auf offener Hand liegt, und 
wenn auf den offenen Pampas des Nachbargebietes die Bola oder der Lhasso gleich 
frei geschwungen fliegt, wie die Wurfschlinge einst der Sagartier auf modischen 
Ebenen, wird doch vor freikühnem Hjrpothesenschwung, zu dem sich der aus 
Tlahuanco's monumentalem Eindruck begeistei-te Wetterprophet die Freiheit 
genommen, eine bescheidener angelegte Fassungskraft erschreckt zurückscheuen, 
such auf einem Boden, wo die von Inka geschwungene Schleuder (der Balearen) 
dann zurück auf die Steinchen führt, die (als Kinder CatequUs in Guamachuco) 
von den aus den Humusscbichtungen (an Quellenländem in den Andes) zur 
Sierra Emporsteigenden — auf der Pampa del Sacramento (b. Skinner) oder im 
Land der Yui-acares (s. d'Orbigny) — göttliche Verehrung empfingen und solche 
Ehrfurcht verdienen, wenn in den (unter elementar gleichartigen Grundlagen) 
hervorscheinenden Differenziemngen des Völkergedankens neue Lichtblicke er- 
öffnend. 

Bei den einem Ahnenkult gewidmeten Kapiteln (S. 48 u. flg.) wüi-de als 
unabweisbare conditio- sine- qua -non die Vorfrage zu stellen sein, ob solcher 
Wortbezeichnung bereits eine fasslich genügend umschriebene Begrifflichkeit 
M. f. V. 9 



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— 130 — 

iimewolmt oder doch: ob aus dem, was wir unter den überstüreenden Hftafangen 
der unvermittelt piötzlich in der Ethnologie zusammengeströmten Material mafisea 
darüber wissen, eine derartige Bestimmtheit herstellbar wäre, um sie unter Substi- 
tnierung eines festen Zifferwertes, bei Operationen des logischen Rechnens ver- 
wendbar zu erachten, — ob also jetzt bereits Practica erteilt werden dürfte (unter 
dem Patent zuverlässig gesicherter Wertgrösse, im Zeichenstempel). 

Die für Deifizierung den fijM^*oi (zu Plutarchs Zeit) angereihten Ahnen, in 
Aristokratie der Heroen — oder deren dem ijpat^ dxoopdq innewohnende Anlagen 
für Erziehung zu Kobold-Diensten (im Butazimmer der Tulu); oft in Schub- (oder 
6eheim-)f^ch6r des Penatenschrank's eingeschoben, neben dem die ßeinzucht des 
Geschlechtsadels überwachenden Laren (unter Dii Manes), und ihren Imagines 
(mit den Masken der Larven) — , spielen dämonisch schwankende (bis zu Lemuren 
fortspukende) Bollen vor ihrer Fixierung unter dem Zeremonial eines Kults, wie 
in chinesischem Tsung miao lokalisiert, und was an sobezüglichen Bildern in den 
Sammlungen angetroffen wird, dient vielfeush zum Buhesitz des, eines solchen be- 
dürftigen, läfyo^ ^f^ZV^ (abgeschiedener Seelen), nach Analogie des Ka in ägyptischen 
Grabkammem oder melanesischen Kreidefiguren u. dgl. m. Ein neuerdings von 
den Dayak gütigst überwiesenes Geschenk vermehrt die für das Museum durch 
Jacobsen's Beise erworbene Series aus dem Kreise der Tiki-tiki-Tangata (s. Gill), 
in genauer Kopie der Abbildung von den Haidah (b. Niblack). Ohnedem treten 
die hier zunächst liegenden Vorstellungen durchg^gigst allgemein in bildlichen 
Verkörperungen entgegen (auch in Afrika bei Bari und anderen), so dass sie selten 
nur Anlass bieten, die Charakteristik eines konkreten Sonderfalles typisch 
zu fixieren, und am wenigsten, wenn schon in andero Verknüpfung abgezograi, 
wie totemistische auf den Wappenpfählen und sonst. Hier kann bei gegen- 
wärtiger Sachlage ethnologischer Studien Nutzbringendes nur durch eingehmdste 
Vertrautheit geschaffen werden, wie sie in den alljährlich vermehrten Publika- 
tionen des „Bureau of ethnology" (ver- und) vornehmlich redet über die Stammeszer- 
teilungen östlich und westlich vom Felsgebirge, unter den (aus aktivem Feld- 
dienst) von Spezialisten (gleich Matthews, Gatchet, Dorsey, Fletcher, Stevenson, 
Gnnnell, Fewkes, Boas, Swan u. A. m.) gelieferten Schilderungen, bei denen 
ihre, den jedesmaligen Sonderfall verbürgende, Autorität für sich selber q>rii'ht, 
um vertrauensvolle Entgegennahme zu rechtfertigen. Wenn mit objektiv-unbe- 
einfiusst-vorurteilslosem Hineinleben in den einheimischen Ideenkreis verständige 
Deutung sich verbindet, werden der dokumentarischen Geschichte der Menschheit 
mustergültig zuverlässige Berichte eingefügt sein, wie (aus Südamerika) bei den 
Berichten über die Bakairi, in derart sympathischer Aussprache, dass dem in 
der Kultur an dort geschliffene Brille Gewohnten der Argwohn einer Bakairi- 
brille sich aufdrängte. Die ob ihrer geistigen Kurzsichtigkeit unbeeorgt^i Wild- 
stämme tragen indess weder Brillen noch Nasenkneifer, eher vielleicht Nasen- 
ringe; sie sehen mit den zwei gesunden Augen, wie im kurz- oder langschäde- 
ligen Kopfe steckend (wie weit nun eben reichend, in Sehweite kindlicher Schau), 
und der Kulturmensch wird deshalb nicht nur die ihm in der Erziehung ange- 
wachsene Brille abzulegen haben, sondern ausserdem seine Scharf- (oder Weit-) 



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- 131 — 

sichtigkeii abtönen mttssen bis anf ein natnrgemtfssee Dorchsc^nittsniveaa hinab, 
tun die Momentaufoahme nnter richtige Proportionen zu stellen, damit bei der 
Beprodnktion in der Entwicklung des Photogramms ein treu echtes Natnrbild 
garantiert werden kann. Dann klingt lebendig zurück manch reines Echo aus 
religiOeem Geftihl, wogegen, was darüber in den Lukubrationen abgesparter 
Feierstunden niedergegriffelt wird, dem Herzensbedürfnis (wenn soliloquischer 
Unterhaltung bedürftig) zu gute kommen mag, kaum jedoch zum Besten der 
Ethnologie, die es ernst und streng mit sich selber zu nehmen gesonnen ist. 

In Verstecken (senegambischer) Gebüsche oder (antillischer) Maguej-Haine 
werden die Früchte der [statt eines tartanschen (oder, für Ladronen, eisernen) 
Kerkers, wohnlicher eingerichteten] Frucht-Inseln (oder Pulo-bua) genossen, in 
insularer (von manchem Lethe-Fluss umströmter) Abgeschlossenheit auch bei dem, 
was unter Ekpö (der den Efik Benachbarten) fortgescheucht wird, und wenn, 
wie die Nähe der Oromatua (Polynesien's) die der wohlwollenden unter Nitu 
wohlthuend empfunden wird (in alfurischer Entlegenheit), mag im Anitu (der 
Tagalen) sich das Leben schon dorthin verlängern, von woher (den Thai) in 
Bangstellung eines Chao, der nHerr* zurückkehrt, während wo nach des 
Philosophen Bat ik xotpoiHK i*ntü als xupto<; — • mancherlei (oft gar kurioser) Namen, 
schon im irdischen Walten (mit des Kolanos molukkischem Titel) — , einem 
auf Beliquien, (gleich den in huronischer Grabhöhle beigesetzten), bedachten Volks- 
sinn im kretischen Grab begraben lag, was seinen, in des Dichters Versen, sti^ahlen- 
glfinzenden Hofstaat ausgeschmückt erhielt, wo der Kronide im Kreis der Olympier 
thronte, deren Vorgeschichte im Tempel des triphylischen aufgeschrieben stand 
(für Euhemerus' voreilige Lesung). 

In dem Kapitel (oder Buch), das hier sich schreiben liesse, würden vor allem und 
immer zugleich die im Überblick des Menschheitsgedankens (durch Baum und Zeit) 
vorüberflutenden Phasen — unter den, auf dem Stufengrad des künstlerischen 
Entwickelungsstadiums (nach dem durch historisch-geographische Agentien auf- 
geprägten Stempel), gebotenen Kautelen [wenn probehaltig erfunden (ad obrussam) 
und anschaulich fEissbar] — aus den gegenseitig (proportioneilen Gleichungsformeln 
gemäss) kontrollierten Vergleichungen für dementsprechend gültigen Ziffemwert 
za fixieren sein, ehe sich ein derartig gesichertes Facit ^ziehen liesse, um, was 
als „Ahnenkult** die Köpfe durchschwirrt (oder in der litteratur umherspukt), 
im ethnologischen Besitzstand an zugehöriger Stelle inventarisiert zu wissen, und 
somit Berechtigung zu erteilen, diesen (dann erst mit dem Sinn seiner Bedeu- 
tung ausgefüllten) Wortlaut (leeren Klanges, nnter „inanes voces'O als entsprechen- 
den Faktor zu verwenden, in wissenschaftlicher Berechnungsweise; wie einer Fach- 
^ssiplin (für ihr esoterisches Gewissen) vemunftgemäss und ziemlich zu erachten, 
sofern die Denkgesetze die ihnen schuldige Anerkennung erhalten sollen (im 
logisohoi Bechnen). 

Die Ahnenfrage verzweigt sich wieder mit dem, was über den (seelisch 
abgetrennten oder von Auswärts her zutretenden) Schutzgeist zu sagen wäre 
(eben&ns eines Kapitels oder Buches, wenn nicht Bücher, bedürftag) und beide 
Erscbeinungen spielen auf dem religiösen Hintergrund jedesmaliger WeltiM^- 

9* 



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— 132 — 

schaanng (bis in modernen Heroenkult hinein), so dass vorher das Gesamtbild 
(in einrahmendem ümriss) zu klären wäre, ehe sich die Einzelnfiguren durch 
typische Ginindstriche zeichnen lassen (nach dem ihnen in der Rollenverteilung 
zugefallenen Loos). 

Die für Ahnen, Schutzgeister, Seelen, Geister oder Gespenster (und Dämo- 
nisches sonst) konventionell adoptierten Termini technici, aus den im klassischen 
Orbis terrarum den Bedingnissen mehrweniger entsprechenden Äquivalenten über- 
nommen, bedürfen einer „Bestauratio magna*', seit Erweiterung der Umschau 
über den Globus (durch das Entdeckungsalter), wie das damals in den „Kränter- 
büchem^ zusammengeschleppte Material die alten Rubriken überwucherte und 
die anschwellenden Herbarien sich in Theophrast's botanisches System nicht 
länger hineinzwängen liessen. 

Indem Caesalpin (obwohl dem „empirischen Material" zugewandt) „sich ganz 
und gar der aristotelischen Denkformen bediente, konnte nicht fehlen, dass auch 
Vieles in die Thatsachen hineingedeutet wurde, was auf induktivem W^e 
später wieder beseitigt werden musste" (s. Sachs), und in ähnlicher Geschichte- 
periode der Botanik steht gegenwärtig die Ethnologie (bei Parallelisierung des 
Entwickelungsganges), oder (mit ihren topographischen Aufstellungen) in dem 
der Zool(^e, als alphabetische Au&ählung (s. Oarus) vorgezogen wurde (von 
Gesner*s Vorsicht). 

Während dreier Decennien ist aus den, durch den Schlag des Zeitgeistes auf 
allen Seiten, eröffneten Schleusen eine Unsumme massenhaften Rohmaterials herein- 
gestürzt, und liegt ungeordnet teilweis noch auf dem Arbeitsfeld au^estapelt, seine 
Durcharbeit erwartend, nach spezialistischer Verteilung. Dass es sich dabei um 
elementar gleichartige Grundgesetze (in psychischen Primalitäten) handelt, ist 
glücklich sichergestellt, aber weiter sind wir noch nicht (vorderhand), und erst 
nach der Ordnung und Sichtung, die jetzt zu folgen hat, werden diejenigen 
Gesetze dann sich feststellen lassen, welche für die künftige Bezeichnungsweise 
als massgebend zu gelten hätten (in Definierung ethnischer „Termini technici*'). 
Erst dann, mit monographischer Vertiefung im Eonzentrieren der Auf- 
merksamkeit auf jedesmalige Einzelheit (unter zahlloser Vielheit der Fälle die 
zur Auswahl stehen) wird (für den aus innerlicher Gesetzlichkeit in Erwartung 
stehenden Zusammenschluss) ein dauernd nutzbarer Baustein eingefügt sein, 
zum Auf- und Ausbau der im „naturwissenschaftlichen Zeitalter" korrespon- 
dierenden Auffassungsweisen (in der induktiven „Lehre vom Menschen"). „Getrennt 
zu marschieren, um vereint zu schlagen", hätte also hier auch als Wahlspruch zu 
dienen (auf der zum Voranschreiten aufgeöffheten Siegesbahn). Zeit steht ausser- 
dem im Überfluss zur Verfügung, seit die im Chiliasmus etwas eng be- 
schränkte Frist (um Papias' Riesentrauben zur Reife zu bringen) durch natur- 
wissenschaftliche Erwärmung für die Entropie erweitert worden und sich ein ganz 
ansehnliches Sümmlein an Jahren zusammenrechnen lässt, während weleher dem 
Menschengeschlecht noch Gelegenheit gegeben sein wird, das Studium seiner 
selber auszuverfolgen, um einstens dann auch vielleicht Malayen mit Indianern 
zusammenzuführen (in allgemeiner Verbrüderung durch den internationalen 
Verkehr). 



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— 183 — 

Im übrigen verdienen die mancherlei aufTälligen Züge, welche sich von 
Nordamerikas Westküste durch Polynesien nach Noi'dasien erstrecken, in den 
Zügen der seit Ellis, Lang, bei Moerenboat, d'ürville, Lesson etc. durcheinander 
führenden Richtungen, voll die Beachtung, die dafür beansprucht wird, obwohl 
meistens wohl verwertbar erst, wenn das tertium comparationis gefunden ist. Ob 
dazu vielleicht das Totenscbiff (S. 68) mitwirken mag? das lautlos stumm 
einherfthrt gleich dem filmenden Holländer, (so dass es bis jetsct nicht recht 
Rede stehen will). 

Manches Bcbiff der Sage ist aus seinem Hafen ausgelaufen durch semitischen 
Handelsgeist im Bunde mit punisch-pbönizischen Tyrem und auf praktischen 
Erfolg dabei zugeschnitzt; denn schon die Götter thun nichts umsonst, nach 
dem vom Wulomo geführten Preiskourant über die im Opferstock verwertbaren 
Gaben, oder weim es bei Schifahrten um Schwimmgürtel sich handelt, fiel der 
Einkauf in kabirische Mysterien unter diejenigen Baarzablungen, mit deren Er- 
schöpfung Apulejus* Geldbeutel seufzend zusammenschi-umpffce, und auch der 
windige Windsgott, der zu homerischen Zeiten seine Schlauchsäcke verschenkte, 
fordert Bezahlung dafür, (wenigstens im Lande finnischer Kunden). 

Wie das nun gewesen sein mag, mit dem Verpacken und Aufistauen des 
Mythenzerfasels oder des Märchengebröckeis in Eistchen und Kästchen (in „köst- 
lichen Kasten aus Zedern gemacht **, für prophetische Vision), um sie längs der 
Küsten des Mittelmeeres, oder eirenischen und baltischen, im Absatz zu verschleissen, 
das muss den Agenturen und Rhedereien überlassen bleiben, oder (wenn nicht 
einem Superkargo gleich dem alten Sänger Ölen, „älter als Pampbos oder Or- 
pheus*') den in Symbolik geübten Künstlern, welche folks-loristisches Gerede 
hübsch gehackt (oder zerstückelt in Hacksilberfunden) zu Detailverkauf in fest- 
gegossene Schriftform zu fiEissen verstanden, um später für den Fabelschatz einer 
zur Hitopadesa verkürzten Panchatantra, oder manch anderer Encyklopädie aus 
weiter iSerstreuung, im Bereich indo-europäicher Sprachfamilie (und darüber hinaus) 
wieder zusammengesammelt zu werden. 

Wir Ethnologen sind misslicher gestellt auf dem Niveau schriftloser Un- 
kultur, wo uns von den Abiponen und ihren Standesgenossen (ethnischer Rang- 
ordnung) erzählt wird, wie oft ein im Witzkitzel aufspringendes Woi*t bereits 
genügt (zumal wenn ein ungewöhnlich fremdartiges Vorstellungsbild dazwischen- 
fiült), um traditionelle Fäden fortzuspinnen mit Verknüpfung aus dem Ein- 
drucke eines „Pagar** oder sonstigen „Anganges", um wiederum einen „Suman" 
etwa zu schnitzen und andere Fetische vielerlei. 

Und so wird es auch für die Schiflsleute auf dem Totenschiffe seine liebe 
Not gehabt haben — bei langem ümberla vieren unter all den Inseln und Inselchen, 
die im Wege lagen (unter Havarien auch wohl in Ansehung der Klippen, die überall 
drohen für den „common sense*',der bindurchzusteuem hatte) — , umdieMustei*proben 
kleinstlich subtilen Ideenzerkrümels intakt und seetüchtig zu halten, zumal wenn 
in Extrabeilage vielleicht noch gar (wie Samentierchen in dem Leibe „unseres Vaters 
Adam'') ein komplizierter Entwicklungprozess eingeschachtelt lag, um unbeschädigt 
am richtigen Orte abzusetzen, was sich (zum Abspielen beim Tanz) in kurz- oder 



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— 184 — 

langschwänzige (wenn nicht langschnäblige) Babenrasseln metamorphosieren sollte, 
ans des (in orakelnden Angurien redenden) Nashornvogel*8 luftigem Kahn, fOr 
den zn solchem Zweck besser wohl Templon-Telon's Eisenboot (ein fenergesichertes 
selbst in Eirham-Apo]*s feurigen Wasserfall) substituiert worden wfire [in 
den Nänien der Balian (und ihren Nekjien) beim Geremonial des Tiwah-Festes]. 

unter all derartigen, im schweren Geträume eines Alpdrückens beklemmen- 
den, Sorgen wirkt es erleichternd, dass unter den Strahlen einer südlichen Sonne 
der Rabe sich auch in eine „komische Figur*^ (S. 88) zu wandeln versteht, in 
eine Art „Beineke de Vos^, für (japanische) Kitsuna-tsuki (Fuchsbesessenheit) 
oder Kit8une*mochi (Fuchsbesit^ung) vieUeicht, sodass das Oanze vielleicht nur ein 
Scherz sein möchte für den „Antisymboliker^*, als über symbolische Ereaz- und 
Quer- (oder „Creuzers") Fahi-ten spottend. 

Dabei wäre zugleich die Kontroverse gestellt, ob für den, in zehn- oder (bei 
Sextus Empiricus) achtfach doch, wandelbaren „Tropen**, tropisch gewandelten 
Unterschied der Zonen (S. 95) ein Bettungsanker auszuwerfen sein möchte, um ans 
den Tri-Tetra- oder Polylemmata der Skepsis (mit „Krokodilen** oder geographisch 
vikarierenden Alligatoren, unter den Antistrephonen) den Anhalt wiederzugewinnen 
an die unerschütterlich festen Naturgesetze, welche sich in den Manifestationen 
geographischer Provinzen zu proklamieren haben, wie für physischen Habitus 
auch bei dessen psychischen Entelechien (auf der Oesellschaftschichtung) und deren 
Einverwebung in die Maschen der, mit geographischen Leitungsf^en den historischen 
Horizont dui'chziehenden, Geschichtsbahnen (auf dem Mutterboden der Erde). 

Von diminutiven Inselchen abgesehen, die durch die piratische Besatzung 
anlandender Kanoes (etwa auf den Chatham) ausgemordet oder wie auch vielleidit 
im antilliischen Archipel durch kannibalische Caraiben ausgefressen sein moditen, 
wird durchschnittlich vorwiegend durch Einwanderer keine Yerdrftngung der ein- 
heimischen Bevölkerung [wenn nicht in assyrisch-babylonischen Eroberungen etwa, 
oder bei Ausdehnung des Inca-Beichs (in Mitamayos), planmSssig fortgeführt] statt- 
haben, sondern jene Wechselbeziehung in (mehrweniger wahlverwandtschaftlicb) 
mengenden Durchkreuzungen, wofür in verschiedenen Oradstufungen die Epoche 
der Völkerwanderung Auswahl an Illustrationen bietet (mit entsprechenden Pa- 
i*allelen in Indien und Nachbarschaft). 

Die Übertragungsweite mythisch-märchenhafter Vorstellungsbilder ist illimi- 
tiert. Schon ein einzelner Ankömmling mag genügen, die Kugel ins Bollen za 
setzen, und wenn dann bei dem festlichen Oelage, wo die Erzählung auf sym- 
pathisch entsprechende Stimmung eintmf, die Embryonalanlage eines homerischen 
Talents g^enwärtig war (ein verkappter „Phaya alaun** vielleicht), wird das Echo 
seiner Leier überall bald in der Nachbarschaft (oder bei Bückkehr der Oäste in 
deren Heimat) wiederklingen, wie weithin durch den australischen Kontinent Lied^ 
gesungen wurden, die von Beisenden dort als gleichartige angetroffen sind, oft 
mit Bückweisungen noch auf die Herkunft. Durch das Metrum (wie Babriu's 
Choliamben) mag eine gewisse Stetigkeit der Umrisse gewahrt werden, obwohl 
Versionen nicht ausbleiben konnten unter mitbedingendem Einfluss lokaler üm- 
gebungsverhältmsse (oder einheimisch fortgesponnener Tradition). 



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- 185 — 

Bei schriftlicher Fixierung, wie in heiligen Büchern, verbindet sich mit der 
EinfÜbrung der dann dogmatisch gefestigten Mythen durchschnittlich der einer 
neu gepredigten Religion, welche indess gleichfalls sich dem geographisch-historisch 
veränderten Milieu (der Surroundlng's) derart anzupassen hat, dass sich in 
einen kriegerisch gerüsteten Heliand der sanfte Herr des ölbergs verwandeln 
mag, oder seine milde Lehre in blutige Riten, wie von den Pai-Mere der 
Maori geübt (beim Tanz um den aufgesteckten Beutekopf, im Unabhängigkeitskrieg). 

Aus mythologischer Ähnlichkeit würde hier selten ein Fingerzeig auf 
Völkerverwandtschaft zu entnehmen sein, denn der (Asien nach allen Richtungen 
hin durchstreifende) Islam hat sich unter der autochthon einheimischen Be- 
völkerung CentralaMka's über die Züge der Fulbe hinaus, wie in deren Stamm- 
sitzen und senegambischer Nachbarschaft, in Bomu, Wadai, Haussa (bis auf die 
Ausläufer primär verbliebener Unterschichtungen in Yoruba u. s. w.) verbreitet, 
und die Einwirkungen buddhistischer Missionen auf die fremden Nationen, zu 
denen coenobistische Mönche gekommen, durchklingen den, im Anschluss an 
Äsopus (oder Lokman^s) Fabelschatz, weiter zerstreuten der Panchatantra oder 
dessen Auszug im Hitopadesa (in die „Tausend-und-Ein-Nächte" hinein). 

Wie rasch ein populäres Schlagwort, und seine in Ausmalungen wechselnde 
Deutung bis zum Verschwinden in dialektische ünverständlichkeit oder poly- 
glottischen Wirrsal, jeden Augenblick ändern mag (unter Unübersehbarkeit 
durcheinander zwischenspielender Ursächlichkeiten), dafür liegen aus tagtäglich auf- 
weisbaren Beispielen allzuviel Beweisstücke vor, als dass Eulen nach Athen getragen 
werden dürften (um solchen Weisheitskram noch zu mehren). 

Wie weit bei planartiger Ähnlichkeit der Mythen Entlehnungen zu 
präsumieren sind, bleibt ohne direkter gegebenen Anhalt stets zweifelhaft 
schwankend, da „ritual may be the parent of myth, but can never be its child'^ 
(s. Frazer), und was ein antipodischem Eulturkreis angehöriger Philologe über 
das im unsrigen (auch nach Ptolemaos Ablösung durch Kopemikus) solar gültige 
Weltsystem folgern wollte, aus den im heutigen Texte noch vorgefundenen Aus- 
drücken: Sonnenauf- und Untergang (mit anschliessenden Wortbezeichnungen), 
wäre seinem Wohlwollen überlassen zu bleiben, (wenn sonstiger Einblick in das 
Detail ausfällt). 

Im „wandernden" Erzählungsstoff der Märchen lösen sich auf einem für sie 
fremden Boden die epischen Gestaltungen von den geschichtlichen Unterlagen 
ihrer national ausgeschmückten Pei*sönlichkeit ab, um ins Feenhafte und Himmlische 
hinauszuweisen oder in die Kinderwelt einzukehren (als Hausmärchen) und in der 
Diaspora zu überlebseln (zur Kenntnisnahme durch die Folkloristik). 

Um hier jedoch fach- und sachgerecht zu sichten (in Volks- und Völker- 
kunde), zu scheiden und zu unterscheiden, würde allerdings die Errichtung von 
Lehrgebäuden abzuwarten sein, damit die (aus ihren induktiven Gesichtspunkten) auf 
einen dem bisherigen entgegengesetzten Ausgang hingewiesenen Studien metho- 
dische Einschulung erhalten; und in der Zwischenzeit, wo, wie die Kandidaten der 
übrigen Fachdisziplinen, auch die der ethnologischen, noch unter den herkömmlich 
deduzierten (und, in damaliger Zeitgemässheit, für kulturveredelnde Reinzüchtung 



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— 136 — 

wohlerprobten) Maximen auferzogen werden, haben wir uns, für die komparativ- 
genetischen Nachhülfen, bei der Lehre vom Menschen so gut zu helfen, wie es im 
Augenblick nun eben gehen will (um über die leitenden Gesichtspunkte allseitig 
einigende Vereinbarung zu treffen, statt darüber zu hadern; in nutzlosen Logo- 
machien). 

und jedenfalls ist es erfreulich, in dem Autor einen bestveranlagten Mit- 
arbeiter hinzugewonnen zu haben, der bei weiterem Verfolg seiner Foi*8chungs- 
ergebnisse, aus denen bereits wertvolle Bereicherungen verzeichnet stehen in den 
Annalen der Völkerkunde, olme Schwierigkeiten bald sich hineingefunden haben 
wird in diejenig' neue Auffassungs- und Anschauungsweise, wie in gegenwärtig^ 
naturwissenschaftlichem Zeitalter gefordert: wenn die komparative Behandlungs- 
weise der ethnischen Psychologie zur That werden soll, um auch dasjenige Ohr 
dem die Frage noch missföUig klingt (durch Mithülfe von Okulardemonstrationen) 
zu überzeugen (und dann ist auch dem naturwissenschaftlich naturgemässen Stand- 
punkt weitere Polemik erspart, da das „onus probandi^ den Schultern der Gegenpartei 
zufällt). Ohnedem, wie bereits bemerkt, mangelt jeder Anlass zu Kontroversen 
in Fällen, wo es sich um verschiedenaiüge Forschungsweisen handelt, die, auf 
getrennten Arbeitsfeldern tbätig, sich vielfach zwar ergänzen können miteinander, 
aber niemals gegenseitig stören oder durchkreuzen. Der Unterschied liegt einzig 
und allein in der Fragestellung (der Frage): in der Frage nämlich über erst zu 
stellende Nachfrage, — ob so zu stellen, wie in früher deduktivem Zeitalter (ein 
verständiges Mittelmass, wie stets vorausgesetzt) ganz berechtigt ei^scheinen durfte, 
auf Entlehnungen nämlich und woher? oder: zunächst (naturgemäss) mit Rückgang 
auf den naturgemäss einheimischen und (imanent innewohnenden) Wachstumsprozeas 
selber. Verbleibt unter den Eliminationen der elementar aufgezwungenen Grundlagen 
ein dubiöser Rest, so ist für seine Herkunft nachzusuchen auf den [das (in geogra- 
phischen Provinzen gefestigte) Zentrum umkreisenden] Geschichtsbahnen, inneriialb 
weiter oder enger Peripherielinien des geographisch-historischen Horizonts, und 
was etwa in echt erprobten Pfropfreisern gefunden sein sollte, wird dankbarst 
um so lieber entgegengenommen werden, weil das Problem komplizierter, (an Ergeb- 
nissen also reicher), gestaltend und deshalb desto interessant anziehender in 
Arbeitslust, um aus solchem Äugeln (in Inoculationen) die Augen klärlicher noch 
zu klären. Da bei kosmopolitisch, als fundamental durchgängig gleichartig an- 
erkanntem Charakter der Menscbennatur: „rimpossible n^est pas un mot" in der 
durch tagtägliche Steigerung des internationalen Verkehrs geschaffenen Sprache, 
(worin der Patriotismus je kräftiger gefestigt desto durchschlagender mitzn- 
schaffen befähigt sein wird): Unmöglichkeiten also ausfallen, bei All-Möglichem 
einer „possibilitas absoluta" (b. Nie. Cus.), so darf deshalb gerade nun eben keinerlei 
Möglichkeit zulässig gestattet sein im konkreten Sonderfalle, sondern dieser nur 
dann, wenn aus den Possibilitäten (oder Potentialitäten) eines duvdfjst öu realiter 
bereits aktualisiert in seinen Energien (einer lebensfähigen Existenz), um jedwede 
Feuerprobe fortab zu bestehen (unter der Kontrolle des logischen Rechnens). 

Einer naturwissenschaftlich - philosophischen Klasse nach akademischer 
Scheidung und der für dieselbe gültigen Methode würde die erste Abteilung volle 



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— 137 - 

Ehre machen, während in historisch-philologisch-philosophiseher die aus kritischer 
Sichtang in der Klassicität klargestellten Mustei'bilder als Paradigmen zu dienen 
haben werden, für korrekte ßehandlungsweise der aus allen Ecken und Enden 
des Erdballs wachgerufenen Vertreter (einstigen Barbarentums). 

In Anbetreflf der fttr provisorische Übernahme vorläufig ihr gleichfalls noch zu- 
gewiesenen Kulturvölker, ist die Ethnologie wegen der (bei der ümfänglichkeit 
räumlicher Ausdehnung) doppelt empfindlichen Mangelhaftigkeit der Textrevisionen 
am misslichsten bestellt, während bei den Wildstämmen der an sich schon, für ver- 
einfachenden Durchblick, angezeigte Ausgang vom Einziehen (zum Zusammen- 
gesetzten) thatsächlich und sachgerecht sich empfiehlt, fttr solche Hülfen, wie sie 
in wissenschaftlicher Botanik die Begründung der Induktion durch methodischen 
Bückgang auf die Kryptogamen ermöglicht haben. Unsere, höchsten Kultur- 
entwicklungen zugewandte, Altertumskunde (westlicher Civilisation) hat die 
Vollendung ihrer dominierend hervorragenden Meisterschaft aus geographisch 
engster Massbeschränkung erlangt, bei allseitig nächster Konzentrierung auf das 
hellenische Halbinselein vornehmlich, (viribus unitis), durch fakultativ multiplizierte 
Lehranstalten (Jahrhunderte hindurch, seit der Renaissance) gepflegt, und aus Ver- 
fügung zugleich über die aus jahrtausendjähriger Vergangenheit schriftlich fixierten 
Überlieferungen, zuverlässig gesichert (in kritischen Durcharbeitungen). So haben 
sich dort auf schmalengstem Terrain für die Begriffe dorischer oder jonischer Bässen, 
auch äolischer und achäischer hier und da, mit anschliessenden Parzellierungen aus 
gegenseitigen Verhältniswerten kontrolierbar verbleibende Zifferwerte mit der- 
artiger Zuverlässigkeit substituieren lassen, um sie mitunter ungescbeut in 
annähernden Generalisationen verwenden zu können, z. B. für technisch-artistische 
Betrachtungsweisen auf statuarisch statuiertem Boden, und so mag oftmals 
bei Bückfolgerung auf hellenische Vorgeschichte manch* annehmbare Vermutung 
bereits gewagt sein, was auf dorischen oder jonischen Wanderungen für Herkunft 
und Richtungsweise Hinweisungen zu gestatten scheint (mit historischer Folge- 
wirkung weiter). 

Wie dagegen stünde es bei gegenwärtigem status quo der Kenntnisse in 
der Ethnologie? wenn Lust verspürend die in früheren deduktiven Stadien ge- 
legentlich nahe gelegte Bezeichnung indonesisch -malaiischer Bässen und polj- 
nesischer (unter Verzweigung auf Mikronesien und Melanesien) in ihren Be- 
ziehungen zu der (aus indischem Missverständnis) sogenannten indianischen in 
Gleichungsformeln zu bringen, ohne dabei die gerecht berechtigten Anforderungen 
der Induktion zu verletzen (in leichtmütigem Unbedacht). Ein fast die Hälfte des 
ganzen Globus übertreffendes Areal — mit kontinentalen (aus Fünf&chheit der- 
selben, und Halbinseln genüg auf jeder) sowohl, wie insular zahllosen Zei-trennungen 
— leidet zugleich unter ungenügendem (und chronologisch kürzestem) Litteratur- 
material, wie (für Indonesien z. B.) schon bei den (in der Hauptsache) ältesten 
Aufzeichnungen (gleich de Harros', Couto's, Valentyn's etc.) sichtende Text- 
kritik, (ehe darauf gestützte Verwendung erlaubt sein wtlrde), gar viel noch zu 
tbun hätte, und die seit Ende des vorigen Jahrhunderts manchmal ausgiebigeren 
Daten (in den Fundgruben der Publikationen der baatavischen Genootschap und 



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des „Journal of the Indian Archipel^, der Zweiggesellschaft der R. A. S. u. s. w.) 
haben neaerdings erst gesicherte Stützpfosten eingeschlagen erhalten aus Mathes*, 
RiedeFs, Junghuhn*s, Haverlandt's, Le Clerq*s und anderer mehr Spezialarbeiten 
(bei langdauernd persönlicher Vertrautheit mit einheimischer Eigenart), sowie 
(in Polynesien) durch Qill, White, Howitt etc., und jedesmal nur in Ansehung 
lokaler Zerteilungen (wie das für die, durch die Gelehrtenthfttigkeit der America* 
nisten auf ihrem heimischen Boden gewonnenen, Resultate gleichfalls gilt). 

In solchem und ähnlichem Anbetracht dieser ungeheuerlich der Arbeit auf- 
getürmten Gebirgsmassen (oder Massengebirge), auf denen jedes einzelne Forschungs- 
feld ebenso genau (bis auf letztkleinstes Steinchen) durchzuackern w^e^ wie es 
auf dem hellenischen versucht ist, würde die Ethnologie hoffnungslos ihre Flinte 
ins Korn zu weifen haben, wenn nicht kraft der durch die Elementargedanken, 
— weil primär, gleich der Zelle (auch den prangendsten Phanerogamen) in gleich- 
artigen Unterlagen inhärirend — gebotenen Hül&mittel die Aussicht erö&et 
worden wäre, mit Logarithmen zu rechnen, wie seit deren Erfindung z. B. erst 
der Astronomie das Wagnis zugestanden hat, sich kühn hineinzubegeben in das 
Gewühl unabsehbarer Zahlenmassen, die auf ihrem Arbeitsfelde zu bewältigen 
sind ; und so, wenn die Ethnologie in gleicher Weihe dem naturwissenschafüichen 
Konklave auf der einen Seite und den historisch-philologischen Spezialfächern auf 
der andern angeschlossen zu werden pi*ätendieren wollte, wird sie auf ihrem heutigen 
Standpunkt wohl daran thun, sich mit möglichst scharfer Genauigkeit auf monogra- 
phisch festumschriebene Stoffbehandlung bei Wahl der Themata einzuschränken, 
für die, fach- und sachgerechten Studien gewidmeten, Arbeitsstudien. Wem 
es daneben dann drängt (in schöpferischem Drang), brauchen harmlosen Gedanken- 
spielereien ihre freizügigen Exkursionen auf Luftflügen nicht allzusehr yerkümmert zu 
sein, sofern in Erholungsstunden Müsse dafür bleibt, da manchmal aus solchen Vogel- 
perspektiven ein Eindruck trifft, der sich in späteren Spezialbehandlungen auf 
seine Verwertbarkeit erproben lassen möchte, und ausnutzen demgemäss (£eü1s 
acht befunden). Im Übrigen bringen die problematischen Urteile (wenn nicht in ayste- 
matische Diskussionen ausverfolgt) selten viel Nutzbares zu Tage und die asser- 
torischen des Glaubens haben denjenigen überlassen zu bleiben, die davon nicht lassen 
können, und unbeschadet dabei belassen bleiben mögen, weil unschädlich für eine 
naturwissenschaftlich begründete Methode, die aus innerlich innewohnenden Gesetseii 
zu organischer Entfaltung gelangt ist, den Zeitanforderungen entsprechend, wodurch 
ins Dasein gemfen (Mhrend mitlebender Generaüon). Und hilfreiche Mitarbeit 
kommt um so dauernder zur Schätzung, wenn auf Sachkunde gegründet, wie 
dem Verfasser des vorliegenden Buches zur Verftlgung stehend. 

Indem diese lange Auseinandersetzung an das in der Überschrift genannte 
Werk sich anschliesst, so ist damit eine Anerkennung seiner Zuständigkeit ausge- 
sprochen, wenn von dem Standpunkt der bisherig traditionellen Methode ethno- 
graphischer Behandlungsweise in Betracht genommen. Da nach diessdtiger 
Ansicht nun ein radikaler Bruch erforderlich sein wird, um die auf heutigem 
Entwickelungsstadium der Ethnologie formulierte Lebensfrage in der für künf- 
tiges Fortgedeihen geheischten Auffassungsweise zu beantworten, so wurde, für 



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spezialisierende Nebeneinandersiellnngen der beiderseitig gegenüberstehenden 
Gesichtspunkte, die jüngste VeröffentHcbnng eines Mitarbeiters gewählt, der im 
soweit näherem Kreise derjenigen, die auf den Titel eines Ethnologen wohl- 
b^p-ündete Ansprüche erheben dürften, zu den best Vorbereiteten zählt, unter dem 
mit einer neuen Generation hervortretenden Nachwuchs. Das Saeculum derer, 
die an der Einpflanzung eines unter ihren Händen zwar aufgewachsenen, aber (aus 
bei-eits vorliegenden Unterlagen her) nach neu hervortretenden Zeitbedürfnissen ab- 
geäsielten Forschungszweiges mithalfen, neigt seinem Ende zu, denn bis auf wenig 
überlebende Namen sind die Reihen sparsamst schon gelichtet. 

Was aus fernster Erinnerung hervorzukeimen begann, lag damals nicht in 
Überschau bereits, sondern, unter dem Qefühl darauf hinstrebender Vorahnungen, 
im schwachen Dämmerlichte nur den Blicken vor. 

Im Gange des organischen Wachstumsprozesses hat die Zielrichtung deut- 
licher sich zu klären begonnen und der Weiterverfolg wird fortab den fernerhin 
Nachkommenden zu überlassen sein. Die Generation der Pioniere, die zuerst 
mit einem Femblick begünstigt wurden auf das „gelobte Land^ der Verheissung, 
tritt vom Schauplatz ab, da, wer als „superstes" vereinzelt überlebt, durch seine 
Jahreszahl schon unter „superaumei-arii" eingerechnet zu stehen hätte. Auch die 
Reihe derer, mit denen zusammen die schweren Zeiten der Begründung durch- 
kämpft wurden, beginnt sich zu lichten, soweit nicht ergänzt durch jungen 
Nachwuchs, der mit frischen Kräften einzugreifen haben wird (und best ge- 
stählten aus vorbereitender Schulung)» 

Deshalb scheint die Mühe nicht gescheut werden zu dürfen, so offc im mehi- 
weniger zufällig gegebenem Falle ein würdiges Beobachtungsobjekt geboten ist, 
solche Gelegenheit auszunutzen, für Parallelisierung kontroversialer Fragepunkte, 
damit im wechselweisen Gedankenaustausch gemeinsam förderliche Vereinbarung 
geschafft werde, unter fortgeführtem Faden der Tradition, der, wenn im dritten 
Menschenalter bereits abgerissen, im nächsten um so schwieriger seine Wieder- 
anknüpfung erhalten würde (und so der Voi-teile beraubt, das Sein aus seinem 
Gewordensein zu vei-stehen). 

Und so ist auch diese Veranlassung gern ergriffen worden, um die momentan 
umkräuselnden Tageswellen einer Zeit* und Streitfrage zwischen Fachgenossen, mit 
einem geschätzten „operis sodus*' zu besprechen, der bei der, aus dem Wendepunkt 
ersten Reifezustands gegenwärtig hervorquellenden, Strömung unter diejenigen 
berufen zu gelten hat, welche am Steuer zu stehen haben werden (für 
Lenkung und Leitung). 



In den aus Amerika's Nordwestküste durch sorgsame und schulgerechte 
Beobachter mitgeteilten Volkserzählungen finden sich so vielerlei Züge, die (trotz 
lokaler Umgestaltung) an arischen Hausmärchenschatz anklingen, dass über den 
Zusammenhang leicht und oft Anregung gegeben ist, Vermutungen fortzuspinnen, 
denen man (wenn sachkundig ineinandergewoben) mit Interesse folgen wird (in 
Erholungsstunden der Müsse). Dass ein den strengen Anforderungen wissen- 
schaftlicher Verwertung genügendes Resultat daraus gewonnen werden könnte 



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(so lange nicht ein konkreter Spezialfall zum gesicherten Einhaken sich bietet), 
bleibt von vornherein ausgeschlossen, undenkbar eben vorläufig noch (bei massigster 
Übung im logischen Rechnen). 

Jahrtausende lang hat sich die gesamte Gelehrsamkeit höchster Kultur- 
en twicklung auf dem Erdball auf zwei minimal kleine Fleckchen Qn dimi- 
nutiven Halbinseln) konzentriert, und dennoch, wenn, (trotz aller Aufklärungen, 
die gewonnen sind) für die Volksstämme der Ligurer, Sicaner, Illjrier und sonstig 
thracischer aller [von weiteren üttarakuru, aus so manchem (über die Grenzen hin- 
ausliegenden) ütgardh gar nicht zu reden], dokumentarisch verifizierte Bescheini- 
gung ihrer Stammbäume (betreffs gesetzlicher Verwandtschaftsverhältnisse) verlangt 
ist, lässt der Vorsichtige meist die Hände lieber davon, in fachgelehrter Archäologie 
(da „res habet dubitationem'O- Wie also darf uns Ethnologen in den Sinn kommen, 
auf solch ähnlichen Forschungswegen heute bereits irgend etwas Erspriessliches 
schaffen zu können, sobald wir über den Umschluss geographischer Provinzen (unter 
der Weite ihres topisch durch wanderbaien Areal's) hinauskommen — , hineinge- 
ratend in die ungeheuren Weiten des gesamten Erdballs (minus etwa des klas- 
sischen Orbis terrarum), und in ein gänzlich noch unübersehbares Völkergetümmel 
(einer, innerhalb des Focus deutlicher Sehweite ein&ssbaren, Durchschau der 
Einzelheiten überall fast entfallend). 

Das wird kein Verständiger der Völkerkunde zum Vorwurf machen, denn 
für die wenigen Decennien, seit welchen ein methodisches Studium erst begonnen 
hat, ist wahrlich genug bereits beschafft, in solch kurzer Frist, und wenn 
unser Forschungszweig späterhin ebenfalls auf jahrhundei*t- oder jahrtausendjährige 
Pflege zurückblicken kann, wird es schon andei-s aussehen. Im übi-igen aber 
handelt es sich nicht um Wünsche (und ungeduldig kindisches Hingreifen nach 
dem fratzenschneidenden Mond), sondern um das vernünftigerweise Erreichbare, 
innerhalb des Masses der soweit zur Verfügung stehenden Mittel. Das wenigstens 
hätte als der dem Fachmann angewiesene Standpunkt zu gelten, wenn er seinem 
Fach Ehre machen will, und wer darüber hinausschweifend dem Flug seiner 
Phantasien zu folgen vorzieht, läuft sein Risiko, dass sie, sofern nicht ihres 
ünterhaltnngsstoffes wegen mit dem Passierpass begnadigt, sistiert sein werden 
(um unter den Plunder der Pfuschereien beiseite geworfen zu sein). 

Ehe die Last mühevoll weitaussehender Arbeiten (bestenfalls, wenn nicht 
hoffnungsloser von Vorneherein) übernommen wird, stellt sich rationeller Weise 
die Frage nach dem „Gui bono?". 

In Ansehung der im ethnischen Wachstum der Völkergedanken entfalteten 
Probleme, beantwortet sie sich in Befriedigung eigener Aussagen, weil eben, der 
Bestimmung gemäss, auf des Menschen Selbsterkenntnis hinstrebend (in letzter 
Zielrichtung), und gleichzeitig praktische Abhülfe vital gefühlter Zeitbedür&isse 
versprechend bei Klärung des Denkverknäuls im sozial -anarchistischen Wirrsal, 
neben gar manch* nutzbringendem Wink für nationalen Gewinn, aus internationalem 
Verkehr (wie ansteigend von Tag zu Tag). „Alle sozialen Probleme führen auf 
Elementarfragen der Psychologie zurück" (b. Rümelin). So oft unter angezeigten 
Kautelen (und dement sprechender Prüfung) Foi^schungsresultate aus völkerwiit- 



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schaftlichen Beziehungen hier und da erlangbar aufgewiesen werden, dann: tant 
mieux (k la bonbeur). Sie werden dankbarste Aufimhme finden, um in die Studien 
hineingearbeitet zu werden, da diese wirksam fördernd, wenn neues Material 
hinzubringend, d. h. sofern gediegen echt. Unechten Kram (stark zweifelhaft 
anrüchig, im bedenklichen Haut-gout), oder mit dem ZersetzungsstofT stören- 
der Fälschungen bedrohten, halte man sich lieber vom Halse, zumal fremd- 
ländische Zuthaten (die, wenn gesetzlich einfügbar, ihrer variierenden Vei-schöne- 
mngen wogen gebührend zu schätzen wären) für den geregelten Verlauf der orga- 
nischen Entwicklungsprozesse keinerlei Unterschied machen, da diese stets die 
gleichen bleiben (mit oder ohne). 

Erst nachdem eine scharfe Umzeichnung der für kulturelle Entwicklung ansetzen- 
den Elementargedanken durchgeführt ist, kann zweckdienlich diskutiert werden, 
was infolge veredelnd inokulierter Pfropfreiser hinzugebracht worden sein möchte, 
weil bis dahin die Eliminierung des einheimisch immanenten ungesichtet schwankend 
bleibt (für apodiktische Beweisführung). Und weshalb daher im vagen Umher- 
raten Zeit vertrödeln, wenn jede Minute kostbar bleibt, für die Bewältigung des 
massenhaften Arbeitsmaterials (das im Detail zu durchsiebten ist). 

Im Unterschied zu verhältnismässiger Einförmigkeit östlich vom Felsge- 
birge, wurden bei dem ersten Übersteigen desselben (1805) die Entdecker bereits 
von den bunten Wechseln in einer neuen Welt am pacifischen Abhänge getroffen 
und unter den auf „Kulturübertragungen zwischen den Kontinenten Asiens und 
Amerikas^ hinweisenden Ähnlichkeiten (wie von Boas besonders wiederum her- 
vorgehoben), läset sich die „Entwicklung einer primitiven Weltauffsissung unter 
dem Einfluss vielseitig fremder Ideen verfolgen^, zu dem ausserdem noch Alles 
das hinzugekommen sein mag, was unter indonesisch-poljnesischer Färbung sich 
variiert Das Problem würde dadurch, weil kompliziert vielseitig, zu einem 
desto willkommneren gestaltet werden, zumal auch für die Richtungen, wohin den 
Gesichts- und (}eschichtszügen (in ozeanischer Physiognomie) nachzugehen wäre, 
Andeutungen genugsam bereits vorliegen. 

Je anziehender also hier, nach allen Bichtungen hin, Hypothesen verlocken, 
desto strenger wird sich die Forschungsweise trockenster Nüchternheit zu be- 
fleissigen haben, und auf detailliert monographische Behandlung konkreter Fälle 
Beschränkung einhalten müssen, sobald und so oft thatsächliche Unterlagen ge- 
boten sind, um einen Versuohsbau wagen zu dürfen. Und dann, wenn deut- 
liche Resultate sich gewinnen lassen, wird doppelt deutlich ans Licht treten, 
wie sehr das ethno-psychische Wachstum von festen Naturgesetzen beherrscht 
wird, um, wie das aus einheimischen Wurzeln Hervorsprossende, auch was aus 
der Fremde in Pfropfreisern zugeführt ist, zu eigenartig charakterisiertem Typus 
aoBsuprägen (unter einem für methodische Induktionsarbeit verwertbarem Stempel). 

Indem bei Fortsetzung einer bisher nur realistisch (oder materialistisch) 
erprobten Forsohungsweise (der sog. naturwissenschaftlichen) auf ein idealistisches 
Gebiet, bei Übertritt in Immaterielles, demgemässe Verwendung zu erfolgen 
hat, muss desto schärfer im Bewusstsein gehalten werden, dass es sich nicht 
mehr um Stoff-Übertragungen (um incrustierte Ideen, als effektlose, weil tote), 



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- 142 — 

sondern am Lebensreize handelt, um lebendige Eraftwirkongen in Schlag und 
Rückschlag (aas organischer Reaktion), am für das, was gesetzlich resoltirt, ein 
gültiges Fazit zu ziehen (im logischen Redmen). 

Niemand wird die Blätter im Walde zählen, wohl aber eine systematische 
Botanik die Yariations-MOglichkeit der Blattformen, die mitunter auf fremde 
Übertragung zurückfUhrbar sich zeigt, aus Pfropfen, Kreuzen oder Züchtungen 
sonst, andererseits dagegen auch wieder bei gleicher Art (oder Geschlecht) ver- 
schiedenartig zusammen (und nebeneinander) vorkommen mag. Da nun die 
Sphäre des einen Beobachtongskreises eine überschaubar limitierte, die des 
andern eine illimitiert unabsehbar weitschweifendste ist, wird, wer dem Genius 
seines gesunden Menschenverstands die gebührende Rücksicht und Nachsicht 
(indulge genio!) zu beweisen Bedacht nimmt (in rationeller Rechenkunst), die 
Aui^be des leichten Exempels zuerst absolviere, weil damit dann zugleich das 
Schwierigere der Hauptsache nach erledigt ist. und obwohl also ein geist^ 
sprühendes Genie geneigt sein möchte seine Gedankenblitze leuchten zu lassen, 
um betreffe ethnischer Kontroversen über Yölkerbeziehungen aufstossende Ähn- 
lichkeiten in mythisch märchenhafter Vorzeit zu beschauen, dürften beecheident- 
licher begabte Verstandeeknechte doch vorziehbar erachten, zunächst und zuerst 
den Völkeigedanken bei seiner Veiuntwortlichkeit zu packen, zur Aussage über 
dasjenige, was von selbsther bereits vorhanden sein muss (oder doch kann). 

Einer praktischen Verwertung der im Wildzustand angetroffenen Ähnlich- 
keiten steht bereits die Unmöglichkeit gegenüber, zu entscheiden, ob das ele- 
mentar überall Gleichartige (und deshalb überall Mögliche) in dem zufiülig ge- 
botenem Sonderfall vielleicht herübeigenommen sein sollte, aus besonderen Ver- 
anlassungen (soweit solche sich feststellen lassen). Dass bei eigenartig markierten 
Spezialitäten auf höheren Kulturstufen, oft ein entschiedenes Voigehen gestattet 
ist, um eine Entscheidung abzugeben, wird durch den dann meist auch aus den 
Hülfen der Schrift gewährten Anhalt nahegelegt (und erleichtert). 

Der Beweis mathematischer Sätze, weil jeden Zweifel ausschliessend, in 
„mathematischer Gewissheit", pflegt als ein&ch kürzester durohw^ sich zu 
empfehlen (auf statistischen Unterlagen), und warum sollte es anders sein, gerade 
bei denen nur, welchen das logische Rechnen besonders warm ans Hers gel^ 
ist? (den um Menschen- und Völkerkunde Beflissenen). 

Aller Kenntmsse Unterlage ist ^ne mathematische, indem auf der Aprioritftt 
des Raumes die Möglichkeit der geometrischen Urteile beruht, auf der dw Zeit 
die der arithmetischen (s. Kant), und wie nun das Schemen der Lebenskraft 
schematisiert ist nach den elementaren Grundzügen einer „mechanischen" Welt- 
auf&ssang, im cellulären Wa<^i8tumsprozess, ist auch für den psychischen eine 
„Mechanik" der Vorstellungen zum Ausdruck gekommen (s. Herbart), neben 
der Statik (ihrer Intensitätsverhältnisse): ein „abenteuerlicher Gedanke" (auf dem 
in der „Geschichte des Materialismus" eingenommenen Standpunkt). Die aas 
Uthlanga strömende Lebensquelle durchdringt das All, in „Ajiva" temporär lattfit, 
mit ,Jiva" dagegen im „statu nascenti" dynamisch stets treffend und getroffen 
(zur Realisation in den folgenden Effekten). 



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— 143 — 

Die (JesetunOssigkeit alles psychischen Geschehens begründet sich in mathe- 
matischer Psychologie (materialistisch), und indem die Vorstellungen nicht in 
der Seele (dem ein&chen Wesen) li^en, sondern „Wechselbeziehungen sind 
zwischen den einzelnen Realen, von den physikalischen Ejräften zwischen den 
Atomen*' (s. A. Lange), so würden solche, den Monaden (Leibniz^s) entsprechende 
„Reale" (als Elementargedanken ge&sst, im zoopolitischen Sinne) zum Austrag 
kommen, in dem, was sie durch ihre Reize wirken (wie die Atome durch Kräfte), 
und da die den Organismus treffende Reizwirkung sich aus dessen Reaktion 
beantwortet, m^üre dem realisierten Effekt der Ansatzpunkt geboten, für die Zer- 
legung (in seine Ursächlichkeiten wiederum). 

So lange für die durchschnittlich überall gleichartig wiederkehrenden Elementar- 
gedanken, wie in den Gesetzlichkeiten psychischen Wachstums begründet, eine kurz 
zusammenfassende Übersicht noch nicht hergestellt ist, unterliegt die Erörterung 
der (längs nachweisbarer Verbindungsbahnen) möglichen Entlehnungen, wenn 
für erschöpfende Behandlung eines konkret vorliegenden Falles die Materialien 
noch mangeln, ihren Bedenken insofern, weil überflüssigerweise Komplikationen 
durch Fragestellungen eingemengt werden könnten, deren ausreichende Beant- 
wortung bestenfalles nur sekundäres Interesse zu beanspruchen hätte, weil der 
eigentliche Kern des (im letzten Grunde auf des Menschen eigenes Studium hin- 
gerichteten) Problems direkt nicht treffend, indem die zur Entfidtung ethnisch 
charakteristischer Weltanschauung heranreifenden Entwickelungsprozesse ihrem 
normalen Verlaufe nach die gleichen bleiben, auch wenn Fremdstoffe nachweis- 
barlich den heimischen Wurzelsprossen hinzu assimiliert sein sollten. 

Eine durch Pfropfreiser veredelte Pflanze bietet ein, obwohl (und gerade 
weil) komplizierteres, desto anziehenderes Studium-Objekt, und mag zu weiteren 
Aufklärungen über die Herkunft des Setzlings (mit anschliessenden Betrachtungen) 
weiter führen, aber die pflanzlichen Zellvorgänge als solche bleiben dieselben, ob 
zu höheren Stadien gesteigert, oder auf elementar einfachen abgelaufen, und sind, 
weil bei den letzteren durchsichtiger, dort (während der mit erster Begründung 
noch beschäftigten Arbeiten) vorzuziehen, um desto besser systematisch graduelle 
Stählung zu gewinnen, für korrekte Lösung der schwieriger verwickelten Auf- 
gaben, welche im Fortgang der Forschung heranzutreten haben werden, unter 
nnausbleiblicher Mehrung derselben, bis das, ein Ziehen des Fazit gestattende, 
Kidziel erreicht sein kann. 

Bei genügend (dem logischen Rechnen) zur Verfügung gestelltem Material 
muss stets eine Ursächlichkeit getroffen werden, um innerliehes Geäder organisch 
zu entfedten, denn: „Es giebt keinen Zufall'*, wie der Dichter singt — und wie 
es singt im Sphärensang (aus des Kosmos* harmonischen Gesetzen). 

Steinmetz: Ethnologische Forschungen zur ersten Entwicklung der 
Strafe. Bd. I und 11, 1894 (Leiden und Leipzig). 

Ein durch gewissenhaft ernstliches Streben angeregtes Buch, das Werk eines 
den leitenden Faden des Gedankenganges (im jedesmaligen Falle) streng methodisch 
festhaltenden Forschers, der sich von parteiischen Beeinflussungen möglichst 



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— 144 — 

frei zu halten weiss, um „sine ira et studio*' zu schreiben (wie bei wissenschaft- 
licher Arbeit geziemend). 

In der Einleitung erhält die Ethnologie, nachdem die Berührungen mit 
Ethnographie und Psychologie dm*chsprochen sind, ihre Charakterisierung nach den 
^^Grundprinzipien, von welchen die ganze jetzige ethnologische Forschung ausgeht** 
(§ 4). „Die ganze Menschheit wii*d als eine einzige Art aufgefasst, nur in den 
verschiedenen Gegenden nicht gleich weit entwickelt und unter verschiedenen 
Umständen lebend** („die Übereinstimmung zweier Völker in einer Sitte wird 
nach diesem Prinzip nur aus zwingenden besonderen Grflnden aus einer Ent- 
lehnung von einander oder aus derselben Quelle erklärt, sondern im Allgemeinen 
aus der übereinstimmenden Entwicklungsstufe oder aus der Gleichheit der Be- 
dingungen, in welchen beide Völker verkehren**). 

Dann stellt sich das Problem (im Ersten Teil) : Versuch einer psychologischen 
Erklärung der Bache und der Bachsucht 

Aber, was nun folgt (bis Seite 128) ist nicht nach der ethnologischen 
Methode behandelt, sondern (mit einigen ethnologischen Seitenblicken hier und 
da) nach derjenigen gerade, an deren Stelle die Ethnologie die ihrige zu setzen 
beabsichtigt. 

Dies Versehen lag bereits in der Einleitung verschuldet, wo (zur Definition) 
die Ethnologie, als „vergleichende** Wissenschaft richtig von der Ethnographie, 
als „beschreibende** abgegränzt, dann aber auch nach ihrem Verhältnis zur 
Psychologie in Betracht gezogen wurde, — derjenigen Psychologie nämlich, an 
deren Statt die Ethnologie ihre eigene in erste Behandlung nehmen zu müssen 
glaubt, nicht zwar um dies sorgsam heraufgezogene Schosskind alter Kultur- 
pflege heimtückisch (oder erbarmungslos grausam) zu morden, sondern viel- 
mehr desto herrlicher auszustatten, nach Erledigung unerlässlich benötigter Vor- 
arbeiten, die eben vorauszugehen haben (als conditio-sine-qua-non). 

Die Ethnologie ist selber Psychologie oder (wenn zu terminologischer Unter- 
scheidung eine andere Benamnng vorgezogen wei*den sollte) das, was sich als No^tik 
bezeichnen Hesse (als ethnisch-naturwissenschaftliche Psychologie, nach induktiver 
Behandlungsweise ; oder wie sonst). Sie imaginiert sich nämlich als die „Psychologie 
des Zoon politikon**, und meint, dass, wie dieser gesellschaftliche Charakter des An- 
thropos dem psycho-physischen Individuum, so der Gesellschaftsgedanke voranzn- 
stehen habe, damit sich, aus dem »totum divisionis** des Gesellschaftskreises das 
Teilganze des Einzelnen integriere (für seine Selbsterkenntnis). 

Zunächst gilt es also' scharf und bestimmt nach rein objektiver Methode der 
Induktion zu arbeiten, unter Femhalten aller subjektiv gemütsvoll (und gemütlich) 
sentimentalen Zwischenmengungen, bis der Zeitpunkt gekommen sein wird, um 
in Kontrolle mit der Deduktion das endgültige Fazit zu ziehen, und wenn dann 
dem soweit gewaltsamen Strom der Gefühle ein Freipass wird gegeben werden 
dürfen, zum unbehindert vollen Hervorbrechen, dann wird es hoffentlich aas 
neu eröflneter Erkenntnisquelle in reinklarem Bache dahinströmen, um die bisher 
auf wildem Zweifelsmeere umhergetriebene Lebensbark dem ersehnten Endziele 
zuzuführen, (in des Menschen Bestimmung). 



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— 145 - 

Ehe nicht eine vorläufige Umschau über sämtliche Variationen des Menschen- 
geschlechts gewonnen ist, wäre es eine „contradictio in adjecto" nach dem Mensch- 
heitsgedanken zu suchen bei den fragmentarisch herausgerissenen Bruchstücken, 
die den Kulturvölkern bisher allein zur Verfügung standen, und erst wenn aus 
der Menschheit Bild der Mensch hervorgetreten, wird er der ihm gesteUten 
Au%abe gerecht werden können (um sich selber zu erkennen). 

Ein praktischer Nutzen ist zugleich dadurch gewährt, dass auf Orund 
des ethnologisch (oder ethnographisch) beschafften Materials die Betrachtung in 
erster Linie den primär einüachsten Zuständen sich zuzuwenden vermag, den 
Elementargedanken und deren Differenzierungen im Völkergedanken (unter den 
Bedingnissen geographisch-historischer Provinzen). 

Wir erhalten dadurch feste Zifferwertjie, um schliesslich mit Logarithmen 
redmen zu können, .und das chaotisch wüst wogende Gedankenmeer (unter all* 
den Launen eines Meinens und Scheinens, in Doxa), durch apodiktisch natura 
gesetzliche Beweisführung zu beherrschen; und statisch einzuregistrieren in eine 
Gedankenstatistik (bei Erschöpfung der Denkmöglichkeiten). 

Für Vergleichung der auf beiden Seiten des Teilungsstrichs sich gegenüber- 
stehenden Methoden ist im vorliegenden Buche, das, obwohl im übrigen nach 
ethnologischer Fassungsweise (und oft einer vorzüglich besten) geschrieben, in 
diesem, die Psychologie streifenden, Punkte abweicht, ein faktisches Belegstück 
geboten, wie es nicht schlagender hätte gewünscht werden können. 

In acht Kapiteln des ersten (und 4 mehr des zweiten) Abschnitts wird das\ 
Problem (die „Grausamkeit^) nach sechs Hypothesen besprochen, unter aU dem 
bisher dafür üblichen Wortschwall (trotz knappst verständiger Auswahl in den 
Citaten). 

Damit sässen wir Ethnologen ja wieder in dem' alten Sumpf, aus dem wir 
uns herauszukrabbeln dachten, um erst dann vielleicht wieder dahin zurückzu- 
kehren, nachdem es gelungen sein sollte, den vielgesuchten Weisheitsstein zu 
erlangen, zu dessen Zauberkräften dann miteingeschlossen die Macht gehören 
möchte, das muddlige Wasser der Gefühlsstimmungen in einen frisch ei*frischenden 
Erkenntnistrank zu verwandeln. 

Bis es soweit kommt, wird allerdings nun wohl noch mancher Tropfen abzu- 
rinnen haben, aus den der Zeiten Welten-Meer speisenden Quellbächen (um Zeit 
zu lassen zum Heran- und Auswachsen der kaum geborenen Ethnologie), aber 
jedenfalls werden wir besser thun, uns vorläufig um all den alten (Quarck und) 
Sauerteig nicht allzuviel zu künunem, denn wohin (o, Ihr Götter!) sollte es 
kommen, wenn bei der ungeheuerlichst an sich bereits gegebenen Massenhaftig- 
keit ihres Materials die Ethnologie bei jeder Gefühlswallung (zumal einer grau- 
samst grausamen gar) nun nochmals wieder Alles das zu durchwaten haben würde, 
was bei Nationen, Völkern, Stamm und Stämmchen (des Einst und Jetzt) auf 
der Erde, so viele derer sind — („wer kennt die Stämme, nennt die Namen") — , 
darüber geträtecht worden? (in eines Ersten-Besten Gefühlsstimmungs-Launen). 
Erst nachdem die Kunst gefunden ist, einen Hauptschlüssel zu schmieden, der 
alle Geheiroföcher gleichmässig aufschliesst, würden wir uns erlauben dürfen 
M.tY. 10 



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— 146 — 

dasjenige, was uns im eigenen Hans am nächsten liegt, am liebevollsten za 
dorcbstöbem. 

Zonttcbst indes darf an derartig behäbiges Einnisten auch entfernt noch 
nicht gedacht werden, da es zunächst die Axt zn schwingen gilt, um die Eo- 
lossalblöcke, die innerhalb weniger Dezennien ans allen Ecken und End^i der 
Erde zusammengeschleppt sind, einigermassen zurecht zu hauen und in handliche 
Form zu bringen (fttr später genaueres Ausfeilen). 

Einer an konstitutioneller Entwicklungskrankheit krankenden Zeit, — deren 
Fieberparoxysmen die Skala ihrer Temperaturkuryen (thermometrisch) in Höhe 
der Auflagen sensationellem Geschmack mundender EfiFasionen Halb- (wenn nicht 
Ganz-) Verrückter indizieren — , verbieten wollen, über Grausamkeit zu schreiben, 
würde solche gerade bekunden, bei Entziehung der den Schwerkranken am 
wenigsten versagbaren Palliativ- Mittel, und ausserdem den aufdringlichen 
Warner raffiniertesten Grausamkeiten preisgeben, weil er bald in Stücke zerrissen 
und gekreuzigt sein würde, von dem beleidigten Ohor der Federfuchser (mit 
ihren Grififeln vielleicht durchstochen, nach klassischem Muster). Der verständige 
Arzt argxunentiert nicht mit dem Irren über seine fixe Idee, wenn dieselbe da- 
durch desto mehr befestigt sein würde. 

Wenn ihm dagegen solche Frage fakultativ gestellt wird, dann hätte es 
zunächst beim „non liquet^ zu bleiben, wie soweit die in ernüchterten Intervallen 
chemisch und physikalisch ihrer Vis viva entkleidete Lebenskraft, in modern 
aufgefrischtem Gewände, dem Physiker vorgeführt werden kann, zur Fixierung des 
genauen Stellenwerthes bei Einregistrierung unter die Klassifikationen des Systems. 

Die Akten sind eben noch nicht geschlossen und brauchen weder, noch 
können sie es, bei Kürze der Zeit soweit, wo es mehr noch gilt für das, was über 
die in Tagesmoden changierenden GeftLhlsnuancierungen seitens der Ethnologie, kraft 
naturwissenschaftlicher Behandlungsweise der Psychologie, jetzt sich bereits zu 
Protokoll geben Hesse, ein provisorisch memorierendes Notizbuch zu führen, zumal 
im jedesmaligen Sonderfall erst zu verifizieren wäre, wie weit es sich um das 
visionär (oder hallucinistisch) beobachtete Phantasiebild handelt oder das aus 
eigener Verschrobenheit hineingedachte, das um so grotesker sich verrenkt, je 
mehr Schrauben los (oder lose) sind, in den Hirnwindungen (des Schreibslers). 

All solch fadenscheinig hirnverbranntes Zeug wird rasch abgethan sein, wenn 
die Zeit dafür gekommen ist, und sollte vorläufig deshalb besser bei Seite gelassen 
werden, in der Ethnologie (wo es wichtiger bessere Dinge zunächst noch zu thnn 
giebt), oder dem [cerebi-al verwässerte Cervelat- (oder Hirn-) Wurst (und ihren 
Wust) goutierenden] Phrenitiker überlassen bleiben, und zunächst möchte (ohne- 
dem) vorher erst noch die grundgelehrte Frau Philologia, den Senf etymologischer 
Nach Weisungen hinzuzuthun, ersucht werden, je nachdem es sich im konkreten 
Falle über die richtige Aufschrift handelt (crudelitas, feritas, diritas, atrodtas) 
oder sonstige inhumane „Immanitäten^, um auch aus negativen Beweisftlhrungen 
das Humane doppelt zu kräftigen (in Humanität). „Stolzer Schönen Grausam- 
keiten Sind noch immer ungemein", trillerte sich im Stil der Anakreontiker, 
aber unsere hart-saure Zeit ist auf einen schärferen Drill einexerziert (um den Kopf 



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- 147 - 

über Wasser zu halten). „Neminem laede*' in „Bechtsphüosophie^, die bei 
Verein der Ethnologie mit der Psychologie (nebenbei bemerkt) überflüssig ge- 
macht wird, nach Ansicht des Verfeissers (S. XLV). 

Wer nach gethaner Arbeit sich den Lohn der Massestanden gönnen darf, 
mag dann yergnüglich lesen, was Koryphäen in philosophischer Dialektik als 
ihre Ansichten geäussert haben über Grauen und Graus, [worin (b. Adelung) 
„Grausamkeit** wurzelt], in oft geistreich ansiehenden Wendungen, aber zur Zeit 
sollte mit solchem Konfekt der jugendliche Magen der Ethnologie noch nicht 
verdorben werden, da derselbe vielmehr au&upäppeln ist, in seinen Säuglingsjahren, 
mit dem Mutter- (und „Nahrungs-) Mehl" materialisch gesättigter Speisung, die, 
wenn wohl bekommend, desto besser dann in „evolutionischer Hypothese" zum 
Ansetzen ethischen Schwunges befähigen dürfte, für idealistische Ausflüge (mens 
Sana in corpore sano). 

Für die Praxis wäre ohnedem nichts verloren, wenn eine zeitweis zuwartende 
Stellung bewahrt wird, denn dass ethnisch schönrednerisches Phrasengedrechsel 
nie noch einen Hund vom Ofen gelockt hat, (wenn anarchistische Kläffer dahin 
drängen, die Besitzenden aus ihren wärmeren Sitzen zu vertreiben), kommt 
bald genug zum Gefühl in Dynamit und in Brandstiftungen (und unliebsam 
aufgedi^gter Familiarität mit den Tagesgesprächen darüber). Bei solchem Not- 
(oder Gross-) Feuer helfen heroische Heilmittel nur (quod ferrum non sanat, 
sanat ignis), kraft unwiderstehlicher Einschneidigkeit der Naturgesetze, wenn das 
Gros der gross^i Massen — auf dem Niveau der Wildstämme, die (hilflos geknechtet 
durch die Gauklerkünste selbstbetrogener Betrüger) in der Sklaverei an der Nase 
umhergeführt werden (im Gedankenlesen), — ebenfalls durch das intellektuelle 
„Recht des Starkem" (kraft psychologischer Durcharbeitung der Ethnologie) be- 
herrscht sein werden, und diesmal zu ihrem Besten, für pädagogisch verständige 
„Erziehung des Menschengeschlechts". 

Der zweite Teil betrifft die „Todesfurcht und den Ahnenkult* und fügt 
demjenigen, was die Ethnologie als ihr Pensum zu betrachten hat, mancherlei schätz- 
bare Materialien in ergänzender Aushülfe hinzu, ebenso der dritte Teil („Ur- 
rache", „Blutrache", „Komposition"), während Bd. II den Bachekampf in Blut- 
fehden, die Stellung der Frau, die Strafe („staatliche und göttliche") und An- 
schliessendes behandelt (in zehn Abschnitten). 

Im Gestaun (^oei/xaCciv) staunt es auf, am peripateüschen Anfemg des Philo- 
sophierens, im Wakan (der Dacotah), dem Geheimnisvollen („Mysterious") hervor- 
lugend aus den Geheimnissen ringsumher, die aus dem unbekannten schrecken. Vor 
Allem also das Geheimnis des Todes, das, wenn noch in Blasiertheit des Pessi- 
misten — nicht nur als Trost (Seneca's), sondern (aus sokratischen Beminiscenzen) 
als ürsachsveranlassung des Philosophierens überhaupt genommen (in egoistischer 
Selbstbekümmerung um die eigene Seele) — seinen Yoll-Eindmck bewahrt zeigt, 
gewaltigst also den Wildmensch erschüttern musste, im Furchtgefühl zaghafter 
Ängstlichkeit, beim GefQhl eigener Schwäche, weil von böswillig nachstellenden 
Zauberern verfolgt und gehetzt, in den Gespenstern, die überall spuken (aus 
Deisidaimonie). 

10» 



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— 148 — 

Hierbei wird nun das aus den Traum-Erinnerangen abschddbar erachtete Seeli- 
sche, in die Natur verlegt, aber zugleich mehrweniget nivelliert mit der anschlüssig 
(ans dem Reflex eigner Persönlichkeit) in allen Natm^egenständen erscheinen- 
den Seele (als Wichtlein und Yui, oder in Gana mit Zuspitzung zu Hambaman), 
wobei nun das gerade, was (als Psyche) die animalische Seele kennzeichnet, voll 
auszufällen hat, (wie in den durch die Seelen-Teilungen zugewiesenen Rubriken 
durchweg fttr sich gestellt erwiesen). 

Von den Toten, die — obwohl (aus schlimmen Rückerinnemngen eines sünd- 
haften Gewissens) meist als rachsüchtig gescheut, doch — als Gütige (euphe- 
mistisch) geschmeichelt werden, unter den Manen .oder Oromatua (sowie die Zu- 
gehörigen der Nitu), erhalten die aus nächster Verwandtschaft letzt abgeschie- 
denen (wenn hülfskräftig erachtet) die den Ahnen schuldigen Ehren, beim Über- 
gang zum Kult, dessen Einführung und FeststeUung jedoch immer vorherige 
Einrichtung des mythologischen Weltgebäudes voraussetzt (in uronographischen 
Provinzen), um die Götter entsprechend zu lokalisieren (für die Funktionen des 
ihnen zugewendeten Priesterstands). 

Wegen Mangels dieser äusseren Erscheinungsweise ist oftmals der Wilde, der 
mit jedem Atemzug in der Religion lebt und webt (mit jeder Finger- und Fuss-, 
oder sonstigen Bewegung und Regung), derselben ermangelnd beschrieben worden, 
und deshalb [wie etwa für Scheidung zwischen Wildstämmen und Naturvölkern 
die Schrift (nebst ihren Substituten) sich empfiehlt, zur Vermeidung von Wort- 
fechtereien schon] könnte die Grenzlinie des Kultus (in Kultur) da gesetzt werden, 
wo die rituellen Ceremonalien durch Textschrift (oder metrisches Memorieren) 
stereotyp ossificiert und petreficiert, ihr lebendiges Verständnis überlebselt haben, 
ausser in den äusseren Formalhandlungen, die deshalb also um so heiliger zu 
bewahren sind (in traditioneller Überlieferung), auf Grund eines (wie zu Sicyon) 
abgeschlossenen Bundesvertrags (oder duidoxri). 

Dabei wirken aus sozialen Vorveranlagungen für Sitten und Gebräuche 
(moralisch) erforderliche (und selbstgegebene) Vorschriften nach, die freilich, wenn 
aus der Civilisation (unter dem zunehmenden Streben zur Individualisierung) in Be- 
tracht gezogen, nicht vom dortigen Standpunkt, sondern auf dem des sich selbst 
als Menschen kennzeichnenden Stammes beurteilt werden müssen. 

Innerhalb solcher Einheit ist zwischen den dieselbe konstituierenden Individuen 
der Mord an sich als suicidisch ausgeschlossen, und wird (in etwaigem AusnahmeM) 
sogleich mit Bann der Austilgung getroffen, während gegen den, aus ün- oder Nicbt- 
menschen (und Fremden) auf den Besitz des Stammes (dem sein „home" sein „Castle*') 
übertretenden, Eindringling die Pflicht der Ermordung als bindend einem Jedem 
obliegt, der, wenn in ihrer Erfüllung lässig, sich dem Gesamt der Gesellschaft 
gegenüber dadurch als schuldig ihren Strafen ausgesetzt hätte; die andererseits 
dann wiedei* diejenigen trifft, die nach (später vollzogener) Umwandlung des 
„hostis" in „hospes", trotz der dadurch dem Gastrecht verliehenen Rechtskräftigkeity 
diese verletzen sollten (was Alles also durchaus selbstverständlich sein würde, 
wenn nicht in Gedankenvertakelungen eingeknäult, aus schwankendem Wort- 
gerede, im Überschwall). Die Behandlung des Verfassers, soweit diese Phasen 



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berührend, zeugt von Verständnis für die ethnologisch verlangte Betrachtungs- 
weise (auf naturgemäss gebreiteter Basis). 

Am Schluss des zweiten Teils wird, aus quellenmässig belegten Beweis- 
stücken, der ünivei-salität des Toten- (oder Ahnen-) Kultes nochmalige Bestätigung 
nachgewiesen, die freilich längst an den Schuhen abgelaufen sein sollte, indes 
bei dem hier darauf verwendeten Fleiss gern rekapituliert wird (denn doppelt 
geschürzt hält desto besser, wie das Sprichwort weiss). 

„Die Totenfurcht hat, (zumal bei dem Fragezeichen auf S. 142), „offenbar eine 
moralische, aber eine streng konservative, keine reformierende oder ideale Tendenz^, 
wird als Resultat der Untersuchung am Schluss des dritten Teils hinzugefügt, 
unter vorbehaltener Reserve für den Ahnenkult (S. 251). Aus der Todesfurcht 
spricht im Namen schon der „timor, qui primos fecit deos" (b. Lucrez), überall 
geht er um mit seinen Schrecken, der „Perchgrimne" (b. Morolt) als mx^ 
1^'yaTOc, auch für den Lebensmüden, der ihn herbeigewünscht (in der Fabel), und 
wenn ihn (nach klassischem „soi-disant) die Trauaier bejubelten, waren sie vom 
Taumel benachbarter Athanasien angesteckt, im Fanatismus des Märtjrertums 
(gleich den auf Seeligkeitsgenüsse erpichten Assassinen, und sonstigen Fanatici, 
am gewählten Fanum). 

Wie — infolge der, politisch -sozialer Exekutivgewalt aus der Machtsphäre 
einer (durch interne Konföderation die Anerkennung ihrer Orthodoxie anstrebenden) 
Hierarchie hinzutretenden, Verstärkung — die ethischen Lehrmaximen, gelangen die 
Vorstellungen über die Totenwelt zur Verwebung mit den Kulthandlungen, und 
indem sich so, zur Einfügung in den theologischen Ausbau eines kosmographischen 
Systems, die Lokalisierungen der Abgeschiedenen verschiedentlich gestalten, 
ändern auch die für ihre Sicherungen auferlegten (oder davon geheischten) Verpflich- 
tungen, um nach ihren (unter religiösen Färbungen staatlich verallgemeinerten 
Kult's) angewiesenen Stellungsnahmen eine richtige Beurteilung für die Durchschau 
jedes konkreten Sonderfalles anzunähern. Und so können fortab nur noch 
scharf detaillierende Behandlungen (solch* konkreter SonderMle) für den fer- 
neren Fortbau der Forschung förderlich sein, seitdem im Rahmen eines, die 
Generalisationen einbegriflflich HDegrenzenden, Umrisses die dafür gültigen Land- 
marken zu provisorisch fixierter Feststellung gelangt sind. 

Lu dritten Teil (den „primitiven Formen der Rache") wird (Abhdlg. 6) 
die Blutrache in näheren Betracht gezogen, und erhält besonders ihre bedeutungs- 
volle Übergangsphase in der Komposition (S. 406 u. flg.) eine umfassend scharf- 
sinnige Behandlung, indem die verschiedenen Aspecte derselben nach einander 
einer Durchsprechung unterworfen werden. 

Lides gilt auch hier, dass, nachdem auf elementar vollzogener Fundamentierung 
das Gerüst der allgemeinen Generalisationen ausreichend, wie sich empirisch 
zu ergeben scheint [aus den, unter Ermangelung neuen Zutritts, stets erneuten, 
(oder vermehrten) Bestätigungen], hergestellt worden ist, jetzt der eigentliche 
Ausbau selber zu beginnen haben würde, an all' den verschiedenen Kompar- 
timenten des Gebäudes (ein jedes für sich), so dass es also fortab, in der Haupt- 



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— 150 — 

sacbe, nur auf monographische Detailbehandlungen ankommen kann, in jedes- 
malig konkretem Sonderfall. 

Denn indem auch die Blutrache — von ihren (durch Despotie der Mode) ana- 
chronistisch fortgeschleppten Verknöcherungen (gleich denen der Gottesgerichte z.B. 
im Zweikampf) bis zu einem, bei völliger Sinnlosigkeit (aus Abstreifung jeder 
rationellen Sinnesdeutung, dieser zum Trotz) dem Zeitgeist widerspruchsvoll ins Ge- 
sicht schlagenden, Ehrenpunkt — eng verknüpft liegt (sich unauflöslich hinein- 
gezogen findet) in die ethnische Weltanschauung, welche das in den Focus 
(quotiescumque) eingestellte Anschauungsbild (des Gesellschafts- oder Volkskreises) 
behenscht, so kann auch hier nur aus monographisch umschriebener Gesamt- 
betrachtung (des einzelnen Sonderfalles) ein richtiger Abriss desselben entworfen 
werden (ohne zerrhafte Verschiebung der Perspektiven, in ihrem gegenseitigen 
Balancement mit einander). 

Nicht nur werden an sich schon — wie auch sonst überall (weil, nachdem 
einmal zugelassen, dann auch ihre Hegemonie behauptend) — die (theologisch) 
religiösen Satzungen im Vordergi-und stehen, sondern [bei einem, weil zunächst in 
Familienbanden geschürzt, die sozialen Institutionen innerlichst ein- (und hinein-) 
verknüpfenden Brauch] zugleich dasjenige noch, was aus (juristischen) Rechts- 
gesetzen das politisch interne Lel)en beherrscht. In demjenigen Entwickelungs- 
stadium, wo noch die Soldatenkaste (vollkrliftiger Männer, aus dem Mittelpunkt 
ihres Klub oder „central lodge", im Dorf lager) die Regierungsmandate durch He- 
rolde ausschreien lässt, wird eine (durch das Trotzen auf körperliche Überlegenheit 
begünstigte) Sitte mit ganz anderem (völlig vei*schiedenem) Lichte bescheinen (und 
erleuchten oder erläutern), als bei Umsetzung des Stärkeni-Rechts auf seine ideale 
Scala, wo später (kirgische) „WeissbUrte" und (gräflich) Graue, der Weisen und 
Greise, in einem (altersweisen) Senatus der Geronten oder Gnekbade (bei Kru) zu 
Beratungen zusammentreten, und wohlweislich pflegen, was dem Gesamtganzen 
(mit Abgleichung individuellen Parteihaders) bestens zu Gute kommen möchte. Und 
dazu treten dann alle die aus privaten Wunsch Stellungen zünftiger Ständegliede- 
rnngen (in statutarisch aufgeöfl&ieten Gilden der heimlich abgekarteten Orden) laut 
werdenden Ansprüche aus vielfach beeinflussten Neigungen, von welchen u. A. die 
auf Vermögensverhältnisse im Besitzstand, auf Heiraten, Rangstufen u. s. w. be- 
züglichen dankenswerte Durchsprechung (in vorliegenden Werken) erhalten haben. 
Dass die vormals besonders beliebten Rassencharaktere, die (unter provisorisch zu- 
lässigen Zusammenfassungen) für Mitbetracht mitunter zur Empfehlung kommen 
können (zu konzentrierterer Kürze der Ausdrucksweise), auf die „Einwirkungen 
verschiedener Umstände und Umgebungen auf den einheitlichen Menschentypus" 
zurückzuführen sind, ist (S. XXXIX) richtig erkannt (und bleibt so bezüglich 
das Studium der landwirtschaftlichen Züchtungsversuche dem Ethnologen nahe- 
gelegt). 

Dass ausserdem das um Rache schreiende Blut alle diejenigen Beschuldi- 
gungen hervorstösst, wie sie aus den vor heimtückischen Zaubereien bebenden 
Schreckempfindungen eingegeben sind, bedarf, bei der Allgemeinheit dieser aus 



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- 161 — 

dem Niveau des Wildzustandes durch die Unterschichtung der Civilisation fort- 
erstreckten Symptome, kaum der Bemerkung (für den ethnologisch Orientierten). 
Immerhin wird (wie bereits erwähnt) das Augenmerk weiterhin vornehmlich auf 
[die jedesmaligen Sonderfalle (in ganzer Weite all zugehöriger Beziehungen) erschöpfend 
behandelnde] Monographien zu richten sein, denn eigentlich Neues (wie sich aus 
den Erfahrungen des letzten Decenniums soweit erweisen lässt) kommt nicht mehr 
hinzu für die allgemeinen Gesichtspunkte, nachdem die Spannungsreihe der Elemente 
niedergelegt ist, und wenn etwa die Chemie ein Elementchen mehr gelegentlich 
hinzu entdeckt, föllt das stillschweigend doch in den Turnus hinein, ohne viel 
zu alterieren, oder ohne doch (jedesmal sogleich) mit Gesamtrevolution ein System 
zu bedrohen , das sich in Naturgesetzlichkeiten begründet findet (auf induktiv 
vorsichtigem Wege bedächtiglich gesichert fundamentiert). Und so also hätte es 
auch auf ethnologischer Forschungsbahn zu gelten, wenn in ihrer Methode an 
die der übrigen Naturwissenschaften angeschlossen. 

Als zeitgemässer — weil aus den Zeitbedingungen (im augenblicklichen Ent- 
wicklnngsstadium der Ethnologie) hervorgerufener — Versuch liesse sich in 
solcher Hinsicht etwa Fi-azer's „The Golden Bough" anführen, in welchem Werk 
um örtlich engste Lokalität die, durch klassische und germanistische Fachgelehr- 
samkeit revidierten, Aussagen der Texte mit den folkloristischen Dberlebseln 
zusammengruppiert sind, und zwar auf dem Durchschnittsniveau des allgemein 
durchgehend Menschlichen, über die Weite des Globus hin (wie durch die ethno- 
logisch angehäuften Beweisstücke bezeugt). Manches könnte anders, oder in 
Ergänzung gewünscht sein, aber immerhin ist hier eine brauchbare Schablone 
geboten, nach welcher ungeföhr für die nächste Zeit fortgearbeitet werden könnte, 
um erspriessliche Weiterforschungen zu zeitigen am ethnischen Wissensbaum, 
wenn der dasselbe pflegende Gärtner mit gleich günstigen Anlagen für das Ver- 
ständnis der Zeit- und Volks- (oder Völker-) Stämme ausgestattet ist, wie der 
oben genannte Autor, und der an ihn gerichtete Wunsch, um femer littera- 
rische Beschenkung, wird auch dem Verfasser des hier zur Anzeige vorliegenden 
Buches ausgesprochen, um ihn für ständige Mitarbeit zu gewinnen (im Fortbau 
der Ethnologie). 

Das Gefühl bei der Etappenstation eines kritischen Entwicklungsknotens an- 
gelangt zu sein, wo eine Schwenkung abzweigend sich vorandeutet, kommt 
mebr&ch bereits zum Eindruck, obwohl in unerlaubter Fassung des Ausdrucks, 
wenn man meint, dass genug gesammelt sei, und dass es jetzt frisch fröhlich wieder 
ans Erklären gehen könne (im behaglichen Studierstübchen des Ofenhockers). 

Zu sammeln, in Nachlesen massenhafter Fülle (um Magazine zu füllen, so- 
weit man Baum dafür hat), ist noch genug und übergenug — (und unverzüglichst 
rasch hätte dies zu geschehen, ehe durch die eingesäeten Zerstörungskeime die 
Originalitäten vernichtet sind) — auf unsrer weiten Erde, (deren psycho-ethno- 
logische Durchwanderung kaum wenige Jahrzehnte erst datiert); der Mitarbeiter 
bedarf es noch genug: derer, die frisch und fröhlich schaffen in Hitze und in 
Kälte, im Feld und im Wald, um aufzustöbern und einzuheimsen, was dort 
noch versteckt liegt (für bereichernde Ausstattung der Museen). 



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— 162 — 

Und was die Erklärungen betrifft, so werden wir geratener thon, bei der 
bisher wohlerprobten Methode zu verbleiben, nämlich (bei sparsamst reduzierter 
Zuthat der aus arm -menschlichem „Himbrei'' zusammengekleisterten Spinngewebe) 
lieber diejenigen Klärungen zu erwai-ten, die aus Lehrungen der Allmutter Natur 
selber sich proklamieren, im kristallinischen Anspringen der Gedankenreihen, 
wenn die wahlverwandtschaftlichen Afßinitäten sich zusammengefunden in vor- 
schöpfei-isch gährender Mutterlauge (aus Vermutungen und vorandeutlichen Er- 
ahnungsgefühlen, hier und da). 

Ein mikroskopisch verschärfter Einblick der Botanik hat in den (experi- 
mentell empirisch) als Zellen definirbaren Elementaranlagen den Ausgang von 
Wachstumsvorgängen erkannt, die unter den Bedingnissen äusserer (oder inner- 
licher) Ursächlichkeiten zur Überschau der aktuell hervorgetretenen Variationen 
entfaltet stehen, und indem sich aus den Einzelnheiten der Qestaltungsprozesse 
kausale Wechselwirkungen nachweisen lassen, werden dadurch, mit Aufklärungen 
über den ursprünglichen Verlauf, Winke zugleich geliefert betreffs nutzdien- 
lichsten Eingreifens, soweit derartige Foi-schungsweise genugsam bereits sich 
fortgeschritten erweist (um konti*ollierende Proben zu bestehen). 

Dementsprechend ähnlicherweis liegen, von elementaren Anfängen ab, psy- 
chische Wachstumsprozesse ausgebreitet, in den aus ethnischer Überschau des 
Globus entgegentretenden Anschauungsbildem der Völkergedanken, in der Fülle 
ihrer Variationen*)» und nach den dafür gültigen Differenzierungen mess- und 
wägbar (unter den, im logischen Rechnen, vorgeschriebenen Gesetzlichkeiten). 

Die allgemein durchgehenden Prinzipien haben sich thatsächlich festgelegt (be- 
grifflich greifbar), aber die objektiv registrierende Kenntnisnahme der aktualisierten 
(oder realisiei*ten) Resultate hat in ihren Ansammlungen fortzugehen, soweit 
Stoff dafür geboten ist (um unter Mehrung der Vergleichungspunkte die, nach 
komparativer Methode ausführbaren, Operationen der Induktion zu erleichtern), 
obwohl freilich nur durch minutiös genauest zerlegenden Niederblick in das 
Detail (begrenzlich umschriebener Sonderfälle), diejenigen (erklärenden) Klärungwi 



') „Bei noch sehr unvollständig gesanmieltem Material stehen wir noch vor der 
Aufgabe, die der Naturwissenschaft im vorigen Jahrhundert oblag, der Aufgabe der 
Klassifizierung, und der rationeUen und vollständigen Sammlung der zu jeder Abtei- 
lung gehörigen Erscheinungsformen, sodann die Verknüpfung derselben mit anderen 
Typen zu generellen Klassen** (s. Mannhardt), in der „mit der Volksüberlieferung arbei- 
tenden Mythologie** (1877). Hier, im Anschluss an (germanistisch) wohlbegründete 
Fachwissenschaft hätte, im Verfolg des Geschichtsverlaufs, auch die Chronologie ihre 
Berücksichtigung zu finden, und die Erschöpfung eines umschriebenen Areals ist ein- 
geleitet durch Versendung der Fragebogen über „Ackergebräuche", aus deren Ergeb- 
nissen bereits monographische Abhandlungen ermöglicht wurden (über den „Roggen- 
wolf", die Komdämone etc.). Was hier jedoch nun in Weite dialektisch leichtester 
Schwankungen der Volkskunde sich zur Überschau bietet, muss ftlr dauernde Ver- 
wertung später zum (konzentrierten) Extrakt kondensiert werden, während, was auf 
sporadisch weitester Zerstreuung in den ethnischen Elemcntargedanken (der Völker- 
kunde) soweit zusammengebracht ist, vorläufig einzeln getrennte Vollziffem repräsen- 
tiert (die künftighin dann ebenfalls genauerer DetaiUierung mögen zngänghch ge* 
macht werden)* 



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— 153 — 

hervorgelockt werden können, welche das im Dunkel der Pinalfragen verhtQlte Ge- 
heimnis des Werdens (im Daseienden) einstens aufzuklären versprechen, wenn 
das, die Wundergärten des als Kosmos geschmückten Alls durchwandernde. 
Denken (durch einen naturwissenschaftlich gesicherten Leitungsfaden gegen Irre- 
gehen geschützt) auf des eigenen Daseinsquelle Wui-zeln gelangen sollte (im 
Innerlichen seiner Selbst). 

um den in Australien unter der Form des Borboby (s. Lumholtz) auf- 
tretenden Zweikampf (zur Schlichtung von Stammesstreitigkeiten) zu erklären, 
bemerkt der Verfasser (Bd. II, S. 17): „Nur die psychologischen Gründe der 
Erscheinungen angeben, ist bloss die halbe Erklärung der Aufgabe, erst die 
Aufdeckung der sozialen Bedingungen dieser Motive, die erhaltene Einsicht also, 
dass nur in dem bestimmten Entwicklungsstadium, in der bestimmten weiteren 
sozialen Umgebung die Erscheinung sich vorthun könnte, ei-st diese Aufdeckung 
bildet die vollständige Lösung der gestellten Aufgabe", (mit der Gegenprobe, 
als „Probierstein"). 

In Formulierung solchähnlicher Prinzipien sind der Foi*ßchung die Richtungs- 
weisen angezeigt, um aus den allgemeinen gleichartig durchgehenden Grund- (oder 
Vor-) Anlagen, auf die jedesmalig spezifischen Besonderheiten der verwirklichten 
Ausgestaltungen zu kommen, wenn sie, auf ethno-psychischen ünterschichtungen 
elementarer Keimungen sprossend, in den Differenzierungen der Völkergedanken 
entfaltet stehen, aus den Bedürfnissen der in der Sphären weit^ zugehörig histoiisch- 
geographischer Provinz waltenden Agentien hervortretend (unter den Realisationen 
derselben). Was von dem Veifasser in Erklärungen zugefügt wird, beschränkt 
sich in bedachtsamer Masseinhaltung auf Ansätze zu (experimentellen) Erprobungs- 
versuchen, die (bei ihren Stützen auf Vorlagen thatsächlicher Materialansammlungen) 
schon deshalb zulässig sind, weil, jederzeit einer Nachprüfung zugänglich ver- 
bleibend, sie Gelegenheit zu weiterem Meinungsaustausch gewähren, um unter 
Vergleichung der verschiedenen Ansichtsäusserungen, aus gegenseitigen Rektifi- 
kationen, das gemeinsam Zutreffende zu gewinnen. Wie alle Rechnungen müssen 
die logischen (des Denkens), wenn richtig gehandhabt, richtig auch stimmen, 
um das Fazit zu ziehen, das als richtiges zu gelten hätte. 

Eingehende Studien sind der „Strafe" gewidmet, und wird dabei die Not- 
wendigkeit betont, „tiefere psychologisch eingehendere Eiforschungen des Seelen- 
lebens wilder Völker" anzustellen (S. 173). „Leider sind diese Untersuchungen 
nur noch so kurze Zeit möglich und wird bald die Gelegenheit dazu unwieder- 
bringlich vorbei sein" („und dennoch wird an die psychologische Durchfoi'schung 
dieser Völker durch hierzu ausgebildete und beanlagte Forscher nie gedacht"). 

Das sind jene Worte, die nie genugsam wiederholt werden können, weil 
vollste Beherzigung verdienend und erheischend. Und wenn neuerdings ver- 
einzelte Ausnahmsf^le bewiesen haben, mit welch' kostbaren Schätzen aus der 
Umschränkung eines methodisch durchforschten Gebiets die Ethnologie (auch jetzt, 
in elfter Stunde, noch) beschenkt werden konnte, bedrückt um so schwerer der 
Kummer um das Viele, was wir vor unsem Augen haben zu Grunde gehen 
sehen müssen, weil die Mittel rechtzeitiger Rettung fehlten. 



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— 154 — 

Gleichgültig noch blickt jetzt man hin auf solche Verluste, die, wenn ihrer 
ganzen Schwere nach in künftigen Tagen realisiert, den Vorwurf zurückfallen 
lassen werden auf diejenigen, die dabei standen, ohne Hand anzulegen, obwohl 
bescheidenste Mittel schon genügt haben würden, das Unheil abzuwenden. 

Das diese einem Jeden aufliegende Pflicht, hier nochmals zu besonderer 
Aussprache kam, wird um so dankenswert lieber Anerkennung finden, weil diese 
ausserdem noch gebührt für die der ethnischen Litteratur gewährte Bereiche* 
rung mit einem Werk, das die unter übersichtliche Gruppierungen verteilten Aus- 
sagen vorliegender (und aus der Zerstreuung zusammengebrachter) Materialansamm- 
lungen in vei*ständige Durchsprechungen nimmt, soweit sich dieselben auf einem, 
dem Fusse gesichert unterbreiteten, Boden zu bewegen vermögen. Wenn derselbe 
unsicher zu werden beginnt, ist (ehe die Strasse sich fortbauen lässt) ein Hin- 
überschreiten zu vermeiden, um die auf induktiver Forschungsbahn gültigen 
Vorschriften einzuhalten für gedeihliche Förderung der Studien (auf gegenwär^ 
tigern Status-quo derselben). Indem deutlicher erkennbar die Scheidungsstriche 
markiert stehen, werden dadurch die Verteilungen auf denjenigen Arealen um- 
schrieben sein, welche sich zunächst für monographischen Ausbau zu empfehlen 
haben, unter minutiöser Detaillieining, bis auf letzte Erschöpfung aller ursäch- 
lich mitsprechenden Bedingungen, für die daraus hervorgetretenen Folge Wirkungen 
(soweit sich mit dem verfügbaren Material in den innerlichen Kern bereits hinein - 
diingen lässt). A. B. 

Das Bulletin de la Society Royale de Geographie d'Anvers bringt 
T. XX (als Foi*tsetzung aus T. XIX) eine ebenso weitangelegte, wie eingehend 
erschöpfende Arbeit (Essai de Thistoire de Töcole cartographique anverroise au 
XV. si^cle, par M. le lieutenant-göneral Wauvermans, pr^ident de la Soc.), 
welche auch für die Geschichte der Kolonien volle Beachtung verdient (um sie 
aus ihren Anfängen zu verstehen). A. B. 

Ausnehmend wertvolle Bereicherungen für die ethnologische Litteratur ver- 
spricht das seit 1892 erscheinende „Journal of the Polynesian Society" 
(Wellington, N. Z.), das bis zum Junyheft 1893 soweit vorliegt und wenn auf 
laufendes Datum ergänzt, Gelegenheit bieten wird, darauf zurückzukommen (im 
nächsten Hefte). In No. 4 (Vol. II) findet sich (von Percy Smith übersetzt) 
ko the hoenga mai o te Arawa, i-aua ko Tainui i Hawaiki, in Bezug auf die 
in erster Abhandlung dieses Heftes zur Anzeige gebrachte Tafel (I). A. B. 



♦ ♦ ♦ 



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Nachfolgend aufgeführte Sammlungen, die bei Verhandlungen darüber, für vorläufige 
Aufbewahrung im hiesigen Museum verblieben sind, stehen dort zur Besichtigung ffir 
etwaigen Ankauf. 

Die Korrespondenz kann direkt mit den Eigentümern geführt werden (unter der 
angegebenen Adresse), oder sofern eine Vermittelung erwünscht erscheint, wird dieselbe 
von der diesseitigen Verwaltung gerne gewährt werden (auf Anfragen, die von anderen 
Museen zugehen sollten). 

1. Eine wertvolle Sammlung peruanischer Altertümer: Gegen 140 Thongefässe, viele 
mit schöner Bemalung, eine Anzahl Kupfer- und Holzgegenstände, Mumienmasken aus 
Kupfer, silberne Schalen, kleinere Gebrauchsgegenstände und Gewebereste, fast alles in 
Chimbote von Herrn J. M. Boliver persönlich gesammelt. Durch Vermittelung des National- 
museums in Caracas angekauft und gegenwärtig im Besitz des Herrn 0. Plock (Berlin, 
Unter den Linden 35). Auf Wunsch kann Spezifizierung zur Verfügung gestellt werden. 



2. Eine japanische Sammlung, im Ganzen gegen 3000 Stücke; darunter 200—300 
Kozoka's, ca. 780 Kodzuka-Griffe, ca. 1300 Menuki's, ca. 200 Schwertgriflfbeschläge, 
20 EOgai's sowie eine grössere Anzahl Lanzen, Schwerter, Bogen, Pfeile, 3 Rüstungen, 
einige Netsuke's, 158 Bücher sowie ein Dutzend Bildrollen ; zusammengestellt bei längerem 
Aufenthalt in Kobe, gegenwärtig im Besitze des Herrn Rudert in Berlin S., Kottbuser- 
damm 36. 



3. Gegenstände gesammelt von Herrn 
afrika (im Auftrage d^r A. S. C). 

1. Köcher mit Pfeilen. Ussnkuma. 

2. Bogen. Ussukuma. 

3. Stab. Uganda. 

4./5. Zwei Elephanten-Speere. Ugogo.. 

6. Schnur mit Scheiben von Straussen- 
Eiern. Ugogo. 

7. Körbchen. Wahuma. 

8. Spiralarmband. Ugogo. 
Eigentümer: Lieutenant Meyer, per 

Priegnitz. 



Lieutenant Meyer auf Expeditionen in Ost- 

9. Kopfschmuck mit Messingzungen. 
10. Dolchmesser. Ussiba. 
11./12. Zwei Speere. Wataturu. 

13. Speer. Ussukuma. 

14. Speer. Wahuma. 

15. Schild. Ukerewe. 

16. Schild. Uganda. 

17. Schild. Kawirondo. 

Adr. Frau Rektor Meyer, Wittstock, Ost- 



Sammlung von den Mpongwe, 
(Bayreutherstr. 17 a, Berlin). 

1. Streitaxt (mit Ringen). 

2. Desgl. (ohne Ringe). 

3. Desgl. 

4. Schwert mit breiter Holzscheide. 

5. Schwert mit spitzer Holzscheide. 

6. Breites Schwert ohne Scheide. 

7. Schwert mit spitzer Scheide. 

8. Schwert mit breiter Holzscheide. 

9. DesgL 



übersandt durch dort Ansässige an Herrn Oeler 

10. Schwert mit Scheide (mit Eidechsen- 
haut überzogen). 

11. Schwert mit Scheide (desgl.). 

12. Desgl. 

13. Desgl. (mit Schlangenhaut überzogen.) 

14. Desgl. mit 10 Amnletten am Gurt. 

15. Schwert mit breiter Holzscheide. 

16. Schwert ohne Schneide. 

17. Schwert mit spitzer Holzscheide. 



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- 156 



18. Dolch mit Holzscheide. 40. 

19. Dolch mit Scheide (Eidechsenhaut). 41. 

20. Häuptlingshelm, mit Knöpfen und ^3. 
Schnüren besetzt. 55. 

21. Kopfbedeckung aus Affenfell. 58. 

22. Korbgeflecht. 65, 

23. Werkzeug aus der Säge des Sägefisches 72 

24. Hut vom Rau-Neger. 73. 
25 a— e. Geld (stärkere Bündel). 74. 
26a-b. Desgl. (schwache Bündel). 75. 

27. Lanze, Stiel defekt. 76. 

28. Desgl. 77. 
29 Armbrust ohne Sehne. 78. 

30. vacat. 79. 

31. Kleine Fackel. 80. 

32. Armbrust mit Sehne. 81. 
83. Gummitragnetz. 82. 

34. Blasebalg. 83 

35. Harfe. 84: 
86. Holzglocke. 85. 

37. Glocke von Eisen. 88. 

38. Desgl. 89. 

39. Holzfaserstoff. 



Harfe (defekt). 

> Löffel und Kellen aus Kürbis. 



^- 1 Pfeifen (Thon) z. T. defekt. 



- \ Ein Satz Körbe. 



Hoher Korb. 

Desgl. 

Köcher. 

Fischreuse. 

Tornister. 

> Tragbänder, 

Flaschenkürbis. 
Fliegenwedel. 
Harfe (defekt). 

> Geschnitzte Holzlöffel. 

> Lanzenspitzen. 
Elephanteu-Backzahn. 



Gegenstände gesammelt durch Herrn 
Kolonialdienst. Gegenwärtiges Eigentum 

1. Speer der Wagogo. 

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3./4. 2 Ledermäntel der Wagogo. 

5/6. 2 Lederschurze „ „ 

7. Schild „ „ 

8. Schnupftabaksdose „ „ 

9. Speer der Wassukuma. 
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18. Speer der Wahuraba. 
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von Bülow (auf Expeditionen in Ostafrika) im 
des Fräulein von Bülow, Berlin-Lichterfelde. 

28. Speer der Wahumba. 



29. 


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30. 


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31. 


Keule der Massai. 




32. 


Bauchring 


aus Messing mit Spiralen. 
(Massai.) 


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39. 


Bauchring 


aus Kupfer. Massai 


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40. 


Halsring der Massai. 




41. 


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42. 


Gesichtsrahmen mit Federn. 


Massai. 


43. 


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44. 


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46. 


FeUmütze 


der Massai. 




47. 


Bambusbüchse „ „ 




48. 


Speer, Zuluform. Wabebe (?). 




49. 


„ der Warandi. 




50. 


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Manyema. 




61. 


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— 157 — 



62. 
53. 

54. 
55. 
56. 
57. 
58. 
59. 
60. 
61. 
68. 
68. 
64. 
65. 
66. 



Speer der Manyema. 
Axt, ciseliert und mit Kupfer eingelegt. 
Manyema. 
Desgl. 

Schild aus Uganda. 
Röcher mit Pfeilen der Wanyamwesi. 



4 einzelne Pfeile 
Bogen ohne Sehne 



1 grosse Pincette „ „ 

Schwert-Messer der N. 0. Bantn. 



67. 
68. 

69. 

70. 
71. 
72. 
78. 
74. 
75. 
76. 
77. 
78. 
79. 



Schwert-Messer der N. 0. Bantu. 
Messer, Klinge europäisch, Scheide 
geschnitzt. Wayao. 
Trichterförmiger Gegen- \ Ohne 
stand aus Weissblech. > nähere 
Wedel aus Giraffenschwanz. J Angaben. 
Speer der Wagogo. 



Sfldsee. 

Sammlung des Natnralienhändlers Herrn Ribbe 
(Qbersandt durch seinen in Melanesien reisenden Sohn Herrn Ribbe). 



No. 



Gegenstand. 



Inland. 
Name. 



Ursprungsland. 



1-19 

24—28 

29-31 

82 

88/34 

86—47 

48/49 

60 

51-86 
87-90 

93 

94 

95/96 

97 

99/100 

101 

103, 104, 

106, 107, 

109 

110 



'•} 



19 Stimschmucke aus Perlmutter für 

Männer 

5 Halsschmncke fOr Männer 

8 desgl. desgl 

1 Stimschmuck aus Muschel und Perl- 

mutter 

2 Stimschmucke aus Muschel und Perl- 

mutter 

18 Armbänder ans Fasern für Männer . 

2 Armbänder aus Muschelgeld . . . . 

1 Kopfschmuck aus Schweinsborsten für 

Männer 

86 Armringe aus Perlmutter 

4 Armringe, werden dicht am Handgelenk 

getragen 

1 Leibgurt aus Muschelgeld für Frauen . 

1 Halsschmuck für Männer 

2 Nasenschmucke für Männer . . . . 

1 Halsschmuck für Männer 

2 Armringe 

1 Leibgurt für Männer oder Frauen . . 

5 Holzkeulen zum Kampf 

1 Fischlanze 



Galangan 

Kap-Kap 

Feie 

Galangan 

Kalaki 
Tambara 



Caput 
Lele 

Nisena Bore 
Sukukus 

Tongongos 

BUumbanga 

Gnnumby 

? 

Agong 

Palaran 

Kusor 



Herzog York-Insel. 
Neu Irland, Nusa. 
Neu Irland, Kores. 

Herzog York-Insel. 

Neu Irland. 
Herzog York-InseL 

{Herzog York-Insel, 
Mioko. 

do. 
Herzog York-Insel. 

Neu Irland. 
Neu Irland, Laura. 

{Herzog York-Insel, 
Mioko. 
do. 
do. 
Admiralltäts-Inseln. 
Neu Irland. 

do. 

do. 



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— 158 - 



No. 



Gegenstand. 



Inland. 
Name. 



Urspnmgsland. 



111-113 

114-123 

124 

125 

126/127 

128/129 

130 

131 

132/133 

134 

186 

138 

139/140 

141 

148, 149, 

152, 153, 

157, 158, 

161 

165, 

168-170, 

172 

177 

184 

186 

187-192, 

194-196, 

198 



^} 



205/206 

211 
214/215 

216 
217-220 
221-223 
225/226 
227/228 
229/230 

232 

234-236 

237 
238-240 

246 

248 

249 

250 

252 
253/254 



3 Wnrflanzen 
10 ., 
1 
1 

2 

1 Stechlanze 
2 

1 

1 grosses Holzbeil zum Tanz 

!• >» n >» »> 

« » >» ■ ♦» »> 

•*• »t n 1» »» 



7 Oeräte beim Tanz, yon dem Mann in 
der Hand getragen 



1 Tanzmaske zum Tanz „Tanna** . . • 
1 „ „ „ „Kulapteine«* . 

1 Tanzgerät, wird in der Hand getragen 

10 Tanzgeräte, werden im Munde ge- 
tragen 

2 Stöcke Rotang, beim Tanz um den 

Leib getragen 

2 Götzen (Mann und Frau) aus Kreide . 

1 Götze aus Holz geschnitzt ...... 

2 Steinbeile 

1 Steinbeil zum Canoebauen 

4 Steinbeile zum Canoebauen . . . . 

3 Ruder 

2 Canoemodelle . . . 

2 Bebälter fOr Betelnuss 

2 Steinschleudern 

1 Bambusstock zum Aufbrechen der 

Kokosnüsse für Männer 

3 Flöten aus Bambus 

1 Kalkdose 

3 Lendenschurze für Frauen ..... 

1 Trinkgefäas für Kawa 

1 Korb 

1 Kalkgefäss mit Brandmalerei .... 
1 geflochtenes Beutelchen 

1 Halsschmuck für Frauen 

2 Lendenschurze für Frauen, werden über 

den grösseren getragen 



Sinrikur 

Balo 
Balalette 

Aponok 

Marita 

? 

? 

? 

Sua 

Iniila 

Kom 

Manden 

Kok 



Pampan 

Keau 

Bunum 
Kniapteine 
Sokombre 

Lam 



Neu Irland. 

do. 

do. 

do. 

Neu Britannien. 

do. 

Samoa. 

Neu Britannien. 

Neu Irland. 

Buka. 

Neu Irland. 

do. 

Mioko. 

Kombian. 



Mioko. 



do. 

Nnsa. 

Lamut mut 

Nusa. 

do. 



Naparik 


Utuan. 


Marokana 


Neu Irland. 


Rnlei 


Gadui. 


Giam 


Rimbo. 


Giam 


do. 


Mass 


do. 


Osso 


do. 


Wai 


do. 


Lokopid 


Mioko. 


Alu 


do. 


Au 


do. 


Juko 


do. 


Kambak 


do. 


KUaun 


do. 


Ipu 


Samoa. 


Ato 


do. 


? 


Malagita. 


? 


Neu Guinea. 


? 


Wallis-Inseln. 



do. 



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— 169 — 



No. 



Gegenstand. 



Inland. 
Name. 



Ursprungsland. 



265 
261 
362 
263 
264 
265 
267 



270 
271-278 

274 
276-287 



290 
291 



292 



294-299 

300 
801 

302 
308 



A. 1/2 
A. 8 
A. 4-10 
A. 11 
A. 12-14 
A. 15 



1 Lendenschurz 

4 Lendenschurze aus Baumbast. . . . 

1 Rinderschlafmatte 

1 Lendentuch 

1 Holzger&t 

1 Steinschleuder 

1 Kopfschmuck 

1 Stimschmuck 

1 Oefäss zum Aufbewahren loser Diwara 
1 Halsschmuck f&r Frauen 

3 Kopfschmucke 

1 Stimschmuck 

12 Katzenaugen 

Diverse Steine fEür einen Bohrer . . . 
Falsche Diwara, werden zum Aus- 
schmücken der Waffen benutzt . . 

Geld, 74 m = 2 M. Wert 

Geld = Vi— V« m = 10 Faden Diwara, 
wofür man eine Frau oder zwei 
Schweine kauft 

Opossum-Zähne, 100 = 1 Faden Diwara 

Wert eines Stückes = 60 Pfennige . . 

2 weisse | ^^^ ^.^^ Stückes = 60 Pf. 

4 schwarze j 

Wert eines Fadens = 2 M 

Muscheln, woraus Pele und Gangara be- 
reitet wird 

Dieselben fertig zum Durchbohren . . 
Dieselben durchbohrt 

2 Steinbeile 

1 Schamschurz für Frauen 

7 buntgeflochtene Armringe 

1 Thonpfeife 

8 verzierte Kämme 

1 grosse Holzspirale, als Armschutz für 

einen Bogenschützen 



? 
Siapo 

? 

? 

? 

Alu 

Caput 

do. 

? 

? 
Caput 

? 

? 

? 

MenUk 
Tecogut 



Arangit 

? 

Pele 

Gangara 

Diwara 

? 

? 
? 



Wallis-Inseln. 

Samoa. 

Ellicegruppe. 

Neue Hebriden. 

Herzog York-Insel. 

do. 

do. 

do. 

do. 

Schouten-Inseln. 

Herzog York-Insel. 

Neu Britannien. 

Herzog York-Insel. 

do. 

do. 
Neu Irland. 



do. 
do. 
do. 

do. 

Neu Britannien. 

Herzog York-Insel. 

? 
? 



Bougainville. 

do. 

Alu. 

Buka. 

Alu. 

Alu. 



4 ♦ 



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ß^' 



n 









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TAFEL I. 



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Ethnologisches Notizblatt. IK 



TAFEL II. 







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Ethnologisches Notizblatt. 



Herausgegeben 



TOD der 



Direktion des königlichen Maseums fär Völkerkande 

in Berlin. 



Heft 3. 

(Jahrg. L) 
Mit 43 in den Text gedruckten Abbildungen und drei Tafeln. 



1896. 

Druck und Verlag von A. Haack. 

Berlin. 



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Königliches Museum far Völkerkunde. 

Ethnologische Abteilung. 

Direktor: A. BastiaD. 



Prof. Dr. A. Grunwedel 
Prof. Dr. W. Grube 
Dr. F. von Luschan 
Dr. W. Seier p. t. com- 
missarisch yerti'eten durch 
Prof.Dr. von den Steinen 

Dr. P. W. K. Muller 
Dr. WeuJe 



Direktorial-Assistenten. 



Hilfsarbeiter. 



Dr. Preuss, Volontär. 

Dr. Jannssen, Volontär. 

Für die Bibliothek: Herr Sinogowitz. 



Für Mitteilungen der Prähistorischen Abteilung dienen die »Nach- 
richten über deutsche Altertumskunde« (als Beilage zur »Zeitschrift für 
Ethnologie« ausgegeben). 

Dr. Voss, Direktor. 

Dr. Götze, Direktorial- Assistent. 

Kandidat Brunn er, Hilfsarbeiter. 

Dr. Poppelreuter (für die Schliemann-Sammluug). 



Konseryator: Herr Krause. 

Die Veröffentlichungen aus dem M. f. V. erscheinen bandweis 
(ä 4 Hefte), seit 1889 (Band IV im Druck), als Fortsetzung der »Original- 
Mittheilungen« (1885 n. f.). 

Der Führer (1895) steht den Besuchern käuflich zur Verfügung (am 
Eingang des Museums). 

Desideratenlisten werden auf Nachfrage gratis verteilt (für For^ 
schungsreisende). 



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RECEIVED, 
APR25;/4PfG. 
PEABODY IViUSEUM. 



Inhalt. 



8tlt0 

Notizen ans den Reisen des Hrolf Vaugban Stevens in Maläka 1 

Notizen ttber eine Terracotta aus Magdischu 12 

Bericht Ober den Besuch des Königlichen Schlosses zu Schwedt zur Besichtigung 

alter Gemälde mit ethnographischen Darstellungen 15 

Über den Ausdruck Kä^asütra 28 

Die drei Welten nach einem humoristischen Bilde von Utagawa Sadashige (Taf. I) 26 

Zum Fetischwesen der Ewe (Taf. 11 und III) 29 

Indianische Kartenzeichnungen und KerbstOcke 38 

Zur Ornamentik der Maori 40 

Abbildung grösserer Holz-Idole 41 

Ostafrikanische Erwerbungen im Jahre 1895 (von den Beamten der Abteilung zu- 
sammengestellt) 42 

Bttcherschau 49 

Eubary (Ethnographische Beiträge zur Kenntnis des Karolinen-Archipels). 
Zintgrafif (Nord-Kamerun). Haddon (The Decorative Art of British New- 
Qninea). Les Memoires historiques de Se-ma Ts'ien (Edouard Chavannes). 
Gomperz (Griechisches Denken). Chaignet (Histoire de la Psychologie des 
Grecs). Müller (Theosophy or psychological Religion). Müller (Anthropo- 
logische Religion). American Anthropologist (VIII, No. 4). Brinton (The 
Aims of Anthropology). Proceedings of the American Philosophical So- 
ciety (XXXrV, 147). Psychological Review ft, 4). Boas (Fifth Report on 
the Indians of British Columbia). Giddings (The Theory of Sociology). 
American Journal of Psychologie (Tilcherer). International Journal of Ethics 
(White). Hodge (The first discovered City of Cibola). Dali (Alaska as 
it was and is). FuUerton (The psychological standpoint). American Folk- 
lore (Vni, 29). Seebohm (The tribai System in Wales). Archaeological and 
Ethnological Papers of the Peabady Museum (Putnam). Folk-lore (VI, 3). 
Wake (Memoirs of the International Congress of Anthropology). Spencer 
(The inadeqnacy of natural selection). Spencer (Weissmann Once More). Ro- 
manos (Kritische Darstell, d. Weismann'schen Theorie). Mind, N. S. VII, 1894. 
Annais of the American Academy (IV, 4). Journal of the Anthropol. Society 
(III, 6). Monist (VI). Internationales Archiv für Ethnologie (Schmeltz). 
Dorsey (The Study of Anthropology in American Colleges). Krause (Ab- 
riss und Geschichte der Griechischen Philosophie). Krause (Zur Religions- 
philosophie und Spekulativen Theologie). Hermes, Bd. 30. Rheinisches 
Museum für Philologie (Jahrgang 1895). Tarde (Les Lois de Tlmitation). 
Haacke (Die Schöpfung des Menschen und seine Ideale). Goltber (Hand- 
buch der Germanischen Mythologie). Puini (Idee cosmologiche della Cina 
antica). Foumereau (Le Siam ancien). Fischer (Die Hunnen im schwei- 
zerischen Eifichthal). Abr^gö du Bulletin de la Soci^t^ Hongroise de Geo- 
graphie. Ploss-Bartels (Das Weib). Beneke (Fragebogen über d. rechtlichen 



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IV 

8«i» 
und wirtschaftlichen Verhältnisse der Natur- und Halbkulturvölker). Biolo- 
gisches Centralblatt (XV, 8). Zeitschrift für Kirchengeschichte (XV, 2). 
Jacobsen (Reise in die Inselwelt der Banda-Molukken^. Gribble (History of 
the Deccan). Ratzel (Völkerkunde). Windisch (Mara u. Buddha). Aymo- 
nier (Voyage dans le Laos). Revue de THistoire des Religions (Röville). 
Bijdragen tot de Taal-Lands en Volkenkunde van N. J. Peters (Das Deutsch- 
Ostafrikanische Schutzgebiet). Neumann (Die Reden Gotumo -Buddhas). 
Clerq de (Bijdrage tot de Geschiedenia van het Eiland Banka). Wiiloso- 
phische Studien (XI). Ferri (Sozialismus u. Moderne Wissenschaft). Meyer, H. 
(Die Insel Tenerife). Centralblatt für Anthropologie, Ethnologie und Urge- 
schichte (Buschan). Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Natur- u. 
Völkerkunde Ostasiens (Dr. Florenz). Comptes Rendus des S6ances de la 
Soci6t6 de Geographie (Cordier). Preussische Jahrbücher (Novbr. 1895). 
Hontheim (Der logische Algorithmus). Mitteilungen d. Geograph. Gesellsch. 
(für Thüringen) in Jena (Kurze u. Regel). Schmidt, E. (Reise nach Südindien). 
Frankfurter (Ein Siamesischer Eulenspiegel). Oslwald , (Überwindung des 
wissenschaftlichen Organismus). Ambrosetti (Los Indios Caingua del Alto 
Parana). Diestel (Buddhismus und Christentum). Lipsius (Lehrbuch der 
evangelisch -protestantischen Dogmatik). Timehri (Juni 1895). Deutsche 
Morgenländische Gesellschaft (1845—1895). Grierson (On the phonology of 
the Modem Indo-aryan Vernaculars). Schröder (Vorlesungen über die Al- 
gebra der Logik). Faye (Sur l'origine du Monde). L' Anthropologie VI, 6 
(Tautain). Boggiani (Vocabulario dell' Idioma Guana). Zeitschrift f. afri- 
kanische und ozeanische Sprachen II, I (Chatelain). Ethnologische Mittei- 
lungen aus Ungarn (Herrmann). Brandstetter (Malayo-polynesische Forschun- 
gen). Müller, M. (Chips of a German Workshop). Higginson (Die Frauen- 
frage). Thomson (The Kalou-Vu). Post f. 
Webevorrichtungen (cf. Globus) 128 



Die in diesem Hefte nicht gezeichneten Artikel vertritt der Herausgeber, 
als Verfasser (A. Bastian). 



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Notizen aus den Reisen des Hrolf Vaughan Stevens 

in Maläka*). 



Von dem unermüdlichen Erforscher der »Wilden Stammet der Halb- 
insel Maläka sind innerhalb der letzten Monate umfangreiche Sammlangen 
aus dem Gebiete der Orang Djäkun eingegangen, als Beschreibung dazu 
liegt so massenhaftes Material an Manuskripten vor, dass die Sichtung 
und Bearbeitung derselben noch geraume Zeit wird in Anspruch nehmen. 
Um die Bedeutung dieser Beobachtungen zu zeigen, mögen im folgenden 
einige Proben gegeben werden. 

I. Der Tigerzauber der Belendas. 

Zur Bannung des Tigers dient ein von den Zauberern hergestelltes 
Gebilde aus Blättern etc., welches sich aus folgenden Teilen zusammen- 
setzt (vgl. die Abbildung unter Fig. 1 und 2): 





Hohe des 
ganzen 
Gehänges 
i 86 cm. 

C 



Fig. 1. 



Fig. 2. 



>) Vgl. Veröftentl. U 3/4; III, 3/4; Zeitschrift f. Ethnologie 25, 1893; 71-100; 
«6, 1894; 141—188. De indische Gids, Novemher 1894. 

M. f V. 1 



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~ 2 - 

A. dem Körper des Tigers. Er wird dargestellt durch einen Büschel 
zusammengerollter Blätter der »S'lowk« *)- Pflanze; welche unten in Form 
von Fransen in Streifen geschnitten sind, welche Fransen so lange die 
Blätter frisch sind, gerade herabhängen. Dieser sogenannte Tiger wird 
nun, um die Kraft des Tieres symbolisch niederzuhalten, durch eine An- 
zahl von Blasrohrpfeilen durchstochen. Obwohl nun Blasrohrpfeile dar- 
gestellt werden sollen, werden doch nie die fertigen wirklichen Pfeile 
benutzt, sondern die zu Pfeilen zugeschnittenen dünnen Streifen von 
Bertam-Palmrinde. Die Zahl dieser Pfeile ist nicht fest vorgeschrieben, 




^h^^^M 





D 

Fig. 3. 

es kann eine beliebige Anzahl gebraucht werden, soviel die Grösse des 
Quastens, der den Tiger darstellt, zulässt, doch sind sie immer in zwei 
Reihen eingesteckt. 

B. Wenn djese Pfeile durchgeschoben sind, werden sie an beiden 
Enden mit einem darangesteckten Quastenbüschel von »Slowkc-Blättem C 
behängt, welcher wie eine verkleinerte Wiederholung der Mittelfigur A 
aussieht. 

Der »Tigert A wird an eine lange Rotanschleife befestigt, damit das 
Ganze aufgehängt werden kann. An diesen Rötan wird nun bei D auf 
die rechte Seite das »S'laak«^) angehängt. »S'laak« ist ein doppeltes Blatt 
mit Mustern bemalt, welches wie ein Plakat an dem ganzen Gehänge aus- 
sieht, 20 cm hoch, 7Vi cm breit. Diese Muster sind unter D abgebildet Sie 
bestehen aus einer Anzahl schematischen Figuren , welche mit Drachenblnt 
aufgemalt sind; am Rande der breiten (auf der Zeichnung durch Schraffie- 
rung angedeuteten) roten Striche laufen abwechselnd schwarze und weisse 

*) Nach freundlicher Mitteilung des H. Hennings eine Musacee (Heliconia), wall^ 
Bcheinlich der Typus einer neuen Gattung, die mit Lowia verwandt ist. 
*) bedeutet oifenbar blos „Blatt"; vgl. Veröffentl. Tu, 3/4 S. 178. 



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i«i] 



mm 



Ei 



El. 



— 3 — 

t^unkte hin. Über das ganze Verfahren vergleiche man Zeitschrift für 
Ethnologie 1894 S. 152* Aaf der anderen Seite des Rotans hängt dabei 
das »Kahal« Ei. Seitenansicht, E2. An&icht von 
unten; 15 cm lang, 7 cm hoch. Es ist ein aus Blat- 
tern zusammengestecktes Gefass (Fig. 5) ffir Wasser. 
In dem »EahaU liegt gewöhnlich ein »Ghen- 
nöw€ oder Sprengwedel, welcher in derselben 
Weise hergestellt ist, wie die aus S'lowkblättem 
gefertigten Quasten G, G. Ober dem »Kahalc ^'S- 6- 

hängt das »Tokkhort oder das Wassergefäss aus einem Bambusgliede F, 
30 cm lang, aus welchem das Wasser in den »Eahal« gegossen 
werden mnss. Denn die Figuren, welche auf dem »Tokkhor« aufgemalt 
sind, enthalten die Zauberkraft in erster Linie und die 
Muster des »EahaU dienen nur dazu, sie iu dem umge- 
gossenen Wasser zu bewahren. Die Malereien auf »Kahalt 
und »Tokkhor« sind in derselben Weise hergestellt, wie bei 
dem »S'laak«; nur haben die roten Linien des »Tokkhorc 
am Bande blos schwarze Punkte, während die weissen in- 
mitten der roten Bahn laufen. Wenn das ganze Gebilde 
nun fertig und aufgehängt ist, so wird eine Blume (oder 
mehrere) der »Latoom« -Pflanze^) daran befestigt, wo es eben 
geht, gewöhnlich bei der Knüpfstelle des »S'laak« an den Fig. 6. 
Rotan (bei x der Figur). Eine Blume dieser Pflanze muss mindestens 
daran sein, doch ist der Platz dafür nicht bestimmt. Früher hing der 
ganze Apparat überall in jedem Hause der Orang Belendas; aber der 
Sprengapparat wurde nur benutzt, 1. wenn ein Orang Belendas auf seinem 
Wege durch den Wald von einem Tiger angegrifiFen, verwundet worden 
und dann entkommen war. Dann holte man den Zauberer und dieser be- 
sprengte den Verwundeten mit Wasser, welches aus dem »Tokkhort in 
den »Eahal« gegossen worden war. Man glaubte, dass dies dem Ver- 
wundeten zur Genesung verhelfe. 

2. Femer wurde der Sprengapparat gebraucht, wenn die Spuren 
eines Tigers sich in der Nähe des Hauses hatten sehen lassen. Dann 
besprengte der Zauberer den Eingang des Hauses in derselben Weise und 
beschützte es dadurch, dass er das ganze Gehänge unter die Thüre hängte. 
Dann wirkte der Zauber auf dem »S'laak« die Tiger abzuschrecken. 

3. Wenn ein Mann erkrankte an Dysenterie, Eoiik, überhaupt »Leib- 
Bchneident, so glaubte man, dass diese Erankheit durch den Einfluss des 
Tiger-hantu zu erklären sei und der Eranke wurde besprengt, wie es oben 
beschrieben ist. Man glaubte dann, dass der Hantu in dem Geräte selbst 

*) Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Hennings Eiitnxia cristata. 



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_ 4 — 

stecke und man trieb ihn daraus ans in die >Latoom«-Blume bei x, wo 
er dann dnrch die Fransen der Büschel C als eingeschlossen galt. 

Bezüglich der Verbreitung des Tigerzaubers unter den Orang hütan 
giebt Herr H. V. Stevens noch die folgende Notiz: »Ich habe bei ver- 
schiedenen Gelegenheiten und an 'verschiedenen Orten gleichmässig unter 
den Sinnoi, Bersisi und Kenäboi von dem Tigerzauber gehört, nie aber 
unter den Orang Benüa oder Orang Djäkun. Es scheint auch als ob die 
Laien, das heisst diejenigen, welche gewöhnlich die Dienste des Zauberers 
sich anmaassen ^), es nie versucht hätten, den Zauber nachzumachen. Da 
nun die echten alten Zauberer nie das Gebiet ausserhalb des malaiischen 
Einflusses verlassen, so ist die Verbreitung des Tigerzaubers eine sehr 
eingeschränkte, obwohl sie in alten Zeiten sicher ganz allgemein war. 
Es ist nicht etwa der Umstand schuld, dass in der Nähe der halbcivili- 
sierten Orang hütan keine Tiger mehr vorkämen, im Gegenteil für einen 
Tiger, welcÜ^en man etwa im Dschangel trifft, giebt es hier wohl zehn. 
Der Grund liegt wohl darin , dass der Tiger im Dschangel vollauf zu 
fressen hat und infolge dessen weniger reizbar ist als in der Nähe der 
Kultur; es scheint als ob die zahlreichen Verluste von Menschenleben bei 
den civilisierten Orang hütan Misstrauen gegenüber dem Zauber erweckt 
hätten, wenn er nicht von jemand hergestellt wird, der im Vollbesitz der 
alten Macht der Zauberer ist. 

2. Tiger-totem und Mfisang-totem. 

Es ist schon früher erwähnt worden, dass die Belendasnation in fünf 
alte Clane zerfiel, welche hiessen »Blatt«, »Schlange«, »Fisch«, »Dom« 
und »Tiger«. Ebendort war auck'des Clanes »Müsang« gedacht worden, 
welcher infolge von Missheirat als Untergruppe des Tigerclanes festge- 
stellt wurde; vgl. Zeitschrift für Ethnologie 26, 1894, S. 160 f. 

Ich gebe im folgenden die Muster dieser Clane mit Stevens' Notizen. 

Fig. 7. Dies Muster ist von ungewöhnlichem Interesse. In alten 
Zeiten bemalten sich die Sinnoi im Gesichte mit weissen, roten und 
schwarzen Farben — mit diesen Farben sicher, wenn nicht mit mehr, 
worüber St. nichts bekannt wurde. Die Muster waren sehr verschieden. 
Die Vermutung, es könnte eine Nachahmung der Tatnierung der Temia 
(Tümlor) sein, bestätigt sich nicht. In der Zeit, wo die Sinnoi die grosse 
Wanderung mit Bertjanggei Besih mitmachten, war die Bemalung des 
Körpers ganz allgemein, ja jeder Mann hatte dafür sein eignes Totem 
als Korpermuster und für sein Blasrohr. Jetzt ist freilich verhältnis- 
mässig wenig mehr davon in Gebrauch, ja die Sinnoi haben als stets 

>) Vgl. (larnber Zeitschrift für Ethnologie 1894, 167. 

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- 5 — 

wandernder Stamm immer mehr davon eingebüsst, 80 dass die Muster 
schliesslich blos ein gelegentlicher Frauenschmuck wurden und da blos 
mehr einige Linien auf der Haut des Gesichtes, der Brust und Arme an 
Festtagen — nur in einer Niederlassung ist noch das Alte erhalten. 





Fig. 7. Totemmuster des 

Klanes Müsang, 

Sinnoi. 



Fig. 8. Totemmuster des 

Klanes Tiger, 

Sinnoi. 



Das Muster unter Fig. 7 ist eine Vorlage für die Gesichtsbemalung 
der männlichen Mitglieder einer Familie der Sinnoi. Lange ausser Ge- 
brauch gekommen als Bemaluug für den Körper ist es jetzt noch das 
Abzeichen auf ihren Blasrohren. 

Die Zeichnung stellt einen Tiger vor. Wenn die Figur auf den 
Körper gemalt wurde, waren die Punkte stets weiss (weisser Thon), di^ 



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ä 

A A' 



— 6 — 

schwarzen Figuren war^n mit Kohle und die roten bisweilen mit einer 
roten Erde, häufiger aber mit dem Saft von Dracbenblut oder einem 
anderen roten Pflanzensaft hergestellt. Die Anlage geschah mit dem 
Finger, wahrend die schwarzen Figuren später mit einem Feuerstock 
aufgemalt wurden oder mit dem »Chin-ka-arc genannten Stöckchen. 
Rot und gelb waren für die Sinnoi offenbar identisch, obwohl sie die 
Farben genau unterscheiden können. Jedenfalls ersetzte die rote Farbe 
das gelbe Fell des Tigers, die schwarze seine Flecken und die weisse 
Farbe die Behaarung. 

Unten auf dem Muster sind fünf durch Abschaben der Haut des 
Bambus hergestellte zehenförmige Figuren: sie stellen die Klauen des 
Tigers yor und werden mit schwarzgeränderter roter Farbe auf die Zehen 
gemalt bis zum Fussknöchel, mit weissen Strichen dazwischen, diese aber 
nur auf dem Fuss und nicht zwischen den Zehen. Um die Waden herum 
nach oben werden so viele Figuren ausgeführt, als der Be- 
;|\^; malende Lust hat. Der Raum zwischen A und A' war rot 
und beliebig breit. Die vertikalen Seiten-Linien und die ge- 
brochenen Diagonalen wurden mit einem Kohlenstock aufge- 
zeichnet, wenn die rote Farbe getrocknet war und dann die 
weissen Punkte entweder mit dem Finger oder mit einem Stöckchen mit 
weisser Erde aufgesetzt. Die Querlinien, welche die Muster auf der Vor- 
lage trennen, wurden nicht aufgemalt auf den Körper, waren aber auf 
den gravierten Mustern der Blasrohre mitangebracht. 

Die Muster gingen den ganzen Fuss hinauf, liessen die Körpermitte 
leer, begannen aber wieder über dem Nabel in ähnlicher Anordnung der 
Farbe. Auf jeder Wange vom Ohr bis zum Kinn wurden die aussen 
abgebildeten Kreuze aufgemalt, so dass das mittlere der Patrone quer 
auf der Nase stand und die anderen rechts und links auf der Wange 
stehenden berührte. Am Rande des Haarbodens und die Stirn herab, 
am Ohr vorbei, die Kinnlade entlang, bis zum Kinn liefen weisse Punkte*). 
Fig. 8. Dies ist ebenso ein Totemmuster wie Fig. 7: es stellt das 
Müsang vor. Dies Stück stammt von einem anderen Sinnoi-Glan als 
Fig. 7. Es war den Leuten schon nicht mehr bekannt, wie es auf den 
Körper gemalt wurde: das Muster war nur noch als Verzierung (Totem- 
bild) auf dem Blasrohr geläufig. Unten sieht man die vier Klauen des 
Tieres und daneben einen scheibenförmigen Ausschnitt, der bidim Abhacken 
des Bambus aus Versehen gemacht, nicht zur Figur gehört. 

Bezüglich der Vierzahl der Klauen wird folgendes erzahlt: »Vor 
langer Zeit wurden in diesem Clane Zwillinge geboren. Aufgewachsen 

•) My informanis had never actually painted themselves and had no materials 
fpjr the purpose but they appeared quite familiär with the traditional manner of coloring. 



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— 7 — 

liebten sie dasselbe Mädchen. Da keiner nachgeben wollte, aber beide 
gewillt waren sich zu vergleichen, so teilten sie sich in den Besitz: ein 
ganz anerhörter Vorgang, Diese Doppelehe hatte zwei Söhne, heryor- 
gebracht: der ältere wollte das Totem seines Vaters nehmen, aber da 
entstand die Schwierigkeit, welcher der Beiden sein Vater war. Der 
Stamm versammelte sich and beriet lange darüber. Das Totem des einen 
war ein fünfklaaiges Müsang, das des andern ein Palmblatt. Der Schluss 
der Beratung war, dass dem Bittsteller das Müsang als Totem zage- 
sprochen wurde, aber statt des Vorderfasses mit fünf Klauen der Hinter- 
fuss mit vier.c 

Die Qaerstriche auf dem Muster sind ohne Bedeubmg für die Be- 
making des Körpers, aber sie bezeichnen die Gliederung der Flecken auf 
dem Balge des Tieres: was deutlich hervortritt, wenn em totes ent- 
sprechend daneben gelegt wird. 

3. Die Verfassung der alten Beldndas. 

Als Muster der Verfassung gilt die alte, welche die Drang Belendas 
in Paloh Grantong Pendjäring hatten, obgleich nach ELangtüa's Tod sie 
nicht mehr strikt aufrecht erhalten wurde (vgl. Veröffentl. II, 1892 
S. 87 ff.)* Es gab vier Vorstäude: nämlich den Bätin, den Häuptling über 
alle, den Djennang oder Stellvertreter des Bätin, den Djürukerah, das 
Haupt der Dorfältesten und die Penglima's, die Dorfältesten. Keiner 
dieser Häupter des Volkes erhielt eine regelrechte Besoldung, nur dem 
Bätin wurde uneni^eltlich Arbeit geleistet Die anderen hatten das Recht, 
Leute des Stammes zu bestimmten Arbeiten zu bezeichnen und diesem 
Befehl musste gehorsamt werden, aber die Arbeit wurde in Lebensmitteln 
bezahlt. Von erbeutetem Wildpret gab der Mann einen Anteil an seinen 
Häuptling: doch war dies nicht zwingend. Obwohl die Macht des Bätin 
eine ziemlich bedeutende war, so bestand ihm gegenüber nur das einzige 
Ceremoniel, dass man sich nicht direkt an ihn wenden konnte. Alles 
musste dem Bätin durch den bezüglichen Penglima vorgetragen werden 
und ebenso war es dem Djennang und Djürukerah gegenüber, welche 
also lediglich minderbevollmächtigte Bätin^s wären. Während die Orang 
Maläju sich ihren Radja's gegenüber sehr servil benehmen, gingen die 
Orang Belendas, wenn sie vor dem Bätin erscheinen mussten, von links 
her auf denselben zu, setzten sich links von ihm in der gewöhnlichen 
Weise nieder, grüssten und beantworteten Fragen u. s. w. in gewöhnlicher 
Weise. War die Audienz vorüber, so erhob sich der Unterthan und ging 
weg, indem er dem Häuptling den Rücken wandte und nicht etwa zurück- 
kroch wie der Orang Maläyu. Es gab in der Regel nnr einen Bätin und 
seine Wahl war ursprünglich in der Hand des Volkes, Starb der Bätin, 



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— 8 — 

so versah zunächst sein ältester Sohn das Amt, bis des Bätin's Enkel 
durch allgemeinen Entscheid als alt genag erklärt wurde, das Amt des 
Ghrossvaters zu übernehmen. Dann trat der Regent zurück. Der Grund 
dafür ist darin zu suchen, dass der Hantu Kübor eines Bätin*s nur eine 
Unterkunft finden konnte bei dem nächsten Bätin, da nun aber der Sohn 
des Bätin's die Regentschaft übernahm, hatte der Hantu Kübor keine 
Macht über ihn. Er konnte, da erst der Enkel wieder Bätin wurde, sich 
nicht direkt vererben, sondern musste seinen neuen Aufenthalt in einem 
Nicht-Bätin suchen oder er starb aus, genau wie der Hantu Eübor eines 
Weibes nicht sich auf einen Mann setzen kann und umgekehrt (vgl. 
hiezu Yeröffentl. II, 3/4, 1892 S. Ul). Ist das älteste Kind des Sohnes 
des verstorbenen Bätin ein Mädchen, so wird sie, sobald sie das reife 
Alter erlangt hat, auf ein Jahr Bätin. Während dieses Jahres muss sie 
heiraten und ihr Gatte wird dann Regent, bis das Kind der Beiden das 
Alter erlangt hat, um Bätin werden zu können. Hat der sterbende Bätin 
keinen Sohn, sondern nur eine Tochter, so wird diese Tochter, sobald sie 
alt genug ist, auf ein Jahr zum Bätin gemacht, während welcher Zeit sie 
heiraten muss: ihr Gatte ist dann Regent, bis er ein erwachsenes Kind 
hat. War bei dem Tode eines Bätin eine schon verheiratete Tochter vor- 
handen, so war der Gatte derselben Regent, bis sein Kind das reife Alter 
erreichte. Starb der Bätin aber ohne Nachkommen, so wählte man seinen 
Nachfolger, welcher, wenn es möglich war, aus den Nachkommen der 
Brüder oder Schwestern des Verstorbenen gewählt wurde. 

Es war früher erzählt worden, dass Bertjan ggei, bevor er nach Klang 
fuhr, den Hang Tüa zum Oberhaupt von Pengkalan Tampüi machte, je- 
doch nicht zum Bätin, wie oben (VeröfiFentl. II, 3/4 S. 88) erzählt ist 
und dass nach dem Verschwinden des Bertjanggei Bätin Älam, Gewalt- 
haber zu Müar und Bertjanggei^s Enkel der gesetzmässige Bätin der Örang 
Belendas war, dass er aber aus Gründen, welche die Tradition nicht mit- 
teilt, nicht die allgemeine Anerkennung fand. Deshalb vereinigte er seine 
Anhänger mit den Orang Belendas zu Klang und zog mit seinem ganzen 
Volke gegen Osten, wo er die Ansiedlungen begründete, welche später 
als die Orang Oersisi bekannt wurden. Damit begann die Teilung für 
immer und nach Bertjanggei's Verschwinden haben die Orang Belendas 
thatsächlich nie mehr einem einzigen Bätin gehorcht, sondern jede An- 
siedelung des zerstreuten Volkes hatte ihren eignen Bätin. 

Keine Tradition giebt an, dass etwa der Bertjanggei selbst Bätio 
wurde dadurch, dass ihn der Tod des Abang der Vertretung enthob, aber 
man wird wohl annehmen können, dass er allgemeiner Anerkeniiung seine 
Stellung verdankte. 

Der Bätin wählte sich fünf Peoglima's als seine Beamten: eioer 



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- 9 — 

davon wohnte direkt neben ihm, die anderen hatten ihre Häuser nach 
den yier Hinunekgegenden, doch nicht ausser Sehweite des Bätin. Der 
Djennang und Djürukerah waren meist Blutsverwandte des Bätin. 

Dass die oben (Veröflfentl. II, 3/4 S. 90) erzählte Sitte, dass die 
Schwi^ersöhne auf Grund und Boden ihres Schwiegervaters sich ansässig 
machten, damit zusammenhing, dass die Penglima's in der Nähe des Bapi 
Besar (Lieblingsausdmck der Orang Kenäboi für Bätin) sich ansiedelten, 
ist sehr wahrscheinlich. 

Jeder PengUma hatte seinen besouderu Namen oder Titel, welchen 
ihnen der Bätin unter Übergabe irgend einer eisernen Waffe gab. Eift 
allgemeiner Name für die Penglima's war P. Besar oder P. Tenar ^). Die 
Dorf-Penglima's wurden von den Dorfbewohnern selbst gewählt und vom 
Bätin nur bestätigt. Die Titel würden St. in verschiedener Reihenfolge 
gegeben, er konnte über die genaue Reihenfolge nicht klar werden. Die 
gewohnlich gegebene Reihenfolge war: Penglima Pütih, der P. des Bätin's 
selbst, der P. iGarrong«^) im Norden, der P. »Bibasc im Süden, der P. 
»Hitamc im Osten und der P. »Tayam« im Westen. 

Wenn irgendwo aus einer Gruppe von Orang Belendas eine Ansie- 
delung hervorging, so wählte man diese fünf Penglima's, d. h. einen 
Penglima mit vier Beisitzern, welche man dann aus Höflichkeit Pänglima 
Ketjik, »kleine Penglima's« nannte. Diese vier, welche die nach den 
Himmelsgegenden bezeichneten Quartiere des Dorfes vertraten, unter Vor- 
sitz des eigentlichen Penglima begaben sich nach der Anlage des Dorfes 
zu dem Bätin, um dessen Genehmigung zu erhalten. Bei ihrer Rückkehr 
fand dann eine grosse Schmauserei statt und der Penglima des neuen 
Ortes ward dabei formell anerkannt durch seine vier Beisitzer. Von jedem 
Manne in der neuen Ansiedelung erhielt der Penglima bei dieser Ge- 
legenheit ein Geschenk. Ein Anrecht (durch Vererbung) auf den Titel 
Penglima gab es nicht; der Penglima wurde stets aus dem Volk gewählt 
durch dessen Willen. Zuerst wählte der Penglima seinen Wohnort, dann 
siedelten sich die Penglima Ketjik den oben angeführten Himmelsgegenden 
entsprechend an. Wenn nun die Entfernung von dem Wohnorte des 
Bätin für die Bevölkerung der aussenliegenden Ansiedelungen eine zu 
weite war, um in Fällen, welche die Penglima's nicht zu entscheiden ver- 
mochten, an den Bätin zu appellieren, so verlangte das Volk die Wahl 
eines Djürukerah an einem Centralpunkt und diese Behörde entschied als 
Oberhaupt der Pr^nglimas in Dingen, welche sie nicht schlichten konnten. 



Im Original: Penglima Tannah not Tannab, which means „ground" viz. Batin 
appointed Penglimas. 

«) Vgl. Borie, Notice sur les Mantra in Tijdsthr. T. LV. 10, 487, [Mal. Garang, 
Bdbas, Hitam.] 



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— 10 - 

Wurden die Ansiedelangen nun noch zahlreicher und wuchsen die Be- 
richte an den Bätin noah mehr an, so bezeichnete der Bätin selbst einen 
oder mehrere Djepnang als seine Vertreter, so dass dann nur die ver- 
wickeltsten Fragen an ihn selbst berichtet wurden. 

P4di war in alten Zeiten allein als Geld kurrent, der Bafcin konnte 
schliesslich nicht mehr essen als andere Leute und Aufhäufen von Vor- 
räten in grossem Maasse war nicht Sitte. Der Batin trag ein Lenden- 
kleid aus Baumrinde (Tjäwat) wie seine Untertbanen; hohe Steuerlast den 
Unterthanen aufzulegen war nicht nötig. 

Eine Pflicht des PengUma hat sich bis in die heutige Zeit erbalten. 
Sein Haus muss allen Reisenden offen sein und zur Bestreitung des Auf- 
wands, weldien er dadurch hatte, fanden Sammlungen unter den Be- 
wohnen des bezüglichen Dorfes statt, welche von Zeit zu Zeit abge- 
liefert wurden. 

Der Charakter der 6rang Belendas macht ein solches Regierungs- 
system möglich und sie lebten, so lange fremde Einflüsse sich nicht 
geltend gemacht hatten, entschieden zufrieden und glücklich unter ihrem 
patriarchalischen Regimente. Den Befehlen eines Bätin gebührte bedin- 
gungsloser Gehorsam. Er hatte die Gewalt über Leben und Tod, doch 
nur in gewissen Fällen von Mord. Im Übrigen war als Strafe für ge- 
stohlenes Eigentum der siebenfache Wert in Pädi auszuzahlen : eine Strafe, 
welche selten genug gewesen sein muss, wenn der Volksoharakter der 
damaligen Ürang Belendas so war, wie er heute ist 

Bei Vollziehung der Todesurteile kamen zwei Punkte zur Geltung 
für die Form, wie sie zu vollstrecken war, nämlich 1. die Waffe, mit 
welcher der Mord ausgeführt worden war, 2. etwaige Form der Heraas- 
forderung. Was den ersten Punkt betrifft, so scheint der Gebrauch des 
Blasrohrs ganz besonders verpönt gewesen zu sein. Wenn ein Belendas- 
Mann ohne besondere Herausforderung einen anderen getötet hatte, so 
frug ihn der Bätin, welche Todesart er wählen wolle, entweder, dass er 
durch einen Pärang-Hieb auf den Kopf oder durch einen Stich durch die 
Kehle getötet wurde. Das waren die Strafen, wenn nicht das Blasrohr 
als Mordinstrument gedient hatte. War dies der Fall, so wurde der 
Mörder in einen Korb gesteckt, welcher ans domigen Zweigen hergestellt 
war upd siebenmal einen Bergabhang auf und ab gerollt. Wer aber 
unter grosser Herausforderung mit dem Blasrohr jemand getötet hatte, 
80 ward er gestraft, weniger wegen des Totschlags als wegen des Ge- 
brauches des Blasrohrs. Er wurde, um den Fall als einen möglichst zn 
verabscheuenden zu brandmarken, gezwungen, ein Stück Fleisch des er- 
mordeten Mannes zu essen. Wies er es zurück, so hieb ihn der Penglima 
Pütih, welcher stets die Exekutivbehörde war^ mit Pärang-Hieben auf den 
Kopf nieder. 



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— n — 

Konnte ein Penglima eine streitige Angelegenheit zwischen zwei An- 
Srigen seines Dorfes nicht schlichten, so wandte er sich an den Peng- 
lima des nächsten Djürukerah. Der Penglima wandte sich dann an 
seinen Djumkerah, dessen Bescheid er wieder zurückgab. War die 
Sache so weit gediehen, so schrieb die Etiqaette für jegliche Mitteilung 
und jegliche Antwort diesen Weg vor. Wenn aber der Djürukerah eben- 
falls nicht imstande war, die Angelegenheit zu erledigen , so sandte er 
den Penglima an den Djennang und alles ging nun durch alle drei Per- 
sonen den selbigen Weg des Gegenseitigberichtens. War die Angelegen- 
heit auch dann noch nicht entschieden, so sandte der Djennang den 
Penglima an den B&tin. Der Entscheid des Bätin war, möchte er irgend- 
wie ausfallen, bindend und die Sache damit zu Ende« Der Kläger musste 
dann zunächst die Entscheidung und ihren Yerkünder, den Bätin und 
dann seinen Gegner siebenmal feierlich begrüssen. Geschah die Entschei- 
dung aber durch den Djürukerah oder Djennang, so war der ihnen ge- 
bührende Gruss und der an den Gegner nur einmal zu bringen. Diese 
Ceremonie hiess i Damit und nach ihr durfte die bezügliche Angelegenheit 
nicht mehr berührt werden. 

Grünwedol. 



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Notizen über eine Terracotta aus Magdischu. 



Das königliche Museum für Völkerkunde erhielt vor einiger Zeit eine 
in Magdischu (Magadoxo), Ost-Afrika, ausgegrabene Terracotte *) von un- 
zweifelhaft indischem Ty- 
pus (vgl. Fig. 1), über 
welche ich im Folgen- 
den einige Bemerkungen 
machen möchte. 

Was zunächst auf Indien 
hinweist, ist der Schmuck. 
GrosseOhrscheiben für den 
Ohrlappen würden allein 
nicht auffallen, aber durch 
die Kombination mit der 
vor dem Ohre herabhan- 
genden Kette ist deutlich 
auf Indien hingewiesen. 
Diese vor dem Ohre herab- 
hängende Guirlande, welche 
in der Regel am Haafrand 
über der Stirn auf dem 
dort anliegenden kranzför- 
migen Schmuck befestigt 
und dann mit dem im 
Ohrlappen befestigten Ohr- 
knopf oder seinen Neben- 
teilen (Anhängern etc.) 
verbunden wird, ist ein 
ganz wesentlicher Teil 
des südiüdischen Fest- 
schmuckes. Sehr häufig 
wird heute noch die Blu- 
mengnirlande selbst, der 





Hoch IOV2 cm, breit 6 cm. 




:C^^&\SSKi£a0 




Fig. 2, a. 



b. 



Originalgrösse. 
*) Gescheiik des Herrn C. Wegener in Sansibar. 



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— 13 - 




er nachgebildet ist und zwar die Blumen auf Faden gereiht in dieser 
Art getragen. 

Es föllt an der Terracotte auf, dass der Verfertiger des Bildes über 
die Befestigungsart des Schmuckstückes sich ebensowenig klar war, wie 
über die eigentliche Form desselben: er 
hat nur den äusseren Eindruck roh wieder- 
gegeben. Ähnlich steht es mit den Hals- 
ketten, welche wie ein halbmondförmiger 
Schild unter das Kinn geschoben sind. 
Unter dem Anhängsel der untersten noch 
nm Besten zur Darstellung gebrachten 
Kelte findet sich eine eigentümliche Ab- 
stufung, welche eine gewisse Ähnlichkeit 
hat mit ähnlichen Absätzen auf südindischen 
Skulpturen. Es wird damit nämlich, wie 
dies auf Fig. 3a und Figg. 8 und 10 in 
meinem Handbuch der buddh. Kunst derb 
ausgeführt ist, der Band des Busenjäck- 
chens markiert, häufig ohne die auf den 
eben citierten Abbildungen über die Brüste 
weglaufenden breiten Randbänder des Jäck- 
chens. Diese hohen Ränder bleiben in der 
Regel weg auf kleinen Figuren aus Thon 

etc., welche dann entsprechend bemalt werden. Merkwürdig ist der Kopf- 
schmuck: der indische Typus ist da: er schwankt aber in auflFallender 
Weise zwischen dem unteren Teile der 
gewohnlichen Krone Fig. 3 a und dem 
oberen Teil von Fig. 4 (einer kleinen 
Krishna-Figur aus Bronze). Zu erwähnen 
sind dann noch die Armbänder für den 
Vorderarm und der doppelte Gürtel (vgl. 
hiezu Fig. 3 a). 

Gehen wir auf die Behandlung des 
Körpers über, so fällt vor allem auf, 
dass die Darstellung der Augen eine 
plumpe Nachahmung der stark styli- 
sierten südindischen Form genannt wer- 
den kann. Die Augenränder und die 
Augenbrauen sind breite hochliegende Streifen: das Innere des Auges ist 
zwischen diesen Streifen durch Einschnitt geschieden, aber selbst fast 
ebenso hoch als die Randstreifen. Solche Augen sind in hartem Holz 



Fig. 3, a. 

Original 14 cm. 




Fig. 4. 
Originalgrösse. 



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-^ 14 — 

(Sandel etc.) Törlialtnism&ssig leicht zu schneiden: aber in weichem Thon 
sehr schwer herzustellen. Ich komme daher anf die Yermntung, dass 
unsere Thonfignr ans einer Patrone gepresst ist: genau wie unsere Bronzen 
Fig. 2 und 4 dieselben Formen ihrer Gussform verdanken. Als Patrone 
aber sind die beschriebenen Augen leicht herzustellen. 

Sehr merkwürdig ist nun die Bdiandlung der Brust. Haben wir in 
der Darstellung des Schmuckes und der Augen mechanische Nachahmung 
südindischen Stiles sehen können, so ist hier eine entschiedene Verande- 
rnng der indischen Eunstform zu konstatieren. Die runde indische Brust 
ist nahezu zur afrikanischen Hängebrust geworden ; Tgl. die Seitenansicht 
unter Fig. Ib, 2 b, 3 b. 

Die unter Fig. 2 a und b skizzierte Bronze ist ein sehr zierlich ans- 
geführtes Stück des alten Bestandes des Museums« Es stellt die Gottin 
Kamalä, eiue Form der Göttin des Glftcks nnd des Reichtums S'ri 
Tamil : Tirumagal vor. Die Abbildung ist etwa ebenso gross als das 
Original. 

Fig. 3 a, b stellt ein leider sehr beschädigtes Fignrcheu einer Göttb, 
vermutlich ebenfalls einer S'ri dar. Das Stück (Sandelholz) stammt aus 
einer Füllung einer Thüre einer alten Holzverkleidung aus dem Tempel 
der Mtnäkshi zu Madurd. 

Der Typus der S'rl ist, wie bekannt, sehr alt; er gehört schon der 
As'okazeit an; vgl. Handbuch der Buddhistischen Kunst S. 40ff. und Abb. 9. 

Die spätere buddhistische Kunst verwendete den Typus besonders 
zur Darstellung der Göttin Tärä und zwar die im liditasana sitzende (ein 
Bein hoch gezogen, eines herabhängend, den Oberleib leicht nach links 
gewendet) für die sogenannte grüne' Tara (T. sGrol-ljan). Dieser Form 
steht unsere Fig. 3 sehr nahe. Die Form, welche beide Beine unter- 
geschlagen und den Oberleib aufrecht hält, dient zur Darstellung der 
weissen Tara (T. sGroUdkar). 

Über die Bedeutung der afrikanischen Figur lässt sich nichts Be- 
stimmtes sagen: der Gedanke ist aber nicht unberechtigt, dass die Er- 
innerung an die Glücksgöttin, die ja auch Lokalgöttin fast im Sinne der 
antiken Tyche ist, dabei ursprünglich mitgespielt hat, wenn auch unser 
Stück vielleicht nur als eine aus dem S'ritypus abgeleitete Kinderpuppe 
aufzufassen ist. Die Spuren von Bemalung an der Terracotte zeigen Mangel 
jeglichen Formensinnes und sind ohne besondere Bedeutung. 

GrOnwedel. 



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Bericht 

4ber den Besuch des EönigUohen Schlosses zu Schwedt zur 

Besichtigung alter Oemftlde mit ethnographischen 

Darstellungen^). 



Im Königlichen Schlosse zu Schwedt fand der Unterzeichnete die 
folgenden Gemälde vor, welche Darstellungen fremder Völker enthalten: 
zwei dem Thoreingang gegenüber, zwei im Vestibül, zwei an der 
Treppe nach dem ersten Stock und sechs in den verschiedenen Räumen 
des ersten Stockes. Im Berichte sind sie in dieser Reihenfolge (unter 
1 — 12) aufgeführt; die Notizen über das hervorragende Stück No. 7 folgen 
unten besonders. No. 11 und 12 sind bloss Fruchtstücke mit je einem 
europäischen Einde und einem Negerknaben (Brustbild), sie kommen also 
für die folgenden Ausführungen überhaupt nicht in Betracht und sind 
hier nur erwähnt worden, da in der vorhergegangenen Korrespondenz von 
zwölf Gemälden die Rede war. 

Die Nummern 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. sind in Form und Aus- 
führung gleichartig und bilden offenbar eine Gruppe für sich. Es sind 
Afrikaner, Ostasiaten (Japaner, Chinesen, Malaien), Südindier etc. ^) zu 
grossen Tableaux vereinigt, von denen einige interessante Details bieten 
(No. 4 und besonders No. 6), andere sind für ethnographische Zwecke 
ganz wertlos (No. 1. 9. 10 etc.). Die Figuren sind etwa lebensgross, 
das Format der Bilder etwa 2,50 m Breite zu 1,80 m Höhe, welche Maass- 
angabe indes nur auf einer Schätzung beruht« 

Alle Bilder stammen aus dem letzten Drittel des siebzehnten Jahr- 
hunderts. 



>) Als Mannskript gedruckt. Die mit [ ] bezeichneten Anmerkungen sind später 
beigefügt. G. 

*) [Ob diese Bezeichnungen nicht schon verwirrt sind oder mir ungenau gegeben 
wurden, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Besuch des Schlosses fand im 
Winter statt und war ein längeres Verweilen so gut wie unmöglich. Doch habe ich 
alles Thatsäcbliche auf den Bildern festzustellen gesucht.] 



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- 16 - 

No. 1. Bezeichnet: »Chinesen«. Chinesen mit allerlei phantastischen 
Waffen, in durchaus phantastischem Kostüm. 

No. 2. Bezeichnet: »Chinesen«. Ein chinesischer Handler mit 
Porzellanen, welch letztere nicht ohne Interesse sind. 

No. 3. Bezeichnet: »Chinesen«. Thatsachlich ein bewaffneter Japaner 
und eine Japanin, davor eine Gruppe von Männern und Frauen in alt- 
chinesischer Tracht (also Annamiten?), ein Mann (Mandarin) mit dem 
Pinsel schreibend, neben ihm Sapeken, ein Suan-pan etc.; hinter ihm 
Frauen Thee trinkend, ein Mann mit Essstäbchen essend; in der Mitte 
ein Mädchen mit Kranz auf dem Kopfe (!) und langen Fingernägeln. 

No. 4. Bezeichnet: »Afrikaner bei allerlei Beschäftigung«. Nur in 
der Mitte des Bildes sind ein paar Neger dargestellt; ob damit Afrikaner 
gemeint sind, ist bei der Umgebung derselben fraglich. 

Neben ihnen in der rechten Ecke des Bildes steht ein nur mit 
Lendentuch bekleideter Mann, offenbar ein Alfur (Serangese?). Die 

linke Hälfte des Bildes zeigt zweifellose Malaien : 
Die vorderste Gestalt ist der unter Fig. 1 skiz- 
zierte Alfur (Butong?). Der Mann ist mitjeich 
gemusterter, weiter Hose und ebenso Jacke be- 
flP^f fW^ / / kleidet, trägt ein ausgeprägtes Alf urensch wert 
f/lH!/ %^i<^// und einen Schild, wie er heute noch in der 

Gegend getragen wird. Statt der mit Porzellan- 
oder Muschelscherben eingepassten Ornamente 
der heutigen Schilde sind phantastische Tiere (mit 
europäischen Anklängen) aufgetragen, welche im 
Stil an gewisse dayakische Ornamente (vgl. das 
Häuptlingsgrab von Longwai bei Bock, Reise in 
Ost u. d. Borneo, Taf. 8, 9) erinnern. Dahinter 
stehen noch mehr fast nackte Männer von ähn- 
lichem Charakter, einer mit einem runden Schild, 
in der Ecke eine gut gemalte Malaiin (Sunda- 
nesin) in Jacke und Sarong und mit einem ma- 
laischen Beteleinsatz. Im Vordergrunde liegen 
Fische, darunter Kugelfisch und Katzenhai. 
No. 5. 

Chinesen mit Ananas, Jack-Früchten u. s. w. Links im Bilde er- 
scheint wieder der oben unter No. 3 schon erwähnte bewaffnete Japaner; 
ausserdem eine Sinhalesin (oder Pegnanerin?) und ein »Wilder« mit 
lang herabhängenden Ohrlappen und mit einem Bogen in der rechten 
Hand. Dies Bild enthält so gut wie nichts, was von ethnographischem 
Interesse ist. 




iM-g. l. 



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- 17 — 



No. 6. Angeblich: »Afrikaner bei allerlei Beschäftigung«. Die8 
Bild enthält sehr viel thatsächliches Material, offenbar sind indische 
Originalzeichnungen (die sinhalesische Tänzerin, der Schreiber), Original- 
objekte und Erzählungen d. h. Beschreibung von fremden Sitten und 
Trachten kombiniert. 

Die Mittelfiguren Hindu in reichgeschmückter Tracht (weisser langer 
Rock mit goldnen Blumen in gutem Stil), in Turban und Katar im 
G&rtel, die Figur sitzt und raucht eine Pfeife. Der Typus des Gesichtes 
ist wertlos. Neben ihm steht eine mit tadellos korrektem Schmuck und 
Kostüm gemalte Sinhalesin, welche eine Trommel unter dem linken 
Arme trägt. Der Schmuck: Ohrpflöcke, Nasenring, Armbänder haben 
dem Maler entweder im Original vorgelegen oder die Figur ist nach 
einer guten indischen Miniatur (Kostümbild) komponiert. 

Neben dem Hindu, welcher die Mittelfigur bildet, steht ein grosser 
Tisch, welcher ein »kleines Museum« von indischen ^lunzsorten in tadel- 
loser Nachbildnng offenbar nach Originalstücken auf seiner Platte zeigt: 
Gold- und Silbermünzen mit arabischem Gepi^e, ganze Berge von siame- 
sischen Silber-Tikals und chinesischen Sapeken (z. T. an Schnüren) liegen 

neben sinhalesischen Hakenmünzen ■ j t und chinesischem Por- 



zellangeld (mit aufgemaltem Hahn). Hinter dem Tische steht ein Nord- 
indier, offenbar Kopie einer einheimischen Miniatur, doch insofern modi- 
fizierti als er auf der Stirne statt des Sektenzeichens ein Glimmertilaka, 
wie es die Frauen tragen, trägt und nach südindischer Weise mit einem 
eisernen Griffel auf ein Palmblatt schreibt. Griffel 
und Palmblatt sind ganz korrekt, doch nicht die 
Haltung der Hand. Auch schreibt die Figur nicht 
etwa, wie man erwarten sollte, Zahlen nieder, 
sondern schreibt einige Zeilen in Tamil -Schrift. 
Hinter dem Schreiber ein nackter Wilder mit weit- 
herabhängenden Ohrlappen (Däyak) und einem ma- 
laiischen Speer mit Spitze in Form einer Krisklinge. 
In der linken Ecke sieht man einen Malaien (?) sich 
einer Mon-Frau (?) nähern, welche in der Skizze 
Fig* 2 wiedergegeben ist. Sie hält ein Tablet mit 
einem vollkommenen, ganz korrekt dargestellten 
Service zum Bet^lkauen. Nüsse in der Schale, 
Kalkdose^ Nussbrecher, Spucknapf und einige fertige 
Betelbissen in Blattrollen, dabei ein Packet birmanischer Cigarren. 
raucht sie selbst. Im Hintergrund sieht man ganz klein einen Hahnen- 
kampf dargestellt und noch weiter hinten einige Tiere, darunter ein nicht 
M. f. V. 2 




Eine 



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— 18 — 

«ehr korrekter Elefant. Im Mittelgrande des Bildes sieht man zwei 
Neger, einer hält ein Paar Stransseneier. 

No. 7. Über dies Bild vergleiche den Anbang. 
No. 8. Bezeichnet: Insulaner des grossen Oceans. Dies Bild ist 
reich an den sonderbarsten Willkürlichkeiten. Den grössten Teil des 

Bildes nehmen Neger ein (Papna^s ?), 
einer davon trägt einen Gelbv^an- 
genkakadu, im Mittelgrande stehen 
Neger nm einen Seehund (?), den 
sie erlegt haben. Die Zeichnung 
dieses Tieres erinnert an die Holz- 
^-5^ schnitte in Gessner grossem Tier- 
bach, Zürich, deutsche Ausgabe 




Fig. 3. 



Fig. 4. 



1576, welches Werk — oder wohl 
daraus abgeleitetes Material — der 
Maler benutzt haben mag. 

In der Ecke sitzt neben einem 
Baume der unter Fig. 3 skizzierte 
nach Beschreibung komponierte 
Fischer (Malaie?); unter seinen 
Füssen sieht man ein kurioses In- 
strument, kombiniert aus einem 
missverstandenen Fischspeer und 
einer Keule aus der Südsee. Hinter dem Baume steht der unter Fig. 4 
skizzierte Mann, bekleidet mit dunklem Oberkleid und einer seltsamen 
Kopfbedeckung, welche wie eine Kapuze aus Seehundsfell aussieht. ' 

No. 9. iChinesen«. 

Dies Bild enthält nichts von Interesse. 
Um die völlige Charakterlosigkeit der darge- 
stellten Chinesentypen zu zeigen, habe ich die 
Mittelfigür des kleinen tanzenden Chinesen 
skizziert (vgl. Fig. 5). um diese Figur herum 
sitzen musizierende Chinesinnen, im Mittel- 
grunde sogar eine Negerin in phantastischer 
chinesischer Tracht. In der rechten Ecke 
des Bildes ein Mann, welcher die Flöte bläst, 
der in Gesichtstypus und Kostüm an Porträts 
deutscher Männer aus dem ersten Drittel des 
^* sechzehnten Jahrhunderts erinnert. 

Nö. 10. >Malabaren«; 
Auch dieses Bild enthält durchaus nichts, was auf Vorlagen schliessen* 




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- lö - 

lfi88t: es ist lediglich in Earopa rekonstruierte Darstellung nach Be- 
schreibungen. 




!On^P^ 




Fig. 6. 



Fig. 7'). 



In dieser Beziehung steht es in gleicher Linie mit den Kupferstichen 
der holländischen und deutschen Ausgaben der Reisen des Huyghen van 




HD <SO «;i •ic?;^ 



nnos 



^^/<0 



Fig. 8»). Fi- 9»). 

Orig.-Grös8e, Durchra. 4Vi cm. Orig.-Grösse, Durchm. 5Vi cm. 

Linschoten. Linschoten, jetzt zugänglich in der Ausgabe der Hakluyt 
Society in London, beschrieb zuerst ausführlich die Südrakaste von Malabar, 

') [Skizze, eine Frau aus dem Stamme (Kaste) der Nayar darstellend, mit grossen 
silbernen Ohrpflöcken (takka) nach einer Photographie.] 

') [Ohrscheibe aus Zinn, in der Jagor-Sammlung zweimal vorhanden, mit der An- 
gabe „Yetaka, Ohrscheiben aus Zinn, Xairfrauen''. Der richtige Name ist mal. takka, 
tam. takkei; ye r— vermutlich Präfix der ersten Person?]. 

') [Ohrschoibe aus Holz, schwarz angestrichen mit gelben konzentrischen Kreisen, 



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- ^ - 

die sogenannten Nair's (Mal. Näjar). Solche Leute boU unser Bild dar- 
stellen: Der Gesichtstypus der Figuren ist wertlos; geht aber auf Be- 
schreibungen zurück (vgl. die citierte Quelle). 

Ein besonderes Merkmal dieser Südindier sind die Überm&asig aus- 
gehängten Ohrlappen. Die in Malabar hierzu verwendeten Ohrecheiben 

(takka) und Pflöcke (töda) können 
natürlich nicht in der Art einge- 
schoben werden, wie der Maler 
unseres Bildes sich rorstellte, vgL 
Skizze Fig. 6, wenn sie auch in 
der Grösse etwa der Darstellung 
entsprechen. Die Art, wie sie 
wirklich eingeschoben werden, zei- 
gen die Skizzen Fig. 7 und Fig. 10. 
/ ^ ^^^^k\ ^^ Material ist nicht, wie auf 

\3 ^ ^-* ^^ ^— ' iS^ns^K I unserem Bilde Perlmutter, sondern 

vergoldetes Silberblech mit Harzfül- 
lung, Holz und Büffelhom, Fig. 7, 10. 
Auch die reihenweis angelegten Armbänder beruhen auf einer Beschreibung, 
in Wirklichkeit differieren sie unter sich (Anfangs- und Schlussring, 




Fig. 10>). Orig.-Höhe 6*/, cm. 




Fig. 11 und 12«). 



Orig.-Angabe: „totha (tora)" Ohrknopf, Cherumarfrauen, Tierfrauen"; richtiger Name 
mal. t^da, tarn. tödu. Tscheruman bedeutet nach Gundert, Malayalam Dict. s. v.: achild; 
aslave, Pulayan; Tiyan pl. Tiyar von Skt. Dvlpa , Inselbewohner** ist der Name einer 
Pahnzap ferkaste. Gundert s. v. ttyan (oder tivan) : an islander, the caste of the palm- 
cultivators, toddy^drawers, sugar-makers etc. The Uavim („Sinhalesen**) are in fact 
the same caste and both are said to have come with tiie South-tree (tennu Cocuspalme) 
from Ceylon.] 

') [Ohrpflock aus BUffelhom; das grOsste Stück der Jagor-Sanmüung; Orig.-Angabe 
„Kumpataka** Ohrpflock der Nairfrauen**. Ich vermute unter dem verdorbenen Namen 
die Mal Form von Tam. kudampei?]. 

[Die daneben abgebildete Frau ist nach Mateer, Native Life in Travancore 8. 112]. 

') [Halsbänder aus Turbinella rapa, Orig.-Angabe „palamoni**, am Hals getragen, 
„üaddarfrauen**. Tamil: palamani (oder sangumani, p&lamanikkövei) die „üaddar" sind 
die aus Orissa eingewanderte Maurer- und Tank-diggerkaste, welche in Tami) Ottar, in 
Telugu Waddewandlu heissen. Der Name geht auf Skt. Odra zurück.] 



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— 21 — 

Ifittelserie etc.) in der Form nnd liegen dicht aneinander: auch ist das 
Material meist Messing. Beides, Ohrpflöcke und Armbänder sind über- 
haupt Patz der Frauen, nicht wie auf dem Bilde, der Männer. Die 
Schur des Hauptes ist ffir gewi^^se Kasten korrekt; nur fehlt die Scheitel- 
looke. Ob die eigentümlichen Eisenperlen der Brnstketten die missyer- 
standenen Repräsentanten von Perlen aus Bruchstücken von Turbinella 
rapa (liangumani, 6anguppä^i) sind (Fig. 11, 12), lässt sich nicht bestimmt 
sagen. Das Bild hängt etwas im Dunklen. 

Vor dem sitzenden Manne befinden sich zwei Frauen in ähnlichem 
Schmuck und reicher Bekleidung, welche aber durchaus unkorrekt ist 
Im Vordergrunde sieht man eine Gruppe Perlhühner, einen Pelikan (?) 
und hinter dem Manne einen Casuar. 



Anhang. 

In einem besonderen Zimmer der ersten Etage des Schlosses findet 
sich das oben unter No. 7 aufgeführte Bild, welches sowohl im Format 
wie in der Ausführung, welche durchweg solide Grundlage erkennen lässt, 
Ton den oben aufgeführten neun Gemälden abweicht. 





Die dargestellten Figuren sind deutlich Eingeborne Brasiliens: Feder- 
schmuck, Waffen (Wurfbrett) sowie die sie umgebenden Naturprodukte 



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- 22 - 

weisen deutlich darauf hin. In der Mitte des Bildes steht eine näckie 
Frau, blos mit einem Blätterbüschel vor der Eörpermitte, welche einen 
Korb auf dem Kopfe trägt. Hinter ihr erscheint ein von rückwärts ge-' 
sehener Indianer, vgl. die Skizze Fig. 13. Rechts davon (im Bilde) steht 
der Fig. 14 skizzierte Mann mit Federkrone, Lippenpflöcken, Ohrbüscheln, 
Speeren, Wurfbrett und Keule, unkorrekt ist die Federbekleidung miü 
die Körpermitte; quer über die Brust hat der Indianer eine Schnur 
gehängt, an welcher der Kopf einer Pfeife, ein Messer, eine Scheere, ein 
Kamm befestigt sind (eingetauschte europäische Artikel). Ganz im Vorder- 
gründe des Bildes sitzt ein nackter Indianer nach rechts gelehnt, an den siish 
ein Hund anschmiegt. In der Mitte des Vordergrundes liefen Früchte und 
Tiere (Äffchen), dahinter abgehauene Hände und Beine: offenbar zur Be^ 
Zeichnung, dass die dargestellten Indianer Menschenfresser sind. Darüber 
in der Mitte fliegt ein schwarz und gelber Vogel etwa von der Grösse 
einer Taube. Den Hintergrund füllen sehr gut gemalte Palmen. 

Das Bild ist insofern von ungewöhnlichem Interesse, dass es zu der 
Gruppe von Darstellungen von brasilianischen Stämmen gehört, welche 
auf die Sammlung zurückgehen, welche Fürst Johann von Nassau-Siegen 
(1686 — 1644) in Brasilien anfertigen Hess und welche Ehrenreich in seiner 
Schrift »Über einige ältere Bildnisse südamerikanischer Indianer, Globus 
66, 6, 1894c ausführlich besprochen hat. Ob die Vermutung gerecht- 
fertigt ist, dass die neun oben erwähnten Bilder identisch sind, mit den 
neun Gemälden, welche in Driesens Biographie des Fürsten erwähnt 
werden (bei Ehrenreich S. 81) und ob ferner das Schwedter Bild No. 7 
zu den »sieben grossen Stück Schildereyen c (ebenda) gehört, welche 
Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg aus der von Nassau'schen 
Sammlung erstand, ist zwar wahrscheinlich, aber keineswegs ausgemacht, 
da in einem Punkte — die Lendenbekleidung des Mannes mit dem 
Wurfbrett — die Kopenhagener Bilder, welche den Mann nackt zeigen, den 
Vorrang vor dem Schwedter haben. Neu aber ist, soweit ich zu beur- 
teilen vermag — und auf den Kopenhagener Bildern nicht vorkommend — 
der im Mittelgrund abgebildete, von rückwärts gesehene Indianer mit der 
Federperrücke, der absichtlich so gestellt ist, um diesen interessanten 
Kopfschmuck besser zu zeigen. 

Viel zur Lösung der Frage, ob die Kopenhagerier Bilder die Kopien 
der von dem grossen Kurfürsten erworbenen sind oder ob das Verhältnis 
umgekehrt ist, würde beitragen, wenn der Name des Malers des Schwedter 
Bildes sich würde feststellen lassen. 

Grünwedel. 



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über den Ausdruck Kalasütra. 



In den »Notes and Queriesc des »Journal of the Pali Text Society t 
1884, p. 76 — 78 hat Morris verschiedene Erklärungsversuche des Wortes 
Kalasütra (Pali: Ealasutta) zusammengestellt: Fausböll übersetzt es 
mit »knote und »a black (tarred?) ropec. Hopkins mit »threäd of 
Deathc. Senart hält es für »some Instrument of punishment or of tor- 
ture«. Nach Beals Catena p. 61 wird die Kälasütra-HoUe so gemeint: 
»because the wretches confined therein are lashed with burning iron 
wiresc. Dem gegenüber hebt Morris hervor, dass in den von ihm citier- 
ten Stellen aus den Jätakas, dem Milindapanha,. dem Mabavastu, dem 
Pancagatidipana »Kalasütra« eher »the carpenters rule or measuring 
line« sein dürfte. 

Das folgende japanische Citat, welches sieh eng an die von Morris 
mitgeteilte Stelle aus dem Pancagatidipana anschliesst, ist deutlicher als 
alles bisher Mitgeteilte. Es ist dem buddhistischen Werke Ojoyoshü*) 

Ö :4. 1^ ^ ^^^* ^ entnommen. 

Übersetzung: 
Kokujö jigoku no koto. Über die Hölle Kokujö. 

Mitsu ni Kokujö jigoku to iu wa Drittens^. Die Hölle Kokujö 
tökwatsu jigoku no shita ni ari. Ta- [= schwarzer Faden = Sanskrit: 
teyoko no hirosa mae ni onaji. 6o- Käla-sütra] befindet sich unterhalb 
kusotsu zainin wo toraete nettetsu der Hölle Tökwatsu [= Sanjiva]. 
no chi ni uchifusete nettetsu no In der Länge und Breite ist ihre 
nawa wo motte tateyoko ni su- Ausdehnung der der vorigen [Hölle] 
miuchi shite nettetsu no ono wo gleich. Die Höllenschergen packen 



kompiliert (erabu) von Genshin (chines. Yttän-sin), einem Qrama^a (Shamon) 
des Ryögon-In (chines. L6ng-yen-Yüän) der Tendai-(Thien-thai)-Sekte. 

•) So in der mir vorliegenden älteren Ausgabe des Ojöyöshü (von Herrn Professor 
Grosse in Freiburg freundlichst geliehen), in einer neueren Ausgabe (auf der Kgl 
Bibliothek, Berlin) ist eine andere Zählang befolgt. 



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— 24 — 



motte samiuchi no nawa ni Bhita< 
gaite kirisaki. 



die Sünder und schleudern sie auf 
den Boden von glühendem Eisen 
hin. Dann ziehen sie mit glühen- 
dem Eisenfaden in der Länge und 
Breite geschwärzte Richtlinien^) 
und spalten mit Beilen von glühen* 
dem Eisen längs der geschwärzten 
Richtschnur die Sünder ausein- 
ander. 
Dazu stimmt die Abbildung in der älteren Ausgabe des Ojöyöshü: 
Ein Teufel ist damit beschäftigt oben auf dem Kopfe eines Verdammten 
das Ende der »geschwärzten Schnure (japanisch suminawa) eines 
gleich näher zu beschreibenden Zimmermanns-Gerätes zu befestigen. 




Fig. 1, 




Fig. 2. 




Fig. 8. 



Die vor- und nebenstehen- 
den Abbildungen') zeigen: ein 
Zimmermanns - Gerät (Fig. 1), 
wie es in der grossen japa- 
nisch-chinesischen Encyklopädie 
Wakansansaizae Heft 24 p. 4 
abgebildet ist. Die Einrichtung 
dieses Apparates ist leicht ver- 
ständlich: um die durch eine 
Kurbel drehbare Rolle ist ein 
Faden gewickelt, der durch die 
beiden Wände des vor der Rolle 
befindlichen Farbebehälters (sn- 
mitsubo) hindurchgeführt ist und 
so gehörig geschwärzt heraus- 



^) s um in Chi, „sumi wo utsu = to make a mark by snapping a line that has been 
iDked**. Hepburn. 

*) Herrn W. von den Steinen zu danken. 



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— 25 — 

gezogen werden und dann nach Art nnaerer »Schnnirollec oder »Rötel- 
schnnrc gebraucht werden kann. 

Fig. 2 ist nach einem japanischen ModelP) im Museum gezeichnet 
nnd zeigt das Instrument von oben gesehen. 

Fig. 3 ist ein dem gleichen Zweck dienendes siamesisches Gerät ^ 
aus der Mnseumssammlang. 



^) Drei grosse, lackierte nnd vergoldete Suminawa („Zimmermannsparadegeräte^) 
befinden eich in der ostasiatischen Abteilung des Mnseums. 

^ Nach mflndlicher Mitteilung von Herrn Dr. Frankfurter allgemein in Siam 
üblich. 

F. W, K. Müller. 



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Die drei Welten nach einem humoristischen Bilde 
von Utagawa Sadashige. 

(Siehe Tafel I.) 



Das zugehörige Bild ist die Wiedergabe eines Farbendrucks aus einem, 
dem Museum gehörigen, japanischen Sammelband, handschriftlich betitelt: 
»Füryü Azumayakusha hyöban nishikiec. Letzterer enthält Theaterscenen'), 
Illustrationen zu Erzählungen*) und Märchen'), einzelne Blätter aus grösse- 
ren Serien*) u. a. m. — Die Überschrift des Bildes lautet: Kyökun sangai 
zue = belehrende Abbildung der drei Welten (Himmel, Erde, Hölle). 
Das Bild ist an den Rändern stark beschnitten, um es in das Format des 
Albums bringen zu können. Dadurch ist manches verloren gegangen, so 
z. B. gleich rechts oben der Anfang der Beischrift, wie links oben ein 
Stück d«6 Gefasses, aus dem die Hasen schöpfen. Die etwas verstümmelte 
Beischrift lautete wohl: tendo nite ningen no yoehi ashi wo chömen ni 
shirushitamau = Die Sonne zeichnet die guten und bösen Thaten der 
Menschen in einem Buche auf. Die Abbildung zeigt die Sonneugöttin 
mit ihren Begleiterinnen. Eine der letzteren sucht augenscheinlich eine 
Stelle in dem vor ihr liegenden ungeheuren Sünden-Register. Links da- 
neben erblicken wir einen durch ein Femrohr nach unten schauenden 
Dämon, sovne zwei Dämonen, die damit beschäftigt sind, mit einem 
gewaltigen Feuerstahl und einem an einem Tau aufgehängten Feuerstein 
Blitze hervorzurufen. Der Holzgriff des Feuerstahls trägt die Aufschrift: 
inazuma = Wetterleuchten, Blitz. Neben ihnen sind vier Hasen und 
drei Vögel beschäftigt, aus einem grossen Gefäss eine Flüssigkeit zu 



*) Z. B. zur Chüshingura. Vgl. J. v. Langegg, Midzuhogusa I: Vasallentreue, 
Mitford, Geschichten aus Alt-Japan. 

*) Z. B. zum Soga monogatari, der Erzählung von der Blutrache der beiden Brüder 
Snkenari und Tok imune. Vgl. Anderson, catalogne of the Japanese and Chinese 
paintings in the British Museum p. 384, Brauns Japanische Märchen p. 353. 

•) Z.B. das Jiraiya-Märchen. Vgl. Brauns 1. c. p. 9—13. J. v. Langegg, japa- 
nische Theegeschichten 1884 p. 129—138. Femer das Shutendöji -Märchen, vgL J. 
V. Langegg 1. c, p. 79. Brauns 1. c, p. 219. 

*) Z. B. aus einer Serie der Tökaidö go jü san no tsugi, der 53 berühmten Stationen 
des Tökaidö. 



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— 2T — 

sehöpfen; tue durch ein Sieb gcfigöasen ¥rird und nack unten zu wie dichter 
Regen fiällt» Vidleicht ist da$' Ganze eine hntnoristiBohe Däiitellnng der 
Entstehung deis Kanro*^). Baiden, dier" Donnergott, • umgeben ton einem 
Ereia'YOil DoiOierbfommeln- sieht' dem- Windgott F fiten zny der mit Hülfe 
eines Fächers seinen Windsack füllt Der neben ihm liegende grosse 
floher trägt die Aufschrift go fü ^=3 5 Winde. Der mutiere Teil des 
BildeSf 'di^ Menschönwelt darstellend, zeigt uns eine Anzahl festlich 
geputzter, zum Teil maskierter Leute, die unter blühenden Kirschbäumen 
laatwandehid» unter lebhaftem G^berdenspiel 'ihrer vergnügten' Qemüts« 
stinmung Luft manchen. Ironisoh gemeint ist- wohl die Beisehrift des 
Malers: hitobito yudan «ubekaraln =^ niemand darf sorglos sein! 

In der Mitte des imteren Bildes erblickt man den HSUenrichter Emma, 
an' aeiniehi BicbtiBrtisch^ schlafend. Der ein^ der Beamten des Meifü, 
=^ »dunklen TribuAslst reckt gähnend die Arme, der andere ist sanft 
cinge&chlnmmert Die Tafel, shakü'), die er vor sich hält, tragt als Auf- 
schrift den Namen> des Malers Sadashige^ Hat der Maler die Fläche der 
Tafel nur sinnreich' benutzt um > seinen Namen anzubringen oder hat er 
humoristisch zu verstehen geben wollen, dass er sich die Unterwelt so 
fidel wünsche, wenn er einst dort' zu erscheinen hat? 

Rechts im Hintergrund steht unbenutzt der Hi no kuruma, der feurige 
Wagen, in dem die Seelen der Bösen zur Hölle geholt werden. 

Auf erinem Pfahle davor ist eine Bekanntmachung angebracht, die 
den folgenden Wortlaut hat: 

Kama 

sonji sörö 

ni tsuki tobun 

no uchi aiyasumi 

möshi sorö 

Goza 
= Da der Höllenkessel beschädigt ist, so zeige ich hiermit ergebenst au, 
dass ich mich in der Zwischenzeit etwas ausruhen werde. 

(Der Teufel) Stierkopf'). 

') Kanro = a sweet dew said to fall from thc sky. Hepbum. Vgl. Wakansan- 
saizue Heft 3, p. 18 b. 

') Längliches Täfelchen, um Befehle des Herrschers bei Audienzen zu notieren, 
jetzt nur noch als Ceremonialobjekt in den Händen gehalten. Hepbum. 

*) Zwei häufig abgebildete Teufel: Gozu = Stierkopf und Mezu = Pferdekopf. 
Aus dem Buddhismus auch in das taoistische Pandämonium übernommen. Siehe Ethnol. 
Xotizblatt, Heft 2, pag. 30, No. 81, 82. 

Andere buddhistische Typen sind ebendaselbst No. 13, 52, 54, 56, 87, 92, 97, 
118, 156 u. a. mehr. 



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Zwei grüne und ein roter Teufel sind damit beschäftigt, den Udierten 
Kessel wieder zu flicken. Eine Teufelin mit einem jungen grünen Teufel 
auf dem Rucken kommt rieh nach diesem unerhörten Geschehnis zu er- 
kundigen. Über dem Kessel befinden sich noch die folgenden Worte: 

jigoku wa onore ga kokoro ni shözu = die Hölle entsteht im eigenen 
Innern, diesmal auf den Höllenkessel bezogen. Links vom BichtertiBcb 
Emma*s sehen wir die sogenuinte »anklagende und die entschuldigende 
Stimmet, beide in gemütlicher Unterhaltung (als 2 Köf^e auf einem 
Lotosstander dargestellt). Auf dem Boden ist ein Teufel damit besdilf- 
tigt den Jöhari no Kagaiüi (den Höllenspiegel, in welchem die Tbaten der 
Menschen sich spiegeln) zu polieren. Die »Alte Yom Sanzugawaic (die 
den Toten die Kleider abnimmt), flickt ihr Tigerfell, auf dem sie gewöhn- 
lich sitzt Neben ihr ein blauer Teufel, der sein Pfeifchen schmaucht, 
▼or ihr ein grüner, mit Eisenkeule bewaffneter Teufel, der ihr offenbsr 
etwas sehr Lustiges erzählt, wie die Mienen der Drei zeigen. Das Plaktt 
rechts hinter der Alten trägt die Aufschrift: Sanzugawa (Dreiwegestrom), 
daqenige links vor dem mit Stacheln besetzten Berg lautet: 

jigoku togauin no 
hoka noborubekarazu 
= Die Verdammten ausgenommen darf hier niemand hinaufsteigen! 

F. W. K. Müllef. 



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Zum Fetischwesen der Ewe. 

(Siehe Tafel U und HI.) 



Dem jüngst verstorbenen Afrikaforscher tu Banmann ') verdankt das 
Museum unter vielen anderen wertvollen Stücken auch eine Kollektion 
von Gegenständen, die geeignet sind, über den Fetischdienst und den 
Aberglauben der Ewe-Bevölkerung des südlichen Togogebietes manchwlei 
wertvolle Aufschlüsse zu geben. Baumann hat es jederzeit während seines 
mehr ab sweijährigen Aufenthaltes auf Misahöh^ verstanden, den Inter* 
essen der Wissenschaft in vollstem Maasse gerecht zu werden. In ruhigen 
Zeiten ein Meister aArikanisdier Diplomatie, der ohne je Anstoss zu 
erregen es verstand, selbst die grössten Stammes- Heiligtümer nach 
Europa zu schaffen, wusste er auch in Zeiten kriegerischer Verwick- 
lungen jede sich darbietende Gelegenheit zu bequtzen, die Sammlungen 
der Königlichen Museen zu bereichem. So erbeutete er während des 
Aufstandes der Towe-Leute im März 1895 eine grössere Anzahl von Thon- 
und anderen Fetischen, die er als wertvolle Belege westafrikanischen 
Götzendienstes dem Museum für Völkerkunde übersandte. 



<) Ernst Baomaim war am 9. Februar 1871 zu Grottkau in Schlesien geboren. 
Sein Vater war später Krankenhaus -Inspektor in Brieg. Von Haus aus, Botaniker, 
ging Baomann, nachdem er in erster Linie auf der Seewarte in Hamburg, dann auf 
dem Orientalischen Seminar in Berlin sich für den Forscherberuf vorbereitet haite« 
Anfang 1898 im Auftrag des Auswärtigen Amts nach Deutsch-Togo« Wählend 
zweier Jahre war er dort Stationsassistent resp. stellvertretender Stationsleiter toü 
MisahOhe, das er auf längere Zeit im Herbst 1894 nur einmal verliess, am die deutsche 
Togo-Expedition nach Salaga zu begleiten. Dahingegen war Banmann unstreitig der 
beste Kenner der n&hem Umgebung von MisahOhe; dafor zeugen zahlreiche und um* 
fangreiche botanische, zoologische und ethnographische Sammlungen, die, mit unge^ 
heurem Fleiss und grosser Sachkenntnis zusammengesteUt und mit den ausreichendsten 
Angaben versehen, Flora, Fauna und Ethnographie des Qebiets um den mittlem Teü 
des Togogebirges annfthemd erschöpfen. Einen sehr wertvollen Teil seiner ethno« 
graphischen Sammlung verdankt Baumann dem Feldzug gegen die aufständischen 
Towe-Leute im Hftrz d. J., den er energisch durchführte und in dem es ihm gelang, 
eine ziemlich umfangreiche Kollektion von Thonfetischen zu erbeuten. Im Sommer 
d. J. kehrte B. gesund nach Europa zurOck, erkrankte ^ber in Madrid heftig am 
Schwarzwasserfieber, dem er, nachdem er sich noch bis Coln geschleppt hatte, im 
dortigen Augusta-Hospital am 8. September erlag. Sein frtlher Tod ist ein schwerer 
Verlust sowohl fdr die Wissenschaft, in deren Dienst er sich in aufopferndster Weise 
gestellt hatte, wie auch für £e kulturelle Entwicklung unserer Togo-Kobnie. 



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— 30 - 

Baumann war aaf Grund seines langem Aafentbaltes im Lande und 
seiner Kenntnis der Landessprache mit den Sitten und Gebräuchen des 
Volkes aufs Innigste vertraut und somit in der Lage, den von ihm ein- 
gesandten Sammlungs-Gegenstanden Angaben beizufügen, denen man ohne 
jedes Misstrauen begegnen kann. Aus diesem Grunde und aus der Über- 
zeugung heraus;.' Väliss j«de Änderung der ursprünglichen Fassung den 
Wert der Angaben nur sehnigen wurdej_$owie aus Pietät gegen die 
Manen des Jüngstverblichenen sind im Folgenden die Originalangaben 
Baumanns, wo immer es angängig erschien, unverkürzt wiedergegeben. 

f. Thonfetisohe aus der Landschaft Towe. 

»Die Landschaft Towe liegt zwei Stunden südlich der Station Jfissr 
hfihe in der. weiten Ebene zwischen Agngebirge im Osten, Kpatawebergm 
im.Westto, dein Agomegebirge^im Norden und den kleinen Höhenzügen 
bei Atigbe und Assann im. Südosten. Das ganze Gebiet läset sich als 

ein grosser, weiter Thalkessel auffassen, in dem. eine grosse Zahl kleinerer 

jl j. 

tind' grösserer Wässerläufe wie der Ahä und Häso ihren Weg riehmeb, 

3ie 'alle nach Südwesten zum Todji abfliessen. Die reiche ^Bewässerung 

bedingt eine grosso Fruchtbarkeit, die in dem Vorkommen zahlreicher, 

ausgedehnter Wälder von ürwaldcharakter ihren vollkommensten Aus- 

dlTick findet. Der Buschwald beherbergt zahlreiche ölpalmen, die sict 

oft zu prächtigen Hainen zusammenschliessen. 

Die Fruchtbarkeit des Bodens, der in erster Reihe Yams (Dioscorea) 

in einer Reihe von Spielarten und vorzüglicher Güte hervorbringt, hat 

an^h eine starke Bevölkerung zur Folge. Auf einem Flächenraum wenig 

grosser als drei Geviertkilometer befinden sich fünf grosse Dörfer: 

± jL ' ± J. 

Ahunjo, Avelemme, Ati, Djigbe und Abesia. 

Die Geschichte aller die Ewesprache redenden Stämme, soweit sie 
noch in der Überlieferung lebt und sich durch vorsichtiges, möglichst 
umfangreiches Befragen (nach sorgfältiger, wohlerwogener Ausmerzung des 
Unwahrscheinlichen) hat feststellen lassen, deutet auf grosse Wanderungen 
yon Osten her, in einem Fall zurückverf olgbar bis zu Ende des 17. Jahr- 
hunderts. Die Sage verlegt die Urheimat nach Maupe,' auch Notje, wahr- 
scheinlich ist sie aber in der Gegend des heutigen Makh^ zu suchen, im 

Norden von Dahomey, da wo auf »unermesslich hohen Bergen eue und 

eutrt) (Sonne und Mond) wohnen c. 

Die Toweer scheinen schon weit früher ausgewandert zu sein, denn 
die Eingebomen der Landschaft Agome fanden sie bei ihrer Zpwancl^ng 



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- 31 ~ 

bereits vor und zwar wohnten sie damals bis zum Südabhang des Agome- 

gebirges zwischen Jo und Podje; sie werden auch stets als urangesessen 
Migesehen. Der Volksglaube erzählt, dass sich einst ein FÖ genannter 
Baum geöffnet habe, dem ein Mann und ein Weib entstiegen seien, aus 

deren Kindern und Kindeskindem der heutige Towestamm hervorgegangen 
sei. Doch findet die Annahme; dass die Tow^leute letzte Reste eines 
autochthonen Stammes sein könnten, selbst in der geringen Verschieden- 
heit ihres Dialektes, der ihnen mit den Stämmen am Aga gemeinsam ist, 
keine Stütze , denn er kann sich sehr wohl durch die jahrzehntelange 
Abgeschlossenheit herausgebildet haben. Eine eigene Sprache, wie sie 
einer grossen Zahl von Stämmen unseres Togogebietes eigentümlich ist^ 
(Avatime, Logba, Tafi, Buem, Okaü), fehlt ihnen. 

Die Toweer galten von altersher als arge Räuber und Wegelagerer, 
die wiederholt die angrenzenden Bewohner überfielen und davonführteu ; 
besonders hatte Agome zu leiden, dessen damalige Hauptstadt Kuklupue 
(noch heute sieht man die Ruinen in der Nähe von Podji) sie zerstörten 
und die Bewohner zwangen, sich auf die Berge zurückzuziehen. Nach 
der Neuerstarkung des Agomestammes machte dieser aber von seinen 
Felsennestern aus Ausfalle gegen Towe und drängte es bis in die Gegend 
des heutigen Palime zurück, später noch eine Stunde südlicher, dahin, 
wo sie noch heute sich befinden. Rauhe, rohe Sitten, ünbotmässigkeit 
und Lust und Gefallen an Händeln haben sie schon des öftern seit der 
Besitzergreifung Togos durch Deutschland in Streitigkeiten, mit der Re- 
gierung gebracht und die heutige teilweise Vernichtung des Stammes 
herbeigeführt. Die ganze Landschaft, besonders aber Abesia betrieb eine 
lebhafte Topfindustrie, nicht minder lockte auch der reichlich vorhandene 
Lehm zu figürlichen Darstellungen, die in der Herstellung von Götzen, 
ihren Ausdruck fanden. 

Jedes Dorf besitzt einen Hauptfetisch, der sehr verschieden, meist 
aber mit in Reihen angeordneten Kauris besetzt, dargestellt wird. Mau 
erbaut ihm eine Hütte, häufiger vor, seltener im Dorfe. Alle Haus7 

Fetische stehen unter diesem Dorffetische legba, sind gewissermaasseh nui* 
seine Organe, und nur der darf sich einen Hausfetisch machen lassen, 

JL 

der regelmässig dem legba opfert. Der Dorffetisch beschützt das Dorf 
in seiner Gesamtheit, die Haasfetische (je nach Anzahl und verschiedener 
Darstellung in getrennten Funktionen) Haus und Familie ihres Besitzersc. 

Der legba ist in der Baumann^schen Sammlung leider nicht vertreten. 
Nach Herold (Mitt. a. d. deutsch. Schutzgeb. 1892 pg. 146) scheint er 
das böse Prinzip darzustellen, da die ihm gebrachten Opfer nur den Zweck 
haben, das Böse fernzuhalten. 



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— 32 — 

Die im Nachfolgenden aufgeführten Haasfetische zerfallen in mehrere 
Klassen^ sind aber für jede Klasse meist in mehreren Exemplaren vertreten: 

1. Ata. »Er erkennt die Feinde seines Besitzers und tötet siec. 

Nach Herold (a. a. 0.) weiss Afa alles was im Lande vorgeht, und vor- 
gehen wird, warum z. B. jemand krank geworden oder einen schlechten 

Traum gehabt hat« Afa ist in der Sammlung in vier Exemplaren ver- 
treten. Bei allen sitzt die rohe Thonfignr des Fetisches in einem halb- 
kugeligen bis flachen Thongefäss, an dessen Boden sich seine Basis 
anschmiegt. Auf dieser breiten, massigen Basis erhebt sich ein meist 
schlank zulaufender Kegel, aus dessen oberem Teil das Gesicht des Fe- 
tisches gefcArmt wurde, solange die Masse noch plastisch war. Das Gericht 
ist entweder bis zu ziemlicher Feinheit durchgeführt (III 6033. 6036, 
Fig. 1 und 5 Tafel lU), oder nur durch einige Vertiefungen angedeutet, 
die Augen, Nase und Mund darstellen sollen. Bei den beiden ausgepräg- 
teren Physiognomien sind die Augen durch Kauris dargestellt. Den Scheitel 
krönt in drei Fällen ein Bfischel von kleinen Hühnerfedern; beim vierten 
(Fig. 5) sind Spuren eines solchen Büschels nicht zu finden. Vor den 
Federbuscheln sind bei III G 6033 und 6035 (Fig. 1) Eisenstücke in 
den Lehm eingelassen, bei ersterem ein hufeisenförmig gebogenes vier- 
kantiges Stück Eisendraht, bei dem andern ein kleines Stück Flacheisen. 
Den Hals, wenn man die kaum merkliche Einschnürung des Körpers so 
nennen darf, zieren schmutzige Bänder aus Baumwolle oder Bast. 

2. Es-se. »Ist nur ein unthätiger Gesellschafter des aC, daneben 

auch zuweilen als Vermittler zwischen afa und legba gedacht. Er ver- 
langt keine Opfer, aber des öftern einen erneuten Anstrich. c Zwei Exem- 
plare vorhanden, III C 6040. 41 ; in der Form den vorigen ziemlich ähn<^ 
lieh. Der Gesichtsausdruck beider erinnert stark an III C 6036 (Fig. 5). 
Beide sind mit weisser Thonerde getüncht und tragen eine in den 
Wirbel eingesteckte kleine Schwanzfeder eines Papageis (nach Banmann 
wahrscheinlich von Agapornis puUaria). Einer der Fetische steht auf 
einem blangemusterten europäischen PorzellanteUer, bei dem andern fehlt 
der Untersatz* 

3* Wos-sa. »untersteht dem afa und heilt Krankheiten, doch ver« 
mag er nichts ohne dessen Befehl; deshalb muss der Besitzer beiden 
opfern. Ist das geschehen, so bringt er den wossa ausserhalb des Dorfes in den 
Busch und damit gleichzeitig die Krankheit aus dem Hause heraus.€ In der 
Sammlung durch zwei sehr von einander abweichende Formen vertreten: 

a, m 6042. Fig. 6 Taf. IIL Lehmmasse von 9 cm Höhe; ohne 
Untersatz* Der walzenförmige Körper ist rund herum mit reiheiiweis 



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— 33 — 

angeordneten kleinen Eanris besetzt, die bis zar Mitte ihres Volumens 
in den bellgrau-brannen Lehm eingedrückt sind. Den kaam angedeuteten 
Hals nmgiebt eine dünne Schnur mit einigen sehr kleinen weissen Perlen. 
Das Gesicht ist wohl ausgebildet, die Augen sind durch zwei Kauris 
ersetzt, im Wirbel steckt eine kleine Papageienfeder wie bei den 
vorigen. 

b. III C 6043. Fig. 2 Taf. III. 24 cm hoch, auf einem tiefen Thon- 
topf sitzend. In Form und Ausdruck sehr verschieden von Fig. VI. Die 
untere Hälfte des Kopfes ist umhüllt von einem dicken Lehmm^ntel, der 
sich vorn breit öffnet, um für den schnauzenartig weitvorspringenden 
Mund Platz zu geben. Die Augen, wiederum zwei Eauris, sind ganz 
ungleichmassig angebracht, im Übrigen Kopf und Mantel völlig mit Eanris 
besetzt, die, reihenweis angeordnet, oben im Wirbel in vier radialen 
Strahlen zusanmienlaufen. Eine Feder ist hier nicht vorhanden. 

4a. III G 6044. Fig« 4 Taf. III. Bele. »Tötet alle diejenigen, -die 
von seinem Besitzer Lügen ausstreuen.« Eegelstumpf mit massiger Basis, 
die in einem massig tiefen Thongefass ruht. Ein Gesicht ist nicht aus- 
gebildet, wohl aber laufen von einem Eranz von Eauris, der die obere 
Endfläche umrahmt, vier andere Eaurireihen divergent nach unten. 

4b. III C 6046. 46. Fig. 2 Taf. lU. Zwei Fetische gleichen Na- 
mens und gleichen Zweckes wie der vorige, aber ganz anderer Form. 
Es sind dies ovale Lehmplatten von 20 bis 25 cm Durchmesser und 
ca. 9 cm Dicke. In einem Falle ist von der Scheibe ein Segment abge- 
schnitten (Fig. 3), im andern ist sie mit einem rechtwinklig abgesteiften 
Rand versehen. In der Mitte der Platte sind drei nach oben etwas kon- 
vergierende Holzstäbe durchgestossen, die im letzten Viertel ihrer Höhe 
gemeinsam einen Stein tragen. »Fällt dieser Stein einstens herunter, so 
ist das das Zeichen, dass der unbekannte Verleumder oder Schänder das 
Namens im gleichen Augenblicke gestorben ist.€ Diese schlackenartigen 
Steine sind von verschiedener Grösse, häufig mit Baumwollfäden über^ 
spönnen und mit Hühnerblut getränkt. Hühnerfedern sind übrigens auch* 
der Lehmscheibe an verschiedenen Stellen eingepflanzt. 



II. Hömerfetisohe vom Agugebirge. 

Aus einer altern, im Februar 1894 eingegangenen Sammlung Bau- 
manns verdienen ein paar Fetische hervorgehoben zu werden, die aus 

Nyabö am Agugebirge, ca. 20 km ESE von MisahShe stammen. Der 

Chef jenes Ortes heisst Blaku. »Die Bewohner siud Eweneger, unter- 
M. IT. Q ^ 



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~ a4 - 

scheiden sich aber in Gemeinschaft mit den übrigen das Agngebirge be- 
wohnenden Eingebornen von den friedlichen, indolenten Bewohnern der 
Ebene westlich von ihnen durch mehr kriegerische^ aber anch aufgewecktere 
Sinnesart. Räubereien und gegenseitiges Wegfangen von Bewohnern sin^ 
alltäglich^ andrerseits findet man hier mehr als anderswo europäische 
Eultnrgegenstande« Man sieht zinnerne Löffel und Eimer und ausser^ 
ordentlich häufig europäische Kleidungsstücke, darunter auch Schuhe, 
Westen, englische schreiend rote Uniformjacken, Livreen etc.; der Chef 
besitzt sogar einen in irgend einer Faktorei abgelegten Divan. Die Ur- 
sache dieser Erscheinung ist der starke Verkehr englischer und deutscher 
schwarzer Händler, die sich das ganze Jahr hindurch zum Ankauf von 
Gummi hier einfinden and viele der eben genannten Artikel als Tausch- 
objekte mit sich führenc. 

Dieser Einfluss europäischer Kultur erstreckt sich nicht nur auf 
Gegenstände des täglichen Gebrauchs, sondern auch auf die des Kultus. 

Ein paar ebenfalls aus Nyabo stammende grosse Trommeln, die dem Mu- 
seum durch Baumann Übersandt wurden, fuhren die Bezeichnung tam- 

pani, in der ohne weiteres die englische Form tympan des alten iym- 
panum wiederzuerkennen ist. Ein zu derselben Sammlung gehöriger 
weiblicher Fetisch, die Friedensgöttin ebenyön, ist eine Holzfigur mit 
über das Haupt emporgestreckten Händen, als wollte sie den Segen des 
Himmels auf die Bewohner des irdischen Janmierthals herabflehen. Nach 
Baumann hat es mit dieser Friedensgöttin folgende Bewandtnis: 

>God save the b'ngt, sagt der Goldküstenneger, »mavn ledjic der 
Bewohner des Agu zu seinem Häuptling, wenn dieser die Göttin ebenyon 
neben sich oder auf dem niemals fehlenden, roten, ungeheuren Schirm 
zu stehen hat. Dabei erhebt das Volk die Hände, gerade wie es der 
Fetisch auch thut.€ Dieser Fetisch ist also ebensowenig einheimischen Ur- 
sprunges wie der von Henrici (D. deutsche Togogeb. u. m. Afrikareise. 
Leipzig 1888. pg. 60) und Herold (a. a. 0. p. 154) erwähnte Gebranch, 
dem Toten drei Hände voll Erde in das Grab nachzuwerfen. Dagegen 
glaubt Baumann unbedenklich als autochthon anerkennen zu dürfen: 

1. Böne, Fetisch gegen feindliche Kugeln. III C 5899^ \ Fig. 7. 
Zwei massig grosse BüffelhÖrner sind an ihrem offnen Ende mit Baum- 
wollzeug verschlossen, das auch den untern Teil des Homs als Mantel 
umgiebt. Auf diesem Zeug sind mittelst einer schwarzen Masse zahl- 
reiche Kauris in Reihen befestigt, die teilweise verschwinden unter der 
Masse der ihnen mittelst Hühnerblut aufgeklebten Francolinusfedem. 

2. Akbu, kleiner Höruerfetisch gegen feindliche Messerstiche (III C 



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— 35 - 

5900^ ^ Fig. 8). Ebenfalte zwei Hörner eines Tieres, das Baumann 
nicht anzugeben vermag, das aber die Eingeborenen ate Buschziege be- 
zeichnen. Der Fetisch gleicht in seiner Technik dem rorigen sehr, nur 
die Federn fehlen. 




Fig. 7. 




Fig. 8. 



Schädeltrommeln aas dem Otschi-Gebiet. 

Im Anschluss an die im I. Heft des Notizblattes p. 39 f. gebrachten 
Nachrichten über Trommeln mit Menschenschadeln im Togogebiet sei hier 
Folgendes mitgeteilt: 

Das Museum ist im Lauf des Sommers in den Besitz von drei 
Schädeltrommeln gelangt und zwar ausschliesslich durch die Fürsorge des 
trefflichen Baumann. Die grösste der Trommeln stammt aus dem im 
Otschi-Gebiet liegenden Nkonya, entspricht aber nicht den von Herold 
in seinem Brief (Notizblatt I) an jenem Ort gesehenen. Die Erwerbung 
hat, wie Baumann in einem Privatbriefe mitteilt, ungemein grosse Schwie- 
rigkeiten verursacht. Da selbstverständlich keiner der umwohnenden 
Stämme von dem Verkauf des Heiligtums das Geringste erfahren durfte, 
so wurde, nachdem das Kaufgeschäft mit dem Stammeshäuptling und den 

S* 



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— 36 — 

Fetischpriestern abgeschlossen worden war, die Trommel in dankler Nacht 
ans dem Hanptlingshause geholt, wohl verpackt and dann schleunigst 
nach der Station Misahöhe befördert 

Obwohl die Trommel in ihrem Äusseren von der in der Herold*8chen 
Skizze (Notizblatt I p. 40) wiedergegebenen einigermassen abweicht, so 
ist hier dennoch auf eine bildliche Wiedergabe verzichtet worden, da 
dieser unterschied nur unwesentlicher Natur ist Die Baumann^sche 
Trommel (III C 6128) ist beträchtlich schlanker als die skizzierte, 1,22 m 
hoch, bei nur 0,45 m Durchmesser; oben und unten ist der Gylinder 
verjüngt. Die Trommel trägt, im Gegensatz zu der Herold'schen und 
der vom Missionar Fies (a. a. 0. p. 40) beschriebenen, mit 9 Schadein 
geschmückten Trommel von Ho, nur eine solche Trophäe. Bezüglich des 
Gebrauchs ergänzt Baumann die Angaben Herold's in den Mitt aus d. 
deutschen Schutzgebieten p. 148 in folgender Weise: 

»Alljährlich im Oktober findet in Wurupong, der nördlichsten Stadt 
der Landschaft Nkonya, das Fest des Hauptfetisches Sia statt, zu welchem 
die Fetischtronmiehi aus Betinasse, ihrem ständigen Aufbewahrungsort, iu 
feierlicher Prozession überführt werden. Zwei derselben (die auf kerne 
Weise erhältlich waren) besitzen grobe Schnitzereien, die dritte (die un 
Museum ausgestellte) ist ohne figürliche Darstellungen und gleicht somit 
vollständig den Trommeln von Ho und Avatime. Beim Trommeln geraten 
die Scludel in Bewegung, sie »nickenc. Ist unter den Teilnehmern am 
Fest ein Mann, der demselben Stamm angehört wie der Schädel, und der 
Schädel nickt ihm zu, so wird er vom Fetisch Sia getötet, nachdem er 
in Irrsinn verfallen ist; doch ereignet sich dies sehr selten, weil die 
Schädel meist erschlagenen Aschanti-Eriegem angehören.t 

Die beiden anderen Trommeln III C 6067 und 6068 stammen tos 
Kpandu« Beide verdankt Baumann der persönlichen Freundschaft des 
Königs Dagadu. Sie sind wesentlich kleiner als die Trommel aus Nkonya, 
56 cm hoch bei ca« 30 cm Durchmesser, stinmien aber sonst in ihrer 
äusseren Form genau mit jener Überein. Eine von ihnen ist auf Taf. II 
in Vs der wirklichen Grösse wiedergegeben. Die beiden Schädel stammen 
von erschlagenen Aschanti-Eriegem her, ebenfalls die links und rechts 
von ihnen befestigte Tibia und Fibula. Die andere Trommel gleicht der 
abgebildeten fast völlig, nur das statt der Fibula eine zweite Tibia neben 
den Schädeln befestigt und der Rumpf der Trommel mit grauem, rot- 
gestreiftem Baum wollzeug umhüllt ist. Beide Trommeln dienten als 
Eriegstrommeln. 



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-^ 37 -^ 

An dieser Stelle möge im Zusammenhang mit dem Vorhergehenden 
erwähnt werden, dass Dr. Zintgraff in den Oefechten gegen die Banyang 
im nördlichen Kamerun-Gebiet in den ersten Tagen des Januar 1889 
grosse Trommeln erbeutete, die in ihrem Äusseren, einer mir von Dr. Zint- 
graff gütigst übermittelten Skizze zufolge, der Herold'schen Trommel you 
Nkonya auffallend ähneln. Auch diese Trommeln waren rundherum mit 
Menschenschädeln behangen, die beim Trommeln mit der Kinnlade klap- 
perten (Nord-Kamerun p. 152). Leider war Zintgraff in jener kritischen 
Zeit nicht in der Lage, eins der interessanten Stücke für das Museum zu 
retten, sondern gezwungen, sie zu yerbrennen. 

K. Weule. 



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Indianische Kartenzeichnungen und Kerbstöcke. 



In der Sammlang, die der Zoologe Herr Dr« Bobls bei den Lengna 
am rechten Paraguayufer (ungefähr 23^ s. Br.) angelegt hat, befindet sich 
(V. G. 1830) eine Kalebasse mit einer eingebrannten, aus Schlangenlinien 
und Knäueln bestehenden Zeichnung. Der Scheitel der Frucht ist mit 
3 konzentrischen Kreisen umgeben, ygl. a der Abbildungen. Von hier 





aus läuft an zwei sich gegenüberliegenden Stellen je eine Doppellinie zu 
dem Oberteil der Kalebasse hinauf und endet unterhalb des mit spitzge- 
zacktem Rand ausgeschnittenen Deckels. Die zweilinige Bahn wickelt 
sich auf der einen Seite zu 5, auf der andern zu 4 Knäueln auf, Ygh b 
bis k der Abbildung; die Knäuel sitzen sämtlich endständig den Ab- 
zweigungen der Hauptbahn auf, ausgenommen bei b, wo sie selbst sieb 
aufrollt und dann erst fortsetzt, Herr Dr. Bohls hat von einem Indianer 



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— 39 — 

die Erläuterung eropfangen, dass die Figur a den Toldo bedeute, in dem 
de 8icb zur Zeit aufhielten, und dass die Knäuel andere Toldos darstellten, 
zu denen man nach der einen oder nach der entgegengesetzten Richtung 
in der vorgezeichneten Reihenfolge und Verteilung hingelange. Es liegt 
also eine Kartenzeichnung yor, wie sie gewöhnlich in roherer Art und 
Weise zur Auskunft in den Sand gemalt wird. Weitere Einzelheiten 
werden nicht berichtet. 

Das Museum besitzt noch ein zweites ähnliches Beispiel (VC 461) 
in einer andern Lengua-Sammlung. Hier ist die Kartenzeichnung auf einem 
kleinen Rasselkürbis, vgl. die Abbildung, ein- 
geritzt. Sie verläuft als eine mehrfach rechts 
oder links Wegstücke abzweigende und zum 
Teil quer gestrichelte Bahn von dem Frucht- 
scheitel abwärts in der Richtung des Flaschen- 
halses, den der Indianer oder (nach Dr. Bohls) 
das Indianerkind umfasst hält, wenn die Rassel 
geschwungen wird. Die Mitte der Zeichnung 
stellt eine ovale Verbreiterung dar und müsste, 
nach der Erklärung fnr die Bohlssche Kalebasse 
zu urteilen, einem Toldo entsprechen; gemäss 
der centralen Lage und beim Fehlen anderer 
Toldos dürfte sie selbst den Toldo des Künstlers bedeuten. 

Beide Frucbtschalen weisen noch sonstige Zeichnungen auf, die keinen 
Anlass zur Erörterung bieten. Dagegen ist es vielleicht in diesem Zu- 
sammenhang von Interesse, die beiden nebenstehend abge- 
bildeten Kerbstöckchen der Sammlung Bohls zu erwähnen. 
Der Lengua schneidet, an dem einen Ende des Stöckchens 
beginnend, für jeden Tag seiner Reise eine Kerbe ein und 
fangt beim Rückmarsch von dem andern, noch freien Ende 
des Stöckchens zu kerben an. So ist er unterwegs in der 
Lage zu berechnen, wie viele Ts^e er noch von seinem 
ersten Ausgangsort entfernt ist. Bei der Rückkunft wird 
das Kerbstöckchen in der Mitte durchgebrochen. 

von den Steinen. 





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Zixr Ornamentik der Maori. 



Im »Ethnolog. Notizblattc Heft 11 habe ich kurz über alte Ganoe- 
Schnitzwerke aus Neu-Seeland berichtet und eine ausführlichere Publi- 
kation derselben in Aussicht gestellt. Inzwischen hat H. Schurtz in 
einer sehr interessanten und lesenswerten Abhandlung über die Eunst- 
stile der Naturvölker (Zeitschrift für Bauwesen 1895) die Bugzier dieses 
Bootes abge))ildet und Darstellungen yon drei Vögeln auf derselben nach- 
gewiesen. Da meine ausführlichere Veröffentlichung vermutlich erst im 
nächsten Jahre erfolgen wird, möchte ich einstweilen darauf hinweisen, 
dass ausser den drei von H. Schurtz erkannten Tieren noch zwei weitere 
dargestellt sind und zwar nahe dem unteren Rande des grossen Langs- 
stückes, da wo dieses dem langen, mit kleinen Vögeln in der Art der 
make tnake verziertem Horizontalstück aufruht. Diese beiden Tiere scheinen 
auf dem Rücken zu liegen, während die drei von H. Schurtz erkannten 
aufrecht stehen ; sie unterscheiden sich auch dadurch von diesen, dass sie 
nicht runde, sondern etwas längliche Augensterne haben. Sie sind nicht 
ganz leicht zu erkennen und auch die Maori selbst, denen der gegen- 
wärtige braunrote Anstrich des Stückes zu ^»dankenc ist, scheinen sie 
übersehen zu haben; wenigstens sind auch die Augensterne braunrot über- 
malt und nicht weiss, wie sonst stets, wo sie ak solche erkannt wurden. 

Man kann übrigens beide Tiere ganz gut auf der Zeichnung Abb. 59 
bei H« Schurtz erkennen, noch viel besser freilich auf dem direkt nach 
dem Original hergestellten Lichtdruck meiner Tafel in Heft H des Notiz- 
blattes auf der Abbildung rechts unten. 

V. Luschan. 



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' ' 1 



Eine wertvolle Sammlnng, die (von nnbekannten 
Teilen Neu-Gninea's her) dem hiesigen Mosenm aus 
dem Nachläse eines ungarischen Reisenden zuge- 
gangen war, wurde, früherer Ansprüche wegen, 
dem Ethnologischen Museum in Budapest über- 
laseen, unter gegenseitiger Vereinbarang über spätere 
Rücksendung von Donbletten (im Tauschverkehr). 

Aus damals vorläufig aufgenommenen Photo- 
graphien grösserer Holz-Idole folgt eine derselben 
anbei 9 und wird darauf später, bei den (auch 
im Museum zu Budapest) bevorstehenden, Veröffent- 
lichungen zurückzukommen Gelegenheit sein (für 
anschliessende Einzelnheiten). 



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1^, 



V\ 



^c^ 



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OstaMkanische Erwerbungen im Jahre 1895. 



Die Umge Reihe von Erwerbongen des Rönigl. Mnseoms aas Ostafrika beginnt mit 
einem Geschenke von Herrn Lieutenant R. Böhmer. Unter den 29 dnrchwegs sehr 
schönen und ^rtvollen Stücken dieser Sendung ist ein StCick^ III. E. 8808, ganz besonders 
bemerkenswert: Eine grosse, ganz mit allerhand Amuletten behängte Hanf Pfeife aus 
Ugogo mit einem Flaschenkftrbis Ton 0,70 m Länge; an derselben sind an dünnen Leder- 
streifen oder an gedrehten Schnüren zunächst eine Menge von Tierknochen befestigt und 
zwar, nach einer Herrn Matsch ie zu yerdankeoden Bestimmung, ein Schulterblatt und ein 
Bein yon Gephalopbus monticula, Thunb., der Zwerg-Antilope, sowie ein Lendenwirbel, 
der wahrscheinlich demselben Tiere angehört; femer ein Unterkiefer der Borstenratte, 
Aulacodus swinderenianus, Tessin und zwei Unterkiefer des Maki, Galago crassicau« 
datus Ptrs, dann der Zwischenkiefer einer Procavia und ein Schädel der Panthersehild- 
kröte, Testudo pardalis L. sowie der Unterkiefer eines Fisches, Bagrus; femer sind ein 
Stück Beinhaat und ein Schwanzschild derselben'Schildkrötenart angehängt; zwei grosse 
Stücke vom Halsende von Flaschenkürbissen, drei zugespitzte Holzstäbchen und ein 
Stück Messingdraht gehören. wohl zum engeren Inventar des Rauchers, als Behälter für 
Hanf und als „Pfeifenräumer*", ebenso vielleicht ein ganz kleines eisemes Messerchen 
mit quergestellter Schneide sowie eine runde Scheibe aus einem Flaschenkürbis, die als 
Ersatzstück für die Platte gelten kann, die bei ähnlichen Wasserpfeifen stets zor Ver- 
stärkung der Wand da angebracht ist, wo der Pfeifenstiel in den Kürbis eingepflanzt 
wird; die anderen Dinge hingegen, die noch weiters an der Pfeife angebracht sind, 
können, wie die Knochen, wohl nur wieder als Schmuck oder als Amulet betrachtet j 

werden; und vor allem zwei grössere bearbeitete Stücke Stahl, wohl von europäiseheo ^ 

Flintenschlössem, ein Stück zusammengerolltes Eisenblech, eine eiserne Spirale, an- 
scheinend von einem alten Speerschuh, eine grosse Öse aus Eisendraht, ein Ring aus 
Messing, ein anderer aus Eisen^ ein Stück Baumrinde, ein Stück von einem Rhizom und 
schliesslich eine Schnur mit sehr ungleichmässigen, anscheinend recht alten weissen ' 

Glasperlen. 

Die übrigen Stücke des Böhmer'schen Geschenkes seien hier nur kurz aufgezählt, | 

sie werden demnächst an anderer Stelle') ihre wissenschaftliche Verwertung finden: 
III. E. 8804. Tabakspfeife. Ugogo. III. E. 3812. m6a«o, Hacke (Axt) mit qoerge- 

- - 3805/6. Zwei Büchsen für Schnupf- stellter eiserner Klinge. 

tabak ans Rhinoceroshom. Ugogo. 

Ugogo. - - 381$. nhengoj Beil. Ugogo. 

- - 3807. Eiserne Pincette. Ugogo. - - 3814. nhemo, do. 

- - 3808. Brenneisen zum Bohren von - - 3815. Wurfkeule aus Holz. Ugogo. 

Löchern. Ugogo. - • 8816. Lederköcher mit 11 Pfeilen. 

- - 3809. Trommel. „ Ugogo. 
- 3810. Zither mit 6 Saiten. Ugogo. - - 3817. Schwert mit Scheide. Ugogo. 

- - 3811. Messer, sichelförmig. „ - - 8818. 3 Pfeilspitzen (i. Arbeit). . 



'j Kthno^aphie von Ostafrika. Von F. v. Luschan. Berlin, Dietrich Reimer 1896. 



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~ 43 - 

III. E. 3819. Ziegenhaat zum Tragen von III. E. 3826. Halskette aus Eisendrabt. 

Kindern. Ugogo. Ugogo. 

• - 8820. Lederriemen mit 10 eisernen - - 3827. Armspirale aus Kupferdraht. 

Schellen. Ugogo. Ugogo. 

- 8821. EisemeKuhglocke. Ugogo. (?) - - 8828. Holzlöffel. Ugogo. (?) 
* 3822. Bruchstück einer eisernen Hals- - - 3829. Spielzeug, 3 ßuckelochsen aus 

kette. Ugogo. Thon, Wahehe-Arbeii 

- 3823. Ohrschmuck mit Eisen- und - - 3830. Musikinstrument (6 Saiten). 
Kupferdraht. Ugogo. Wahehe. • 

- 3824. Pincette zum Haarausziehen. - - 3831. Doppelglocke aus Holz (Zau- 
Ugogo. bertrommel), als Klöppel die- 

- 3825. Leibgurt fiir Männer, m. kleinen neu auf jeder Seite je ffinf 

Eisenketten und europäischen dünne Holzstäbchen. Usagara. 

Glasperlen. Ugogo. 

Von sehr grosser Bedeutung für unsere Sammlung war der Ankauf yon 63 Stücken 
aus dem Nachlasse des Freih. ▼. Büiow; unter diesen befinden sich u. a. ausgezeichnet 
schöne Speere von den Wassuknma, Wagogo und Massai, eine sehr schöne kleine Axt 
aus Usaramo und eine andere kleine Zieraxt von den Makna, mit dem geschnitzten 
Kopf einer Frau mit grosser Lippenscheibe (pdele). Die wichtigsten Stucke auch dieser 
Erwerbung werden in dem eben erwähnten Buche zur Abbildung gelangen. 

Gleichfalls durch Ankauf ist das Museum auch in den Besitz eines Teiles der 
Sammlung des Lieutenant d. Res. Herrn L. Meyer gelangt, die dieser auf seiner 
Antisklayerei-Expedition in den Uferländem des Victoria Njansa zusammengebracht hat. 
Unter den durchweg ausgesucht schönen uud wertvollen Stücken nehmen den ersten 
Rang ein (diejenigen aus Ugaya, dem Kavirondo der Küstenleute. Besonders prachtvoll 
ist der Helm eines Kriegers. Auf der gewöhnlichen, kegelförmigen, in diesem Falle 
unten dicht mit Kauris, oben mit den leuchtend roten Früchten von Abrus precatorius 
besetzten Kappe liegt eine ovale Lederscheibe, deren Rand dicht mit den prachtvollsten 
Straussenfedern besetzt ist, dergestalt, dass sich über dem Haupt des Trägers eine Art 
Heiligenschein ausbreitet. 

Weniger phantastisch, aber immer noch wild genug sieht ein Kriegcrhelm aus, der, 
aus einer dichten Löwenmähne gefertigt, einer stark nach hinten verlängerten Grenadier- 
mütze gleicht Ob die als Kokarde dienende, vom an der Mütze befestigte Kann 
autochthon oder aber eine Nachahmung deutscher Schutztruppenuniform ist, mag vor- 
läufig dahingestellt bleiben. 

Von ungewohnt grossen Diniensionen ist ein Saiteninstrument, das in kleinerem 
Masastabe, aber in viel eleganterer Arbeit in Ussoga, der - östlichsten Provinz von 
Uganda, gefertigt wird. Gewaltig ist auch der Kriegsspeer eines Kavirondomannes, den 
Lieutenant Meyer in einem seiner zahlreichen Gefechte gegen diesen räuberischen Stamm 
erbeutete. Der Speer misst nicht weniger als 2,84 m, eine Länge, die in Afrika von 
keiner andern Speerart erreicht wird. 

Ein an dem Speerschaft befestigter FelLring mit lang flatterndem Haarbüschel giebt 
Kunde davon, dass dem Speer schon ein Menschenleben zum Opfer gefallen ist 

Als letztes Stück aus Ugaya sei einer jener riesigen Schilde erwähnt, deren das 
Museum schon seit einigen Jahren mehrere besass, ohne jedoch ein derart wohlerhaltenes 
und schönes Exemplar aufweisen zu können. Diese aus starker Büffelhaut bestehenden 
Schilde sind von ovalem Schnitt, auf der Aussenseite geritzt und ähnlich wie bei den 
Massai bemalt und schliesslich in der kurzen Axe nach hinten gebogen. Getragen werden 
sie an einem starken, gabelförmigen Stock, der mit seinen beiden Zacken in die Leder- 
riemen der Mittelnaht fasst. Die Schilde sind so gross, dass sie für zwei und mehr 
Männer Deckung bieten. 

Ans dem in den letzten expeditionsreichen Jahren viel begangenen Ussukuma 
stammen ein paar Lederschilde mit quer gerichteter Aufwölbung, die an ihren Enden 



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— 44 — 



Holzbretter and an den Längsriemen Eisen- oder Messingschellen zur Hervorbringnng 
des Gefechtslftrms tragen. Auch eins der Messer mit Knochenschale, die wir in der 
Sammlimg des Grafen Ton Götzen wiederfinden, treffen wir hier an. 

Ganz neu für das Mnsenm ist aus Cssnknma ein Annschmnck ans Elfenbein. Ein 
halber Gylindermantel von Elfenbein, der oval geschnitten ist, hat in der Mitte ein Loch 
Ton Oberarmsstftrke. Vermittelst dieses so auf den linken Oberarm geschoben, dass die 
konkave Seite nach unten sieht, ist er eins der originellsten Schmuckstucke, die wir aus 
Ostafnka kennen. 

In der Litteratur ist diese Art Armband nirgends erwähnt, was um so aufMlender 
ist, als unser Gewährsmann dasselbe ungemein häufig vorgefunden hat. 

Willkommene Ergänzungen unserer schon ziemlich umfongreichen Sammlungen aus 
den Nyansaländern sind 

ein alter Wataturuspeer, 

ein paar kleine Wurfspeere aus Uduha in Ost-Ussukuma, 

eine prachtvolle Waganda-Flöte aus Mtamahalm, mit Leder und Perlen überzogen, 

einer der langen hölzernen Wassibaspeere mit Eisenschuh und 

ein Ambatsch-Schild von der Insel Ukerewe. 

Als letztes Stfick bleibt ein Unicam unserer Sammlungen zu erwähnen, nämlich eine 
grosse Trommel von der Insel Uvuma, jenem Eiland vor dem Ansfluss des Nils aus dem 
Victoriasee, dessen streitbare Bewohner den Waganda so oft und so erfolgreich Wider- 
stand geleistet haben. 

Als ein Geschenk des früheren kaiserlichen Dragomans in Dar-es-saläm, Herrn 
Dr. Neuhaus, ging uns eine sehr wertvolle Serie von sieben grossen Modellen von 
Mrima-Fahraeugen zu, unter denen bisher mehrere selbst dem Namen nach hier 
unbekannt waren. Ganz besonderes Interesse erweckt das Galawat ein kleines Fischer- 
fahrzeug, Einbaum, aber mit zwei langen Auslegern und einem grossen Segel, ein 
Typus, dessen Heimat wohl in Madagascar zu suchen ist, während andere Boote der 
Mrima arabischen und indischen Ursprung haben. 

Herr Reg.-Baumeister Klingholz schenkte eine sehr erwünschte Serie ausgezeich^ 
neter Gipsabgüsse von Putz-Ornamenten von einem Grabe bei Dar-es-saläm und eine 
Reihe von sehr lehrreichen Photographien. 

Von ganz besonderer Bedeutung sind die folgenden Stücke, eine Schenkang des 
Herrn Lieutenant Graf Goetzen: 



111. E. 8919. Speer. 



Meatu. III. E. 3938. Lindo-Schachtel m. Dediel. 



3924. 



- - 3990. „ 

- - 8921. Speerspitze. „ 

- - 3982. 11 vergilt. Pfeile. 
2 Stücke Tabak. 
BaumwoUengewebe. „ 
Leibgurt Ost-Ussukuma. 
Kriegskopfschmuck. Wassu- 

kuma Waaduli. 
Kopfputz. Ost-Ussukuma. 
7 Ohrpflöcke. „ 

4 Armringe. ,, 

eis. Unterarmring. „ 
2 Halsbänder. „ 

- - 8982. 2 Halsketten. 

- - 8938. 1 

- - 8984. Messer m. Seh. „ 

- - 3935. Gefl. Korb. „ 

- - 3986. Schnupftabaksdose. „ 

- - 3937. Tanzklapper, 



- - 3927. 

- • 3928, 



8981. 



Msalala. 

- 8939. Holzgefäss. „ 

- 3940. Köcher m. 12 Kriegspfeilen. 

Uschirombo. 

- 3941. 6 Vogelpfeile. „ 

- 3942. Tabakspfeife. „ 

- 3943. 2 Ringe aus Elefuitensebne. 

Uschirombo, 

- 3944 Resonanzboden. „ 

- 3945. 2 gefl. Körbe. 

• 3946. Speer. Wangoni. 

- 3947. „ „ 

- 8948. Schildstock. „ 

- 3949. Kriegerkopfputz. „ 

- 3950. Gefl. Kappe. Unyoro. 

- 8951. Halskette. „ 

- 3952. Schurz aus Ziegenfell. Roandi. 

- 3958. Kriegskopfechmock. „ 
< 3954. Unterleibsschmuck. „ 



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— 45 ^ 



III. K 8955. UnterleibsscbnQre. Ruanda. 

- - 8956. Halsschnur. „ 

- - 8957. Halsschmuck. ,, 

- - 8958. 2 Stock Halsschmuck. „ 

- - 8959. 8 „ „ „ 

- - 8960. 2 Amulette. „ 

- - 8961. 15 Fussringe. „ 

- - 8962. 2 Armringe (Eisen). „ 

- - 8963. 9 „ (Kpfr.Messg.)„ 
. - 3964. 2 „ (Eisen). 

- - 8965. Frauenkopfschmuck. „ 

- - 3966. Holzkamm. „ 

- - 8967. Pfeifenkopf (Thon). 

- - 8968. 2 Speerspitzen. „ 

- - 3969. Haumesser. „ 

- - 3970. 6 Pfeile. 



HI. E. 8971. Kinderbogen. Butembo. 

- - 8972. 2 Holzspeere z. Rattenfang (?). 

Butembo. 

- - 8978. Schnupftabaksbachse. ,, 
. - 3974. 2 Löffel (Knochen). 

- - 8975. 2Ra8iermess.m.Futteral. ,, 

- - 8976. Amulet. „ 

- - 3977. Halskette. 

- - 3978. ArmschmucL Busira Käse- 

keseke. 

- - 8979. 8 Angelschnüre m. Angeln. 

Butembo. 

- - 3980. Holzgefäss m. Stiel. 

- - 3981. 2 gewebte Zeugstoffe. Kaware- 

ware. 



So verdankt also das Königliche Museum der jüngsten erfolgreichen Durchqueruog 
Afrikas eine Sammlung, die besonders für die bis dahm noch völlig unerforschteft 
Regionen zwischen Kagera und Lualaba wichtig ist Auf die hauptsächlichsten Stücke 
der Sammlung ist im Notizblatt 2 pg. 84 ff. ausführlich hingewiesen worden. Nach Land- 
und Völkerschaften geordnet, verteilen sich die übrigen, dort nicht erwähnten Stücke 
folgendermassen: 

Meatu: 11 vergiftete Pfeile, teils mit vergiftetem Mittelstfick, teils mit nilotischer, 
kolbenförmig verdickter Holzspitze. 
2 Stück Tabak von der Form eines grossen Handkäses. 
UsBukuroa: (lemustertes an den Schmalseiten gefranztes Baumwollgewebe aus 
Nindo. 
Leibgurt aus einem Lederriemen, völlig überdeckt von spiralig gewickeltem 
Messingdraht Einer der in Unyamwesi und den benachbarten Landschaften 
so häufig wiederkehrenden Kopfringe aus Zebramähne. 
4 Armringe aus Rhinozeroshom gefertigt; einer aus Edsendraht 
Ein Messer mit Scheide. Die Klinge auffallenderweise mit Knochengriff. 
Gefl. Korb. 

Schnupftabaksdose ans einer kugelförmigen, mit Staniol belegten Fruchtschale. 
Auch in Unyamwesi häufig. 
Aus Msalala: Eine der bekannten, als Reisekoffer dienenden Lindoschachteln und 
ein 8 beiniges Holzgefäss. 

Von den Wasumbwa in Uschirombo: Köcher aus Holz mit Strichomamentik. Darin 
Kriegspfeile von der Art, wie sie über den ganzen Süden des Njansagebietes verbreitet 
sind, und Vogelpfeile mit den über ganz Ost- und Südafrika verbreiteten, rhomboedrisch 
endenden, konisch verdickten Holzspitzen. 
2 Körbe nach Art der Wahumaarbeit 

Von den Wangoni (Sulustamm): 2 Speere, ein Schildstock mit Leopardenfellschmuck 
und Bastring und einer jener riesigen Wulste aus Geierfedem, die in neuerer Zeit, infolge 
der häufigen Expeditioiien gegen die anderen Sulustämme des Schutzgebiets (Wahehe, 
Mafiti) so häufig nach Europa kommen. 

Als letzte Belege ostafrikanischer Kultur seien erwähnt: 

Eine kunstvoll geflochtene, mit Fransen überdeckte baumwollene Kappe aus Unyoro. 
Ebendaher ein Halsband aus schwarzen Perlen mit schön punktierten Elfenbeincjlindern 
dazwischen. 

Ans der Ruanda-Sammlung sind noch zu erwähnen: 

Ein Sats Fussringe von der Art der von den Wassiba verfertigten Nyerere, eine An- 
zahl Armringe aus verschiedenen Metallen, ein hölzerner Kamm mit 4 sehr weit aus- 



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- 46 - 

einanderstehenden Zinken, ein Pfeifenkopf aus Thon, 2 Speerspitzen von Wafaumatjpas 
und 6 Pfeile mit eingesteckten Eisenspitzen. 

Aus dem westlich von Ruanda gelegenen Bntembo sind noch zu erwähnen: 
Eine SchnupftabaksbQchse aus Bambus, mit Strichornamenten. 
2 Löffel aus Knochen. 

2 Rasiermesser, mit Futteral aus 2 Holzplatten. 
1 Halskette aus schwarzen Früchten. 
1 Armring aus zierlichem Grasgeflecht und 
Einige AngelschnQre mit derben Eisenhaken ohne Widerhaken. 

Der altbewährten Gönnerschaft des kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika, 
Herrn Major Dr. von Wissmann, dem das Kgl. Museum schon eine so grosse Reihe 
ausgezeichneter und wahrhaft grundlegender Sammlungen verdankt, haben wir auch in 
diesem Jahre für zwei Stücke zu danken. Er hat uns einen Halsschmuck mit Rinder- 
zahnen von den Konde und einen sehr merkwürdigen eisernen Schemel der Wawemba 
zugewendet. Ausserdem aber darf hier nicht unerwähnt bleiben, wie grosse Hoffnungen 
auch die Ethnographie auf die Wirksamkeit v. Wissmanns in seiner neuen leitenden 
Stellung zu setzen berechtigt ist und wie wir von dem Interesse und dem Yerständm's 
des neuen Gouverneurs eine bisher ungeahnte Fülle neu zuströmenden wissenschaftlichen 
Materiales erwarten dürfen. 

Herr Lieutenant Werther schenkte einen Fellschurz von der Insel Ukerewe und 
der seither verstorbene Bezirksamtsschreiber in Saadani, Herr Kleine, fünf besonders 
schöne Speere, darunter einen der hier noch so seltenen Stossspeere der Wahehe. 

Gleichfalls von den Wahehe stammt ein ausgezeichnet schöner, mit Kopf und Hds 
von Balearica gibbericeps, Rchw. verzierter Kopfschmuck, der mit acht anderen 
Stücken ans Ostafrika aus Düsseldorf angeboten und angekauft wurde. 

Durch Ankauf wurde auch eine von der Wasswahili-Küste stammende arabische 
Kaffeekanne und ein „Linienblatt" erworben, das aus einem dünnem Holzbrett und auf- 
gespannten Bindfaden besteht. Beim Gebraqche wird das zu beschreibende Blatt auf das 
Brettchen gelegt und mit dem Handteller so lange gestrichen bis die Bindfaden überall 
deutlich sichtbar geworden sind. 

Eine Reihe ganz aaserwählt schöner und wertvoller Stücke hat Herr Professor Dr. 
Volkens als Geschenk übergeben. So das Gehäuse einer sehr grossen Achatina- 
Schnecke, das bei den Dschagga als Giftbecher bei Gottesurteilen dient'), zwei alter- 
tümliche Elfenbein-Armringe, zwei Holzgefässe und ein hölzernes Ruf hom der Dschagga, 
mit dem die Dorfhäuptlinge ihre Leute zum Kriege und zur Arbeit zusammenblasen 
lassen; die übrigen Stücke dieser Zuwendung sind die folgenden: 
III. E. 4129. Schamschürze kleiner Mäd- III. E. 4135. Zwei Sohmuckringe fGr das 
chen. Dschagga. Handgelenk, m.bnnten Perlen. 

- - 4130. Drei eiserne Halsringe für Dscha^a. 

Frauen. Dschagga. - - 4136. Stirnband für Frauen, mit 

- - 4131. Hüftschnur einer Frau, mit bunten Perlen. Ugueno. 

hellblauen Perlen. Dschagga. - - 4137. Halsring aus Messing, für 

- - 4132. Lederrock für Frauen, mit Frauen. Ugueno. 
^ Perlen. Dschagga. 

- - 4183/4, Fünf Ringe für das Hand- 

gelenk und den Oberarm. 

Dschagga. 
Der Schwerpunkt unserer ostafrikanischen Erwerbungen fallt auch in diesem Jahre, 
wie schon früher, auf die durch die Bemühungen Dr. Stuhlmanns beschafften Sammlaogen. 
Dieser unermüdliche Forscher war diesmal auch von Herrn Lieutenant v. Grawert, Bezirks- 
Richter Frh. V. Rechenberg, Herrn v. Rode, Oberarzt Dr. Schwesinger, Lieutenant Stentzler 



«) Vrgl. Verh. d. GiBsellsch f. Erdkunde, Beriin 1895, p. 172. 



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— 47 — 

und Rerrn Zollamtsasaistenten Trapp anterstfitzt worden. Zanächst vardanken wir 
Herrn Stuhlmann zwei Schädel von Wanyamwesi, sowie drei Masken und drei kleine 
Holzfignren der liakonde; ferner eine Reihe von überaus merkwürdigen chinesischen 
Porzellan-Gefässen von Yumbengräbem der Mrima, die dem 13.-16. Jahrhunderte 
angehören nnd einen interessanten Beleg für die Handelsbeziehungen jener Zeit bilden. 
Die gegenwärtigen Beziehungen zu Indien sind durch ein kleines bunt bemaltes Thon- 
gefSss nnd eine mit bunter Seide abgesteppte Kopfbedeckung yertreten, wie sie aus 
Bombay nach der Mrima exportiert werden; aus älteren Sammlungen wandte uns Herr 
Stohlmann diesmal eine schöne, geschnitzte Holzflasche der Somili zu, sowie einen 
grossen 10,4 cm langen Ohrpflock der Massai am Rudolf-See aus Elfenbein mit eingeritzten 
Verzierungen, der von der Expedition des Grafen Teleki stammt. 

Die grosse Sammlung, an deren Zustandekommen auch die oben erwähnten 
sechs Herren beteiligt waren, nmfasst die folgenden Nummern: 



m. 


. £. 4086. Thonpfeife. Wadigo. 


III. E 4060. 2 Halsbänder. Usaramo. 


- 


- 4027. Wasserpfeife. Uluguru. 


- • 4051. 3 Haarnadeln. 


- 


- 4028. 


. - 4052. Haarpfeil. 


- 


- 4089. Schöpflöffel. 


. - 4068. kl. Holzfigur, weiblich. , 


- 


- 4030. Weiberschurz. 


- - 4054. Wasserpfeife. 


- 


- 4031. Thontopf. 


- - 4055. 2 Abklatsche von arab. Grab- 


. 


- 4032. Graphit z. Schwärzen. „ 


inschriften. Dar-es-Saläm. 


- 


- 4033. Messer mit Scheide. West- 


- - 4056. 1 Hobpuppe p Mikindani. 




Uluguru. 


- - 4057. 2 Holzmasken ^ u, q 


- 


- 4034. Wasserpfeife. 


Makonde. 


. 


- 4036. Halsschmuck für Frauen. 


- - 4058. 2 Nasenpflöcke für $ « 




Ukami. 


- - 4059. Lippenscheibe (Holz). ^ 


. 


- 4036. Saiteninstrument. Wakaguru. 


- - 4060. 2 Holzschmuckstücke. , 


- 


- 4037. Armspirale aus Messingdraht 


- 4061. Trommel ohne Fell. 




Wakaguru. 


- - 4062. Thontopf. 


. 


. 406a Desgl. 


- - 4063. Thonschale. 


- 


- 4039. 2 Holzschellen. 


- - 4064. Feldwerkzeug. 


- 


- 4040. Kopfschmuck. 


. . 4065. Stuhl. 


• 


- 4041. Wedel aus Tierschwanz. „ 


- - 4066. „ Mahenge. 


- 


' 4042. Schamschurz. 


- - 4067. Speer. Wajao. 


- 


- 4043. Holzkeule. 


- - 4068. , 


. 


- 4044. Lederköcher mit 9 PfeUen und 


- - 4069. Köcher m. 13. vergift. Pfeilen. 




1 Feuerzeug. Wakaguru. 


Wayao. 


- 


- 4045. Schwert m. Scheide. 


- - 4070. Bogen. 


- 


- 4046. Pfeifenkopf aus Thon. . 


- - 4149-51. Drei Nackenstfltzen. 


• 


- 4047. Rasselinstrumeni Osaramo. 


Wabena. 


- 


- 404a 2 Tanzschmuckstficke. « 


- - 4152. Messer mit Homschale. 


- 


- 4049. Spielzeug, Nachbildung eines 
Gewehres. Usaramo. 


Wangindo. 



Ganz besonderen Dank schulden wir Herrn Dr. Stuhlmann auch für eine Reihe von 
Gipsmasken, die er mit grosser Sorgfalt und Mühe hergestellt hat. Die bisher eingesandten 
Negative sind die folgenden: Vier von Wayao, drei Wassukuma, zwei Wanyamwesi, 
2wei Waganda, zwei Waangasidya, drei Schilluk, zwei Wakussu, drei Wangoni, ein 
Mbissa, ein Mfipa, ein Msaramo, ein Mkami, ein Diggani, ein Nuba. Ausserdem sind 
ganze Vorderkörper von je einem Myao und einem Msaramo vorhanden, der Abguss 
einer Hand eines Comoro-Mannes und vollständige Zahnabgüsse von einem Mbissa, einem 
11 kami, einem Nuba, einem Schilluk, einem Bongo, einem Msagara, einem Mnyamwesi 
ond Ton drei Waganda. 

Eine kleine sehr merkwürdige Thonfignr, in Magdischu gefunden, bat uns Herr 



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— 48 — 

Caesar Wegen er geschenkt, sie ist zweifellos einem älteren indischen Voilrilde nach- 
gebildet, vielleicht von einem afrikanischen Künstler, and auf afrik^ischem Boden. 

Frau Konsul Vohsen schenkte einen älteren chinesischen Schalendeckel aas Lama, 
der eine interessante Ergänzung der ans von Dr. Stahlmann geschenkten chinesischen 
Gefässe aus Ost-Afrika bildet. 

Herr Konsul Vohsen vermehrte unsere Sammlungen von der Mrima durch Zuwendung 
eines Reali meusi (fedhdha ja schämi), eines Maria-Theresiathalers. 

Durch Ankauf auf einem Wohlthätigkeits-Bazar erwarben wir eine verzierte Axt 
und eine kleine Keule, beide anscheinend von Makua oder Makonde stammend, sowie 
eine Kokosnussraspel (mbusi), die dadurch merkwürdig ist, dass sie ungleich allen anderen 
Raspeln dieser Art die Form eines Koranpultes hat und so ein interessantes Streifliebt 
auf die Laxheit der religiösen Anschauungen der Wasswahili wirft 

Ein ganz besonders erwünschtes grösseres Geschenk ist Herrn Lieutenant Glan- 
ning zu verdanken, der uns noch eine mit anerkennenswerter Sachkenntnis ausgewählte 
Sammlung meist von den Wangindo überwiesen hat. Die einzelnen Stücke sind für uns 
fast durchwegs ganz neu, und um so wertvoller, weil sie mit genauen und ausführlichen 
Angaben, sowie meist aoeh mit den einheimischen Namen versehen sind; sie sollen an 
anderer Stelle ausführlich veröffentlicht werden, hier sei einstweilen nur eine kurze Auf- 
zählung derselben beigefügt: 

111. E. 4093. Bogen mit Sehne aus emem III. E. 410S. Oberlippenpflock für Frauen 
gedrehten Lederstreifen. Wan- Wangindo. 

gindo. - • 4109. 2Kaat8chukkugehi. Wangindo. 

- - 4094. Köcher mit 8 gekerbten a. ge- - - 4110. Musikinstrument , 

fiederten Pfeilen. Wangindo. - - 4111. Schild (Schabrnmaleate). Ma- 

- - 4095. Ta8che(,Racksack*)au8einem fiti. 

Ziegenbalg. Wangbdo. - - 4113. Schild. Mafiti. 

• - 4006. Netzzom Wildfang. Wangindo. - - 4118. SMtazt 

- - 4097/8. Zwei verschiedene Arten von - - 4114. Wurfspeer. , 

Rattenfallen. Wangindo. - - 4115. Stossspeer. , 

- - 4099. Kopfstütze. „ - - 4116. Musikinstrument MafitL 

- - 4100. Sieb. , - - 4117. Tanzschellen. Mahenge-Mafiti. 

- - 4101. Thongeßlss. „ - - 4118. Halskette ans £i8en-u.Mes8ing- 

- - 4109. 9 Kämme. , perlen. Mahenge-Mafiti. 

- - 4103. Sohnupftabaksbüchse. Wan- - • 4119. Armbänder mit Drahtspiralen. 

gindo. Mahenge-Mafiti. 

- - 4104. Schnupftabaksbüchse. Wan- - - 4120. Halskette mit grossen Oonus- 

gindo. deckein. Mahenge-Maflti. 

- - 4105. Pincette. Wangindo. - - 4121. Armband nut Silber-und roten 

- - 4106. Halsband. , Glasperlen. WasswahllL 

- - 4107. Fingerring. „ - - 4122. Mörser mit Stampf keule. Wa- 

sswahili. 
Die letzte Erwerbung des Jahres 1895 schliesslich bildet die Sammlang des Herrn 
Mletzko, welche die Nummern lU. E. 4158--4182 umfasst, und mehrÜEU^e Lücken 
unserer Bestände in recht erfreulicher Weise aasfQllt Das beste Stück derselben ist 
eine geschnitzte Figur, angeblich „Wegweiser nach Orten wo Zeuge zu kaufen sind*; 
von der Gesamthöhe von 1,79 m entfallen nur 0,84 auf die Figur selbst, der Rest znf 
eine Stange, die teilweise eingegraben gewesen zu sein scheint Der oberste Teil der 
Stange Ist reich gegliedert und endet m eine Art Kelch, aus dem die Figur herausxo- 
wachsen scheint; die Angabe «Wanjamwesi* ist nicht weiter belegt und wohl nur mit 
Vorsicht aufzunehmen; das kelchartige Kapitell läset indische Einflüsse vermuten; die 
Figur selbst ist rein afrikanisch. 



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Bücherschau. 



J. S. Eubary. Ethnographische Beiträge zar Kenntnis des Karolinen- 
Archipels, veröffentlicht im Auftrage der Direktion des Museums fllr 
Völkerkunde in Berlin unter Mitwirkung von J. D. E. Schmeltz. III. Heft 
(Schlussheft) mit 27 Tafeln. Leiden 1895. 
In dem HI. Heft schliesst der Verf. seine 1889 zur Veröffentlichung gelangte 
Arbeit über den Karolinen- Archipel und speziell den die Industiie der Pelauer 
behandelnden Teil mit der Pelauischen Baukunst ab. Auch hier findet man 
vollauf Gelegenheit, die bekannte Sachkenntnis und Genauigkeit des Verf. in 
seinen stets an Ort und Stelle gemachten Beobachtungen zu bewundem, und 
darf sicher sein, dass er sein Thema, was die Sammlung des Materials betrifft, 
völlig erschöpft hat. Die verschiedenen Alien der grossen und festen, auf 
steinerner Unterlage ruhenden Bays oder Gemeindehäuser, die religiösen Zwecken 
dienenden Bauten, wie die Schreine zur Aufnahme der Opfer, die Wohnung des 
Priesters, welche zugleich als Behausung der Gottheit angesehen wird und die 
Häuschen für die abgeschlossen ihre Niederkunft erwartenden Frauen und 
andere im Grunde genommen religiöse Vorgänge, ferner die Wohnhäuser, die 
Bauten zur Aufnahme der Familie während der Absonderung der Tänzer des 
Buktanzes, die Tanz- und Kanoeschuppen u. dergl. m. lernen wir in ihrer Kon- 
struktion bis in's Einzelne kennen. Wir erfahren, aus welchem Material und 
mit welchen Werkzeugen der Bau ausgeführt ist und hören fllr alles den ein- 
heimischen Namen. Ebenso verhält es sich mit der Darstellung der geschickt 
gebauten schmalen und schnellen Fahrzeuge, die stets mit Auslegern versehen 
sind, und unter denen der Verf. Segelfahrzeuge, zum Segeln und Eudem ge- 
brauchte Kanoes und Kriegsfahrzeuge unterscheidet und ausführlich behandelt 
Daneben werden auch Flösse benutzt. Nich^ geringei'e Aufmerksamkeit wird 
auf den Schmuck der Häuser an Ornamenten und Figuren gerichtet und die 
Erklärung der letzteren oft mit Erfolg versucht. Zum Teil farbige Abbildungen 
in mustergültiger Ausstattung, unter denen sich auch mehrere Tafeln mit 
Oinamenten befinden, sorgen für das volle Verständnis alles im Text Gesagten. 
Besonders in den zahlreichen Anmerkungen sind öftei*s Vergleiche mit den 
einschlägigen Verhältnissen der andern Inseln des Karolinen- Archipels angestellt 
and teilweise durch Abbildungen anschaulich gemacht. Ich möchte hier nur 
kurz anführen, dass Verf. für die Bilkelek genannte Bayform die Herkunft aus 
Ponape nachzuweisen versucht und dann die gesamten Bauformen der Pelauer 
M. f. V. 4 



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— 50 - 

auf Ponap'ßchen Ursprung zurückführen will, wofür unter anderem die Aus- 
führung der Wftnde, die steinernen Fundamente auf dem an losem Steingeroll 
armen Pelau und der Umstand sprechen soll, dass die Insulaner auch hölzerne 
Fundamente „Stein" nennen. Desgleichen weist der Kanoebau manche Einzel- 
heiten für die nahe Verwandtschaft mit den östlicher gelegenen Karolinen- 
inseln auf. 

Sehr interessant ist der Einfluss der sozialen Verhältnisse, wie sie in den 
„sozialen Einrichtungen der Pelauer" früher vom Verf. geschildert sind, auf die 
Ausführung der Bauten. Schon die Sitte, dass niemand für seinen eigenen 
Bedarf bauen darf, und dass davon auch der Stamm in bezug auf den Bau der 
Bays nicht ausgenommen ist, erschwert den Besitz tuid bringt manche Eigen- 
tümlichkeit hervor. Noch hinderlicher aber ist es, dass nicht jeder beliebig 
bauen kann, sondern immerfort der Hilfe des Takalbay benötigt ist, welcher 
das innerste Wesen der Baukunst erfsisst hat, weil er mit den Gottheiten des 
Waldes und der Hölzer zu verkehren vermag und die Aufführung des Baues 
vor der schädlichen Einwirkung derselben schützt. Für jedes Eingreifen des 
Takelbay erhält er seinen Lohn. Nur die von den jüngeren Stammesmitgliedem 
bewohnten Häuser dürfen von diesen selbst hergestellt und eigenhändig durch 
eine besondere Ceremonie vor dem bösen Einfluss der Waldgötter geschützt 
werden. Noch manches Merkwürdige erfahren wir so im engsten Anschluss an 
das Thema, ohne dass in früheren Werken des Verf. Gesagtes wiederholt worden 
ist. Herr J. D. E. Schmeltz hat sich das Verdienst erworben, an Stellen, wo 
man gern etwas Näheres über kurz berührte Verhältnisse hören möchte, auf die 
betreffenden Arbeiten des Verf. zu verweisen. 

Es wäre nur zu wünschen, dass ein so verdienstvoller und kenntnisreicher 
Forscher wie Kubary, der ,die Ethnographie wieder durch ein iaai einzig da- 
stehendes Werk bereichert hat, auch künftighin seine Hilfe dieser Wissenschaft 
nicht entziehen möchte. K. Th. Preuss. 

E. Zintgraff, Nord-Kamerun. Schilderung seiner im Aufki*age des Auswär- 
tigen Amtes zur Erschliessung des nördl. Hinterlandes von Kamerun 
während der Jahre 1886 — 92 unternonunenen Reisen. 456 SS. 16 Dlustr. 
1 Karte. Berlin, Gebr. Paetel. 1895. 

Kaum eine Stelle in der Umrahmung des afrikanischen Kontinentes hat dem 
Eindringen des Forschers von der* Küste aus so viele Hindemisse und Schwie- 
rigkeiten in den Weg gelegt wie jene Ecke im Meerbusen von Guinea, die die 
Küste unserer heutigen Kamerunkolonie bildet. Offene Wasserwege, wie der 
benachbarte Niger mit dem Benuä einen darbietet, oder Karawanenstrassen wie 
sie von Lagos im Westen, von Loanda oder Benguella im Süden, oder von den 
grossen Plätzen des Nordens und Ostells in das Innere führen, fehlen in diesem 
Gebiet vollständig. Dagegen drängt sich in diesem Winkel eine Menge von 
Einzelstämmen zusammen, die seit langer Zeit den Zwischenhandel der Fakto- 
reien mit den Völkerschaften des Hinterlandes als ihr angestammtes Monopol 
betrachten und die mit all dem passiven Widerstand, dessen nur der Neger 



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~ 51 - 

PAhig ist, darüber wachen, da8S kein nach ihrer Ansicht unberufener diesen feet- 
geschlossenen Bing durchbreche. Ausserdem finden sich an der Bucht von Biafra 
alle jene Hindernisse auf engstem Baum zusammen, denen sonst nur weite 
Länderstreoken durchmessende Expeditionen begegnen: ungesundes Klima, schlechte 
Wege und feindselige Eingebome — eine Summe von Faktoren, die genugsam 
erklären, dass bis vor kurzem, und z. T auch noch jetzt, das unbekannte Innere 
fast unmittelbar an dej* Küste begann. 

Diesen eisernen Bing wenigstens nach einer Bichtung hin durchbrochen zu 
haben, ist das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst Zintgraffs. Geschult 
auf einer Beihe von kleineren Vorexpeditionen in die weitere Umgebung des 
Kamerunberges, vollführte er im Sommer 1889 jenen ersten Zug nach dem Benu6, 
dessen glänzende Durchführung unter den schwieligsten Verhältnissen wohl noch 
in jedermanns Gedächtnis lebt. Das vorliegende Beisewerk soll lediglich eine 
Darstellung der persönlichen Erlebnisse und Arbeiten des Verfassers im Hinter- 
lande von Kamerun sein (seine kolonialwirtschaftlichen Erfahrungen und An- 
sichten sollen in einem zweiten Bande folgen); dennoch, oder vielleicht vielmehr 
gerade deshalb erscheint die Pei*s5nlichkeit des Verfassers in einem Licht, das 
in jedem Kolonialfreunde das aufrichtigste Bedauern wachrufen muss über den 
so jähen Abschluss seiner afrikanischen Thätigkeit Eine unbeugsame Willens- 
kraft und Energie, die vor keinem Hindernis zurückschreckt, gepaart mit der 
Vorsicht, Geduld und Umsicht, die in Afrika die Vorbedingungen eines jeden 
Erfolges bilden, sind die hervorstechendsten Züge im Charakter des Beisenden und 
Kolonisators Zintgraff. Man mag über den unerquicklichen Streit zwischen ihm 
und dem Auswärtigen Amt urteilen wie man will, es ist und bleibt immer eine 
bedauerlicher Thatsache, dass dem Kolonialdienst eine Kraft, die in relativ so 
kurzer Zeit das nördliche Hinterland unserer zukunftsreichsten Kolonie erschlossen 
hatte, überhaupt entzogen wurde, und dieses Bedauern würde in*8 Ungemessene 
sich steigern müssen, falls es sich bewahrheiten sollte, dass eine solch energische 
Arbeitskraft auf immer brach zu liegen gezwungen sein sollte. 

K. Weule. 

Alfred C. Haddon. The Decorative Art of British New-Guinea. 
Dublin 1894. 4«. 279 SS., mit 205 Abbildungen auf XII teilweise bunten 
Tafeln und 92 Abbildungen im Text. 

Professor Haddon ist Zoologe; was er siebt, umfasst er mit dem Auge des 
Naturforschers; was er schreibt, ist Naturwissenschaft und so ist auch das nun 
vorliegende grosse Werk über Kunst und Kunsthandwerk in Britisch Neu-Gninea 
in naturwissenschaftlichem Geiste geschrieben — nicht vom Standpunkte des 
Ästhetikers. Es wird für alle Zeit grundlegend bleiben für unsere Auflassung 
dieses Gebietes, ti'otz der Lückenhaftigkeit unserer gegenwärtigen Kenntnisse 
und obwohl viele Fragen in dem Buche noch unerledigt geblieben oder neu auf- 
geworfen worden sind. 

Das Material ist hauptsächlich durch sorgfältiges und ich kann — soweit 
das Berliner Museum in Frage kommt — wohl sagen, erschöpfendes Studium 



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- 52 -^ 

der in London, Cambridge, Oxford, Liverpool, Exeter, Dublin, Bel&st, Edinburgh, 
Glasgow, Berlin, Dresden, Bremen, Leiden, Paiis, Rom, Florenz und Mailand 
befindlichen öffentlichen und einer langen Reihe von Privat-Sammlungen ge- 
wonnen worden. Die Untersuchungen ruhen also auf einer breiten und soliden 
Basis und haben denn auch bei der nicht genug zu preisenden klugen Be- 
schrilnkung auf ein geographisch enge umgrenztes Gebiet zu grossen und dauernd 
feststehenden Resultaten geführt. 

Der Zeit der Raritäten- und Eunst-Kammem, in denen Neu-Guinea zu- 
sammen mit Neu-Holland und mit allen Inselgruppen der Südsee als „Austra- 
lien^ zusammengefasst wurde, war zunächst eine Periode gefolgt, in der man 
Neu-Guinea als ein ethnographisches Individuum betrachten zu können glaubte. 
Mit der weiteren Erschliessung der Insel erkannte man dann, dass da von einer 
Einheit keine Rede sein könne; man wurde sich bald des Sprachengewirres 
bewnsst, das in Neu-Guinea besteht und seinesgleichen auf der Erde nicht bat, 
erkannte die mindestens ebenso auffitUenden unterschiede zwischen dunklen nnd 
hellen Menschen, die fast tiberall auf der Insel neben einander zerstreut sind 
und machte sich dann ein Schema zurecht, das im wesentlichen darauf hinaus- 
kam, dass den gegenwärtigen politischen Grenzen in Neu-Guinea „zufällig" anch 
die ethnographischen Scheidelinien entsprächen. In den letzten Jahren ist nun 
auch diese Ansicht erschüttert worden; an der ethnographischen Einheitlichkeit 
von Holländisch Neu-Guinea kann nicht mehr festgehalten werden; Kaiser Wil- 
helms-Land zerfällt ethnographisch in mindestens vier oder fünf Gebiete, und 
jetzt zeigt nun Haddon, dass auch Britisch Neu-Guinea, soweit es bekannt ist, 
also ohne die Gegend im Nordwesten, bei dem triplex confinium, in sechs Teile 
zerfällt, die völlig zwanglos auseinander gehalten werden können, und von denen 
jeder eine ethnographische Provinz für sich darstellt. , 

Der erste dieser Teile im äussersten Westen von Britisch Neu-Guinea um- 
fasst die Inseln der Torres-Strasse und das unmittelbar vorliegende Küstengebiet 
von Neu-Guinea, das^als Daadai bekannt ist und die südwestliche HSlfte des 
grossen Fly-River Delta's bildet. Das Gebiet ist besonders durch herrliche, 
grosse Schildpattmasken charakterisiert und durch die Häufigkeit eingeritzter 
Tierfiguren, mit denen die Gegenstände des täglichen Gebrauches verziert sini 
Über zwanzig verschiedene Tiere sind da dargestellt, alle in den denkbar ein- 
fachsten Linien und trotzdem mit solcher Sicherheit in den Umrissen, dass sie 
ohne Schwierigkeit zoologisch bestimmt werden können; so sind z. B. die Haie 
stets an der heterocerken Schwanzflosse kennbar. Unter den Ornamenten Mt 
eines am meisten auf, das sich aus zwei ankerförmig nebeneinander gelegten 
Fischangeln entwickelt zu haben scheint und ein anderes, das ohne Zweifel auf 
die Larve des kleinen Ameisenlöwen (Myrmecoleon) zurückgeht. Bogen und Pfeile 
sind sehr verbreitet, die letzteren stets reich geschnitzt, mit Köpfen im Stil der 
Masken, mit Krokodilen, mit Schlangen u. s. w. stets vollkommen charakteristisch 
und ihrer Herkunft nach sofort zu erkennen. 

Die zweite ethnographische Provinz umfasst das ganze Gebiet des Fly-River; 
das eigentliche Delta desselben nördlich von der Mibu-Insel, den ganzen Lauf 



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— 53 — 

des Flusses und ausserdem noch die Küstenstrecke bis zum Kap Blackwood. 
Eine ganz bestimmte Art von verzierten Bambu-Pfeifen, ein eigenai*tiger Typus 
von Trommeln und die Häufigkeit eines Blatt-Ornamentes bilden die ethno- 
graphische Definition dieses Oebietes. 

Die dritte Provinz umfasst den eigentlichen Papua-Oolf zwischen Aird- 
Biver und Kap Possession. Eine unendliche Mannigfaltigkeit schön geschnitzter 
und bunt bemalter Schilde, riesiger Masken und prächtig geschnitzter Holzgürtel 
charakterisiert diesen Teil von Neu-Ouinea. Man muss diese Schilde, diese 
Masken und diese Gürtel selbst gesehen haben oder wenigstens viele Abbildungen 
von ihnen kennen, um das Entzücken zu begreifen, mit dem sie die Fachleute 
erfüllen. Kaum auf irgend einem anderen Gebiete der Ethnographie kann man 
aber auch schlagender als gerade hier darauf hinweisen, wie unbedingt nötig es ist, 
über grössere Serien von verzierten Stücken zu verfügen und wie sehr diejenigen 
im unrecht sind, welche die reichen Schätze der grossen ethnographischen Museen 
als „wertlosen Doubletten-Ki-am" bezeichnen; der einzelne Schild, die einzelne 
Maske, der einzelne Gürtel würden in ihren Verzierungen völlig unverständlich 
bleiben — nur im Nebeneinander grosser Serien enthüllen sich uns die Rätsel 
einer überaus reizvollen, bisher völlig unverstanden gewesenen Ornamentik. 

Die vierte Provinz erstreckt sich vom Kap Possession bis zu Mullen*s Har- 
l)our und von dem Küstensaum bis zu dem Kamme der Owen Stanley-Kette. 
Haddon bezeichnet dieses Gebiet als „Central-District" — höchst unglücklich 
und wie er selbst sagt, in Ermangelung eines besseren Namens ; ich weiss in der 
That keinen passenden vorzuschlagen, aber besser als der von Haddon gewählte 
wäre wahrlich bald ein Name! Port Moresby, der Sitz der Regierung von 
Britisch Neu-Guinea liegt in diesem Distrikt und mit ihm die älteste euro- 
päische Ansiedlung daselbst. Daran liegt es vielleicht, dass die ethnischen Ori- 
ginalitäten da mehr verwischt sind, als irgendwo sonst in Neu-Guinea und dass 
die bisherigen Sammlungen uns in den wichtigsten Fragen in Stich lassen. 
Einstweilen kann kein Zweifel daran sein, dass sich Haddon's „Central District" 
ethnographisch scharf von den westlich und östlich von ihm gelegenen Gebieten 
trennt, und dass sich gerade hier melanesische und echt polynesische Elemente 
bald unvermittelt gegenüber stehen, bald wieder sich innig gemengt haben. 

Als Massim-Distrikt bezeichnet Haddon die fünfte seiner Provinzen; der 
Name Massim ist ursprünglich von Hamy für die Lousiade-, d'Entrecasteaux-, 
Trobriand- und Woodlark-Inseln vorgeschlagen worden und wird von Haddon 
mit Recht auch noch auf das äusserste Ostende von Neu-Guinea selbst ausge- 
dehnt, das sich zwischen Mullen's Harbour und Bai-tle-Bay erstreckt. Unver- 
gleichlich schöne schwertförmige Keulen mit reicher Ornamentik, schöne Schilde 
und eine schier unglaubliche Mannigfaltigkeit reich geschnitzter Spatel für Betel- 
kalk treten hier in den Vordergrund. 

Das sechste Gebiet Haddon's umfesst die kurae Nordost-Küste von Britisch 
Neu-Guinea. Diese ist noch wenig bekannt, scheint sich aber im ganzen und 
grossen auch ethnographisch an die im Nordwesten angrenzenden deutscheu Ge- 
biete anzulehnen, 



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— 54 — 

Daas Haddon sich nicht, wie man aus dem Titel seines Werkes vielleicht 
vermuten könnte, auf die Ornamentik allein beschränkt, ist bei seiner ganzen 
Arbeitsweise eigentlich selbstverständlich; überall zieht er auch andere ethno- 
graphische und anthropologische Fragen in den Kreis seiner Betrachtung; tiberall 
aber meidet er ängstlich, in müssige Spekulationen zu verfaUen; er beschränkt 
sich darauf, Thatsachen mitzuteilen oder Fragen aufzuwerfen, da wo die That- 
sachen unklar scheinen; dass diese Fragen nicht am Schreibtisch und in Europa 
zu lösen sind, sondern drüben und von den Einheimischen, wird an mehr als 
einer Stelle hervorgehoben. Das mögen manche seiner jüngeren Fachgenossen 
beherzigen, sich und ihrer Wissenschaft zum Heile. 

Ganz nebenher sei noch angefühi*t, dass Haddon alle Maasse in Metern und 
Centimetem giebt und wo er Angaben mit englischen Maassen citiert, sie stets 
auch in metrisches Maass umrechnet. Es mag das manchem unwichtig erscheinen, 
mir ist es mit ein Beiti'ag zur Würdigung des Mannes, dessen Name mit denen 
von d'Albertis, Chalmers und Sir William Mac Gregor immer genannt werden 
wird, solange man die Geschichte und Völkerkunde von Britisch Neu-Guinea 
studieren und kennen wird. 

Dass es möglich gewesen ist, das grosse Tafelwerk in seiner glänzenden Aus- 
stattung um 14 sh. in den Handel zu bringen und so jedermann zugänglich zn 
machen, ist ein Verdienst der Royal Irish Academy, das gleichfalls alle Aner- 
kennung verdient. v. Luschan. 



Les Memoires historiques de Se-ma Ts^ien, traduits et annot^s par 
Ildouard Chavannes. Tome premier. Paris, E. Leroux. 1895. 8. 

Das §i-ki des &f-ma Ts'ien wurde um die Wende des ersten vorchristlichen 
Jahrhunderts verfesst, und seine Echtheit unterliegt keinem Zweifel. Als erstes 
Werk sui generis ward es zum Prototyp für die lange Reihe der 24 chinesischen 
Reichsannalen. So ist es ein historisches Quellenwerk ersten Ranges und zu- 
gleich ein in litterargeschichtlicher Hinsicht wichtiges Denkmal. Bisher nur 
bruchstückweise (hauptsächlich durch Pfizmaier) übersetzt, soll dem §i-ki nun- 
mehr endlich eine vollständige Übersetzung zu teil werden. Ed. Chavannes, 
Professor am College de France, hat sich dieser Riesenaufgabe unterzogen und 
durch den inzwischen erschienenen ersten Band bewiesen, dass er derselben ge- 
wachsen ist. Ausser einer Übersetzung des Abschnittes Pen-ki (Annales princi- 
pales) bis zum Falle der Öeu-Dynastie enthält der erste Band eine sehr um- 
fangreiche und reichhaltige Einleitung, in welcher in fünf Kapiteln die Verfasser 
des §i-ki, die Regierung des Kaisers Wu, die Quellen, die Methode und Kritik 
und die Schicksale des Si-ki behandelt werden. Auch ist der sehr gewissen- 
haften Übersetzung ein ausführlicher Kommentar beigegeben. Das Buch nimmt 
wohl unter den sinologischen Publikationen des letzten Jahres unstreitig die 
erste Stelle ein. * W. G. 



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- 55 - 

Goinperz. Griechisches Denken. Tl. I. Leipzig 1896. 

Das Werk dieses auf dem klassischen Arbeitsfeld wohlbewährten Forschers 
hat zum Motto („except the blind forces of nature, nothing moves in this wörld 
which \a not Greek in its origin") Maine's Satz gewählt, der als richtig zuge- 
lassen werden kann für die sog. Weltgeschichte, innerhalb des historischen Ho- 
rizontes der eigenen Kultur (im Anschluss an heimische Volksgeschichte), der 
aber eine gar sehr bescheidenere Fassung zu erhalten haben wird, seit das 
erdrückende Gefühl zum Eindruck gekommen ist von der fast noch unabseh- 
baren Massenhaftigkeit dessen, was Alles vorher hinzuzulernen ist, ehe man auch 
nur von einer Erdgeschichte (geschweige einer Weltgeschichte) sprechen könnte 
(betreffs der Menschheitsgeschichte auf dem Boden ihrer Muttererde). 

Ähnliches gilt für jene stolze Sentenz, die, unter Berufung auf Lessings 
Autorität, unbefangen dem Munde entschlüpft, (in Ansehung einer „Erziehung des 
Menschengeschlechts") und die heilloses Wiri-sal anzustiften droht, wenn der Herr 
Erzieher seinen weislich ausgedachten Erziehungsplan einem Zögling zuwenden 
will, den er kaum den Namen nach kennt, ohne blasseste Ahnung davon, wer 
und was derselbe eigentlich ist. 

unsere Welt ist grösser geworden, seit der Globus umschifft ist, grösser 
schon für die Fachgelehrten der in der Kultur gepflegten Disziplinen, welche 
neben dem Orbis terrarum (antiquus, mit modemer Erweiterung) ein halbes 
Dutzend anderer (mehrwenig ebenbürtiger) bereits einzuregist rieren hätten, und 
zaghaft scheu allmählich hinzublicken beginnen auf das Getümmel und Gewimmel 
zahlloser (und oft noch namenloser) WUdstämme, die mit ihrer Moosdecke die 
Erdoberfläche überwuchern. 

Immerhin ist zum Besten derselben eine Ausschlag gebende Partie dadurch 
gewonnen, dass, da sie mit verächtlichem Ignorieren nicht tot gemacht werden 
konnten, ihi-e Lebensexistenz zunächst anerkannt ist, unter teilweis wenigstens zu- 
gegebener Berechtigung, eine wissenschaftliche Rücksichtsnahme beanspruchen zu 
dürfen. Und so wird es baldigst wohl vorangehen, da die mit Feststellung der 
Elementargedanken eingetretene Vereinfachung das wüst-wilde Gewühl eines 
ungeordnet hereingebrochenen Materials zu klären und erklären beginnt (mit ein- 
fachst durchsichtigen Grundzügen). Dabei mag (zum Unterschied von einer Univer- 
sal-Geschichte) die Weltgeschichte ihre Berechtigung bewahren, im Charakter jedes- 
malig erweiterter Volksgeschichte (als die Welt des darin einbegriffenen Menschen). 

Der Verfasser des vorliegenden Buches hat von der gebotenen Gelegenheit . 
einen anerkennenswei*t verständigen Gebrauch gemacht, in Benutzung der von 
der Ethnologie beschafften Hilfsmittel, um die im altjährigen Forscbungsgang 
sorgsam gehüteten, aber allmählich im Ausverlauf gelockerten Stützpfeiler unserer 
Civilisation neu zu erfrischen. In der Einleitung könnte das auf S. 14 — 20 
(und 30) Gedruckte einem ethnologischen Handbuch entnommen sein, oft genug 
in wörtlicher Übereinstimmung der Fassung (auch ganzer Sätze). Anderes freilich 
hätte seine Modifikationen zu verlangen, die indes nicht ausbleiben werden, seit- 
dem ein erster Anfang gemacht ist (für gemeinsames Zusammenarbeiten). 

Mancherlei ethnische Vergleichungspunkte würden sich, an solchem Anfang, 



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— 56 — 

schon den ix vuxto^ (oder seit Kreisen der „Po") Philosophierenden entnehmen 
lassen, vom ersten Anbeginn ab, beim Anschloss Kumulipo's an Apsu, und weitere 
Parallelen (S. 34), sowie betrefls der primitiven Seelenteilungen, Homer's Psyche 
zu erklären, „nur vorhanden, um sich im Tode vom Körper zu trennen und 
ihn in der Unterwelt fortlebend zu überdauern" (S. 200), wie etwa, bei Kla*8 
Bückkehr zur Präexistenz, das Eiinnerungsbild (als Eidolon) fortdauert im Ko-to- 
men, und Sisa umherspukt (bis zur Verwesung), mit ethnischen Analogien gar 
vielerlei (von allüberall her). 

Der aus seiner himmlischen Heimat herabgestossene Seelen-Dämon (Empe- 
docles') ist ein Gefallener unter den („nicht ewig, sondern nur langlebenden") 
Göttern, und solche, mit Bun und Bab korrespondierende, Langlebigkeit findet 
sich bis auf das Jahr (Tag und Stunde) genauest registriert auf den Tabellen 
des Abhidharma, dessen Scharfsichtigkeit dann leicht eine feinsplittrige wird, 
immerhin jedoch das „staunenswerte Aufgebot von Scharfsinn und Subtilität" 
(S. 202) eher für seine fachgerechte Würdigung in Anspruch zu nehmen hätte, 
als die populäre Milindaprasna, die sich durch ihre leicht bequeme Schreibart dem 
Laien allerdings empfiehlt, aber die ihr (in Fachkreisen) zustehende Bedeutung der 
damaligen Geschichtskonjunktur entnimmt (bei Kreuzen griechischen und indischen 
Wissens). Darauf werden dann die folgenden Bände noch weiter hinzuführen 
haben (deren Erscheinen in baldiger Aussicht gestellt ist). Das Buch (in 
diesem ersten Teil) reicht bis zu sokratischem Hinweis auf den Menschen, als 
„der Menschheit eigentlichste Sorge", im Studium der „menschlichen Dinge" (bei 
Verdrängung der „Kosmologie" durch die „ Anthropologie ")• 

Ghaignet. Histoire de la psychologie des Grecs. Paris 1893, V. Bd. 

Dieses grossartig angelegte Werk ist jetzt zu Ende geführt, und die zwei letzten 
Bände — IV (la psychologie de Plotin), V (Les successeurs) — sind der „öcole 
d'Alexandrie" mit deren letzten Ausläufern gewidmet, (woiin die Gesamtresultate 
der hellenischen Kultur zum Ausverlauf gelangten), für bessere Kenntnis des (durch- 
schnittlich zu wenig beachteten) „Nöoplatonisme, qui est le pröcurseur du christia- 
nisme, le christianisme de la nature" (S. 444), „le plus profond systöme, que la 
Philosophie ancienne ait produit" (s. Vacherot); mit weiteren Einwirkungen auf 
die, am damaligen Wendepunkt der Kulturgeschichte eingeschlagenen, Wege- 
richtungen*). „Leur Psychologie*) vit tout entiöre dans notre philosophie mo- 
derne" (unter entsprechenden Modifikationen). 

*) Als Justinian i7Xß<fi£v iv ^A^i^vatq xeletMmq fiijdiva ^t^curxetv ^tXoao^ptav fv^re w- 
fjufia ifrjj^eUr&at (s. Malala), wanderten mit Damascius (damaligem Scholarch der plato- 
nischen Schule) „les martyrs de la pens6e" (s. Quicherat) nach Persien aus, erhielten 
indes im Friedensschluss (533 p. S.) die Zusicherung unbelästigter Eückkehr, nach- 
dem Chosroes die Werke Plato's und Aristoteles* hatte übersetzen lassen (s. Agathias), 
während die Nestorianer in Nisibis die Academia Hippocratea und zu Gandisapora 
Lehrschulen gründeten, für das Studium der Araber, wie unter den Jacobiten (in 
Resaina imd Kinnesrin). 

') Der Verfasser weist in einem a-af Xe^o/ievov (in Proclus' Kommentar) hin auf 
„Psyohologia", an Stelle von (l^oxoyovta (oder, in hellenisch kongenialerer Redeweise, ixpl 



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~ 57 - 

Müller, M. Theosophy or psychological Religion. London 1893. 

Nach vorbereitend entworfenen Grundztigen in „Natural Religion** (S. VII) ge- 
langen diese anziehenden und anregenden Vorträge durch „Physical Religion** und 
„Anthropological Religion** (S. 541) auf das jetzt vorliegende Thema der „Psy- 
chological Religion** oder „Theosophy**, im Rückgang auf die urspiüngliche 
Deutung dieses „venerable name** („one may call oneself a theosophist, without 
being suspected of believing in spirit-rappings, tables-tumings or any other 
occult science and black ai-ts**). 

Das Sehnen nach dem Indefiniten, dem Unendlichen oder (in terminologischer 
Unterscheidung vom Infiniten) Unbestimmten, bringt der Erlösungszug zum 
Ausdruck, der das religiöse Gefühl, in Indiens Volksstimmung besonders, mit 
seinen färbenden Tinten durchzieht, betrefl« dessen, was in der Gottheit anthro- 
pomorphisch entgegenspiegelt oder (religionsphilosophisch) dessen, wohin der 
spekulative Ausbau (der Schau) gerichtet ist, auf den Blütenständen der Kultur 
(unter ihren geschichtlichen Bildern). 

Ehe indes solch' psychisch komplizierte Wachstumsgebilde, wie sie mit einem 
(eleatischen) Sein (auch im Sinn der Vedanta), sowie für das Neutrum des „guten 
Mensch** (1713), unter der Bezeichnung als Seele, in bunteste (und für ihre Ruhe 
oftmals störendste) Abenteuer hineingeraten sind, einer methodischen Untersuchung 
sich fähig erweisen können, wäre zunächst der genetische Entwicklungsgang aus- 
zuverfolgen, wie in den ethnischen Anschauungsbildern der Völkergedanken objektiv 
vor Augen stehend, um aus prüfender Zerlegung im innerlichen Geäder des psycho- 
no^tischen Oi'ganismus eine greifbare und begriffliche Unterlage zu bieten, damit 
zunächst die Elementargedanken blossgelegt werden, auf dei-en stützendem Gerüst 
metaphysische Gedankenwelten aufzutürmen sind (unter dem Getriebe organischer 
Gesetzlichkeiten). „The same ideas burst forth spontaneousley from the same 
Springs, the fears and hopes of the human heart** (als Elementargedanken unter 
ethnischen Differenzierungen). 

Der Wildling (eines Wild- oder Waldstammes) weiss noch nichts von den 
im Seienden involvierten Problemen, wie dem Daseienden inhärierend, weil aus in- 
stinktgemässer Überzeugung der ihm darauf zustehenden Rechte, vor Bäumen den 
Wald nicht sehend, und auch inanbetreff seiner Seele, mit der er sich umher- 
kugelt Tag und Nacht, finden die ihm (kurzatmig) gekürzten Gredankenreihen bald 
stets eine Beantwortung, bei der „it stops" (indianisch), um in bequemlichen 
Ruhestand sich wiederum zu rehabilitieren, lange ehe die Abstraktion der Seele 
angenähert ist, oder gar das Unendliche (in ihr, oder draussen). 

Vor der Seele (einer einheitlichen oder in vielfachste Teilungen zersplitterten). 



ifvxri<;\ betreffs der ftlr Gockel beanspruchten Priorität (1690). In Gasmanns, von Hunt 
(1501) übernommener „Anthropologie", als „Psychologia anthropologica'* (1594) handelt 
es sich um die psychische Anthropologie des psycho-physisehen Individuums, in jetziger 
Ethnologie dagegen um die (zoopolitische) Psychologie des (ethnisch differenzierten) 
Gesellschaftsgedankcns, um dann im jedesmalig zugehörigen Kreis das anthropinische 
Individuum (der ^Humanitas'*) wiederum zu integrieren (im eignen Selbst). Die scho- 
lastische Portwirkung zeigt sich in der Betonung Psychol6gia (nach lateinischer Pro- 
sodie), statt 4>uxoIoywl (wie ipuavokoyia^ als klassisch bezeugt), Theologie u. dgL m. 



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handelt es sich am dasjenige, was Denken genannt zu werden pflegt, und aus 
dem innerlich drängenden Entwicklungs- (oder Gestaltungs-) trieb eine Antwort 
auf die rings (aus Unbekanntem umdrängend) gestellten Fragen sucht, um die dunkel 
belastende Nacht der Unwissenheit mit den, bei Hei-anziehen der Morgenröte (Matuta*s) 
aufdämmernden, Lichtstreifen zu erhellen, und so die bebende Angst unheimlich 
spukender Schrecken von sich loszuwerden (durch allmählich geklärtes Verständnis). 
„A yeaiTiing for God, a kind of divine home-sickness, finds expression in most 
religions" (s. S. 92), oder vielmehr tiberall, da auch vor dem theologischen Aus- 
bau eines Religions-Systems, wo titulierte (und nach ihrer Schicklichkeit beschriebene) 
Göttergestalten zur Auswahl und Verftigung stehen, in jedem Einzelnen schon 
seine religiöse Veranlagung nach Hülfen (durch Nothelfer) zu suchen hindrängt, 
nach stutzender Freundeshand, die am nächsten im Schutzgeist gefunden zn 
werden pflegt, zumal wenn solcher Begleitgeist — ein vorangehender und nach- 
folgender (Fylgja und Foryngjar, oder eine Mehrzahl mehr) — vertraulich aus 
dem Innern zu reden beginnt, (als Daimonion im Herzkämmerlein), statt an der 
Leber zu kratzen (bei Watchandi). Neuropathisch angelegte Konstitutionen sind 
mit den Fähigkeiten begabt, wodurch die Anknüpfung solch tibersinnlicher Be- 
ziehungen (oder Bekanntschaften) sich erleichtert, mittelst der für Herbeiführung 
ekstatischer Zustände erprobten Kunstgriffe und Untersttitzungsmittel (Narcotica 
und Spirituosen, Tanzgewirbel, Musikbetäubung oder was zur Askese gehört). 
Auf Amelius' Anliegen, sich den Göttern anzunähern, antwortete Plotin, dass es 
ihre Sache sei, zu ihm zu kommen, und obwohl er, wenn dies geschah, durch 
die Exstase fortgerissen wurde, vermied er doch die künstlichen Anregungsmittel 
derselben, die Einladung erwartend (zur ;^o/?ew iv&eo<;). 

Derartige Prozeduren empfehlen sich dann auch für praktische Nutzan- 
wendungen, wenn in tiberirdischer Schule gelernt sein sollte, wie es sich mit 
dem Regenmachen verhält, mit Jagdzauber, Festmachen gegen Verwundungen im 
Ki'iege u. dgl. m., im Whare-Kura (der Maori) etwa oder in „hoher Halle" (wo 
Loddfafnir seine Untei-weisung von Odhin erhielt). 

Der verstorbene „Hechsenmartl" am Wockenberg, ein Tiroler, der bei 
Gabriel am Eilthof in Dienst war, der hat chimigzen (blitzen) und thoren 
(donnern) und rieseln lassen, „dass 's grad a Freud* war; er hat aber die 
Fenster zugemacht in der Stube" (s. Höfler). Der afrikanische „King" besitzt 
sein Haus voller Donner und Blitz (und allerlei Apparate für „rain-making"). 

„It is the Prophets, the poets the lawgivers and teachers, however small tbeir 
number, wbo speak out in the name of the people and who alone stand out to 
represent the non descript multitude behind them, to speak their thoughts and to 
express their sentiments" (steht bemerkt von den „Hiiien des Volks") und so 
empfiehlt sich das objektive Studium der Völkergedanken in Unkultur (ehe 
kulturelle Heranztichtung der Individualitäten eingesetzt hat). 

Es treten zunächst die sozialen Probleme heran, über die moralische Ordnung 
im gesellschaftlichen Verkehr, und da hier alles in Frieden und Freundschaft 
abgehen könnte, im ungetrübt heiteren Zusammensein, zergrübelt sich der von 
Störungen störend betroffene Unmut über die alten Vexierfragen (seit gnostischer 
Zeit), über das m^eu to xax6v (um des „Bösen" harte Nuss zu knacken). 



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— 59 — 

„The question how nescience laid hold of the human sonl, and made it imagine 
that it could live or move or have its true being anywhere but in Brahman, 
remains as unanswerable in Hindoo philosophy, as in Christianity the question 
how sin first came into the world", da der leicht (wenn auf leichte Achsel 
genommen) entschuldbare Apfelbiss nicht ausreichend zu genügen schien, für 
Erklärung (oder Entschuldigung) des umständlichst aufgestapelten Sühnapparatee, 
der über die sonst dureh den Elephanten begrenzte Opferskala hinaus, noch mensch- 
liches Blut hinzuerheischte und (in patropassianischem Sinne) göttliches selbst 
(oder entsprechenden Ichor). 

According to the orthodox Vedantist, Sruti alone or what is called revelation, 
can impart that knowledge, which removes that nescience, which b innate in 
humane nature (S. 293). 

Betreffs der Avidya liegt die Sache einfacher oder (bei Absehen vom Über- 
natürlichem) natürlicher in Deutung der Thatagata, wenn sie, kraft ihrer Erleuch- 
tung durch Bodhi auf dieses Anfangsglied der Nidana zurückblicken. 

Eine neue Existenz beginnt, im xuxXoq yeviatwq^ ob nun die in Seeligkeit der 
Deya oder Bupaloka durchschwelgte Fiist abverlaufen, ob die in Qualen der 
Naraka') durchjammerte ihr Ende erreicht hat, oder etwa eine unter 
vielerlei Metasomatosen (der Jatakas) letztlich durchwanderte. Der Pathisonti- 
Chitr, worin der Chuti-Chitr sich gewandelt, leitet die Wiedergeburt ein, wenn 
im Kontakt mit Sankara's buntgestalteter Maya, die Vinyana ihre Einkörperung 
wiederum zu untergehen hat, eine schlimme oder bessere, je nach der Abwägung 
von Kuson und Akuson (im Karman). 

Hier, im Kindeszustand, umdüsterte die Nacht der Unwissenheit auch den 
Kalyanaphuttajjana, cf. R. P. I. (S. 125), wenn die Logoi Spermatikoi (ihrer „Ideae 
innatae") noch latent liegen, obwohl entwicklungsschwanger schon emporkeimend, 
um zu denjenigen Vorstellungen wiederum sich zu entfalten, die auf der Me- 
ditationsterrasse hinzugelernt waren (und den Andhaphuttajana entbrechen). Im 
afrikanischen Seitenstück zu der aus einem „Kosmos No^^tos^ gespeisten Anamnese 
(Plato's) bringt die Kla die Erinnerung dessen mit sich herab, was sie bei ihrer 
Präexistenz am Göttersitze geschaut hatte, und obwohl sie bei dem ftlr die Geburts- 
Kopflage bedingten Aufstoss (mit der Stirn voran) am Grobsinnlichen (einer Sthula- 
sarira) sich dämlich betäubt finden muss, mag es doch dem Horoskopiker, wenn 
rechtzeitig dabei, manchmal gelingen, einige der ausklingenden Nacherinnerungen 

*) Der Obergang menscMicher Seelen in Tierkörper nach ethischen Ursachsbe- 
dingungen aus (Plato^s) Phaedms und bei Manu sei uns vertraut geworden, meint der 
Verfasser, aber „its first coneeption was startling (S. 217), wogegen, umgekehrt grade, 
nichts näher liegt, aus elementaren Unterlagen im primitiven Wildzustand, wie aus den 
ethnischen Vorstellungsweisen (bei vertrautem Verkehr des Menschen mit seiner Tier- 
welt) leicht erwiesen, auch in neuer "Welt bei Arowaken (zu Berthala's Zeit und von 
pacifischer Küste des Nordens nach Oceanien hinein, mit Überlebseln der Wehrwolf- 
sagen in geographischen Substituten der Löwen (bei Hottentotten), Hy&nen (bei Abys- 
sinier), der Leoparden (in Kambodia) etc. Beim „Umbacken" atrophischer Kinder, 
werden sie auf eine Brotschüssel in den warmen Backofen „eingeschossen" (in Steier- 
mark), mit dem Spruch: „Alt hinein und jung heraus" (s. Fessel) und so dient die 
»Altweibermühle" der Bonzen (cf. B. a, rlgph. S., Taf. ü). 



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— 60 — 

(ehe Yöllig ausgewischt, temporär) zu erhaschen und für Auslegungen künftigen 
Geschickes zu verwerten (wie es die Hebamme verstand bei den Azteken). 

Dass nun [sobald (auf indischem Standpunkt schärfer geüisst, als auf nigriti- 
schem) auch das Ethische dabei in Betracht kommt] im frühesten Primär-Stadium 
bereits, ein sündliches Ingredienz darin stecken muss, bedarf für den Sachkenner 
keines Kommentara, da sofern jegliches Molekül desselben bereits ausgetilgt gewesen 
wäre, damit dann auch die Existenz selber ausgetilgt (nachmaliger Beinkamation ent- 
zogen) gewesen seinvrürde — ihr nichtig vergehendes Scheinbild nämlich, während die 
reale Wahrheit (des Dichters „Gestalt"), mit Betreten der Megga sich auf der Port- 
wanderung befindet, nach Nirvana's Sicherheitshafen hin (in Okasaloka). In c2zotc? 
fw^oi (im Timäus) symbolisiert sich der paradiesische Pall, wenn die ihrer Glanz- 
heimat entschwebten Abhassara, an der in jugendlich frischer Schöne neuerblühenden 
Erde auf die verführerische „Süsskruste" stossend, durch Beschwerung ihres äthe- 
rischen Leibes (mit irdischer Nahrung) die Seelenfittige sich entfedem sehen, und 
erschreckt von der dunkelnd einbrechenden Finsternis kaum genugsam noch 
Verdienstes -Reste zusammenzuschrapen vermögen, um kraft derselben die 
Himmelslichter an das Firmament zu setzen, damit sie den domigen Pfad durch 
das irdische Jammerthal beleuchten, unter Hinweis auf das Ziel, das anzustreben 
sein wird, um aus solch tiefem Sinken sich wieder emporzuki-abbeln, und mit 
neu gekräftigtem Gedankenschwung (unter Mithilfe der Dhyana - Übungen) 
anzusteigen zu reiner umwehten Kegionen, auf deren Schichtungen die Vimana 
annehmbare Behausungen (als Halbweg- oder Basthäuser) bieten, auf langweit 
erstrecktem Weg des Anklimmens (nach oben hinauf). 

Ohne saure Arbeit geht es nicht ab, aber der Abhidharma hat (in seinen 
psychologischen Büchern) das Intinerarium mit minutiöser Genauigkeit vorge- 
zeichnet, und so bleibt jedem überlassen, die Richtschnur doi-tiger Wegweiser 
auszuverfolgen, die indess, — obwohl auf sich selbst gestellt (ohne Krückenstützen 
schwankenden Rohr*s, beim ungewissen Erhoffen von Gnadenbezeigungen) — , 
in ihren Unterlagen schwanken und mit der auf den Stationen gewährten Spei- 
sung allzu flattrig fade schmecken (aus metaphysischer Anhauchung), um einem, 
auch für seine idealen Bedürfnisse an materiellere Sättigung gewöhnten, C^ist 
(oder Zeitgeist) kongenialische Vollgenüge zu gewähren (und sich unter des 
„naturwissenschaftlichen Zeitalters** scharfer Kontrolle probat und stichhaltig zu 
bewähren). 

Müller, M. Anthropologische Religion (in Wintemitz* Übersetzung). 
Leipzig 1894. 

Ein Buch, mit all* den Voi-zügen geschmückt, welche die Schreibweise des 
vielbelesenen Verfassers auszeichnen, und das, obwohl eine Verwahrung ein- 
legend, (seines „anthropisch** anklingenden Titels wegen) in die Litteratur der 
(ethnologischen) Anthropologie („der Wissenschaft vom Menschen und seiner 
Civilisation**) hineingerechnet zu werden, von dieser doch gern als Bundesgenosse 
hinzugerechnet sein wird, um gemeinsame Gegner zu bestreiten (auf dem Boden 
der ihre Herrschaft erkämpfenden Zeitideen), 



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- 61 - 

Wie bei gegenseitig sich ergänzender Arbeitsteilung geziemend, kämpft der 
Autor znnftchst für seine linguiBtische Fachdisziplin. Für ihn ist die Gleich- 
Setzung von Dhyäush-Pitar (sanscr.), Zeus-Pater (griech.), Jupiter (lat.), Tyr 
(altn,) die „wichtigste Entdeckung, die im XIX. Jahrhundert in Bezug auf die 
alte Geschichte der Menschheit gemacht wurde**, für ihn bildet die „aus 
phonetischen Gründen unanfechtbare** Etymologie (in yergleicbender Sprach- 
wissenschaft) eine „heilige Sache**, fOr welche insofern mit allem Ernst ein- 
getreten werden muss, um „leichtfertige Behandlung** zurückzuweisen, — ganz 
mit Recht seitens einer auf den sorgfältig erprobten Stützen schriftlicher Text- 
dokumente operierenden Forschung (ungeachtet dessen, was die kapriziösen 
Dialektwandlungen im Volksmund dagegen zu sagen haben möchten). 

Aber immerhin handelt es sich bei der Sprachforschung [in Ansehung 
praktischer Zwecke, die (fflr Rechtfertigung ihrer „Ratio essendi**) überall irgend- 
wo zu stecken und zu wurzeln habend weniger um das Wortgerüst, als um die 
innerlich lebendige Sinnesbedeutung, die kraft psychologischer Durchschau aus 
dem Born ethnischer Elementargedanken zu schöpfen ist (zwecks deren Aus- 
yerwertung für soziologische Lebensfragen). Und soweit also hier die Ausdeutung 
für den „Himmels- Vater** in Betracht gelangt, handelt es sich erst um eine 
spätere Phase kulturgeschichtlicher Entwicklung; ähnlich wie der Fetischismus 
als eine „sehr späte Phase des Aberglaubens** (eine göttliche Verehrung bereits 
präsupponierend) betrachtet werden mag, obwohl in ethnischen Elementargedanken 
wurzelnd auch bei derjenigen Fassung, woi*unter sie (auf nigritischen Entdeckungs- 
fohrten) in portugiesischen Matrosengehimen (nach mittelalterlicher Schablone) 
sich gespiegelt hatten, und nun auf Grund solch* exotisch importierter Kopf- 
geburten in den Hirnwindungen gelehrter Häupter weiterhin zergrübelt wurden 
(beim öllämpchen in der Studierstube). 

Zum Besten der ethnischen Anthropologie hat unser gefeierte Philologe 
seine gewichtige Stimme erhoben, gegen das unbedachte ümherwerfen mit 
„flatus Yocis**, wie sie im Fetischismus, Totemismus, Schamanismus, Ahnen- 
Verehrung oder -Kult (und was dämonisch sich anschliesst) umhergewirbelt 
werden, da eine jede dieser Namensbezeichnungen, ehe sie auf dogmatische Ent- 
wicklungsreihen zuzuschneiden gewagt werden dürfte, vorher vielmehr, ihren 
separaten Spezialausdrücken nach, eine jede für sich, in fester Rubrik umschrieben 
werden müsste, unter psychologischer Kontrolle, um sich als „Terminus technicus** 
brauchbar zu erweisen, und luftiges Windmühlengeflügel flunkernder Logomachieen 
zu verscheuchen (unter Vorbeugung nutzloser Zeitvertrödelung). 

Die Erinnerung an ihr kaum verflossenes Durchgangsstadium, wo Alles und 
Jedes, was auf einem, seiner Ausmündung ins Vemichtungsmeer entgegenrasenden 
Zeitstrome den Blicken vorüberflutete, in hastiger Eile niedergezeichnet werden 
musste (unter Vorbehalt fernerer Prüfung, auf wieviel acht und wert), braucht der 
Ethnologie nicht aufgefrischt zu werden, zumal dergleichen Heischungen auch augen- 
blicklich noch nicht gänzlich überhört werden dürfen. Indes ist es auf Grund 
solcherweis beschafften Sammlungsmaterials bereits gelungen, die Spannungsreihe 
ethnischer Elementargedanken, ihren allgemeinen Umrissen nach, vorläufig fest- 



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— 62 - 

ztistellen, und so wird hier demnach der induktive Ausgang gewonnen werden 
können, um (nach den Vergleichnngswerten komparativer Methode) ein gegen- 
seitiges Verständnis anzubahnen (für die obigen Kontroversen und anschliessende). 

Wenn aus dem somatischen Organismus dfe psychische Entelechie (des 
psycho-phjsischen Individuums) auf ihre Gesellschaftsschichtung gelangt, um sich 
als zugehöriges Teilganze dem Organismus dortig zoopolitischen Individuums ein- 
zufügen, dann bewegt sich die Denkthätigkeit zwischen den (aus optisch-akustischer 
Konkordanz hervorklingenden) Sprachschöpfnngen, ') und indem sich nun also 
dem gesehenen Gegenstand sein gespenstisches Lautbild zur Seite stellt (im 
Horopter des „Visus intellectivus*^) und dessen fragend auftreffende Beizwirkung 
aus seelischer Reaktion der „Innerthätigkeit*' [odei' (sanskritisch) „Antahkarana",] 
beantwortet wird (mit dämonischer Stimme), steht dasjenige fertig, was sich ixo 
Suman zum Fetisch schnitzen lässt, was dem vorüberhuschenden Tier als Totem 
abgehäutet sein mag (für den Medizinsack), was in (des Schamanen) ekstatischer 
Verzückung (wenn nicht aus Neqnök der Nisra, dem Halait) mit seiner Doppelung 
redet, im Schutzgeist oder dessen göttlicher Verklärung, soweit vorwiegend nicht 
in träumerischer Nacherinnerung eingesenkt verblieben, an die dahingegangenen 
Ahnen (die bald nun ihren Kult zu verlangen pfl^en). 

Da Alles das in kürzlichen Publikationen wiederholte Behandlung erhalten 
hat, kann darauf um . so mehr verwiesen werden, da die in dem vorliegenden 
Werk auf einen andern Standpunkt aufgestellten Gesichtspunkte weitere 
Bestätigungen gewähren, in willkommener KontroUe, deren Ergebnisse besser 
für sich selber reden, unbeeinflusst durch Oberredungskünste, um die Unab- 
hängigkeit des Urteils nicht zu stören. 

American Anthropologist. Vin, No. 4 (Oktober 1895), Washington (Än- 
thropological Society). 
Cushing's Abhandlung über „the Arrow" wird für Alles, was in an- 
schliessendes Forschungsfeld hineinfiillt, eine fortab fundamentale verbleiben, denn 
wessen Autorität käme der seinigen gleich? der seit „a boy less than ten 
years of age", diese Studien methodisch ausverfolgt hat, in einem langen und 
ergebnisvollen Leben, unter praktischen Erfahrungen (beim Sicbhineinverleben in 
das Leben der Zufti). Im besonderen sei hingewiesen auf den Übergang von dem 
„already strung but reversed flinging bow to the bow of archery" (S. 344), 
sowie auf die noch ausstehende Fortsetzung (der ei-wartungsvoU entgegengesehen 
wird). Die Abhandlung Mc Gee*s („the beginning of agriculture") breitet eine 

*) Linguistic Anthropology is the only true „Science of men" (s. Haie), dessen 
Wesen sich indes zunächst in den Gedanken ausspricht, für Deutung der Worte, 
aus ihrer „Seele" (bei Jchwan as Safa). Indem die Sprache „cannot form names of any 
objects except by means of roots, all of which are expressive of acte" (s. M. Mflller), 
folgt der Energismus (aus den Generalisationen), bei Zutritt des lautlich reproduzierten 
(und in Anschauungen inkamirten) Hörbildes (zum Gesichtsbild). Als „Naturgabe" (s. 
Herder) aus Notwendigkeit dient die Sprache, wie den Sehorganen zu sehen, den Hör- 
organen zu hören (s. Epikur), und dann tritt die Beachtung der noötischen Umge- 
staltungen hinzu (auf der Gesellschafts.schichtunt,^). 



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— 63 — 

gesicherte Grundlage für die Lehre von den Geographischen Provinzen, weil sie 
unter einfietchsten (also übersichtlichsten) Aspekten in Betracht ziehend in Pa- 
paguai-ia (perhaps the most arid region of equal extent on the westem hemi- 
sphere). „The desert flora reveals in strong light the exceeding adjustability 
of even the more fixed organic tjrpes to environment, an adjustability so delicate 
that the affinity ihereof masks and modifies consangninity^' (S. 162); und dann 
vom „animal life'* weiter zu den „charactenstics of human life" (S. 369), mit An- 
schluss an Login's Satz, dass das Klima auch auf die dem Menschen innewohnen- 
den Fähigkeiten bedingend einwirkt [unter Rückgang bis auf Hippokrates, den 
Vater (medi2inisch-)anthropologischer Litteratur]. 

Brinton. The Aims of Anthropology. Salem 1895. 

Eine beredte Anspi-ache des Präsidenten der „American Association for the 
Advancement of Science** über die Aufgaben der Anthropologie (und Ethnologie) 
in ihrer heutigen Fassung. Wenn dem Hinweis auf den naturwissenschaftlichen 
Charakter der Ethnologie (the natural science of social life) der Satz zugefügt 
wird, „the final arbiter, however, to whom it appeals is not the ethnos, not the 
social group, but the individual,** so gilt das für den Zeitpunkt, wann dem aus 
seinem Gesellschaftskreis integrierten Individuum (der Persönlichkeit) die (in 
eigener Selbsterkenntnis) gestellten Aufgaben zu bemeistem gelungen sein 
sollte, (um frei emporzuschauen als Anthropos). Andrerseits hätte sich das 
Augenmerk der längs der Forschungsbahn noch Dahinwandemden auf die Ge- 
setzlichkeiten zu richten, wie den Elementaranlagen etlinisch einwohnend 
zum Gesellschaftsgedanken entfaltet, unter den Differenzierimgen der Völker- 
gedanken, wodurch den Untersuchungen ein gesicherter Ansatzpunkt geboten 
sein wird (zur Verwendung der komparativen Methode). 

The time will come, and that soon, when sound historians will adopt as 
their guide the principles and methods of ethnological science, because by these 
alone can they assign to the isolated fact its right place in the vast structure 
of human development (S. 7), in der Geschichte des Menschengeschlechts (und 
seiner „Humanitas**), neben sog. Weltgeschichte (als erweiterter Volksgeschichte). 

In den Proceedingt of the Anerican PhilotopMcal Society (XXXIV, 147) 
findet sich ein neuer Beitrag („Salishan Texts**) zu den wertvollen Fundamental- 
arbeiten, wodurch Boas unsre ethnische Kenntnis des von ihm durchforschten 
Völkergebietes begründet und gefestigt hat (und werden die zei*streuten Abhand- 
langen hoffentlich bald zusammengefasst erscheinen). 

Im ftychalogical Review (I, 4) wird in einer kontroversialen Frage („Is 
Psychology a Science?") auf James* Bemerkungen über den Einschluss der 
Erklärungen in den Beschreibungen schon (betreffis der Psychologie), seitens Ladd 
der Einwurf erhoben, dass „the same thing is true of every scientific 
treaüse on mental phenomena that was ever written, or indeed for that matter, 
ever will be wiitten; moreover is also true for every form of natuml science 



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— 64 - 

(and also für eine Psychologie in naturwissenschaftlicher Behandlongsweise). 
Soweit die thatsächlichen Beweisstücke genügend verifiziert sind, bieten sich der 
Erklänmgen genug, aber nur soweit derartig erwiesen, sind sie dann eben zu- 
zulassen, als zuverlässig. Worauf es ankommt in der Naturforschung, ist eine 
exakt genaue „Beschreibung*^ des Objekts, und dann ist die „Erklärung' (s. 
. Kirchhofi) eine sich daraus ergebende nun eben (ungefährdet durch idiosjnkrasische 
Ablenkungen). Im vorliegenden Falle handelt es sich um die psycho-physische 
(Individual-) Psychologie, aber dasselbe gilt fär die des zoopolitischen Individuum 
(als Ethnos). 

Im gleichen Heft findet sich ein Artikel Baldwin*s („Psychology past and 
preeent*'), der, im Anschluss an die Weltausstellung zu Chicago, besonders die 
psycho-physiscben Laboratorien nach ihren erzieherischen Zwecken bespricht, in dem 
Einleitungswort indes nicht scharf genug den Trennungsstrich markiert, der in 
„modern psychology" die philosophische Behandlungsweise von der physiologischen 
abscheidet, seitdem die aus Mitte des Jahrhunderts mit dem Charakter einer 
Naturwissenschaft bekleidete Physiologie sich auf das Berührungsgebiet mit der 
Psychologie geführt fand, und jetzt, nachdem sie ihre psycho-physischen Wacht- 
türme gesichert begründet hat, fortzuschreiten haben wird in die Sphären- 
Region der Gesellschaftsgedanken (mit einem, auf aus ethnischen Belegstücken 
festgelegten Stützen ruhenden, und somit gesicherten Fussauftritt). 

Als Naturgabe (s. Herder) ergiebt sich (mit Notwendigkeit) die. Sprache — 
(zu Epikur*8 Zeit schon) aus Voranlagen, in Beziehung zu den Sprachorganen, wie 
das Sehen zu dem Sehappavat und das Ohr zum Gehör, aus (stoischen) Herzen 
(t^ y<ovyj<: dTjßtoupyoq) — organisch*) hervortretend (b. W. v. Humboldt), wobei, 
was aus Erfindung oder Kunst, zu erklären wäre, erst in späteren VervoUkonmi- 
nungen liegt, wie etwa für das Gehen hinsichtlich seiner akrobatisch nützlichen, 
oder nutzlosen, Fähigkeiten. Nicht aus Stimmung, wie im Gedränge interjectio- 
naler Ausdrücke, Sentimentalitäten etwa zusagend, ergiebt sich die Fixierung 
des Wortlautes, weil zunächst in Konkordanz optischer und akustischer Thätig^ 
keit wurzelnd, so dass dem aus materiellem Reflex des Lichts geschaffenen Seh* 
bild eine immateriell (mehrweniger) verallgemeinernde Deckung zutritt, damit 
sodann der Denkprozess auf gesellschaftlicher Schichtung einsetzt (zum gegen- 
seitigen Verständnis zwischen den Individualitäten). 

Die im Kind (je nach den aus der Umgebung aufgenommenen Geräuschen) 
imitatoiischen Sprechversuche werden, gleich dem okulistisch richtigen — (vor Illu- 
sionen möglichst gehüteten) — Sehen, allmählich angelernt, gleich den zum Greifsn 
ungewiss ansetzenden Fingerbewegungen, die aus Übung erst zum festen Grifft 
ihrem Begriff (so zu sagen, in Fingersprache gleichsam) gelangen, zur Er^nzung 



*) Die Sprache ist das bildende „Organ des Gedankens" (b. W. v. Humboldt), 
als „Weltansichf* (beim Gestalten des Denkens durch den Laut), in Morphologie, 
fnr Bedeutung der Beziehungslaute (aus der Wurzel, nach den Funktionen hinsichtlich 
der Form). Die „Weltansicht" der Worthülsen belebt sich zur ethnischen .Weltanschauung* 
bei Durchdringen mit der Sinnesdeutung (je nach dem Verständnis der Yolker- 
gedanken). 



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des Lautlichen dienend (in Kombination mit dem Gesicbtsausdruck der Mimetik). 
Die Seele (bei Kleanthes) galt als Aushauchung des Körpers (s. Longin), gleich 
Duft tiberschwebend (auf Tonga). 

Aus Polyhistorie (bei Beschränkung aus Polymathie) gestaltete sich (nach 
Zusammenfassung des Triviuni und Quadrivium an der „Universitas") die Philologie 
zur Altertumswissenschaft (s. Fr. A. Wolf), genealogisch (b. F. Müller), in Suche 
nach der Ursprache (anthropologisch). 

Auf dem Boden der Geschichte erschliessen sich dem Einblicke „reiche 
Schätze vernünftiger Ideen und treibender Ideale" (s. Hegel), in „welche die 
ewige Idee die Menschheit zeitlich und räumlich sich entfaltet" (b. Pfleiderer), 
woraus im ümblick des Glob\i8 der Gesellschaftsgedanke der Menschheit sich zu 
offenbaren haben wird. 

So lange das allgemein alles Daseiende mit seinem Leben Durchwallende in 
der Beseelung eines animalischen Organismus pulsiert, wirkt es aus seinen 
Funktionen auch die psychischen aus, welche mehrweniger ihren reflexiven Verlauf 
nebtuen, gleich den übrigen. 

Was dagegen (als Rückschlag aus gesellscbaftlichen Denkschöpfungen) im 
Bewusstsein des Einzelnen hervortretend, sich durch die psycho-physische Über- 
brückung zum körperlichen Persönlichkeitsgefühl fühlbar macht (so lange der 
Zusammenhang dauert), liegt auf einer (der zeiträumlichen Existenz) jenseitigen 
Spbäi-e, und obwohl unter erzwungener Abhängigkeit vom Leibe, empfindet sich 
diesem unabhängig fremd, weil solcher Leib selber schon völlig fremd ist (wenn 
nicht durch anatomisch-physiologische Studien in seinen gröberen Teilen durchblickt), 
l>etreffs der komplizierten Maschinerie, die in ihm (ohne Kunde über fernliegende 
Herkunft) arbeitet, und wenn auch weil Endprodukt eines (von Aussen her 
beeinflussten) Resultats, am Verbindungsfaden festhaltend, muss dieser doch los- 
gelassen werden, wenn selbst zerfallend, weil ohne Macht dann ferner über 
dasjenige, was sich selbständig bereits proklamiert hat (in Eigenheit des Ich). 

Da das „Beobachten seiner selbst" (s. Kant) „leichtlich zu Schwärmerei und 
Wahnsinn hinführt" (auf gradem Weg in „Kopf Verwirrung"), sollte die 
„empiiische Psychologie" auf Beobachtungen Anderer begründet werden, und 
würde dann zunächst also die Vergleichung der Gesellschaftbgedanken erfordern 
(um im zugehörigen Kreis des Teilganzen das Einzelne zu integrieren). 
„Will man das Getriebe der psychischen Vorgänge erfassen, so mu.ss man vor 
allen Dingen die ersten und einfachsten Elemente dieses Getriebes zu beobachten 
suchen" (s. Lange), und also in erster Linie (neben der Kindesseele) die Wild- 
stämme in Betracht ziehen (um das Geäder des zoopolitischen Organismus zu 
durchforschen). Im Organismus des zoopolitischen Individiums steht der Gesell- 
»chaftsgedanke voran (wie ethnisch differenziert) für den Gemeindekreis — izpo^ 
xoowviai> ysYÖixifjMv (s. Marc. Aurel.) — unter Hinweis auf darinsteckendes Selbst 
(monet Pythius Apollo, ut se quisque noscat). 

Was einem „inneren Sinn" (b. Fortlage) zugeschrieben wird, ist der Reflex 
des aus Anregungen der äusseren Sinne in Vorschüpfung Transformierten (auf 
sozialer Schichtung). Die mit der Völkerpsychologie verwachsene Linguistik 
M. f. V. 6 



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wird der Erkenntnis des Völkergedankens desto förderlicher sein, je mebr von 
der änsserlichen (und schriftlich fixierbaren) Hülse des Wortlauts dessen Oedanken- 
inbalt zugewandt (im schriftlosen Primärzustand besonders). 

Wenn die „Realen ** (Herbart*s) auf einander wirken, so würde das hinführen 
auf den Begriff einer Kraft (s. Lange), wie (in der Moleknlar-Theorie) „dem 
einzelnen Atom durchaus nicht zukommt und eben nur in der Wechselbeziehung 
mehrerer Atome statt hat" (für die physikalischen Kräfte zwischen den Atomen), 
in Gegenseitigkeit der Ayatana zu Aromana (oder der Tanmatra, in Fünfheit). 
„Aus Actualität des Geschehens folgt, dass auch das Prinzip der psychischen 
Kausalität im Prinzip rein aktueller Kausalität sein muss^' (s. Wundt), vom 
Denken gelebt (im psychischen Wachstumsprozess). Non potest absoluta possi- 
bilitas prior esse actualitate (s. Nie. Cus.), im „actus purus" (eines „Potest")- 

Ammonius Saccas, als ihod(^xToq (s. Hierocles), lehrte: dass der hinfUlig ge- 
brechliche Körper durch das Seelische gestützt wird (b. Nemesius). Als aus 
(scholastischen) Klosterzellen in freie Natur veipflanzt, begann die „anima in- 
formans corpus*', im physiologisch Körperlichen feste Wurzel zu schlagen (für 
Fortstreichen ihrer Entelechien). 

Bei vollgesundheitlicher Schwellungskraft seiner Funktionen treibt es im 
Organismus zu zeugender Entfaltung, wie bei sexueller Ti*ennung in den Braust- 
Zeiten auf dementsprechende Beiwohnung hingewiesen, während in allgemein 
wogenden Gefühlen mit denen der Liebesgefühle ihren Ausdruck suchend, der sich 
indes am cerebralen Pol erst zu klären beginnt, wenn in Denkform gefasst, 
emporreifend zu Gedankenschöpfungen, die für ihre innerlichen Triebe harmoniscbea 
Gleichklang finden ringsumher, wie auf gesellschaftlicher Schichtung nächst- 
liegend, so (weiterhin) in den Harmonien des Universums (bei eindringendem 
Verständnis derselben). 

Solche Gefühlsempfindungen, im Gehörsorgane anschlagend, verleihen dem 
Menschen seinen Charakter als „singendes Geschöpf** (s. W. v. Humboldt), mit 
dessen Tönen sich Gedanken verbinden, in Wechselbeziehung zu den auf der 
Retina (durch Lichtreflex) abgezeichneten Gestaltumrissen (aus optisch -akustischer 
Konkordanz). 

Was im Gesichtssinn sich ausprägt, steht dort als ein Fragezeichen über 
die Welt, in deren Bilde es redet, und die Antwort verkörpert sich in den Laut- 
Worten, die auf sprachlicher Gesellschaftsschichtung ihren Entwicklungsgtng 
beginnen, in (HegePs) dialektischem Prozess (um zum Verständnis zu gelangen). 

Nachdem zwischen Erkenntnis- und Begehrungsvermögen (Wolff^s) das 
Gefühlsvermögen (b. Tetens) eingeschoben war, (in „Empfindnissen**), wurde die 
rationale Psychologie (als metaphysische) unmöglich erklärt (s. Kant), der empi- 
lischen aber die Evidenz einer Naturwissenschaft abgesprochen, weil der Experi- 
mente unfUhig, sowie einer mathematischen Behandlungsweise, welche von Herbart 
anzustreben versucht, erst durch Fechner (physiologisch) zur Anwendung ge- 
langte (für die Individualpsychologie), während die Völkerpsychologie (b. Lazanu) 
in die Psychologie des Gesellschaftsgedankens zu verlaufen gestimmt war, nach 
dessen Differenzierungen in den Völkergedanken (auf elementar gleichartigen 
Unterlagen, bei Einheit des Menschengeschlechts). 



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— 67 — 

Dadarch würde HegePs Psychologie als Mittelpunkt der Metaphysik, — um das 
Geistige ans den Fesseln des Leiblichen zu befreien (religionsphilosophisch, unter 
Vermeidung der Mystik), — aus dem deduktiven Weg auf den induktiven überge- 
geleitet sein (in ethnisch-naturwissenschaftlicher Psychologie), während Spencer die 
Vermittlung mit philosophischer Deduktion hatte festhalten wollen, in einer 
Soziologie, fdr die zwar objektives Material beschafft werden sollte, aber solches 
einer organischen Durchbildung entbehrend bleiben musste, so lange nicht in 
den Elementargedanken fest umschriebene Stützen gefunden waren (für eine 
Qedankenstatistik). 

Boas. Fifth Report on the Indians of British Columbia (tehth Report on 
the North-westem tribes of CJanada) 1895. 
Dieser, gleich den übrigen, mit eingehendstem Verständnis primitiver 
Gedankenwelt abgefasste, Bericht bringt wiederum eine Mehrheit aufklärender 
BeweisfOhrungen, so für das Toteneigentum (S. 46), das Aufstellen der 
Erinnerungssäulen (S. 52), schamanische Berufungen (S. 59), kosmogonische 
Vorstellungen (S. 61), dann das Linguistische (des Niska und Tsetsaut), 
physical characteristics (mit Tabellen) etc. 

Qiddings. The Theory of Sociology (Philadelphia). Supplement of the 
Annais of the American Academy of political and social sdence (Juli 1894). 

„An analysis of the general characteristies of social phenomena and a formu- 
lation of the general laws of social evolution, should be made the basis of 
special study in all departments of social science; Sociology therefore may be 
defined as the science of social Clements and first prindples** (s. Gilling). Its 
£ar reaching principles are the postulates of special sciences (Sociology rests on 
biology and psychology; the special social sciences rest on sociology). 

„Une soci^tö est une gi*oupe de gens qui pr^ntent entre eux btsaucoup de 
similitudes produites par imitation ou par contraimitation** (s. Tarde). (3e 
qui maintient un grand nombre de citoyens sous le meme gouvernment c*est 
bien moins la volonte raisonn^e de demeures unis que Taccord instinctif et en 
quelque sorte involontaire, qui r^sulte de la similitude des sentiments et de la 
ressemblance des opinions (s. Tocqueville). In der Menschheit hat sich das In- 
dividuum aus der Horde gebildet, nicht umgekehrt (s. Kohler), bei Integrierung 
(aus dem 2^n politikon). 

Bei Vielfachheit der in der Soziologie praktisch gepflegten Sonderzweige, 
volkswirtschaftlicher und staatswirtschaftlicher Art — „from the husbanding of 
oom and wine to electioneering contests" — würde das ihr charakteiistisch eigen- 
tümliche Stadium auf die allgemein durchgehenden Gesetzlichkeiten hinzurichten 
sein, nach Analogie der Biologie (a working laboratory of sciences, conceived and 
pursued as a groundwork of more special biological sciences) für den Lehrkursus 
der Studenten. „He should study botany and zoology, of course, but he should 
be grounded first in biology, the science of the essential and universal phenomena 
of life under all its varied forms (S. 18). 

5* 



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- 08 - 

Bier wäre nun indes in Beacbt zu ziehen, dass erst nach einem eingelienden 
Studium der Physiologie (im Anschluss an botanische und zoologische Forschungs- 
weisen), die Zellenlehre mit derjenigen Deutlichkeit sich geklärt hat, um in der 
Biologie ihre (phyto-) physiologischen Hilfsdienste zu leisten, und obwohl ein direktes 
Rücksichtnehmen auf die einfachen Entwicklungsvorgänge in der Primät-Zelle aus- 
fallt [je mehr die Aufmerksamkeit des Kunstgärtners (oder Landwirtes) auf die 
verwickelt bei der Züchtung sich abspielenden Wachstumsprozesse (in deren Meta- 
morphosen) hingerichtet ist], der (kraft der Induktionsmethode wissenschaftlich 
vertiefte) Einblick dennoch wieder auf celluläre Lehren zurückführt, um praktische 
Resultate zu gewinnen (voniehmlich z. B. zur Ausheilung pathologischer Schäden). 

Je mehr innerhalb des QeseUschaftskreises (eines zoopolitischen Individuums) 
die psycho-physischen Individuen im Selbstgefühl ihrer Pei'sönlichkeit sich zu 
integrieren beginnen, desto mehr, unter dem wogenden Qeschichtsstrom, geht 
der im Wildzustande deutliche Anschluss an die (physiko-) geographische Um- 
gebung (und deren Agentien) verloren, da jetzt ein psychisches Milieu zur Durch- 
bildung gelangt, mit all' den in der komplizierten Maschinerie seines historisch 
erwachsenen Organismus durcheinander wirkenden Faktoren individueller Launen 
und Neigungen (mit buntester Ausgestaltung). 

Allerdings würden nun auch hier die mittelst der Durchsichtigkeit einfacher 
Anfänge im ethnisch politischen Leben gewährten Erleichterungen, den Gesamt- 
zusammenhang eines (hier kleinsten) Organis^mus zu duixh schauen, weiivollste 
Unterstützung zu liefern im Stande seien, aber dann eben erst, wenn die augen- 
blicklich noch junge Ethnologie zu ihrem vollen Reifezustand gelangt sein wird, 
und da die praktische Pflege der durch die Zeitbedürfnisse verlangten Spezial- 
zweige bis dahin nicht unterbrochen werdea kann, verbleibt es vorläufig damit 
besser wie bisher, um sie wenigstens nicht durch Hineintragung, soweit noch, unreifer 
Theorien mehr noch in Unordnung zu bringen; denn die Statistik erweist sich 
überall als ein zweischneidiges Schwert, mit Sicherheit entscheidend, wenn voll- 
kommen alle mitsprechenden Daten beherrschend, aber bedenklichst, solange 
eine unvollkommene; subjektivischen Deutungen oflfen (nach Willkür derer, die 
sie verwenden). 

Unter solcher Sachlage stellt sich dann aber allerdings das zwingende Gebot 
voran, den ethnischen Daten (eingehender, als bisher), eine möglichst ernstliche Durch- 
forschung zuzuwenden, um sie thunlichst bald zu befähigen, die entwicklungs- 
schwanger in ihr schlummeniden Keime zur deijenig vollen Ausgestaltung zu 
ft)rdern, welcher zuverlässige Anhaltspunkte sich entnehmen lassen könnten, und 
zwar gewichtigste sodann, um auf die Schädlichkeiten des sozialen Lebens (in deren 
Durchschnittsmassen die ethnischen Elementargedanken auf gleichem Schichtungs- 
Niveau fortdauern) einen naturgemässen Heilungsprozess zur Anwendung bringen 
zu können (im geschichtlichen Fortschritt der Kultur). 

Zwischen Kulturvölkern und W^ildstämmen ist, so gut es gehen will, ein 
praktischer Scheidungsstrich (für die Studienweison) zu ziehen, so dass hier die 
Theorie der Praxis zu folgen hätte, was, wenn es auch, solcher Theorie nach, viel- 
leicht nicht sein sollte, doch, statt /u dert Ausnahinsf allen, eher vielmehr zur Regel 



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— 69 — . 

gehört (aus pi-aktischen Erfahrangen), und ohnedem provisorisch stets erfordert 
sein ?dirde, wo der Forschungsweg der Induktion eingehalten wird. Die Ethnologie 
verhält sich zur Soziologie, wie etwa zur Geographie die Ethnographie, die hier 
den botanischen und zoologischen Provinzen eine anthropinische zufügend, still- 
schweigend aufhört, sobald auf den von der Geschichte beackerten Boden 
gelangend, für deren vorläufige Ergänzung sie dort bedürftig gewesen war, wo 
fflr historische Kritik die zuverlässigen Momente noch fehlen. Ebenso ver- 
schwindet die bei den ethnischen Organismen eines durchsichtigen Primitiv- 
zustandes nach den dort erschaubaren Gesetzlichkeiten arbeitende Ethnologie unter 
den komplizierten Maschinerien der Kultur, so lange in ihren Grundprinzipien 
noch nicht gentlgend gefestigt, um duix:h die, bei den Krjptogamen des Menschen- 
geschlechts nachweisbaren, Zelleinheiten solch' ähnliche Dienste zu leisten (zur 
Ken'ntnis kulturellen Wachsturas), wie die phyto-physiologische Methode einer 
wissenschaftlichen Botanik (für biologische Weiterfolgeiningen). 

In the Amricai Jourial Of PiycbolOfte (Clark üniversitj, Worcester 1895) 
giebt Tilcherer ein „psycbological vocabulaiy" (für Obersetzung deutscher Aus- 
drücke ins Englische), mit der Bemerkung: „the english nomenclature of peycho- 
logical processes must be in the main of Latin-Greek origin and not of Saxon" 
(für die Termini technici). 

International Journal of Ethics. Philadelphia 1895. 

„The „ethical process" is eniphatically part of the cosmical proeess" since 
it is concerned in the development of new relations among the factors with which 
it deals and therefore is the seeuring of new producta of these facts (s. F. E. White), 
im Anschluss an Royce (und Huxley); für (Fichte's) moi*alische Weltordnung 
(bei Einheit physischen und ethisch-moralischen Gesetzes, im Dhamma). 

Hodge. The first discovered City of Cibola (American Anthropologist, 
VUI, 2). Washington 1895. 
Im Anschluss an die durch Bandelier*s Forschung begründeten Unterlagen 
(und unter Auseinandersetzungen mit ihm über mitsprechende Gesichtspunkte) 
kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, „that not Kiakiroa, but Hawikuh was the 
town of Cibola discovered by Niza, that the latter village alone correponds sub- 
stantially with the settlement described by the friar (S. 4). 

Dali. Alaska as it was and is. Washington 1895 (Phlsphcl. Set.). 

„The day of the ethnological collector is past" (S. 144). Ein schwerwie- 
gendster Satz in wenig Worten, wenn gesprochen von der hier unbestrittensten 
Autorität, aus persönlichen Erfahrungen (seit 1865). 

Fullerton. The psychological standpoint (Psychical Review, I, 2, March 
1894). 
Das Denken des „piain man" liisst sich betrachten, im Sinne der „psychology 
as natural bcieuce, for it is psychology from the standpoint of the common uu- 



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— 70 — 

derstanding" (S. 113), und so (für ethnisch natarwissenschaftliche Psychologie) 
dem Gedankenleben der Wildstänome parallel (zoopolitisch). 

Gleich den übrigen Naturwissenschaften, ist die Psychologie, wenn im 
korrespondierenden Charakter ihnen angeschlossen, freizuhalten von jeder Ein- 
mengung metaphysischer Probleme, deren Behandlung (soweit sie einer solche 
asugfinglich sind) der Philosophie verbleibt. 

Und indem so die Psychologie auf den induktiven Weg (komparativ-gene- 
tischer Methode) sich hingewiesen findet, werden (zum Material des Verarbeitungs- 
stoffes) objektive Anschauungsbilder, wie sie erst (und nur) von den ethnischen 
Einkbrperungen des Gesellschaftsgedankens gegeben sein können, vorausgesetzt 
und vorbedingt, damit dann wieder (aus Teilhaben am social umziehenden Kreis) 
das psycho-physische Individuum sich integriere (im eigenen Selbst). 

Beim Herausrechnen seines im Gfanzen (des gesellschaftlichen Kreises) zustän- 
digen Eigenwertes (aus den Verhältnisbeziehungen, worin umwoben), als unab- 
hängiges Teilganzes Gebensfähiger Existenz) seinen Ausdruck gewinnend, ge- 
langt (im innerlichen Reden seiner Doppelheiten mit einander) das jedesmalige 
Denken zum Bewusstwerden, um in Enge oder Weite solches Bewusstseins die 
darin aus geistiger Umschau gespiegelten Weltreflexe dem Forscherblick kontrol- 
lierender Beti*achtung zu unterwerfen und zu klären (fOr das Verständnis). 

Was hier pi-tifender Revue vorüberzieht, ftlhrt nicht die aus der Linsen- 
brechung der Retina aufgeprägten Dinglichkeiten vor, sondern das, was aus deren 
Echo in gesellschaftlichen Schallwandlungen (mit Satzgefüge der Denkworte) sich 
ausspricht, unter Hinstreben zu generalisierenden Znsammenfassungen. 

Wir sehen den Schimmel, den Schecken, den Rappen, aber daneben denkt sich 
das Pferd, als unsinnliche Sprachschöpfung (wie vom „Visus intellectivus" gesichtet), 
ohne fixierten Stellungsanweis (im Räumlichen). Was im Körper pathologisch 
stichelt, wird gedeckt durch was (unter verallgemeinerter Subsumtion) im Laut des 
Bösen (aus seinem Stachel) sich verkörpert, dem auf der Gesellschaftsschichtung 
moralisch getönten Ohr. Indem die Gefühlsempfindung tastend erprobendem 
(bestätigendem oder widerlegendem) Experiment unterworfen werden kann, 
wandelt sich für sie das „Post hoc" des im Zeitlichen sein Kausalitätsbedür&is 
lebenden Denkens in ein „Propter hoc" wechselweis bedingender Durchdringung 
von Ursache und Wirkung (zur Einheitsfassung vereinfacht). Aus dem die 
(mit tactibeln und tangibeln Ganglien durchsetzte) Epidermis treffenden Stoss 
erläutert sich der dort reagierende Schmerz, während der im Innern wüthende, 
eine Penetration voraussetzt, durch den dafdr befähigt gekannten Pfeil, aus feind- 
licher Hand (zugehöriger Persönlichkeit) geschleudert, und so steht im „Hexen- 
schuss" der Elementargedanke fertig, der den Böszauber sich projiziert, in (un- 
greifbarer) Leiblichkeit begriffen, unter deren (mit abstrahierendem Fortschreiten 
gedehnteren) Umrissen nun das (oder der) Böse auf sprachlich gesellschaftlicher 
Schichtung (mit Widersachern wieder) sich auseinanderzusetzen hat, für seine 
Kontroversen mit dem Guten, und sonstigen Steinen des Anstosses, die in 
Mehrung des Sticbelns und Stacheins den Hass verbitternd steigern. 

Soweit die geistigen Zustände von körperlichen abhängen, wird eine imma- 



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— 71 — 

nente Gesetzmässigkeit abgesprochen (b. Comte), während die immanente Kau- 
salität der Vorstellungswechsel zwar noch nicht für die Gemütsverbindangen 
(Miirs) umschrieben werden kann, wohl aber deutlich ausverfolgbar (nach Asso- 
eiationsgesetzen und was sich anschliesst) in den Wachstumsvorgängen der 
Gesellschaftsgedanken (wie die sinnliche Schicht überschwebend), und insofern: 
„Psychology is a totally unique science" (s. Spencer), aber nicht .subjektiv", 
sondern zunächst vielmehr objektiv (zur An- und Durchschau der ethnisch ver- 
körperten Völkergedanken). 

Statt der „Dinge'' selbst, geben die Sinne „Wirkungen der Dinge'' (s. Helm- 
boltz), und zwar nicht getreue Bilder, aber doch flir praktische Verwertung brauch- 
bar herzustellende. Und so spiegeln die Denkschöpfungen auf sprachlich durch- 
wobener Gesellschaftsschicht ihre Ursächlichkeiten (für ethische Ausnutzung). 

Mit auvec&fjm^ (<n)yaur&7j<n^ o^tiyc) diückt sich einheitliche Stimmung im Ver- 
nunftdenken (als ^pouTjüv;) aus, wie nach sittlichem Wert abgeschätzt im Bewusst- 
sein als („besonnenes") Zusammenwissen („consdentia", im Gewissen), das unter 
modern gesellschaftlichen Verhältnissen erst die Spezificität eines terminus 
technicus erlangt hat [durch (ihre induktive Kontrolle weiterab verlangende) 
Deduktion]. 

Wie weit in „Enge des Bewusstseins" Aufiassungen statt haben, ist psycho- 
physisoh auszuverfolgen, während im Gegensatzverhältnis zum Nicht-Ich das 
Selbstbewusstsein permanent bleibt, trotz periodischer Unterbrechungen des 
Wachzustandes (worin, zur Gewisslichkeit der Pflicht, erweckt stehend). 

Damit für' interesselos ästhetische Urteile dem Geschmack »eine richtige 
Echtheit bewahrt werde, bedarf es klar erkennender Untei*scheidung, im (be- 
wussten) Wissen [des (gewiss) Gewussten, als Gewissen]. Um auf die (im 
Physischen der Geftthlsempfindungen eingeschlagenen) Wurzeln des subjektiven 
Bewusstseins (in „Bewusstheit") zu gelangen, sind zunächst die Grundgesetze der 
Objektivierung (in den Erscheinungen) zu durchforschen (aus psychologischer 
Erkenntnistheorie), für das Selbstbewusstsein des Ich (in der Pei-sönlichkeit). 

Mit if6r^<nz vorfjotwq vcrfjat^ ist 6 eurw äy^pwim^ auf Selbsterkenntnis hinge wiet^en, 
fttr ethische GtQtigkeit im Gresellschaftskreis (zum eigenen Verständnis). 

Das hier zur Klärung drängende Seelische schwankt — so lange der (flami- 
nische) Scheidungsstrich zwischen Tag und Nacht (unter dem Veto des Transcen- 
dierens) — noch nicht gezogen ist, in unstäten Seelenzersplitterungen umher, 
und gleichartige Elementargedanken verbinden das (stoische) Hegemonikon (als 
„Spiritus Rector" oder „Archäus maximus") mit Tso oder Mingkhuan und (indo- 
chinesischen) Analogien, wie (platonische) Präexistenz mit nigritischer (der Kla), 
wenn in dämonisch maskierten Spukgestaltungen überall und immer ihren 
Beigen wirbelnd, durch Baum und Zeit in der Geschichte des Menschen- 
geschlechts; bis aus seiner Menschheit Bild der Mensch hervorgetreten sein 
wird (im ethno- psychischen Sinne). 

In Americai Folk-Iore (VIII, 29) wird von Howitt („the Irroquoian concept 
of the soul") auf die durchgreifende Beeinflussung des primitiven Geisteslebens durch 



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- 72 - 

die Auffassungen der Seele *) hingewiesen, und neben ethnologisch detaillierenden 
Einzelnheiten findet die Linguistik zugleich die ihr gebührende Berücksichtigung. 

Als die, seit Hervorkehrang ihrer plebejischen Hinneigungen, in „Polk-lore" 
verwiesene Seele -^ ehe sie unter kritischen Zerwühlungen, bei Zutritt psycho- 
logischer Experimente, in die Funktionen einer „Psychologie ohne Seele**, ver- 
flüchtigt war — sich den im (scholastisch ausgestatteten) Musentempel (klassischer 
Vorgönger) eingewohnten Philosophen noch hoffähig präsentiert hatte (unter den 
Etiquettierungen ihrer Kunstsprache), konnten des Menschen vitale Fragen sich 
aussprechen in (Leibniz') Satz: „Die Seele empfindet nur ihren eigenen Zustand", 
(ihre eigenen Veränderungen) oder (mit Wolflfis Selbstgefühl): „Wer sich bewusst 
ist, der ist", im Anschluss an Cartesius: „(Jogito, ergo sum**, statt (Lichtenbergs 
Version solches Dictum's), mit schuldiger Bücksicht auf das liebe Ich (im Individualis- 
mus): Ich empfinde immer nxir „mich'* (s. Sommer), statt: Ich empfinde nur die 
Veränderungen eines Zustandes (im Phänomenalismus). 

Um indes die (bei Absehung von Einzeldingen) anerkannte Unbegreifbarkeit 
der Ousia (peripatetisch) oder des (reinen) Seins (im „Ist**) zu vermeiden, Uesse 
sich der Seele für den in Veränderungen prozessierenden Vorgang statt „inneren 
Sinnens** ihr innerlicher Wachstumstrieb substituieren, für das Denken das sich 
selber lebt (in den Kausalitäten seiner Ursach Wirkungen) und somit sein Sein, 
(mit Aspiration auf seine „causa sui** hin), da so (das) „Leben** (für Wortdeu- 



*) That the soul abode in and about the corpse, wether it lay in the grave or 
on a scaifold, promenading by night through the villages, entering their lodges and 
cabins to share in the feasts by eating what remained in the pots; that after the 
decennial Feast of the Dead it remained quiescent and contented, unless it came forth 
to he reömbodied by being born again of some women, in proof of which the Jroquoian 
philosophers adduced the striking fact of the remarkable resemblance of certain livin^ 
persons with others who had been long dead; that after the Feast of the Dead, the 
soul, robed in beautiful für mantles and adorned with bracelets and necklaces, took 
up its joumey westward, towards the setting sun, to reach the spirit land, where each 
tribe or nation has its own particular village, to which the soul hailing from another 
tribe or nation was not at all welcome, and where the souIb of those who have died 
in war and of those who have committed suicide have separate viUages, since they are 
not permitted to visit the others, as they are fearod by them; that the souls apart 
from hunting, fishing and from being engaged in the usual pursuits of the living, dance 
for their own amusement and for the health of Atahen'tsik, the weird Mistress of 
the Manes ; lastly, that the souls of the decrepit and superannuated and of infants and 
small children, not having the streng th of body and limb requisite to make the long 
and trying joumey to the land of souls, remain in the country, where they have their 
own villages ; to theso are attributed the noises of the doors and flaps of their cabins 
and lodges made by the ingress and egress of these iuoffensive souls; to them hke- 
wise are attributed the voices heard of children hunting birds and pursuing small game 
in the fields; these souls, it is also claimed, plant com in season, using the abandoned 
fields of the living, raising there on oq-sk?n'-nä'-o-nen'-hä, „ghost-com", commonly 
called squirrel com, Dicentra Canadensis. When villages with their stores and Caches 
of com were burned, the people took great pains in gathering the parched com into 
a heap in the middle of the bumed dictrict to be used by these feeble and barmless 
souls for food. (S, 109 u. flg.) 



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— 73 - 

tung) verständlich wäre, weil vergleichungsfähig bleibend (in den vor den Augen 
ablaufenden Prozessen vielfachst bunter Art und Weisen). » 

Die aus dem leiblichen Leben psychisch forterstreckten Entelechien werden auf 
die Gesellschaftsschichtung, im Kontakt mit adäquaten Wachstumsregungen, durch 
die Verflechtungen gegenseitigen Gedankenaustausches, in übersinnliche Denk- 
schöpfungen hineingezogen, aus denen das Bewusstwerden individueller Mitwirkung, 
dieser ihre dortige Unabhängigkeit gewährt, unter mehi-weniger organisierter 
Loslösusg von den physischen Wurzeln, woraus erwachsen. 

Beim Rückklingen der, die erregenden Gesichtserscheinungen in sprachlichen 
Verkleidungen begleitenden, Schallbilder rufen diese, auf optischer Unterlage 
redend (aus akustischer Konkordanz), bei Aufepeicherung (zum Gedächtnis) in 
den HimMrinduBgen (mit physischer Assimilation), im Persönlichkeitsgefühl eine 
(zur Grössenbestimmung, als „Einheit der Synthesis") selbständig (aus den 
Wechselbeziehungen der Bruchteile) entnommene — und deren Stempel, als eine 
(solche Bruchteile summierende) Ganz-Grösse, tragende — Wesenheit hervor (im 
Horopter geistiger Schau), woraus sodann diejenige (des Ich) sich wiederzuerkennen 
vermag, in dem, aus (transcendierend) Transcendentalem, auf das Materielle pro- 
jizierten Abglanz, der von jenseitsher hervorbricht, als ewiglich sprudelnde 
Quelle durchströmend gefühlt (in eines Lebenswassers verjüngender Kraft). 

Seebohm, Fr. The tribal System in Wales. London 1895. 

Under the Welsh tribal System there were two great ' classes , those of 
Cymric blood and those, who were strangei*s in blood (S. 55). 

Die Ül)ergangö Wandlungen des fremden Bluts in das heimische, sowie die 
aus der Blutsgenossenschaft bedingten Formen des Eigentums, bei dem Zusammen- 
s^loss mit ein^n Bf;^d^n pen^aith etc., sind mit erschöpfend minutiösen 
Details innerhalb eiag umgrenzten Areals, auf Grund der verfügbaren Do- 
kumente eingehend dargelegt, und bilden so ein lehrreiches Schema für ver- 
gleichenden Anschluss (wie des Weiteren durch einen zweiten Band in Aussicht 
gestellt). 

Sprachähnlichkeiten weisen zunächst auf geschichtliche Berührung hin, und 
sofern gleichzeitig etwa Verwandtschaft in Betracht käme, würde sich dann wieder 
die Vorfrage erst stellen, ob aus consangiiinitas von älteren Wuiv^eln her, oder 
ob von agnatischen mehr (wie durch Mischungen eingeleitet). 

Das Gepräge charakteristischer Nationalist ist dui"ch die Aktionswirkungen 
der Geschichtsl>ewegung aufgeprägt, und dieselben bereits in den Grundtrennungen 
eines primär reinen Urstammes suchen zu wollen, würde ebenso vergebliche 
Mühe sein, wie die Variationen der in der Kultur veredelten Blüten eines 
Fruchtstammes in dem Samenkorn bereits nachweisen (und önden können zu 
meinen). 

Die unter Hengist nach Britannien eingezogenen Anglo-Sachsen repräsentieren 
ebensowenig den Engländer (seinem nationalen Typus nach), wie Arpad*s Magyaren 
den heutigen Ungarn, obwohl in beiden Fällen der daraus entnommene 
Charakterzug in der, aus den sonst ethnischen Durcheinandermengungen resul- 



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— 74 — 

tierenden, Physiognomie ein leitend massgebender geblieben ist. Es kommen 
also auch hier die Agentien der geographiachen Provinzen, je nach dem sie beim 
Laafe der Wanderungen in den einzelnen Lokalitäten genügend zur Auswirkung za 
gelangen vermochten, mit den historischen Konstellationen (und politisch geschürzten 
Konjunkturen) zusammen, um dasjenige Produkt auszugestalten, das als so- 
weitiges Endresultat der Beschauung sich bietet. 

Im „Archaeologlcal uni Ethaoloflcal Papert of tkt Ptaktdy MvitiNi" (her- 
ausgegeben von Putnam) findet sich„A study of Omaha Indian Music" (by Alice 
C. Fletcher)» aided by Francis La Flesche, with a Report on tbe Structaral 
peculiarities of the Music (by J. C. Fillmore), Cambridge 1893. 

Es war die letzte Gelegenheit zum Niederzeichnen, denn: „The Omahas as a 
. tribe have ceased to exist. The young man and woman are being educated in 
English Speech and inbued with english thought; their directiv emotion will 
hereafter take the lines of our artistio forms'' (8. 57). 

Folk-Lore (VI, 3), Transactions of the Folk-lore Society. (London 1895) 
mit einer anregend zeitgemässen Diskussion (unter Kückbeziehung auf frühere 
Artikel) zwischen Lang (Protest of a Psychic Folk-lorist) und dem PiHsidenten 
der Folk-lore Society, um unter Abwägen der Bedenken hüben und drflben, 
in Erörterung zu ziehen, wie und wo der Scheidungsstrich zu ziehen sein würde, 
zwischen dem „Folk-lorist^ und „Psychical Researchers'* (um in den Schranken 
des Vemunftsbereichs zu bleiben). 

In seinem „Protest of a psychical folklorist" verlangt Lang mit Recht, dass 
Hallucinationen, wo sie (im spiritbtischen Sinne) sich finden möchten, „be 
ßtudied like anyother mental phenomenon**, was meistens freilich scheitert an 
einer ungenauen Konstatierung des konkreten Falles, wie bei dem von den „^re* 
Walkers" (in Fiji) angeführtem Beispiele eines [unter (alaunigen) Substituten 
der Pikrinsäure] seit den Hirpinen (in Ordalen auch) fortgeführten Brauches, 
welchem gemäss der Wongtschä (Guinea's) ebenfialls auf glühenden Kohlen 
tanzt (oder dazwischen, mit der, für das Ballet anleiiibaren, Geschicklich- 
keit), und so seiner Kollegen gar viele noch, im ähnlichen Gespiel mit 
dem Feuer — ein für die Mythologie ausnutzbarstes Element (in Elementar- 
gedanken). Barbaric conjurors are, to use slang: „up to snuff**, as well as Prof. 
Popper or Mr. Maskelyne, erwidert Clodd im „Reply" (S. 250), und solch 
kindischer Naivität, wie die in den „Gercles** der Civilisation tänzelnden „Spi- 
rits" bethätigen, scheint das schwerfällige Negerhim schon entwachsen, selbst 
unter der fuseligen Begeisterung durch den in der Schnapsflasche steckenden 
Spiritus, den seine „Geister*' niederzugurgeln gehört wurden (bei Bömer^s An- 
wesenheit). Seine Herrschaft über die stupiden Massen erlangt der Schamane 
oder Paje dadurch eben, weil (ein Klein wenig wenigstens) weniger stupid (und 
insofern „stärker", an Geist). „Sapiens humani generis paedagogus" (im Grossen, 
wie im Kleinen). 

VoL VI (2) liefert Bereicherungen der SammelschUtze in „Suffolk Leeches" 



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- 75 — 

(Groome), „Folklore Objekte" from Argyleshire'), (Maclagan), „Tiaditions, Custome 
and Superstitions of the Lewis" *) (Mac Phail), sowie (in vergleichender Behandlungs- 
weise): „Tabooe of Oommensality" (Crawley), mit anschliessendem Mancherlei') 
(in CorrespQndrace and Miseellanea). 

Wake. Memoirs of the International Congress of Anthropologj. 
Chicago 1894. 
Enthält neben der „Praesidential Address" (Brinton's), die in den Sektionen 
(Physioal Anthropology, Archaeology, Ethnology, Polk-lore, Religion, Linguistic) 
gelesenen Abhandlungen, mit einem Supplement G;6onnan Papers"). 

Herbert Spencer« The inadequacy of natural selection (Contemporary 
Review, March). London 1893. 
„Natural selection, a survival of the fittest, i.s almost exclusively opera- 
tive through-out the vegetal world and thioughout the lower animal world, 
characterized by relative passivity" (v. Spencer); „in animals of complex structures, 
inheritance of acquired characters becomes an important, if not the chief, cause 
of evolution** (8. 45), für Poiiwirkung auf der Qesellschaftsschichtung (in kultur- 
geschichtlichem Fortschritt). 

In Spencer's „Weissmann One More'* (Ck)ntemporary Review). London 
1894 werden, unter den Erörterungen, die Untersuchungen Havelock Charles* 
(Journal of Anatomy and Physiology) angeführt (über „the diflferences between 
the leg-bones of Europaens and those of the Punjab-people, difierences caused 
by their respective habits of sitting in chairs and squatting on the ground") für 
Hinweise auf Mancherlei was zu beachten wäre (bei den Kontroversen über den 
Pithecanthropos erectus z. B.). 

Romanos. Kritische Darstellung der Weismann*schen Theorie. 

Leipzig 1893. 

Der Nomenklatur werden Kommentare zuzufügen gesucht (S. 35 u. p.), 

bis auf die „Iden" später zugespitzt (reimend mit i,Od*S unheimlichen Glühlichts). 

„Der ganze Mechanismus der Vererbung wird mit solcher Kleinmalerei und 
— — ■ % 

1) Das Corp-Chre schliesst sich an das Nadelprickeln (wodurch zu Johannas XXII. 
Zeit auch Könige bedroht waren) und das Nägeleinschlagen (in Loango), mit mancherlei 
Reminiscenzen sonst (in Atzmänner u. s. w.). 

*) Als ein Kornfeld durch Wind verwüstet war (auf der Insel Lewis) : der Rat der 
Alten „valned the loss, they had sustained, on their Maker, believing that he was uoder 
obUgation to make up for them, as it was caused by the wind'* (s. Abercrombie), gut 
gemacht demgemäss durch reichen Fischfang („the smith of the district made a small 
fortone on making hooks''). So dass hier ein vertrauterer Verkehr statt hat, als der 
timide Neger wagen würde, mit seinem Nyankupong (obwohl ein ,,Freund'\ wie der 
Abraham*s) einzuleiten, oder mit Mawu, der ohnedem die „Wong** zu Dienstleistungen 
beauftragt hat (wie Mahatara die Sangyang). 

*) Den „Chained images*' (S. 196) iässt sich (neben manch anderm) ein Beispiel 
aus Tongu beiftigen (cf. V. d. Ostl As. n, S. 882). 



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mit 8olch^ überzeugter Genauigkeit entworfen, dass man l>eim Lesen dieser Dar- 
stellung an den Berieht erinnert wird, welchen Dante *) über die Topographie des 
Inferno gegeben hat. Nicht nur besteht die Sphäre des Keiraplasmas nunmehr 
aus 9 Kreisen (Moleknien, Blophoren, Determinanten, Iden, Idanteu, Idioplasma, 
Somatoplasma, Morphoplasma, Apicolplasma), sondern unser Führer vermag um 
in den meisten dieser Gebiete so fremdartige und merkwürdige Erscheinungen 
zu zeigen, dass wir in das Reich der Wissenschafben mit dem Gefühl zurück- 
kehren, als ob wir wirklich in einer anderen Welt gewesen wären" (S. 126). 

So liefert solches, seine starken Lupen verlangende, „Konversationslexicon 
in der Westentasche'' manchen Doppelgänger zu den „Genealogien" trojanischer 
Helden, wenn in Descendenz verkrümelt und feingemahlen zum fetten Futkr 
für die Elementargedanken — von denen indes solche Binsenmännchen mit Haut and 
Haar unbedenklich aufgeschluckt sein würden, ohne grosse Gefahr vor Ob- 
struktionen, so lange die zu (Nägeli's) Idiopla^ma geschmeidigten Namensdeutungen 
des Nucleoplasma glücklich durcbgleiten (und nicht etwa in des Intestinum coecum's 
Blindheit stecken bleiben sollten). 

Aus der Thatsache, dass einzellige Organismen sich durch Teilung und 
Knospenbildung vermehren, folgt der Schluss, „dass das Leben') ur^rttnglich 
und potenziell unsterblich sei" (S. 7). 

Die einzelligen Lebensformen, unter direkter Abhängigkeit von physikalischer 
Umgebung, wachsen in die dadurch bedingten Änderungen (als vererblich ei*- 
worbenen) gleichsam hinein, bei Un Unterscheidung des Cjto-Plasma, wogegen 
(bei mehrzelligen) auf die Tiennung zwischen Keimplasma und Somatoplasma 
(in ihren Kernen) auch eine geschlechtliche folgt, wobei sodann nach Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung die ünwahi*scheinlichkeit zu- (oder die Wahi-scheinlich- 
keit ab-) nimmt, dass gleiche Parallel- Reihen der aus erworbenen Eigenschaften 
Geänderten mit deren sexuell auf einander führenden Beiwohnung, in jedesmal 
richtiger Konjunktur der zu den veranlassten Änderungen tendierenden Keim- 
regungen zusammentreffen sollten (im „nick of time"). 

Pflanzliche Entwicklung (in ihrem kyklischen Umlauf) ist hingerichtet anf 
das Heranreifen der Fruchtorgane (zur eigenen Reproduktion in Vermehi-ung), im 
tierischen Organismus wöchst das Kind aus der weiblichen Hälfte (dementsprechend 
getroffenen Einrichtungen gemfiss) hervor, so zu sagen, während bei der männlichen 
die Ausbildung der an der Chorda doisalis doppelt angelegten Pole (mit fort- 
schreitender Subordination der Organe untereinander) vorwiegend (nach natur-philo- 
sophischer Reminiscenz) dem cerebralen zuneigt, dessen funktionelle Aufgabe dahin 



*) Kant, persuadö, que „Newton avait ä tout jamais relßguö les tourhillons car« 
tesieus dans les limbus des vanit^s d^crites par Milton^^ a 6t6 conduit k fonnuler lui- 
mdme mie cosmogonie absolmnent fausse, malgr^ la grandenr et Toriginalitö de sa 
conception (s. Faye), und so geht es mit den Hypothesen, wenn der „conseil fort sage' 
(s. Blanchert) vergessen wird, den Newton an die Physik gerichtet (sich vor der Meta- 
physik zu hüten). 

') Selbst der „natürliche'' Tod ist im letzten Grunde als ein gewaltsamer aa&n- 
fassen (b. Luoks), konform mit Ansicht der Ahiponen (über BOszauber), und im Unisono 
(eines „argumentum ex consensu gentium"). 



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— 77 — 

geht, die für vegetativische Werdeprozesse (kraft der Wärme) bereits lockenide 
Ablösung von der Schwerkraft (wohin die Wurzeln noch niedergezogen werden, 
vom Scheidungsstrich der Sprossens-Achse ab), am materiell abgeschiedenen Stoff 
— des (bei Vertebralen fast erstarrenden) Skeletts (eines petrifizierten Holzgerüstes 
etwa) — zu periodischen Realisierungen zu bethätigen, mittelst elastisch schwellender 
Muskel&ser (wenn durch den Willen bewegt). 

Was in (Lamark's) Transmutationen, durch Adaptation an die Umgebungsver- 
bältnisse (des „Milieu'O in der Giraffe e. g. sich bekunden soll, müsste im Schöpfer- 
gedanken (oder Pakriti\i Doppelsetzung in ihrer Maha-Bhuta) bereits präformiert ') 
liegen, für Kon-espondenz des Langhalses mit hocbwipfliger Blätternahrung, und 
also unter den äxpai als almu teleologisch walten, für rd ou svexa (eines Wesswegen). 

Wenn der Organismus zu variieren b^innt, hängt es von der Eindrücklich- 

*) Die dorch Gewöhnung und Wille hergestellte Anpassung verbleibt erblich 
(b. Lamark), in Transmutation (nicht der Arten jedoch, sondern der Varietäten). In 
(Wallace*s) Evolutionstheorie folgt die Entwicklung der Individuen von Innen, in 
(Darwins) Selektionstheorie von Aussen (unter beiderseitiger Durchdringung). „Der 
Organismus der Menschennatur ist in seinem Wesen denselben Gesetzen unterworfen, 
nach welchen die äussere Natur allgemein ihre organischen Erzeugnisse entfaltet'* 
(s. Pestalozzi). Günstiger, als die Gewebezellen im Organismus höherer Vertebraten 
bieten sich die der (Pflanzen und) Wirbellosen (für komparatives Studium) und am 
geeignetsten die Protisten (s, Verwom), und so ist der Ausgang von den Eryptogamen 
des Menschengeschlechts zu nehmen (für psychische Elementarzellen). Varietäten sind 
werdende Arten (b. Darwin), aus mechanischen Ursachen, auf Kräfte zurückfahrend, 
die der Materie an sich eingeprägt sind, dem Organismus sowohl, wie den klimatischen 
Agentien (aber unter gesetzlichem Mass). Da ftlr jede Züchtung ein (praktischer) 
Zweck vorliegt, wird ein solcher auch bei „Allmacht der Naturzüchtung" (s. Weiss- 
mann) nachzuweisen sein (aus Harmonie beherrschender Gesetze, im Kosmos). Die von 
iGeoffiroy St Hilaire fOr (Buffon's) Urplan des tierischen Baues verwertete „Th^rie des 
analogies" fahrt auf die Vergleichende Anatomie, und seit Rösel bei den Amöben die 
„Organisations-Anlage der höheren Tiere vergebens gesucht hatte", wären Cuvier*s 
„Bmbranchements" wiederum angemeldet zu erachten (für die Lehre von den Rhizopoden). 
Gesetzmässig organisches Wachstum beherrscht nicht nur die Keimentwickelnng, 
sondern auch die stammesgeschichtliche Fortbildung der Organismen (s. Eimer). Die 
„Eigengestaltungskraft" (zur Spezialisierung organischer Formen) ist unabhängig von 
den Kräften anorganischer Natur (s. Hanstein). Die „Entwickelungsmechanik" (bei 
Boux) führt auf die „kausale Morphologie der Organismen" (in den Ursachen ihrer Ge- 
staltung). Alle Vererbungstheorien stimmen in der Annahme überein, dass die Zelle 
keineswegs die letzte Form- und Krafteinheit des organischen Lebens sei, vielmehr aus, 
ihrer Kleinheit wegen nicht sinnfälligen, Elementen von bestimmten Eigenschaften gebaut 
sei (8. F. V. Wagner], und so (gleich Kraftcentren der Atome) in „Adristha" hinausfallend 
(unsichtlich). Weil ohne Form und ohne Qualitäten, ist die Materie das Nichtsein 
(b. Plotin) im Absoluten (als Möglichkeit Alles zu werden), aus einem Ekmageion (b. Plato) 
^jud/MSt oy (s. Aristotl.). Die Stoiker bezeichneten (bei Seelenteilungen) den Samen als 
xipatfpun xäk luYfjua rwv t^<; ^y/^c /ispwu (PJveXyjXoi^ö^ (b. Anus Didymus). Tenor und 
Materia bilden die Initia (s. Censorinus), im tov<k (elastischen Stoffs). Die Dinge 
(b. Anaximander) „doivent espier les unes envers les autres riiyustice (d'6tre n6es) 
et en dtre chati^es dans la succession du temps" (b. Simplicius), in Abtrennung vom 
Ganzen aus „6goisme coupable" (s. Chaignet), zur Herstellung ihrer Einheit in der 
des physischen Gesetzes mit dem moralischen, durch Karma geläutert (zur Einigung 
des Verständnisses von Manas, mit seiner Ayatana, als Dharma). 



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— 78 — 

keit der anffitllenden Beize ab, ob sie die Fanktionen genngdam beeinflussen, 
um bis auf die Zeagongskeime nadizawirken, und so vererblicb reproduziert za 
werden. Dies wird (bei sexueller Teilung) nur dann geschehen können, wenn bd 
künstlich sorgsamer Sichtung die genau graduiert entsprechenden Individuen 
(in der Züchtung) zusammengeführt werden, weil sonst die differenziert 
kreuzenden Ähnlichkeiten sich gegenseitig zerstöi-en (und so an der Neugebnrt nicht 
wiedererscheinen können). 

PfeflFer (1894) giebt (auf Unterlage der biblischen Chronologie für das Alter 
des Menschengeschlechts), aus einer Berechnung der „Ahnenplasmen" (Iden), 
die sich in jedem Keimplasma von Weissmann^s Zeitgenossen finden müssten, die 
Gesamtsunmie im Total: „eine 46 stellige Zahl, die mit 48 beginnt, also eine 
2iahl,! die über alle menschliche Vorstellung hinausgeht" (und über die der „Ein- 
schachtelungstheorien'' des vorigen Jahrhunderts). Damit können freilich die be- 
scheidentlichen Zahlen der wildstämmigen Philosophen nicht konkurrieren (ausser 
wo sie etwa zum Buddhismus bekehrt sind, und dessen Zablenungeheuem). 

Grade die modernste Weisheitskunde (au fin de siöcle) hat der Ethnologie 
manch nahi^haftes Material zugeführt, um den Proviantbeutel und Ränzel ihrer 
Reisenden durch „Himmel und Hölle*' (deren ihr eine ansehnliche Zahl zu Dienste 
steht) damit zu verproviantieren, oder anderer Auskundschafter auf völkerkund- 
lichem Gebiet. 

Wenn, wie für Vinyana im Eontakt mit Sankhara (cf. Buddh. a. rlgphl 
System, S. 21 u. hg,), bei jeder neuen Generation, das „Bildungsmaterial^ einen 
neuen Körper zu bilden hat, um „das ewig wachsende uud nie sterbende Eeim- 
plasma zu beherbergen und ernähren'* (für modernste Theorie), so stellt sich, 
neben Purusha, als interesseloser Zuschauer (Sakshin) anwesend (in der Sankhya), 
auch negritische Kla zur Seite, die beim Abscheiden nach der Heimat seelischer 
Präexistenz zurückkehrt und was aus leiblicher Berührung etwa haften gebUeben, 
der Bla tiberlässt (zum Abscheuern). 

Von einem andern Koryphäen der Descendenz (oder Decadence) ist ein alt- 
bekannt, weitester Elementargedanke rehabilitiert, der in Gana, Kelah, Shin und 
anderen Wichten (oder weiblichen Vaiht) allüberall umherschweifend angetraffen 
wird (unter seinen ethnischen Variationen). Und so, wenn die bunt flimmernde 
Maske des ethnischen Milieu abgezogen, steht überall ein einfachster Elementar- 
gedanke vor den Augen, ob nackt und blos im Wildzustand oder zu Äther 
— als mp dt^spwdsq (b. Numen.) — abdestilliert (im Destillier-Kolben der Reli- 
gionsphilosophie) durch die Kultur, deren Segnungen im Geschmack des „Fene^ 
wafisers*' gar fuselig schmecken (unter berüchtigten Marken). 

„Ohne die Annahme einer „Atom-Seele" sind die gewöhnlichsten oder all- 
gemeinsten Erscheinungen der Chemie unerklärlich*' (1878). Wenn so, wird 
besser die Bude zugemacht werden, damit nicht an Stelle der in der Lebenskraft 
exmittierten „qualitas occulta" eine noch dunklere sich wieder eindränge (in der 
auf Abenteuerfahrten umhergehetzten Seele). 

Was sobezüglich, um Leibnitz's Monaden einzuführen, von Bruno gesagt 
war, im AuRchluss an klassische? Dictum (-^vhra TdTjpTj ^oufi6va>if), hörte Förster, 



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- 79 - 

bei Cook*8 Besuch der Tahitier, von diesen an ihn berichten, dass nämlich Alles 
(in der Natur) der „Seelen" voll sei (oder der Geister und Gespenster), wie 
(b. Thalee) der Götter (mi^ra it^p-rj #eaiv); SXov 6i Slufv ifi^üxooad^m (s. Philo), in der 
Welt (als belebt). 

Mind, N. S. Vn. 1894. London. 

In dortig zweiter Abhandlung („Imitation '') bemerkt Baldwin: „Morally I am 
as mucb a part of Society as physically I am a part of the worlds &una, and 
as my body gets its best ezplanation from the point of view of its place in a 
zoological Scale, so morally I occu^y a place in the social order" (S. 54), je nach 
der Integrierung aus dem zoopolitischen Gesellschaftskreis (um den Zifferwert 
des eigenen Selbst zu fixieren). 

In No. 16 (October 1895) kommt Foston („Organic Evolution and 
Mental Elaboration'') zu dem Satz: 

„Oiganic evolution and intellectual elaboration ai'e so for analagous as to 
follow the same laws" (S. 424) unter Erörterungen, die gar bald (wie nach bis^ 
heriger Methode nicht anders sein kann) in Subjektivität der Psychologie festge- 
rannt sind, sich aber genugsam schon vom Geist des „naturwissenschafblidien 
Zeüaltera** angehaucht finden, um „erecting a inetaphical demonstration on the 
basis*' luftiger Hirngespinste (oder Gespenster) denen zu überlassen, „who have 
a taste for sitting over tangles and tying a knot in one part in the act of 
undoing one in another'' (S. 488). Das sind ^tempi passati" fllr die Ethnologie, 
deren no^tisch naturwissenschaftliche Psychologie emporrankt an des „Lebens 
grünem Baum", nahrhaft gespeiset aus voll gesättigten Anschauungen, die 
verheissungsvoU umspielen (in den Wandlungen der „Völkergedanken"). 

Aus elementar eingesäeten Gesetzlichkeiten (immanenter „Logoi spermatikoi**) 
ist zunächst das organische Wachstum der Gesellschaftgedanken auszuverfolgen 
(auf zoopolitischer Sphäi*e), und dann (zur rechten Zeit) wird der Zeitpunkt der 
Beife schon kommen für das psycho- physische Individuum, um als integrierender 
Teil des Ganzen den eignen Zifferwert festzustellen (unter rationellen Proportionen 
des logischen Bechens). 

In den Aiials Of tili Americai Acadmy (IV, 4) findet sich (in Übersetzung) 
ein Artikel de Bousier^s (La Science sociale) über die „cause of the division, that 
took place seven years ago in the school founded by Le Play** (S. 128). 

In Heft V, 5 (März 1895) bespricht Powers (Terminology and the Socio* 
logical Oonference) „the chaotic condition of sodological thought" (in Howerth*s 
frfiheren Artikel). „The general laws of association form the subject of general 
sociology, a science distinct, but not disconnected from the branch-sdences of 
economicSy politics etc., which rest upon it, though in part developed before it'* 
(8. 64). 

Im Jtvrial af tba Aathrapologicai Society (111. 6) Bombay 1894 Uefert 
(8. 346): „A few ancient beliefs about the eclipses" (von Jianji Jamshedji Modi) 



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— 80 — 

eine Aufführung ethnisch gleichartiger Elementargedankeü in beobachteten Ge- 
bräuchen (mit besonderem Anschluss an indische), teils durch Verscheuchen (um 
den Mond zu retten), teils in Büssungen (um an seinem temporären Leiden Teil- 
nahme zu bekunden), oder auch im Almosenspenden, bei Anschluss an Rama*s 
Legenden-Cyclus, betreffs der verachteten Mhang-Kaste (u. dgl. m.). 

Zugleich eine Fortsetzung aus Edward TyrreH's Manuskripten über: „The 
dog in myth and custom" (ebenfalls komparativ). 

Im Moilitt (IV, 3) Chicago (1894) dürfte für Morgan's: „Three aspects of 
monism", neben „a monistic theory of knowledge" und „a form of analytic mo- 
nism", die „monistic inteipretation of nature and of man, as a product of natural 
development" (in Hauptsache) genügen (auf anthropozentrischem Standpunkt) 
— um nicht wiederum in die Probleme der „Triaden" (mit ihrer Dreieinigkeit) 
verstrickt zu werden. 

Einverwoben (oder hineingesponnen)') mit dem eigenen Dasein in das da- 
seiende All (bei Einheitlichkeit der Natur) kann nie das Denken im Durchwandern 
seiner Gedanken reihen, zu Maxima aufwärts oder Minima hernieder, einen Ab- 
schluss erlangen (am Anfang oder Ende), da der (monistische) Einheitszug nur 
aus der Einheit kosmischer Gesetze hervorzutönen vermag, wie sie auf den 
Saiten der Gewebesßlden (aus dem das Seiende umstrickenden Netz) in einander 
schwingen möchten; harmonischen Klanges, im Konzert der Sphären (sofern auch 
die psychische in gleichen Akkorden gestimmt ist). 

Wenn (Blumenbach's) „nisus formativus" (im Wachstumstrieb) selbstkräffcig ge- 
fasst wird, in Energie und „Eigengestaltungskraft" (bei Hanstein), für principia 
individuantia (b. Nie. Cus.), so führt das auf Aristoteles' ivipyeta^ mit deren (po- 
tentieller) Kraft das Eidos (künftiger Ideen) in Verwirklichung tritt, aus einem 
(in Substanz) Unterliegenden (oder „Hypokeimenon") ; worin (zur Verursachung 
des Ursächlichen) der „Schöpfergedanke" (bei Agassiz) oder der „plan of creation" 
(s. Darwin) sich abdrückt, unter lautlicher Inkarnation der (in Brahma*8 Kon- 
templation) vorschwebenden Gedanken, die im Honover sich aussprechen (mit 
Reden des Logos). 

Der Herausgeber („Ethics and ihe cosmic order") knüpft buddhistische Er- 
örterungen an Huxley's Ausspruch: „that cosmie nature is no school of virtue, 
but the headquarters of the enemy of ethical nature" („brought before the 
tribunal of ethics, tbe cosmos might well seem to stand condemned"), — was, 
im Anschluss an Anaximander's klassische Fassung'), darauf hinauskäme, dass 
die Weltemeuerung überhaupt deshalb nur eintritt, weil „Papa" (oder Bab) 



*) „No appulse or outside Stimulus, is really thinkable as extemal; it is part of 
the cosmos which, spider-like, I spin from my internal seif; and when I image such 
externality, I create it" (s. Mc. Crie), wie Nana (die nigritische „Spinne") dortiger 
Welt (worin Brahma sich „einspinnt", aus indischer Tapas). 

*) dt^iifat yoLp ahrti «Jmcjjv, xaX riatif äXXrjkon; t^^ adtxlaq r^v rr^O ^ptlvou * zd^tu (s. Sitüpl.)« 
La vie do l'individu est comme la negation de la vie de tous les autres et de la vie 
universelle; c'est un ^oisme coupablo'* (s. Chaipfnet), bei Unberücksichtigung stoischen 
Gebotes (insere te toti mundo), zk ro -^h usl f^kzTTstv (bei Plato). 



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— 81 - 

noch übrig, bei den aus Naraka HeiTordrtlngenden (cf. Vrhdlngn. d. B. An- 
thrplg8chn. Gsllschft., April 1894, S. 207 u. flg.) — , und geht dann über auf 
„Karma and Nirvana** (S. 417): „The Buddhist Nirvana can only be conceived 
aa a negative condition by those, who are still entangled in the illusion of 
seif; nirvana is not death, but eternal life, not annihilation, but immortalitj, 
not destruction, but indestructibility" (S. 439), nicht das Nichts, sondern die Rea- 
Jisierungdes Pleroma (gegensätzlich zum Trug der Maja), in „Asangkhata-Ayatana" 
(wie oft bereits bemerkt), cf. Ethn. Ntzbllt. II, S. 77 (u. a. a. 0). 

Das „iiteriatiOiale Archiv für Ethnologie" (Leiden 1895) verzeichnet im 
vorliegenden Bande (einem reich ausgestatteten, gleich den früheren), Namen 
ersten Ranges (Ten Kate, von Hoövell, Sapper, Riedel u. A. m.), als Verfasser 
ethnologischer Abhandlungen, sodann Beiträge des Herausgebei*s (Schmeltz), 
Buchanzeigen u. s. w. 

Dorsey. The Study of Anthropology in American Colleges (Anthro- 
pologist U, 12). Dec. 1894. 
Mit dem Ergebnis „that Anthropological studies of some sort ar& given in 
sixteen Colleges, while well organized departments of Anthropology are to be 
found in four" (S. 373) unter Rückbeziehung zugleich auf Brinton's frühere 
Besprechung des Universitätsunterrichts (in anthropologischen Fächern). 

Krause (K. Ch. F.). Abriss und Geschichte der Griechischen Philo- 
sophie. Leipzig 1893. 
„Die Lehre von der wesenhaften Gemeinschaft und Vereinigung des Menschen 
mit Gott, worin Plotin mit den altindischen Systemen übereinstimmt, ist eine 
Gmndlehre der Religion'* (8. 76), von welcher Einsicht (Plotin's) „bei Piaton 
und Aristoteles kaum die Ahnung zu finden sein möchte"! („Diese Lehre hat 
nicht einmal Schelling gefasst**). 

• Zu dieser Herausgabe des handschriftlichen Nachlasses (durch Hohlfeld und 
Wünsche) gehört auch: 

Krause (K. Ch. F.). Zur Religionsphilosophie und spekulativen Theo- 
logie. Leipzig 1893. 
Natur, Geist und Menschheit und deren Vereinswesen (die Welt) sind in- 
unter Gott als Wesen (Or-wesen), aber ausser-unter Gott als ürwesen, jedoch 
zugleich mit XJrwesen vereint (S. VIII), also das Hen (in Perilampsis der Ema- 
nationen), nach „algebraischem Sprachgebrauch im höheren Sinne" (S. 9). 

In Hormoi, Bd. 30 (1895) findet sich, in Anknüpfung an Rohde*s (im vorigen 
Heft angezeigte) Veröffentlichung, eine Polemik E. Meier*s, die in manchen 
Punkten einen richtigen Einblick zeigt in ethnisch primär einfache Verhältnisse 
(um unter den komplizierteren der Kultur den Durchblick zu erleichtem). 

Einen Toten- oder Seelenkult hat es nie gegeben, die Toten haben sich 
selber zu begraben, und das Seelchen verweht windig, nach letzter Verabschie- 
dung, im Valet eines mitleidigen, aber peremptorischen Abschieds (bei Esthen, 
M. f. V. e 



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^ 82 — 

und Nachbarn, am Nobiskrug), während das Erinnerungsbild des Eidolon fort- 
dauern mag (im Ko-to-men Guinea's), und Sisa spuken gespenstisch (am Grabe). 

Statt Verehrung zu erhalten, haben sich die armen Seelen an rücksichts- 
loseste Behandlung zu gewöhnen, wenn verscheucht als Ekpök, auch unter Auf- 
hängen klassischer „laneae effigies", zum trügerischen Anlocken (auf Viti), und sonst 
überall, beim Hexentreiben in Jahresfesten (mit des Inca's Pomp gefeiert in Cozco). 

Was verehi-t wird ist der (über sein, auf die vom Tisch gefallenen Brocken ver- 
wiesenes, Eindesalter) hinausgewachsene Heros, in dem unbeschadet etwas seelhaftes 
stecken geblieben sein mag, wenn bei der Apotheose im Kreise der Olympier zu- 
gelassen [weniger empfindlich gegen Bastarde, als die (nach Art der Ogre in 
dunkler Wandlung) feinnasig leicht das Menschenfleisch ausschnüffelnden Deva der 
Khmer, an Phra-In's Hofstaat]. Als indisch vicarierende Substitute für Herakles 
und Amphiaraus gingen leibhaftig in Tawatinsa \) ein der Könige drei (und ein 
Musikant), „seltene, magnae animae'^ (s. Rhode) im Heroenkult (des ^pw<: äfipir^':)- 
Zum Allerseelenfest in Annam werden die Seelen (den Rangstufen gemäss) an 
zwei O&ungen (dortigen Amenthes') eingeladen (wie vom Pamphylier be- 
schrieben, für geschiedene Pfade). 

Ein derartiger Heros, der statt nach fernen „Pulo-Buah" (oder insulae for- 
tunae) abkomplimentiert (oder relegiert), noch leibhaftig waltet, in seinem Grab- 
mal auf der Insel Leuka, auch im Tumulus singen gehört wird (zu Saxo's Zeit), 
mag unter Umständen bereit sein, gleich Ajax, in das vordere Glied lokrischer 
Schlachtreihe einzutreten, als Vorkämpfer; mit Kriegsmut der im Wolkengeröll 
zu Hilfe ziehenden Ahnenscharen (bei Bantu sowohl, wie bei Szekler). So steigt, 
zum festlichen Tanze, der Chao oder „Herr" hernieder (bei den Thai), mit Im- 
posanz des aus vornehmer Stellung im Leben nachgelassenen Eindrucks (je nach 
Rangklasse der Chao unter den Hofdmtem), und um Auffindung der hilfskräf- 
tigen Ratgeber zu erleichtem, werden sibirische Schamanen auf heiTorragenden 
Höhen begraben, wogegen der gewöhnliche Durchschnitt der Gemeinseelen ohne 
viel umstände seine Abfertigung findet (nachdem gegen etwaige Auslassungen 
ihrer Neid- oder Rachegefühle Vorsorge getroffen ist). In Ithaka (s. E. Meier) 
„am Rande der Welt hat man den Sitz Oottes lokalisiert" [für Odjsseus, 
(doppelt gefasst in der Stoa) den „Begründer des arkadischen Poseidon-Kults"], 
und solche Seelen-Inselchen Hessen sich dutzendweis auftischen , aus ethnischen 
Archipelen. Mitunter finden sich genaue „sailing-directions", die etwa fßr 
Polybios hätten nutzbar sein können, zur geographischen Fixierung der Lote- 
phagen. Freilich würden in Vorbedingung die tellurischen Segelanweisungen 

^) In fleischlicher Form gingen die Könige Sadhima, Nimi und Maha-Mandhato, 
sowie der Chorister Outtila in den Hinmiel ein, wohin Enoch und Elias leiblich ent- 
rückt wurden, bis auch sie ihren Zoll zu zahlen haben werden, wenn am letzten 
Entficbeidungskampfe erschlagen, im Blute daliegend, zum Verbluten, als ob in den 
Adern (fttr Ichor) Raum zu machen sei, wie durch die uranographische Provinz bedingt 
(in den auf einem Olymp entsprechenden Accomodationsweisen). Auf den Rupaloka 
ändert sich die Körper- Organisation noch durchgreifender, unter Ausfall der Sexual 
Apparate und anderen Transmutationen, und wie sich solche auf trinitarischen 
Schichtungen stellen, ist von eschatologischer Gelehrsamkeit en detail durchspäht (nach 
den Wegweisungen der Scholastik). 



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— 83 — 

besser verstHndlich sein müssen, und damit hapert es noch gar sehr, wenigstens 
bei den Exemplaren, die sich im hiesigen Museum befinden (aus Mikronesien). 

Rheinisches Museum für Philologie. N. F. 50. Bd. 1895 

beschenkt mit einer Abhandlung aus der Hand des allverehrten Lehrmeisters 

(E. Curtius): 

„Es ist ein herkömmlicher Satz unserer Altertumsforschung gewesen, die 
europäische Geschichte beginne in Hellas, indem man darunter das diesseitige 
Festland verstand.; Es wird doch endlich Zeit, der alten Schultradition zu ent- 
sagen. Der Ostrand von Hellas gilt nur als die Schwelle seiner Entwicklung. 
Die Geschichte der Griechen beginnt auf dem Meer" (S. 378), wie die des in- 
dischen Archipel, mit dort (lelegisch) gemischtem Orang-Laut (unter wechselnden 
Namensbezeichnungen beherrschender „Karer"), für Überleitung des Geschichtsgangs 
(in Sejara-Malayu) von Malabar und Cloromandelküste (sowie Guzerats* Halbinsel) 
auf Padang's Hochlande, und weiter zu der Djava (oder Javanen) monumen- 
talen Denkmalen (cf. Indonesien, Heft V, S. 11). 

Aus den Analogien (bei anderen Völkern der Erde) im „Volksglauben" 
(s. Rhode), ergiebt sich, (in anderem Aiiikel desselben Heft's): „dass das reli- 
giöse Leben der Griechen nicht auf dem Isoliei'schemel gestanden hat, auf dem 
es wohlmeinende Schulmeisterei von einer noch nicht ganz vergangenen Zeit fest- 
halten möchte" (1895), und wird es jetzt allerdings allmählich Zeit, nachdem 
die Ethnologie seit 30 Jahren darauf hingewiesen hat (im Fredigen, damals, 
tauben Ohren). Als nocli klein und schwach (in frühester Jugend) nach wohl- 
meinenden Hilfen ausschauend, fand sie nur zürnende Zurückweisung, auf 
mürriÄjhem Tribunal centraler Kritik. Jetzt, wo herangereift ^ fallen ihr 
von allen Seiten die reifen Früchte in den Schoss, da die thatsächlichen Beweise 
offenkundig zu Tage liegen und gegen den Augenschein nicht wohl zu streiten 
ist (wenn der Widei-spruch stillschweigend ad absui*dum geführt sein würde). 
Jedenfalls kann ein fruchtbringendes Zusammenarbeiten nicht willkommener in- 
auguriert werden, als durch die Namen derer, die ein verständnisvolles Literesse 
bereits bezeigt haben (auf den altbegründeten Arbeitsfeldern der Klassizität). 

Tarde. Les Lois de Tlmitation, ^tude sociologique. Paris 1885. 

Die geistreiche Behandlung solches Themas mehrt die Schwierigkeiten, und 
bei Durchlesung des Kapitels „Les similitudes sociales et Timitation" z. B. wird 
sich bald die Überzeugung aufdrängen, dass für Orientierung unter der Masse 
der Spezialfälle, deren jeder seine separate Behandlung zu erfordern hätte, eine 
Aussicht nur dann erö&et sein könnte, nachdem die Elementargedanken ge- 
klärt sind, um auf Unterlage fundamentaler Grundzüge (im Wildzustand) die 
Wachstumsgesetze auszuveifolgen (kulturhistorisch). 

Dass die biologischen Erscheinungsweisen sich einer Forschung zugänglich 
erweisen, folgt (bei der Beschränkung des Denkens auf den Vernunftbereich seiner 
Relationen) aus den Differenzierungen, unter deren Ausprägungen sie der Auf- 
fassung entgegentreten (zur Einleitung proportioneller Vergleichungen). 

Dem Einzeln-Sein liegt in der Abscheidung aus dem Allgemeinen sein 

6* 



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— 84 — 

Todes-Urteil darin ausgesprochen, soweit nicht eine Lebensfähigkeit hergestellt 
isty im Abgleich mit den physikalischen Agentien des Milieu. 

Der zoopolitische Organismus wächst zugleich in seine psychischen ümge- 
bungsverhältnisse hinein, worin sich ihm ebenfalls eine einheitliche Einftlgung 
vorbedingt, wie für primären Stamm, eo ipso (durch seine Existenz überhaupt) 
bereits hergestellt, und auch unter den komplizierteren Bedingnissen des (kulturell 
gezüchteten) Volks zu bewahi*en (zum Besten seines Gesundheitszustandes). 

Indem ein jeglicher Organismus sich in dem Gleichgewicht seiner ürsacbs- 
wirkungoB erhält (im Zusammen mit den ihm mit selbständigem Gestaltungstriebe 
einwohnenden Teilganzen), wird hier gleichfalls eine (in pathologischen Störungen 
markierte) Abtrennung (jedweden eigenwilligen Interessen-Komplexe's) als Mino- 
rität vor der Majorität zu erliegen haben (im Kampf mit dem Ganzen), und 
darauf stützt sich des rOmischen Staatsmannes Gleichnis, das die plebejische 
Secession zur Bückkahr bewog — auf dem [den Moxos (des Antäus) Kraft 
verleihenden] Mutterboden (des Vaterlandes). 

Wenn nun (unter modern erleichterten Verkehrsverhältnissen) die (staat- 
lichen Bestand untergrabende) Gefahr bedroht, dass in dem (bei Masshaltnng 
förderlich anregenden) Streit der Klassen unter einander, Stärkung durch Bflnd- 
nisse aus internationalem Verbände gesucht wird, muss Kräftigung des nationalen 
(zur Kompensation) mit der Stimme des Naturheilprozesses desto lauter verlangt 
werden, je leichter im Getobe der Partei-Leidenschaften überhört, und so macht 
sich auch kleinst schwachen Nationalitäten das Hinstreben merkbar, ihre Isoliert- 
heit vorzuziehen, um wenigstens innerhalb der Grenzen mütterlich eigenen 
Sprachbereichs eine deutliche Aussprache sich zu erhalten (wie vom, und zum 
Verständnis instinktgemäss verlangt). 

Bei dem (friedlichen oder feindlichen) Aufeinandertreffen gesellschaftlich 
verschiedener Faktoren durchklingt — bei (psychischer sowohl, wie physischer) 
Einheitlichkeit des Genus humanum (und also seines jedesmaligen Zoon politikon) — 
die elementar gleichartige Unterlage im imitativen Zusammenfliessen, auf die- 
jenigen Bichtungsweisen hinaus, wohin ein Anstoss gegeben ist durch die 
Initiative dominierender Individualitäten (zufolge irgend welcher Präponderanz), 
und von den idiosynkrasischen Veranlagungen solcher hätte also abzuhängen, ob 
das angenäherte Besultat zum Wohl und Wehe sich zu neigen tendiert 

Die Prognose hat sich deshalb desto günstiger zu stellen, je schärfer die 
Diagnose eingedrungen ist in die Grundthatsachen, welche für das Geschick der 
Menschheitsgeschichte d archschlagend auszuwirken haben. 

Haacke. Die Schöpfung des Menschen und seine Ideale. Jena 1895. 

„Das Gleichgewichtsgesetz beherrscht nicht nur die Organismen, sondern alle 
Naturkörper ohne Unterschied und das psychische Geschehen ist ihm in gleiclier 
Weise unterworfen, wie das körperliche" (S. 157), beim organischen Wachstum 
der Elementargedanken zu den durch das Milieu bedingten Ent&ltungen unter den 
variierenden Differenzierungen der Völkergedanken, auf Grund der induktiv durch- 
forschten Physiologie (Job. Müller^s), den harmonischen Gesetzen des Kosmos gemäss 
(b. A. V. Humboldt), für das Verständnis, von dem die Vorstellungswelt getragen 



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- 85 - 

wird, tun einzudringen in das Centrum (eigner Erkenntnis) zur Bückkehr 
tlg tidv a&roü tmpiixLTtxbv Myov (b. Marc Aur.), bei (selbstiger) Integrierung (aus 
dem Gesellschaftskreis des Zoon politikon). 

Wie Einer ist, so ist sein Gott (in Göthe's Dichterwort), im Anthropomorphismus 
(Feuerbach*s). „Every man is the maker of bis own Kosmos" (s. Naden), aus 
Schopenhauer's Willenskraft (zur Schöpfung der Vorstellungswelt). 

In toltekischer Eosmogonie stammen die menschheitsähnlichen Affenbrüder 
Yon verwilderten Menschen, die bei der Wind-Katasti^ophe (der Sturm-Tonatiuh) 
in die Wälder geweht wurden, uro dort zu descendieren, während die Weisheits- 
kundigen der Jakun eine Ascendenz lehren (im Anschluss an die „surroundings"), 
indem die aus den Höhen niedergestiegenen Bergaffen sich zu Wildmenschen 
veredeln in den Niederungen fruchtbarer *) Thäler, wo ihnen der an*s untere Ende 
der Wirbelsäule gerückte Zop&chwanz verloren ging, der (durch Muramura seiner 
australisch gefingerten Eidechse) den Tasmaniem abgeschnitten ist (und zwar 
zu ihrem Bedauern, wie berichtet wird). 

Prima Tibetanorum genitrix nuncupatur Pra-srin-mo [als Mutter (und 
Gattin), des Affenpatriarchen]. Protoparentes suos, abs quibus propagati sunt, 
crednnt Tibetani fuisse Simium Prasrinpo et Simiam Frasrinmo, quod hodieque 
Simii sunt et vultis cercopithecorum similes (s. Georgi). Die (engelischen) 
Abhassai-a der Himmelswelten verlieren auf Djambudwipa ihre (platonischen) 
Fittige (zu ordinären Menschen degradiert). 

Golther. Handbuch der Germanischen Mythologie. Leipzig 1895. 

„Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott, wie einem Geopferten zum 
Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum heiligen 
Symbole der Welt erhoben wird, streitet bestimmt gegen die Vorstellung von 
heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie man sie bei heidnischen Völkern 
anzutreffen gewohnt ist^ (S. 528), betrefiEs Yggdrasil, dX& Pferd (Drasill) des 
„Fürchterlichen** (Yggr oder Odhin); ein „Kreuzesbaum", hervorgegangen aus einer 
Verschmelzung des Kreuzes^ mit dem paradiesischen Baum des Lebens und dem 
der Erkenntnis, dem besten aller Bäume, (im Anschluss an Bugge). 



*) Dieser ethnische Elementargedanke, in positiver Begründung (cf. „Zur Lehre 
von den Geographischen Provinzen", 1886), ist neuerdings (nach M. Wagner's Vorgang) 
durch Josef Mttller verwertet, fQr die durch Klima -Änderungen an die Nordabhänge 
der südeuropäischen Gebirge gedrängten Affen, obwohl, um närrische Äffungen zu ver- 
meiden, besser der Gesichtspunkt zunächst auf den Menschen beschränkt bleiben 
durfte; in dem Milieu seiner geographischen Provinz, (umerhalb des Gewebes geogra- 
phischer Gesichtsbahnen). 

*) Durch das Kreuz (b. Paulus) wird gelehrt, ^was Tiefe und Höhe, Breite und 
Länge ist** (s. Gregor Nyass.), cmx magnum in se mysterium continet (b. Alcuin). 
Ipsa crux magnum in se mysterium continet, ciy'us positio talis est, ut superior 
pars coelos petat, inferior terrae inhaereat, fixa infemorum ima contingat, latitudo 
autem ejus partes mundi appetat (s. Otfried), als «edelboum (s. Grimm) im Lied des 
Wartburgkriegs (sin tolde rüert an den tron, da der sueze got bescheide vriunde 
Ion, sint este breit hant al die wcrlt bevangen). Dar nach strecket der Herr di arme 
sere von inn^, daz bezeichnet, daz unser Herr gedent wert an daz beilege cruce 



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- 86 - 

Auf drei Wurzeln "gefestigt, bildet der (von Sakawala's Felsringen eines Uni- 
versums umgebene) Mern den centralen Träger erster Devaloka (auf seiner 
Scheitelfläche), oberhalb welcher sich die übrigen ätherisieren (bis zu Okasaloka). 

Aus der (durch Tiere und Vögel auf den Verzweigungen belebten) Esche 
Yggdrasil, als Myotvidr, zum „rechten Mass" (s. Bugge), wächst das (in seiner 
«Breite" enthaltene) Weltall selber empor, von den drei Wurzeln her (bei Äsen, 
Hrimthursen und Hei). 

Aus Tajxvto<n<: xai fiavünnq (b. Anaximenes) oder aus Hitze und Kälte 
(mit dem Dämon dazwischen), — warm und kalt, als natürliche Gegensätze (bei 
Bruno) — entstand die Welt, wie aus Niflheim's und Muspellheim's Durch- 
dringung (in der Edda), während Ormuzd*s und Ahriman's *) Reiche bei der Be- 



als ser (s. Bechtolt). Des Kreuzes Spitze zeigt hinauf in den Himmel (b. Otfried). 
Auf Atheners heiligem Ölbaum (von einer Schlange umkreiset) sitzt ein Adler 
(s. Nonnos). Der Escbenbaum (b. Plinius) tötet Schlangen (in Passau, wie) am Ohio 
(s. Friedreich). Aesculus in primis, qnae, quantum vortice ad auras aetherias, tantum 
radice in tartara tendit (s. Virgil). Das dritte Menschengeschlecht (im Kupferalter) 
wurde von Zeus aus Eschen {ix fiehäv) geschaffen (s. Hesiod), das erste Menschen- 
geschlecht aus Eschenbäumen (b. Palaephatus). Kinder werden aus dem „hohlen Baume" 
geholt (in Ostfriesland), aus einer Linde (in Hessen). Aus Heimat der Monschenseelen 
(Autoia) kommt die Geburt in der Terrasse des Vai-ora (Lebenswasser) zur Incamation 
(aufErdenV Nicht soll fallen in der Schlacht, Über wen Odhin W asser ausgiesst (im Ljodhatal). 
El verdadero bautismo (der Caingua) es el de agujerear el labio inferior k las criaturas 
del sexo masculino (s. Ambrosetti). Damit fremdländische Wasser nicht schaden, ist 
Etwas von der Heimatserde darin zu lösen (b. Ali Abbas). Die Neugeborenen wurden 
(auf Island) mit Wasser begossen (ausa vatni), getauft (wie bei Maori). Im Brunnen 
neben der „arbor maxima" (an Upsala's Tempel) wurde ein Mensch ertränkt zum 
Opfer (s. Lindenberg). Irminsul (s. Ruodolf F.) universalis colunma, quasi sustinens 
omnia (als „idolum Saxonum"), von Karl M. zerstört (s. Einhart). Askr wächst (mit 
Embla) aus der Esche, während Aschanes (Ascanius) aus dem Harzfels hervorspriesst 
oder -springt (als Sahsnot) bei Asciburg (der Iscaevonen) (cf. Z. L. v. M. TL S. 131). 
*) Aus des (durch Ahriman) getöteten ürstier's (Abudad) rechter Vorderhüfte ent- 
stand K^jomorts, dessen Samen (als durch den Dew Astudschad getötet) die Erde 
befruchtete, und aus seiner Reinigung das Menschenpaar hervorwachsen Hess (in Meschia 
und Meschiane). Als Abudad (von Oruiuzd geschaffen) durch Ahriman getötet war, ent- 
sprang aus rechtem Vorderteil der erste Mensch, aus dem linken der Grundbegriff aller 
Tiere (Kajomorts und Gosh), aus den übrigen Teilen jede Pflanzung (die Ähren spriessend 
am Schwanz). Nachdem aus Feuer und Eis Ymir gebildet (aus linker Hand Mann und 
Frau, sowie mit dem Fusse sechshäuptigen Sohn zeugend) entstand (bei forttropfendem 
Eis) die (durch die Milchströme des Euters ernährende) Kuh Audhumbla, aus 
Salzgestein Buri hervorleckend, Vater Börrs, durch dessen (mit der Riesin Bestla) 
gezeugten Söhnen (Odhin, Vili und Ve) Ymir getötet wurde (für die Schöpfung). Die 
jungfrische Erde erhält aus Milchströmen (s. Lucrez) die pflanzliche Schöpfung, wie 
aus den Tiefen hervorgetreten, während sie im Preisen brahmanischer Gayatri's durch 
Savitar's Strahlen hervorgezogen wird, emporlockend zur Sonne [wie der (hawaische) 
Zenithdurchbrecher dortige Lailai]. Wie aus Schweissdrüsen (der australischenUrsäuger) 
sind die Milchdrüsen der übrigen Säugetiere aus Talgdrüsen entstanden (durch „Be- 
leckung"), als es zu der bei Reptilien und Fischen (nach Art der Couvade) von 
Männchen besorgten Bebrütung (oder Aufbeutolung) gekommen, unter isekretion von 
Milch, und so war das Säugetier vollendet (s. Haacke), auch am Finger saugend (wie 
yishnu auf der Lotos), 



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rtthroDg in feindlichen Gegensatz traten, als aus Zeruane-akarene's ewigem Zeitflnss 
in temporärer Peiioclizität geregelt (bei den Parsi). 

Aus altdurchwaltenden Geschicken *), worüber sich, mit (der Moira) Nomen 
(nombi, verknüpfen), die Äsen (in der Themis* jüngeren Töchter, bei Olympiern) ab- 
zufinden haben, wächst (am Urdharbrunnr) der (aus Hvergelmir materialisierte) 
Weltenbaum (zur Ausverfeinerung durch demiurgische Weisheit, aus Mimisbrunnr 
geschöpft), vom Gewurzel her (durch Nidhöggr benagt), wenn (in Nostorf) der 
weisse Reiter dem schwarzen Gegner nicht mehr zu widerstehen vermag, 
um den Aufwuchs zu hindern, der dann indes (wenn vollgereift) den Halt- 
pfosten abgiebt, für das Pferd des (im Parakleten) siegreichen Königs (als Sosiosh). 

Wie Hvergelmir (aus Hei) sprudelt unter der nach den Hrimthursar 
(Ymir*s) schlagenden Wurzel YggdrasiFs, der Mimisbrunnr (an Mimir's heiligem 
Baum, als Mimameidr) und an der himmlischen ein Drdhabiunnr mit dem Saal 
der Nomen für „griramar urdhir" (dira fata). Aus Mimisbrunnr (des Schmiedes 
Mirair, des Lehrers Velint's) tiinkt Odhin Weisheit des (von den Vanen) 
abgeschlagenen Hauptes (und die Kopfschneller des Ural versicherten sich des 
Hauptes durchreisenderWeisen und Gelehrten, auf islamitische Missionsreisen). Velint 
(Wieland) verfertigt die Völundar oder Labyrinthe (eines Daedalus*), in Kunst- 
fertigkeit (Wäinämöinen's). 

In Gimle oder „Edelsteinheim" (von gimstein oder gemma) wohnen die Becht- 
schaffnen in Freuden (in der Voluspa). „Mundus ist zu müd geworden" (s. 
Bngge) und Mütspelli zar Zerstörung, etwa, für Wiedererstehn [aus (morastigem) 
mud]. Im Topf einer „olla Vulcani" (der Höllenküche) werden die Verdammten 
gebraten und von den Teufeln gefressen (s. Mone), wie von Miru (an ihrem Ofen). 
„Judas sol ein schwartzer vogel und etwas tiinnen vor im büsen han, den sol 
im Belczebug uff risten, daz es ussher vall, denn farent sy beyd zu der hell 
und louft Fäderwischer under dem seil zur hell" (XV. Jahrb.), im Passions-Spiel 
(zu Donaueschingen). Hier haben sich aus dispamt verschiedenen Kulturkreisen 
entnommene Denk-Embryone zu kompliziert verworrenen Darstell ungsbildem zu- 
sammengeschweisst, die sich in primHren Zuständen einfacher Überblicken lassen 
(aus ethnischem Material). 

Puini. Idee cosmologiche della Cina antica, Rivista Geografica Ita- 
liana (II, I). Roma 1895. 
„Dice un autore cinese, il Suraeru 6 la Terra, i continenti abitati non di- 
vennero altro che sue dipendenze" (S. 13), zur Auseinandersetzung mit dem Kailasa 
am Himavat, als terrestrischer Centralberg (neben dem Kosmischen) ; cf. Z. f. E. 
(Vrhdlg. d. A. G.) 1894, S. 203 u. flg. 



') Tria fata fingimtor in coelo, in fuso digitisqae fila ex lana torquentibos (s. Isidor) 
und so (am Himmelssitz) mit den Äsen (der Edda) in Beziehung tretend, wie beim 
gemeinsamen Richten (am Urdharbrannen), zum „Urdhar ord"* des Wurdhgiscapu (neben 
Reganoniscapu). Auf den Knieen der drei fwipat (unter der *Avd/xi^) ruht (b. Plato) 
die Spindel {ärpaxro<:), Tangoloa begründet die Ratssitzung (enm Spruch einer ßouXii) 
im neunten Himmel (cf. S. 8., S. 33). 



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Fonrnereaa. Le Slam ancien. Paris 1895. (Annales du Mus^e Gniniet 
T. 27.) 

Eine wertvollste Bereicherung für die alte Kulturgeschichte Hinterindiens, 
die in ihren raonumentalen Denkmälern, gleich Kambodia's Angkhor-Vat und 
Birma's Pagan, auch in Siam vielerlei Spuren zurückgelassen hat, in Statuen 
und Inschriften, die sich in ihren Original-Texten mitgeteilt finden, unter bei- 
gefügter Ül>er8etzung (und sonstig reichhaltigen Illustrationen). 

Fischer, K. A. Die Hunnen im schweizerischen Eifichthal. Zürich 
1896. 
Die Sprache zeigt die den Bergländem übliche Zersplitterung und so zählt 
man in Wallis über zwölf Hauptdialekte; die feineren Nuancierungen derselben 
aber betragen jedenfalls ein halbes Hundert, „da beinahe jede grössere Gemeinde, 
jeder abgeschlossene Winkel seine eigene Mundart hat" (S. 156), mit „Über- 
bleibseln aus dem Hunnischen" (S. 165—171). 

Als „Abrögö du Bulletin de la Societe Hongroise de Geo- 
graphie" (Budapest 1893) 
ist zu dem ungarischen Bericht über Janko's (Torda mayar etc. betiteltes) Werk 
eine deutsche Übersetzung mitgeteilt, die (Szekler) „Bevölkerung von Torda, 
Aranyonzek und Tovizko" (seitens der Ungarischen Geographischen Gesellschaft). 
In Fortsetzung der Mitteilungen über Gebräuche bei Hochzeiten (S. 175) und 
Begräbnis (S. 85), haben folkloristische zu folgen (aus den nachfolgenden Kapitebi). 

Von Dr. Ploss: Das Weib, einem Werk, das seit seiner rasch folgenden 
(jetzt vierten) Ausgabe dem gegenwärtigen Herausgeber (Sanitätsrat Dr. Bartels) 
als geistiges Eigentum gehört, ist das Schlussheffc (17) erschienen (Leipzig 1895). 

Es hiesse Eulen nach Athen tragen, ein weiteres Wort der Empfehlung zu- 
zufügen, bei einer allbekannten Mustemrbeit, die von vornherein in voll ethno- 
logischem Geiste angelegt, demgemäss mit dessen ununterbrochen stetiger Ent- 
wickelung fortschreitend, sich von Auflage zu Auflage erweiteit hat (aus, und 
in Mehrung wertvollen Materials). 

Beneke. Fragebogen über die rechtlichen und wirtschaftlichen 
Verhältnisse der Natur- und Halbkulturvölker. Berlin 1890. 

Die durch die Zeitverhältnisse, aus erleichtertem und rascherem Verkehr, 
gebotene Möglichkeit der Fragebogen hat sich, wenn richtig verwendet, reichlich 
belohnt, in den der Volkskunde durch Mannhardt z. ß. geliefei-ten Schätzen 
(1850—77) oder für die Völkerkunde u. A. mit den von Gurr (1849) veröffent- 
lichten Beantwortungen der an langjährig geschulte Beamte oder im Verkehr mit 
den Eingeborenen ergraute „Squatters" (Australien's) gerichteten Anfragen, wie 
zur Zeit der „East-India-Company" ihre in Indien eingelebten Diener die Bände 
des „Asiatic Journal of Calcutta" mit wertvollen Belehrungen gefüllt haben. 



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Sollte indes in den Sinn kommen, Jeden der frisch, froh, frei Hinaus- 
ziehenden (und oft bald schon in Anreola des „berühmten Afrika-Beisenden" 
Heimkehrenden) mit Fragebogen auszustatten, so wird es der Ethnologie ratsam 
sein, ihre Siebensachen, die soweit zusammengekommen sind, schleunigst einzu- 
packen und hermetisch zu vei-schliessen, damit nicht Zersetzungsstoflfe hinein- 
gelangen, die Alles schliesslich in Frage stellen würden (durch leitende Fragen 
und Fragebogen). 

Füi* verwendbare Beobachtung auf ethnologischen Beisen bedai-f es vorheri- 
ger Kenntnis der Elementargedanken in ihren organischen Wachstumsprocessen. 
Überall treffen sich rechtlich die gleichen Institutionen aus den Sachbedingungen 
sozialer Ejci&tenz, aber der Gedankengang, auf dem sie erlangt sind (und erst 
vei-standlich werden) ist ein anderer, je nach der ethnischen Eigentümlichkeit 
verschieden (unter historisch-geographischen Bedingungen). 

Da jedes Ding im Sein seiner Existenz (oder im „Gewordensein") aus dem 
„Werden" ei-st sich versteht, muss auch hiei- die psychologische Entwicklung aus- 
verfolgt werden, unter soweitig vorläufigem Absehen von der einheimisch ver- 
trauten, ehe dieselbe zu kritischer Kontrolle wieder herbeigezogen werden darf. 

Die obigen Fragebogen sind mit anerkennenswertem Arbeitsfleiss zusammen- 
gestellt, und von der Hand des Herausgebers, der sich den kolonialen Verwaltungs- 
verhältnissen eingehend in früheren Veröffentlichungen bereits zugewandt hat, 
auch in der vorliegenden demgemüss hergerichtet, so dass sich den schätzbaren 
Belegstücken, die der Völkerkunde aus ihrem in die vergleichende Rechts- 
kunde verlaufenden Zweig